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Unigenitus Dei Filius

25 Texte und Biographien zur Verdammungsbulle gegen Pasquier Quesnel (1713)

von Christoph Weber (Autor:in)
Monographie 574 Seiten

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autoren
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Vorwort
  • Allgemeine Einleitung: Cette espece de comité, ou d’Académie Théologique
  • Einleitung zu den zehn theologischen Texten
  • Die theologischen Texte
  • A. Le Révérend Pere Quesnel, Prêtre de l'Oratoire (1755)
  • B. Muss man den Papst absetzen? Dr. Bousiers erstes Memoire gegen Unigenitus vom 10. November 1713
  • C. Eine frühe Widerlegung von Unigenitus: Die Tetraples vom November 1713
  • D. Der angebliche Brief eines französischen Bischofs an Kardinal Fabroni vom 10. Januar 1714: eine Satire auf Clemens XI.
  • E. Der Brief Quesnels an die Kardinäle, Erzbischöfe und Bischöfe Frankreichs vom 18. Januar 1714
  • F. Ein sofort von Papst und König verbotener Hirtenbrief: Mandement et Instruction pastorale de Monseigneur l’Evêque de Metz vom 20. Juni 1714
  • G. Die entscheidende Herausforderung: Acte d’Appel interjetté le I. Mars MDCCXVII. Par Messeigneurs les Evêques de Mirepoix, de Senez, de Montpellier, et de Boulogne
  • H. Der Brief von sieben Bischöfen an den neugewählten Papst Innozenz XIII. vom 9. Juni 1721.
  • I. Ein historischer Rückblick auf die Unigenitus-Katastrophe: die Pastoralinstruktion Bischof Soanens vom 28. August 1726
  • K. Eine Schlussabrechnung mit der Bulle Unigenitus: Elevatum est cor tuum, & dixisti: Deus ego sum, & in Cathedra Dei sedi (Nouvelles Ecclésiastiques, 9. Januar 1781)
  • Einleitung zu den 15 Biographien jansenistischer Theologen in der Epoche von Unigenitus
  • Die Biographien
  • 1 Charles-Armand Fouquet (1657-1734)
  • 2 Jacques-Vincent Bidal d’Asfeld (1664-1745)
  • 3 Nicolas Petitpied (1665-1747)
  • 4 Jacques Fouillou (1670-1736)
  • 5 Jean-Baptiste Louail († 1724)
  • 6 Abbé Gudver († 1737)
  • 7 Père Philopald (Antoine de la Haye) (1674-1764)
  • 8 Mère Marguerite-Françoise de Coëtquen (1675-1745)
  • 9 Laurent-François Boursier (1679-1749)
  • 10 Jean-Baptiste Cadry (1680-1756)
  • 11 Jean-Baptiste Boullenois (1681-1757)
  • 12 Jean-Baptiste Le Sesne d’Etémare (1682-1770)
  • 13 Gabriel-Nicolas Nivelle (1683-1761)
  • 14 Louis Laniez (1686-1762)
  • 15 Leonard Dilhe (1691-1769)
  • Mehrfach zitierte Literatur
  • Abkürzungen
  • Abbildungsnachweis
  • Personenregister
  • Reihenübersicht

VORWORT

Dieses Buch verdankt sich den Möglichkeiten, welche „Google books“, dann auch andere Digitalisierungssysteme bedeutender europäischer Bibliotheken dem Herausgeber gewährten. Dazu gehört vor allem „Le Gazetier Universel“, der in Paris unter der Leitung von Denys Reynaud die französischsprachigen Zeitungen des 18. Jahrhunderts allgemein zugänglich machte und den Bestand auch ständig erweitert.

Ohne diese beiden Systeme hätte diese Edition nicht unternommen werden können, denn im vordigitalen Zeitalter hätte ich viele Monate, ja selbst Jahre nur mit den beschränkten Mitteln der Bibliotheksreisen zu den Sonderlesesälen Europas zubringen müssen. Allein für die Nouvelles Ecclésisastiques hätte ich nach Paris, Lyon, Oxford, München und Bonn reisen müssen, um alle nötigen Jahrgänge einzusehen. Hinzu wären die schwierigen Kopiermöglichkeiten bei alten, eingebundenen Zeitungen gekommen.1

Alle hier edierten Texte und Biographien sind also schon einmal – im 18. Jahrhundert – gedruckt worden. Aber sie sind deshalb noch nicht ohne weiteres verstehbar, und sie sind niemals im vollen Sinne des Wortes rezipiert worden, ich meine in der kirchengeschichtlichen Forschung. Das setzt nämlich eine gewisse Hinwendung zur theologischen Debatte zwischen Jansenisten und Jesuiten voraus, die aber für das 18. Jahrhundert noch nicht so recht in Gang gekommen ist.2

Ferner war es nötig, den entstehungsgeschichtlichen Zusammenhang der einzelnen Stücke zu klären, wozu es nur begrenzte Möglichkeiten gibt, da die jansenistischen Autoren unter massiver Verfolgung standen und daher auch in ihren Hauptwerken strikte Anonymität wahren mussten. Hier helfen aber die 15 biographischen Skizzen zu den Hauptbeteiligten an der Entstehung unserer Texte weiter; Texte, die sehr oft Gemeinschaftsarbeiten der führenden Doktoren der „Sekte“ – wie sie von den Jesuiten genannt wurde – bildeten. Natürlich finden sich die absoluten Koryphäen des Jansenismus darunter, nach dem Père Prieur (Quesnel) vor allem d’Étemare, Petitpied und Boursier. Die vita Quesnels ziehen wir zu dem Text-Teil, weil sie an der Spitze der ganzen Debatten steht, die sich ja formal nur um die „Häresien“ dieses Oratorianers in seinen erbaulichen Bibel-Reflexionen drehte.

Inhaltlich ging es um viel mehr: wurde die alte christliche Gnadenlehre, wie sie vom Apostel Paulus und vom Hl. Augustinus und ihnen folgend von ← 9 | 10 zahlreichen Päpsten festgestellt und verteidigt worden war,3 durch den Molinismus den Jesuiten ersetzt, wurde die christliche Moral durch den Probabilismus – man darf auch einer weniger wahrscheinlichen Meinung folgen – verdrängt4, und vor allem (von Rom aus gesehen): war der Papst unfehlbar und übte er eine absolute Monarchie über die Kirche aus, d.h. konnte er ohne jede Schranke den Bischöfen des Erdkreises Befehle erteilen5, oder blieb es dabei, dass nur ein Generalkonzil die letzten Entscheidungen traf?

