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Das Hochmittelalter – eine vernachlässigte Epoche?

Neue Forschungen zum 11.–13. Jahrhundert

von Lisa Klocke (Band-Herausgeber:in) Matthias Weber M.A. (Band-Herausgeber:in)
Sammelband 344 Seiten
Reihe: Studien zur Vormoderne, Band 2

Zusammenfassung

Mit dem Begriff «Hochmittelalter» verbindet sich ein Zeitraum etwa vom 11. bis 13. Jahrhundert. Lange als Blütezeit des deutschen Mittelalters aufgefasst, schien diese Epoche in den vergangenen Jahren zunehmend aus dem Blickfeld der Forschung gerückt zu sein. Dabei handelt es sich jedoch um eine Annahme, die nach zwei Bochumer Nachwuchstagungen aus den Jahren 2016 und 2017 zurückgewiesen werden kann. Deren Beiträge konnten nun im Rahmen dieses Bandes zusammengeführt werden. Es eröffnet sich ein breites Spektrum unterschiedlicher Methoden, Perspektiven und Herangehensweisen für einen neuen Blick auf eine bekannte Teilepoche.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Title Page
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Einleitung
  • Gerhard Lubich: Hochmittelalter. Über einen schwierigen Ordnungsbegriff
  • Lisa Klocke: Rex ab uxore sua separatus fuerat – Die Scheidungen Lothars II. und Friedrich Barbarossas im Vergleich
  • Markus Keller: Die Grafen von Hallermund und die ‚römische Katastrophe‘ im Jahre 1167. Genealogische Überlegungen zu einer niedersächsischen Grafenfamilie
  • Sandra Venzke: Kommunikation und Interaktion nach dem Krieg – Städte als ‚neue‘ Akteure des politischen Lebens
  • Lukas-Daniel Barwitzki: Empfehlungsschreiben im Briefbuch des Abtes Wibald von Stablo und Corvey
  • Marian Weiß: „Goliardendichtung“: Plädoyer für die Nutzung eines schlechten Begriffs
  • Sabrina Blank: Papsttum und Kurie im Zusammen- sowie Gegenspiel mit der weltlichen Gewalt
  • Stephan Pongratz: Legitimation durch Geschichte – Präfigurierte Krisen in Kardinal Bosos „Vita Alexandri“
  • Wendan Li: Kontinuitäten und Umbrüche der Papstgeschichtsschreibung im 12. und 13. Jahrhundert
  • Martin Schürrer: Adolf II. von Schauenburg. Ein Graf und seine Handlungsspielräume in Nordelbien zwischen 1130–1164
  • Nedim Rabić: Bosnien – zwischen Ost und West. Die Entwicklung eines Staates in Ostmitteleuropa 1050–1250
  • Dirk Jäckel: Ein Sodomie-Prozess im „hochmittelalterlichen“ Kairo: Geschichte einer Männer-Steinigung

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Einleitung

Im Sommer 2016 fand mit der Nachwuchstagung unter dem bewusst provokant gewählten Titel „Das Hochmittelalter – Forschen zu einer vernachlässigten Epoche“, organisiert von Cathrin Junker und Matthias Weber, der Auftakt zu hochmittelalterlichen Nachwuchstagungen in Bochum statt. Dieser folgte im Sommer 2017 die Nachwuchstagung „Hochmittelalter – Kontinuitäten und Umbrüche“, organisiert von Markus Keller und Lisa Klocke.

Ursprungsgedanke der Tagungen war eine Annäherung sowie eine Sondierung aktueller Forschungsprojekte zu einem Zeitraum, der innerhalb der deutschen Wissenschaft gemeinhin mit dem Begriff des ‚Hochmittelalters‘ umschrieben wird, ohne dass damit jedoch eine klar und eng eingefasste Teilepoche fassbar wäre. Die Mediävistik der vergangenen Jahre tendierte allerdings vordergründig dazu, sich den Epochensäumen zuzuwenden, die Übergangszeiten Spätantike-Frühmittelalter oder Spätmittelalter-Frühe Neuzeit in den Blick zu nehmen. Den dazwischen liegenden Jahrhunderten schien jedoch deutlich weniger Interesse entgegengebracht worden zu sein, ganz als hätten sie für die aktuelle Forschung an Attraktivität verloren – diese Wahrnehmung zu überprüfen, sollten die in Bochum veranstalteten Tagungen dienen. Dass die mit dem Begriff Hochmittelalter umschriebene Epoche innerhalb der Forschung weiterhin gleichermaßen Aktualität besitzt und von Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftlern unter neuen Blickwinkeln betrachtet wird, zeigen die in diesem Band versammelten Ergebnisse der beiden Tagungen, die nun einem breiteren Publikum zugängig gemacht werden können.

