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Inszenierte Loyalitäten?

Die Neuapostolische Kirche in der NS-Zeit

von Karl-Peter Krauss (Autor)
Monographie 466 Seiten

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Vorwort
  • Inhalt
  • 1. Der Urgroßvater, die Geschichtswissenschaft und ein Politikwissenschaftler: Einführung
  • 2. Panik: Das Jahr 1933
  • 2.1 Die Affäre Wilhelm Neuer und die Presse
  • 2.2 Gemeindeschließungen, Verhaftungen, Anfeindungen
  • 2.3 Das Werbeverbot in Württemberg
  • 2.4 Die Flaggenfrage
  • 2.5 Überlebensstrategie oder die Schrift „Die Neuapostolische Gemeinde im Dritten Reich“
  • 2.6 Widerspenstigkeiten der Kirchenmitglieder?
  • 2.7 Die Nacht und die Eschatologie: Folgen für die Kirchenpolitik?
  • 3. Die Mitgliederentwicklung und ihre Instrumentalisierung
  • 3.1. Das Narrativ
  • 3.2. Die Zahlen
  • 4. Die NS-Belastung führender Funktionsträger in Württemberg und Bremen
  • 4.1 Zum Begriff „NS-Belastung“
  • 4.2 Die Entnazifizierung
  • 4.3 Zur Methodik der Ermittlung der „formalen Belastung“
  • 4.4 Die quantitative Dimension der „formalen Belastung“
  • 4.5 „Nur seines Glaubens gelebt“?
  • 4.6 Signaturen kalkulierter Konformität? „Materiale Belastung“
  • 5. Kirchenleitung und NS-Belastung
  • 5.1 Quellenlage
  • 5.2 Der Befund
  • 5.3 „Göttliche Offenbarung Hitlers“: Umgang der Kirchenleitung mit einem Gemeindeleiter und Nationalsozialisten
  • 6. Der Akteur Friedrich Bischoff
  • 6.1 Vorbemerkungen
  • 6.2 Eine „flammende“ Rede
  • 6.3 Mimikry: Die „Biografien“ von Friedrich Bischoff
  • 6.4 Das „Husarenstück“: Franz Series und die fünf neuen „Mitglieder“ in Jugoslawien
  • 6.5 Der Brief von Hedwig (Heda) Fackenheim
  • 6.6 Ein Weggefährte
  • 6.7 Dr. Walter Pockels
  • 6.8 Eine Annäherung
  • 7. Widerspenstigkeiten: Der Gemeindeleiter und der Oberbürgermeister
  • 7.1 „Dienstliche Führung gut, ausserdienstlich widmet er sich dem Sektendienst“485
  • 7.2 Ein weiteres Bedrohungsszenario
  • 7.3 Vorladung
  • 7.4 Krankheit und „innere Kündigung“
  • 8. Die Zeitschrift „Unsere Familie“ und die Historische Demoskopie: Heiratsannoncen
  • 8.1 „Die Juden“, „die Schwarzen“ und der Krieg
  • 8.2 „Gott schütze den Führer“545: Einführende komparative Überlegungen
  • 8.2.1 Der „Geburtstag des Führers“ 1939
  • 8.2.2 Krieg!
  • 8.2.3 Der Sieg im Westen
  • 8.3 Schlussfolgerungen
  • 8.4 Erich Meyer-Geweke, der Schriftleiter
  • 8.5 Historische Demoskopie: Methodik
  • 8.6 Heiratsanzeigen in der NS-Zeit
  • 8.7 Irdische Sicherheit und ewiges Heil: Heiratsanzeigen als Indikatoren in „Unsere Familie“
  • 8.8 Anzeigenkonjunktur: Weihnachtswunsch und Kriegsangst
