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Vielfalt – Lebenszusammenhang und Herausforderung

Pädagogik, Theologie und Soziologie im Gespräch

von Dirk Oesselmann (Band-Herausgeber:in) Georg Wagensommer (Band-Herausgeber:in) FIVE - Forschungs- u. Innovationsverbund (Band-Herausgeber:in)
Sammelband 174 Seiten

Zusammenfassung

Der Mensch ist kontinuierlich herausgefordert, sich in Begegnung mit vielfältigen sowie vielfältig zu ergründenden Lebensausdrücken zu verhalten. Auch in der professionellen Praxis in religiösen Gemeinden, im Gemeinwesen, aber auch in internationalen Kontakten zeigt sich der Umgang mit Vielfalt als herausfordernd. Dieses Buch stellt den Versuch dar, sich dem Thema Vielfalt zu nähern. Im Hintergrund stehen Überlegungen im Umfeld hochschulischer Ausbildung der Religions- und Gemeindepädagogik sowie der Sozialen Arbeit und Pädagogik der Kindheit.
Mehrere Texte dieser Publikation basieren auf Erfahrungen eines langjährigen Austauschprogramms der Evangelischen Hochschulen Rheinland-Westfalen-Lippe und Freiburg mit der Universidade da Amazônia, finanziert durch das UNIBRAL-Programm des DAAD und fachlich begleitet von der Arbeitsstelle Globales Lernen an Evangelischen Hochschulen, gefördert aus Mitteln vom Evangelischen Entwicklungsdienst / Brot für die Welt.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titelseite
  • Impressum
  • About the Author
  • About the Book
  • Widmung
  • Inhaltsverzeichnis
  • Hinführung
  • Dirk Oesselmann und Georg Wagensommer
  • Teil I: Wissenschaftliche Perspektiven
  • Vielfalt als Kategorie interkulturellen Verstehens: Interkulturelles verstehen – interkulturelles Verstehen?
  • Post-Moderne und Post-Koloniale Biblische Hermeneutik. Für eine mystagogische Hermeneutik
  • Wozu Vielfalt? Diversity und Ethik
  • Christliche Gemeinde in einer pluralen Welt. Auf den Spuren einer pluralitätsfähigen und engagierten Gemeindepädagogik
  • Soziale Inklusion: Mehr als ein Zauberwort?
  • Umgang mit Diversität als unterrichtliche Handlungskompetenz des Lehrenden und Lernenden
  • Einheit in Vielfalt – Von W(w)egen. Theologische und strukturelle Vielfalt als Kennzeichen protestantischen Kirche-Seins
  • Pluralitätsfähigkeit als An- und Herausforderung für die Religionsdidaktik
  • Teil II: Persönliche Perspektiven
  • Salze meinen inneren Körper, damit ich diesen Ort nicht vergesse! Von der Flussschule zum Studium in Deutschland
  • Viel Erstaunen und viele Fragen
  • Genderperspektiven im internationalen Dialog unter besonderer Berücksichtigung sexueller Gewalt: Eurozentrisch oder universell?
  • Ich komme mit mehr Fragen zurück, als ich hingefahren bin ... Erfahrungen mit einem Lehraufenthalt an der UNAMA, Belén, im Rahmen des UNIBRAL-Programms
  • Kann man irgendwann ankommen? Zwischentöne einer Selbstreflexion
  • Verzeichnis der Autorinnen und Autoren

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Hinführung

Dirk Oesselmann und Georg Wagensommer

„Vielfalt“ ist ein Begriff, der die aktuelle Weltwahrnehmung beschreiben kann. Bewusst wurde dieser Begriff von den Herausgebern gewählt, da er anders als „Differenz“ oder „Diversity“ nicht auf die Unterschiede, sondern einfach auf Lebenszusammenhänge von komplex gearteten, „bunten“ (Zulehner, 2011) Formen hinweist. Diese können teils anders, teils gleich, teils undurchdringlich, teils schimmernd sein. Sie machen aber in jedem Fall deutlich, dass der einzelne Mensch kontinuierlich herausgefordert ist, sich in Begegnung mit vielfältigen sowie vielfältig zu ergründenden Lebensausdrücken zu verhalten.

