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Epischer Renaut alias heiliger Reinoldus im Lichte einer Radiocarbon-Datierung

von Gustav Adolf Beckmann (Autor:in)
Monographie 114 Seiten

Zusammenfassung

Nicht, wie man annahm, aus dem 11. oder frühen 12., sondern laut Radiocarbon-Datierung aus dem 7. oder frühen 8. Jahrhundert stammt die Dortmunder Reliquie des Hl. Reinold, also des epischen Renaut de Montauban. Damit muss die Vor- und Frühgeschichte sowohl des berühmten Epos als auch der parallelen, zwar weniger bekannten, aber ebenfalls faszinierenden Heiligenlegende neu durchdacht werden.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Vorwort
  • Inhalt
  • Abstract
  • I. Der heilige Reinoldus: sein Todesdatum
  • II. Der epische Renaut: seine Historizität
  • III. Das Verhältnis der beiden Todesdaten
  • IV. Das Dossier des heiligen Reinoldus: vor 1300
  • V. Das Dossier des heiligen Reinoldus: nach 1300
  • a) ‚Die‘ (Prosa-) Legende von St. Reinold
  • b) Zwei hybride Texte: die Verslegende und die ripuarische Histôrie (samt ihrer Übersetzung ins Lat.)
  • c) Das Reimoffizium
  • d) Martyrologien und Ähnliches
  • e) Marginale Zeugnisse
  • f) Die drei Phasen der Sankt-Reinold-Verehrung
  • VI. Vergleich: Die Hagiographie und der Schlussteil des Epos
  • a) Der Reinoldus der Hagiographie als Sohn des epischen Haimo
  • b) Absolute Daten?
  • c) In Köln: Reinold nicht weltlicher Bauarbeiter, sondern Mönch, der Heilungswunder auslöst, dann Bauaufseher
  • d) Nicht der Dom, sondern Sankt Pantaleon und Sankt Reinold
  • e) Reinolds Leichnam: nicht in den Rhein, sondern in einen Pfuhl
  • f) Die Bergung: nicht durch ein Naturwunder, sondern durch ein Heilungswunder
  • g) Die Translation von Köln nach Dortmund: nicht sogleich, sondern nach Jahrhunderten – sehr wahrscheinlich im 11. Jahrhundert
  • h) Nur in der Legende: Rupelrath
  • i) Reinold nicht zu Lebzeiten nach Dortmund
  • VII. Zusammenfassung
  • VIII. Bibliographie
  • Textanhang: Die lat. Reinold-Legende

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Abstract

‘The epic Renaut, alias Saint Reinold, in the light of radiocarbon dating’

Towards the end of the 20th century, many scholars assumed that the Dortmund Reinold relics were the remains of a person from the 11th or early 12th century. Consequently, the Reinold legend would have to be a pious fraud. This view, however, became untenable in 1999, when C-14 radiocarbon dating was used on the main relic. Within a realistic, sufficiently broad interpretation of the method, the measurement of the relic resulted in a date range including the death date (from 720 to about 750) which the ‘traditionalist’ theory (as established by Longnon) ascribes to the eponymous hero of Renaut de Montauban. This suggests that the ‘hagiographical’ and the ‘epic’ Reinold are one and the same person (a view against which in any case no valid argument has ever been forwarded), and it largely offsets the central weakness of the Longnon theory, namely the lack of historical evidence for the protagonist.

There is sparse but coherent evidence of the hagiographical tradition from the 10th century onwards, first in Cologne, later also in Dortmund. The version we have today in the form of the Latin prose legend was probably written down in the 13th century in Dortmund.

This version starts off by following the epic tradition and situating the hero in a large family which is part of the inner circle around Charles (certainly Charlemagne), but thereafter it is not interested in his worldly life, instead moving directly on to his arrival in Cologne, the place where he was martyred.

From this point onwards, the epic and hagiographical traditions run in parallel until the translation of the remains to Dortmund, where the story ends, but their realisation is very different.

