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Der christliche Glaube als reflektierte Erfahrung

Eine Studie zur Schleiermacherrezeption Gerhard Ebelings

von Jana Huisgen (Autor:in)
Dissertation 226 Seiten

Zusammenfassung

Gerhard Ebelings Schleiermacherrezeption steht exemplarisch für die Wiedergewinnung der Erfahrungs- und Wirklichkeitsdimension der evangelischen Theologie nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Studie stellt Ebeling als einflussreichen Vertreter der beginnenden Schleiermacherforschung in den 50er und 60er Jahren vor. Die Religionstheorie und Gotteslehre Schleiermachers werden als Ausdruck einer Theologie des Subjekts begriffen, die das religiöse Selbstbewusstsein und dessen Ausdrucksformen zum Gegenstand hat. Die Autorin zeigt, wie Ebeling diese theologische Grundeinsicht aufnahm, um den Herausforderungen einer modernen Dogmatik gerecht zu werden. Sie weist nach, dass Ebeling der «Glaubenslehre» eine hermeneutisch-theologische Lesart zugrunde legt und präsentiert als Folge die Akzentverschiebung vom religiösen Selbstbewusstsein auf die Sprache als hermeneutische Leitkategorie der Dogmatik Ebelings.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Vorwort
  • Inhaltsverzeichnis
  • Einleitung
  • Erster Teil: Hinführung. Die Hintergründe von Gerhard Ebelings Schleiermacherinterpretation
  • 1. Ebelings Schleiermacherdeutung im Kontext der Schleiermacherrezeption des 20. Jahrhunderts
  • 1.1. Schleiermacherrenaissance
  • 1.2. Beginn der Schleiermacherrezeption: die erste Zürcher Lehrtätigkeit
  • 1.3. Zur Textbasis von Ebelings Schleiermacherrezeption
  • 1.4. Ebelings Schleiermacherbild in den Vorlesungen von 1968 und 1971
  • 2. Beweggründe: Neue Wege in der evangelischen Theologie der Nachkriegszeit
  • 2.1. Ablösung von der Kirchlichen Dogmatik und Wiederaufnahme der Religionsphilosophie
  • 2.2. Die Forderung nach einer Neubewertung Schleiermachers
  • 2.3. Die Krise der Theologie und das neuzeitliche Wirklichkeitsverständnis
  • 2.4. Ebeling als Vertreter der hermeneutischen Theologie
  • 2.5. Theologiekritik: Das Denken in zwei Räumen und der fehlende Wirklichkeitsbezug der Theologie
  • 2.6. Theologiekritik: Die Reduktion des christlichen Glaubens auf seine sozialpolitische Funktion
  • 2.7. Theologiekritik: Ghettoisierung der protestantischen Theologie in der modernen Lebenswelt
  • 2.8. Die krisenhaften Merkmale der Lebenswelt der Nachkriegszeit
  • 2.9. Die ethische Krise
  • 2.10. Konsequenzen für die Dogmatik
  • Zweiter Teil: Analyse
  • 3. Fundamentaltheologie
  • 3.1. Zur subjektivitätstheoretischen Methode Schleiermachers
  • 3.2. Schleiermachers Bestimmung des humanen Selbstbewusstseins
  • 3.2.1. Die Grundstruktur des humanen Selbstbewusstseins
  • 3.2.2. Das unmittelbare Selbstbewusstsein
  • 3.2.3. Das humane Selbstbewusstsein im Verhältnis von Freiheit und Abhängigkeit
  • 3.2.4. Das schlechthinnige Abhängigkeitsgefühl als Gottesbewusstsein
  • 3.2.5. Interpersonalität als konstitutives Merkmal des humanen Selbstbewusstseins
  • 3.3. Ebeling: Die Grundzüge von Schleiermachers Wirklichkeitsverständnis
  • 3.3.1. Die Deutung des Gefühlsbegriffs als Externrelation
  • 3.3.2. Das Gefühl als unmittelbares Existenzialverhältnis
  • 3.3.3. Die Substitution der Subjekt-Objekt-Differenz durch einen ganzheitlichen Personbegriff
  • 3.3.4. Schleiermachers ontologischer Einheitsgedanke des Selbstbewusstseins als Ausgangspunkt seiner Theologie
  • 3.3.5. Gewissen statt Gefühl als anthropologischer Ort der Gottesbeziehung240
  • 3.3.5.1. Die Inspiration des Gewissensbegriffs durch den Gefühlsbegriff
