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Der Traum in der neueren russischen Lyrik

Elena Švarc, Ol’ga Sedakova und Gennadij Ajgi

von Katina Baharova (Autor:in)
Dissertation 238 Seiten

Zusammenfassung

Der Traum als Medium transzendenter Erfahrungen ist ein bevorzugtes literarisches Motiv von der Antike bis zur Gegenwart. Auch in der russischen inoffiziellen Lyrik der Sowjetzeit entwickelt der Traum metaphysische Dimensionen, die auf individuelle Weise gestaltet werden. Anhand der Analyse exemplarischer Gedichte wird die Traumpoetik von Elena Švarc, Ol’ga Sedakova und Gennadij Ajgi erschlossen und im Hinblick auf ihre Spezifik vergleichend ausgewertet. Die dichterisch geformten Träume erweisen sich als Wege zur Gottesbegegnung (Sedakova), zu spiritueller Selbsterkenntnis (Švarc) oder auch zu mystischer Naturerfahrung (Ajgi). Die drei AutorInnen verorten sich dadurch im literaturhistorischen Kontext der metaphysischen Lyrik, deren Tradition sie durch das Traummotiv fortsetzen.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Impressum
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • 1. Einleitung
  • 2. „Vo sne rasskazyvaju son“: Formen des lyrischen Subjekts in der Traumdichtung von Elena Švarc
  • 2.1. Biographisches
  • 2.2. Literarische Merkmale
  • 2.3. Forschungsstand
  • 2.4. Ausgangslage der Untersuchung des Traummotivs
  • 2.5. Hauptthemen der Traumdichtung von Elena Švarc im Überblick
  • 2.6. Fragestellung und methodische Vorgehensweisen
  • 2.7. Lyrisches Subjekt als Erzähler
  • 2.8. Erzählsubjekt als Teil des Traums
  • 2.9. Das lyrische Ich als Erzähler-Ich
  • 2.10. Das lyrische Subjekt als luzides Traum-Ich
  • 2.11. Lyrisches und historisches Ich
  • 2.12. Zusammenfassung
  • 3. „Živoe živo v glubočajšem sne…“: Traum und Schlaf als Schwebezustand zwischen Immanenz und Transzendenz in der Dichtung Ol’ga Sedakovas
  • 3.1. Biographisches
  • 3.2. Literarische Merkmale
  • 3.3. Forschungsstand
  • 3.4. Vorgehensweise
  • 3.5. Entwicklung des Traummotivs in den Werkphasen Sedakovas
  • 3.6. Der Traum als poetisches Ausdrucksmittel im lyrischen Werk Sedakovas
  • 3.7. Der Traum als Verbindung zwischen der Kindheit und dem Erwachsenenalter
  • 3.7.1. Sedakovas Wiegenlieder: Traum als Schicksalsimagination
  • 3.7.2. Traum als mystisches Erlebnis
  • 3.7.3. Traum als Märchen
  • 3.8. Traum und Schlaf als mystische Erfahrung
  • 3.9. Traum und Tod
  • 3.10. Traum und Krankheit
  • 3.11. Luzides Träumen
  • 3.12. Traum und Folklore
  • 3.13. Der Traum als Mediator
  • 3.14. Die thematischen Dimensionen des Traums im Werk von Ol’ga Sedakova
  • 3.15. Resümee / Fazit: Die qualitative Evolution des Traum- / Schlafmotivs in Sedakovas lyrischem Werk
  • 4. Der Traum als dichterisches Konzept bei Gennadij Ajgi
  • 4.1. Biographisches
  • 4.2. Literarische Merkmale
  • 4.3. Forschungsstand und Ausgaben
  • 4.4. Traum als Dichtung im Werk von Gennadij Ajgi
  • 4.5. Fragestellung und Vorgehensweise
  • 4.6. „son-i-poėzija“ und die poetische Theorie des Traums / Schlafs bei Ajgi
  • 4.6.1. Die Definitionen des Traums / Schlafs
  • 4.6.2. Der Traum / Schlaf als poetisches Schicksal
  • 4.6.3. Traum / Schlaf und Realität
  • 4.6.4. Traum / Schlaf und Tod
  • 4.6.5. Traum / Schlaf als Teil der menschlichen Individualität
  • 4.6.6. Der Traum / Schlaf und die Schlaflosigkeit
  • 4.7. Zusammenfassung
  • 4.8. Gedichtanalyse
  • 4.9. Zusammenfassung
  • 5. Vergleich der AutorInnen in Bezug auf die Traumthematik
  • 6. Literaturverzeichnis
  • Werkausgaben
  • Forschungsliteratur
  • Internetquellen

