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Arbeiten unter Hitler

NS-Sozialpolitik, Deutsche Arbeitsfront und Herrschaftspraxis im besetzten Luxemburg am Beispiel der Schwerindustrie 1940-1944

von Marc Schoentgen (Autor:in)
©2021 Monographie 688 Seiten

Zusammenfassung

Die nationalsozialistische Besatzung Luxemburgs (1940-1944) beeinflusste alle Lebensbereiche der Bevölkerung. Für den Koblenzer Gauleiter Gustav Simon war das kleine Land ein Experimentierfeld «neuer Staatlichkeit» und im Zuge der Neuordnung nutzte er geschickt die Spielräume der Arbeits-, Lohn- und Freizeitpolitik. Damit wollten der Gauleiter und andere Parteifunktionäre in erster Linie die Arbeiter und Angestellten der luxemburgischen Schwerindustrie vom NS-Regime überzeugen und für den «totalen Krieg» mobilisieren. Der Autor zeichnet die Geschichte der Deutschen Arbeitsfront und ihrer Funktionäre nach. Die Organisation verzeichnete wegen ihres gesellschafts- und wirtschaftspolitischen Dynamismus gewisse Anfangserfolge. Sie war aber letztlich ein Kontroll- und Überwachungsinstrument, das die Menschen auf der Arbeit und im Privatleben im nationalsozialistischen Sinne erziehen und beeinflussen wollte. Der Autor untersucht anhand zahlreicher biographischer Beispiele deutscher und luxemburgischer Akteure, wie unterschiedlich die Menschen in einer Besatzungsgesellschaft auf Druck, Verlockungen und Unrechtsmaßnahmen reagierten.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Danksagung
  • Inhaltsverzeichnis
  • Abkürzungsverzeichnis
  • Einleitung
  • 1. Vorwort und Fragestellung
  • 1.1. Chronologischer Rahmen und NS-Begriffe
  • 1.2. Gliederung
  • 2. Thematische Schwerpunkte
  • 3. Forschungsarbeiten zur Okkupations-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte
  • 4. Interpretationsansätze
  • 5. Quellenlage in Luxemburg
  • 6. Anmerkung zur Schreibweise von Orts- und Personennamen
  • 7. Anmerkungen zum Apparat
  • Kapitel I. Die NS-Sozialpolitik als Teil der Annexions- und Neuordnungspolitik
  • 1. NS-Sozialpolitik und Machtsicherung
  • 2. Die Ausgangslage: Deutsche Besetzung und nationalsozialistische „Zivilverwaltung“ 1940/41
  • 3. Die sozialpolitische Lage in Luxemburg vor 1940
  • 4. „Nie wieder Klassenkampf“: NS-Sozialpolitik als Instrument von Propaganda und „Volkstumspolitik“
  • 4.1. Propaganda für den Chef der Zivilverwaltung
  • 4.2. Sammeln für die „Volksgemeinschaft“: Das Winterhilfswerk
  • 4.3. „Gesunderhaltung des ganzen Volkes“: Die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt
  • 5. Der „Arbeitseinsatz“ in der Schwerindustrie als Herausforderung für die Gauleitung (1940–1944)
  • 5.1. Die Beschäftigungsfrage im Jahre 1940
  • 5.2. „Arbeitseinsatz“: Vollbeschäftigung, Arbeitskräftemangel und Zwangsarbeit
  • 6. Die nationalsozialistische Lohn- und Tarifpolitik in Luxemburg
  • 6.1. Die Lohnverordnungen von Oktober 1940
  • 6.2. Die Auswirkungen der Lohnverordnungen
  • 6.3. Die Entwicklung der Arbeiterlöhne am Beispiel der ARBED-Werke
  • 6.4. Der politische Charakter der deutschen Lohntarife
  • 6.5. Die Folgen der Lohnpolitik für das Regime
  • 7. Die Umgestaltung der Sozialversicherungen
  • 8. Das Ende der Luxemburger Sozialordnung
  • 9. Zusammenfassung
  • 10. Anhang
  • 10.1. Verbraucherpreise in Luxemburg (1939–1940)
  • 10.2. Lohn- und Arbeitsbedingungen in Luxemburg (1937–1944)
  • Kapitel II. Die Zerschlagung der Luxemburger Gewerkschaftsbewegung
  • Kapitel II.1. Die Luxemburger Arbeiterbewegung von der Vorkriegszeit bis zu ihrer Entmachtung (1940/1941)
  • 1. Das Gewerkschaftsleben in Luxemburg vor 1940 und die Perzeption faschistischer und nationalsozialistischer Modelle
  • 2. Die schrittweise Entmachtung der Luxemburger Gewerkschaften (1940/41)
  • 3. Anhang: Mitgliederzahlen der Luxemburger Gewerkschaften
  • Kapitel II.2. Das Ende der Luxemburger Gewerkschaften (1941)
  • 1. Der Zerfallsprozess der Luxemburger Gewerkschaften
  • 1.1. Die Machtübernahme der Deutschen Arbeitsfront
  • 1.2. Der LBMIAV zwischen Anpassung, Kollaboration und Widerstand
  • 1.3. Die Gleichschaltung der Gewerkschaften am Beispiel des Buchdruckervereins
  • 1.4. Die Liquidierung der Gewerkschaften und Verbände am Beispiel des LCGB
  • 2. Robert Ley in Luxemburg
  • 3. Zusammenfassung
  • Kapitel III. Das „Land der Roten Erde“ 1940–1944
  • 1. Das Industriegebiet im Kalkül des Gauleiter-Regimes
  • 2. Der Kreis Esch im Mittelpunkt der Eindeutschungspolitik
  • 3. „Kämpfer des Industriegebietes“: Arbeiter an der westlichen Reichsgrenze
  • 4. Die Kreisstadt Esch-Alzig als NS-Musterstadt für die „Schaffenden“
  • 5. Zusammenfassung
  • Kapitel IV. Die DAF in Luxemburg
  • Kapitel IV.1. Die Schaffung einer Massenorganisation
  • 1. Omnipräsenz und Expansion
  • 2. Die DAF – die zweitgrößte Massenorganisation in Luxemburg
  • 3. Der Aufbau der DAF-Organisation in Luxemburg (1941)
  • 3.1. Die Aufbauphase
  • 3.2. Das Beispiel der Stadtverwaltung Luxemburg
  • 3.3. Die Probleme der DAF in der Aufbau- und Konsolidierungsphase
  • 4. Die Zerschlagung des Luxemburger Verbandswesens durch den Stillhaltekommissar für das Organisationswesen
  • 4.1. Die Jagd auf das Gewerkschafts- und Verbandsvermögen
  • 4.2. Die „Überführung in geordnete Verhältnisse“: Die Zerschlagung der Hilfskassen
  • 4.3. Franz Schmidt: Parteifunktionär und Manager
  • 5. Die Gliederung der DAF in Luxemburg
  • 5.1. Die Kreiswaltungen
  • 5.2. Die Ortswaltungen und ihr Personal
  • 5.3. Die betriebliche Organisation der DAF
  • Kapitel IV.2. Die Wirtschaftsunternehmen der DAF
  • 1. Die DAF als Wirtschaftsunternehmen in Luxemburg
  • 1.1. Die Versicherungsunternehmen der Arbeitsfront
  • 1.2. Die DAF-Bank der Deutschen Arbeit
  • 1.3. Die Übernahme der Konsumgenossenschaften durch das DAF-Gemeinschaftswerk
  • 2. Bilanz
  • Kapitel IV.3. Führung und Funktionäre
  • 1. Die Spitze der DAF: Gauobmann Hugo Dörner und seine Kreisobmänner
  • 2. Der Escher Kreisobmann Ludwig Grohé
  • 2.1. Ludwig Grohé als Propagandist
  • 2.2. Das Gesicht der Arbeitsfront
  • 2.3. Betriebsbesuche
  • 2.4. Grohés Verhältnis zu den Escher Betriebsführern
  • 2.5. Der Fall der Eisenwerke Kayl
  • 2.6. Der Typus des DAF-Funktionärs
  • 3. Willige Kollaborateure? Die Obmänner: Motive und Verhaltensmuster
  • 4. Die Rolle von Vertrauensrat und Unternehmensbeirat
  • Kapitel IV.4. Die DAF als „Dienstleister“ am Volk
  • 1. Die DAF als „Dienstleister“
  • 2. „Kraft durch Freude“?
  • 2.1. Feierabendgestaltung
  • 2.2. „Schönheit der Arbeit“
  • 3. Die sozialen Angebote der Arbeitsfront zwischen Anspruch und Wirklichkeit
  • 3.1. Das Reichserholungswerk
  • 3.2. Betreuung der Frauen
  • 3.3. Betreuung der Jugendlichen
  • 4. Lenkung und Erziehung
  • 4.1. Das Volksbildungswerk der KdF
  • 4.2. Das Berufserziehungswerk
  • Kapitel IV.5. Verfallsprozess und Zusammenbruch
  • 1. Autoritäts- und Glaubwürdigkeitsverlust der DAF
  • 2. Die DAF und der Streik von 1942
  • 3. Der Niedergang der DAF am Beispiel des Bergbaus
  • 4. Der Zusammenbruch: Die Escher DAF in der Endphase der Besatzungszeit
  • Kapitel IV.6. Das Erbe der Deutschen Arbeitsfront
  • 1. Strafverfolgung der Obmänner
  • 2. Vergangenheitsbewältigung und Rückkehr zum Gewerkschaftspluralismus
  • 3. Nachwirkung: Das luxemburgische Sozialstaatsmodell
  • 4. Zusammenfassung: Die DAF als Faktor der NS-Herrschaft
  • Kapitel V. Arbeiten im Krieg
  • Kapitel V.1. Herrschaftspraxis in Luxemburger Industriebetrieben
  • 1. Die ARBED-Generaldirektion und ihre Beziehungen zur Volksdeutschen Bewegung
  • 1.1. Das Verhältnis zwischen ARBED-Werken und den Parteidienststellen
  • 1.2. Die Rolle der Betriebe in der Rekrutierungsphase der Deutschen Arbeitsfront
  • 1.3. Spendenpraxis der Betriebsführer
  • 2. Die Verhaltensmuster der Betriebsführer am Beispiel von ARBED-Belval
  • 2.1. Der Luxemburger Direktor Nicolas Schock
  • 2.2. Der deutsche Betriebsführer Nino Broglio
  • 3. Gelebte „Volksgemeinschaft“
  • 3.1. Spendenaktionen
  • 3.2. Betriebsappelle – Inszenierungen der NS-Politik
  • 3.3. Kameradschaftsabende
  • 4. Die soziale Betriebsarbeit der Deutschen Arbeitsfront
  • 4.1. Kraft durch Freude: „Stimmung, Fröhlichkeit und gute Laune“
  • 4.2. Betriebssport: „Kräftigung und Stärkung an Leib und Seele“
  • 4.3. Materielle Vergünstigungen: „Rassische Wertsteigerung der Volkskraft“
  • 5. Propaganda im Arbeitsalltag
  • Kapitel V.2. „Arbeitseinsatz“ und „Bummelei“
  • 1. Der organisierte „Arbeitseinsatz“ in der Schwerindustrie
  • 1.1. Die Bedeutung des „Arbeitseinsatzes“ in der Schwerindustrie
  • 1.2. Fraueneinsatz in der Schwerindustrie
  • 2. Formen der Zwangsarbeit am Beispiel des ARBED-Werkes Belval
  • 2.1. Die Ostarbeiter und Ostarbeiterinnen
  • 2.2. Sowjetische Kriegsgefangene
  • 2.3. Belgische Dienstverpflichtete
  • 2.4. Bilanz des Zwangsarbeitereinsatzes
  • 3. Formen des Widerstandes in den Betrieben
  • 3.1. Haltung der Luxemburger Arbeiter von Belval gegenüber Zwangsarbeitern
  • 3.2. „Bummelei“ und Absentismus
  • 4. Der Werkschutz als Herrschafts- und Unterdrückungsinstrument
  • 5. Zusammenfassung
  • 6. Anhang
  • Zusammenfassung, Schlussfolgerungen und Perspektiven
  • 1. Thematischer und chronologischer Überblick
  • 2. Zusammenfassung der einzelnen Kapitel
  • 3. Perspektiven für die weitere Forschung
  • 4. Allgemeine Schlussfolgerungen
  • Quellenverzeichnis
  • 1. Archive
  • 2. Zeitungen und Periodika
  • 3. Quellensammlungen und gedruckte Quellen
  • 4. Zeitgenössische Publikationen
  • 5. Unveröffentlichte Quellen
  • Literaturverzeichnis
  • 1. Vereinspublikationen, Festschriften
  • 2. Erinnerungsliteratur und Oral History
  • 3. Lexika, Nachschlagewerke, Forschungsberichte und andere Hilfsmittel
  • 4. Forschungsliteratur
  • 5. Online-Publikationen
  • Anhang
  • 1. Die wichtigsten Unternehmen der Luxemburger Eisenindustrie
  • 2. Der exemplarische Aufbau der DAF mit Amtsbezeichnungen
  • Abbildungsverzeichnis
  • Tabellenverzeichnis
  • Reihenübersicht