  • 8.9 Überlegungen zur Interpretation
  • 9. Die Korrespondenz mit Heinrich Franz Schlaphoff (Südafrika)
  • 9.1. Briefe aus und nach dem Deutschen Reich
  • 9.2 Nicht überwachte Briefe
  • 10. Vom Altar nach Auschwitz: Neuapostolische Christen jüdischer Herkunft
  • 10.1 Ausgegrenzt, Stigmatisiert, Verfolgt: Kontext und Einführung
  • 10.2 Ernst Kaufmann (1876–1955): Verborgene Heldinnen und Helden
  • 10.2.1 Annäherungen an ein Leben
  • 10.2.2 Auf der Flucht vor der Gestapo
  • 10.2.3 Das Netzwerk der Unterstützer
  • 10.3 Ziehe deine Schuhe aus, denn der Ort, wo du stehst, ist heilig! Harry Fränkel (1882–1942)
  • 10.3.1 Die Flucht und der geheimnisvolle Pastor
  • 10.3.2 Die Zeit davor: Biographische Angaben
  • 10.3.3 Heimweh: In einer fremden Stadt
  • 10.3.4 In der „Pestbeule“ Frankreichs. Die Lager St. Cyprien und Gurs
  • 10.3.5 Heimkehr ohne heimzukommen: Untersuchungshaft, Gefängnis, KZ, Auschwitz
  • 10.3.6 Nachwehen
  • 10.4 Aus der behüteten Familie in die Hölle von Riga-Jungfernhof: Helene Wöhr (1915–1942) aus Stuttgart-Feuerbach
  • 10.4.1 Ein „liebes, williges, arbeitsfreudiges Mädchen“ und der Stolperstein
  • 10.4.2 Die letzten Monate
  • 10.4.3 Epilog: Die verzweifelte Mutter
  • 10.5 Simon Peritz (1884–1972): „Wenn ich zurückkomme, bringe ich Dir Schokolade mit“
  • 10.5.1 Dunkle Wolken
  • 10.5.2 Der „Volksfeind“ und der Aufnahmeschein
  • 10.5.3 Theresienstadt
  • 10.6 „Bitte, bitte, lieber Apostel, helft meinem Mann, er ist kein Unwürdiger“: Der „Ostjude“ Simon Leinmann (geb. 1904)
  • 10.6.1 Auf Spurensuche im Herkunftsmilieu
  • 10.6.2 Heimat: Familie, Arbeit, Kirche
  • 10.6.3 Im Strudel menschenverachtender Politik
  • 10.6.4 Einsam und verlassen: Im Lager
  • 10.6.5 Kirchliche Strategien?
  • 10.6.6 Sehnsuchtsräume: Ein Hoffnungsschimmer
  • 10.6.7 Intermezzo in Berlin
  • 10.6.8 Der letzte Weg?
  • 10.6.9 Die zurückgebliebene Frau
  • 10.7 Die Gemeinde Stuttgart-Süd
  • 10.7.1 Verfolgung und Tod
  • 10.7.2 Hermann Glück: „Mischling ersten Grades“
  • 10.7.3 Auf der gleichen Kirchenbank…
  • 11. „Der Geist aus der Flasche“: Phantomschmerzen und Rechtfertigungsstrategien
  • 12. Aus Kommunisten werden Nationalsozialisten: Fremdzuschreibungen?
  • 13. Deutungsebenen und Ausblick
  • 14. Anhang
  • 14.1 Quellenanhang: „Erhöhre daß Bitten und Schreien…“ Der Briefwechsel des „Ostjuden“ Simon Leinmann
  • 14.2 Verzeichnis der Abbildungen
  • 14.3 Verzeichnis der Karten
  • 14.4 Verzeichnis der Tabellen
  • 14.5 Abkürzungsverzeichnis
  • 14.6 Verzeichnis der ungedruckten Quellen
  • 14.7 Verzeichnis der Literatur
  • 14.8 Personenregister
  • 14.9 Sach- und Ortsregister