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1.Einleitung

Der Traum in der russischen Lyrik der Sowjetzeit zeichnete sich als ein besonders produktives Ausdrucksmittel vor allem für die DichterInnen aus, die zu der sog. inoffiziellen Literatur gezählt werden können. Unabhängig von der offiziellen Literatur, die dem Materialismus verpflichtet war, hat dieses alternative Dichten den Traum als eine Möglichkeit angesehen, persönliche Schreibweisen zur Geltung zu bringen. Der Traum erwies sich als ein geeignetes Medium für die Formulierung eigener künstlerischer Auffassungen: von religiösen Glaubensbekenntnissen über die Selbstreflexion bis hin zu Überlegungen zur Rolle und Bestimmung der Dichterin / des Dichters. Darüber hinaus war ein anderes Charakteristikum des literarischen Traums wichtig: seine Affinität zu metaphysischen bzw. mystisch-religiösen Themen, die mit der materialistisch geprägten Sowjetkultur ebenfalls nicht vereinbar waren. Die individuellen Zugänge und die metaphysische Ausrichtung der Traumthematik in der inoffiziellen Lyrik erfordern eine Untersuchung, die sich zum einen auf die Schreibweise der jeweiligen Dichterin / des jeweiligen Dichters fokussiert, zum anderen aber die verschiedenen Dimensionen des Metaphysischen in ihrer Dichtung, insbesondere in der Traumdichtung, unterscheidet. Bevor wir uns der Fragestellung dieser Arbeit zuwenden, wird eine allgemeinere Hinführung zum Thema „Traum in der Lyrik“ gegeben.

Allgemeine Problematik von Traumdarstellungen in der Literatur: Der Traum stellt ein Phänomen dar, dessen Ambivalenz in der Literatur auf besonders starke Weise zum Tragen kommt. Das Verhältnis von Traum und Literatur ist Gegenstand ausgedehnter Forschung, aus der hier einige repräsentative Ansätze angeführt werden, die auch für die vorliegende Arbeit wichtige Anregungen geben.

Trauminhalte – also die Eindrücke –, die während des Träumens entstehen, und ihre Hintergründe sind nicht unmittelbar zu vermitteln, sondern brauchen immer eine sekundäre Bearbeitung durch Erinnerung und den Ausdruck der Erinnerung. Dieses kann gewöhnlich nicht ohne Verluste geschehen – die Unmittelbarkeit und die Fülle realen Träumens steht immer hinter seiner Reflexion und Medialisierung zurück. Manfred Engel z. B. stellt die These auf, dass der eigentliche Traum nur dem Träumer eigen ist und ab dem Moment des Erwachens durch Erinnerungen und Nacherzählungen verfälscht wird.1

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Gerade diese Differenz aber ist auch produktiv als Herausforderung, den Traum mit Hilfe ästhetischer Mittel zu gestalten und dadurch eine Art neues Erleben des Traums durch die Kunst zu ermöglichen.

Peter-André Alt stellt die Frage nach dem Verhältnis zwischen Imagination und Fiktion im Rahmen der Literaturgeschichte des Traums und bemerkt, dass in dem Moment, in welchem dem Traum eine literarische Funktion zugeschrieben wird, er automatisch als eine literarische Fiktion betrachtet werden muss.2

Nicht nur der Traum selbst, sondern auch sein Verhältnis zu der Wachwelt, ist aus theoretischer Perspektive erschlossen. Aus philosophischer Sicht betrachtet Petra Gehring die Entwicklung des Verhältnisses von Traum und Wirklichkeit durch die geschichtlichen Epochen.3 Stefanie Kreuzer schlägt in ihrer Monographie eine Typologie des ästhetischen Traums vor, die sich an der subjektiven Trennung zwischen Traum- und Wachwelt orientiert.4

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Es ist festzuhalten, dass die theoretischen Überlegungen zum literarischen Traum in den meisten Fällen auf der Basis narrativer Texte entstanden sind. Es gibt kaum Arbeiten, die den Anspruch erheben, eine Untersuchungsmethode formulieren zu können, die den Traum in der Lyrik zum Gegenstand hat.