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Abkürzungsverzeichnis

Abt.

Abteilung

AMnR

Archives du Musée national de la Résistance

ANLux

Archives nationales Luxembourg

ANLux AE

Bestand Affaires Étrangères

ANLux AP

Bestand Affaires politiques

ANLux ARBED

Bestand ARBED

ANLux CdG

Bestand Criminels de Guerre

ANLUX CdZ

Bestand Chef der Zivilverwaltung

ANLux IP

Bestand Instruction publique

ANLux Jt

Bestand Justice

ANLux SD

Bestand SD-Berichte

AOK

Allgemeine Ortskrankenkassen

ARBED, Arbed

Aciéries Réunies Burbach-Eich-Dudelange

AVL

Archives de la Ville de Luxembourg

BA

Bundesarchiv

BDA

Bank der Deutschen Arbeit, Bankinstitut der DAF

BEW

Berufserziehungswerk der DAF

BIT

Bureau International du Travail (Organisation des Völkerbundes)

BMIAV

siehe LBMIAV

BSG

Betriebssportgemeinschaft

CdZ

Chef der Zivilverwaltung in Luxemburg

CNT

Conférence nationale du travail

COLUMETA

Comptoir luxembourgeois de métallurgie, Verkaufsorganisation der ARBED

DAF

Deutsche Arbeitsfront

DIFFAG

Differdinger Stahlwerke A.G. HADIR

DRK

Deutsches Rotes Kreuz

ETB

Escher Tageblatt TB

FLA

Fräie Lëtzebuerger Aarbechterverband

GAK

Gauarbeitskammer←15 | 16→

GEMUSO

Genossenschaft für Mußearbeit und soziale Fürsorge, auch: Genossenschaft für Arbeiterbildung und Sozialpolitik

GBA

Generalbevollmächtigter für den Arbeitseinsatz (= Fritz Sauckel)

HADIR

Hauts-Fourneaux et Aciéries de Differdange, St. Ingbert, Rumelange, 1940–1944: DIFFAG

Hg., Hgg.

Herausgeber

HJ

Hitlerjugend

ILO

International Labour Organization, frz. OIT, Organisation des Völkerbundes

ITM

Inspection du Travail et des Mines, Luxemburger Arbeitsinspektion

KdF

Kraft durch Freude

KSV

CdZ-Kommissar für das Sozialversicherungswesen

KWHW

Kriegswinterhilfswerk

LAV

Lëtzebuerger Aarbechter-Verband, Nachfolgegewerkschaft des LBMIAV

LBMIAV

Luxemburger Berg-, Metall- und Industriearbeiter-Verband

LCGB

Lëtzebuerger Chrëschtleche Gewerkschaftsbond

LRK

Luxemburger Rotes Kreuz

LVA

Landesversicherungsanstalt der Rheinprovinz

LVJ

Luxemburger Volksjugend (1941 in die Hitlerjugend übernommen)

LW

Luxemburger Wort

LZ

Luxemburger Zeitung

MMR

S.A. Minière et Métallurgique de Rodange, 1940–1944: RODAG

NBL

Nationalblatt – Ausgabe Luxemburg

NS-, ns-

nationalsozialistisch

NSDAP

Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei

NSF

Nationalsozialistisches Frauenwerk

NSG

Nationalsozialistische Gemeinschaft

NSKK

Nationalsozialistisches Kraftfahrkorps

NSRL

Nationalsozialistischer Reichsbund für Leibesübungen

NSV

Nationalsozialistische Volkswohlfahrt

o.D.

ohne Datum←16 | 17→

o.J.

ohne Jahresangabe

o.O.

ohne Ortsangabe

o.S.

ohne Signatur/ ohne Seiten

OGL

Ortsgruppenleiter

OMZ

Obermosel-Zeitung

OND

Opera Nazionale Dopolavoro

Pg.

Parteigenosse, Anrede bzw. Bezeichnung für Mitglied der NSDAP

RGBL

Reichsgesetzblatt

RODAG

Rodinger Hochofen- und Stahlwerks-Gesellschaft A.G., vormals MMR

RVE

Reichsvereinigung Eisen

SD

Sicherheitsdienst des Reichsführers SS

Stalag

Stammlager, Bezeichnung für Kriegsgefangenen-Stammlager der Wehrmacht

Stiko

Stillhaltekommissar für das Organisationswesen in Luxemburg

TB

Tageblatt (= Escher Tageblatt)

uk, UK-Stellung

Abkürzung für „unabkömmlich“, gleichbedeutend mit Freistellung vom Wehrdienst

VDA

Volksbund für das Deutschtum im Ausland

VdB

Volksdeutsche Bewegung in Luxemburg

Vg.

Volksgenosse

VOBL

Verordnungsblatt für Luxemburg, herausgegeben vom Chef der Zivilverwaltung in Luxemburg (1940–1944)

VS

Volksstimme

WESI

Wirtschaftsgruppe Eisenschaffende Industrie

WHW

Winterhilfswerk des Deutschen Volkes

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Einleitung

1.Vorwort und Fragestellung

Die Idee für die vorliegende Promotionsarbeit geht zurück auf das Forschungsprojekt „Terres Rouges“ in Zusammenarbeit mit Herrn Dr. Charles Barthel. Meine Untersuchungen setzten zunächst bei der Staatsexamensarbeit „Die Wirtschaft Luxemburgs unter der deutschen Besatzung 1940–1944“ (1994) an, die ich seinerzeit an der Universität Tübingen bei Herrn Prof. Dr. Hans-Peter Ullmann vorgelegt hatte. Die Vorarbeiten zu meiner Promotion befassten sich in einer ersten Phase mit dem Themenspektrum, das sich – zugespitzt formuliert – auf der Bandbreite zwischen „Kollaboration“ und „Widerstand“ in Luxemburgs Wirtschaft bewegte, wobei Schwerpunkte auf der Rolle der Schwerindustrie im Allgemeinen und der Bedeutung der „Aciéries Réunies Burbach-Eich-Dudelange“ (ARBED, heute ARCELOR-Mittal) im Besonderen lagen. Im Fokus meiner Fragestellungen stand zunächst die Unternehmensführung des ARBED-Konzerns um Generaldirektor Aloyse Meyer. Der Zugang zu den Firmenarchiven dieses weltumspannenden Konzerns – sie wurden in den 2000er Jahren den Luxemburger Nationalarchiven übergeben – stellte die Arbeit der Wirtschaftshistoriker auf die Basis neuer Quellen, welche noch längst nicht ausgeschöpft sind. Auch wenn diese Firmenarchive noch zum Teil unerschlossen sind, stellen sie in Bezug auf die Konzerngeschichte der Jahrzehnte zwischen 1930 und 1950 eine unschätzbare Dokumentationsbasis für die Forscher und Forscherinnen dar.1 Diese können nun auf Dokumente und Akten zurückgreifen, die in den Direktionsetagen der ARBED-Zentralverwaltung beziehungsweise in den einzelnen ARBED-Werken entstanden sind. In Teilen dokumentieren sie, was sich während der 1930er und 1940er Jahre hinter den Fassaden des ARBED-Verwaltungsgebäudes in Luxemburgs Hauptstadt und an den einzelnen Produktionsstandorten abspielte.2 Leider gilt dies nur sehr eingeschränkt für ←19 | 20→die anderen beiden Stahlunternehmen aus Differdingen und Rodingen, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit dem Konkurrenzkonzern fusionierten. Bei dieser Gelegenheit wurde offensichtlich nur ein Teil der Firmenarchive ins Archiv der ARBED transferiert, sodass für die dreißiger und vierziger Jahre nur wenig erhalten ist.