In fact, the hagiographical tradition is historically the more probable: Reinold, far from working as a simple construction labourer, had become a monk, and was therefore a supervisor of the labourers; the building work was done not on the Cathedral, but in the service of Saint Pantaleon; Reinold’s body was not thrown into the Rhine, but into a murky pool; the translation from Cologne to Dortmund did not happen immediately, but centuries later – most likely in the 11th century; the Reinold Chapel at ←9 | 10→Rupelrath, not mentioned in the epic, is accounted for in the local tradition of Cologne; Reinold did not reach Dortmund during his lifetime (contrary to the French tradition). These differences can be easily explained: the epic tradition was formulated with minimal historical knowledge and very far from Cologne, in the French-speaking region, then reformulated in the Dutch-speaking region, whereas the hagiographical tradition emerged out of the unbroken collective memories of the town of Cologne.

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I. Der heilige Reinoldus: sein Todesdatum

Im Jahre 1999 wurde das Alter einer Dortmunder Reinoldus-Reliquie nach der C14-Methode (Radiokarbon-Methode) bestimmt. Das Ergebnis, obwohl frappant, fand in der Forschung so gut wie gar keinen Widerhall – meines Erachtens zu Unrecht. Hier sei versucht, das Versäumte nachzuholen.

Zwischen 1792 und 1982 besaß Dortmund keinerlei Reinoldus-Reliquie mehr. Zunächst ist also sicherzustellen, dass die untersuchte Reliquie überhaupt zu jenen Reinoldus-Reliquien gehört, die zu besitzen man im mittelalterlichen Dortmund – etwa des 13./14. Jh. – stolz war.

Wer häufiger mit Reliquien zu tun hat, weiß, dass die Behauptung, an einem bestimmten Ort befänden sich ‚die‘ Reliquien eines Heiligen, kaum je deren Gesamtheit meint. Aufgrund des allgemein-mittelalterlichen Glaubens, dass jeder noch so kleine Teil des heiligen Körpers Heilskraft besitze, war bei jeder sich bietenden Gelegenheit die Versuchung groß, erlaubt oder unerlaubt ein kleines Stück von der oder den Reliquien abzuzweigen, unter Umständen sogar weiter zu verteilen oder einzutauschen.1 Wenn sich somit in Köln Reinold-Reliquien nicht nur im St.-Reinoldus-Klösterlein laut seiner Reliquienliste von 1449, sondern nach späteren Quellen auch in St. Pantaleon, St. Mauritius und zumindest drei weiteren Kirchen befanden,2 so darf man annehmen, dass diese nach Reinolds Martyrium, welches ja zufolge dem einhelligen Zeugnis aller – hagiographischen wie epischen – Quellen in Köln stattfand, in der Stadt verblieben waren. Sie, und vereinzelte ←11 | 12→Reinoldus-Reliquien anderswo,3 tun also der Tatsache keinen Abbruch, dass ‚der Heilige‘‚ eben der Großteil seines Körpers, von Köln in die Dortmunder Hauptkirche transferiert wurde – zu einem schwer bestimmbaren Zeitpunkt, doch jedenfalls, bevor diese archäologisch seit dem 10. Jh. nachweisbare Kirche endlich 1238 durch die Nennung eines magister Johannes sacerdos ecclesie beati Reynoldi ihr Patrozinium zu erkennen gab.4

Dortmund verlor seine Reliquien essentiell in drei Akten, nämlich in den Jahren 1377, 1614 und 1792.5

Details

Seiten
114
ISBN (PDF)
9783631805336
ISBN (ePUB)
9783631805343
ISBN (MOBI)
9783631805350
ISBN (Hardcover)
9783631798973
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (November)
Schlagworte
Renaut-Epik Reinoldus-Hagiographie Epen-Vorgeschichte Reinoldus-Edition Legende
Erschienen
Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2019. 114 S., 7 s/w Abb.

Biographische Angaben

Gustav Adolf Beckmann (Autor:in)

Gustav Adolf Beckmann studierte Romanistik, Mittellatein und (speziell Alt-)Anglistik, ist Ordinarius i.R. für Romanistik (historische Linguistik und Mediävistik) und Autor zahlreicher Veröffentlichungen vor allem zur altfranzösischen Epik, speziell zu ihrer Vorgeschichte und Onomastik.

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Titel: Epischer Renaut alias heiliger Reinoldus im Lichte einer Radiocarbon-Datierung