  • 3.3.5.2. Der Gewissensbegriff
  • 3.3.6. Relationale Ontologie
  • 3.3.7. Kritik am modernen Wirklichkeitsverständnis: Relationale Ontologie statt Subtanzontologie
  • 3.4. Die Grundsituation des Menschen als Sprachsituation
  • 3.5. Die Fundamentalunterscheidung von Abhängigkeit und Freiheit
  • 3.5.1. Ebeling: Die Deutung der Duplizität von Freiheit und Abhängigkeit als Grundbestimmung von Selbst und Welt
  • 3.5.2. Schlechthinnige Freiheit als „Gottesprädikat“
  • 3.6. Gegenwartsbezug: Die Bestimmung von Abhängigkeit und Freiheit im dogmatischen Denken Ebelings
  • 3.6.1. Die Erfahrung schlechthinniger Abhängigkeit als Grund der schlechthinnigen Freiheit
  • 3.6.2. Mündiges Christsein im Verhältnis zum neuzeitlichen Freiheitsverständnis
  • 3.6.3. Die Bestimmung der schlechthinnigen Abhängigkeit von Gott als Ursprung der Freiheit im Weltverhältnis
  • 4. Das Verhältnis von Theologie und Philosophie
  • 4.1. Die Verhältnisbestimmung von Theologie und Philosophie bei Schleiermacher nach Hans-Joachim Birkner
  • 4.2. Ebelings Deutung der Verhältnisbestimmung von Theologie und Philosophie bei Schleiermacher
  • 4.2.1. Der Gottesgedanke in philosophisch-spekulativer und dogmatisch-theologischer Hinsicht
  • 4.2.2. Zur Unterscheidung der dogmatischen Methode von ihrem Inhalt
  • 4.2.3. Theologie und Philosophie als verschiedene Sprachgebiete
  • 4.2.4. Das Verhältnis von Wissen als philosophischer Kategorie und Gewissen als theologischer Kategorie
  • 5. Gotteslehre
  • 5.1. Hintergründe und Methode von Ebelings Interpretation der Gotteslehre Schleiermachers
  • 5.1.1. Einführung
  • 5.1.2. Die Schlüsselstellung der Gotteslehre in der Glaubenslehre als fundamentaltheologische Entscheidung
  • 5.1.3. Die Lehre von den göttlichen Eigenschaften als hermeneutisches Problem
  • 5.1.4. Die Krise der Gotteslehre in der Neuzeit
  • 5.1.5. Gott als Gegenstand verschiedener Sprachbereiche
  • 5.1.6. Schleiermachers Gotteslehre als Antwort auf das hermeneutische Problem
  • 5.2. Schleiermacher: Die göttlichen Eigenschaften in der Glaubenslehre
  • 5.2.1. Abgrenzung der dogmatischen Gotteslehre von der spekulativen Gotteserkenntnis
  • 5.2.2. Die göttliche Ursächlichkeit im Verhältnis zur endlichen Ursächlichkeit (§ 51)
  • 5.2.3. Die göttlichen Eigenschaften ohne den Gegensatz von Sünde und Erlösung (§§ 52–55)
  • 5.2.4. Die göttlichen Eigenschaften bezogen auf das Sündenbewusstsein (§§ 83–85)
  • 5.2.5. Die göttlichen Eigenschaften bezogen auf das Erlösungsbewusstsein (§§ 166–169)
  • 5.3. Ebelings Deutung der Lehre von den göttlichen Eigenschaften
  • 5.3.1. Die Ableitung der göttlichen Eigenschaften aus dem Erfahrungsgrund des christlich-frommen Selbstbewusstseins
  • 5.3.2. Der Zusammenhang zwischen den göttlichen Eigenschaften und dem christlich-frommen Selbstbewusstsein als Weltbewusstsein
  • 5.3.3. Die Bedeutung des Weltbegriffs für die Eigenständigkeit des Gottesgedankens
  • 5.3.4. Das Missverständnis der schlechthinnigen göttlichen Ursächlichkeit als prima causa
  • 5.3.5. Das Wesen Gottes als sich mitteilende Liebe
  • 5.3.6. Das Verhältnis zwischen dem Erfahrungsgrund der Rede von Gott und der Tradition christlicher Glaubensgehalte
  • 5.3.7. Der hermeneutische Vorrang der Erfahrung vor der Sprache?
  • 5.3.8. Verlust der Rede von Gott als Wirklichkeitsverlust
  • 6. Christologie
  • 6.1. Anfragen an den Christusbezug in Ebelings Glaubensbegriff
  • 6.2. Die Verbindung der Christologie mit der Grundform dogmatischer Sätze
  • 6.3. Der Glaube an Jesus als Partizipation an seinem Sein
  • 6.4. Christologie „von oben“ oder „von unten“?
  • Schluss
  • Literaturverzeichnis