Bei der Recherche im Archiv stellte sich heraus, dass Teile der ARBED-Unterlagen aus den Besatzungsjahren über das Betriebswirtschaftliche hinaus einen Blick in den Arbeitsalltag unter nationalsozialistischer Herrschaft freigaben. Hierbei wurde ich auf eine nationalsozialistische Massenorganisation aufmerksam, deren Bedeutung für die Besatzungsgeschichte der Luxemburger Historiografie lange entgangen war, bis Vincent Artuso 2013 auf ihre Bedeutung als Kontroll- und Gleichschaltungsorgan hinwies.3 Die „Deutsche Arbeitsfront“ übte in den Jahren 1940/1941 bis 1944 einen wesentlichen Einfluss in Luxemburg aus, dies im politischen, sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Bereich. Es fiel auf, dass sich die Nationalsozialisten sowohl im Bereich der Propaganda als auch in ihrer Sozialpolitik der DAF bedienten, um die Menschen in Luxemburg auf ihre Seite zu bekommen und den Anschluss des Landes an Deutschland durchzusetzen.

Die vorliegende Monografie „Arbeiten unter Hitler“ verfolgt mehrere Ansätze, da man an die Besatzungsgeschichte nicht eindimensional herangehen kann. So findet man über die Darstellung einer politischen Geschichte Luxemburgs hinaus die Perspektive einer Wirtschafts- und Sozialgeschichte. Damit verknüpft sind die Entwicklungsabläufe von Firmen und Verbänden genauso wie die Geschichte von Verwaltungen und Organisationen. Um die Okkupationsgeschichte in möglichst vielen Facetten zu erfassen, enthält „Arbeiten unter Hitler“ auch Elemente einer Alltagsgeschichte. Die Geschichte einer Kriegsgesellschaft kann außerdem nur geschrieben werden, wenn man Biografien aus unterschiedlichsten Personenkreisen mitberücksichtigt.

Verschiedene thematische Schwerpunkte haben sich im Laufe der Forschungsarbeit zum Komplex Arbeit-Sozialpolitik-Herrschaft 1940 bis 1944 ergeben. Interpretatorisch führt die Auswertung der Quellen an folgenden grundsätzlichen Fragestellungen entlang:

1. Wie erlebten die Menschen in Luxemburg die Okkupationsjahre 1940 bis 1944 in politischer, sozialer und kultureller Hinsicht?

2. Was bedeutete für die Menschen in Luxemburg „Arbeiten“ unter dem NS-Regime?

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3. Auf welche Weise schaffte es eine nationalsozialistische Zivilverwaltung, das Land mit verhältnismäßig wenig Personal während vier Jahren zu beherrschen?

4. Inwiefern und in welchen Lebensbereichen fand die NS-Politik Zustimmung? Wo und in welchem Ausmaß stießen die Nationalsozialisten auf Ablehnung und Widerstand?

5. Warum konnte sich das Regime des Gauleiters über vier Jahre lang halten, obwohl es von einer großen Mehrheit der Menschen mehr oder weniger offen abgelehnt wurde?

Die Jahre der Diktatur lassen sich nicht mithilfe von Begriffspaaren wie „Widerstand vs. Kollaboration“, „Luxemburger vs. Nichtluxemburger“, „Herrscher vs. Beherrschte“ oder „Opfer vs. Täter“ ausreichend beschreiben oder erklären. Deshalb muss die Fragestellung multiperspektivisch sein. In ihrer Breite erlaubt es die Thematik um Arbeit, Sozialpolitik sowie Herrschaftsausübung, Entwicklungslinien der relativ kurzen Geschichte der nationalsozialistischen „Zivilverwaltung“ und der von ihr importierten NS-Organisationen aufzuzeigen. Sie bettet sich aber auch ein in die Geschichte der Luxemburger Arbeiterbewegung, die sich in den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg ihren Platz in Politik und Gesellschaft erkämpft hatte und deren Existenz vom NS-Regime nun in Frage gestellt wurde. In diesem Zusammenhang spielt der „Stillhaltekommissar für das Organisationswesen in Luxemburg“ (Stiko) eine entscheidende Rolle. Es handelte sich um eine Art Sonderbehörde, die eine Zwitterstellung im nationalsozialistischen Machtgefüge einnahm. Dieser Stillhaltekommissar spielte ab 1940 eine bislang unbeachtet gebliebene, aber umso wichtigere Rolle bei der Liquidierung der Vereine und Verbände und damit im Prozess von Gleichschaltung und Eindeutschung. Da die Akten des Stiko nahezu vollständig in ihrem Überlieferungszusammenhang erhalten sind, findet sich hier Material, das es erlaubt, die Kriegsgeschichte der Gewerkschaften und anderer Berufsverbände sowie der ihnen nahestehenden Vereine zu rekonstruieren. Hinter einer nach außen anonym wirkenden NSDAP-Parteidienststelle standen hochmotivierte und effizient arbeitende Funktionäre, wie der Stillhaltekommissar Franz Schmidt und dessen engagierte Mitarbeiter. Schmidt gehörte zu jenen jungen, aufstrebenden Männern, die in Partei, Staat und Wirtschaft erstaunliche Karrieren machen und in die NS-Elite aufsteigen konnten. Polykratische Herrschaftsstrukturen und Netzwerke von Parteigenossen, aber auch persönliche Beziehungen zwischen unterschiedlichsten Akteuren rücken demnach ins Blickfeld.

Die Analyse bleibt aber nicht bei den Eliten stehen, sondern wendet sich auch der „Durchschnittsbevölkerung“ zu. Allerdings ist der historiografische Zugang zu der schwer zu quantifizierenden „schweigenden“ Mehrheit der Luxemburger, die sich ab 1940 mit der Lage arrangierte und zu überleben versuchte, schwierig. Sie äußerten sich relativ selten in schriftlicher Form oder nur zu einer begrenzten Thematik, dies in der Regel mit einem gewissen zeitlichen Abstand zu den Kriegsereignissen selbst. Im Krieg gab es keine Meinungsumfragen, sodass man nur schwer herausfinden kann, wie die Menschen die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Veränderungen wirklich sahen. In der NS-Diktatur waren ohnedies ←21 | 22→die Ausdrucksmöglichkeiten der Bevölkerung sehr begrenzt. Um diese Blindstellen zu überwinden, muss man den Blick vom Kollektiv auf die Einzelpersonen wenden, die in unterschiedlichsten Kontexten agierten.

Einer dieser Kontexte ist die „Kollaboration“, und zwar in der Industrie. Exemplarische Fälle zeigen, wie sich sogenannte „Eliten“, aber auch die „kleinen Leute“ in den Ausnahmesituationen verhielten, die Krieg und Besatzungsherrschaft implizierten. Abwarten und Annehmen, Eigensinn und Ablehnung, Dissens und Widerstand waren unterschiedliche Verhaltensweisen, die im Alltag der Menschen zum Ausdruck kamen, gleich welcher sozialen Schicht sie angehörten oder welche ihre Staatsangehörigkeit war. Deshalb bietet sich die Suche an nach Personen, die zwischen 1940 und 1944 mehr oder weniger verantwortliche Posten in Wirtschaft, Verwaltung und Verbänden übernommen hatten, in der Hoffnung diejenigen klarer fassen zu können, die man abwertend als Mitläufer oder Attentisten bezeichnete. Bewusst wurde vermieden, den Fokus allein auf die Luxemburger und Luxemburgerinnen zu legen, die man nach dem Krieg häufig rasch zu „Kollaborateuren“ und „Verrätern“ abstempelte. Auch Reichsdeutsche – ob sie vor 1940 oder nach der Besetzung ins Großherzogtum gekommen waren – mussten als handelnde Personen berücksichtigt werden.