Gleich einem Prolog bilden die Überlegungen von Gerhard Lubich zum Begriff des Hochmittelalters sowie seiner Aktualität und Anwendbarkeit innerhalb der Geschichtswissenschaft, den Ausgangspunkt des vorliegenden Bandes.

Lisa Klocke vergleicht in ihrer Studie die Scheidungen des Karolingerkönigs Lothar II. vor der Frage, ob es eine ‚Scheidungspolitik‘ im Mittelalter gab, mit der Scheidung Friedrich Barbarossas. Dabei zeigt sich bei diesen beiden Fällen, dass Scheidungen nicht nur, ebenso wie Eheschließungen, politisch motivierten Überlegungen unterlagen, sondern auch als politische Mittel genutzt wurden. Markus Keller folgt mit einem Beitrag zu verwandtschaftlichen Strukturen der niedersächsischen Grafenfamilie der Hallermunder, welche nach der ‚Katastrophe vor Rom‘ im Jahr 1167 in agnatischer Linie ausstarb. Sandra Venzke untersucht anhand von Kommunikation und Interaktion im Rahmen von ←7 | 8→Konfliktsituationen die Bedeutung der aufstrebenden Städte anhand der Beispiele Worms und Köln.

Auch der darauffolgende Beitrag kreist um Kommunikationsstrategien, nun im Rahmen des päpstlichen Legatenwesens: Lukas-Daniel Barwitzki thematisiert in seinem Beitrag die Empfehlungsschreiben für Gesandte und kann konstatieren, dass diese im Hochmittelalter zusätzliche politische Funktionen erhielten und die Kommunikation durch diese zu einer Kommunikation unter Anwesenden wurde. Marian Weiss schließlich hält ein Plädoyer für den Gebrauch des ‚schlechten‘ Begriffs der Goliarendichtung und zeigt Möglichkeiten einer genaueren Differenzierung des Begriffs auf.

Einen allgemeinen Überblick über rund 100 Jahre päpstlicher Geschichte bietet der Aufsatz von Sabrina Blank. Sie zeichnet die Entwicklung des Papsttums und der römischen Kurie im 11. und 12. Jahrhundert anhand der Aushandlungen der Macht zwischen der cathedra Petri und dem Kaisertum nach. Stephan Pongratz zeigt anhand der Alexandervita des Kardinals Boso, dass dieser die Vita nutzte, um die Geschehnisse des alexandrinischen Schismas durch ein konstruiertes Geschichtsbild zu legitimieren. Wendan Li wendet sich ebenfalls der Papstgeschichtsschreibung, speziell des 12. und 13. Jahrhunderts, zu und macht den Einfluss der gestiegenen Verwaltungstätigkeiten der römischen Kurie auf die Papstviten kenntlich.

Die drei letzten Beiträge führen an die Grenzen des europäischen Reiches beziehungsweise darüber hinaus. Einen Blick auf den Norden richtete Martin Schürrer in seiner Abhandlung zur Etablierung des Schauenburger Grafen Adolf II. in Nordelbien anhand der Ausgestaltung seiner unterschiedlichen Handlungsspielräume. Gen Südosten wendet sich der Beitrag von Nedim Rabić, der sich der Geschichte Ostmitteleuropas und vor allem Bosniens widmet, und dabei kritisch den Begriff „Ostmitteleuropa“ und die Bezeichnung des „Hochmittelalters“ auf diesen geographischen Raum einer Prüfung unterzieht. Ganz Richtung Süden, in das Ägypten des 13. Jahrhunderts, führen die Ausführungen Dirk Jäckels, der den Rechtsfall der Steinigung eines der Sodomie angeklagten Kopten an die islamische Rechtsprechung der damaligen Zeit rückbindet.