cover

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation
in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische
Daten sind im Internet über
http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Autorenangaben

Der Autor
Karl-Peter Krauss studierte Geschichte, Geographie sowie Germanistik und promovierte zu einem historisch-geographischen Thema. Nach verschiedenen beruflichen Wirkungskreisen im Bildungs- und Kulturbereich ist er seit 2005 an einer außeruniversitären Forschungseinrichtung sowie als Lehrbeauftragter an der Universität Tübingen tätig.

Über das Buch

Karl-Peter Krauss

Inszenierte Loyalitäten? Die Neuapostolische Kirche
in der NS-Zeit

Wie wirken sich kognitive ‚Thinking for Speaking’ Muster auf das Fremdsprachenlernen aus? Dieser Frage geht die Autorin mithilfe einer empirischen Untersuchung an deutschen Erstsprachlern nach, die Genustransfer anhand der Pronominalisierung und Kategorisierung von belebten, nicht-menschlichen Referenten (Tiernomen) beim Sprechen des Englischen erforscht. Chinesische und englische Erstsprachler dienen als Vergleichsgruppe. Die Ergebnisse zeigen, dass der Genustransfer durch eine unbewusste Fehlinterpretation des Genus zum Sexus ausgelöst wird. Die Existenz solcher kognitiven Muster bedeutet, dass das Erlernen einer neuen Sprache das Erlernen neuer Muster erfordert. Die Autorin folgert, dass die Genusvermittlung einen höheren Stellenwert im DaF-Unterricht erhalten sollte, um die kognitive Umstrukturierung zu fördern.

Zitierfähigkeit des eBooks

Diese Ausgabe des eBooks ist zitierfähig. Dazu wurden der Beginn und das Ende einer Seite gekennzeichnet. Sollte eine neue Seite genau in einem Wort beginnen, erfolgt diese Kennzeichnung auch exakt an dieser Stelle, so dass ein Wort durch diese Darstellung getrennt sein kann.

Vorwort

Das vorliegende Buch orientiert sich an drei Leitlinien. Eine zentrale Intention war es zunächst, Aussagen und Schlussfolgerungen auf der Basis von Primärquellen zu erforschen. Dazu wurden umfangreiche, bislang zum großen Teil unbeachtete Akten aus zahlreichen staatlichen und kirchlichen Archiven aus mehreren europäischen Ländern recherchiert und quellenkritisch interpretiert. Dabei ging es immer auch um die Frage, ob die gängigen Narrative über die Neuapostolische Kirche in der NS-Zeit einer quellenkritischen Bestandsaufnahme standhalten? Oder wurden die liebgewordenen narrativen „Konstrukte“ der Historiographie von Buch zu Buch einfach ohne zu hinterfragen weitergereicht?

Zweitens ging es darum, die unterschiedlichen Betrachtungsebenen miteinander zu verzahnen und jeweils einer kritischen Bewertung zu unterziehen. Halten die auf der Makroebene der Kirchenleitung gewonnenen Erkenntnisse einer Verifizierung auch dann stand, wenn zu spezifischen Fragen die Ebene der Akteure herangezogen wird – und umgekehrt? Erst dieses Ausloten aus unterschiedlichen Betrachtungswinkeln mit verschiedener Beobachtungsbrennweite kann aufgrund der Quellenlage zu belastbaren Ergebnissen führen.

Schließlich: Wissenschaft fordert den Diskurs. Eine offene Diskussion ist zwingend notwendig. Daher sei all jenen Personen gedankt, die durch Diskussionen anlässlich von Vorträgen, persönlichen Kontakten und fachlichen Gesprächen Impulse zur Verwirklichung dieses Buches gegeben haben. Namentlich genannt seien Prof. Dr. Matthias Armgardt (Konstanz), Pfarrer Alexander Behrend (Reutlingen-Gönningen) sowie die Mitglieder der AG Geschichte der Neuapostolischen Kirche, Dr. Manfred Henke (Groß Grönau), Andreas Vöhringer (Frankfurt am Main) und der Archivar der Neuapostolischen Kirche International, Gottfried Wisler (Basel, Schweiz). Dieser Dank gilt auch dem früheren Vorsitzenden der AG, Apostel Dirk Schulz (Hamburg). Weitere wertvolle Hinweise gab mir mein Freund und Kollege, Prof. Dr. Norbert Spannenberger (Leipzig). Dem stellvertretenden Direktor des Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismusforschung e. V. an der Technischen Universität Dresden, Dr. Clemens Vollnhals, danke ich vielmals für wichtige Impulse. Hinsichtlich der redaktionellen Arbeit bin ich Studiendirektor a. D. Ulrich Hailfinger (Heilbronn) ebenfalls zu Dank verpflichtet. Damit standen mir Personen dreier unterschiedlicher Konfessionen und Disziplinen zur Seite, wofür ich besonders dankbar bin, denn auch der interkonfessionelle Dialog ist – insbesondere bei kirchenhistorischen Themen – von Bedeutung.