„Arbeiten unter Hitler“ will aber nicht primär die Geschichte der politischen und wirtschaftlichen Kollaboration beleuchten, sondern zeigen, wie eine kleine Gesellschaft die Diktatur erlebte und zwar hauptsächlich in zwei Kontexten, nämlich im beruflichen Umfeld und im Bereich der kulturellen Praxis. Wie im Untertitel „NS-Sozialpolitik und Herrschaftspraxis am Beispiel der Schwerindustrie“ angedeutet, setzten deutsche Zivilverwaltung und NS-Gauleitung in Luxemburg die Sozialpolitik als ein Instrument zur Machtdurchsetzung und zur Machtsicherung ein. Die „volksdeutschen“ Menschen sollten nicht nur mit dem Regime kollaborieren, sondern sich über Arbeit und Freizeit in eine nationalsozialistische, rassistische „Volksgemeinschaft“ integrieren. Anhand der konkreten Herrschaftspraxis verschiedener NS-Organisationen im Luxemburger Industriegebiet soll dargestellt werden, wo das Regime Erfolge hatte, wen es zu mobilisieren verstand und wo es an seine Grenzen stieß.4

Die Untersuchung bezieht sich geografisch gesehen weitgehend auf die Besatzungs- und Arbeitserfahrungen im Luxemburger Industriegebiet der Minette. Soziologisch betrachtet liegt der Fokus auf den Beschäftigten aus der Schwerindustrie, die einen beträchtlichen Anteil an der Industriearbeiterschaft ausmachten. Es sei indes vorausgeschickt, dass die Begriffe „Industriearbeiter“ beziehungsweise „Arbeiter“ undifferenziert gebraucht werden, während die Benutzung des Ausdrucks „Arbeiterklasse“ generell vermieden wird. Man kann die grobe, aber ←22 | 23→zweckmäßige Einteilung in Arbeiter nach Branchen zurückbehalten (Arbeiter in Industrie und im Dienstleistungsgewerbe sowie Landarbeiter), aber gerade in der Industrie wurde stark zwischen unqualifizierten Hilfsarbeitern und Facharbeitern unterschieden, was nicht nur bei den gezahlten Löhnen zum Ausdruck kam, sondern auch im gesellschaftlichen Ansehen. Außerdem gab es die Unterscheidung nach Wichtigkeit der Aufgaben, so bei den ARBED-Werken, wo es beispielsweise Arbeiter gab, die in den Angestelltenstatus aufsteigen konnten. In großen Betrieben gab es traditionell eine starke hierarchische Differenzierung, etwa zwischen einfachen Arbeitern, Vorarbeitern und Meistern.

Die Fokussierung auf die Luxemburger Schwerindustrie und damit auf das Beispiel des ARBED-Konzerns hat mehrere Gründe. Zum einen konzentrierte sich das Regime des NSDAP-Gauleiters und Chefs der Zivilverwaltung ab 1940 auf das Industriegebiet im Süden des Landes, wo sich der demografische und wirtschaftliche Schwerpunkt des Großherzogtums befand. Zum anderen war die Luxemburger Vorkriegsgesellschaft in Teilen stark durch die Eisenindustrie geprägt worden. Der wirtschaftliche Boom hatte zum Wohlstand des Landes beigetragen, interne Wanderungsbewegungen ausgelöst, demografische Veränderungen gebracht und somit die Arbeits- und Lebensweisen der Menschen verändert.5 Ein weiterer Grund ist der ARBED-Konzern selbst. Schon der Größe und der ökonomischen Bedeutung wegen kommt man nicht um die Aciéries réunies Burbach-Eich-Dudelange (ARBED) herum. Dieses multinationale Unternehmen mit Sitz in Luxemburg-Stadt beschäftigte 1941 in Europa (Luxemburg, Lothringen, Saar, Flandern) 22.000 Menschen. In Luxemburg selbst war die 1911 gegründete Aktiengesellschaft der größte Arbeitgeber, der über beträchtlichen politischen und gesellschaftlichen Einfluss verfügte. Vor dem Zweiten Weltkrieg verdienten immer noch rund 12.000 Arbeiter ihr Brot beim Konzern, der für seine guten Löhne und zahlreiche, freiwillig geleistete Sozialmaßnahmen bekannt war. Dies erklärt die Attraktivität des Unternehmens als Arbeitgeber. Die prominente Rolle als wichtigster Arbeitgeber behielt die ARBED auch während der deutschen Besatzungszeit.6

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1.1.Chronologischer Rahmen und NS-Begriffe

Vielfach beschränkt sich die luxemburgische Historiografie auf die rund 48 Monate währende Okkupationszeit. Bei den Recherchen wurde schnell deutlich, dass diese Periodisierung nicht gerechtfertigt ist und dass man den zeitlichen Rahmen nicht auf die Jahre 1940 bis 1944 einengen kann. Gerade bei den Kapiteln, die sich mit sozialgeschichtlichen Themen befassen oder mit dem Schicksal der Luxemburger Arbeiterbewegung und ihrer Organisationen zusammenhängen, war es notwendig, mit einem Rückblick auf die dreißiger Jahre zu beginnen. Ebenso schien es bei der Geschichte der Deutschen Arbeitsfront unumgänglich, sich auch kurz mit deren Nachwirkung auf die Rekonstruktionsphase der Gewerkschaften nach 1944 zu befassen.7

Das nationalsozialistische Vokabular enthält zahlreiche Begriffe, die zwar 1933 bis 1945 im öffentlichen Sprachgebrauch waren, aber häufig ideologisch und rassistisch konnotiert sind. Soweit diese Ausdrücke und Wörter im Darstellungsteil benutzt werden, sind sie grundsätzlich zwischen Anführungszeichen gestellt (z.B. „Drittes Reich“, „Machtergreifung“, „Volksgemeinschaft“, „Volksdeutscher“, „Tag der deutschen Arbeit“ usw.). Bei bestimmten Schlagworten der NS-Propaganda („totaler Krieg“, „Westraum“, „Land der roten Erde“) wurde in der Regel genauso verfahren. Nicht verwendet werden die Anführungszeichen – außer zur besonderen Hervorhebung – im Falle von NS-Amtsbezeichungen (Gauobmann, Kreisobmann, Zellenobmann usw.), eingedeutschten Ortsnamen (z.B. Esch-Alzig, Klerf usw.) oder einigen Wortschöpfungen (Gau Moselland) bzw. geläufigen Ausdrücken wie Reich, Gau, Altreich oder Altgau.

Es sei noch angemerkt, dass das Großherzogtum Luxemburg mit der Machtübernahme des Gauleiters Gustav Simon im August 1940, spätestens aber mit dem zweiten Erlass Hitlers über die „vorläufige Verwaltung“ in Luxemburg vom 18. Oktober 1940, bei den meisten Reichsbehörden nicht mehr als besetztes Territorium galt, sondern als CdZ-Gebiet quasi in das Altreich beziehungsweise in den Altgau inkorporiert war, auch wenn dies völkerrechtlich nicht so war. Dies bedeutete grundsätzlich, dass die Nationalsozialisten eine Politik der Assimilation betrieben, derzufolge die nichtjüdischen Luxemburger und Luxemburgerinnen fortan als „Volksdeutsche“ und als zugehörig zur deutschen „Volksgemeinschaft“ betrachtet wurden. Damit blieben den meisten Bewohnern des ehemaligen Großherzogtums die Unrechtsmaßnahmen im Bereich der Wirtschafts- und Arbeitspolitik erspart, die die Menschen in anderen militärisch besetzten Gebieten Westeuropas, wie Belgien, Nordfrankreich oder die Niederlande erfahren mussten. Im Umkehrschluss ←24 | 25→bedeutet dies, dass die Menschen in Luxemburg die NS-Diktatur in Teilen qualitativ so erlebten wie die Deutschen seit 1933 im Reich.8

1.2.Gliederung

Die Arbeit teilt sich in mehrere große Kapitel auf. Zuerst werden die Intentionen und Auswirkungen der Sozialpolitik in Kapitel I ausgeleuchtet. Sie war neben der Volkstumspolitik eines der Haupthandlungsfelder der Zivilverwaltung. Wie die Luxemburger Gewerkschaften zuerst instrumentalisiert, dann zerschlagen wurden, bevor ihre Mitglieder schließlich massiv in eine neue Bewegung (zwangs)integriert wurden, zeigt das zweite Kapitel. In Kapitel III werden am Beispiel des Luxemburger Industriegebiets die Zusammenhänge zwischen der Raum-, Volkstums-, Sozial- und Kulturpolitik des Gauleiters und Chefs der Zivilverwaltung Gustav Simon thematisiert. Die Deutsche Arbeitsfront steht im Mittelpunkt des größeren Kapitels IV. Der vertikale und horizontale Aufbau der Arbeitsfront zur zweitgrößten Massenorganisation war ein wichtiges Instrument zur Durchsetzung nationalsozialistischer Herrschaft in allen Teilen des Landes und auf allen Ebenen des Lebens. Dass die DAF auch ein Akteur war, zeigen die wirtschaftlichen, freizeit- und kulturpolitischen Aktivitäten, die sie während der Besatzungszeit in Luxemburg entwickelte. Die Geschichte einer bislang weitgehend unbekannt gebliebenen Sonderbehörde ist ebenfalls Gegenstand von Kapitel IV: Die Dienststelle des „Stillhaltekommissars für das Organisationswesen in Luxemburg“ war in der Aufbauphase der DAF ein wichtiger Akteur der Anschlusspolitik, bei der es nicht nur um politische, sondern auch um wirtschaftliche Interessen ging. Kapitel V befasst sich mit den direkten Auswirkungen der NS-Herrschaft auf die Arbeitswelt, wobei sichtbar wird, wie sich Besatzung, NS-Herrschaft und Krieg auf die Verhaltensmuster von Managern, Angestellten und Arbeitern auswirkten.