In seinem erst posthum veröffentlichten Werk Histoire de la Religion représentée dans l’Ecriture Sainte sous divers symboles (II 372) hat Abbé d’Étemare die falschen Propheten und Wahrsager des Alten Bundes als Figuren des Papsttums wiedererkannt. Der unbezähmbare Wille zur Herrschaft (1. Petr. 5, 3) war der Kern dieses Missbrauches. So verehrungswürdig das Papstamt an sich stets blieb, die grässliche Anmaßung, alles zu wissen und alles zu dürfen, musste zur gerechten Strafe Gottes führen, nämlich in Wirklichkeit immer wieder in schwerste Irrtümer und moralisches Versagen zu verfallen: dieser mit der Bulle Unigenitus zum Abschluss gekommene Prozess war das – so d’Étemare – was in Matth. 24, 15 als abominatio desolationis in loco sancto prophezeit worden war.

Dies war der tatsächliche Horizont unserer Debatten, und sie dürfen ein weiteres Interesse beanspruchen, als nur dasjenige der Jansenismusforschung, so faszinierend diese auch zweifellos bleibt.

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Was die Editionsprinzipien betrifft, so folge ich den Normen, die ich in meinen früheren Editionen neuzeitlicher Drucke konsequent angewandt habe. ← 10 | 11 Kurz gesagt, es werden nur evidente Druckfehler stillschweigend verbessert, Vereinheitlichungen selbst in der Schreibweise von Namen gibt es nicht. Besonderheiten werden vor Ort erläutert. Der einzige wiederholt anzutreffende Eingriff besteht darin, dass Marginal-Inhaltsangaben als in den Text integrierte Überschriften fett abgesetzt werden; sowie auch Belegstellen aus der Bibel meistens nicht als Anmerkungen, sondern gleich hinter das Zitat gesetzt werden.

Ferner habe ich mich entschlossen, mit Anmerkungen zu den Texten sparsam zu sein. Es wäre für die Lesbarkeit z.B. der Vita P. Quesnels tödlich gewesen, wenn ich alle dort auftretenden Personen bio-bibliographisch ausgewiesen hätte; ein auch wissenschaftlich unnötiges Unterfangen. Da, wo die Kommentierung nützlich für das Verständnis war, habe ich nicht an Aufwand gespart.

Herr Dr. Jean-Marc Ticchi in Paris und Frau Prof. Dr. Angela Berlis in Bern haben mir mit großer Freundlichkeit Materialien für diese Arbeit zugesandt. Dafür spreche ich ihnen meinen ehrlich empfundenen Dank aus.

Ich danke ebenso abermals meiner langjährigen Hilfskraft, Frau Gabriela Becker, und Herrn Stephan Hain für ihre erneut engagierte Arbeit an der digitalen Erfassung dieser wegen der orthographischen Besonderheiten nicht leichten Texte.

Düsseldorf, im November 2018 Christoph Weber
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1       Les Nouvelles Ecclésiastiques. Une aventure de presse clandestine au siècle des Lumières (1713-1803). Sous la direction de Monique Cottret – Valerie Guittienne-Murger, Paris 2016 (Beauchesne Editeur); ein Sammelband mit 12 Beiträgen.

2       Vgl. aber das in der Einleitung genannte Werk von Olivier Andurand, La grande affaire. Les Evêques de France face à l’Unigenitus, Rennes 2017.

3       Wer in relativ knapper Form die Stellung Quesnels zur Gnadenlehre lesen möchte, dem sei das erste Heft seiner sieben Memoires zu seiner Verdammung empfohlen: Memoires Pour Servir à l’examen de la Constitution du Pape contre Le Nouveau Testament en Français avec des Reflexions morales, s.l. 1713, pp. XXII + 131. – Schon im Avertisement p. Xss. bezieht er sich primär auf die altehrwürdigen Praeteritorum Sedis Apostolicae Episcoporum Auctoritates, De gratia Dei & libero voluntatis arbitrio, einen Text, der unterschiedlich dem Papst Coelestin I., dem Papst Hormisdas oder dem Papst Leo I. zugesprochen wurde; stets aber wurde er als genuiner und definitiver Text der Kirche von Rom verehrt, so auch auf dem Konzil von Trient (Sessio VI, C.XVI; Decretum de reformatione, c.I.). Quesnel lieferte dementsprechend pp. 109-129 diesen Text als Anhang des Briefes Coelestins I. an die Bischöfe Galliens in französischer Übersetzung. – Der Text befindet sich im Denzinger (in der Edition Bannwarts p. 57-63 ; gekürzt). Das Heft Quesnels ist digital lesbar. – Andere Hauptquellen des Oratorianers waren Leo. I., Fulgentius, die verbannten Bischöfe in Sardinen und Prosper von Aquitanien, sowie das II. Konzil von Orange.

4       Vgl. hier Allgemeine Einleitung, Anm. 40-42.

5       August B. Hasler, Pius IX. (1846-1878), päpstliche Unfehlbarkeit und 1. Vatikanisches Konzil. Dogmatisierung und Durchsetzung einer Ideologie, 2. voll, Stuttgart 1977.

ALLGEMEINE EINLEITUNG:

Cette espece de comité, ou d’Académie Théologique

Die Bulle Unigenitus Dei Filius vom 8. September 1713 sollte nach dem Willen ihres Urhebers Clemens XI. ein epochemachendes Dokument des päpstlichen Lehramtes sein, welches gleichrangig neben den wichtigsten dogmatischen Entscheidungen der gesamten Kirchengeschichte stehen sollte.6 Noch im Jahre 1781 schärfte Pius VI. die fortdauernde Gültigkeit der Bulle in einem Breve an den Bischof von Brixen ein, allerdings bereits schon in der Defensive gegen Kaiser Joseph II., der Unigenitus ganz aus dem theologischen Lehrbetrieb verbannt wissen wollte.7 Dass sich ein Kaiser offiziell von der Bulle distanzierte, hätten sich 1713 weder die Anhänger noch die Gegner der Bulle vorstellen können8. Was für die Jesuiten der endgültige Triumph ihrer Theologie gewesen war, und den Jansenisten als die größte Katastrophe der Kirchengeschichte erschien, verlor am Vorabend der Revolution außerhalb rein theologischer Zirkel seine Wichtigkeit.9 ← 12 | 13

Eine der Hauptursachen dafür war, dass die Autoren der Bulle es nicht gewagt hatten, ihr eigentliches Ziel, die Dogmatisierung der Jesuitentheologie (Molinismus+Probabilismus) offen auszusprechen, sondern versucht hatten, dieses Ziel über eine Buchverurteilung zu erreichen, verbunden überdies mit dem Wunsch, den Erzbischof von Paris abzusetzen. Darüber waren die eigentlichen dogmatischen Ziele im Gestrüpp von 101 verdammten „Sätzen“, sog. Propositiones, hängen geblieben. Auch Anhänger der Bulle konnten nicht angeben, was denn nun positiv geglaubt werden musste, wollte man die ewige Seligkeit erlangen. Kardinal de Tencin, einem der entschiedensten Verteidiger der Bulle (wenngleich wohl kaum einem der gläubigsten) wurde der schöne Satz zugeschrieben, dass der Christ verpflichtet sei zu „une foi implicite de verités indétérminées“, also dass der Bulle zu glauben sei, was auch immer in ihr geschrieben stehe.10