Hintergrund für diesen Sammelband sind Überlegungen im Umfeld hochschulischer Ausbildung der Religions- und Gemeindepädagogik sowie der Sozialen Arbeit und Pädagogik der Kindheit. Aus dem prägenden Eindruck professioneller Praxis im Gegenüber mit dem Anderen in religiösen Gemeinden, im Gemeinwesen, aber auch in internationalen Kontakten zeigt sich der Umgang mit Vielfalt in sehr verschiedenen Dimensionen als herausfordernd: in der konkreten Begegnung mit Menschen anderer Kulturen und Religionen, in der Möglichkeit von Kommunikation über Lebensfragen, in Bezug auf die Komplexität von Wahrnehmungen und Deutungen von Lebenswelten, in der Suche nach Wahrheit, in der Begrenztheit und Bedingtheit eigener Existenz. Schon aus diesen ersten Anmerkungen wird deutlich, dass ein einzelner Band sich nur annähernd und aus je begrenzten Kontexten dem Thema nähern kann. Es ist und bleibt auch eine mehr oder weniger zufällige Zusammenstellung von Beiträgen, die aber dennoch eine für uns viel-versprechende Spur verfolgen: die Bereicherung und Verstörung von menschlich begrenzter Lebenswahrnehmung.

Zum Einstieg einige Überlegungen, die Erkenntnisse und Diskussionen zu unserer Themenstellung aus vielfältigen Perspektiven heraus aufnehmen und mit eigenen Gedanken weiterführen.

Vielfalt ist ein nicht zu leugnendes Faktum der gegenwärtigen Weltentwicklung, das die Gegenwart durch die bisher nicht gekannten Mobilitäten, Kommunikationsmöglichkeiten, aber auch Migrationswellen in besonderer Weise herausfordert. Es stoßen sehr unterschiedliche Weltzugänge aufeinander, die sich zuvor in Jahrhunderten als relativ homogene kulturelle und religiöse Systeme entwickelt hatten.

Solche Prozesse gehen zumeist mit tiefgreifenden Veränderungen in den Lebensbedingungen einher, vor allem in Verbindung mit den rasant ansteigenden Flüchtlingsbewegungen. Die betroffenen Bevölkerungsgruppen reagieren auf diese Veränderungen mit ebenso tiefgreifenden emotionalen Befindlichkeiten, die nicht nur pauschal in Angst und Faszination aufgeteilt werden können. Sie finden ←9 | 10→Ausdruck durch eine Gemengelage von Gefühlen, die in manchen Situationen als Verständnis und Solidarität, manchmal als Zweifel und Orientierungslosigkeit, oftmals aber auch als Entgegnung und Protest wirken.

Tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen müssen begleitet werden: Ängste, Vorbehalte, mit diesen Veränderungen einhergehende Probleme wie auch Solidarität wollen Ausdruck erhalten und in ihrem Konfliktpotential ernst genommen werden. Begegnungen mit dem und den Anderen benötigen Raum zu Selbst-Reflexion und Erleben. Zusammenleben basiert auf gemeinsamer Wertebildung. Auf all diesen Ebenen spielt Religion eine Rolle, kann unterstützend, aber auch trennend-polarisierend wirken. Tetzlaff bringt diesen Bedarf auf den Punkt: „Je unsicherer die Lebens- und Überlebensbedingungen werden, desto intensiver und vielseitiger, aber auch uneindeutiger und unberechenbarer wird diese Suche“ (Tetzlaff, 2010, S. 42).

Vielfalt und religiöse Identität

Vor diesem Hintergrund muss auch das Verhältnis von spezifischen Religionen und konfessionellen Glaubensgruppen zu einer Vielfalt von religiösen und nichtreligiösen Lebensentwürfen sowie Glaubenshaltungen neu bestimmt werden. Die EKD-Denkschrift „Christlicher Glaube und religiöse Vielfalt in evangelischer Perspektive“ aus dem Jahr 2015 ist Ausdruck dieses Versuchs. In ihr wird Offenheit für andere mit einer christlich-evangelischen Glaubensgewissheit in Verbindung gebracht – also Akzeptanz anderer Weltanschauungen mit einer eigenen religiösen Identität. Der Umgang mit Vielfalt wird theologisch in der Freiheit des Menschen in Glaubensfragen begründet.

Religiöse Identität in Verbindung mit der Zuordnung zu einer bestimmten Konfession bzw. Glaubensrichtung ist ein schwieriger Reibungspunkt in Bezug auf die Auseinandersetzung mit religiöser Vielfalt. Theologisch-theoretisch können Konstrukte zur Vereinbarkeit gefunden werden, in der Praxis steht die religiöse Identitätsfindung immer auch in Gefahr, aus Machtgründen motiviert zu sein, wie Helmut Peukert darlegt. Er stellt einem „sich selbst genügenden und behaupteten Selbstsein“ eine „sich offen haltende, hoffende `Nicht-Identität´“ (Peukert, 2009, S. 393) gegenüber.

