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Weihnachten

Theologische, kulturwissenschaftliche und religionspädagogische Perspektiven

von Hermann Josef Riedl (Band-Herausgeber:in) Dorothee Schlenke (Band-Herausgeber:in)
Sammelband 298 Seiten

Zusammenfassung

Die Weihnachtsvorlesung gehört zu den fest etablierten Veranstaltungen der Pädagogischen Hochschule Freiburg. Jedes Jahr referieren Wissenschaftler*innen aus der Perspektive ihrer jeweiligen Disziplin zum Thema „Weihnachten". Der vorliegende Band dokumentiert eine Reihe dieser interdisziplinären Weihnachtsvorlesungen, präsentiert neue Beiträge und bildet so die gesellschaftlich-kulturelle Präsenz und Popularität des Weihnachtsfestes ab. Das Spektrum der Aufsätze reicht von theologischen Artikeln wie „Weihnachten im Alten Testament?" und „Weihnachten bei Martin Luther" bis zu kulturwissenschaftlichen Beiträgen wie „Weihnachtsszenen im Theater" und religionspädagogischen Aufsätzen wie „Der große Gott wird ein kleines Kind".

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titelseite
  • Impressum
  • About the author
  • About the book
  • Inhaltsverzeichnis
  • Vorwort
  • Biblisch-theologische Perspektiven
  • Weihnachten im Alten Testament?
  • Alttestamentliche und jüdisch-biblische Erkundungen
  • Die Weihnachtsgeschichten der Bibel – historisch-kritisch gelesen
  • „… hervorgegangen aus dem Samen Davids“
  • Das Evangelium von Röm 1,3f.und einige kunstgeschichtliche Zeugnisse des Freiburger Münsters
  • Historische und systematisch-theologische Perspektiven
  • Ein Geheimnis findet zu seinem Fest
  • Zu den Ursprüngen von Weihnachten und Epiphanie in der Spätantike
  • Weihnachten bei Martin Luther – Theologie, Brauchtum und Musik
  • „Ochs und Esel schauen uns fragend an“
  • Zugänge zur Weihnachtsbotschaft in den Predigten vonJoseph Ratzinger/Benedikt XVI
  • Kulturwissenschaftliche Perspektiven
  • Weihnachtsszenen im Theater
  • Von Weihnachtsmärchen, geistlichen Weihnachtsspielen zuWeihnachtskatastrophen und deren Überwindung
  • Johann Sebastian Bachs Weihnachtsoratorium
  • Musik zwischen künstlerischer Konzeption und liturgischer Integration
  • Religionspädagogische Perspektiven
  • Der große Gott wird ein kleines Kind
  • Theologische und religionspädagogische Überlegungenzu einer „Theo-logie“ für Kinder
  • Zu Weihnachten passende Christologien von Kindern: „Christkind“ – „Sohn Gottes“ – „halb Mensch, halb Gott“
  • Impulse für eine Christologiedidaktik der Grundschule
  • Vielfaltssensibilität und Kompetenzorientierung – zentrale Perspektiven für die Annahme und Gestaltung religiöser Feste in Kindertageseinrichtungen
  • „Er wechselt mit uns wunderlich“
  • Andenken einer weihnachtlichen Religionspädagogik
  • Bibliographie Reinhard Wunderlich
  • Verzeichnis der Autorinnen und Autoren

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Vorwort

Die Weihnachtsvorlesung des Instituts der Theologien gehört zu den fest etablierten Veranstaltungen der Pädagogischen Hochschule Freiburg. Jedes Jahr wird das Thema „Weihnachten“ aus einer anderen wissenschaftlichen Perspektive beleuchtet. So haben im Laufe der Jahre mehrere Theolog*innen mit unterschiedlicher wissenschaftlicher Schwerpunktsetzung dieses Ereignis thematisiert und aus ihrer je eigenen Forschungsperspektive entfaltet. Dies gilt in gleicher Weise für Vertreter*innen anderer Wissenschaften, die Weihnachten und seine kulturwissenschaftliche Bedeutung aus kunsthistorischer oder musikwissenschaftlicher Blickrichtung untersucht und präsentiert haben.