Für die Jesuiten endete die Unigenitus-Kampagne, während der hunderte Jansenistinnen und Jansenisten im Gefängnis und der Verbannung geendet hatten, und zahlreiche Kranke ohne Sterbesakramente verschieden waren, mit ihrem eigenen Untergang. Seit 1754 stellte der König die Unterstützung der Jansenistenverfolgung ein,11 und damit begann die Zeit, in der die Societas immer weiter in die Defensive gedrängt wurde. Dass die Jesuiten erst so spät bemerkten, was auf sie zukam, hat sicher damit zu tun, dass sie gegen den Jansenismus vollkommen triumphiert hatten. Für die Jansenisten bedeutete Unigenitus tatsächlich ihr unaufhaltsames Dahinsiechen, und zwar insofern, als die Mehrzahl unter ihnen sich seit 1730 in einem Wunderkult und den sog. Konvulsionen verlor, Phänomene, die in schlimmen, unverzeihlichen Exzessen endigten, wie z.B. der Kreuzigung fanatisierter Frauen. ← 13 | 14

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Als das Unigenitus-Jahrhundert zu Ende ging, gab es die Jesuiten nicht mehr als öffentliche Körperschaft, und die Jansenisten waren zu einer kleinen Gruppe Unentwegter zusammengeschmolzen.

Die Berge oder Regale mit polemischen Schriften beider Seiten verschwanden vollständig aus dem Blick. Die Texte insbesondere des Jansenismus verloren sich oder wurden aus den kirchlichen Bibliotheken entfernt und wurden zu seltenen Sammlerstücken. Wichtiger noch war der Triumph des Heiligen Stuhles über alle seine innerkirchlichen Kritiker nach dem Ende der Revolutionsära, als selbst die Zaren kostbare Geschenke in den Vatikan schickten und Großbritannien seinen Frieden mit den Katholiken gemacht hatte, die ganz offensichtlich nicht mehr auf eine Invasion katholischer Truppen aus Spanien oder Frankreich hofften. Dann stieg das Papsttum mit den Dogmen von 1854 und 1870 wieder auf jenen Gipfel der Macht und Herrlichkeit, den es seit dem 5. Jahrhundert beanspruchte (vor dem aber schon die Geschichte der Versuchung Jesu so dringend gewarnt hatte). Im gläubigen Volk wurde der Kult des Heiligsten Herzens Jesu für den Kern des Christentums ausgegeben und verbreitet; ein Kult, den Jansenisten lange entschieden bekämpft hatten, und der ein Distinctivum der Jesuiten bildete.12 Man sagt nicht zuviel, wenn man feststellt, dass die katholische Kirche im 19. Jahrhundert drei anbetungswürdige Gestalten kannte: das Heiligste Herz Jesu, die unbefleckt empfangene Jungfrau Maria13 und den unfehlbaren Papst. In der Theorie blieb es natürlich bei der Sacrosancta Trinitas, im Bereich der praktischemotionalen Frömmigkeit gab es diese neue Dreieinigkeit.

Der Jansenismus des 18. Jahrhunderts war überwunden und existierte in dem von Jesuiten gelenkten Enchiridion der kirchlichen Glaubenslehren nur noch unter der Überschrift „Errores Paschasii Quesnel“.14

Nach dem 2. Weltkrieg trat dann mit den Arbeiten von Jean Orcibal ← 16 | 17 (1913-91)15 und Lucien Ceyssens OFM (1902-2001) eine völlige Wendung ein. Es wurden Untersuchungen und Editionen vorgelegt, welche den Jansenismus nicht nur grundlegend zugänglich machten, sondern auch rehabilitierten. Aber Orcibal betrat – verständlicherweise – nicht das 18. Jahrhundert, und Ceyssens, dessen Aufsätze über Ungenitus zwei starke Bände ausmachen, hat sich mit der Zeit nach 1714, also mit dem Appell, dem Accomodement, der Absetzung Mgr de Senez, dem Leben und Sterben des bienheureux Diacre und der 1729 einsetzenden Jansenistenverfolgung nicht mehr ausdrücklich befasst, natürlich auch nicht mit den Wundern des asketischen Diakons und dem Oeuvre des convulsions. Hier setzte Cathérine Maire ein, die dem Jansenismus des 18. Jahrhunderts den Stempel ihrer Interpretation aufdrückte.16 Inzwischen ist die Jansenismusforschung ein breiter Strom geworden, der hier nicht auszuschreiten ist.17

Einen neuen, vorher nicht denkbaren Durchbruch ermöglichte der Forschung die Digitalisierung ganzer Bibliotheken, insbesondere ihrer Altbestände. Durch die allgemeine digitale Zugänglichmachung zentraler Bibliotheken, z.B. Paris, Lyon, Amsterdam, München und Wien ist fast das gesamte Material zum 17. und 18. Jahrhundert zum ersten Mal wieder jedermann zugänglich.18 Unser vielleicht wichtigster hier abgedruckter Text, die Tetraples von 1713, ist allerdings nur an drei Stellen noch auffindbar und nicht digitalisiert, und wer bedenkt, wie restriktiv die Benutzung von alten Drucken heutzutage gehandhabt wird, hat eine Vorstellung von den Arbeitsbedingungen, die in den letzten Jahrzehnen vor der Digitalisierungswelle vorherrschten.

Zugänglich sind heute die Jansenistica natürlich nur im technischen Sinne! Alle diese Dokumentationen, Hirtenbriefe, Sturmglocken (tocsins), polemischen Broschüren, Petitionen, Deklarationen und Verdammungsurteile staatlicher und kirchlicher Instanzen, jene Katechismen und vielbändigen Lehrbücher der Dogmatik, dann auch die umfangreichen Geschichtsdarstellungen, Sammelbiographien und Beschlüsse von Klerusversammlungen bedür ← 17 | 18 fen jeweils einer genauen historischen Einleitung. Am leichtesten wird diese Notwendigkeit einsichtig, wenn man nach den Autoren der oft anonymen Schriften fragt, beziehungsweise nach den Helfern und Mitautoren von offiziell unter dem Namen eines Bischofs erschienenen Hirtenbriefen.19

Ich habe von 2013 bis 2017 vier Editionen von seltenen, vergessenen und unbekannten, manchmal falsch identifizierten, oder zu Unrecht ignorierten Schriften, auch etlichen unedierten diplomatischen Berichten herausgegeben, die sich mit dem Papst Clemens XIV., den Jesuiten und den Jansenisten befassen. In diesen Bänden, zwei davon im Verlag Dr. Kovač, zwei weitere im Verlag Peter Lang veröffentlicht, werden zahlreiche Personen und Sachen behandelt, die auch in diesem Buch wieder auftauchen.20 Die beiden hier speziell noch hingehörenden Editionen nenne ich später namentlich. Sie machen mit einer Welt vertraut, in der es zwar noch keine modernen theologischen Zeitschriften gab, wohl aber eine rasch reagierende Pamphletliteratur, deren Autoren manchmal streng anonym, manchmal durchscheinend anonym, manchmal dem eigenen Kreise klar identifizierbar, nach außen aber noch unbekannt blieben. Selbst ein überragender Sachkenner wie P. Lucien Ceyssens musste bekennen, dass er viele Kampfbroschüren der Jahre von ca. 1700 bis ca. 1715 nicht einem bestimmten Autor zuschreiben konnte.21