2.Thematische Schwerpunkte

Bislang sind von der Luxemburger Historiografie die Grundlagen, Konzeptionen und Auswirkungen der nationalsozialistischen Besatzungsherrschaft in den Bereichen der Wirtschafts-, Arbeits- und Sozialpolitik nur in Teilaspekten mehr oder weniger gründlich untersucht worden. Häufig überwiegt die Perspektive auf die Jahre 1940 bis 1944 als eine Zeit der Besetzung durch einen fremden Eindringling, während man die Kriegsjahre in Luxemburg kaum als die eines Regimes sieht, das in seinem Anspruch nicht nur das Territorium, sondern vor allem die Menschen ←25 | 26→beherrschen und in eine imaginierte „Volksgemeinschaft“ integrieren wollte. Die Handlungsfelder und Akteure der deutschen Okkupationspolitik sind:

1. Die NS-Sozialpolitik in Luxemburg. Sie war vor allem ab Ende 1940 bis ins Jahr 1941 hinein ein wesentlicher Bestandteil der deutschen Anschlusspolitik und ein Faktor der Annexions- und Nazifizierungspolitik. Mit welchen Mitteln und regimetypischen Sofortmaßnahmen versuchte die Zivilverwaltung ab Sommer-Herbst 1940 unter der aktiven Führung von Gauleiter Gustav Simon die Luxemburger auf breiter Ebene anzusprechen? Auf wen fokussierten sich die sozialpolitischen Maßnahmen des Regimes und gab es hierbei soziale und geografische Schwerpunkte? Wie nutzte die Gauleitung den gestalterischen Spielraum und wo waren die Grenzen der NS-Sozialpolitik? Schafften es Zivilverwaltung und Gauleitung – beide personifiziert in der Gestalt eines Gustav Simon – angesichts massiver politischer, wirtschaftlicher und sozialer Probleme in Luxemburg eine Art Krisenmanagement und Problemlösekompetenz zu entwickeln? Von Bedeutung ist die Frage nach den Reaktionen der Menschen, insbesondere der Arbeiterschaft. Wie aufnahmebereit war die Arbeitnehmerschaft für sozialpolitische Propaganda? Inwiefern fanden nationalsozialistische Lohnpolitik und andere begleitende Maßnahmen, etwa im Bereich der Familienpolitik, Zustimmung? Hatten Propaganda und materielle Geschenke eine Auswirkung auf die Belegschaften im Minetterevier, in dem Sinne, dass die Menschen sich leichter für die Mitgliedschaft in der Volksdeutschen Bewegung (VdB), für die aktive Kollaboration oder die Mitgliedschaft in der Deutschen Arbeitsfront (DAF), der größten Massenorganisation des Dritten Reiches, entschieden? Oder war es vielleicht doch so, dass sich die Arbeiter 1940 weder durch antibürgerliche Propaganda noch durch soziale Lockangebote verführen ließen, wie Gilbert Trausch es noch 1992 ausdrückte?9

2. Die Zerschlagung der Luxemburger Gewerkschaftsbewegung. Im Süden Luxemburgs begegneten die Deutschen einer Arbeiterschaft, die sich teilweise in den großen Richtungsgewerkschaften organisiert hatte. Der Gefahren, die die Diktaturen für die Gewerkschaftsbewegung darstellten, schienen sich vorausschauende Zeitgenossen bereits in den frühen dreißiger Jahren bewusst gewesen zu sein. Die Luxemburger Gewerkschaften reagierten bereits lange vor der Besetzung auf die vermeintliche Attraktivität einer nationalsozialistischen „Arbeiter“-Ideologie und eines Staates, der angeblich die Klassenkämpfe beendet und die Proletarier aufgewertet hatte. Was bedeuteten die militärische Besetzung und die Machtübernahme des Gauleiters im Jahre 1940 konkret für die Gewerkschaftsarbeit? Relativ schnell wurde den Menschen klar, dass alle Institutionen und Organisationen nicht mehr so weiterfunktionieren würden wie vor dem Krieg. Wie schafften es die deutschen Behörden und Parteiorganisationen, die Entmachtung und die Zerschlagung der Luxemburger Arbeiterbewegung ←26 | 27→innerhalb weniger Monate zu bewerkstelligen? Welcher Methoden und Strategien bediente sich das Regime, um die beiden großen Gewerkschaftsverbände und die kleineren Berufsverbände unter ihre Kontrolle zu bringen? Wie reagierten die Gewerkschaftsfunktionäre, wie die einfachen Gewerkschaftsmitglieder darauf? Gab es personelle Kontinuitäten zwischen freien beziehungsweise christlichen Gewerkschaften und neuen Organisationen, wie der Deutschen Arbeitsfront?

3. Das Luxemburger Industriegebiet. Die Minetteregion im Süden Luxemburgs war vor 1940 wirtschaftlicher und demografischer Schwerpunkt des Landes. Sie hatte eine starke Anziehungskraft auf die Menschen aus dem In- und Ausland. Zentraler Ort war die dicht an der französisch-luxemburgischen Grenze gelegene Industriestadt Esch-sur-Alzette, in deren direkter Umgebung zahlreiche Produktionsstätten der Eisen- und Stahlindustrie zu finden waren, unter anderem Großbetriebe, wie die ARBED-Werke von Belval mit rund 3.800 Arbeitern und Schifflingen mit rund 2.500 Arbeitern (jeweils Stand November 1941). Nach dem Anschluss des Landes erhielt die Region als neugeschaffener administrativer und politischer Kreis Esch-Alzig im Gefüge des neuen Gaues „Moselland“ eine besondere Stellung. Der Nationalsozialist Gustav Simon bemühte sich um eine Aufwertung des neuen Kreises, weil er sich gerade unter der dort lebenden Arbeiterbevölkerung im „Land der Roten Erde“ den meisten Zuspruch erwartete. Gab es besondere Akzente in der Politik des Gauleiters, die sich eventuell von der in anderen Regionen des CdZ-Gebiets unterschieden? Welche Rolle spielten die Kreisstadt Esch-Alzig und die übrigen Industriestädte für Propaganda und Volkstumspolitik? Gab es so etwas wie eine Standortpolitik des Gauleiters? Welche Maßnahmen wurden von Gau- und Kreisleitung der NSDAP im äußersten Südwesten des Gaues Moselland geplant? Was wurde für die arbeitende Bevölkerung konkret umgesetzt, was blieb Zukunftsplanung?

4. Die Deutsche Arbeitsfront. Die bedeutendste der NS-Massenorganisationen war die Deutsche Arbeitsfront, die man neben NSDAP, VdB und Polizei als eine Säule nationalsozialistischer Herrschaft in Luxemburg sehen kann. Dies erklärt, dass sich in allen Kapiteln Bezüge zur Geschichte und Bedeutung dieses Verbandes wiederfinden. Ein zentrales Kapitel beschäftigt sich folglich mit dem Aufbau und den vielfältigen Funktionen der Deutschen Arbeitsfront. Gerade im „Land der Roten Erde“ fand die Massenorganisation eine wichtige Basis. In den Betrieben der Schwerindustrie war sie ab 1940 stark präsent und beeinflusste den Arbeitsalltag auf wesentliche Weise. Im Süden verfügte die DAF über die besten Strukturen und hatte hier die größte Durchsetzungskraft. Wie verlief die „Machtergreifung“ der Arbeitsfront, die 1940/41 an die Stelle der ehemals unabhängigen Gewerkschaften und Verbände trat?

Die Liquidierung der Vereinigungen der Arbeiter und Angestellten sowie der Handwerker übernahmen interessanterweise weder die Zivilverwaltung noch die DAF selbst, auch die Führung des Gaues Moselland kam hier nicht zum Zuge. Für die Erfassung und Abwicklung der Luxemburger Arbeiterbewegung wurde eine besondere Parteidienststelle geschaffen, der „Stillhaltekommissar für das ←27 | 28→Organisationswesen“. Wie ging diese Institution, die sich funktionell zwischen Behörde und Parteidienststelle ansiedelte, bei der Erfassung und Liquidierung der Luxemburger Vereine vor? Auf diese Unrechtsmaßnahmen reagierten die Mitglieder der Assoziationen unterschiedlich. Interessant ist folglich die Frage, in welchen Milieus es eine offene Ablehnung gab und wo man sich mehr oder weniger bereitwillig in neue, nationalsozialistische Strukturen überführen ließ.

Die DAF verfügte über Tausende von Mitgliedern und Hunderte von aktiven Mitarbeitern: Wie wurde man Mitglied? Was motivierte zu einem freiwilligen Beitritt? Wer waren die aktiven Kollaborateure in den Orts- und Betriebsgruppen? Welche Rolle spielten reichsdeutsche Funktionäre und welche Positionen nahmen die Luxemburger ein, die sich verpflichten ließen? Boten sich den Mitgliedern in der DAF Möglichkeiten des gesellschaftlichen Aufstiegs? Die Arbeitsfront war mehr als eine nationalsozialistische Ersatzorganisation für die liquidierten Gewerkschaften, sie verkörperte wie alle anderen Gliederungen der NSDAP den totalen Machtanspruch des Regimes. Gelang es der DAF als eine Art „Dienstleister“ in die Luxemburger Wirtschaft und Gesellschaft einzudringen? Welche Wirkung hatte die DAF mit ihren Angeboten in den unterschiedlichsten Lebensbereichen? Wie modern und wie verlockend waren die Angebote der DAF und ihrer Unter- und Nebenorganisationen in Kultur, Freizeitgestaltung und Bildung? Konnte die Arbeitsfront ihre Zielsetzungen erreichen oder waren ihr Aufstieg und Niedergang in Luxemburg nichts anderes als ein Gradmesser für die Akzeptanz des NS-Regimes? Auch wird der Frage nachgegangen, wie nachhaltig die DAF auf die Menschen gewirkt hatte: Verschwand sie sang- und klanglos oder hatte sie eine Nachwirkung über das Jahr 1944 hinaus?