Die Kritik betrifft über das faktische Problem einer persönlichen Positionierung und Zugehörigkeit hinaus auch den Begriffsgebrauch von „Identität“ mit dem Unterton von Eindeutigkeit und Klarheit. Insgesamt kann jedoch angefragt werden, inwieweit religiöser Glaube in einem plural-diffusen Umfeld sich als eine klare Gewissheit – bzw. Identität – oder doch eher als prozesshafte Auseinandersetzung ausbildet, die im Kontakt mit unterschiedlichen Einflüssen immer neue Entdeckungen macht, in eigenen Überzeugungen bestärkt wird, aber auch Raum für Verwerfungen ←10 | 11→und Zweifel aufkommen lässt. Der Religionssoziologe Peter Berger stellt fest: „Menschen sind soziale Wesen, unsere Vorstellungen von Wirklichkeit sind entschieden bestimmt durch das, was Leute, mit denen wir verkehren, denken und sagen und tun. Modernität bedeutet, dass geschlossene Gemeinschaften fragil werden, eben weil die anderen immer da sind“ (Berger & Weiße, 2010, S. 19).

Die religionspädagogische Diskussion, die vor allem von Englert, Schwab, Schweitzer und Ziebertz in den letzten Jahren auf christlicher Seite vorangetrieben wurde, hat die Dimension des Prozesshaften als Bedingung und Herausforderung einer religiösen Pluralitätsfähigkeit vor allem in der Dialogkompetenz herausgearbeitet. Pluralitätsfähigkeit wird zum religionspädagogischen Schlüsselbegriff und kann als eines der zentralen Bildungsziele verstanden werden. Als Bildungsziel für Schule und Unterricht steht sie auch im Zentrum der Denkschrift „Religiöse Orientierung gewinnen. Evangelischer Religionsunterricht als Beitrag zu einer pluralitätsfähigen Schule“, die die EKD (2014) vorgelegt hat.

Religionssoziologisch wird seit mehr als zwei Jahrzehnten herausgehoben (Kaufmann, Baumann, Zulehner u.v.a), dass durch die gesellschaftlichen Entwicklungen von Individualisierung und Säkularisierung vor allem in der sog. westlichen Welt neue Vorzeichen für den Zugang zu Religion (als Allgemeinbegriff für das soziologische Phänomen) entstanden sind. Wegweisend sind dabei der Verlust an Plausibilität der religiösen Institutionen / Kirchen für den individuellen Glaubenszugang sowie der „Zusammenbruch des konfessionellen Milieus“ (Baumann & Jaspert, 1998, S. 37). Demnach muss davon ausgegangen werden, dass religiöse Neugier oder Verortung oftmals mehr von einer Suchbewegung der Individuen gespeist wird als von der Sozialisation eines klar umrissenen konfessionellen Umfeldes.

Der religiöse Glaube emanzipiert sich mit der Entwicklung der eigenen Urteilsfähigkeit zu der Suche eines Individuums mit spezifischen biographischen und sozialen Herausforderungen. Mit dem zunehmenden Verschwinden von homogenen Glaubensumfeldern kann auch immer weniger von einer eindeutigen Glaubensentwicklung ausgegangen werden.

Wenn Glaube in einer Suchbewegung als Entwicklungs- und Veränderungsprozess verstanden wird, kann dieser nicht nur als bestehende Gewissheit betrachtet werden. Der plurale Lebensraum sowie die Vielfalt an Lebensentwürfen und Zugängen sind demnach eine theologisch grundlegende Chance, eben nicht den sozialen, kulturellen, politischen und auch religiösen Denk-, Handlungs- und Glaubenssystemen verhaftet zu bleiben, sondern den eigenen Glauben weiter zu entwickeln, indem eventuell oberflächlich übernommene Gewissheiten hinterfragt, neue entdeckt und wieder andere bestärkt werden. Das Resultat muss nicht sein, dass es keine Gewissheit mehr geben kann, sondern dass diese in ihrem Kern reift. (Was bleibt bestehen in der verstörenden Auseinandersetzung mit der Vielfalt?)