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Einleitung

Gegenstand der vorliegenden Untersuchung sind die Theologien Friedrich Schleiermachers und Gerhard Ebelings und mit ihnen zwei Entwürfe protestantischer systematischer Theologie, die zu unterschiedlichen Zeiten entstanden und jeweils auf unterschiedliche Weise Teil der Entwicklung des neuzeitlich-modernen Protestantismus sind und diesen beeinflusst haben. An der Schwelle zum 19. Jahrhundert hat Schleiermacher mit der Entwicklung einer Theologie, die auf die Herausforderungen im Verhältnis von Christentum und neuzeitlichem Denken vermittelnd reagiert, tragfähige gedankliche Konzepte entworfen, deren maßgebliche Impulse in der nachfolgenden Zeit immer wieder produktiv aufgenommen wurden.

Mit seinem theologischen Frühwerk, den Reden Über die Religion hat Schleiermacher erstmals seinen ausdrücklich subjektorientierten Zugang zur Religion verdeutlicht. Als Reaktion auf die Theologie der Aufklärung erhob Schleiermacher das „Anschauen des Universums“ zum Grundprinzip der Religion. Er definierte in der Auseinandersetzung mit dem transzendentalidealistischen Denken Kants und seiner eigenen biographischen Prägung durch den Herrnhuter Pietismus Anschauung und Gefühl als den Kern der Frömmigkeit, die jedes menschliche Wesen als angeborene Anlage in sich trägt. Im Unterschied zur Theologie der Aufklärung sprach er der Religion, die weder Metaphysik noch Moral sei, eine eigene Provinz im Gemüt zu. Dabei ging er jedoch nicht vom Gedanken einer natürlichen Religion aus, sondern stellte die Geschichtlichkeit der Religion und ihre notwendige Erscheinungsweise in den sogenannten positiven Religionen heraus, um davon ausgehend das Wesen der christlichen Religion zu beschreiben.

Neben den Reden Über die Religion ist für Schleiermachers Beitrag zur Entwicklung des modernen Protestantismus sein späteres dogmatisches Hauptwerk Der christliche Glaube nach den Grundsätzen der evangelischen Kirche im Zusammenhang dargestellt, kurz Glaubenslehre genannt, maßgeblich geworden. Indem Schleiermacher die Dogmatik nicht von der Gotteslehre, sondern ausgehend von einer Frömmigkeitstheorie entwickelte, in der er das Verhältnis von subjektiver Glaubensgewissheit und intersubjektiver Vernunft definierte, wurde er zum „Kirchenvater des 19. Jahrhunderts“ (Karl Barth) und zu einer der wichtigsten Gestalten der Theoriebildung innerhalb des neuzeitlichen Protestantismus.