Es ist das Verdienst unseres Kollegen Prof. Dr. Dr. Reinhard Wunderlich, diese Weihnachtsvorlesung an unserer Hochschule ins Leben gerufen und über Jahre hinweg in Zusammenarbeit mit der Katholischen Akademie Freiburg betreut zu haben. Er hat dafür mehrere Kolleg*innen unserer Pädagogischen Hochschule Freiburg, der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg und der Hochschule für Musik Freiburg als Referent*innen gewonnen und damit eine große Bandbreite an weihnachtlichen Themen für diese Vorlesung eröffnet. Herr Wunderlich hat immer auch Studierende in dieses Projekt eingebunden: Sie haben in kleinen Instrumental-Gruppen oder a-cappella-Ensembles die musikalische Gestaltung der Weihnachtsvorlesung übernommen, haben im Anschluss an die Weihnachtsvorlesung für die Bewirtung der Gäste gesorgt oder auch Weihnachtssterne für einen caritativen Zweck verkauft.

In dankbarer Verbundenheit widmen wir ihm daher zu seinem 65. Geburtstag diese Festschrift mit dem Titel: „Weihnachten – Theologische, kulturwissenschaftliche und religionspädagogische Perspektiven“. Wir haben für dieses Projekt eine Reihe von Kolleg*innen verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen gewinnen können. Teilweise haben sie selbst eine Weihnachtsvorlesung an unserer Hochschule durchgeführt und ihren Vortrag in adaptierter Form für diese Festschrift zur Verfügung gestellt. Teilweise haben sie einen Beitrag aus ihrer jeweiligen Forschungsperspektive neu konzipiert.

Wir bedanken uns herzlich beim Dekan der Fakultät II der Pädagogischen Hochschule Freiburg, Prof. Dr. Olivier Mentz, für die Gewährung eines großzügigen Druckkostenzuschusses. Ebenso gilt unser herzlicher Dank Herrn Dipl. Kaufmann Wilfried E. Becker (w.e.b. – medienbüro – karlsruhe), der mit großer Sorgfalt und in bewährter Form die Redaktion und das Layout dieses Bandes übernommen hat. Ebenso bedanken wir uns bei Herrn Dr. Hermann Ühlein vom Verlag PETER LANG, der diesen Band mit großer Umsicht betreut hat.

Freiburg, im September 2020

Hermann Josef Riedl – Dorothee Schlenke

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Weihnachten im Alten Testament?

Alttestamentliche und jüdisch-biblische Erkundungen

Bernd Feininger

Abstract

The article examines the „Christmas texts” in Isaiah 7; 9; 11 in the background of Jewish interpretation, consulting Rabbinical commentaries such as found in the Miqra´ot Gedolot and modern Jewish study bibles. Detecting and realizing the differences, there are also basic structures in common concerning God ´s longing in becoming close to his creation and all human beings.

1Schnittmengen und Strukturen der Gemeinsamkeit

Eine farbige Parallele zum christlichen Weihnachtsfest findet sich im CHANUKKAH – Fest des Judentums. Ein Lichterfest zur Erinnerung an die Befreiung in den Makkabäer-Kriegen, das öfters in den Zeitrahmen von Weihnachten fällt. Im beweglichen jüdischen Kalender ist es der 25. Kislew. Das Fest geht auf Juda Makkabi und seine Brüder zurück, die im jüdischen Jahr 3597 (=164 v. Chr.) den verunreinigten Tempel in Jerusalem nach dem Sieg über die hellenistisch gesinnten syrischen Diadochen neu einweihen konnten1. Eine Mischna-Stelle im Talmud erzählt dazu ein Wunder (Talmud bawli, Schabbat 21b): Nachdem die Makkabäer den Tempel befreit und gereinigt hatten, kam der große Augenblick, das ewige Licht wieder anzuzünden (als Zeichen der Gegenwart Gottes). Doch fanden sie kein geweihtes Öl, da die Heiden alles Öl verunreinigt hatten. Beim Durchsuchen entdeckte man aber einen einzigen kleinen Ölkrug, der noch unbeschädigt und vom Hohenpriester versiegelt war. Sein Inhalt hätte für einen Tag gereicht. Der Leuchter brannte jedoch acht Tage lang, bis neues, reines Öl bereitet war. Und darum zündet man auch im häuslichen Gedenken täglich auf dem ChanukkahLeuchter eine Kerze mehr an, bis die acht Tage voll sind. Die Chanukkah-Leuchter sind neben der Tempel-Menora zu einem wichtigen jüdischen Symbol geworden. ←13 | 14→Auch in der Begründung von 2 Makk 10,6-8 ist von einem Lichterfest die Rede: hier hat man z. Zt. der Neuweihe des Tempels das Laubhüttenfest nachgeholt und bei dieser Gelegenheit in den Vorhöfen des Tempels Lampen und Fackeln angezündet (Gal-Ed 2001, S. 165). „Diese Lichter zünden wir an ob der Wunder, Siege und allmächtigen Taten, welche du für unsere Väter vollbracht durch deine heiligen Priester. Alle acht Chanukkah-Tage sind diese Lichter geweiht, und ist uns nicht erlaubt, sie zu benutzen, wir dürfen sie nur betrachte, um deinem Namen zu danken für deine Wunder, deine Hilfe und deine allmächtigen Taten“ (aus dem jüd. Gebetbuch, Gal-Ed 2001, S. 161).