5. Arbeiten im Krieg. Arbeit war in der NS-Zeit nicht mehr nur einfach Broterwerb, Ausübung eines Berufes beziehungsweise eine mehr oder weniger selbstbestimmte Erwerbstätigkeit, sondern mutierte in der Vorstellungswelt der Nationalsozialisten zum sogenannten „Arbeitseinsatz“ im Dienste des Staates und der „Volksgemeinschaft“. Deshalb kommt man abschließend nicht umhin, sich mit verschiedenen Aspekten dieses „Arbeitseinsatzes“ zu befassen, wobei die Lage der Luxemburger Arbeiter grundsätzlich von denen anderer besetzter Länder zu unterscheiden ist. Während etwa 600.000 Franzosen ihre Heimat verlassen mussten, um im Rahmen des Service de travail obligatoire (STO) beispielsweise in deutschen Rüstungsbetrieben für die Kriegswirtschaft zu arbeiten, blieb den Einwohnern Luxemburgs diese Erfahrung weitgehend erspart.10 Sie galten als „volksdeutsche“ oder „deutsche“ Arbeiter und waren damit im Vergleich zu Zwangsarbeitern und Dienstverpflichteten, die aus ganz Europa ins Reichsgebiet verschleppt wurden, bessergestellt, was Arbeits- und Lebensbedingungen anbelangt. Als „Deutsche“ waren die Arbeiter und Angestellten in Luxemburg hingegen anderen Zwängen im Alltag ausgesetzt als ihre Kollegen aus Belgien.

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Der Arbeitsalltag lässt sich gut anhand der schwerindustriellen Betriebe darstellen, da dort der Produktionsdruck und die kriegs- und besatzungsbedingten Veränderungen am deutlichsten spürbar waren. Besonders sticht das Werk ARBED-Belval hervor, das vor dem Ersten Weltkrieg unter dem Namen „Adolf Emil-Hütte“ von der Gelsenkirchener Bergwerks-A.G. errichtet worden war. Dieses integrierte Hütten-, Stahl- und Walzwerk galt schon vor dem Zweiten Weltkrieg als ein Vorzeigebetrieb. Aus ihm wollten die Machthaber ab 1940 einen deutschen „Musterbetrieb“ machen, der nach nationalsozialistischen Grundsätzen funktionieren sollte. Welche Rolle spielten die Manager bei der Nazifizierung eines solchen Großbetriebes? Entwickelten sie besondere Strategien für den Umgang mit VdB und anderen NS-Organisationen? Gab es Unterschiede in einem Unternehmen, das von einem Luxemburger Direktor geleitet wurde, der ab 1940 mit den deutschen Behörden und der Deutschen Arbeitsfront kollaborierte, und einem nationalsozialistisch denkenden und handelnden deutschen „Betriebsführer“, der zur neuen Elite gehörte? Die politischen Veränderungen, die es ab Sommer-Herbst 1940 im ganzen Land gab, blieben prinzipiell nicht vor den Werkstoren stehen. In welchem Ausmaß änderte sich durch „Gleichschaltung“ und Krieg das Arbeitsleben? Gab es Auswirkungen auf die Perzeption der Arbeit und die Perzeption der Arbeitenden? Wie gingen die Arbeiter mit Erfahrungen von Diktatur und Unrecht um? Was setzten die Männer und Frauen dem NS-Regime entgegen, um ihren Eigensinn zum Ausdruck zu bringen? Schließlich gilt es, sich mit den Arbeitern und Arbeiterinnen zu befassen, die im Laufe des Zweiten Weltkrieges nach Luxemburg kamen, vor allem um in der Landwirtschaft und in der Industrie dem sogenannten „Arbeitseinsatz“ zugeführt zu werden. In diesem Zusammenhang wird die Frage nach den Auswirkungen dieses Einsatzes auf die Luxemburger Stammbelegschaften zu stellen sein. Hatte der Einsatz der vor allem aus Osteuropa stammenden Zwangsarbeiter auch Einfluss auf das Selbstverständnis und das Handeln der nationalsozialistischen Organisationen beziehungsweise auf die Betriebsführungen? Und: Wie gingen im Alltag die „volksdeutschen Arbeiter“ mit den „fremden“ Arbeitern um?

Trotz einer großen Bandbreite müssen einzelne Fragestellungen ausgeklammert werden, die zwar zu den Dimensionen der Arbeit und Arbeitserfahrungen im „Dritten Reich“ zählen, aber hier den geografischen und thematischen Kontext sprengen würden. So wird auf die vielen Sonderformen der Zwangsarbeit im Nationalsozialismus nicht eingegangen: Hierzu gehören die Erlebnisse jüdischer wie nichtjüdischer Häftlinge aus Luxemburg in den deutschen Konzentrationslagern.11 Auch ←29 | 30→Formen der Zwangsrekrutierung, wie der deutsche „Reichsarbeitsdienst“12, Dienstverpflichtungen von Luxemburger Hitlerjungen als Luftwaffenhelfer13 oder Strafabordnungen in Sonderarbeitslager14 werden hier nicht behandelt. Keinen Platz findet die nicht minder interessante Frage nach der Inszenierung der Arbeit und des Arbeiters durch NS-Propaganda und NS-Kunst. Andere Themen können allenfalls gestreift werden. Dazu gehören Fragen nach Rationalisierungstendenzen und dem sogenannten Kriegs-Fordismus. Zweifellos wurden durch den Krieg Arbeitsabläufe in der Luxemburger Industrie beeinflusst und Rationalisierungsprozesse beschleunigt.15 Abschließend sei noch vorbemerkt, dass bestimmte Berufsgruppen, wie die Landarbeiter oder die Handwerker, in diesem Rahmen quasi nicht behandelt werden oder, wie die Angestellten und Beamten, nur punktuell Erwähnung finden. Welchem Wandel die Frauenarbeit in Luxemburg unterworfen war, kann nur an wenigen Beispielen – u.a. den Zwangsarbeiterinnen – illustriert werden. 3.600 junge Luxemburgerinnen erlebten gleichfalls Zwang und Arbeitseinsatz, wenn auch anders als ihre Geschlechtsgenossinnen aus der Ukraine, die in der sozialen Hierarchie der „Volksgemeinschaft“ deutlich unter den „volksdeutschen“ Frauen rangierten.16 Die wenigsten Frauen gingen aber freiwillig zum Frauen-RAD und zum anschließenden Kriegshilfsdienst.

Die historische Analyse wichtige Teile der Bevölkerung betreffend fällt somit kurz oder summarisch aus, weil es an wissenschaftlichen Vorarbeiten und an auswertbaren Quellen fehlt. Bestimmte Konflikte, die es innerhalb der Luxemburger Gesellschaft vor 1940 gab, aber möglicherweise während der Besatzungszeit nicht ohne Bedeutung waren, bleiben ausgeklammert. Zum Beispiel bestanden in der Berufsgruppe der Angestellten in den 1930er Jahren schwelende soziale Konflikte, ←30 | 31→die bei Kriegsbeginn ungelöst waren. Dazu kamen Konkurrenzdruck und Zersplitterungstendenzen.17 Die Landarbeiterfrage ihrerseits offenbart soziale Gefälle, die es vor dem Zweiten Weltkrieg zwischen ländlichen Gebieten und Industriezentren gab und erheblichen politischen Zündstoff barg.18 Es ist kaum vorstellbar, dass diese sozialen Fragen nach dem 10. Mai 1940 ohne Wirkung auf die Besatzungsgesellschaft blieben. Alle diese Aspekte zu berücksichtigen, hätte den Rahmen der Untersuchung gesprengt. So bleiben vorerst diese Forschungslücken noch bestehen.

3.Forschungsarbeiten zur Okkupations-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte

Zu Beginn der Einzelkapitel werden die wichtigsten Vorarbeiten und Studien aus dem Ausland und gegebenenfalls aus dem Inland erwähnt. In den neuesten in- und ausländischen Publikationen, die für die vorliegende Arbeit benutzt wurden, finden sich ausführliche Forschungsberichte. Deshalb beschränke ich mich auf einige allgemeine Bemerkungen zum aktuellen Forschungsstand sowie Hinweise auf Autoren und Sammelbände, die bei Recherche und Schreibprozess wertvolle Impulse lieferten. Was Gesamtdarstellungen zur Geschichte des Zweiten Weltkrieges anbelangt, sollen zunächst die Publikationen der britischen Historiker Mark Mazower, Richard J. Evans und Adam Tooze genannt werden.19 Da sich die Arbeit vor allem im abschließenden Kapitel auch mit der Geschichte des ARBED-Konzerns während der deutschen Besetzung befasst, bislang aber keine aktuelle Firmengeschichte existiert, sei ersatzweise auf die Unternehmensgeschichte des ←31 | 32→Krupp-Konzerns hingewiesen.20 Einen erzählerischen Zugang zum Leben der Menschen in Deutschland schafft Nicholas Stargardt in „The German War“ (dt. 2015). Das Buch legt das Augenmerk auf die Alltagsgeschichte der Menschen in Deutschland und versucht Sozial- und Mentalitätsgeschichte durch einen „Perspektiven-Mix von oben und unten“ darzustellen, also aus dem Blickwinkel der NS-Elite sowie aus der Sicht normaler Personen.21

Wie facettenreich die Beschäftigung mit der Luxemburger Geschichte der dreißiger und vierziger Jahre des 20. Jahrhunderts ist, zeigen Forschungsarbeiten, die in den 2000er Jahren entstanden sind. Von den neueren Publikationen sind vor allem die Arbeiten von Hans-Erich Volkmann zur Wirtschaftsgeschichte, von Catherine Lorent zur Kulturpolitik und von Vincent Artuso sowie von Denis Scuto zur Kollaborationsthematik zu erwähnen.22 Selbst die Themen „Widerstand“ und „Zwangsrekrutierung“ scheinen eine gewisse Renaissance zu erleben, auch wenn hier die Wirkungsgeschichte nach dem Zweiten Weltkrieg im Fokus steht.23