Gerhard Ebeling hat mit seiner an den hermeneutischen Voraussetzungen des christlichen Glaubens orientierten Theologie den Protestantismus der ←15 | 16→Nachkriegszeit geprägt. Charakteristisch für das theologische Denken Ebelings ist sein grundlegendes Bestreben, eine Glaubenshermeneutik zu entwickeln, die die Verhältnisbestimmung von Wort Gottes und menschlichem Glauben überzeugend zu klären vermag.

In bewusster Gegenbewegung zu der offenbarungstheologischen Ausrichtung der dialektischen Theologie suchte Ebeling die Kategorie der Erfahrung theologisch wieder stark zu machen und die systematische Darstellung der dogmatischen christlichen Lehrgehalte auf der Grundlage einer evangelischen Fundamentaltheologie zu entwickeln, um die Dialogfähigkeit der Theologie mit den Humanwissenschaften zu fördern. Dieses Bestreben steht in engem Zusammenhang damit, dass Ebeling zufolge der gegenwärtigen protestantischen systematischen Theologie das Prinzip der Rechenschaft zugrunde liegt. So leitet Ebeling die Prolegomena seiner Dogmatik des christlichen Glaubens mit den Worten ein, dass die „Aufgabe theologischer Dogmatik“ in der „systematisch verfahrende[n]; Rechenschaft über den christlichen Glauben“ besteht.2

Der grundlegende Leitgedanke dieser Arbeit besteht darin, dass die dogmatische Theologie Ebelings insbesondere dort, wo methodische und modernitätstheoretische Probleme bearbeitet werden, maßgeblich von Schleiermacher inspiriert ist. In einem weiteren Sinne ist diese Leitidee verbunden mit den Problemstellungen, die sich innerhalb der theologischen Debatte im Zusammenhang mit der Thematik einer Theologie des Subjekts herausgebildet haben.

Dies muss im Folgenden kurz erläutert werden. Indem Schleiermacher das christlich-fromme Selbstbewusstsein als Erkenntnisprinzip der Glaubenslehre eingeführt hat, aus dem alle dogmatischen Aussagen abgeleitet werden, hat er innerhalb der protestantischen Dogmatik die Wende zum Subjekt eingeleitet. Das Subjektivitätsparadigma hat sich als ein Hauptmerkmal innerhalb der Beschreibungen und Theoriebildungen zum Verhältnis von Protestantismus und Moderne herausgebildet. Darin kommt die Auffassung zum Ausdruck, dass die dogmatische Theologie die christlichen Inhalte nur überzeugend vermitteln kann, wenn sie sich nicht der Tatsache verschließt, dass alle dogmatischen Aussagen letztlich als Aussagen über den Menschen in seinem Verhältnis zur Welt begriffen werden müssen. Die Theologie ist folglich nicht als Lehre von Gott, sondern als wissenschaftliche Klärung des christlichen Glaubens, seiner Voraussetzungen und Inhalte zu verstehen. Dieser wiederum ist im Rahmen einer Theologie des Subjekts als eine Form der menschlichen Selbstreflexion zu begreifen, die ihren tragenden und ermöglichenden Grund in der Gottesbeziehung ←16 | 17→erkennt. Für die protestantische dogmatische Theologie seit Schleiermacher scheint deshalb zu gelten, dass das Subjektivitätsparadigma geradezu das Kennzeichen „einer modernen, philosophisch auf der Höhe der Zeit sich befindenden Theologie“ ist, „aus deren Sicht alles andere zur kirchlichen Lyrik vergangener Zeiten verblaßt.“ Im Gegensatz dazu wird „[t];heologisches Denken, das meint ‚Subjektivität als Epochenindex der Neuzeit‘ ignorieren zu können“ und stattdessen supranaturalistische oder offenbarungspositivistische Ansätze erkennen lässt, als „nicht modern, sondern allenfalls prä- oder postmodern“ eingestuft. Als solches setzt es sich dem Vorwurf aus, nicht mehr zeitgemäß zu sein oder vielmehr noch „das Christentum [zu gefährden], das es reflektiert“, insofern es seine Inhalte nicht nachvollziehbar begründen kann ohne das Subjekt in seinem Verhältnis zu Welt als letzten Bezugspunkt aufzuweisen.3