Forschungsstand: Die Forschungslage bezüglich des Traums in der Literatur ist sehr umfangreich und in den verschiedenen Philologien unterschiedlich ausgeprägt. Hier werden nur solche Veröffentlichungen erwähnt, die für diese Arbeit interdisziplinär oder intermedial anschlussfähig sind, und solche Studien, welche sich speziell auf die russische Literatur beziehen.

Wichtige Forschungen zum Traum entstehen in dem seit 2015 von der Deutschen Forschungsgesellschaft (DFG) finanzierten Graduiertenkolleg „Europäische Traumkulturen“ an der Universität des Saarlandes.5 Das Kolleg ermöglicht nicht nur den Austausch zwischen Generationen von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, sondern auch zwischen verschiedenen geisteswissenschaftlichen Disziplinen, sodass ein größtmöglicher Überblick über die ästhetischen Aspekte des Traums gegeben wird. Zu erwähnen ist vor allem der Germanist Manfred Engel, der seit Mitte der 1990er auf dem Gebiet der literarischen Traumdarstellungen forscht und neben den Träumen in der Romantik auch einen Akzent auf die Interaktion zwischen literarischen Träumen und psychologischen Prozessen legt.6

Am Kolleg wirkte auch die Germanistin und Filmwissenschaftlerin Stefanie Kreuzer mit, die 2014 mit einer Monographie die Traumdarstellungen in ein intermediales Licht gerückt hat.7 Weitere wichtige Arbeiten zum Thema hat Christiane Solte-Gresser vorgelegt, die in einem Aufsatz etwa ein Instrumentarium zur Untersuchung der Träume in narrativen Texten aufstellt.8 Die Ergebnisse der ersten Ringvorlesung des Graduiertenkollegs sind in einem Sammelband erschienen.9 Mit Bezug zu dem Thema dieser Untersuchung ist insbesondere der Aufsatz von Henrieke Stahl hervorzuheben, in ←11 | 12→dem sie konkret auf die metaphysisch ausgerichteten Träume in der russischen Gegenwartsdichtung eingeht.10

Die jüngsten Publikationen des Graduiertenkollegs „Europäische Traumkulturen“ sind der 2018 erschienene Sammelband „Traum und Inspiration. Transformationen eines Topos in Literatur, Kunst und Musik“,11 der die Träume als Inspirationsquelle in den verschiedenen Kulturen, Künsten und Epochen betrachtet, und der Band „An den Rändern des Lebens. Träumen von Sterben und Geborenwerden in den Künsten“, in dessen Mittelpunkt die geträumten Erfahrungen des Sterbens und des Geborenwerdens stehen.12

Eine weitere wissenschaftliche Vereinigung, welche neue Traumforschung generiert, ist das DFG-Netzwerk „Das nächtliche Selbst. Traumwissen und Traumkunst im Jahrhundert der Psychologie (1850–1950)“.13 Im Zentrum der Forschung dieses Netzwerks stehen die verschiedenen Dimensionen von Traum und Subjektivität, wobei erste Ergebnisse im Jahr 2016 im Rahmen eines Sammelbands veröffentlicht wurden.14 Damit verwandt ist das etwas breiter aufgestellte internationale Forum „Network of Cultural Dream Studies“.15 Einige wichtige Publikationen, die Mitglieder dieser zwei Netzwerke hervorgebracht haben, sind die von Michaela Schrage-Früh verfasste Untersuchung zu dem Zusammenspiel zwischen Traum und Imagination in der Literatur16 und der neuste Sammelband zu Traum und Dichtung, herausgegeben von Bernard Dieterle und Hans-Walter Schmidt-Hannisa.17

Der Forschungsstand zu den Traumdarstellungen in der russischsprachigen Literatur ist vergleichsweise wenig ausgeprägt. Zu verzeichnen sind drei Monographien von Dmitrij Nečaenko, die den Traum aus folkloristischer und kulturhistorischer Sicht betrachten, ohne konkrete Texte zu analysieren bzw. auf die lediglich verwiesen wird.18 Jurij Lotman entwickelt einige literaturtheoretische Ansätze, etwa zur semiotischen Verwendung des Traums und seiner sich verändernden kommunikativen Funktion.19