Die benannten drei Orientierungsleitlinien führten schließlich zur zentralen Analysekategorie, der Fragestellung nach den „Inszenierten Loyalitäten“, die sich im Buchtitel wiederfindet.

Viele weitere Personen hätten es verdient, namentlich genannt zu werden. Stellvertretend sei meine Frau Elke erwähnt, die es an manchen Abenden nicht nur erduldet hat, dass an diesem Werk geschrieben wurde, sondern auch inhaltliche Anregungen gab: Gratias tibi ago!

Karl-Peter Krauss

Inhalt

1. Der Urgroßvater, die Geschichtswissenschaft und ein Politikwissenschaftler: Einführung

2. Panik: Das Jahr 1933

2.1 Die Affäre Wilhelm Neuer und die Presse

2.2 Gemeindeschließungen, Verhaftungen, Anfeindungen

2.3 Das Werbeverbot in Württemberg

2.4 Die Flaggenfrage

2.5 Überlebensstrategie oder die Schrift „Die Neuapostolische Gemeinde im Dritten Reich“

2.6 Widerspenstigkeiten der Kirchenmitglieder?

2.7 Die Nacht und die Eschatologie: Folgen für die Kirchenpolitik?

3. Die Mitgliederentwicklung und ihre Instrumentalisierung

3.1 Das Narrativ

3.2 Die Zahlen

4. Die NS-Belastung führender Funktionsträger in Württemberg und Bremen

4.1 Zum Begriff „NS-Belastung“

4.2 Die Entnazifizierung

4.3 Zur Methodik der Ermittlung der „formalen Belastung“

4.4 Die quantitative Dimension der „formalen Belastung“

4.5 „Nur seines Glaubens gelebt“?

4.6 Signaturen kalkulierter Konformität? „Materiale Belastung“

5. Kirchenleitung und NS-Belastung

5.1 Quellenlage

5.2 Der Befund

5.3 „Göttliche Offenbarung Hitlers“: Umgang der Kirchenleitung mit einem Gemeindeleiter und Nationalsozialisten