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Die bereits zitierte Untersuchung zum Kollaborationsverhalten der Luxemburger Arbeiter war eine wichtige Ausgangsbasis für meine eigenen Forschungen.24 In seiner Promotionsarbeit kam Artuso zur Schlussfolgerung, dass Teile der Arbeiterschaft im Süden des Landes – durch die Ereignisse des Jahres 1940 enttäuscht – eine deutliche Anfälligkeit für die Anwerbungsversuche der Volksdeutschen Bewegung aufwiesen, die dann mit Erfolg in diesem Milieu rekrutierte. Aber es gab auch das gegenteilige Phänomen, denn viele Arbeiter behielten eine abwartende Haltung oder lehnten letztendlich ein Regime ab, das ihre lohnpolitischen Erwartungen nicht erfüllen konnte. Der Streik von 1942 war ein einschneidendes Erlebnis für die Arbeiterschaft und die tiefe Spaltung zwischen Anhängern und Gegnern der Volksdeutschen Bewegung kennzeichnete das Industrierevier schließlich bis zum Ende des Krieges.25

Auf dem Gebiet der Luxemburger Wirtschaftsgeschichte der Besatzungszeit sind die in den späten siebziger und in den achtziger Jahren erschienenen Publikationen von Emile Krier26 Pionierarbeiten gewesen, die von Hans-Erich Volkmann weitergeführt und in die vielbeachtete „politische Wirtschaftsgeschichte 1933 bis 1944“ mündeten.27 Während die nationalsozialistische Sozialpolitik des „Dritten Reiches“ international bereits in den 1970er Jahren zu einem wichtigen Thema wurde, scheint dies weitgehend ohne Wirkung auf die Luxemburger Zeithistoriker geblieben zu sein.28 Die Spezifika der NS-Sozial- und Wirtschaftspolitik sind abgesehen von einigen Ansätzen ein Desiderat der Forschung geblieben, die sich anderen Aspekten der Besatzungsgeschichte des Großherzogtums zuwandte. Die ←33 | 34→Geschichte des Widerstandes gegen den NS-Okkupanten und die Bedeutung der dreißiger und vierziger Jahre für die Entwicklung des luxemburgischen Nationalbewusstseins standen deutlich im Vordergrund.29 Nichtluxemburgische Historiker zeigten ihrerseits nur ausnahmsweise Interesse an der Kriegsgeschichte des Landes. Vor Hans-Erich Volkmann ist eigentlich nur Gerhard T. Mollin zu nennen, der sich kritisch mit der Rolle der Montanindustrie befasste; allerdings standen bei ihm die Versuche der reichsdeutschen Industrie, im besetzten Luxemburg Einfluss zu gewinnen, sowie die Verflechtungen innerhalb der europäischen Groß- und Schwerindustrie im Mittelpunkt seiner Betrachtungen.30 Wissenschaftliche Oral History-Projekte zur Kriegszeit kann man als spärlich bezeichnen. Die in den 1990er Jahren erschienene Studie von Mathias Wallerang befasste sich nur am Rande mit dem Arbeitsleben und der Frage, wie Menschen die NS-Zeit in einem beruflichen Umfeld erlebten. Außerdem interviewte er mehr Zeitzeugen aus dem Beamten- als aus dem Arbeitermilieu.31

Blindstellen gibt es, was die Erforschung von Unternehmen und öffentlichen Institutionen betrifft. Wissenschaftliche Untersuchungen zu den Sozialversicherungen oder den Arbeits- und Gesundheitsbehörden (z.B. der Inspection du Travail et des Mines) gibt es nicht oder stecken noch in ihren Anfängen.32 Eine kritische Firmengeschichtsschreibung ist in Luxemburg ein Desideratum geblieben, sieht man von Einzelpublikationen ab, die eher Festschriftcharakter tragen.33 Außerdem fehlen Darstellungen zur Geschichte der Arbeiterschaft im Krieg genauso wie zur Entwicklung der Arbeiterbewegung von den dreißiger bis zu den vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts. Interessant ist hier die Frage nach dem Spannungsfeld gesellschaftliche Inklusion-politische Partizipation im Kontext des luxemburgischen Nationsbildungsprozesses.34 Die gleiche Bemerkung gilt im Übrigen für andere ←34 | 35→gesellschaftliche Gruppen, deren politische Einstellungen und Verhaltensmuster für die Zeit der Besatzungsjahre 1940 bis 1944 kaum bis gar nicht untersucht sind. Diese Feststellung muss man auch bezüglich der politischen und wirtschaftlichen Eliten des Landes und bezüglich der unterschiedlichsten Berufsgruppen, etwa aus den Bereichen Landwirtschaft oder Handwerk, machen. Nach der 2015 kontrovers geführten Debatte über die Rolle der luxemburgischen Verwaltungskommission im Jahre 1940 und mit der Gründung des Instituts für Zeitgeschichte an der Universität Luxemburg sind nunmehr wichtige Impulse für die Forschungsarbeit zur Geschichte von Ministerien, Verwaltungen und anderen öffentlich-rechtlichen Körperschaften zu erwarten. Ansätze aus den 1980er Jahren sind in den letzten Jahrzehnten nicht weitergeführt worden und so haben sich Historiker mit dem Apparat der deutschen Amtsstellen, Kommissare und Sonderbehörden, aber vor allem mit der berüchtigten „Zivilverwaltung“ eigentlich nur wenig befasst. Überdies fehlen überblickende Untersuchungen zu den NS-Organisationen, die in Luxemburg gegründet wurden, zu ihrem Personal, ihren Strukturen, ihren Handlungsfeldern und Strategien, aber vor allem zu ihrer Wirkungskraft auf die Luxemburger Gesellschaft. Dazu zählt in erster Linie die Volksdeutsche Bewegung mit ihren vor allem luxemburgischen Akteuren35 sowie die zahlreichen Ableger der NSDAP, die zum Teil schon in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts in Luxemburg aktiv geworden waren. In diesem Zusammenhang sind die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt und die Deutsche Arbeitsfront zu nennen. Die Geschichte der Deutschen Arbeitsfront in Luxemburg wurde noch nicht geschrieben, obwohl Paul Dostert bereits in den 1980er Jahren die DAF nach der Volksdeutschen Bewegung als die zweitgrößte NS-Organisation identifizierte.36 Auf der anderen Seite bleibt aber die Kriegsgeschichte der luxemburgischen Gewerkschaftsbewegung und ihrer Akteure ziemlich im Dunkeln, sodass bei einer oberflächlichen Betrachtungsweise der Eindruck entstehen könnte, die großen Richtungsgewerkschaften, aber auch die zahlreichen kleinen Berufsverbände, die vor 1940 den politischen und sozialen Alltag vieler Menschen prägten, seien 1940 sang- und klanglos mit dem Amtsantritt des deutschen Gauleiters und Chefs der Zivilverwaltung ausradiert worden, um dann umso glorreicher nach der Befreiung wieder aufzutauchen. Zum Schluss muss noch darauf hingewiesen werden, dass es zur Geschichte des Gaues ←35 | 36→Koblenz-Trier beziehungsweise Moselland keine Studie gibt, die sich mit Aspekten wie Regionalität oder territorialer und politischer Integration befasst hätte. Neuere Arbeiten unterstreichen, dass sich im Krieg die Gaue als „regionale Mittelinstanzen“ durchsetzen konnten, wobei die Gauleiter durch personelle Eingriffe und strukturelle Entscheidungen die Entwicklung maßgeblich beeinflussen konnten.37

Es fällt auf, dass es nur wenige Publikationen gibt, die versuchen, die Luxemburger Kriegs- und Nachkriegsgeschichte in einer transnationalen Perspektive zu schreiben; hervorzuheben wären hier beispielsweise die Sammelbände, die in den 2000er Jahren zu unterschiedlichen Tagungsthemen erschienen sind und sich in einer internationalen Perspektive mit den Themenkomplexen „Annexion et nazification“, „Kollaboration“ und „Zwangsrekrutierung“ befassten. Die Geschichte der Besatzungsinstitutionen oder Dimensionen der nationalsozialistischen Herrschaftspraxis in den beherrschten Gebieten, die Rolle und Wirksamkeit der Arbeits- und Sozialpolitik werden kaum oder gar nicht gestreift.38 Dementsprechend fehlen für die Geschichte der Okkupationszeit Luxemburgs generell biografische und lexikalische Hilfsmittel, die in anderen Ländern inzwischen zum Standard gehören.39

Auch wenn die nun vorgelegte Studie „Arbeiten unter Hitler“ bislang unerforschte Aspekte aus der Besatzungszeit aufgreift, ist sie dennoch wichtigen Vorarbeiten verpflichtet. Dazu zählt zunächst die 1985 erschienene Dissertation von Paul Dostert, die in ihrer thematischen Breite und fundierten Analyse dreißig Jahre nach ihrem Erscheinen immer noch eine wichtige Grundlage aller Recherchen zur Besatzungszeit in Luxemburg darstellt und im In- und Ausland den Rang eines Nachschlagewerkes hat. Ein detaillierter und kritischer Forschungsbericht findet ←36 | 37→sich in der bereits erwähnten Studie von Vincent Artuso zur Kollaboration in Luxemburg.40

4.Interpretationsansätze

Blickt man ins Ausland, so sind in den letzten anderthalb Jahrzehnten zahlreiche Forschungsthemen erschlossen worden, die in Luxemburg noch teilweise einer wissenschaftlichen Bearbeitung harren. Hier ist nicht der Platz, um den gesamten Stand der internationalen NS-Forschung zu resümieren, deshalb seien nur die Publikationen erwähnt, die bei der vorliegenden Arbeit gewissermaßen Pate standen, dies sowohl in inhaltlicher und methodischer als auch in interpretatorischer Hinsicht. Eine unumgängliche Lektüre stellt die Wirtschaftsgeschichte des „Dritten Reiches“ von Adam Tooze dar. Tooze unterstreicht u.a. das Primat von Ideologie und Politik in der deutschen Kriegswirtschaft. Letztere erwies sich trotz aller systemimmanenten Probleme als äußerst effektiv und lief bis zum Jahre 1944 auf Hochtouren, bevor sie zur Jahreswende 1944/45 völlig zusammenbrach.41 Die Luxemburger Wirtschaft überstand das Kriegsende weitestgehend intakt; damit blieb den Luxemburger Arbeitern und Angestellten die Erfahrung vieler deutscher Kollegen erspart, deren Arbeitsplätze den Bombern und der Artillerie der Alliierten zum Opfer fielen. Aber die wichtigsten Industrien des Landes – Eisen- und Stahlproduktion sowie die Erzförderung – liefen noch in den letzten Wochen der Besetzung relativ reibungslos. Diese Erkenntnis erstaunt angesichts einer allgemeinen Ablehnung des deutschen Regimes. Auch Verwaltung und politische Führung konnten sich bis kurz vor der Befreiung des Landes Anfang September 1944 halten.