Solche theoretischen Ansätze und Überblicke sind allerdings eine Seltenheit. Viel öfter beschäftigt sich die Forschung mit der konkreten Darstel←12 | 13→lung von Träumen innerhalb eines oder mehrerer literarischer Texte. Es ist zu vermerken, dass eine vergleichende Analyse fast ausschließlich innerhalb größerer Arbeiten zu finden ist. Ein Beispiel dafür ist die Monographie von O.V. Fedunina über die Traumpoetik des russischen Romans in dem ersten Drittel des 20. Jahrhunderts, in welcher sie Werke von Andrej Belyj, Michail Bulgakov und Vladimir Nabokov vergleicht.20

Eine sehr umfangreiche Arbeit ist die 2004 erschienene Dissertation von Natal’ja Nagornaja, die die Traumdarstellungen in der Epoche des Modernismus und der Postmoderne erforscht.21 Das ist eine der wenigen Untersuchungen, die einen breiteren Zeitrahmen ansetzen und verschiedene AutorInnen vergleichen (in diesem Fall Fedor Sologub, Valerij Brjusov, Aleksej Remizov für die Epoche des Modernismus und Venedikt Erofeev, Viktor Pelevin, Jurij Mamleev und Dmitrij Lipskerov für die Postmoderne).

Eine weitere Dissertation aus dem Jahr 2005 beschäftigt sich mit den Träumen in den frühen Werken Fedor Dostoevskijs.22 Zahlreiche kleinere Arbeiten untersuchen jeweils einen bestimmten Aspekt, einen Autor bzw. eine Autorin oder einen Text aus der Perspektive der literarischen Traumdarstellungen, wobei es sich in den meisten Fällen um Aufsätze handelt, die eine synchrone Betrachtung des jeweiligen Problems unternehmen und selten vergleichend arbeiten.23

Insbesondere in Bezug auf den Roman, wesentlich stimuliert durch das Werk Dostoevskijs, zeichnet sich ein weiteres Charakteristikum der Forschung zum literarischen Traum ab: Die Traumdarstellungen werden fast ausschließlich aus Sicht der Psychologie betrachtet, wobei sehr oft Bezug auf die Freudsche Traumtheorie genommen wird.24

Ferner lässt sich feststellen, dass die überwiegende Mehrheit der wissenschaftlichen Arbeiten, die Traumdarstellungen in der russischen Literatur untersuchen, sich auf Prosatexte konzentrieren, wie dieses auch in anderen Literaturen ähnlich der Fall ist. Die wenigen Ausnahmen beziehen sich entweder auf Werke der russischen Romantik,25 wo der Traum ähnlich wie in Westeuropa ein Thema von zentraler Bedeutung war, oder behandeln einzelne Gedichte als Teilaspekt eines größeren Themas.26 Die Erforschung des Traums in der Lyrik ist in der russischen Literatur, wie auch in anderen Literaturen, meistens auf das Aufsatzformat beschränkt und wird nur in einer ←13 | 14→begrenzten Anzahl von Werken behandelt, wie die angeführten Beispiele von Ralph Matlaw oder Stephanie Sandler (s.u.) zeigen.

Die Forschungslage zum Traum in der russischen Gegenwartsdichtung beschränkt sich ebenfalls auf einzelne AutorInnen, wobei der Traum überwiegend in einem mystisch-religiösen Kontext untersucht wird. Stephanie Sandler z. B. verbindet den Traum im Werk von Ol’ga Sedakova mit Rhythmus.27 Henrieke Stahl untersucht den Traum als Teil des mystischen „Werdegangs“ von Gennadij Ajgi.28 Ebenfalls mit dem Traum im Werk Ajgis beschäftigen sich Rainer Grübel29 und P’er Paše.30

Entwicklung des Traumbezugs in der russischen Lyrik. Neben diesem Akzent auf psychologisierte Interpretationen literarischer Träume, der überwiegend für Prosa- und Dramatexte typisch ist und in gewisser Weise konstant bleibt, lässt sich eine weitere Ausrichtung des Oneirischen, die auf einer metaphysischen Ebene angesiedelt ist, feststellen. Der Traum gewinnt im Laufe der Jahrhunderte die Züge eines metaphysischen Phänomens, das mystisch und philosophisch auch in der russischen Lyrik aufgearbeitet wurde.