Wichtige Bücher der Feinde von Unigenitus waren Kollektivwerke ganzer Arbeitskreise (so unser eben genannter Text, die Tetraples), bei denen manchmal die Anteile der einzelnen Mitautoren bekannt sind. Bei mehreren Werken eines Autors kennen wir die Revisoren, resp. Helfer, bei anderen werden wir nie mehr den Namen des Verfassers erfahren. In der Korrespondenz Pasquier Quesnels finden sich häufig Mutmaßungen über die Autorschaft von Pamphleten.22 Auch die meist siegreichen Jesuiten mussten oft ihre Identität verbergen, denn die Indexkongregation in Rom war ihnen häufig nicht gewogen, und das Parlament und, wenngleich seltener, die Fakultät von Paris liebten es, Jesuiten zu rösten. Nur wenn es um ganz große Fragen ging, konnten sie sicher sein, dass ihnen Papst und Kurie folgten, und selbst auf dieser Ebene von Grundsatzentscheidungen erlebten sie einmal eine partielle Niederlage, nämlich im malabarisch-chinesischen Ritenstreit. Erklärlich ist dies übrigens leicht: in Indien und China hatten sich die Jesuiten direkt gegen den Lehrprimat des Papstes gestellt, und dies über mehr als siebzig Jahre hindurch, ← 18 | 19 so dass es auch einem so jesuitenfreundlichen Papst wie Clemens XI. nicht möglich war, dies weiter hinzunehmen. Aber er nahm es hin, dass seine Entscheidungen in der gewöhnlichen Weise von den Jesuitenmissionaren verachtet wurden.

Das erste kollektive Werk , welches für die Vorgeschichte von Unigenitus direkt von Interesse ist,23 war die Histoire abregée du Jansenisme von 1697, die der Verteidigung Erzbischofs de Noailles diente und von J. Fouillou, J. Louail und Mlle de Joncoux kurzfristig herausgegeben worden war.24 Als zweites Kollektivwerk der Pariser Jansenisten ist die achtbändige Dokumentation Histoire du Cas de Conscience signé par quarante Docteurs de Sorbonne (1705-1711) zu nennen, die von Louail und Mlle de Joncoux erarbeitet und von den Theologen Fouillou, Quesnel und Petitpied als éditeurs scientifiques kontrolliert worden war.25 Hier begegnen wir zum ersten Mal einem Mammutwerk von 3694 Seiten Umfang, in unserer Epoche wohlgemerkt, denn kurz vorher hatte Antoine Arnauld noch sein Gemeinschaftswerk mit du Cambout de Pontchateau vollendet, nämlich die berühmte Morale pratique des Jesuites, deren achter und letzter Band 1695 erschien26. Mit Ausnahme von Antoine Arnauld und Mlle de Joncoux, die schon 1715 starb27, finden wir alle diese vorher genannten Schriftsteller in unseren hier edierten Texten wieder. Auch die Struktur einer hierarchisch gegliederten Mitarbeiterschaft – Autoren und Revisoren – war schon vollumfänglich eingerichtet. Sie ergab sich aus der Verfasstheit der jansenistischen Bewegung, nach der viele mitarbeiten konnten, die letzte Entscheidung bei einer kleinen informellen Gruppe von Doktoren lag, an deren Spitze ein ebenso informell anerkannter Cheftheologe stand, nämlich nacheinander Arnauld, Quesnel, Boursier und Gourlin.28 Nennen wir ← 19 | 20 daher noch rasch die beiden weiteren großen Editionen zur Geschichte von Unigenitus: La Constitution Unigenitus déférée à l`Eglise universelle, Cologne 1757, 2 tom. en 3 voll (von Nivelle und Le Fèvre d’Eaubonne), und: Histoire du Livre des Reflexions Morales sur le Nouveau Testament et de la Constitution Unigenitus, 6 voll, Amsterdam 1723 (von Louail und Cadry).29

Die Jansenisten, nicht weniger als die Jesuiten, waren publikationssüchtig. Es war ihre einzige absolute Sucht. Als Jansenist erwarb man keine Benefizien, lebte ohne sittliche Skandale, pflegte einen sehr bescheidenen Aufwand in der Kleidung, im Mobiliar und an der Tafel, nahm keinerlei gesellschaftliche Stellung ein, lebte freiwillig oder unter Verfolgungszwang zurückgezogen30, nicht selten an geheimen Orten, ohne noch die Straße zu betreten. Was blieb, war die Mitarbeit an den Nouvelles Ecclésiastiques oder die Teilnahme an den öffentlichen Debatten mittels anonymer Broschüren. Selbst große, in Jahrzehnten erstellte Hauptwerke erschienen ohne Autoren-, Verlags- und Ortsangaben.31

Das Bedürfnis, einige der wichtigsten Texte zur Beurteilung von Unigenitus neu herauszugeben, ergibt sich aber nicht nur aus der Notwendigkeit, literaturgeschichtliche Grundlagen zu schaffen, sondern in erster Linie aus der Erkenntnis, dass die gesamte bisherige Unigenitus-Forschung einen großen Bogen um die eigentlichen theologischen Sachprobleme macht.32 Die Freunde der Bulle haben niemals vermocht, wie schon angedeutet, anzugeben, was denn eigentlich nach der Verdammung von 101 Sätzen des P. Pasquier Quesnel der fromme Christ positiv zu glauben habe, etwa die kontradiktorischen Sätze als ← 20 | 21 Dogma? Wo also hätte man im dritten häretischen Satz – In vanum, Domine, praecipis, si tu ipse non das, quod praecipis – die Verneinung einzusetzen? Dies war offenbar kein Weg der Umsetzung in Glaubenssätze. Zwar hatten es die Jesuiten in Rom erreicht – mit Hilfe einer Intrige –, dass Unigenitus auf dem römischen Provinzialkonzil von 1725 als regula fidei in den Beschlusstext eingeschoben wurde, also als unverrückbares Dogma, aber was der Einzelne nun glauben sollte, blieb unklar. Nur eines konnte man positiv festlegen: dass kein Christ ein unbedingtes Recht auf die Lektüre der Bibel habe!

