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Die süddeutsche Städtelandschaft – ein interregionaler Vergleich

Unter Mitarbeit von Christoph Gunkel

von Wolfgang Wüst (Band-Herausgeber) Klaus Wolf (Band-Herausgeber)
Sammelband 616 Seiten

Inhaltsverzeichnis


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Verzeichnis der Autoren und Mitarbeiter

Dr. Franz- Rasso Böck, Stadtarchiv Kempten, Hochschule Kempten

Prof. Dr. Ivana Ebelová, Karls- Universität Prag (Tschechien)

Dr. Dorothea Fastnacht, Friedrich- Alexander- Universität Erlangen- Nürnberg / Marloffstein

Prof. Dr. Victor A. Ferretti, Universität Augsburg

Prof. Dr. Helmut Flachenecker, Julius- Maximilians- Universität Würzburg

Prof. Dr. Gerhard Fritz, Pädagogische Hochschule Schwäbisch- Gmünd

Verena Gawert, M.A., Universität Augsburg

Christoph Gunkel, M.A., Friedrich- Alexander- Universität Erlangen- Nürnberg

Dr. Thomas J. Hagen, Kommission für bayerische Landesgeschichte bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, München

Dr. Senta Herkle, Universität Stuttgart

Prof. Dr. Zdeněk Hojda, Karls- Universität Prag (Tschechien)

Prof. Dr. Franz Körndle, Universität Augsburg

PD Dr. Johannes Lang, Stadtarchiv und Stadtheimatpflege Bad Reichenhall, Universität Salzburg

Dr. Wolfgang Mährle, Hauptstaatsarchiv Stuttgart

Prof. Dr. Ilgvars Misāns, Latvijas Universitāte Riga (Lettland)

Prof. Dr. Alois Schmid, Ludwig- Maximilians- Universität München

Dr. Lina Schröder, Julius- Maximilians- Universität Würzburg

Prof. Dr. Tom Scott, University of St Andrews, School of History (GB)

Prof. Dr. Klaus Wolf, Universität Augsburg

Sabine Wüst, Friedrich- Alexander- Universität Erlangen- Nürnberg / Nürnberg

Prof. Dr. Wolfgang Wüst, Friedrich- Alexander- Universität Erlangen- Nürnberg

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Geleitwort des Präsidenten des Deutschen Städtetages

Foto: Deutscher Städtetag.

Städte sind immer gut, wenn sie über ihre Stadtgrenzen hinaus denken und wirken. Die Stadt der Zukunft ist eine agile Stadt. Regionale Initiativen und interkommunale Kooperationen sind dabei kein neues Phänomen. Ihre Bedeutung hat in den letzten Jahren stetig zugenommen. Denn es gibt viele gute Gründe, gemeinsam und partnerschaftlich die vorhandenen Aufgaben zu erfüllen, Standards zu halten oder zu erhöhen. Demografischer Wandel, die Schaffung bezahlbaren Wohnraums, Zuwanderung und Integration, Digitalisierung und eine klimagerechte Stadtentwicklung – für all diese Themenfelder und viele weitere müssen aus kommunaler Sicht dringend Lösungen gefunden werden. Und das in Zeiten knapper finanzieller und personeller Ressourcen sowie eines wachsenden Wettbewerbs der Regionen.

Dabei ist ein Kirchturmdenken schon lange nicht mehr angesagt. Denn es geht schlicht darum, Synergieeffekte zu nutzen und das städtische Leistungsspektrum für die Bürgerinnen und Bürger zu erhöhen, ohne die eigene Identität zu verlieren. Partnerschaftliche Aufgabenerfüllung ist also vielmehr Ausdruck der kommunalen Selbstverwaltung und eines verantwortungsbewussten Umgangs mit personellen und finanziellen Ressourcen. Das ist gerade in Zeiten der Krise wichtiger denn je. Die Steuerschätzungen zeigen: Die Corona- Pandemie verschlechtert auch in den kommenden Jahren dramatisch die Finanzlage der Kommunen. Interkommunale Zusammenarbeit ermöglicht Kosteneinsparungen durch Spezialisierungsvorteile, beispielsweise bei der Beschäftigung von teuren IT- Fachspezialisten, und schafft Größenvorteile bei kommunalen Leistungen. Warum zwei kleine Klärwerke an der jeweiligen Stadtgrenze betreiben, wenn ein großes Klärwerk genauso gut, aber günstiger arbeitet?

Das zeigt, der Aufgabenvielfalt sind kaum Grenzen gesetzt. Gerade für schrumpfende Regionen ist die interkommunale Zusammenarbeit ein wichtiges Instrument, um ihre Leistungen für die Bürgerinnen und Bürger verlässlich zu erbringen und zusätzliche oder erweiterte Infrastruktureinrichtungen bereitzustellen. Auch wachsende Städte kooperieren, etwa bei der Infrastrukturplanung, ← 11 | 12 →der Ausweisung von Wohnbauland oder Gewerbegebieten, bei der Wirtschaftsförderung bis hin zu Projekten im Bereich Tourismus oder Regionalmarketing. Ebenso rücken Bürgerdienste, Einkauf, Personaldienstleistungen oder die Informationstechnologie in den Fokus der Städte.

Wir erleben in der kommunalen Praxis eine institutionelle Vielfalt, die von der informellen Zusammenarbeit über gemeinsame Vereinbarungen, Zweckverbände oder Projektgesellschaften bis hin zu zivilgesellschaftlichen Initiativen reichen. Interkommunale Kooperationen sind damit auch flexibler als dauerhafte Aufgabenübertragungen. Gerade für einmalige Projekte, die keine dauerhafte Organisationsstruktur benötigen, sind sie von Vorteil.

Sorgenvoll blicken wir auf die Absicht des Bundes, die interkommunale Zusammenarbeit voll zu besteuern. Das passt so gar nicht zu den Appellen, für mehr Gleichwertigkeit und bessere Daseinsvorsorge die interkommunale Zusammenarbeit zu stärken. Daher sind die Städte dringend darauf angewiesen, dass die Übergangsfrist zur Anwendung des neuen Umsatzsteuerrechts für die Kommunen bis Ende 2022 verlängert wird.

Gemeinsam und partnerschaftlich arbeiten wir auch im Deutschen Städtetag – ein Bündnis, das seit 115 Jahren besteht. Darauf sind wir stolz.

Oberbürgermeister Burkhard Jung, Stadt Leipzig

Präsident des Deutschen Städtetages

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Geleitwort des Vorsitzenden des Bayerischen Städtetages

Foto: Stadt Straubing.

Der Bayerische Städtetag ist – mit bald 125 Jahren – der älteste kommunale Spitzenverband in Bayern: Am 1. März 1896 haben sich erstmals auf Einladung des damaligen Münchner Oberbürgermeisters von Borscht 25 Städte getroffen. Die Bürgermeister wollten sich gegen ein Gesetz zur Novellierung des Heimatrechts zur Wehr setzen. Sie kritisierten „aufs Schärfste“ den Gesetzentwurf. Dies war die Geburtsstunde des Bayerischen Städtetages – die Bürgermeister erkannten den Wert regelmäßiger Treffen und des engen Erfahrungsaustauschs. Schon ein Jahr später wurde eine organisatorische Form für den freiwilligen Zusammenschluss der bayerischen Städte vereinbart. Die Städte kritisierten bereits vor über einem Jahrhundert die wachsende Fülle von Aufgaben, die der Staat den Kommunen auferlegte. Daher hatten die Stadtväter damals bei der Gründung vereinbart, sich gemeinsam gegen „unberechtigte Ansinnen“ des Staates zu wehren. Aus der zunächst informellen Art eines Städtetages konstituierte sich bereits nach wenigen Jahren ein Verband mit einer professionell besetzten Geschäftsstelle, die seit 1909 in München arbeitet.