Der wirtschaftsgeschichtlich orientierten Darstellung von Adam Tooze wurde vorgeworfen, dass sie sich zu sehr auf die militärisch-politische Führung und deren Mobilisierungsversuche während des Krieges fokussiert habe, während es keinen Perspektivwechsel von oben nach unten gegeben habe.42 Seit mehreren Jahrzehnten befassen sich zahlreiche Forschungsarbeiten zum Nationalsozialismus mit sozialgeschichtlichen Fragestellungen, wobei die Zwangsarbeiterfrage in den 1990er Jahren einen „beispiellosen Boom“ (Lemmes) auslöste, der bis heute ←37 | 38→anhält. In jüngster Zeit schälen sich aber Forschungstendenzen heraus, welche u.a. zu einer geografischen Ausweitung auf die von Deutschland besetzten Gebiete führten. Zunehmend geht es auch um komparative Perspektiven.43 Fabian Lemmes plädiert dafür, die Zwangsarbeiterforschung nicht von der allgemeinen Sozial- und Gesellschaftsgeschichte abzukoppeln. Interesse besteht bei Historikern und Historikerinnen an der Sozialpolitik des „Dritten Reiches“ als Instrument nationalsozialistischer Herrschaft. Einzelne Studien zu den von Deutschland annektierten und besetzten Ländern und Gebieten liegen bereits vor und erlauben inzwischen eine vergleichende Betrachtungsweise.44 Die Zwangsarbeiterforschung leistet so inzwischen einen wichtigen Beitrag zur Okkupationsforschung. Leider fehlen zur Sozial- und Arbeitspolitik noch Studien zur Situation im besetzten Luxemburg; in den angrenzenden Regionen des Großherzogtums ist in dieser Hinsicht das Interesse an der Besatzungsgeschichte bislang recht gering. Mit den Formen von Kollaboration und Zwangsarbeit in den militärisch besetzten und verwalteten Gebieten Belgien und Nordfrankreich beschäftigt sich Nathalie Piquet in ihrer 2008 erschienenen Dissertation. Sie kam zu dem Ergebnis, dass im Kohlebergbau die Arbeitgeber durchaus über gewisse Handlungsspielräume gegenüber den Belegschaften verfügten. Piquet stellt auch fest, dass die Zwangsarbeiter, die gegen den Willen der Unternehmer von der Militärverwaltung in diese Betriebe geschickt wurden, bessere Lebensbedingungen und mehr Überlebenschancen hatten als in reichsdeutschen Industriegebieten.45 Luxemburg lässt sich aber nur bedingt mit Gebieten vergleichen, die unter einer Militärverwaltung standen. Im CdZ-Gebiet wurden die meisten nichtjüdischen luxemburgischen Einwohner nämlich als „Volksdeutsche“ betrachtet. Damit machten sie andere Diktatur- und Kriegserfahrungen, die sich zum Teil mit denen reichsdeutscher Arbeiter und Angestellten überschneiden.

Auf eine Tagung aus dem Jahre 2012 geht der Band „Arbeit im Nationalsozialismus“ zurück. Die einzelnen Beiträge befassen sich mit dem Thema „Arbeit“ als Praxisfeld von Inklusion in die „Volksgemeinschaft“, Arbeit als Erziehungsmittel sowie als Faktor rassistischer Exklusion. Arbeit hatte im Nationalsozialismus „einen zentralen Stellenwert“, so das Fazit von Marc Buggeln und Michael Wildt.46 Das Thema „Arbeit“ ist aber auch mentalitätsgeschichtlich interessant, da ←38 | 39→es Rückschlüsse auf den Fabrikalltag, transnationale Arbeitererfahrungen sowie „Eigen-Sinn“ der Arbeiter zulässt.47 In den letzten Jahren hat sich die Forschung verstärkt mit der Frage befasst, welche Rolle die „Arbeit“ in der nationalsozialistischen Ideologie und in der Herrschaftspraxis spielte. Johanna Bach etwa weist beispielsweise nach, wie Arbeit in Deutschland „zum zentralen Element des normativen Selbstverständnisses“ avancierte.48

Viele neuere Publikationen, die sich mit dem Thema „Arbeit“ im Nationalsozialismus befassen, tendieren dazu, nicht nur den räumlichen, sondern den zeitlichen Rahmen mit Blick auf Ereignisse und Entwicklungen vor 1933 beziehungsweise nach 1945 bis in die 1950er Jahre auszuweiten.49 Dies tut auch der 2017 veröffentlichte Sammelband über die Geschichte des Reichsarbeitsministeriums, der erst nach Abschluss der vorliegenden Forschungsarbeit erschienen ist.50 Der Forschungsansatz der unabhängigen Historikerkommission zur Aufarbeitung der Geschichte des Reichsarbeitsministeriums im Nationalsozialismus geht über die klassische Institutionengeschichte hinaus und will eine „moderne Verwaltungsgeschichte“ darstellen. Zu den zentralen politischen Handlungsfeldern des Ministeriums zählte die Arbeits- und Sozialpolitik, die im Selbstverständnis der NSDAP und des Regimes „eine herausragende Rolle“ (Nützenadel) spielte. Das Ministerium erlebte nach 1933 eine erhebliche Ausdehnung seiner Kompetenzen (Wohnungswesen, Gewerbeaufsicht, Familienpolitik und Gesundheitsvorsorge) und prägte die Arbeitsmarkt- und Tarifpolitik des Regimes, aber auch die Entwicklung des Arbeitsrechts, der Sozialversicherungs- und Gesundheitspolitik mit. Darüber hinaus fielen die Arbeits- und Sozialgerichtsbarkeit sowie die öffentlich-rechtlichen Sozialversicherungen in den Zuständigkeitsbereich der Behörde. Das Ministerium zählte somit zu den zentralen staatlichen Behörden des „Dritten Reiches“, die trotz Kompetenzgerangel mit Parteiverbänden, wie der Deutschen Arbeitsfront, oder mit neugeschaffenen NS-Behörden reibungsloser funktionierten als lange angenommen. Die Arbeits- und Sozialpolitik des Ministeriums war auch „Teil imperialer Herrschaftsvisionen“, die sich im Zuge der Neuordnung in Europa manifestierten ←39 | 40→und sich in der Zwangsarbeiterpolitik des Regimes konkretisierten.51 Eine transnationale Perspektive hebt neben dem rassistischen „Ost-West-Gefälle“ die Parallelen in Bezug auf die Arbeitseinsatzpolitik des Regimes in den verschiedenen Besatzungsgebieten hervor. Die deutsche Arbeitsverwaltung, ob in Belgien oder im Generalgouvernement, wandte ein „vergleichbares Instrumentarium“ (Harvey) an, um den „Arbeitseinsatz“ zu steuern und Arbeitskräfte zu beschaffen.52 Im Rahmen des Forschungsprojekts dieser Historikerkommission sind bislang mehrere Working Papers erschienen, die sich mit Fragen des „Arbeitseinsatzes“ und der Zwangsarbeit in den besetzten Gebieten befassen. Die ersten Ergebnisse betreffend die Nachbarregionen Luxemburgs (Lothringen) sowie andere CdZ-Gebiete im deutschen Machtbereich bestätigen, dass die verschiedenen Akteure im Bereich der Arbeits- und Sozialpolitik in gewissem Maße ähnlich handelten und vergleichbare Motive hatten wie Gauleitung und Zivilverwaltung in Luxemburg.53

Details

Seiten
688
Jahr
2021
ISBN (PDF)
9783631828045
ISBN (ePUB)
9783631828052
ISBN (MOBI)
9783631828069
ISBN (Hardcover)
9783631780459
DOI
10.3726/b17216
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (April)
Schlagworte
Nationalsozialismus Zweiter Weltkrieg Besatzungspolitik Gewerkschaften Minette Eisenindustrie Moselland ARBED-Konzern Kollaboration und Widerstand
Erschienen
Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2021. 688 S., 2 farb. Abb., 1 s/w Abb., 28 Tab.

Biographische Angaben

Marc Schoentgen (Autor:in)

Marc Schoentgen studierte in Tübingen und promovierte mit der vorliegenden Arbeit an der Universität Luxemburg. Er ist u.a. im Bildungsbereich tätig und als Historiker an Forschungs- und Publikationsprojekten zur Geschichte Luxemburgs im Zweiten Weltkrieg beteiligt.

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Titel: Arbeiten unter Hitler