Wenn man vom Lichtglanz, dem Kolorit der Festfreude, dem Geschenk von Befreiung als „Erlösung“ (von fremder Macht) ausgeht, dann übermittelt Chanukka Inhalte, wie wir sie auch vom christlichen Weihnachten her kennen. Weihnachten im Alten Testament? Seitdem das Christentum vor mittlerweile ca. 50 Jahren seine durch eigene Schuld verlorenen jüdischen Geschwister wieder gefunden hat, fragt man „nach dem Jüdischen am Christentum“.2 Für Christen ist die Frage nach der Bedeutung von Weihnachten glaubensgeschichtlich mit der Christologie (ins besonders mit der Soteriologie) verknüpft und bibeltheologisch, unbeschadet seiner ntl. Beheimatung, mit dem alt/ersttestamentlichen Gottesbild verbunden3. Abgesehen von allen modischen Verfallserscheinungen und folkloristischen Neuerungen, die gerade dieses Fest betreffen, kann es Sinn machen, die christologisch/soteriologische Dimension, die Geburt des Erlösers und Retters der sündenverlorenen, mit Gott entzweiten Menschheit, einmal zurückzustellen4 zugunsten des ersttestamentlichen Gottesbildes. Was heißt dann „Weihnachten“? Das impliziert die heiligen (d.h. Gottes-nahen und Gott-gesegneten) Nächte Israels: z. B. die Pessach-Nacht (Ägypten), die Nacht der Rettung vor den Assyrern (s.u.), die Sternen-Nacht des Abraham (Gen 15), die Traum-Nacht des Jakob (Gen 28,12ff) und sein Ringen mit Gott (Gen 32,23ff), des Jona-Propheten Rettung im Nacht-Bauch des Walfisches u.a. bis zur Fortsetzung der Heils-Nächte und Traumbotschaften im NT: von der Weihnachts-Nacht in Betlehem bis zur Leidens-Nacht ←14 | 15→in Jerusalem.5 Der hervorstechendste Inhalt dürfte die (außerordentliche) Erfahrung der Nähe Gottes sein und das oft außerhalb des regulären Kultes. Auf „reguläre Weise“ vermitteln Heiligtum, Tempel und Gottesdienst die heilsstiftende Gegenwart Gottes im Rahmen seiner Zusage: „Sie sollen mir ein Heiligtum machen, damit ich wohnen möge in ihrer Mitte (be-tokham)“.6 Dieses „Mittig-Werden“ Gottes noch über die Verheißung seiner Zuwendung hinaus ist ein entscheidender Zug, der die Tempel-Wohnstatt Gottes weitet und dynamisiert. Es verkörpert sich auch im „Niederstieg Gottes“ (vgl. Ex 3,7f) zu Rettung und Hilfe, in seinem „Dabei-Sein“, in seinem „Inter-esse“ getreu der älteren Übersetzung des Jahwe-Namens aus Ex 3,14 (M. Buber: „Ich bin, wo DU bist“), in der rabbinischen Theologie der „Shekhina“ und „Memra“ Gottes7, in der Zustiftung des Bundes nach der deuteronomistischen Theologie8, in der Logos- und Sophia- Spekulation der Rabbinen9, in der personalen Liebesbindung des Deuteronomiums10 (die Jesus in Mt 22,37par aufgreift) und z.B. in der Liebestheologie des Hosea-Buches11, oder, ←15 | 16→dezidiert symbolisch gewendet, der des Hohen Liedes. Alle diese Vorstellungen einer verdichteten Nähe Gottes entfalten letztlich die anfängliche mythische Urgemeinschaft von Gott und Mensch im Paradies-Garten (Gen 3,8): „Als sie (=Adam und Eva) an den Schritten hörten, dass sich Gott der HERR, beim Tagwind im Garten erging…“, und wie das eine alte rabbinische Homilie zu Sacharja 2,14 über Jerusalem aufgreift: „Jubele, freue dich, Tochter Zion, denn da, ich komme und wohne in deiner Mitte, Spruch des Herrn“12 . Im gleichen Horizont denkt eine Homilie aus Pesiqta de Rav Cahana, wenn die Predigt zum Eröffnungsvers Num 7,1 („Und es geschah am Tag, als Mose die Stiftshütte vollendete…“) mit dem schönen Vers aus HL 5,1 fortgeführt wird: „(da) kam ich in meinen Garten, meine Schwester und Braut“13. Diese Schöpfungs-Gemeinschaft wiederherzustellen, ist auch das Ziel des „mittigen Handelns“ Gottes in der Geschichte Israels und der Menschheit. Seine Liebe bedeutet gleichzeitig Solidarität und die Neigung, sich auf die Seite seiner Schöpfung und Geschöpfe zu stellen und dort „zu wohnen“. Dies macht ihn zum „tragfähigen Gott“, der die Brüche der Schöpfung und das Versagen der Menschen trägt und er-trägt: „Ihr habt gesehen […] wie ich euch auf Adlerflügeln getragen und zu mir gebracht habe“ (Ex 19,4)14. Das macht ihn zum „geduldigen Gott“, wie es heißt: „Der HERR (=Jahwe) ist ein barmherziger und gnädiger Gott; langmütig, reich an Huld und Treue“ (Ex 34,6 u.ö.)15. Und in letzter Konsequenz auch zum leidensfähigen Gott, der selbst Schmerzen fühlt, selbst verwundet ist, mit- leidet überall dort, wo seine Schöpfung leidet (so deutlich in der Theologie der Schekhina bei den Chassidim, aber auch ←16 | 17→schon in der rabbinischen Theologie16 und im AT selber17), „for every human affliction is ipso facto a divine affliction“18. Helmut Riedlinger ist dem in seinem lesenswerten Buch „Vom Schmerz Gottes“ als Dogmatiker und Seelsorger nachgegangen19. Er schreibt zu Deutero-Jesaja 45,7: „Muss sein Gott aber nicht auch als der Gott gedacht werden, der die mit Finsternis und dem Unheil verbundenen Schmerzen annimmt? Gehören das Erschaffen und das Erleiden des Übels nicht zusammen? Ist der alles erschaffende Gott nicht auch der Gott aller Schmerzen?“20.