Dies zielte nicht nur auf alle Laien, sondern insbesondere auf die Klosterfrauen. Weibliche Orden waren ja die letzten institutionellen Bollwerke des Jansenismus, nach der Vernichtung von Port-Royal allen voran die filles du Calvaire (eine Reformkongregation der Benediktinerinnen) und die Ursulinen, aber auch viele andere, nämlich die in allen Städten vorhandenen Krankenpflege-Gemeinschaften, die entweder nur dem Bischof oder auch nur den kommunal geleiteten Hospitälern unterstanden33. In einer berühmten Karikatur aus der Frühzeit der Jansenistenverfolgung sieht man, wie sich eine Nonne, eine Bibel in der Hand und eine Brille vor der Nase, dem Häresiarchen Calvin in die Arme wirft.34

Labelle zählt rühmend die Frauenorden auf, die sich durch opfervolles Festhalten an der Wahrheit den Hass der Jesuiten und deren Handlanger zuzogen: „Aujourd’hui de saintes femmes, de vierges courageuses, le [J.C.] suivent au calvaire, avec la gloire d’être associées aux souffrances ignominieuses de leur divin sauveur.“ Und er nennt die am meisten durch barbarische Verfolgung heimgesuchten Orden: „les Religieuses Hospitalieres, Calvériennes, Visitandines, Carmelites, Bénédictines, Annonciades, Bernardines“.35 Die Ursulinen, wie gesagt, nicht zu vergessen! Man berücksichtige, dass Ordensfrauen viel hilfloser als die Angehörigen von Männerorden dem Druck der Unigenitus-Propagandisten ausgeliefert waren, da für sie eine Flucht aus dem Kloster praktisch unmöglich war.36

Der gewöhnliche Weg, den Willen einer Nonne zu brechen bestand darin, sie aus ihrem Kloster herauszunehmen und in einem unigenitustreuen Haus meist eines anderen Ordens unterzubringen, genauer gesagt gefangen zu halten. Hier unterlag sie dann unbeschränkt steigerungsfähigen Vexationen, hin bis zur strengen Einzelhaft mit Ausschluss von allen Sakramenten. Viele erlagen dem Druck, viele hielten Stand bis ans Ende, also einem Tod ohne Sterbesakramente in absoluter Isolation und unter dem Druck häufiger Besuche von ← 21 | 22 mit der Verdammung drohenden Unigenitus-Priestern. Da für diese odiose Aufgabe Jesuiten nicht einsetzbar waren (sie erregten zu viel Angst), wählte man statt ihrer Patres befreundeter Orden, vor allem Franziskanerobservanten und Kapuziner aus.37

Für die Theologen beider Richtungen war der Sinn der Bulle hingegen unzweifelhaft: sie erhob den Molinismus zum Dogma, und mit ihm die jesuitische Moral, ihre Beichtpraxis (Absolution mit nur unvollkommener Reue und auch ohne glaubwürdige Zusage einer Lebensänderung) und dementsprechend die Übung des häufigen, ja täglichen Kommunionempfanges. In den Augen ihrer Gegner wurde durch diese Moral der breite Weg zur Hölle allgemein vorgeschrieben. Mit Hilfe des sog. minus probabile, also der Moraltheologie, die auch die schwächste Begründung für eine laxe Entscheidung in Gewissensfragen zuließ, wurde in der Praxis alles erlaubt.38

Es gab dabei allerdings Fragen, in denen die Jesuiten schlechterdings Recht hatten, insbesondere auf dem Gebiet des achten Gebotes „Du sollst kein falsches Zeugnis ablegen wider deinen Nächsten“, welches im Laufe der Jahrhunderte zu dem unerträglichen, weil bedingungslosen Gebot „Du sollst nicht lügen“ verschärft worden war. Mir fehlen die Kenntnisse, um nachzuzeichnen, wie es zu dieser Ungeheuerlichkeit kommen konnte39. Erst Schopenhauer hat ← 22 | 23 ganz konsequent dieses noch von Kant ebenso rigoros wie von Augustinus aufrechterhaltene Gebot einer Wahrheitsäußerung ohne Rücksicht auf Verluste (auch dem eines fremden Menschenlebens) kritisiert,40 indem er die letztlich jesuitische Theorie neu formulierte, dass vorerst der Anspruch des Fragenden überprüft werden müsse, bevor ein Befragter zur wahrheitsgemäßen Antwort verpflichtet sei. Allerdings waren die Jesuiten unfähig, das bedingungslose Verbot der Lüge prinzipiell in Frage zu stellen, sondern wichen auf die rabulistische Taktik der reservatio mentalis aus. Dies nur als ein Beispiel für die Weiträumigkeit unserer Kontroversen, die von der Alltagsmoral bis zur Kirchenverfassung, von der Auffassung Gottes bis zu malabarischen Familienriten reichten.41

Die philojansenistische Forschung betont zwar die Unhaltbarkeit der Bulle Unigenitus, macht sich aber seit langem nicht mehr die Mühe, ins Detail zu gehen. Die Ursache dafür liegt in der von mir schon in meiner letzten Edition monierten durchgehenden Tendenz, den Jansenismus nur insofern positiv zu bewerten, als er einer unter vielen Faktoren gewesen ist, die das Ancien Regime unterminierten. Von den Lehren des Jansenismus wird nur noch ein ganz dünner Aufguss, nämlich eine strenge Moral, und diese wiederum nur im Sinne bürgerlicher Respektabilität weitergetragen. Als jansenistisch wurde im 20. Jahrhundert der Chef einer italienischen Bank bezeichnet42, der stets nur korrekte und legale Geschäfte eingegangen war! Die katholischen Historiker können so ihr Ralliement an die Republik (Frankreich) und den Nationalstaat (Italien), und allgemeiner, an die Moderne unter Beweis stellen. Dies gilt nicht nur für Frankreich, sondern auch für Österreich, Italien, Spanien und Portugal. In diesen katholischen Staaten galt der Jansenismus des 18. Jahrhunderts als ein Teil des aufgeklärten Absolutismus.43

Die ganz große Ausnahme bildet das Lebenswerk von Lucien Ceyssens OFM, dem es egal war, ob der Jansenismus fortschrittlich oder „archaisch“ ← 23 | 24 (wie man jetzt gelegentlich liest) in seinem Denken war. Die beiden Sammelbände seiner Aufsätze zu Unigenitus habe ich täglich konsultiert.44 Ceyssens hatte die eiserne Stirn, die römische Kurie und Papst Clemens XI. ohne Schonung auszuleuchten, und ist daher unter den Kirchenhistorikern seiner Generation fast ein Unikum. Natürlich haben laizistische, altkatholische oder spätjansenistische Historiker, z.B. Dupac de Bellegarde im 18. Jahrhundert, Albert Le Roy im 19. und Auguste Gazier im 20.Jahrhundert schon gewusst, dass Unigenitus eine theologische Absurdität war, diese Richtungen drangen aber nicht so chirurgisch präzise in den Fäulnisherd kurialer Verdammungen ein wie der belgische Franziskaner, vielleicht auch nur, weil ihnen nicht dieselben Quellen zur Verfügung standen.

Ultramontane Kirchenhistoriker hingegen haben sich seit dem ersten Drittel des 18. Jahrhunderts nicht mehr auf eine Einzelexegese von Unigenitus eingelassen. Zu viele offene Widersprüche zur Hl. Schrift und den Kirchenvätern stehen in diesem Text, dessen einziger Skopus die Dogmatisierung des Molinismus und damit die absolute Kirchenherrschaft des Jesuitenordens gewesen ist.