6. Der Akteur Friedrich Bischoff

6.1 Vorbemerkungen

6.2 Eine „flammende“ Rede

6.3 Mimikry: Die „Biografien“ von Friedrich Bischoff

6.4 Das „Husarenstück“: Franz Series und die fünf neuen „Mitglieder“ in Jugoslawien

6.5 Der Brief von Hedwig (Heda) Fackenheim

6.6 Ein Weggefährte

6.7 Dr. Walter Pockels

6.8 Eine Annäherung

7. Widerspenstigkeiten: Der Gemeindeleiter und der Oberbürgermeister

7.1 „Dienstliche Führung gut, ausserdienstlich widmet er sich dem Sektendienst“

7.2 Ein weiteres Bedrohungsszenario

7.3 Vorladung

7.4 Krankheit und „innere Kündigung“

8. Die Zeitschrift „Unsere Familie“ und die Historische Demoskopie: Heiratsannoncen

8.1 „Die Juden“, „die Schwarzen“ und der Krieg

8.2 „Gott schütze den Führer“: Einführende komparative Überlegungen

8.2.1 Der „Geburtstag des Führers“ 1939

8.2.2 Krieg!

8.2.3 Der Sieg im Westen

8.3 Schlussfolgerungen

8.4 Erich Meyer-Geweke, der Schriftleiter

8.5 Historische Demoskopie: Methodik

8.6 Heiratsanzeigen in der NS-Zeit

8.7 Irdische Sicherheit und ewiges Heil: Heiratsanzeigen als Indikatoren in „Unsere Familie“

8.8 Anzeigenkonjunktur: Weihnachtswunsch und Kriegsangst

8.9 Überlegungen zur Interpretation

9. Die Korrespondenz mit Heinrich Franz Schlaphoff (Südafrika)

9.1 Briefe aus und nach dem Deutschen Reich

9.2 Nicht überwachte Briefe

10. Vom Altar nach Auschwitz: Neuapostolische Christen jüdischer Herkunft

10.1 Ausgegrenzt, Stigmatisiert, Verfolgt: Kontext und Einführung

10.2 Ernst Kaufmann (1876-1955): Verborgene Heldinnen und Helden

10.2.1 Annäherungen an ein Leben

10.2.2 Auf der Flucht vor der Gestapo

10.2.3 Das Netzwerk der Unterstützer

10.3 Ziehe deine Schuhe aus, denn der Ort, wo du stehst, ist heilig! Harry Fränkel (1882–1942)

10.3.1 Die Flucht und der geheimnisvolle Pastor

10.3.2 Die Zeit davor: Biographische Angaben

10.3.3 Heimweh: In einer fremden Stadt

10.3.4 In der „Pestbeule“ Frankreichs. Die Lager St. Cyprien und Gurs

10.3.5 Heimkehr ohne heimzukommen: Untersuchungshaft, Gefängnis, KZ, Auschwitz

10.3.6 Nachwehen

10.4 Aus der behüteten Familie in die Hölle von Riga-Jungfernhof: Helene Wöhr (1915–1942) aus Stuttgart-Feuerbach

10.4.1 Ein „liebes, williges, arbeitsfreudiges Mädchen“ und der Stolperstein

10.4.2 Die letzten Monate

10.4.3 Epilog: Die verzweifelte Mutter

10.5 Simon Peritz (1884–1972): „Wenn ich zurückkomme, bringe ich Dir Schokolade mit“

10.5.1 Dunkle Wolken

10.5.2 Der „Volksfeind“ und der Aufnahmeschein

10.5.3 Theresienstadt

10.6 „Bitte, bitte, lieber Apostel, helft meinem Mann, er ist kein Unwürdiger“: Der „Ostjude“ Simon Leinmann (geb. 1904)

10.6.1 Auf Spurensuche im Herkunftsmilieu

10.6.2 Heimat: Familie, Arbeit, Kirche

10.6.3 Im Strudel menschenverachtender Politik

10.6.4 Einsam und verlassen: Im Lager

10.6.5 Kirchliche Strategien?

10.6.6 Sehnsuchtsräume: Ein Hoffnungsschimmer

10.6.7 Intermezzo in Berlin

10.6.8 Der letzte Weg?

10.6.9 Die zurückgebliebene Frau

10.7 Die Gemeinde Stuttgart-Süd

10.7.1 Verfolgung und Tod

10.7.2 Hermann Glück: „Mischling ersten Grades“

10.7.3 Auf der gleichen Kirchenbank…

11. „Der Geist aus der Flasche“: Phantomschmerzen und Rechtfertigungsstrategien

12. Aus Kommunisten werden Nationalsozialisten: Fremdzuschreibungen?

13. Deutungsebenen und Ausblick

14. Anhang

14.1 Quellenanhang: „Erhöhre daß Bitten und Schreien…“ Der Briefwechsel des „Ostjuden“ Simon Leinmann

14.2 Verzeichnis der Abbildungen

14.3 Verzeichnis der Karten

14.4 Verzeichnis der Tabellen

14.5 Abkürzungsverzeichnis

14.6 Verzeichnis der ungedruckten Quellen

14.7 Verzeichnis der Literatur

14.8 Personenregister

14.9 Sach- und Ortsregister

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1. Der Urgroßvater, die Geschichtswissenschaft und ein Politikwissenschaftler: Einführung