In der russischen Literatur gibt es einen Strang mystischer Lyrik, dessen Wurzeln bis in das russische Mittelalter zurückverfolgt werden können und der in fast jeder literarischen Epoche aufgetreten ist. Als letzte zeitlich abgrenzbare Stufe in diesem Evolutionsprozess lässt sich die inoffizielle Dichtung der Sowjetzeit anführen, die sich einerseits auf die literarische Tradition stützt, indem sie den Traum als Funktion des Mystischen betrachtet, andererseits aber neue, teilweise experimentelle und provokative Darstellungsformen verwendet. Um diese diachrone Entwicklung der metaphysischen Lyrik und ihre Ergebnisse in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nachvollziehen zu können, wird ein kurzer Überblick über die einzelnen literaturhistorischen Epochen und vor allem die Rolle, die der Traum als Ausdrucksmittel gespielt hat, gegeben.

Die Literatur des russischen Mittelalters (988 bis ca. 1650) zeichnet sich dadurch aus, dass sie keine ästhetische, sondern primär eine religiöse und teilweise liturgische Funktion hat. Dadurch wird die Verwendung des Traums fast ausschließlich in einen christlich-orthodoxen Kontext gesetzt. „Povest’ vremennych let“ [„Erzählung der vergangenen Jahre“],31 auch Nestor-Chronik genannt, zählt zu den wichtigsten überlieferten Texten aus dieser Zeit und begründet damit eine Tradition der religiösen Traumdarstellungen. Das orthodox konforme Träumen, das vor allem prophetische Züge hat, ist hier als ein Privileg von Geistlichen und Fürsten dargestellt. Ein weiterer ←14 | 15→Text, dessen Zugehörigkeit zu der Epoche des Mittelalters umstritten ist, ist „Slovo o polku Igoreve“ [„Das Lied von der Heerfahrt Igors“],32 besser bekannt als das „Igorlied“.33 Es enthält einen prophetischen Traum, in dem Fürst Svjatoslav die Vernichtung von Igors Heer sieht. Die Traumauffassung des nicht schriftkundigen Volkes aus dieser Zeit lässt sich mithilfe der Folkloretradition rekonstruieren, welche Traumdeutungen als ein festes Deutungssystem entwickelt hat. Diese Traumsymbole wurden in der Frühromantik in Traumbüchern zusammengefasst, die auch literarisch immer wieder genutzt wurden.34

Eine Besonderheit der russischen Literatur insgesamt zeichnet sich dadurch aus, dass sie erst ab ca. Mitte des 17. Jahrhunderts eine ästhetische Funktion bekommt. Mit der Epoche des Barocks (ca. 1650–1740) wird der Traum als Brücke zur Transzendenz grundsätzlich und als für Menschen aller sozialen Gruppen etabliert, wie etwa der Zyklus von Simeon Polockij „Den’ i nošč’“ [„Tag und Nacht“] zeigt.35

Fast das ganze 18. Jahrhundert verläuft unter dem Zeichen der Aufklärung, und die Interessen verlagerten sich damit auf die vernünftige Erfassung von Phänomenen. So verlor der Traum in der Dichtung und in der Literatur seine mystischen Funktionen. Diese Tendenz setzte sich bis in die Romantik (ca. 1815–1845) fort, in welcher dann die mystischen Träume zu einem zentralen Motiv der Lyrik werden. Zu vermerken ist, dass, auch wenn Traumdarstellungen in der Prosa zu finden sind (zu erinnern ist an die berühmte Erzählung Nikolaj Gogol’s „Nos“ [„Die Nase“]), diese hier öfters auch von einer mystischen Dimension befreit sein können und den Traum psychologisch einsetzen. Einzelne Ausnahmen in diesem Darstellungsmuster gibt es, wie zum Beispiel Vladimir Odoevskij (1804–1869), der den Traum in einem mystischen Kontext in seinen Erzählungen verwendet.