In dieser Situation scheint es mir notwendig und wertvoll, mehrere Texte vorzulegen und historisch einzuordnen, die wieder ins Herz der Jansenismus-Debatte führen, und die bisher einer vollständigen Vergessenheit oder Verdrängung anheimgegeben waren. Diese Texte entstammen alle einem Milieu, welches aus drei Zentren konvergierte:

Erstens war da die Priesterkongregation der Oratorianer, die schon zur Zeit ihres Gründers, des Kard. Berulle, in einen Gegensatz zum Jesuitenorden geraten war, besser gesagt, welche von den Jesuiten von Anfang an als unliebsame Konkurrenz behindert wurde, der es aber doch gelungen war, eine bedeutende Präsenz in Paris und ganz Frankreich aufzubauen.45

Zweitens gab es das Priesterseminar von Saint-Magloire, ein Haus (oder besser der große Gebäudekomplex einer alten Abtei), im Besitz eben der Oratorianer, welches als die wichtigste der Priesterbildungsstätten von Paris angesehen wurde (es gab in dieser Metropole zehn Seminare für Weltpriester, ← 24 | 25 von den vielen Ordensstudien ganz abgesehen)46, und das wegen der Stiftung von 12 Freiplätzen durch Kardinal-Bischof Henri de Gondi47 um 1620/24 auch als das eigentliche Priesterseminar der Erzdiözese galt. Diese Bastion nichtjesuitischer Richtung gehörte früh zum Umfeld der Kritiker Richelieus und des Absolutismus. Hier wurden die wichtigsten Texte gegen Unigenitus entworfen und diskutiert und hier hatte sich schon vor 1713 jenes Komité oder jene theo-logische Akademie herausgebildet, die sofort nach Erscheinen von Unigenitus zum Gegenangriff übergehen konnte, und zu der mindestens sechs der hier behandelten Theologen gehörten, nämlich Quesnel (wenngleich abwesend), Fouquet, Boursier, Étemare, Laniez und Nivelle, außerdem der für seine Schriftinterpretation berühmte J.-J. Duguet (1649-1733). Anfangs nur eine Konversation im Zimmer des Père Fouquet, der von 1699 bis 1705 Superior des Seminars gewesen war, und weiterhin dort lebte, bildete sich hier spätestens seit dem Cas de Conscience und der Bulle Vineam Domini das aktive Zentrum des späteren Jansenismus heraus.48 Hier erhielt schließlich auch jener Kandidat, der später als le bienheureux Diacre bekannt wurde, seine theologische Formation. François de Pâris trat im August 1713 in das Seminar ein und hörte insbesondere die Konferenzen von Abbé Bidal d’Asfeld und der anderen Exegeten, wie Duguet und d’Étemare.49 Und Dr Boursier wurde sein Beichtvater, und zwar bis an sein Ende. ← 25 | 26

In Saint-Magloire50 hielten sich immer wieder Priester auf, die dort nur leben wollten, um die Atmosphäre der Freunde der Wahrheit zu atmen. So kam der flandrische Theologe Laniez, der in Douai fertig studiert hatte und schon eine Stelle als Kollegsrektor in Lille bekleidete, eigens nach Paris, um sich zwei Jahre in Saint-Magloire aufzuhalten, Séminaire qui étoit alors le plus florissant du Royaume pour ne pas dire de l’Eglise universelle.51 Unsere Hauptquellen enthalten viele Hinweise auf solche dauernden oder vorübergehenden Gäste, z.B. den aszetischen Priester und Büßer Louis-Firmin Tournus, der nach einem Akt der Bekehrung von einem bequemen, ja üppigen Leben eines hochbepfründeten Pfarrherren ruhelos ganz Frankreich auf der Suche nach dem strengsten Klosterleben durchwanderte und nach 1715 zeitweilig in Saint Magloire lebte, bevor er für einige Zeit zum Seelenführer des bienheureux Diacre wurde. Dann trieb es ihn, der sich für le plus scélérat de tous les hommes hielt, wieder weiter52. Wir müssen leider hier darauf verzichten, alle in unseren Nekrologen gerühmten Bewohner, Studenten, Professoren und Direktoren von Saint-Magloire vorzustellen. Eine wichtige Rolle spielte unter ihnen noch Père Vidien Laborde, dessen Buch Du Temoignage de la Verité hoch geschätzt wurde53, der aber am Ende schwach wurde und auf den Wegen des Kard. de Noailles wandelte, die wandelbar waren.

Drittens ist natürlich die Theologische Fakultät von Paris zu nennen, wo es bis zu ihrer zwangsweisen Gleichschaltung im Jahre 172954 gelegentlich ← 26 | 27 eine Mehrheit von augustinistisch und thomistisch, besonders aber antijesuitisch gesinnten Doktoren gab.55 Wer eine maßgebliche Rolle in der Verteidigung der Wahrheit spielen wollte, sollte den Doktorhut in Paris erworben haben, nach langwierigen und langjährigen Studien, die nach den Humaniora (bis zum Magistergrad) und dem Baccalaureus Theologiae und dem besonders prüfungsintensiven Lizentiatengrad noch weitere Formalitäten vor der Überreichung des theologischen Doktorhutes verlangten56. Ob hier immer alles so heiß gegessen wie gekocht wurde, steht dahin. Frühneuzeitliche Universitäten kannten den Unterschied von Theorie und Praxis nur zu genau. Nebenbei bemerkt, gab es eine Doktorarbeit im Sinne des 20. Jahrhundert nicht. Der ganze Schwerpunkt lag auf den viele Stunden dauernden mündlichen Examen, in denen enorme Wissensmassen von dem Kandidaten abgefragt, sicher aber auch schon vorher abgesprochen wurden. Wenn man die Theologie als eine Wissenschaft betrachtet, die vor allem die Aneignung Heiliger Schriften und deren Tradierung und Kommentierung durch die Jahrhunderte hindurch, dann die Vergleichung aller Kommentierungs-Schulen, stets in den drei biblischen Sprachen, und im Hinblick auf zahlreiche Konzilsentscheidungen und so weiter, zum Gegenstand hat, dann wird man diese Art von Studium für angemessen erachten können. Sie entsprach auch der Art und Weise, wie im Judentum und Islam Theologie studiert wurde. Unser dritter hier neu edierter Text, also die Tetraples, ist ein Beispiel für eine solche Art von Traditionsvergleichung als Kern jeder Argumentation. Die Doctores parisienses waren geborene Kandidaten für Bischofsstühle (hier allerdings vom Adel übertroffen), eher noch für Generalvikariate, Offizialate, Domdignitäten und anderen Ehrenstellen im ← 27 | 28 ganzen Königreich und nicht zuletzt auch für die hochgeschätzten, teils auch reich bepfründeten Stadtpfarreien in Paris.57

Das jansenistische Paris in der Epoche von 1640 bis 1730 hat aus der Feder von Marie-José Michel eine umfassende Darstellung gefunden, welche für die Zeit von 1709 bis 1730 zwei sehr schätzenswerte Abschnitte (pp. 189-204 und 387-442) bietet. Da die Autorin aber nicht auf den Inhalt von Unigenitus eingeht, ist es unverzichtbar, wenn nach den hier edierten neun fundamentalen Dokumenten aus den Jahren 1713 bis 1726 und einem weiteren von 1788 auch noch 15 Lebensläufe der daran beteiligten Theologen ediert werden, von denen die wenigsten bei Marie-José Michel und zahlreichen anderen neueren Jansenismusforschern auftauchen, geschweige denn vertieft behandelt werden. Die Lebensläufe von 50 jansenistischen Bischöfen habe ich in dieser Buchreihe zuletzt ediert, so dass ich zu ihnen hier nichts weiter zu bemerken brauche.