Jede Stadt in Bayern ist einzig in ihrer Geschichte, in ihrer Stadtgestalt, in ihrer Tradition, sei es als alte Reichsstadt, als Bischofssitz, als Verwaltungssitz, als Handelszentrum oder als Verkehrsachse, als Standort für Handwerk und Industrie. Jede Stadt hat ihre eigenen Stärken, jede Stadt hat ihre ganz eigenen Wurzeln, Ausprägungen und Traditionen – aber in vielen Bereichen ähneln sich unsere Städte. Diese Erfahrungen auszutauschen, Erwartungen und Probleme zu bündeln, ist eine der Aufgaben des Bayerischen Städtetages. Die unterschiedlichen Mitglieder unternehmen es im Bayerischen Städtetag, die Vielfalt der Städte und Gemeinden Bayerns zu einer Einheit zu bringen. Und es geht im Bayerischen Städtetag um Erfahrungsaustausch – die Mitglieder helfen sich selbst mit ihrem jeweiligen Fachwissen. Dies kann durchaus auch den Charakter einer Selbsthilfegruppe annehmen.

In den Mitgliedsstädten des Städtetages wohnen rund 7 Millionen Menschen – das ist mehr als die Hälfte der Bevölkerung Bayerns. Der Bayerische Städtetag ← 13 | 14 →ist kein beliebiger Interessenverband. Die Basis des Verbandes sind gewählte Bürgermeister und Stadträte. Somit kann sich der Bayerische Städtetag auf ein allgemeines Mandat der gesamten Bürgerschaft berufen. In den Gremien des Bayerischen Städtetages entscheiden Bürgermeisterinnen und Bürgermeister, Oberbürgermeisterinnen und Oberbürgermeister sowie die Mitglieder von Stadt- und Gemeinderäten. Diese gewählten Mandatsträger bestimmen über die Richtung und die Ziele des Bayerischen Städtetages. Der Bayerische Städtetag vertritt die Interessen von Städten und Gemeinden gegenüber Landtag und Staatsregierung. Er pflegt den Meinungsaustausch und die Interessenvertretung gegenüber anderen landesweiten Verbänden der Wirtschaft, Wohlfahrtsverbänden und gesellschaftlichen Akteuren. Der Städtetag bündelt die Interessen seiner Mitglieder in einer Hand und ist laut Verfassung im Gesetzgebungsverfahren zu beteiligen.

Der Bayerische Städtetag ist der Verband der zentralen Orte Bayerns. Städte und Gemeinden können sich freiwillig zur Mitgliedschaft entscheiden. Neben allen 25 kreisfreien Städten und allen 29 Großen Kreisstädten sind über 200 weitere kreisangehörige Städte, Märkte und Gemeinden Mitglied. Die Bandbreite der über 290 Städtetagsmitglieder reicht von Gemeinden mit knapp 2.000 Einwohnern bis zur Landeshauptstadt München mit 1,5 Millionen Einwohnern.

Die inhaltlichen Kontinuitäten eines Städtetages sind so stark, dass es nicht entscheidend ist, wer nun mit welcher Parteifarbe an der Spitze steht: Diese Überparteilichkeit zeichnet den Städtetag aus. Im Austausch von großen und kleinen Kommunen, von Franken, Altbayern und Schwaben, von Kommunalpolitikern aller Couleur liegt der besondere Reiz des Bayerischen Städtetages. Dies vertreten die Vorsitzenden nach außen: Jeder verkörpert dies auf seine persönliche Art. Vorsitzende wie Hans- Jochen Vogel, Josef Deimer, Hans Schaidinger, Ulrich Maly und Kurt Gribl gaben in den letzten Jahrzehnten dem Bayerischen Städtetag Gesicht und Stimme. Die Bemühungen zur Lösung der vielfältigen Herausforderungen der Gegenwart – von der Corona- Pandemie, Mobilität, Integration, Energieversorgung und kommunaler Daseinsvorsorge bis zu Digitalisierung oder der Finanzausstattung – orientieren sich immer auch an dem Fundament eines reichhaltigen geschichtlichen Erbes unserer Städte. Für den Blick in die Vergangenheit in unterschiedlichen Facetten kann dieses Buch wertvolle Anregungen geben.

Oberbürgermeister Markus Pannermayr, Stadt Straubing

Vorsitzender des Bayerischen Städtetages

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Vorwort

Im Frühsommer des Jahres 2020 sollte eigentlich eine interdisziplinäre sowie internationale Tagung im Egloffstein’schen und Wildenstein’schen Palais in der Universitäts- , Plan- und Hugenottenstadt der Frühmoderne, in Erlangen, stattfinden. Wir haben uns die Entscheidung nicht leicht gemacht: Die Situation in Bezug auf „Corona“ war damals noch schwer einschätzbar und wir konnten bei Teilnehmern ein erhöhtes Risiko mit schwerem Erkrankungsverlauf nicht ausschließen. Deshalb musste die geplante Tagung, die sich eines sehr regen Zuspruchs erfreute, abgesagt werden.

Um den Wissensdurst um unser Thema Die süddeutsche Städtelandschaft – ein interregionaler Vergleich dennoch zeitnah stillen zu können, legten wir den Fokus direkt auf die Drucklegung der mannigfaltigen Forschungsergebnisse. Hervorzuheben ist in erster Linie das Interesse des Peter Lang Verlags, der dank der Initiative seines Leitenden Lektors Herrn Dr. Hermann Ühlein die Publikation der Studien ermöglichte. Großer Dank gilt allen fleißigen Autorinnen und Autoren, die trotz widriger Bibliotheks- und Archivschließungen unter Lockdown- Bedingungen ihre Beiträge zeitnah druckfertig einreichten. Eine stets mit größter Sorgfalt verfolgte Buchredaktion unter Federführung von Herrn Christoph Gunkel M.A. in Erlangen trieb das Projekt in jeder Hinsicht an. Auch Frau Verena Gawert M.A. in Augsburg trug ihren Teil dazu bei. Die Herausgeber arbeiteten in guter kooperativer Zusammenarbeit, die andauernd gegenseitiges Verständnis, Flexibilität und Offenheit voraussetzte, sodass der Band in kurzem Zeitabstand zur erwähnten Tagung veröffentlicht werden konnte. Am Ende gilt unser besonderer Dank nochmals Herrn Christoph Gunkel, der das Orts- und Personenregister wiederum mit Akribie und Sachverstand erstellte.

Finanziell unterstützt wurde der Band – es handelt sich bereits um die siebte Verlagsveröffentlichung der bordeauxroten Erlanger Reihe – von der Forschungsstiftung Bayerische Geschichte in München, der Friedrich- Alexander- Universität Erlangen- Nürnberg (FAU) und der Sektion Franken des Zentralinstituts für Regionenforschung an der FAU. Als verantwortlicher Mitherausgeber und im Namen aller Autorinnen und Autoren danke ich dafür recht herzlich.

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Nachhaltigkeit sollte sich in diesen schwierigen Zeiten zu einem positiven Lebensgefühl entwickeln. So wünsche ich dem optisch sowie inhaltlich reizvoll gestalteten Buch eine breite Rezeption in Wissenschaft und Öffentlichkeit. Auf diesem Wege alles Gute für die Zukunft und bleiben Sie gesund!

Erlangen, zum Martinsfest (fränkisch: Pelzmärtel) des Jahres 2020

Wolfgang Wüst

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Themeneinführung und Zusammenfassung

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Wolfgang Wüst

Themeneinführung – Teil 1:
Die süddeutsche Städtelandschaft – ein interterritorialer Vergleich

Abstract: As a description of cultural space, the urban landscape took on a pioneering role outside of the geosciences, also in the fields of history, architecture and urbanism, to which other landscape- oriented concepts were committed, such as monastery and sacral landscapes, aristocratic landscapes, landscapes of writing and education, school landscapes, psychiatric landscapes, pleasure landscapes, digital landscapes or the rarely- used village landscapes. The concept of landscape has experienced an almost inflationary spread in parts of the research, so that there has been no lack of criticism and opposition.