Die zentrale Bedeutung des Subjektivitätsparadigmas ist jedoch in der theologischen und philosophischen Debatte des 20. Jahrhunderts kontrovers verhandelt worden. Im zeitlichen Umfeld der systematisch-theologischen Tätigkeit Gerhard Ebelings ist hier auf zwei Richtungen hinzuweisen, die sich von der Annahme einer notwendigen Orientierung am Subjektivitätsparadigma abgrenzen.

Zum einen hat die dialektische Theologie den Gefahren, die sich aus einem solchen Ansatz ergeben, gesteigerte Aufmerksamkeit gewidmet. Aus dezidiert offenbarungstheologischer Perspektive wurde hier gegen die Ableitung der dogmatischen Lehrgehalte aus dem religiösen Selbstbewusstsein die Auffassung geltend gemacht, dass die christliche Theologie die Selbstoffenbarung Gottes in Jesus Christus in Abhängigkeit stellt, wenn sie ausgehend von einer Klärung der psychologischen und philosophischen Voraussetzungen des Glaubens erst sekundär die christlichen Lehrgehalte so auslegt, dass sie angeeignet werden können.

Zum anderen ist in den bestimmenden philosophischen Theoriebildungen im zeitlichen Umfeld Ebelings zu beobachten, dass das Subjekt als philosophische Leitkategorie abgelöst oder umbesetzt wird durch andere Leitstrukturen. Als philosophischer Einfluss innerhalb der Theologie Ebelings ist hier insbesondere die Existenzphilosophie Martin Heideggers zu nennen.4 In dieser hat sich ←17 | 18→die „Wende vom Subjekt zur Existenz“5 als Aufnahme der Subjektivitätstheorie in eine Fundamentalontologie vollzogen, in der mit der Existenz eine andere Leitstruktur gefunden wurde, die der Vielschichtigkeit des menschlichen Seins in seinen Bezügen zur Wirklichkeit mehr als das Theorem „Subjekt“ gerecht zu werden scheint.

Es ist davon auszugehen, dass Ebelings Schleiermacherrezeption in einem weiteren Sinne mit dem benannten Problemzusammenhang um die Thematik einer Theologie des Subjekts zusammenhängt, weil Ebeling seiner hermeneutischen Theologie ein Wirklichkeitsverständnis zugrunde legt, in der er die Kategorie der Subjektivität in eine ontologische Analyse der Lebensformen einzubinden sucht. Innerhalb der Glaubenshermeneutik Ebelings ist zu beobachten, dass er den beiden bestimmenden Kategorien Wort und Glaube die Sprache als Leitstruktur zugrunde legt. Daraus leitet sich die Vermutung ab, dass Ebeling in der systematischen Darstellung der dogmatischen Lehrgehalte weniger auf die Letztbegründung der christlichen Glaubensgewissheit aus ist, sondern mit der Sprache eher die Vollzüge der religiösen Existenz in den Blick zu nehmen sucht.

Vor diesem Hintergrund ist die Schleiermacherrezeption Ebelings im Hinblick auf die Frage zu analysieren, inwiefern Ebeling Schleiermachers subjektivitätstheoretische Begründung der christlichen Dogmatik und seine Klärung ihrer wissenschaftstheoretischen Voraussetzungen aufgreift und innerhalb seines eigenen dogmatischen Denkens produktiv zu verarbeiten sucht. Dabei ist die Frage zu beantworten, welche Bedeutung Ebeling der Kategorie des Subjekts in seinen Beiträgen zur wissenschaftlichen Selbstreflexion des christlichen Glaubens zuschreibt. Darüber hinaus ist zu klären, wie Ebeling die Leitkategorie „Wort Gottes“ innerhalb seiner Glaubenshermeneutik mit der Sprache als bestimmender Leitstruktur einbindet.

