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Kontinuitäten und Brüche

Albanien und die deutschen Staaten 1912–2019

von Matthias Dornfeldt (Band-Herausgeber) Enrico Seewald (Band-Herausgeber)
Sammelband 218 Seiten

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Hans-Jürgen Müller: Vorwort
  • Matthias Dornfeldt und Enrico Seewald: Einleitung
  • Marenglen Kasmi: Die deutsch-albanischen Beziehungen 1912–19391
  • Matthias Dornfeldt und Enrico Seewald: Die deutsch-albanischen amtlichen Beziehungen
  • Michael Schmidt-Neke: Albanien unter deutscher Besatzung im Spiegel deutscher Erinnerungsliteratur
  • Paskal Milo, übersetzt von Delina Binaj: Kapitel IV: „Das stalinistische Albanien und das sowjetische Deutschland“ aus dem Buch „Albanisch-Deutsche Kreuzungen“
  • Georg Herbstritt: Sigurimi und Stasi – über die kurzzeitige Geheimdienstallianz zwischen Albanien und der DDR in den Jahren 1955 bis 1961
  • Peter Spary: Anmerkungen zur Gründung der Deutsch-Albanischen Wirtschaftsgesellschaft
  • Hellmut Hoffmann: Drei Jahre deutscher Botschafter in Albanien 2013 – 2016
  • Susanne Schütz: Die weiteren Schritte zur Integration Albaniens in die Europäische Union
  • Liste der Herausgeber und Autoren sowie der Übersetzerin

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Vorwort

Für die meisten Deutschen ist Albanien noch immer ein unbekanntes Land. Trotz steigender Touristenzahlen, allerdings von niedrigem Niveau, und trotz neuer Reiselektüre, bleibt das Land in all seiner Vielfalt terra incognita.

Wissenschaftliche Literatur über Albanien ist selten, zumal über die Vorkriegsgeschichte und die Zeit der kommunistischen Diktatur. Das vorliegende Buch, das die Deutsch-Albanische Wirtschaftsgesellschaft e.V. begrüßt und fördert, ist deshalb so wertvoll, weil es uns den politischen Rahmen eines Jahrhunderts aufzeigt, in dem wirtschaftliches Handeln und damit der immer wieder neue Aufbau bilateraler Wirtschaftsbeziehungen, stattfand. Die Herausgeber Matthias Dornfeldt und Enrico Seewald haben mit ihren Beiträgen zu den diplomatischen Beziehungen zwischen Deutschland und Albanien schon wertvolle Vorarbeit geleistet.

Heute steht Albanien in einem marktwirtschaftlich geprägten Wirtschaftssystem mit einer über die Assoziierung hinausreichenden immer engeren Anbindung an die Europäische Union. Albanien wird bald die offizielle Aufnahme von Beitrittsverhandlungen mit der EU begrüßen können. Diese positiven Entwicklungen sind durch die starke Entwicklungshilfe Deutschlands als wichtigstem Geberland für Albanien angestoßen worden. Dadurch konnten Wirtschaftswachstum und Außenhandelsverflechtungen gesteigert werden. Leider hat die Entwicklung der Privatwirtschaft und der privaten Investitionen bisher nicht dieselbe Aufmerksamkeit gefunden, so dass die Privatwirtschaft nicht ihre in einer Markwirtschaft übliche Rolle als Wachstumsmotor spielen kann. – Auch hier gibt das vorliegende Buch historische Einblicke und Rückblicke.

Natürlich gab es auch in der Zeit der kommunistischen Diktatur Wirtschaftsbeziehungen Albaniens nicht nur zur DDR sondern auch zu bundesrepublikanischen Unternehmen. Albanien hatte in dieser Zeit – ähnlich wie alle kommunistischen Wirtschaftssysteme – den Außenhandel mangels Devisen nur im Rahmen von Gegengeschäften zugelassen. Ware gegen Ware – Countertrade – war die Vorschrift. Für Unternehmen aus dem Westen waren – neben den schwierigen Reisemöglichkeiten und Visumserteilungen – vor allem das Auffinden albanischer Ware mit Vermarktungspotential im Westen überaus kompliziert. Gegenware wurde noch am ehesten in den Branchen des Bergbaus und der landwirtschaftlichen Produktion gefunden; Produktionssektoren, die auch heute noch unverändert interessant sind. Auf dieser Gegengeschäftsbasis wurde ein bescheidenes Außenhandelsvolumen auch in kommunistischer Zeit ←7 | 8→zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Albanien abgewickelt. Nicht verschwiegen werden darf dabei, dass für die albanische Staatsführung benötigte Güter wie Pharmaprodukte aus knappen westlichen Devisen in bar bezahlt wurden. Auch die wenigen Autos der Parteielite dürften kaum über Gegengeschäfte nach Albanien gekommen sein.