1. Bausteine

Im Peter Lang Verlag sind in einer bordeauxroten Reihe die Ergebnisse aus fünf interdisziplinären und zum Teil internationalen Tagungen – sie gründeten auf Initiativen des Erlanger Lehrstuhls für Bayerische und Fränkische Landesgeschichte und des Zentralinstituts für Regionenforschung an der Friedrich-Alexander- Universität – zu folgenden, dem Phänomen des Landschaftsbegriffs zugeschnittenen Themen festgehalten: Dazu zähl(t)en zu Beginn mit Blick auf die Adelslandschaft die im Mai 2016 im Bildungszentrum Kloster Banz – seit 1978 führt dort die CSU- nahe Hanns- Seidel- Stiftung Regie – durchgeführte Tagung zum Thema „Bayerns Adel – Mikro- und Makrokosmos aristokratischer Lebensformen“ (gedruckt: 2017)1 und das im Februar 2017 in Kloster Ettal mehrtägig veranstaltete Symposium „Adelslandschaften – Kooperationen, Kommunikation und aristokratischer Konsens in Mittelalter, Früher Neuzeit und Moderne“ ← 19 | 20 →(gedruckt: 2018).2 Ebenfalls der räumlichen, sozialen und kulturellen Prägung der adelsnahen Schicht (reichs- )städtischer Patrizier verpflichtet blieben die im Oktober 2016 im Egloffstein’schen Palais zu Erlangen zu hörenden Vorträge zu „Patrizier – Wege zur städtischen Oligarchie und zum Landadel. Süddeutschland im Städtevergleich“ (gedruckt: 2018).3 Es folgten dann im März 2018 im oberbayerischen Ettal „Die süddeutsche Klosterlandschaft – Kultur, Religion, Politik und Umwelt“ (gedruckt: 2019)4 und, in Partnerschaft mit dem Bezirk von Schwaben (Bezirksheimatpflege), im März 2019 in Kloster Irsee die Tagung „Klöster, Kultur und Kunst in Spätmittelalter und früher Neuzeit. Eine Leistungsbilanz zur Sakrallandschaft im deutschen Südwesten“ (partiell gedruckt: 2020).5 Nicht unmittelbar den Landschaftskoordinaten zugeordnet, aber doch auch der räumlichen Dehnung von ökonomischen und ökologischen Entwicklungen verpflichtet, blieb ein weiteres, auf zwei Termine im September 2017 und im März 2018 verteiltes Symposium in Kloster Banz zum Thema „Umwelt- , Klima- und Konsumgeschichte. Fallstudien zu Süddeutschland, Österreich und der Schweiz“ (gedruckt: noch 2018).6

2. Städtelandschaften als Forschungsfeld

Städtelandschaften sind keine Forschungs- und Publikationsraritäten. Recherchiert man in den bis Ende des Jahres 2015 von der Berlin- Brandenburgischen ← 20 | 21 →Akademie der Wissenschaften betreuten „Jahresberichte für Deutsche Geschichte“7 – sie erfassten von 1949 bis 2015 möglichst vollständig8 das deutsch- und fremdsprachige Schrifttum zur deutschen Geschichte – stößt man unter der einschlägigen Suchanfrage „Städtelandschaft“ bereits auf über 40 Treffer. Zur Einstimmung wählen wir aus dieser Datenbank in kaum zu leistender repräsentativer, biographischer Auswahl einige Titel, um das Anliegen unseres Tagungsbandes aus landeshistorischer Sicht zu exemplifizieren.

Wählen wir mit den Jahren 2009, 2010, 2011 und 2013 vier jüngere Stichjahre. Im Jahr 2009 hießen fünf der in den Jahresberichten registrierten Beiträge wie folgt: 1. „Die Entwicklung der Kommunikationsnetze und ihre Beziehung zur europäischen Städtelandschaft“ (Ralf Roth),9 2. „Über den Zusammenhang von Verkehr, Kommunikation und europäischer Städtelandschaft im 19. und 20. Jahrhundert“ (Ralf Roth),10 3. „Eine Städtelandschaft im Wandel. Urbanisierungsprozesse im südwestlichen Ostseeraum des 12. Jahrhunderts“ (Sven Rabeler),11 4. „Einführung: Stadt, Stadtraum, Städtelandschaft – Räume als Analysekategorien der mediävistischen Städteforschung“ (Jörg Oberste/ Susanne Ehrlich)12 und schließlich 5. „Die Kulmer Handfeste, das kulmische Recht und die Stadt Kulm. Ein Beitrag zur Gestaltung der Städtelandschaft im Ordensland Preußen“ (Roman Czaja).13

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Im Jahr 2010 publizierte unter anderem Markus Naser als Buch (analog) und Datenbank (digital im Internetportal „Historisches Unterfranken“)14 den Titel „Digitale Karten zur Geschichte der Städte in Franken“.15 2011 folgten aus der Feder dreier Autoren (Vera Denzer, Anne Dietrich und Haik Thomas Porada) die „Hansetage der Neuzeit. Eine europäische Städtelandschaft als Erinnerungsraum“.16

2013 wurden schließlich folgende drei Titel zur Städtelandschaft registriert: 1. „‚Stadtlandschaft‘ – ‚Städtelandschaft‘ – ‚Städtesystem‘. Der Beitrag kleiner Städte zur ‚Urbanisierung‘ im ‚hansischen Raum‘ während des späten Mittelalters“ (Heidelore Böcker),17 2. „Zum Wandel der Städtelandschaft am nördlichen Oberrhein um 1200“ (Gerold Bönnen)18 und 3. „Die Eifel als Städtelandschaft“ (Margret Wensky).19

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Die gewählten biografischen Einträge der Datenbank zu den Jahresberichten konkretisieren bereits einen primär anthropologisch- geowissenschaftlich geprägten Begriff, den der international bekannten Städtelandschaft(en) und ihrer entsprechenden fremdsprachigen Äquivalente als englisch urban landscape, italienisch paesaggio urbano, französisch réseau urbain, paysage urbain, spanisch paisaje urbano, portugisisch paisagem urbana, japanisch 都市景観 oder last but not least chinesisch 城市景观. Die Internationalität des Landschaftsbegriffs leistete dann auch Vorschub für grenzüberschreitende Entwicklungsprojekte in der Europäischen Union wie dem von 2003 bis 2006 bestehenden Verbund aus Sustainable and Accessible Urban Landscapes (SAUL)20 als nachhaltigen und zugänglichen Stadtlandschaften. Ziel ist es, in altindustrialisierten Räumen die Lebens- und Wohnqualität zu erhöhen, Räume für Erholung und Freizeit zu schaffen sowie die kulturelle Identifikation im Sinne einer starken und nachhaltigen Wirtschaft zu fördern. Zu den Partnern zählten auf deutscher Seite unter anderem das Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung und Bauwesen des Landes Nordrhein- Westfalen (ILS NRW) und der Planungsverband Ballungsraum Frankfurt/ Rhein- Main.

3. Landschaft als geowissenschaftliches Interessensgebiet?

In der Geografie, als einer Leitwissenschaft in Landschaftsfragen, kann man sich aktuell unter einer Städtelandschaft maßstäblich und räumlich ganz unterschiedliche Ebenen vorstellen, die sich auf einzelne Städte, auf bestimmte Stadtregionen oder selbst auf Metropolregionen oder die Megalopolis übertragen lassen. Die Megalopolis wurde darunter als Landschaftsbegriff erstmals 1918 von dem Philosophen und Kulturhistoriker Oswald Spengler (1880–1936) in seinem Werk „Der Untergang des Abendlandes“ gebraucht.21 Die Stadtregion muss sich dabei keineswegs auf ihre historisch- territorialen Wurzeln im Sinne reichs- , residenz- oder binnenstädtischer Landterritorien beschränken. Die Stadt und ihr territoriales Umland wurden, auch wenn das Bürgerrecht in und außerhalb der Stadtmauern oft unterschiedliche Freiheitsstufen kannte, wie im Falle der schwäbischen Reichsstadt Ulm um 1715 als kartografische Einheit, ← 23 | 24 →als „Nova et accurata Territorii Vlmensis cum Dominio Wainensi Descriptio“ abgebildet.

Für die ehemalige fränkische Reichsstadt Rothenburg ob der Tauber galt Ähnliches. Der Fokus lag hier allerdings auf der friedensichernden „Landhege“, die im Kartenwerk der frühen Neuzeit wiederholt mit zugehörigen Herrschafts- und Verteidigungslinien gezeichnet und beschrieben wurde.