Die innerhalb der Forschung immer wieder aufkommende Frage, in welchem geographischen Raum ein ‚Hochmittelalter‘ zu finden ist, wollen und können die Herausgeber an dieser Stelle nicht entscheiden. Aus diesem Grund wurde sich auf dem Umschlagbild für eine hochmittelalterliche Europakarte, welche dem um 1121 entstandenen Liber Floridus des Lambert von St. Omer entnommen ist, entschieden. Es bleibt dem Leser nach Lektüre des Sammelbandes über diese Frage zu entscheiden.

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Die Herausgeber danken allen Referentinnen und Referenten, die Ihre Vorträge eingereicht, mit den notwendigen Nachweisen versehen und sogar teilweise erheblich erweitert haben. Ohne ihren Einsatz wäre der nun vorliegende Sammelband niemals zustande gekommen.

Besonderer Dank ist ebenfalls Gerhard Lubich sowie Dirk Jäckel auszusprechen, welche sich bereit erklärten, die Ergebnisse junger Nachwuchswissenschaftler durch Ihre Überlegungen zu erweitern und einzurahmen. Ein weiterer Dank gebührt erneut Gerhard Lubich, der es nicht nur auf sich nahm, die wissenschaftliche Leitung beider Nachwuchstagungen zu übernehmen, sondern zudem die Aufnahme des Sammelbandes in die Bochumer Reihe „Studien zur Vormoderne“ ermöglichte.

Zum Schluss möchten die Herausgeber der Research School der Ruhr-Universität Bochum danken, ohne deren finanzielle Unterstützung weder die Tagungen hätten stattfinden noch der Sammelband das Licht der Welt hätte erblicken können.

Schließlich hoffen die Herausgeber, neue, ganz unterschiedliche Perspektiven auf das Hochmittelalter vorlegen zu können. Zumindest eines kann jedoch klar konstatiert werden: Auch wenn es innerhalb der Forschungen zum Hochmittelalter sowohl zu Umbrüchen als auch zu Kontinuitäten kam, ist das Hochmittelalter eines nicht – eine vernachlässigte Epoche.

Bochum, im Juni 2019
Lisa Klocke
Matthias Weber

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Gerhard Lubich

Hochmittelalter. Über einen schwierigen
Ordnungsbegriff

Vorbemerkung: Die folgenden Überlegungen stellen nicht den Anspruch, eine erschöpfende wissenschaftliche Abhandlung über ein Paradigma der Geschichtswissenschaft zu liefern. Zu Papier gebracht wurden lediglich persönliche Gedanken und punktuelle Wahrnehmungen, die aus meiner Arbeit mit der Materie sowie im Wissenschafts- und Lehrbetrieb resultieren. Der subjektive Charakter der Darstellung ergibt sich daraus ebenso wie die Unvollständigkeit der angeführten Beispiele.

Geschichte hat Geschichte: Es gab eine Zeit in Deutschland, die dachte einen bestimmten Teil ihrer eigenen Vergangenheit als eine Epoche, in der alle Probleme ihrer eigenen Gegenwart vorgeprägt erschienen, zugleich aber beinahe mustergültig gelöst wurden – das 19. Jahrhundert schaute so ganz besonders auf die Jahre zwischen der Mitte des 11. und dem Ende des 13. Jahrhunderts. In dieser fernen Zeit schien ihnen das Reich der Deutschen eine machtvolle politische Einheit dargestellt zu haben, deren Bedeutung und Einheit jedoch von den Partikularinteressen der Fürsten und dem Machtanspruch der Kirche bedroht waren; heroisch, so meinten die Nachzeitigen, hätten sich die mittelalterlichen Kaiser diesen Tendenzen entgegengestellt, aber auch edel gesinnte und loyale Ritter hätten zum Ruhm des Vaterlandes ein Gegengewicht zu kirchlich-päpstlichen oder eigennützig-fürstlichen Bestrebungen gebildet. Erreicht worden sei durch diese kollektiven Anstrengungen eine übergreifende Gemeinschaft, geeint in einer Gesellschaft mit klarer Rollenverteilung, befestigt durch einen einheitlichen Glauben, gipfelnd im Reich. Dem heutigen Betrachter ist schnell verständlich, welche Projektionen dieser Sicht zugrunde liegen: Eine verunsicherte Zeit, deren nationale Einung schwierig war, deren Gesellschaft sich dramatisch wandelte und deren letzte Gewissheiten – nicht zuletzt die Religion durch die fragliche Rolle der Kirchen – ins Schwanken geraten waren, entwarf sich ein Ideal. Dass diese Vorstellungen nicht notwendig den tatsächlichen Gegebenheiten der betrachteten Epoche entsprachen, liegt zum einen selbstverständlich im Wesen des Ideals als solchem begründet; zum anderen ging es bei diesem populären Bild auch nicht um kritische Wissenschaft, sondern um die Popularisierung eines Gegenentwurfes zur Gegenwart. Das Mittelalter war ein Politikum, insbesondere sein hochmittelalterlicher Abschnitt, und es war zugleich eine Inspiration ←11 | 12→für populäre Darstellungen, von der Historienmalerei und „Zigarettenbildchen“ über die Literatur bis hin zur Musik.