Die Aufarbeitung der kommunistischen Vergangenheit ist ein sehr wichtiger Bestandteil dieses Buches. Ohne Aufarbeitung kein Bruch mit der Vergangenheit und kein Aufbruch in eine freiheitliche Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung. Würde dieses Buch eines Tages um eine Studie zu den deutsch – albanischen Wirtschaftsbeziehungen ergänzt werden, ergäbe sich ein wünschenswert noch vollständigerer Überblick über die Interdependenz von politisch – geschichtlichen Rahmenbedingungen und den daraus resultierenden ökonomischen Beziehungen.

Hans-Jürgen Müller
Präsident der Deutsch – Albanischen Wirtschaftsgesellschaft e.V.

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Einleitung

Für ein deutsches Lexikon war Albanien 1908 „das wildeste, unzivilisierteste und unbekannteste Land Europas.“ Bald darauf entwickelte sich dieses Land zu einem international anerkannten Staat. Er nahm amtliche Beziehungen zu vielen Ländern auf, auch zu Deutschland. Der Besetzung Albaniens durch fremde Truppen im Zweiten Weltkrieg folgte eine fast fünfzigjährige kommunistische Diktatur. Seit deren Überwindung befindet sich Albanien auf dem Weg in die Gemeinschaft europäischer Staaten, in die es eigentlich schon vor hundert Jahren eingegliedert werden sollte.

Die amtlichen Beziehungen Albaniens zu Deutschland begannen ebenfalls vor etwa hundert Jahren. Paskal Milo hat diese lange Periode auf der Basis albanischer archivalischer Überlieferungen aufgearbeitet und in albanischer Sprache dargestellt. Eine deutsche Gesamtübersetzung seines Werkes existiert nicht, ebensowenig eine deutschsprachige Gesamtdarstellung zu den bilateralen Beziehungen. Delina Binaj hat ein Kapitel der Studie von Paskal Milo für unser Buch übersetzt. Die Herausgeber dieses Sammelbandes konnten ihre Forschungen dazu in der Zeitschrift für Balkanologie und in einer von der Deutschen Botschaft Tirana herausgegebenen zweisprachigen Broschüre publizieren. Marenglen Kasmi hat seinen ebenfalls in der Zeitschrift für Balkanologie erschienenen Beitrag für dieses Buch überarbeitet. Das Buch von Michael Schmidt-Neke über die albanische Königsdiktatur ist eines der wenigen Standardwerke zur albanischen Geschichte in deutscher Sprache. In unserem Band schildert er die deutsche Besatzungszeit nach den Erinnerungen einiger Militärs. Georg Herbstritt widmet seinen Beitrag der Kooperation der Geheimdienste Albaniens und der DDR. Die Kontaktaufnahme deutscher Unternehmer zu Albanien schildert Peter Spary, der Mitbegründer der Deutsch-Albanischen Wirtschaftsgesellschaft. Den letzten, aber vielleicht lebendigsten Beitrag bringt Hellmut Hoffmann, der seine Zeit als deutscher Botschafter in Tirana in den Jahren 2013 bis 2016 in positiver Erinnerung behalten hat. Unser Buch endet mit dem Schlusswort der jetzigen Botschafterin Susanne Schütz. Sie schildert die weiteren Schritte Albaniens auf dem Weg in die Europäische Union. Hilfe und Unterstützung dabei leistet die Deutsch-Albanische Wirtschaftsgesellschaft, die durch substanzielle Zuwendungen den Druck dieses Buches fördert.