Freilich darf man auch nicht übersehen, bzw. muss einschränkend festgehalten werden, dass Strömungen atl. Theologie dieses Streben nach der Nähe Gottes, hin zu Welt und Mensch, auch differenzieren bzw. transzendieren: „Um Gottes Ferne und Nähe, Abwesenheit und Anwesenheit zugleich auszusagen, weiß das AT von Unterschieden in Gott; nach deuteronomisch-deuteronomistischer Auffassung wohnt (nur) Gottes ´Name´ an der von ihm erwählten Stätte, für die Priesterschrift ←17 | 18→ist allein Gottes ´Herrlichkeit´ auf Erden gegenwärtig“21. Dazu der amerikanischjüdische Kommentar Etz Hayim im Anschluss an Sach 2,14: „In the Deuteronomic tradition the verb for „dwell“ (shakhen) is used to express the indwelling of God´s name, not His divine being (cf. Deut. 12:11; 14:23). Two distinct theological positions thus express the nature and character of divine immanence: One position speaks of God´s immediate and direct presence; the other suggests that this presence is mediated by the divine name. The Sages turned God´s providential Presence into the noun Shekhinah, and the concept came to include divine involvement in Israel´s fate both outside the Temple and outside the Land. In the Midrash, the Shekhinah suffers with Israel in exile and will return with it at the time of redemption“.22 Allerdings sollten Sorgen um anthropomorphe Attribute Gottes für den modernen Menschen kein Thema mehr sein. Aussagen, dass es an Weihnachten um die Nähe Gottes bzw. um die Befreiung des Menschen zur Nähe Gottes geht, durch Sein Entgegenkommen, durch Seine wie auch immer gedachte „Grenzverschiebung“ bzw. Neufassung der Vorstellung Seiner Gegenwart („in der die Sünden-Macht der Abtrennung aufgehoben ist“)23, implizieren notwendigerweise personale, menschliche Rede von Gott24, ohne dass Gottes Wesen und Handeln dadurch fixiert würden (auch nicht durch dogmatisierende Sprache als Hilfsmittel von Theologie und Kirche). Gott ist der Ermöglichungsgrund solcher Personalität, auch ihre Projektions- und positive Entfaltungsfläche, aber nicht die Blaupause menschlichen Denkens und Sprechens, so dass sich seine vielen Brechungen in die Schöpfung hinein einfach ←18 | 19→und endgültig rückverfolgen ließen. Bruce D. Chilton schreibt zum Problem anthropomorpher Begrifflichkeit im Targum über den Meturgeman (=Übersetzer in der Synagoge): „His motivation is not simply to avoid predicating action directly of God. Rather than being merely replacement words, designed to avoid anthropomorphism, such terms deliberately emphasize some aspects of God´s activity, be it in his world of command („Memra“), in his availability in the cult („Shekhinah“), or in his eschatological intervention on behalf of his people („kingdom“)“.25 Weiterführend behaupte ich, dass die „Zielrichtung“ solcher Aussagen und Gottesbotschaften entscheidend bleibt: ob biblisch, menschlich-personal oder abstrakt-philosophisch, die Zielrichtung ist durch „Bewegung“ charakterisiert und zwar biblisch präziser: durch „Niedersteigen“ und „Beistand“ im Aufgang des „Mittig-Werdens“ Gottes als seine segensvolle Gegenwart, was wiederum durch „Wohnen“ (schakhan) ausgedrückt wird. Und dieses „Wohnen“ ist nicht abgeschlossen „etabliert“, sondern zieht Kreise, bedeutet nach allen Seiten hin Offenheit für „Begegnung“, um es mit Martin Buber auszudrücken. Es ist eine offene, keine sich abschließende Mitte: eine sprudelnde Quelle, die Kreise zieht, ein Sauerteig, der alles durchwirkt (Mt 13,33).