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Der Landschaftsbegriff, der im urbanen Umfeld relativ früh Verwendung fand, geht seitens der Kultur- und Sozialgeographie und der Architekturtheorie auf die frühen 1920er Jahre zurück.22 Seit dieser Zeit spricht man ← 26 | 27 →vermehrt von Städtelandschaft(en), um Kultur- und Siedlungsräume zu umschreiben und sie abzugrenzen. Der in Ostpreußen geborene Geograph, Geologe und Paläontologe Siegfried Passarge (1866–1958), Begründer der Landschaftsgeografie, schärfte den Landschaftsbegriff zu Beginn des 20. Jahrhunderts ebenfalls in mehreren Veröffentlichungen. Die Stadtlandschaft diente Passarge zur Abgrenzung von Naturlandschaften zum Kulturraum.23 Der Stadtlandschaft fiel als Kulturraumbeschreibung dann außerhalb der Geowissenschaften auch in der Geschichtswissenschaft, der Architektur und der Urbanistik eine Pionierrolle zu, an die sich andere landschaftsorientierte Begriffsbildungen orientierten wie die Kloster- und Sakrallandschaften,24 ← 27 | 28 →Adelslandschaften,25 Kulturlandschaften,26 Schrift- und Bildungslandschaften,27 Schullandschaften,28 Psychiatrischen Landschaften,29 Genusslandschaften,30 ← 28 | 29 →Digitalen Landschaften31 oder die selten geführten Dorflandschaften.32 Der Landschaftsbegriff erfuhr in Teilen der Forschung geradezu eine inflatorische Verbreitung, sodass Widerspruch und kritische Stimmen nicht ausblieben.33

4. Voraussetzungen und Wirkung

Die Frage nach dem Zentrum und der Zentralität in der jeweiligen Landschaft spielte für viele Themenbereiche als Ergebnis interdisziplinär geführter Überlegungen eine Rolle, keineswegs nur in einer archäologisch fundierten Stadt- und Siedlungsgeschichte.34 Voraussetzung für die Entstehung der Städtelandschaften im mitteleuropäischen Raum war, wie nicht zuletzt Helmut Flachenecker in seinem Beitrag „Städtelandschaft Franken“ (S. 89–116) exemplarisch zeigt, zunächst die Urbanisierung der Fläche. Die Zahl der Städtegründungen war vor allem im Mittelalter hoch, insbesondere in der Zeit zwischen dem 12. und der Mitte des 14. Jahrhunderts. Ein Jahrhundert später, um 1450, zählte man dann bereits circa 5.000 Stadtgründungen im deutschen Sprachraum. Die Chroniken des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit, allen voran die Chronik der Bischöfe von Würzburg aus der Feder des fürstbischöflichen Sekretärs Lorenz Fries (1489/ 91–1550),35 rekurrierten bereitwillig auf die dynamische Verstädterung einzelner Regionen. In der von den ursprünglich drei Ausfertigungen36 einzig erhaltenen, mit 176 Miniaturen von dem Würzburger Maler Martin Seger (um 1510/ ← 29 | 30 →1515–1580) illustrierten Handschrift37 der Würzburger Chronik – sie wurde 1546 fertiggestellt – sind fränkische Residenz- und Reichsstädte wie Bamberg oder Schweinfurt eingebettet in den Kontext ihrer Landschaft.

Abb. 4: Stadtansicht von Bamberg aus der Chronik von Lorenz Fries, 1546. Bildnachweis: Universitätsbibliothek Würzburg, M.ch.f.760, fol. 34 v, URL: http://franconica.uniwuerzburg.de/ub/permalink/fries-130.

Abb. 5: Stadtansicht von Schweinfurt aus der Chronik von Lorenz Fries, 1546. Bildnachweis: Universitätsbibliothek Würzburg, M.ch.f.760, fol. 300 r, URL: http://franconica.uniwuerzburg.de/ub/permalink/fries-661.

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Die Stadtgründungswellen des Mittelalters waren Voraussetzung für das Entstehen frühmoderner Städtelandschaften und es gab anschließend keine Epoche mehr, in der sich Ähnliches im urbanen Gründungsbereich vollzog.38 Städtelandschaften bedurften aber zunehmend auch einer administrativen Effizienz, die bereits während der Städtebündnisse des 15. und 16. Jahrhundert die Zentralität einzelner Orte stärkte. So gewann beispielsweise Ulm unter den über dreißig beteiligten, meist südwestdeutschen Reichsstädten39 des 1488 auf dem Esslinger Reichstag gegründeten Schwäbischen Bundes als Hauptort eine führende Rolle. Ulm dominierte mit seiner Rats- und Bündnisverwaltung eine weitgestreute Städtelandschaft, die der Friedenssicherung verpflichtet war. Rats- und Amtszentren und die repräsentativen Ratshäuser40 vergrößerten sich fortlaufend, wenn die territorialen oder bündnisorientierten Verpflichtungen der Städte wuchsen. Ebenso stieg die Frequenz der Ratskorrespondenz an, wenn zusätzliche, oft landschaftsgebundene Koordinierungsaufgaben die Ratsversammlungen beschäftigten. In der hessischen, von 1535 bis 1794 paritätisch durch das Haus Nassau und Kurtrier regierten Stadt Camberg – seit 1981 Bad Camberg – dominiert bis heute ein überdimensionierter Amtshof in Fachwerksausführung die Stadtsilhouette. Gebäudebrücken wurden angesichts stetig steigender ← 31 | 32 →zentralisierender Amtsgeschäfte eine Notwendigkeit, um der Stadt und ihrer Landschaft administrativ gerecht zu werden.


1 Wolfgang Wüst (Hg.), Bayerns Adel – Mikro- und Makrokosmos aristokratischer Lebensformen. Referate der internationalen und interdisziplinären Tagung. Kloster Banz, Bad Staffelstein, 26.– 29. Mai 2016. Unter Mitarbeit von Lisa Bauereisen, Frankfurt am Main u.a. 2017 (380 Seiten, 61 Abbildungen, Orts- und Namensregister).

2 Wolfgang Wüst (Hg.), Adelslandschaften – Kooperationen, Kommunikation und Konsens in Mittelalter, Früher Neuzeit und Moderne. Unter Mitarbeit von Lisa Bauereisen, Berlin u.a. 2018 (285 Seiten, 30 Abbildungen, Orts- und Namensregister).

3 Wolfgang Wüst (Hg.), Patrizier – Wege zur städtischen Oligarchie und zum Landadel. Süddeutschland im Städtevergleich. Referate der internationalen und interdisziplinären Tagung, Egloffstein’sches Palais zu Erlangen, 7.– 8. Oktober 2016. Unter Mitarbeit von Marc Holländer, Berlin u.a. 2018 (315 Seiten, 38 Abbildungen, Orts- und Namensregister).

4 Wolfgang Wüst (Hg.), Die süddeutsche Klosterlandschaft – Kultur, Religion, Politik und Umwelt. Unter Mitarbeit von Lisa Bauereisen und Christoph Gunkel, Berlin u.a. 2019 (379 Seiten, 40 Abbildungen, Orts- und Personenregister).

5 Wolfgang Wüst (Hg.), Klöster, Kultur und Kunst – Süddeutsche Sakrallandschaft in Spätmittelalter und früher Neuzeit. Unter Mitarbeit von Lisa Bauereisen und Christoph Gunkel, Berlin u.a. 2020 (374 Seiten, 63 Abbildungen, Orts- und Personenregister).

6 Wolfgang Wüst / Gisela Drossbach (Hg.), Umwelt- , Klima- und Konsumgeschichte. Fallstudien zu Süddeutschland, Österreich und der Schweiz. Unter Mitarbeit von Lisa Bauereisen und Christoph Gunkel, Berlin u.a. 2018 (565 Seiten, 93 Abbildungen, Orts-und Personenregister).