Diese popularisierende Inanspruchnahme des Mittelalters geschah keineswegs zum Schaden der Geschichtswissenschaft. Wesentliche Grundlagen, auf denen die Disziplin noch heute ruht, wurden in diesem national-historistischen (und damit: zweckgebundenen, freie Wissenschaft bedrohenden) Geist konzipiert, geschaffen und finanziert. Quellenunternehmen wie die Monumenta Germaniae Historica etwa oder die Regesta Imperii verdanken ihren Bestand zu einem gewissen Teil dieser Mittelalterbegeisterung, ebenso wie Publikationsreihen und Zeitschriften, aber auch: Universitäre Lehrstühle. Immerhin hatte das Bildungskonzept Wilhelms von Humboldt, das zwar nie vollständig umgesetzt, jedoch zur Leitlinie preußischer Schul- und Bildungspolitik wurde, der Geschichte selbst keinen Platz eingeräumt. Doch schien dem Denken der Zeit die Bedeutung und Orientierungsfunktion von Geschichte geradezu natürlich (oder zumindest typisch für den Menschen); das Zeitalter des „Historismus“ begünstigte bis ins Alltägliche hinein eine Denkform der permanenten historischen Rückbindung. Und man kannte, als Bürger Teil einer historisch gewordenen Nation, selbstverständlich seine Geschichte – wie anders lässt sich erklären, dass Bismarcks Canossa-Dictum im Reichstag zunächst überhaupt verstanden und dann zu einem geflügelten Wort werden konnte? Kann man sich ein mittelalterliches Ereignis vorstellen, das heute im Bundestag mit ähnlicher Wirkung zitiert würde? Was außer vollständigem Unverständnis und tiefem Befremden riefen denn heute Äußerungen hervor wie: „Europa darf kein zweites 888 erleiden“, oder: „Für eine grundlegende Steuerreform bräuchte unser Staat ein Roncaglia“?

Auch wenn der Begriff „Hochmittelalter“ zunächst fehlt, so war im bürgerlichen Bewusstsein der Zeitraum zwischen dem 11. und 13. Jahrhundert doch als eine herausragende mittelalterliche Epoche präsent, zumindest nach Ausweis der für diesen Essay jedoch nur kursorisch gesichteten Quellengattungen der Lexika und der Schulbücher. Das Brockhaus Bilder-Conversations-Lexikon des Jahres 1839 (S. 158f.) etwa gliederte das Mittelalter in vier Perioden: Eine erste Phase bis zum Tod Karls des Großen, eine zweite bis zum Einsetzen des Kaiser-Papst-Konflikts, dann bis zum Herrschaftsantritt Rudolfs von Habsburg und schließlich bis zum Übergang in die Neuzeit, und ganz ähnlich hielt es Herders Conversations-Lexikon von 1856 (S. 204). Doch war diese Sicht keineswegs kanonisiert, denn andere Werke setzten andere Zäsuren: Pierer’s Universal-Lexikon (Altenburg 1860, S. 328f.) hielt eine Scheidung in drei Perioden für „am zweckmäßigsten“, einsetzend zunächst mit einem Abschnitt (mit deutlicher Fixierung auf Kerndaten) in den Jahren 476–843, gefolgt von einer zweiten, bis ←12 | 13→zum Ende des 13. Jahrhunderts reichenden Ära. Der Historiker Hans Prutz, dessen Facharbeiten oftmals die Stauferzeit, Kreuzzüge und Ritterorden behandelten, betrachtete in seinem mit Hermann Schiller verfassten „Leitfaden für den geschichtlichen Unterricht in den oberen Klassen höherer Lehranstalten“ die Zeit bis 888 allein als eine „Übergangsphase“ und datierte „das eigentliche Mittelalter“ in die Jahre zwischen 900–1480, wobei er wiederum um 1280 eine Teilung ansetzte.