Es geht deshalb nicht einfach um „weihnachtliche Motive im AT“26, sondern um die Struktur-Analogie, eben das Kommen (bo´) als ein Herniedersteigen, um bei den Menschen zu bleiben und dort „mittig“ zu sein (betokh benej Jisra´el be´olam). Das hebr. Verb, das hier im Zentrum steht, heißt „yarad“ „hinabsteigen“ und ist das Antonym zu „´alh“ „hinaufsteigen“, „hinaufgehen“ (in der Kausativform: „hinaufführen“ in das Gelobte Land). „Yarad“ stammt vielleicht ursprünglich aus der Theophanie-Schilderung, dem Kommen Gottes (um helfend oder strafend einzugreifen vgl. Gen 11,5 und 18, 21), besonders deutlich im Moses-, Sinaiund Wüstenzug-Geschehen (Jerusalemer Geschichtswerk und Priesterschrift): die Dornbusch-Szene, der Sinai-Berg, die Wolkensäule (Ex 3,1-5; 19,20); das Zelt der Begegnung (Priester-Grundschrift, Ex 40; Num 11, 24ff). „Wesentlich ist, dass das Herabkommen nicht als abgeschlossener Akt, sondern als sich wiederholend vorgestellt ist […] um die Überwindung der Distanz Gott – Mensch auszudrücken […] die Trennung des menschlichen und göttlichen Bereichs aufzuheben“27.

Ausgehend von diesen Verbindungslinien und Brücken zum ntl. Weihnachten soll nun untersucht werden, wie drei wichtige „messianische“ Texte des Ersten Testamentes in Judentum und Christentum ausgelegt, verwandelt und „anverwandelt“ werden. Abschließen will ich diese Einleitung zum „Niederstieg Gottes“ mit einem Zitat von Martin Buber zur Problematik:

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„Aber kann man denn das, Gott in die Welt ziehen? Ist das nicht eine überhebliche und vermessene Vorstellung? Wie wagt der Erdenwurm daran zu rühren, was einzig in Gottes Gnade ruht: wieviel von sich er seiner Schöpfung vergönnt! […] Eben dies, so glauben wir, ist Gottes Gnade, dass er sich vom Menschen gewinnen lassen will, dass er sich ihm gleichsam in die Hände gibt. Gott will zu seiner Welt kommen, aber er will zu ihr durch den Menschen kommen. Dies ist das Mysterium unseres Daseins, die übermenschliche Chance des Menschengeschlechts“.28