7 Sie standen in der Tradition der von 1880 bis 1916 erschienenen „Jahresberichte der Geschichtswissenschaft“, die mit Forschungsberichten zu allen Bereichen der Geschichtswissenschaft von der Historischen Gesellschaft zu Berlin herausgegeben wurden.

8 Es handelt sich um ca. 764.000 Titel von Monographien und Aufsätzen der Erscheinungsjahre 1949 bis 2015.

9 Ralf Roth, Die Entwicklung der Kommunikationsnetze und ihre Beziehung zur europäischen Städtelandschaft, in: Ders. (Hg.), Städte im europäischen Raum. Verkehr, Kommunikation und Urbanität im 19. und 20. Jahrhundert (Beiträge zur Stadtgeschichte und Urbanisierungsforschung 9), Stuttgart 2009, S. 23–62.

10 Ralf Roth, Über den Zusammenhang von Verkehr, Kommunikation und europäischer Städtelandschaft im 19. und 20. Jahrhundert, in: Informationen zur modernen Stadtgeschichte 2009/ 1, S. 78–87.

11 Sven Rabeler, Eine Städtelandschaft im Wandel. Urbanisierungsprozesse im südwestlichen Ostseeraum des 12. Jahrhunderts, in: Gerhard Fouquet / Gabriel Zeilinger (Hg.), Die Urbanisierung Europas von der Antike bis in die Moderne (Kieler Werkstücke, Reihe E 7), Frankfurt am Main 2009, S. 121–145.

12 Jörg Oberste / Susanne Ehrlich, Einführung: Stadt, Stadtraum, Städtelandschaft – Räume als Analysekategorien der mediävistischen Städteforschung, in: Susanne Ehrlich / Jörg Oberste (Hg.), Städtische Räume im Mittelalter (Forum Mittelalter, Studien 5), Regensburg 2009, S. 7–16.

13 Roman Czaja, Die Kulmer Handfeste, das kulmische Recht und die Stadt Kulm. Ein Beitrag zur Gestaltung der Städtelandschaft im Ordensland Preußen, in: Ders. / Carsten Jahnke (Hg.), Städtelandschaften im Ostseeraum im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit, Toruń 2009, S. 73–85.

14 Internetportal „Historisches Unterfranken“, in: Datenbanken zur Fränkischen Landesgeschichte, hg. vom Lehrstuhl für Fränkische Landesgeschichte an der Julius-Maximilians- Universität Würzburg, URL: http://www.historisches-unterfranken.uni-wuerzburg.de/index.php (letzter Zugriff: 1.10.2020).

15 Markus Naser, Digitale Karten zur Geschichte der Städte in Franken (Mainfränkische Studien 79), Würzburg 2010. Als Datenbank (Link: „Digitale Karten zur Geschichte der Städte in Franken.pdf “ – letzter Zugriff: 15.10.2020) mit dem Vermerk: „Zwischen den Jahren 1100 und 1800 können für jeden beliebigen Zeitpunkt und jede Stadt in Franken die Herrschaftsverhältnisse übersichtlich dargestellt und erklärt werden.“ Internetportal „Historisches Unterfranken“ (wie Anm. 14), 2010.

16 Vera Denzer / Anne Dietrich / Haik Thomas Porada, Die Hansetage der Neuzeit. Eine europäische Städtelandschaft als Erinnerungsraum, in: Siedlungsforschung. Archäologie – Geschichte – Geographie 29, 2011, S. 199–218.

17 Heidelore Böcker, „Stadtlandschaft“ – „Städtelandschaft“ – „Städtesystem“. Der Beitrag kleiner Städte zur „Urbanisierung“ im „hansischen Raum“ während des späten Mittelalters, in: Frank Braun / Stefan Kroll / Kersten Krüger (Hg.), Stadt und Meer im Ostseeraum im 17. und 18. Jahrhundert. Seehandel, Sozialstruktur und Hausbau – dargestellt in historischen Informationssystemen. Beiträge des wissenschaftlichen Kolloquiums in Stralsund vom 8. und 9. September 2005 (Geschichte. Forschung und Wissenschaft 17), Berlin u.a. 2013, S. 30–69.

18 Gerold Bönnen, Zum Wandel der Städtelandschaft am nördlichen Oberrhein um 1200, in: Karsten Igel u.a. (Hg.), Wandel der Stadt um 1200. Die bauliche und gesellschaftliche Transformation der Stadt im Hochmittelalter. Archäologisch- historischer Workshop, Esslingen am Neckar, 29. und 30. Juni 2011 (Materialhefte zur Archäologie in Baden- Württemberg 96), Stuttgart 22013, S. 119–130.

19 Margret Wensky, Die Eifel als Städtelandschaft, in: Wolfgang Schmid (Hg.), Die Eifel. Beiträge zu einer Landeskunde. Festschrift 125 Jahre Eifelverein (1888–2013), Bd. 2, Düren 2013, S. 151–174.

20 Sustainable & Accessible Urban Landscapes (SAUL), in: European Urban Knowledge Network, URL: https://www.eukn.eu/news/detail/sustainable-accessible-urbanlandscapes-saul (letzter Zugriff: 1.10.2020).

21 Wolfgang Krebs, Die imperiale Endzeit. Oswald Spengler und die Zukunft der abendländischen Zivilisation, Berlin 2008.

22 Werner Durth, Stadtlandschaft im Wiederaufbau, in: Hubertus Fischer (Hg.), Zukunft aus Landschaft gestalten. Stichworte zur Landschaftsarchitektur (CGL- Studies 17), München 2014, S. 217–224; Ders., Stadt und Landschaft. Kriegszerstörungen und Zukunftsentwürfe, in: Jörn Düwel u.a. (Hg.), 1945. Krieg – Zerstörung – Aufbau. Architektur und Stadtplanung 1940–1960 (Schriftenreihe der Akademie der Künste 23), Berlin 1995, S. 127–175.

23 Max Eckert, Die Entwicklung der kartographischen Darstellung von Stadtlandschaften, in: Siegfried Passarge (Hg.), Stadtlandschaften der Erde, Hamburg 1930, S. 1–14.

24 Vgl. zum Landschaftsbegriff in nicht repräsentativer Auswahl: Karl Hausberger, Das Bistum Regensburg als Klosterlandschaft. Ein historischer Abriß, in: Peter Morsbach (Hg.), 1250 Jahre Kunst und Kultur im Bistum Regensburg. Berichte und Forschungen (Kunstsammlungen des Bistums Regensburg. Kataloge und Schriften 7), München/ Zürich 1989, S. 177–194; Klaus Wittstadt, Die Klosterlandschaft Frankens heute, in: Frankenland 43, 1991, S. 172–201; Rudolf Renz, Klosterlandschaft Oberschwaben, 2 Bde. (Materialien zur Landeskunde und Landesgeschichte 10 und 11), Tübingen 1994; Bernd Brauksiepe / Anton Neugebauer, Klosterlandschaft Eifel. Historische Klöster und Stifte zwischen Aachen und Bonn, Koblenz und Trier (Große Kunstführer 191), Regensburg 1994; Otto Weiss, Die neue Klosterlandschaft in Bayern, in: Rainer Braun / Joachim Wild (Hg.), Bayern ohne Klöster? Die Säkularisation 1802/ 03 und die Folgen (Ausstellungskataloge der Staatlichen Archive Bayerns 45), München 2003, S. 483–512; Ewald Wegener, Klosterlandschaft Eifel-Mosel. Praktische Denkmalspflege am Beispiel des Klosters Stuben bei Bremm/Mosel (Rheinische Heimatpflege 48), Neuss 2011; Gert Melville, „Klosterlandschaft“. Kritische Bemerkungen zum wissenschaftlichen Wert einer Wortschöpfung, in: Franz J. Felten / Harald Müller / Heidrun Ochs (Hg.), Landschaft(en): Begriffe – Formen – Implikationen (Geschichtliche Landeskunde 68), Stuttgart 2012, S. 195–222; Michael Schmitt, Die Klosterlandschaft des Bistums Würzburg als GIS- Projekt, in: Würzburger Diözesangeschichtsblätter 76, 2013, S. 189–210; Nathalie Kruppa, Die Klosterlandschaft im Bistum Hildesheim im frühen und hohen Mittelalter im Vergleich zu ihren Nachbarbistümern Paderborn, Minden, Verden und Halberstadt, in: Niedersächsisches Jahrbuch für Landesgeschichte 85, 2013, S. 135–189; Hans- Georg Aschoff, Die katholische Klosterlandschaft im Fürstbistum Hildesheim während der Frühen Neuzeit, in: Hansjörg Küster / Joachim Wolschke- Bulmahn (Hg.), Zu den Qualitäten klösterlicher Kulturlandschaften. Geschichte, Kultur, Umwelt und Spiritualität (CGL- Studies 20), München 2014, S. 13–33; Joachim Oepen, Das Bergische Land – eine Klosterlandschaft?, in: Stefan Gorißen / Horst Sassin / Kurt Wesoly (Hg.), Geschichte des Bergischen Landes, Bd. 1: Bis zum Ende des alten Herzogtums 1806 (Bergische Forschungen 31), Bielefeld 2014, S. 141–186; Johannes Molitor, Klosterlandschaft – Metten und Niederaltaich, in: Wolfgang Jahn (Hg.), Niederbayerische Donau (Edition Bayern), Regensburg 2015, S. 44–49.