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Ein solcher Reifungsprozess geschieht nicht nur auf der rationalen Ebene, die verschiedenen Überzeugungen bzw. Zugänge zur Wahrheitsfrage miteinander in Beziehung zu setzen, sondern ganz existentiell auch auf der emotionalen Ebene, da es um die Grundsicherheiten geht. Auf beiden Ebenen müssen die (gläubigen und nicht-gläubigen) Menschen offen gefordert, aber auch in ihren Zweifeln und Befindlichkeiten ernst genommen und begleitet werden.

Nach Lévinas (2011) ist die Begegnung mit dem Anderen konstitutiv für die eigene Subjektentwicklung. Sie verstört, rührt auf, bestätigt und führt zu einer notwendigen Weitung und Veränderung der eigenen, selbstzentrierten Sichtweise. Theologisch führt Henning Luther diesen Ansatz Anfang der 1990er Jahre weiter, indem er über die grundlegende Bedeutung der Verfremdung aus selbstgefälligen Sicherheiten eine Spur hin zu Gott legt: ein doppeltes „Adieu“ „den Abschied von meiner Welt […] zum Anderen hin – und damit zugleich den Weg auf Gott zu – à Dieu“ (1992, S. 78).

In diesem Sinne kann Vielfalt als eine kontinuierliche Auseinandersetzung mit Anderem und Gleichem als eine Seins-Kategorie des Menschen weitergeführt werden. Die Ausführungen von Ghasempour bzgl. der „dialogischen Weltbegegnung“ haben in dem Bewusstsein von der Vielfalt von Leben ihren Ursprung: Ein solches grundlegendes Seins-Verständnis basiert gegenüber einer „Selbstverabsolutierung“ auf einer „gegenseitigen Selbstrelativierung aufgrund der Einsicht in die Grenzen jeweiligen Seins“ (2010, S. 83).

Vielfalt ist dabei ein konstitutives Element, nicht nur als äußere gesellschaftliche Bedingung der Suche, sondern als Motiv für die Auseinandersetzung sowie als Quelle für existentiell tiefgreifende Entdeckungen. Vielfalt provoziert und ist damit ein Motor für kognitive, emotionale sowie auch handlungsorientierte Entwicklung und Veränderung.

Solche Prozesse müssen kontinuierlich reflexiv begleitet werden – selbstreflexiv und kommunikativ –, um damit einhergehende emotionale Befindlichkeiten in einer sich distanzierenden (transzendierenden) Betrachtung immer wieder einordnen zu können. Damit kommt auch die Sphäre in Betracht, die als „Spiritualität“ begriffen werden kann.

Im Hintergrund der in diesem Sammelband gebündelten Perspektiven und Erfahrungen steht das Bild sehr unterschiedlicher Zugänge und Grundbefindlichkeiten bei der Suche nach einem tragfähigen Grund im Leben. Die Suche ist offen, erhält je nach situativer Gelegenheit (Kontingenz) Impulse, die bezüglich Plausibilität und Erkenntnisgewinn im Rahmen der eigenen biographischen Anfragen geprüft und aufgenommen werden. Unterscheidungen hinsichtlich christlicher ←12 | 13→Konfessionen, verschiedener Religionssysteme oder gar religiösem bzw. nicht-religiösem Zugang können dabei verschwimmen.

Der vorliegende Sammelband beschäftigt sich mit dem Suchen der Menschen nach Sinn, nach Gewissheit, nach Orientierung in einem herausfordernden, pluralen und vielfältigen Lebensumfeld und mit Fragen, die sich an Kirche und Bildung in diesem Zusammenhang stellen. Es ist bewusst eine Sammlung sehr unterschiedlicher Zugänge, die jeweils ganz verschiedene Prozesse aufzeigen.

Die Vorüberlegungen führen zu folgenden Grundannahmen für das Konzept des Sammelbandes:

Biographische Angaben

Dirk Oesselmann (Band-Herausgeber:in) Georg Wagensommer (Band-Herausgeber:in) FIVE - Forschungs- u. Innovationsverbund (Band-Herausgeber:in)

Dirk Oesselmann ist Professor für Gemeindepädagogik an der Evangelischen Hochschule Freiburg und leitet den Bachelorstudiengang Religionspädagogik. Georg Wagensommer ist Professor für Religionspädagogik an der Evangelischen Hochschule Freiburg und leitet den Masterstudiengang Religionspädagogik.

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Titel: Vielfalt – Lebenszusammenhang und Herausforderung