2Ein Kind wird uns geboren

2.1Zeitreise mit einem Prophetenwort

Kein Weihnachten ohne Erinnerung an die Geburt eines Kindes, „des“ Kindes für Christen, das ihren spezifischen Glauben begründet: „Die Immanuel-Verheißungen über Geburt, Thronbesteigung und Amtsführung des Messianischen Königs Je 7; 9; 11) waren für die ntl. Autoren der Interpretationsrahmen zur Bestimmung von Herkunft und Aufgabe Jesu von Nazaret, so wie es die Texte über den leidenden Gottesknecht (bes. Jes 50,4ff; 52,13ff) für sein Leiden und Sterben waren“.29 Entsprechend greifen sie den davidischen Heilsort Betlehem auf und machen ihn zum Ausgangspunkt der Geburt Jesu (Mi 5,1 und Mt 2,6). Oder sie betonen die „Jungfrauengeburt“ des Christus und verbinden sie mit der Genealogie des Josef-Sohnes Jesus (Mt 1,16.18ff. 22 u. 23 LXX; Lk 1,26ff.34ff). Nur Mt zitiert ausdrücklich Jesaja 7,14.

„Siehe, die junge Prinzessin30 (hebräisch „‘almah“) hat ein Kind empfangen; sie gebiert einen Sohn und wird ihm den Namen „Immanu-El“ geben, d.h. „Mit uns ist Gott“. So könnte man den ursprünglich hebräischen Jesaja-Text übersetzen, der vielleicht meist kommentierte Vers des AT, die „wohl umstrittenste Bibelstelle“ (Martin Buber).31 Die Heilszusage aus Jes 7:14 (vgl. auch Micha 5,2!) war damals ←20 | 21→ein Hoffnungswort Gottes an den judäischen König Ahas, dessen Dynastie und Königreich von den Nachbarvölkern kriegerisch bedroht wurden (um 730 v. Chr.). In dieser Not schickt ihm Gott durch den Propheten ein Zeichen, eine „Bestandsgarantie“: Die David-Dynastie in Juda und Jerusalem wird weiter leben. Der Kronprinz ist schon unterwegs! Martin Buber: „Wenn König Ahas weiß, wer gemeint ist (und nur dann trifft ihn wirklich Wort und Zeichen), dann kann dies nur eine Frau sein, die ihm nahe steht, und wieder kaum eine andere als die junge Königin; man kann sich wohl denken, dass man sie in Hofkreisen damals als „die junge Frau“ zu bezeichnen pflegte.“32 Wie bedeutend sie war, erkennt man auch daran, dass sie als Frau den Namen des Kindes bestimmt. Schriftgelehrte aus Jerusalem haben diese Vorstellung vom ewigen Königtum der Davidkinder mit der Weissagung des Propheten Natan verknüpft: „Dein Haus und dein Königtum werden vor dir auf ewig bestehen bleiben; dein Thron wird auf ewig Bestand haben“ (1Sam 7:16).

Rund 500 Jahre später entwickelten Griechisch-sprechende Juden daraus eine noch umfassendere Perspektive. Jetzt heißt es im griechischen Alten Testament (=LXX): „Siehe, die Jungfrau (griech. „parthenos“) wird tragen im Schoß (d. h. schwanger werden) und sie wird einen Sohn gebären“. Ein Neu-Beginn, wie er biologisch-innerweltlich nicht mehr vorstellbar ist, eine Neu-Schöpfung: Aus der speziellen Verheißung einer geschichtlichen Stunde wird ein Wunder - Zeichen, das universelle Bedeutung hat. „Wunder“ bezeichnet in der hebräischen Bibel die Großtaten Gottes auf der Ebene der Natur wie auch in der Geschichte Israels. Die Hoffnung richtet sich nun auf den Messias überhaupt, den Israel sehnlichst erwartet. Eine über-geschichtliche Dimension klingt an. Alfons Deissler: „Der Text von G (=LXX) ist ein bedeutender Zeuge für eine schon frühe jüdische Auslegung, an die der Evangelist anknüpft (Mt 1,23)“.33

Noch einmal 200 Jahre, und wir sind in der Christenzeit. Lukas greift die Jungfrauen-Verheißung mit der Kindheitsgeschichte Jesu auf und erklärt sie als Erfüllung des altbundlichen Prophetenspruches. Er will verdeutlichen: Gott wird Mensch, und das ist keine alltägliche Empfängnis oder normale Geburt. Sondern ein Ineinander von irdischer Geburt und Glaubens- Geburt, eine Verbindung von Nazaret (Jesus) und Betlehem (Christus), die der gläubige Mensch im Herzen bewegt: „Und wäre Christus tausendmal in Bethlehem geboren, und nicht in dir: Du bliebest doch in alle Ewigkeit verloren“ (Angelus Silesius).