25 Beispielsweise: Václav Bůžek, Die Adelslandschaft der böhmischen Länder im 16. und 17. Jahrhundert, in: Jill Bepler / Helga Meise (Hg.), Sammeln, Lesen, Übersetzen als höfische Praxis der Frühen Neuzeit. Die böhmische Bibliothek der Fürsten Egenberg im Kontext der Fürsten- und Fürstinnenbibliotheken der Zeit (Wolfenbütteler Forschungen 126), Wiesbaden 2010, S. 17–52; Joachim Schneider, Die Bünaus in der wettinischen Adelslandschaft des Spätmittelalters. Gesamtbelehnungen und Wappenführung als Elemente sozialer Strategien zwischen Kernfamilie und Gesamtgeschlecht, in: Martina Schattkowsky (Hg.), Die Familie von Bünau. Adelsherrschaften in Sachsen und Böhmen vom Mittelalter bis zur Neuzeit, Leipzig 2008, S. 167–190.

26 Ein Allroundbegriff mit unterschiedlichen inhaltlichen Zielsetzungen: Herbert Fitzek / Friederike Krause / Alina Kuzborska (Hg.), Kulturlandschaften. Auf Herders Spuren zwischen Mohrungen und Königsberg, Olsztyn 2012; Gerhard Gabel, Vielfalt der Kulturlandschaften Bayerns – Kulturlandschaftliche Gliederung als Beitrag zur Biodiversität, in: Siedlungsforschung. Archäologie – Geschichte – Geographie 29, 2011, S. 311–318; Gerhard Henke- Bockschatz, Kulturlandschaften wahrnehmen und entschlüsseln oder: Welche Kompetenzen brauchen SchülerInnen zur historischen Spurensuche?, in: Heike Düselder / Annika Schmitt / Siegrid Westphal (Hg.), Umweltgeschichte. Forschung und Vermittlung in Universität, Museum und Schule, Köln u.a. 2014, S. 123–141.

27 Hedwig Röckelein, Schriftlandschaften, Bildungslandschaften und religiöse Landschaften des Mittelalters in Norddeutschland (Wolfenbütteler Hefte 33), Wiesbaden 2015; Rolf Kießling, Die Universität Dillingen und die „Bildungslandschaft“ Schwaben im Zeitalter der Konfessionalisierung, in: Jahrbuch des Historischen Vereins Dillingen 101, 2000, S. 9–34; Matthias Asche, Der Ostseeraum als Universitäts- und Bildungslandschaft im Spätmittelalter und in der Frühen Neuzeit. Baustein für eine hansische Kulturgeschichte, in: Blätter für deutsche Landesgeschichte 135, 1999, S. 1–20.

28 Helmut Flachenecker / Rolf Kießling (Hg.), Schullandschaften in Altbayern, Franken und Schwaben. Untersuchungen zur Ausbreitung und Typologie des Bildungswesens in Spätmittelalter und Früher Neuzeit (Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte, Beihefte B 26), München 2005.

29 Elisabeth Dietrich- Daum (Hg.), Psychiatrische Landschaften. Die Psychiatrie und ihre Patientinnen und Patienten im historischen Raum Tirol seit 1830, Innsbruck 2011.

30 Vgl. hierzu den Beitrag von Sabine Wüst zu europäischen Genusslandschaften oder Foodscapes im interregionalen Vergleich in diesem Band, S. 461–507; Anna Moragues-Faus / Kevin Morgan, Reframing the foodscape. The emergent world of urban food policy, in: Environment and Planning A: Economy and Space 47/ 7, 2015, S. 1558–1573, URL: https://journals.sagepub.com/doi/10.1177/0308518X15595754 (letzter Zugriff: 1.10.2020).

31 Manuel Schramm, Digitale Landschaften (Pallas Athene 30), Stuttgart 2009.

32 Michael A. Hartenstein, Neue Dorflandschaften. Nationalsozialistische Siedlungspla-nung in den „eingegliederten Ostgebieten“ 1939 bis 1944 (Wissenschaftliche Schriftenreihe Geschichte 6), Berlin 1998.

33 Melville, „Klosterlandschaft“ (wie Anm. 24).

34 Bernhard W. Bahn, Zur Frage der Zentralität von Landschaften, Orten und Trassen, in: Gerson H. Jeute / Jens Schneeweiß / Claudia Theune (Hg.), „aedificatio terrae“. Beiträge zur Umwelt- und Siedlungsarchäologie Mitteleuropas. Festschrift für Eike Gringmuth- Dallmer zum 65. Geburtstag (Internationale Archäologie. Studia honoraria 26), Rhaden/ Westfalen 2007, S. 39–44.

35 Thomas Heiler, Die Würzburger Bischofschronik des Lorenz Fries (gestorben 1550). Studien zum historiographischen Werk eines fürstbischöflichen Sekretärs und Archivars (Veröffentlichungen des Stadtarchivs Würzburg 9), Würzburg 2001.

36 Die Chronik war auf Anordnung des Fürstbischofs Konrad III. von Bibra (1490–1544) in drei Exemplaren hergestellt worden.

37 Heutiger Standort: Stadtarchiv Würzburg, Ratsbuch 412.

38 Vgl. generell hierzu: Eberhard Isenmann, Die deutsche Stadt im Spätmittelalter 1250–1500. Stadtgestalt, Recht, Stadtregiment, Kirche, Gesellschaft, Wirtschaft, Stuttgart 1988; Helmut Flachenecker / Rolf Kießling (Hg.), Städtelandschaften in Altbayern, Franken und Schwaben. Studien zum Phänomen der Kleinstädte während des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit (Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte, Beihefte B 15), München 1999.

39 Dazu zählten im Februar 1488 die Reichsstädte Ulm, Esslingen, Reutlingen, Überlingen, Lindau, Schwäbisch Hall, Nördlingen, Memmingen, Ravensburg, Schwäbisch Gmünd, Biberach an der Riß, Dinkelsbühl, Pfullendorf, Kempten, Kaufbeuren, Isny, Leutkirch, Giengen, Wangen und Aalen. Im April 1488 folgten die Reichsstädte Weil der Stadt und Bopfingen, im November 1488 Augsburg, Heilbronn, Donauwörth und Wimpfen. Vgl. Horst Carl, Der Schwäbische Bund 1488–1534. Landfrieden und Genossenschaft im Übergang vom Spätmittelalter zur Reformation (Schriften zur südwestdeutschen Landeskunde 24), Leinfelden- Echterdingen 2000, S. 61–63.