Gemeinsam ist all diesen Ansätzen, dass mit dem Ende der linear dynastischen Königsherrschaft im deutschen Reich mit dem Interregnum bzw. dessen Überwindung eine Zäsur angenommen wurde; der Beginn der vorangehenden Teilepoche(n) variierte vom (einsetzenden) Ende des Karolingerreiches bis in das 11. Jahrhundert. Das Adjektiv „hochmittelalterlich“ legte man der Teilepoche offenbar nicht zu. Es findet sich erstmals im Jahre 1916 in einem Schulbuch, ohne dass damit eine Epochengliederung definiert würde. Doch machte sich in dieser Zeit eine Wertschätzung der im Grunde für die Mitte des Mittelalters postulierten Epoche auch andernorts bemerkbar; so formuliert Meyers Großes Konversations-Lexikon von 1908 (S. 915f.) in aller Deutlichkeit: „Ihren Höhepunkt erreicht die mittelalterliche Kultur im 12. und 13. Jahrhundert.“ Die Fachwissenschaft nahm, betrachtet man die in den Titeln von Arbeiten erscheinenden Datierungshinweise, eine solche Benennung nur zögerlich auf. Erste Verwendungen datieren aus den 1920er Jahren, doch scheint erst nach dem Zweiten Weltkrieg der Begriff so weit eingeführt zu sein, dass er als eindeutige Etikettierung taugt. Man möchte annehmen, dass dies mit einem etwas strukturelleren, weniger personalisierten Zugriff auf Geschichte zu tun haben dürfte – ob Karl Hampe seine „Kaisergeschichte in der Zeit der Salier und Staufer“ vielleicht „Kaisergeschichte des Hochmittelalters“ genannt hätte, wenn er sie ein halbes Jahrhundert später abgefasst hätte?

Doch zurück zum ersten Auftauchen des „Hochmittelalters“ an der Jahrhundertwende. Das Postulat einer Zentralepoche in Verbindung mit einem „Höhepunkt“ der Kultur führt zu Kernproblemen des Begriffs. Zum einen ist der hier herausgegriffene Zeitraum fast ausschließlich aus der deutschen Geschichte geschöpft, was seine Brauchbarkeit als Gliederungselement für das Mittelalter in seiner gesamten Ausdehnung – womit ja wiederum nur eine europäische Untergliederung der Weltgeschichte erfasst wird – einschränkt. Dementsprechend dürfte auch die Wertung als „Höhepunkt“ europaweit nicht mehrheitsfähig sein, und sie verweist auf ein zweites sehr spezifisch deutsches Problem, das mit dem unscheinbaren Attribut „hoch“ für das „Hochmittelalter“ zusammenhängt. Es wäre naiv zu meinen, dass mit dieser Benennung allein ein zeitlicher Verlauf angesprochen würde, vergleichbar etwa dem Früh-, Hoch- oder Spätsommer. ←13 | 14→„Hoh“ oder „hoch“ beschreibt in der deutschen Sprache eben auch eine positive Qualifikation, wie eben der „hohen Gesinnung“ die „niederen Beweggründe“ entgegengesetzt sind, der „Hochkultur“ die „primitive Kultur“, der „hohen Meinung“ die „tiefe Verachtung“ etc. Selbst in Verlaufsmodellen wird diese Wertung impliziert, wenn etwa eine Kultur in ihrer Frühzeit beginnt, dann in einer „Hochphase“ zur Entfaltung und Vollendung kommt, um in der Spätphase schließlich ihrem Niedergang entgegenzugehen.