Das Buch beginnt mit einer kleinen Reise. Die Reise führt in ein Dorf nach Südostasien. Dieses Dorf in Malaysia heißt Sedaka. Niemand findet diesen Namen auf einer Landkarte. Der amerikanische Politikwissenschaftler und Anthropologe James C. Scott, der sich mit diesem Ort befasste, gab ihm den Namen „Sedaka“. Denn er wollte seine Bewohner schützen und sie nicht preisgeben. Das Buch, das Scott über dieses Dorf verfasste, wurde zu einem seiner bedeutendsten Werke. Darin sind die Erkenntnisse einer zweijährigen Feldforschung zwischen 1978 bis 1980 niedergelegt. Es war ein Dorf mit extremen sozioökonomischen Unterschieden und Schieflagen zwischen reichen Landbesitzern, armen Landarbeitern und Kleinstbauern. Der Titel des Buches lautet „Weapons of the Weak“. Darin schildert er eine Szene, die sich zwischen Hamzah, einem armen Landarbeiter, und dem reichen Großgrundbesitzer Haji Kadir abspielte. Hamzah hatte für seine Arbeit zu wenig Lohn erhalten. Gegenüber seinem Lohnherrn verbarg Hamzah seine Wut und seinen Zorn über den ungerechten Lohn. Doch in der Privatheit zu Hause machte er seinem Ärger Luft, weil er ungerecht behandelt worden war.1 Das Deutungspotential dieser und anderer Begebenheiten in dem Buch über die „Waffen der Schwachen“ wird weiter unten aufgegriffen; es geht um das Problem des Ausgeliefertseins und der möglichen Reaktionsalternativen.

Doch zunächst geht es um eine weitere Reise. Sie führt in einen anderen Raum und eine andere Zeit. Es handelt sich um ein eher unbedeutendes Ereignis, das sich im frühen 19. Jahrhundert abspielte: Walburga Hoss war aus dem Herzogtum Bayern nach Fünfkirchen (Pécs) im Komitat Baranya, Königreich Ungarn, ausgewandert. Am 11. Juli 1805 schrieb die junge Frau einen Brief an das Landgericht Regen. Darin bat sie flehentlich um ihr Erbe. Um ihrer Bitte den notwendigen Nachdruck zu verleihen, berichtete sie, dass sie das Erbe „vermög vorhandener Theurung höchst benöthige“. Sie sprach somit von ihrer großen Bedürftigkeit. Aber sie schrieb am gleichen Tag auch einen Brief an ihren Vater und damit an einen privaten Empfänger. Der Vater brachte dieses Schreiben ebenfalls zum Landgericht Regen. Das war keine gute Idee. Doch wie konnte er auch wissen, dass seine Tochter dorthin schon einen Brief ←13 | 14→geschrieben hatte? Und im Brief an ihren Vater hatte Walburga Hoss berichtet, dass es ihr und ihrer Familie wirtschaftlich sehr gut ginge: „Wenn der liebe Vater Lust hätte ins Ungarn zu uns zu kommen, wäre unser gröste Freud und Vergnügen, den es ist alles viel leichter zu leben, und wir haben Hoffnung, wohlfeile Zeiten, weil alles sehr schön und gut stehet“.2 Somit lagen dem Landgericht zwei Briefe der gleichen Verfasserin vor. In einem klagte sie über ihre große Bedürftigkeit. Und im anderen Brief freute sie sich über ihre guten wirtschaftlichen Verhältnisse. Wäre nur der an das Landgericht verfasste Brief überliefert worden, hätte das bei einer oberflächlichen Analyse womöglich zu völlig falschen Schlüssen über die wirtschaftliche Lage von Walburga Hoss geführt. Zwar geht es bei diesem Vorgang vordergründig um eine soziökonomische Angelegenheit, aber es zeigt sich in dieser Geschichte, dass eine quellenkritische Analyse das oberste Gebot eines Historikers bleiben muss.