40 Vgl. für Süddeutschland und Augsburg: Bernd Roeck, Reichsstädtische Rathäuser der frühen Neuzeit und ihre Bildprogramme, in: Rainer A. Müller (Hg.), Bilder des Reiches. Tagung in Kooperation mit der schwäbischen Forschungsgemeinschaft und der Professur für Geschichte der Frühen Neuzeit der Katholischen Universität Eichstätt im Schwäbischen Bildungszentrum Kloster Irsee vom 20. bis 23. März 1994 (Irseer Schriften 4), Sigmaringen 1997, S. 275–295; Ders., Elias Holl. Ein Architekt der Renaissance, Regensburg 2004; Wolfram Baer / Hanno- Walter Kruft / Bernd Roeck (Hg.), Elias Holl und das Augsburger Rathaus, Ausstellungskatalog, Regensburg 1985.

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Klaus Wolf

Themeneinführung – Teil 2:
Die süddeutsche Städtelandschaft aus sprach-und literaturgeschichtlicher Perspektive

Abstract: Urban landscapes as historically and geographically comprehensible units can also be described on the basis of linguistic and literary- historical criteria. As far as the German- speaking area is concerned, corresponding research by German studies, especially in the last third of the twentieth century, has been carried out with increasing intensity, although this varies greatly from region to region. While, for example, the Upper German area was responsible for the late Middle Ages and the early modern period also because of the culturally tangible Habsburg hegemony and an Holy Roman Emperor Maximilian I, apostrophised as the “Mayor of Augsburg”. While the Central German region, including Frankfurt and Weimar, aroused the interest of German studies at an early stage, or the so-called Weimar Classicism in the shape of Goethe in the eighteenth and early nineteenth centuries, which made the region virtually canonical with its cities as literary centers, the Lower German region has remained under- researched.

Städtelandschaften als historisch und geographisch fassbare Einheiten lassen sich auch anhand sprachhistorischer und literaturgeschichtlicher Kriterien beschreiben. Was den deutschsprachigen Raum anbelangt, so sind entsprechende Forschungen von Seiten der Germanistik insbesondere im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts mit wachsender, freilich je nach Region durchaus unterschiedlicher Intensität erfolgt. Während etwa der oberdeutsche Raum für das Spätmittelalter und die Frühe Neuzeit auch wegen der kulturell fassbaren habsburgischen Hegemonie und einem als „Bürgermeister von Augsburg“ apostrophierten Kaiser Maximilian I. schon früh das Interesse der Germanistik weckte oder etwa der mitteldeutsche Raum mit Frankfurt am Main und Weimar wegen der sogenannten Weimarer Klassik in Gestalt Goethes im 18. und frühen 19. Jahrhundert mit seinen Städten als Literaturorten geradezu kanonisch wurde, ist der niederdeutsche Raum trotz der Bedeutung des Mittelniederdeutschen als lingua franca der Hanse bis heute durchaus unterforscht.1 ← 33 | 34 →Im Folgenden gilt es daher, den germanistischen Beitrag insbesondere bezüglich süddeutscher Städtelandschaften zu bilanzieren und im Blick auf Forschungsdesiderate zu perspektivieren.

Sprachgeschichtlich bietet sich hierbei eine auf Städte oder Stadtsprachen bezogene Betrachtungsweise im Grunde erst seit dem späten Mittelalter an, konkret mit dem Durchbruch der Volkssprache auch in städtischen Kanzleien gegenüber dem Lateinischen. Darüber hinaus treten im späten Mittelalter eine Vielzahl von fundamentalen Änderungen in den kommunikativen Verhältnissen zutage, die auch mit der stärkeren wirtschaftlichen Bedeutung der Städte zusammenhängen. Städtische Märkte führen vielfältige Berufsgruppen zusammen, die weniger auf Latein, sondern in der Volkssprache kommunizieren. Meister einer solchen Massenkommunikation sind nicht zuletzt die Bettelorden, welche sich seit dem 13. Jahrhundert in den Städten niederlassen und mittels öffentlicher Volkspredigt breite Schichten erreichen und neue literarische Gattungen anregen. Gerade süddeutsche Städte wie Augsburg und Regensburg waren frühe Einfallstore der Franziskaner und ihrer volkssprachigen Literatur, namentlich auch von frühneuhochdeutschen Gesetzestexten und geistlicher Prosa, einer Gattung, die nicht unwesentlich zur sogenannten Literaturexplosion des Spätmittelalters beitrug. Auch das städtische Schulwesen ist als sprachhistorischer Faktor nicht gering zu schätzen. Für solche Schulen wurden dann deutsche Fibeln verfasst, eine der ersten stammt übrigens aus Augsburg. Die wegen des im Spätmittelalter ausgebauten städtischen Schulwesens zunehmende Lese- und Schreibfähigkeit geht mit einem Ausbau des Kanzleiwesens einher, wobei die Stadtsprachen einerseits regionale Eigenheiten konservieren, andererseits im überregionalen Austausch auch sprachliche Ausgleichstendenzen fassbar werden.2

Solche Ausgleichstendenzen werden insbesondere im deutschsprachigen Buchdruck virulent, der einen durchaus süddeutschen Fokus mit Straßburg, Nürnberg und Augsburg aufweist, wobei aber die Pionierrolle und überregionale Wirksamkeit der Augsburger Druckersprache im wahrsten Sinne des Wortes Sprachgeschichte geschrieben hat, nicht zuletzt mit einer Wirksamkeit jenseits der oberdeutschen Sprachlandschaft auch im Mitteldeutschen, denn die Distribution der oberdeutschen Druckerzeugnisse erfolgte über die Frankfurter Buchmessen.3 ← 34 | 35 →Damit vermochte der Buchdruck früh zur Ausbildung einer neuhochdeutschen Schriftsprache Entscheidendes beizutragen, einer Ausgleichssprache, die ebenso frühzeitig verschiedene Städtelandschaften durchaus im Sinne einer lingua franca verbinden konnte.

Dieser Tendenz zur sprachlichen Überregionalität steht auf der anderen Seite eine in ihren Einzelheiten keineswegs erforschte literaturgeschichtliche Vielfalt in einzelnen Städten und Städtelandschaften gegenüber. Neben methodisch wegweisenden Studien4 und neueren städtischen Literaturgeschichten5 wäre auch dem bislang vernachlässigten zwischenstädtischen Austausch verstärkt nachzugehen. Neuere Untersuchungen zeigen in diesem Sinne etwa, dass in der Vormoderne größere süddeutsche Städte, obwohl verschiedenen Sprachlandschaften und mitunter sogar unterschiedlichen Reichskreisen angehörig, in Spätmittelalter und Früher Neuzeit einen bislang unterschätzten lebhaften wechselseitigen literarischen Austausch pflegten, während andererseits eine grundsätzlich fassbare kulturelle Trennlinie zwischen tendenziell süddeutsch- katholischen, romanischem Einfluss offenstehenden Stadt- und Literaturlandschaften einerseits und einem mitteldeutsch- protestantisch geprägten literaturgeographischen Block andererseits beschrieben werden kann.6 Regionale Literaturgeschichtsschreibung hat hier nicht nur in Buchform noch ein großes Aufgabengebiet vor sich. Denn künftig dürften auch digitale Formen der Literaturgeographie wie etwa digitale Literaturatlanten7 nicht nur das literarische Leben beispielsweise in einzelnen süddeutschen Städten bis hin zur Überlieferung auf verschiedenen Ebenen detailliert erfassen, sondern auch die geographischen Vernetzungen im Sinne einer Verflechtungsgeschichte digital dokumentieren.


1 Vgl. etwa neuerdings die einschlägigen Pionierarbeiten: Jörn Bockmann / Andreas Bieberstedt, Die mittelniederdeutsche Bibliothek. Zur Konzeption und Realisierung einer neuen Buchreihe, in: Korrespondenzblatt des Vereins für niederdeutsche Sprachforschung 126, 2019, S. 31–35.

2 Vgl. Wilhelm Schmidt, Geschichte der deutschen Sprache. Ein Lehrbuch für das germanistische Studium, Stuttgart 102007, S. 105 f.

3 Vgl. Akihiko Fujii, Günther Zainers druckersprachliche Leistung. Untersuchungen zur Augsburger Druckersprache im 15. Jahrhundert (Studia Augustana 15), Tübingen 2007, passim; Hans- Jörg Künast, Getruckt zu Augspurg. Buchdruck und Buchhandel in Augsburg zwischen 1468 und 1555 (Studia Augustana 8), Tübingen 1997, passim.