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Das gelingt nur im Vertrauen auf Zukunft, das heißt für Bibel-gläubige Menschen über irdische Zuversicht hinausweisend: Vertrauen auf das Gotteswort von IHM her und dass ER es gut mit uns meint, jetzt und in allem: „Dein Reich komme, Dein Wille geschehe…“. „Guter Hoffnung sein“ und zuversichtlich warten können, bedarf wechselseitiger Ermutigung, Stärkung und Zuspruch. Aber auch gleichzeitig der Initiative und vernünftigen Aktivität. Das können auch kleine Gesten der Zuversicht sein, die wir uns gegenseitig schenken. Ein schönes biblisches Bild hierfür ist die Begegnung von Maria und Elisabeth als werdende Mütter, wie es Lukas malt, ein Doppel-Glück: „… da hüpfte das Kind vor Freude in meinem Leib“ (Lk 1:29ff).34

Es ist kein passives Warten in falsch verstandener Gottergebenheit, sondern: „Jetzt ist die Zeit, jetzt ist die Stunde“. Für den gläubigen Menschen ist es schwierig, die Balance zu finden: Sich rückbinden und sich rückhaltlos verlassen auf den größeren Horizont Gottes und doch auch als seine Söhne und Töchter „eigenmächtig“ handeln. Es braucht dieses Ineinander von Gottes Wirken und menschlicher Freiheit. Biblische Menschen sollten so handeln, als ob alles von ihnen selbst abhängt. Und gleichzeitig sollten sie alles von Gott erwarten.

König Ahas ist daran gescheitert. Er konnte sich überhaupt nicht auf Gottes Wort einlassen und ist dem Propheten ausgewichen. Er sah seine Rettung nur im Militärbündnis mit den Assyrern und in Aufrüstung. Da hat Jesaja das Heilswort in ein Drohwort verwandelt, man kann das in Jes 7 nachlesen.35 König Ahas regierte weiter, aber jetzt tributpflichtig und abhängig von fremder Macht, und nicht aus der Hand Gottes. Aber sein Sohn und Nachfolger Hiskija ließ sich wieder auf die biblische Vertrauensbotschaft ein und wird entsprechend von den biblischen Verfassern als guter und gerechter König gelobt. Hiskija ist das Gegenbild zu Ahas.36

Diese Verstehens-Linien haben viel mit dem zu tun, was Christen ursprünglich mit Advent und Weihnachten verbinden. Letztlich geht es um die Verheißung einer kaum auszulotenden Nähe Gottes in seinem Niederstieg zur Schöpfung als rettender und erlösender Gott. Es geht um die Zusicherung einer heilvollen Gegenwart Gottes in seinem Volk, welche in den späteren Teilen des Jes-Buches und ←22 | 23→der alt. Theologie universalisiert wird, und die frühe Christen konsequent weiterführen, indem sie ihr Bild vom versöhnlich-leidenden Messias kontrastiv zu Kaiser und weltlichen Mächten präzisieren, in all seiner „Niedrigkeit und Größe“.