Ebeling erkannte die Aufgabe der gegenwärtigen protestantischen systematischen Theologie in der Selbstreflexion des christlichen Glaubens innerhalb der modernen Lebenswelt. Es war seine Überzeugung, dass die systematische Theologie dazu die Klärung des individuellen christlichen Glaubens im Verhältnis zu seiner wissenschaftlichen Reflexion vor dem Hintergrund des gegenwärtigen Standes der Wissenschaft immer wieder neu vollziehen muss. Hierin verstand er sich ausdrücklich dem Denken Schleiermachers verpflichtet, der die subjektivitätstheoretische Bestimmung des Wesens des Christentums als Grundthema in die Prolegomena der protestantischen Dogmatik eingeführt hatte. Ebeling ←18 | 19→verstand Schleiermachers „Ahnungen und Warnungen hinsichtlich der Auswirkungen der modernen Wissenschaft auf die Theologie und vor allem des evangelischen Christentums“ als eine „nicht hinreichend bewältigte Epochenschwelle.“6

Besieht man die Schleiermacherstudien Ebelings in ihrem Zusammenhang, so kann als eine erste Deutungshypothese aufgestellt werden, dass Ebeling die subjektivitätstheoretischen Prämissen von Schleiermachers Religionstheorie ausgehend von seiner grundlegenden Einsicht in die Aufgabe gegenwärtiger systematischer Theologie rezipiert: Diese hat sich um eine Vorklärung der anthropologischen Voraussetzungen des christlichen Glaubens zu bemühen, die sowohl das Denken der Vernunft als auch das Irrationale, das den spezifischen Charakter religiöser Erfahrung ausmacht, berücksichtigt und ersichtlich macht, dass beide nicht in einem ausschließenden Widerspruch zueinander stehen. Es ist hervorzuheben, dass Ebeling hiermit keine neue Einsicht gewonnen hat, sondern auf die bereits in der Theologie des 19. Jahrhunderts gewonnene Einsicht in die notwendige Verhältnisbestimmung von Glauben und wissenschaftlicher Theologie zurückgreift.

Allerdings sieht Ebeling die protestantische systematische Theologie der Gegenwart gegenüber derjenigen des 19. Jahrhunderts vor neue Herausforderungen gestellt: Während die wissenschaftliche Selbstreflexion des christlichen Glaubens zuvor noch voraussetzen konnte, dass die Tradition des christlichen Glaubens ein selbstverständlicher Bestandteil der Lebenswelt ist, befindet sich der systematische Theologe der Nachkriegszeit in einem Umfeld, in dem sich eine weitgehende Gleichgültigkeit oder auch Beliebigkeit in Bezug auf Religion im Allgemeinen und auf den christlichen Glauben im Besonderen auszubreiten droht. Aufgrund dessen verschärft sich die systematisch-theologische Aufgabe Ebeling zufolge nicht nur darin, dass sie berücksichtigen muss, wie die Inhalte des Glaubens in die gegenwärtige Sprache zu übersetzen sind, sodass diese die Lebenswelt der Adressaten erreichen. Vielmehr stellt sich die Aufgabe der Rechenschaft über den christlichen Glauben in verschärfter Weise, indem sowohl die Wissenschaftlichkeit der christlichen Theologie als auch die Rede von Gott angesichts des rationalistisch geprägten neuzeitlichen Wirklichkeitsverständnisses grundsätzlich in Frage zu stehen scheint.

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In Ebelings Arbeiten zu der Frage, wie der christliche Glaube in der gegenwärtigen Zeit verantwortet werden kann, finden sich zahlreiche Hinweise darauf, wie sehr er in dieser Frage von den theologischen Grundgedanken Friedrich Schleiermachers beeinflusst ist und sich in seinem dogmatischen Denken an Schleiermacher orientiert. Auf den ersten Blick mag dies vor allem in seiner Wahl der zentralen Begrifflichkeiten deutlich werden, mit denen Ebeling selbst die Grundzüge seines dogmatischen Denkens charakterisiert und verdeutlicht, worin seine theologischen Aussagen prinzipiell gründen und woraufhin sie ausgerichtet sind.