Genau dieser Tatbestand soll mit einer weiteren Geschichte belegt werden. Albert Troll, der in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts im Bischoff-Verlag der Neuapostolischen Kirche arbeitete und eng mit dem Sohn des Kirchenleiters Johann Gottfried Bischoff namens Friedrich Bischoff (1909–1987) befreundet war, schrieb am 9. April 1934 an Heinrich Franz Schlaphoff (1894–1965), den Stellvertreter des Kirchenleiters,3 einen Brief. Das Schreiben enthielt auch diese Aussage: „Hier in Deutschland ist soweit alles in Ordnung. Wir haben keine Veranlassung, zu glauben, dass uns in der Ausübung unserer religiösen Tätigkeit Einschränkungen auferlegt werden.“4 Dieser Brief wurde aus dem Deutschen Reich nach Südafrika versandt und unterlag auch im Wissen des Briefschreibers der Überwachung. Doch schon am 5. Juli 1937 berichtete der gleiche Troll, jetzt aus der sicheren Schweiz, an Schlaphoff in Südafrika folgende Aussage: „[…] die Verhältnisse im schönen Deutschland haben sich in politischer Hinsicht so gestaltet, dass wir immer mit einem Bein im Zuchthaus stehen.“5 Wenige Monate zuvor hatte Troll aus Kolumbien am 31. März 1937 an den gleichen Empfänger resigniert geschrieben: „Lieber Franz! […] Mit grosser Schnelle ist der Abend zu uns gekommen und wir leben der festen Gewissheit, dass in kurzer Zeit die Nacht kommen wird, ←14 | 15→wo niemand mehr wirken kann. Die Hitler-Regierung duldet keine anderen Götter neben sich. Die deutsche Religion der Zukunft ist die der Rasse, des Blutes und der deutschen Ehre und religiöse Bestrebungen anderer Art werden im Laufe der Zeit auf allen möglichen Wegen abgeschaltet. […]. Unsere Presse wird auf das Schärfste kontrolliert, ob sich nicht irgendeine Möglichkeit bietet, sie kurzerhand zu verbieten. […] Wir leben der festen Üeberzeugung, dass wir im Zuge der inneren politischen und religiösen Vereinheitlichung von der Bildfläche verschwinden müssen, wenn erst Deutschland seine äusseren Schwierigkeiten überwunden hat.“6

Und wie lautete die Antwort von Schlaphoff an Troll auf diesen Brief? Schlaphoff schrieb jetzt an Troll in seinem Wohnort in Frankfurt am Main, womit den Korrespondenten bewusst war, dass der Brief geöffnet und überwacht wurde. Jedenfalls war die Reaktion systemkonform: „Ich habe mich wirklich gefreut […] und auch über die Nachricht, wie schön und friedlich7 alles ist und im Heimatland jetzt wieder alles vorwärtz (sic!) geht.“8 Davon allerdings war im vorherigen Schreiben mit keinem Wort die Rede.

Ein letzter Ausflug in Raum und Zeit sei noch erlaubt. Jetzt geht die Reise in das kleine Dorf Mehrstetten auf der Schwäbischen Alb. Im Mittelpunkt steht der Urgroßvater des Autors, Jakob Krauß (1863–1949). Die Bibel, geistliche, nicht selten pietistische Erbauungsbücher, Kalender mit erbaulichen Geschichten, das war die Literatur in vielen Bauernhäusern auch in diesem Ort. Aber auch die Zeitung hatte Einkehr gehalten. Gab es nun Streitgespräche und der Urgroßvater konnte seine Argumente nicht mehr überzeugend untermauern, dann griff er, gemäß der Erinnerungskultur in der Familie, zu seinem mächtigsten Argumentationsschwert: Er holte die Tageszeitung, berief sich mit seiner Meinung auf einen Artikel in der Zeitung und vertrat mit Überzeugungskraft die Meinung: „Hier steht es. Also ist es wahr.“ Damit setzte er voraus, dass das geschriebene Wort nun mal wahrhaft sein müsse.

Details

Seiten
466
ISBN (PDF)
9783631818022
ISBN (ePUB)
9783631818039
ISBN (MOBI)
9783631818046
ISBN (Buch)
9783631817551
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (April)
Schlagworte
Mitgliederentwicklung Heiratsannoncen Korrespondenz Historische Demoskopie Friedrich Bischoff Juden Funktionsträger
Erschienen
Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2020. 466 S., 12 farb. Abb., 81 s/w Abb., 1 Tab.

Biographische Angaben

Karl-Peter Krauss (Autor)

Karl-Peter Krauss studierte Geschichte, Geographie sowie Germanistik und promovierte zu einem historisch-geographischen Thema. Nach verschiedenen beruflichen Wirkungskreisen im Bildungs- und Kulturbereich ist er seit 2005 an einer außeruniversitären Forschungseinrichtung sowie als Lehrbeauftragter an der Universität Tübingen tätig.

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Titel: Inszenierte Loyalitäten?