Ein Modell, das den Geist der darwinistischen Evolutionstheorie zu atmen scheint, aber durchaus einer damaligen Auffassung von Weltgeschichte als Auseinandersetzung zwischen Kulturen in einer Art „Überlebenskampf“ entspricht. Beachtenswert erscheint, dass man das „Hochmittelalter“ keineswegs zu einer in allen Belangen heilen Welt stilisierte. Die Grundkonstante blieb vielmehr der fast permanente Konflikt, wie er nach damaligem Verständnis zwischen dem Kaiser als Verkörperung des Reiches auf der einen, Papstkirche und partikularen Fürsten auf der anderen Seite herrschte. Die Forschung hatte hier durchaus massenwirksam differenziert. In der einflussreichen, viel gelesenen und oft neu aufgelegten „Geschichte der deutschen Kaiserzeit“ endete die „Blüthe des Kaisertums“ am Beginn des Hochmittelalters mit der Herrschaft Heinrichs III., ein Urteil, das Karl Hampe in seiner bereits erwähnten Kaisergeschichte noch genauer fasste und begründete. Das Hochmittelalter erhielt dadurch einen Unterton von Krise, der es die richtige Gesinnung entgegenzusetzen galt, was nach Lage der bürgerlichen Weltsicht des 19. Jahrhunderts nur eine Parteinahme für die nationalen Belange sein konnte. Entsprechend erklärt sich die Faszination der deutschen Leser mit dem „kaisertreuen“ Rittertum, das zudem die Identifikationsfläche bot, dass der propagierte „Tugendadel“ ja eben kein „Geburtsadel“ sein musste. Die höfische Kultur des 12. Jahrhunderts konnte als volkssprachliche Eigenschöpfung durchaus als Nationalkultur verstanden und interpretiert werden, und neben der nationalen Frage bot sich das entstehende Stadtbürgertum als Herleitung der Bourgeoisie ebenfalls an.

Diese Inanspruchnahme verfolgte offensichtlich weniger wissenschaftliche Fragen als zeitgenössische Bedürfnisse, wie die Suche nach dem historischen Argument und einer Selbstvergewisserung qua Tradition. Dieser Sachverhalt ist längst erkannt, und so lässt sich mit Recht fragen, ob ein Etikett, das so offensichtlich kontaminiert ist, heute noch mit guten Gründen als Forschungsfeld Bestand haben kann. Ein Blick auf die aktuelle Forschungslandschaft zeigt eine Abkehr der Wissenschaft, nicht allein von den überkommenen Fragestellungen, sondern vom Hochmittelalter als solchem. Zwei Beispiele: Beim International Medieval Congress in Leeds etwa fand im Jahr 2018 ein Panel statt, das mit dem Titel „Was There an 11th Century?“ pointiert auf den Sachverhalt hinwies, dass ←14 | 15→dieser Zeitschnitt in den beiden vorangegangenen Tagungen in den mehreren tausend Veranstaltungen nicht ein einziges Mal explizit behandelt wurde. Auch im deutschen Bereich zeigen Dissertationsthemen, Forschungsverbünde und Lehrstuhlbesetzungen die Tendenz, weniger die „gefühlte Mitte“ des Mittelalters zu berücksichtigen als Zeitschnitte, die sich den Epochensäumen nähern. Die Bände der „Vorträge und Forschungen“, Resultate der renommierten, einflussreichen und für die Forschung durchaus repräsentativen Tagungen des Konstanzer Arbeitskreises für mittelalterliche Geschichte, zeigen im 21. Jahrhundert bereits von der Themenwahl her deutlich eine Verlagerung in Richtung Grenzepochen, eine Richtung, die bei einer Sichtung der Beiträge zu übergreifenden Sachverhalten gewidmeten Bänden noch deutlicher ausfällt. All dies mag zum einen Ausdruck einer bedrohten Fachkultur sein, von der in disziplinskeptischen Zeiten weniger ein eigenes geschlossenes Arbeitsgebiet erwartet und Expertenwissen gefordert wird als die Fähigkeit zur Kooperation mit anderen Wissenschaftlern – und sei es allein über Epochengrenzen hinweg; aus hochmittelalterlicher Perspektive kann hier nur über schwierige Betrachtungen der longue durée beigetragen werden, während Früh- und Spätmittelalter eo ipso deutlich besser positioniert sind.