Das christlich-fromme Selbstbewusstsein, das bei Schleiermacher als die zentrale Bezugskategorie fungiert, aus der alle dogmatischen Aussagen abgeleitet und auf die sie jeweils auch ausgerichtet sind, findet in Ebelings dogmatischem Denken seine methodische Entsprechung im Gewissensbegriff. Das Gewissen ist der anthropologische Ort, an dem der Glaube zur Erfahrung kommt, der wiederum als Ursprung und Ziel aller dogmatischen Aussagen begriffen wird. Der Titel seines dogmatischen Erstlingswerks Das Wesen des christlichen Glaubens, mit dem Ebeling den Auftakt seines Wirkens innerhalb der systematischen Theologie markierte, sowie der Titel seiner dreibändigen Dogmatik des christlichen Glaubens, in der er die wesentlichen Erträge von zwanzig Jahren systematisch-theologischer Arbeit dokumentierte, lassen dies deutlich werden. In beiden Werken entwickelt Ebeling seine theoretischen Lösungsansätze zu der Frage, wie die Probleme der gegenwärtigen Theologie überwunden werden können.

Grundsätzlich wird man sagen können, dass Ebelings Auseinandersetzung mit dem theologischen Werk Schleiermachers unter dem Vorzeichen seines Interesses an einer erfahrungsbasierten Theologie steht, die sich in ausdrücklicher Berufung auf ihre reformatorischen Grundprinzipien an die Probleme der Gegenwartstheologie wendet. Die Probleme der Theologie in der Gegenwart zeigen sich Ebeling zufolge in ihrer mangelnden Sprachfähigkeit und in ihrem fehlenden Wirklichkeitsbezug, die beide auf die fehlende Bezugnahme auf die anthropologischen Voraussetzungen religiöser Erfahrung zurückzuführen sind. Den Ursprung dieser problematischen Entwicklung der protestantischen Theologie erkennt Ebeling darin, dass man sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts von der theologischen Fragestellung nach den subjektiven Voraussetzungen des christlichen Glaubens abgewendet hat, die innerhalb der Theologie des 19. Jahrhunderts insbesondere von Schleiermacher aufgeworfen wurden.

Es ist davon auszugehen, dass Ebeling mit seiner Schleiermacherrezeption die wiederkehrende Hinwendung zu den Anfängen der neuprotestantischen dogmatischen Theologie im 19. Jahrhundert entschieden vorangetrieben hat, ←20 | 21→nachdem die für den Neuprotestantismus charakteristische enge Verflechtung von Anthropologie und Theologie von der dialektischen Theologie zum Gegenstand der Kritik erhoben wurde. Der vorliegenden Arbeit liegt deshalb die weitere Feststellung zugrunde, dass Ebelings Bemühungen um eine evangelische Fundamentaltheologie als Ausdruck eines Paradigmenwechsels innerhalb der protestantischen systematischen Theologie zu verstehen sind. So wurde der Notwendigkeit, die Voraussetzungen der christlichen Lehrgehalte innerhalb der dogmatischen Prolegomena zu klären, seitens der Lehrergeneration Ebelings noch eine entschiedene Absage erteilt.

Biographische Angaben

Jana Huisgen (Autor:in)

Jana Huisgen studierte Evangelische Theologie und Germanistik an der Universität Osnabrück. Sie war Stipendiatin im Promotionskolleg «Transformationsprozesse im neuzeitlichen Protestantismus» an der Georg-August-Universität Göttingen und promovierte an der Universität Osnabrück. Derzeit arbeitet sie als Studienrätin an einem Gymnasium.

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Titel: Der christliche Glaube als reflektierte Erfahrung