Das vorliegende Werk ist in enger Abstimmung mit der albanischen Botschaft in Berlin und der deutschen Botschaft in Tirana erarbeitet worden. Der Botschafter der Republik Kosovo in Deutschland, Skender Xhakaliu, hat die ←9 | 10→Übersetzung des Kapitels aus dem Buch von Paskal Milo finanziert und der Forschungsverbund SED-Staat an der Freien Universität Berlin hat diesen Sammelband in seine Schriftenreihe aufgenommen. Dafür sind die Herausgeber sehr dankbar.

Nach dem Bericht des westdeutschen Botschafters Friedrich Kroneck über die „Politische Lage der Sozialistischen Volksrepublik Albanien“ vom 18. Dezember 1989 habe Albanien nach dem Zweiten Weltkrieg in erstaunlicher Weise seine Unabhängigkeit gewahrt, dafür aber den hohen Preis der Armut bezahlt. „Die sich in Europa abzeichnenden Umwälzungen werden auch Albanien nicht unberührt lassen. So oder so wird sich das Land den neuen Entwicklungen anpassen müssen und diese Anpassung wird von ihm eine enorme … Flexibilität verlangen, wenn es seinen Platz im 21. Jahrhundert finden und nicht wegen Zuspätkommens bestraft werden will. […] Es wäre tragisch, wenn dieses zwar verschlossene, rückständige und mißtrauische, im Grunde aber freundliche, ehrliche und liebenswerte Volk […] unter die zu kurz Gekommenen der Geschichte fallen würde.“ Es fiel nicht unter die zu kurz Gekommenen der Geschichte. In dem Vierteljahrhundert seit dem Ende der kommunistischen Diktatur hat Albanien eine beeindruckende Entwicklung genommen; möge es bald seinen Platz in der Europäischen Union einnehmen.

Berlin, im Frühjahr 2019
MATTHIAS DORNFELDT, ENRICO SEEWALD

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Marenglen Kasmi

Die deutsch-albanischen Beziehungen 1912–19391

Bis in die 1980er Jahre war Albanien das einzige europäische Land und eines der wenigen Länder der Welt, mit denen die Bundesrepublik Deutschland keine diplomatischen Beziehungen pflegte. Die Verhandlungen über deren Aufnahme begannen im April 1984 und endeten im Herbst 1987 mit der Errichtung der Botschaften in Bonn und Tirana. „Spät kamen Sie, doch sie kamen – bundesdeutsche Diplomaten nach Albanien“, schrieb Wolf Oschlies in seiner Studie über Albanien, in der er den jüngsten diplomatischen Partner Westdeutschlands vorstellte.2 Aber wodurch waren die deutsch-albanischen Beziehungen vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis zum Ende der 1930er Jahre bzw. bis zur italienischen Okkupation Albaniens gekennzeichnet?

In einer Gesamtbewertung, einschließlich der Zeit des Zweiten Weltkrieges, können die deutsch-albanischen Beziehungen in drei Perioden eingeteilt werden.

Die erste Phase dauerte von 1900 bis zum Ersten Weltkrieg. In dieser Zeitspanne unterstützte die deutsche Politik die außenpolitischen Interessen Österreich-Ungarns in Albanien. Allerdings zögerten Kaiser Wilhelm II. und seine Regierung in kritischen Momenten nicht, gegen österreichische Interessen zu entscheiden, um das Gleichgewicht zwischen den europäischen Mächten aufrechtzuerhalten.

Die Zeit zwischen den Weltkriegen bildete eine zweite Periode, in der die deutsch-albanischen Beziehungen durch die zunehmende politische, wirtschaftliche und militärische Einmischung Italiens in Albanien gekennzeichnet waren. Seit Anfang der zwanziger Jahre, lange Zeit bevor von einer Teilung der Einflusssphären auf dem Balkan zwischen Hitler und Mussolini die Rede sein kann, zielte die deutsche Albanienpolitik darauf ab, eine Kollision zwischen der Tätigkeit ←11 | 12→deutscher Unternehmen und italienischen Interessen zu verhindern. Vor diesem Hintergrund lässt sich in den Grundzügen der deutschen Außenpolitik dieser Phase eine ältere Kontinuität politischen Desinteresses an Albanien feststellen – angefangen vom Berliner Kongress 1878 über die Londoner Botschafterkonferenz 1912–1913 bis in die Jahre 1920–1930. Das beste Beispiel hierfür ist die Debatte im Reichstag vom 14. Mai 1914 über den Etat des Auswärtigen Amtes. Der deutsche Prinz Wilhelm zu Wied herrschte zu diesem Zeitpunkt schon seit über zwei Monaten in Albanien. Der sozialdemokratische Abgeordnete Hermann Wendel meinte dazu, der Prinz habe sich dort „als Privatmann in ein Privatabenteuer gestürzt; denn für das deutsche Volk in seiner Gesamtheit ist es viel wichtiger, ob nächsten Sonntag gutes Wetter ist, als was mit Albanien samt seinem Mbret [albanisch für König] da unten geschieht. (Heiterkeit.)“3