Zugleich haben sich die Fragestellungen verändert, die weniger auf fachspezifisch tradierte Perspektiven abheben, denn auf Thematiken, die einerseits allgemeines Interesse beanspruchen können, also zu Fragen Stellung beziehen, die über die Disziplin und ihren gewordenen Kanon hinaus Relevanz beanspruchen sollen. Einwenden ließe sich wohl, dass diese behauptete „Relevanz“ durchaus nicht frei ist von Zeitgebundenheit: Wenn etwa die „Völkerwanderung“ nunmehr (und völlig zu Recht) als Parabel auf Migration und Identitätsbildung gelesen werden kann, wenn am ehesten am breiten Quellenbestand des Spätmittelalters ablesbare Fragen nach Kommunikation oder akademischer und ökonomischer Netzwerkbildung gestellt und beantwortet werden können, dann liegt zumindest der Verdacht nahe, dass sich auch hier eine Gegenwart vermittels der Geschichte nicht zuletzt mit sich selbst beschäftigt. Das Hochmittelalter liefert auf den ersten Blick wenig Material für unsere gegenwärtige Welt, in der Hybridität, Informationsfluss und weit greifende Vernetzung allgegenwärtig und dennoch erklärungsbedürftig sind; in seine Wiege hatte man nationalstaatliche Selbstbehauptung, selbst geschaffene Ideale und klare soziale Grenzziehungen gelegt, Aspekte, deren Valenz sowohl als Kriterien als auch als Postulate der Forschung zu Recht fragwürdig geworden sind.

Die Frage stellt sich also: Warum noch zum Hochmittelalter forschen? Eine erste Antwort scheint schnell gegeben und zunächst recht banal: Nur weil ein Zeitabschnitt unter problematischen Voraussetzungen sozusagen als Epoche ←15 | 16→gekapert worden ist, bedeutet dies noch lange nicht, dass die beanspruchten Jahrhunderte nicht der Erforschung wert wären. In Anbetracht der Vorgeschichte fordert jedoch der Umgang damit den Forschenden in besonderem Maße dazu heraus, sich von tradierten Betrachtungsweisen und Fragestellungen zu lösen, um eigene Perspektiven entwickeln zu können. Doch liegt gerade hier andererseits auch eine besondere Chance, zumal das Hochmittelalter im Moment nicht vom aktuellen „Mainstream“ der Forschung vereinnahmt wird. Einzelne, bislang aber nicht zu einer neuen Gesamtsicht zusammengefasste Forschungen haben in den letzten Jahren deutliche neue Markierungen auf einem Weg gesetzt, den es noch zu beschreiten gilt. Knut Görich hat mit seinen Forschungen zum honor einen zentralen Quellenbegriff zu einem Schlüssel für ein neues Verständnis der Welt der Herrschenden geformt; Leidulf Melve hat mit der Frage nach der „Öffentlichkeit“ eine bis dahin entweder politisch oder philologisch ausgerichtete Diskussion für Fragen der Kommunikationsgeschichte geöffnet, was ein neues Interesse an den „Streitschriften“ des Investiturstreits und Debatten um die „Reform“ hervorgerufen hat; und Frank Rexroth hat die langsam einsetzende Akademisierung des gelehrten Diskurses als Konsequenz eines internationalen Wissenstransfers mit dem Resultat einer ganz eigenen Form der Gruppenbildung beschrieben. Es sind dies nur drei Beispiele für neue Perspektiven, die das 21. Jahrhundert entwickelt hat, durch die andere Sachverhalte angesprochen werden, als durch die klassische Herrschergeschichte des 19. Jahrhunderts und ihre Fortsetzungen.

Biographische Angaben

Lisa Klocke (Band-Herausgeber:in) Matthias Weber M.A. (Band-Herausgeber:in)

Lisa Klocke promoviert und lehrt an der Ruhr-Universität Bochum. Sie war Mitarbeiterin der Regesta Imperii und ist seit 2018 Stipendiatin der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz. Matthias Weber wurde 2019 an der Ruhr-Universität Bochum promoviert, wo er bereits seit mehreren Jahren lehrt. Seit 2014 ist er Mitarbeiter der Regesta Imperii.

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Titel: Das Hochmittelalter – eine vernachlässigte Epoche?