2.2Immanu-El: Weihnachten als Nähe Gottes zu Welt und Mensch

2.2.1Die Jungfrauengeburt als Heilszeichen

Die LXX gibt nur 2x das hebr. „´almah“ („heiratsfähiges Mädchen, junge Frau“) mit griech. „parthenos“ wieder (Gen 24,43; Jes 7,14).37 In der überwiegenden Mehrheit wird semantisch korrekt das hebr. „betulah“38 mit parthenos „Jungfrau“ übersetzt (Gen 24,14.16.55). D. h. die griech. –jüd. Übersetzer der LXX können hier dieses hellenistisch geprägte Wort mit voller Absicht gewählt haben, um den messianischen Überschuss, der trotz aller geschichtlich-konkreten Deutung an den besagten Stellen mitschwingt, noch einmal ins Wunderbare zu steigern.39 Dass im damals vorhandenen griech. – religiös-kulturellen Kontext „nur“ an eine unbescholtene Jungfrau und nicht auch an eine mögliche Jungfrauen-Geburt gedacht sein könnte, ist bei dieser pointierten Sonder-Übersetzung eher unwahrscheinlich. Im Gegenteil: Man könnte den frühen LXX-Übersetzern zur Stelle die gleiche Intention wie den späteren christl. Verfassern zuschreiben. Erst unter dem Einfluss der christl.-jüd. Polemik haben Aquila, Symmachus und Theodotion die Übersetzung wieder auf das neutrale griech. „neanis“ zurückgefahren (2. Jh. n. Chr.). Beuken fasst schlüssig zusammen: „Vom allgemeinen, lexikalischen Befund her kann das Wort parthenos sowohl eine junge, kinderlose Frau als auch eine unberührte Frau bedeuten, aber vom religionsgeschichtlichen Hintergrund der LXX her ist es wahrscheinlich, dass sie an eine Schwangerschaft ohne Verkehr mit einem Mann dachte. Die wunderbare Zeugung aus einer Jungfrau würde nach den Vorstellungen der hellenistischen Kultur ←23 | 24→das Unvermögen ihres Kindes zum Bösen und so seine Glaubwürdigkeit als Heilsbringer zum Ausdruck bringen (Rösel, Jungfrauengeburt 1991)“.40

Demnach würde bereits eine große Gruppe griechisch-sprechender Juden bei Jes 7,14 zumindest an ein über das geschichtliche Maß einer Beistandsverheißung hinausgehendes messianisches Heil denken (vgl. oben A. Deissler), was auch Dohmen am Ende seines Artikels einräumt: „Die nt.liche Aufnahme von Jes 7,14 […] steht […] konsequent auf der Linie inneralttestamentlich beginnender Rezeptionen dieses Verses, die selbst schon im AT auf eine messianische Deutung hinauslaufen“.41 Berges: „Die politische Verbindung von JHWH-Glauben und davidischer Dynastie (2 Sam 7) beginnt sich in eine messianische Hoffnung zu transformieren (Jes 9,1-6; 11, 1-9; Ez 34,23)“.42

Was die Jungfrauen-Geburt des Erlösers im späteren rabbinischen Judentum betrifft, fassen Strack-Billerbeck gut zusammen: „Dagegen klingt die Vorstellung, dass ein Mensch ohne Zutun eines Mannes allein durch göttliche Wirkung von einem Mutterschoß empfangen und geboren werden könne, nirgends in der älteren jüdischen Literatur auch nur leise an. Darum hat das alte Judentum auch niemals erwartet, dass etwa der verheißene Messias auf dem Wege übernatürlicher Zeugung das Licht der Welt erblicken werde; auch ihm gegenüber galt der Kanon: Mensch von Menschen geboren. So bedeutet Mt 1,18 dem jüdischen Denken gegenüber ein absolut Neues.“ (Strack-Billerbeck Bd. I, 101994, S. 49). Das Jewish Annotated New Testament bemerkt dazu: „No Jewish texts regard Isa 7,14 as predicting the Messiah´s birth or take Son of God as indicating anything other than divine adoption (2 Sam 7,14; Ps 2,7; 4 QFlor 10-13).“ 43

Details

Seiten
298
ISBN (PDF)
9783631841686
ISBN (ePUB)
9783631841693
ISBN (MOBI)
9783631841709
ISBN (Hardcover)
9783631840054
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (November)
Schlagworte
Altes Testament Neues Testament Liturgiegeschichte Martin Luther Vielfaltssensibilität Kindertheologie Papst Benedikt XVI. Weihnachtsszenen Weihnachtsoratorium Geburt Jesu
Erschienen
Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2020. 298 S., 24 s/w Abb.

Biographische Angaben

Hermann Josef Riedl (Band-Herausgeber:in) Dorothee Schlenke (Band-Herausgeber:in)

Hermann Josef Riedl ist Professor für Katholische Theologie/Religionspädagogik (Schwerpunkt: Exegese und Hermeneutik des Neuen Testaments) an der Pädagogischen Hochschule Freiburg. Dorothee Schlenke ist Professorin für Evangelische Theologie/Religionspädagogik (Schwerpunkt: Systematische Theologie) an der Pädagogischen Hochschule Freiburg.

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Titel: Weihnachten