Die Entstehungszusammenhänge unserer zehn theologischen Dokumente werden jeweils in der speziellen Einleitung zu ihnen soweit möglich nachgewiesen. Im Wesentlichen geht es dabei um die Frage, wer ihr Autor, Ko-Autor, Revisor oder auch nur Hilfskraft beim Zusammensuchen der theologischen Beweisstellen war. Die Kenntnisse dazu verdanken wir wiederum nur den jansenistischen Schriftstellern selbst. Solches Wissen musste vor 1750-60 natürlich geheim bleiben; erst danach hatten die Jesuiten nicht mehr die Macht, ihre Gegner in die Bastille oder an einen Verbannungsort an der westlichen Küste der Bretagne zu schicken. Der Umschlag erfolgte, wie erwähnt, in den frühen und mittleren Jahre dieses Jahrzehnts, als das Parlament von Paris dazu überging (im Gegenzug zu den hunderten verbannten Jansenisten), Pfarrer, welche Leugnern der Bulle Unigenitus die Sterbesakramente verweigerten, zu verban ← 28 | 29 nen und ihrer Stellen zu berauben. Erst jetzt konnte daran gedacht werden, ohne größeres Risiko, wenngleich selbstverständlich immer noch anonym, die jansenistischen Martyrologien weiterzuführen. Dies waren die biographischen Sammelwerke der Pariser Weltpriesters Cerveau und Barral, sowie des Oratorianers Labelle. Sie helfen uns bei der Recherche nach anonymen Autoren; so wie auch die Nachrufe etlicher Gottesgelehrter in den Nouvelles Ecclésiastiques, und last not least, das berühmte Werk des Bibliographen A. A. Barbier zu den Anonyma und Pseudonyma der gesamten Druckgeschichte, welches einen markant jansenistischen Hintergrund hatte.58

Wir sehen uns dazu eine in ihrer Art singuläre Schrift an, in der Christophe Coudrette (1701-1774), einer der unermüdlichsten Skribenten des späten Jansenismus anno 1753 die Entstehungsgeschichte und den unvergänglichen Wert eines der in Jansenistenkreisen am meisten geschätzten Buches darlegte: Histoire et Analyse du livre de l’Action de Dieu59. Er war ein Schüler Boursiers und, wie man scherzhaft sagte, der Aide-de-Camp des Abbé Pucelle60 antijesuitischen Andenkens, sowie Autor einer tausende Seiten umfassenden Hi ← 29 | 30 stoire générale des Jésuites,61 über deren Abfassung er erblindete. Echte Jansenisten können darin nur einen besonderen Gnadenerweis Gottes erkannt haben (man denkt heute unwillkürlich an Miltons berühmtes Gedicht). Das gleich näher behandelte Werk Boursiers bildete mit den Hexaples und dem Buch Du Temoignage de la Verité die Trias der am höchsten geschätzten jansenistischen Bücher des 18. Jahrhunderts.

Coudrette zeichnet den Weg genau nach, der von der ersten Anregung des Oratorianers Fouquet an seinen Schüler Boursier bis zur Veröffentlichung des Werkes L’Action de Dieu sur les créatures im Jahre 1713 durchlaufen wurde. Nachdem das erste Manuskript schon 1000 Blätter umfasste, und Anfang 1711 in den Händen der ersten Revisoren war, muss man den Beginn der Arbeit auf ca. 1708 verlegen. Stark abgekürzt gesagt, waren es folgende Theologen, die das Manuskript vor der Veröffentlichung zur Revision eingereicht bekamen:

  1.  Père Fouquet, der das Anonymat Boursiers bis 1714 schützte, und der mit ihm zusammen die drei Theologen bestellte, die freiwillig und ohne Honorar die Prüfung einer umfangreichen anonymen Arbeit übernahmen, nämlich:

  2.  Die drei Hauptrevisoren Duguet, Witasse und d’Étemare.

  3.  Der Theologe Louail, der die drei Hauptrevisoren mit Père Fouquet in Kontakt hielt und die Manuskripte und Korrekturanregungen verwaltete.

  4.  Der Oratorianer Hersant62, der einen Konflikt d’Étemares mit dem noch anonymen Boursier beilegte. Es erwies sich, dass Boursier mit seiner streng thomistisch-systematischen Vorgehensweise nicht voll die Zustimmung d’Étemares fand. Dieser dachte bekanntlich streng biblisch und lehnte zu tiefe philosophische Spekulationen über den Willen Gottes ab.

  5.  Père Quesnel in Amsterdam, der die Einzelrevision dem

  6.  Dr Petitpied überträgt, der auch den Druck besorgt, nachdem ← 30 | 31

  7.  Le Réverénd Père Henri de S. Ignace de l’Ordre des Carmes, ancien Provincial & Lecteur émerite en Theologie,63

  8.  Révérend Père Norbert d’Elbecque Docteur en Théologie, ci-devant premier régent des Etudes à Louvain, & Prieur des Dominicains à Namur64 und

  9.  M. van Ertborn Licentié en Théologie, Chanoine gradué de l’Eglise d’ Anvers, & Censeur des Livres, zustimmende Gutachten abgefasst hatten.