In den frühen 1920er Jahren entstand in deutschen Wirtschaftskreisen im Gegensatz zur Politik ein gewisses Interesse an Albanien. Jedoch ging die Aktivität der deutschen Unternehmen in Albanien im Laufe der Jahre aufgrund der italienischen Konkurrenz zurück.

Obwohl das Dritte Reich die italienische Annexion Albaniens 1939 anerkannt hatte, war Hitler aufgrund wichtiger strategischer Überlegungen bereit, ein Abkommen auf Kosten Italiens bzw. Albaniens mit Griechenland zu schließen. Als der italienisch-griechische Krieg 1940–1941 ins Stocken geriet, versuchte Admiral Wilhelm Canaris auf Hitlers Befehl im Dezember 1940 mit dem griechischen Gesandten in Madrid eine Vereinbarung zu treffen. Das Deutsche Reich wollte Truppen nach Albanien entsenden und zur Beendigung des italienisch-griechischen Krieges beitragen. Anschließend hätte Griechenland alle eroberten albanischen Gebiete in Südalbanien erhalten, falls die griechische Regierung die Neutralität Griechenlands erklärt und die Präsenz der englischen Marine in griechischen Gewässern nicht mehr geduldet hätte.4 Jedoch zeigte sich die griechische Regierung unter diesen Bedingungen nicht bereit zum Verhandeln.

Die dritte Periode der deutsch-albanischen Beziehungen stellt schließlich die deutsche Besetzung Albaniens in den Jahren 1943–1944 dar. Sie ist gleichzeitig auch der Höhepunkt der wechselseitigen Beziehungen. Im Gegensatz zu den ersten zwei Perioden ist die 14-monatige deutsche Herrschaft in Albanien durch konkrete politische, wirtschaftliche und militärische Aktionen gekennzeichnet.

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Die Geschichte deutsch-albanischer Beziehungen mit ihren Besonderheiten und Problematiken ist sowohl in der deutschen als auch in der albanischen Historiographie bisher wenig berücksichtigt worden. Zudem erschweren immer noch vorherrschende stereotype Vorstellungen einen wissenschaftlichen Zugang. Jedoch lassen sich die Beziehungen in der Zeitspanne 1912–1943 anhand der Akten des Politischen Archivs des Auswärtigen Amtes und des Bundesarchivs in Berlin-Lichterfelde gut schildern. Besonders hilfreich war die Überlieferung der Mission in Tirana, die nicht nur Auskunft über die Entstehung der deutsch-albanischen diplomatischen Beziehungen geben, sondern auch über die politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Beziehungen Albaniens zu Deutschland und anderen Staaten, vor allem zu Italien und Jugoslawien, berichten. Die spärlichen Akten der albanischen Archive bzw. des Archivs des albanischen Außenministeriums über die deutsch-albanischen Beziehungen helfen das Bild vervollständigen, obwohl eine Auswertung dieses Archivbestandes zu keiner neuen Erkenntnis geführt hat.

Biographische Angaben

Matthias Dornfeldt (Band-Herausgeber) Enrico Seewald (Band-Herausgeber)

Matthias Dornfeldt, Studium der Politischen Wissenschaften, Doktorand, Dozent für Diplomatie und Energiepolitik, externer Mitarbeiter am Forschungsverbund SED-Staat an der Freien Universität Berlin, zahlreiche Publikationen zu diplomatiebezogenen Themen sowie zur Energie- und Rohstoffpolitik. Enrico Seewald, Studium der Politischen Wissenschaften, Dozent für Diplomatie, Wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Forschungsverbund SED-Staat an der Freien Universität Berlin, zahlreiche Publikationen zur Geschichte der deutschen Diplomatie.

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Titel: Kontinuitäten und Brüche