Metaphysisch-mystische Träume dominieren dagegen fast ausschließlich in der Lyrik, sodass eine Tradition des metaphysischen Traums entsteht. Diese erstreckt sich von Fedor Glinka (1786–1880) mit seinem Gedicht „Son“ [„Der Traum“] über Fedor Tjutčev (1803–1873) mit dem Gedicht „Son na more“ [„Ein Traum auf dem Meer“] als poetische Antwort auf das Gedicht Glinkas bis zu den während des Realismus schreibenden, aber die romantische Tradition fortsetzenden LyrikerInnen wie Afanasij Fet (1820–1892), der oft den Traum als Verbindung mit dem Tod darstellt, und Aleksej K. Tolstoj (←15 | 16→1817–1875) oder auch Jakov Polonskij (1819–1898), der den Traum als mystisches Medium besonders oft verwendet.

Der kursorische Überblick zeigt, dass ungeachtet der Paradigmenwechsel der Epochen in der Lyrik in Bezug auf den mystischen Traum eine Kontinuität besteht, denn dem Traum in der Dichtung werden konstant dieselben Funktionen als mystisches Medium zugeschrieben.

Diese Tendenz setzt sich auch in der Epoche des russischen Symbolismus fort, der in einem Strang einen Akzent auf die Mystik setzt. Die Symbolisten der sog. zweiten Generation wie etwa Andrej Belyj (1880–1934) und Aleksandr Blok (1880–1921) distanzieren sich von der französischen Décadence und entwickeln in ihren Programmen eine eigene Synthese aus Dichtung, Mystik, Philosophie, Theosophie und sogar Naturwissenschaften.36 Neben den beiden genannten Autoren sind auch Vjačeslav Ivanov (1866–1949) und Innokentij Annenskij (1855–1909) zu erwähnen, die ebenfalls in ihrer Lyrik Traum und Mystik verbinden. Zwischen dem Symbolismus und der Avantgarde ist auch Daniil Charms (1905–1942) anzusiedeln, der ebenfalls den Traum als Motiv verwendet, allerdings nicht als Erscheinung des Mystischen, sondern als Szenario des Absurden.

Die Zeiten des politischen und gesellschaftlichen Umbruchs, die nach der Oktoberrevolution 1917 einsetzten, bestimmen maßgeblich auch den Umgang mit metaphysischen Themen, die von nun an fast nicht mehr vorhanden sind. Dafür lassen sich zwei Gründe ausmachen. Literarisch gesehen konzentriert sich die russische Avantgarde auf die Sprache als Ausdrucksmittel, wobei die metaphysische Dimension der Dichtung zweitrangig wird. Der wichtigste Grund für den Bruch in der Entwicklung der mystisch orientierten Lyrik ist aber politischer Natur: Nach 1934 wird eine materialistische Ideologie sowie eine entsprechende Literaturdoktrin (Sozialistischer Realismus) installiert, die gewaltsam durchgesetzt wird und die metaphysische Themen und Motive grundsätzlich ablehnt.

Der mystische Traum in der Lyrik verschwindet damit für einige Jahrzehnte, bis er in der inoffiziellen, unzensierten und halblegalen Dichtung ab den 1960ern eine Wiedergeburt erlebt. Der Traum als mystische Erfahrung wird zu einem poetischen Ersatz für Religion und eine Möglichkeit, sich öffentlich zu der eigenen Spiritualität zu äußern. Die AutorInnen des literarischen Untergrunds knüpfen einerseits thematisch an die frühere verdrängte literarische Tradition an, andererseits lassen sie sich in ihrem Schreiben auf gedankliche, sprachliche und gestalterische Experimente ein, die diese Tradition neudefinieren.

Das Motiv des Traums ist auch in der russischen Gegenwartsdichtung ein weit verbreiteter Topos insbesondere bei AutorInen wie Natalija Azarova (*1956) und Kirill Korčagin (*1986). Ziel einer späteren Untersuchung wäre, ←16 | 17→auch die zeitgenössische Lyrik in ihrem Umgang mit der Tradition des oneirischen Schreibens zu untersuchen.

Biographische Angaben

Katina Baharova (Autor:in)

Katina Baharova studierte Slavistik und Politikwissenschaft an der Universität Trier und wurde 2018 im Rahmen des DFG-Graduiertenkollegs «Europäische Traumkulturen» an der Universität des Saarlandes promoviert. Seit 2017 ist sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin der DFG-Kollegforschungsgruppe «Russischsprachige Lyrik in Transition. Poetische Formen des Umgangs mit Grenzen der Gattung, Sprache, Kultur und Gesellschaft zwischen Europa, Asien und Amerika» an der Universität Trier tätig.

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Titel: Der Traum in der neueren russischen Lyrik