  10. Der königliche Zensor in Paris d’Arnaudin, Docteur de Sorbonne, beauftragte Professor Witasse mit der Zensur, nachdem ein königliches Privileg beantragt worden war. Witasse schließlich beauftragte niemand anderen als den Autor

  11. Boursier mit dem Gutachten, wobei zu vermuten ist, dass Witasse inzwischen dessen Urheberschaft erfahren hatte.

Insgesamt wenigstens 12 verschiedene Theologen hatten also den Text des als Meisterwerk angesehenen Buches des noch relativ jugendlichen Boursier bearbeitet oder wenigstens eingesehen, und das Zentrum des Geschehens war das Seminar von Saint-Magloire und die Oratorianerkongregation. Die höchsten Autoritäten aber waren damals Duguet und Witasse, ein Oratorianer und ein Professor an der Sorbonne. Nebenbei, von einer bischöflichen Vorzensur, wie sie im 19. und 20. Jahrhundert selbstverständlich wurde, und mittels derer viele modernistische Theologen bereits lange vor einer Einschaltung des Index Romanus behindert werden konnten, war nie die Rede. Kardinal de Noailles fasste vielmehr bald ein so großes Vertrauen zu Boursier, dass er ihn damit beauftragte, die Verhandlungspunkte zu entwerfen, mit denen er seine Abgesandten nach Rom ausstattete, um den Papst zu einer Interpretation seiner Bulle zu bewegen.65

Dieses Beispiel wurde gewählt, weil es uns den genauen Ablauf der Entstehung wichtiger jansenistischer Schriften im Paris unserer Epoche, also der ← 31 | 32 Jahrzehnte von 1690 bis 1730 liefert. Bei anderen jansenistischen Werken kennen wir zwar die Namen der Mitarbeiter, aber wenig oder nichts über den Prozess des Wachstums der jeweiligen, öfters vielbändigen Opera. Bei vielen zentralen (Einzel-)Dokumenten kennen wir nur dies: die Mitarbeit eines Theologen an einer bischöflichen Verlautbarung. Diese wichtige Struktur sehen wir uns anhand von Dr Petitpied etwas näher an.

In der ausführlichen biographischen Würdigung, die Nivelle seiner Edition von Petitpieds posthumen Hauptwerkes, dem Examen pacifique, vorangestellt hat, behandelt er detailliert die schriftstellerische Tätigkeit seines alten Freundes und Kampfgenossen.66 Zweimal wurde Petitpied zum Autor von bischöflichen Hirtenbriefen, zuerst in den Jahren 1722 bis 1727 für Mgr. de Lorraine, Bischof von Bayeux, das andere Mal im Jahre 1737 für Mgr. Bossuet, Bischof von Troyes. Für Mgr. de Lorraine verfasste er fünf Hirtenbriefe gegen die Jesuiten in seiner Diözese und einen öffentlichen Brief an den König, für Bossuet drei Hirtenbriefe.67 Damit erreichte er zwar nicht die Wirkungsmacht Boursiers, der als Chefautor der Appellanten fungierte, aber doch eine beachtliche Resonanz, denn alle diese acht Dokumente waren grundsätzlicher Natur und überdies flankiert durch gleichzeitige Texte für die Pariser Pfarrer und gegen die Avertissemens des Bischofs Languet, des einzigen Autor der Unigenitus-Front, der von den Jansenisten gefürchtet wurde. Boursier – und dies war prestigeträchtig – schrieb einige Hirtenbriefe für Mgr de Senez; Cadry arbeitete für denselben Bischof, und von Pater Laborde wissen wir, dass er – allerdings viel später – Hirtenbriefe für die Bischöfe von Carcassonne und von Soissons verfasste.68 Abbé Jean-Baptiste Gaultier (1685-1755) arbeitete für Mgr de Boulogne (de Langle) sogar als Generalvikar,69 später für den Bischof von Montpellier. Der in Paris lebende Leonard Dilhe diente Colbert de Croissy als Agent und vermittelte zweifellos sachkundige Hilfe70. Viele ähnliche Autorschaften sind mir mit Sicherheit unbekannt geblieben. ← 32 | 33

Für einen Bischof war es gerade nicht ein Armutszeugnis, bedeutende Theologen heranzuziehen, sondern ein Beweis für seine verantwortungsvolle Haltung. Aber natürlich bildeten jene Oberhirten, die völlig selbständig die orthodoxe Lehre gegen die Irrtümer ihrer Zeit zu verteidigen wussten, eine Elite für sich, an deren Spitze für immer Bossuet von Meaux stand. Man riskiert aber keinen Fehlgriff, wenn man behauptet, dass es solche Männer häufiger unter den Jansenisten gab, als unter den Konstitutionaristen, die mangels intellektueller Masse zwangsläufig auf ihre Jesuiten angewiesen waren. Ja es war wohl sogar umgekehrt: ein bedeutender Bischof rühmte sich in seinem Hirtenbrief, dass er die lumieres von bedeutenden Theologen in reichem Maße herangezogen habe; so Kardinal de Noailles , der in seiner Instruction pastorale von 1714 erwähnte, dass er das gesamte Wissen, das er in seiner Diözese angetroffen habe, zu seiner Unterstützung genutzt hätte. Er deutet geradezu eine Vielzahl von Doktoren, Prälaten und Bischöfen an, denen er den Text seines Hirtenbriefes zur Korrektur und Zustimmung vorgelegt habe; ein vielleicht einzig dastehendes Zeugnis.71

Dass ein Bischof ganz alleine einen doktrinellen Hirtenbrief verfasste oder ein Buch verdammte, ist mir in unserem speziellen Zusammenhang nicht begegnet, obwohl es zweifellos einige Oberhirten gab, die dazu in der Lage waren, z.B. Languet auf der einen und de la Broue auf der anderen Seite (obwohl auch sie Gehilfen hatten). Der fast tragische, vielleicht auch lächerliche Fall des späteren Kardinals de Bissy ist hier instruktiv: jahrelang sammelte er Material für eine General-Widerlegung des Jansenismus, zog sich wochenlang mit und ohne seine Berater Societatis Jesu zurück, um zu studieren und zu schreiben, ohne aber fertig zu werden. Schon ein erster Hirtenbrief gegen den Jansenismus (1710) hatte geringe Freude bei seinen Parteifreunden ausgelöst.72 Erst als er seine Materialien dem Jesuiten Thomas Dupré übergab, schaffte dieser es in kurzer Frist, das Werk fertig zu stellen, ohne dass es abermals bei ihrer eigenen Partei auf großen Anklang gestoßen wäre; zu umfangreich und schwerfällig war es geworden.73 Vorher wurden Bissys Hirtenbriefe von dem ← 33 | 34 Jesuiten Doucin verfasst, insbesondere die Verurteilung des Oratorianers Juenin.74

Zusammenfassung

Die Verdammung des jansenistischen Theologen Pasquier Quesnel durch Papst Clemens XI. fand scharfen Widerspruch bei vielen französischen Autoren. Hier werden zentrale Texte dieser Kritik zusammen mit 15 Lebensläufen der Opponenten erstmals übersichtlich zusammengeführt.

Details

Seiten
574
ISBN (PDF)
9783631785393
ISBN (ePUB)
9783631785409
ISBN (MOBI)
9783631785416
ISBN (Hardcover)
9783631784372
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (April)
Schlagworte
Papsttum Zensur Jansenismus Louis XV. Frankreich
Erschienen
Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2019. 23 s/w Abb.

Biographische Angaben

Christoph Weber (Autor:in)

Christoph Weber studierte Katholische Theologie, Philosophie sowie Mittelalterliche und Neuere Geschichte an den Universitäten Bonn und Trier. Er war Professor für Neuere Geschichte an der Universität Düsseldorf und publiziert insbesondere zur neuzeitlichen Papst- und Kirchengeschichte.

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Titel: Unigenitus Dei Filius