4 Hier ist insbesondere Ursula Peters zu nennen mit ihrem Buch: Ursula Peters, Literatur in der Stadt. Studien zu den sozialen Voraussetzungen und kulturellen Organisationsformen städtischer Literatur im 13. und 14. Jahrhundert, Tübingen 1983.

5 Waldemar Fromm / Manfred Knedlik / Marcel Schellong (Hg.), Literaturgeschichte Münchens, Regensburg 2019.

6 Vgl. Klaus Wolf, Bayerische Literaturgeschichte. Von Tassilo bis Gerhard Polt, München 2018, passim.

7 Vgl. URL: https://www.uni-augsburg.de/de/fakultaet/philhist/professuren/germanistik/deutsche-literatur-und-sprache-bayern/forschung/digi/ (letzter Zugriff: 29.10.2020).

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Verena Gawert

Zusammenfassung

Der Aufsatz von Wolfgang Wüst (Erlangen- Nürnberg) beleuchtet die frühmodernen „Städtebänke“ als Gremien urbaner Interessensvertreter in Kreis-und Reichstagen. „Städtelandschaft“ soll zunächst die Forschung zur Geschichte der Städte und Märkte auf internationaler und insbesondere auf süddeutscher Ebene beschreiben. Was bedeutet „Städtelandschaft“ eigentlich? Der renommierte Historiker Franz Irsigler versteht unter „Städtelandschaft“ eine mittelgroße räumliche Einheit mit unterschiedlichem Urbanisierungsgrad; und unter „Stadtlandschaft“, dass eine Stadt eine bestimmte räumliche Einheit dominieren kann, dies freilich im diachronen Wandel. In Wolfgang Wüsts Beitrag soll dies im Zusammenhang mit der städtischen Korrespondenz auf den Reichs- und Territorialräten diskutiert werden. Politische Netzwerke werden in der Korrespondenz der Räte transparent, dabei fehlte es nicht an Treffpunkten und Zeiten für die untersuchten Räte. Diese Sitzungen fanden häufig und über lange Zeiträume statt, was den beteiligten Delegationen einen Raum der engen Kommunikation eröffnete. Sie waren ein Ort, an dem zwischenstädtische Reformen beschlossen und Pläne nach besten Kräften korrigiert wurden, wodurch die Städte teilweise finanziell benachteiligt wurden. Diese kommunikative Leistung bei der Konsensfindung wird nicht dadurch geschmälert, dass fast alle Städte kaum durch eigene Abgeordnete vertreten sein konnten. Überdies erreichten Beschlüsse von Reichstag und Kreistag auch die in der bisherigen Forschung oft als „verschlafen“ bezeichneten Reichsstädte.

Tom Scott (St Andrews) betrachtet in seinem Aufsatz die Oberrheinische Städtelandschaft. Der Oberrhein besitzt keine klar definierten territorialen Grenzen; gemeinhin wird er als das von Süden nach Norden verlaufende oberdeutsche Rheintal angesehen. In der Tat sind seine kommerziellen und urbanisierten Merkmale auf einer Ost- West- Achse, die die Westschweiz einbezieht und sich bis in die Franche- Comté erstreckt, ebenso ausgeprägt. Ein großer Teil der Region ist von mittelgroßen oder kleinen Städten geprägt, von denen viele Weinbaugemeinden waren. Weder Basel noch Straßburg haben sich als echte Metropolen entwickelt, die die Wirtschaft ihres Hinterlandes dominieren oder integrieren. Walter Christallers ursprüngliche Zentral- Ort- Theorien, die von einem sechseckigen Marktgebiet ausgingen, funktionieren nicht für den ← 37 | 38 →Oberrhein. Stattdessen sind die Netzwerke, wie er später zugab, als Rhomben zu verstehen, die die Exporte flussauf- und flussabwärts in einer Reihe von Rauten verbinden. Zu unterscheiden sind urbane und verstädterte Landschaften (Franz Irsigler). Ein Vergleich mit dem württembergischen Neckartal und der Westschweiz zeigt, dass weder eine spärliche noch eine dichte Siedlungsverteilung ihren Charakter als Stadtlandschaften ausmacht; nur der integrierte, exportorientierte Weinbau des Elsass kommt dagegen der regionalen Textillandschaft Ostschwabens nahe. Diese mangelnde Integration und Koordination machte die städtischen Siedlungen vor allem im konfessionellen Zeitalter besonders anfällig für ländliche Handwerks- und Marktkonkurrenz sowie für politische Rivalitäten zwischen den Territorialherrschaften.

Helmut Flachenecker (Würzburg) beleuchtet in seinem Beitrag die fränkische Städtelandschaft. Die Geschichte Frankens im Hoch- und Spätmittelalter ist geprägt von einer erstaunlichen Vielfalt territorialer Herrschaftsverhältnisse. Eine Vielzahl mittelgroßer und kleinerer Territorien, die in Franken liegen, prägen eine eindrucksvolle Kulturlandschaft aus Burgen, Städten und Märkten mit massiven – und heute meist romantisierten – Mauersystemen und bedeutenden Klöstern, die jedem Betrachter eine Vorstellung von den einstigen politischen Strukturen noch in der Gegenwart vermittelt. Der Beitrag diskutiert insbesondere den Begriff „Stadtlandschaft“ als einen wichtigen Teil der Kulturlandschaften. Anschließend wird die Entwicklung der Städte in Franken in chronologischer Reihenfolge dargestellt. Da die meisten Städte in dieser Region einem geistlichen Herrscher unterstellt waren, werden die Entwicklungen in den Bistümern Würzburg und Eichstätt näher beleuchtet. Die Bedeutung der Städte für die historische Entwicklung Frankens steht außer Frage, insbesondere ihr Beitrag zur allgemeinen Urbanisierung des Gebietes. Der Forschungsschwerpunkt hängt jedoch von aktuellen regionalgeschichtlichen Ansätzen ab, die Stadtstrukturen fallweise eher ökonomisch, eher als Sonderrechtsbezirk, eher als Zentrum für das Umland oder in ihren Funktionen, die der Erweiterung der Territorien der Stadtherrscher dienen, untersuchen.

Der Beitrag von Gerhard Fritz (Schwäbisch- Gmünd) widmet sich Stadt und Kloster im Herzogtum Württemberg. Der Aufsatz zeigt insbesondere die komplizierten Beziehungen zwischen Städten und Klöstern im Herzogtum Württemberg im Spätmittelalter und in der Frühen Neuzeit. Das Herzogtum bestand aus etwa 40 Grafschaften und 14 separaten Klosterbezirken. Jede Grafschaft und jedes Kloster (aber nur Konvente, keine Nonnenklöster) hatte das Recht, Stellvertreter auf den Landtag in Stuttgart zu entsenden. Obwohl die lutherische Reformation in den Jahren 1534 und 1552 eingeführt wurde und die Klöster als katholische Einrichtungen aufgehoben wurden, blieben die ← 38 | 39 →Klöster als Verwaltungsbezirke bestehen. Jeder Landkreis bestand aus einer zentralen Stadt und mehreren umliegenden Dörfern, Weilern und Scheunenhöfen. In mehreren Klosterbezirken wurden jedoch Städte gegründet, die zum Teil eng mit dem Kloster verbunden waren und nie eine größere Selbständigkeit erlangten wie etwa in Ellwangen oder Murrhardt. Teilweise entwickelten sich die Städte und die Klöster in unterschiedlicher Weise, sodass die Städte absolut unabhängig wurden und ihre eigenen Territorien bildeten wie etwa in Blaubeuren oder Backnang. Noch komplizierter wurde die Situation, als der Herzog von Württemberg seine Souveränität über ein Kloster nicht durchsetzen konnte, wie beispielsweise in Ellwangen, wo Kloster und Stadt katholisch blieben.

Alois Schmid (München) betrachtet in seinem Aufsatz die Städte und Märkte in der Oberpfalz und geht dabei insbesondere auf die Grundzüge ihrer Entwicklung im späten Mittelalter und in der beginnenden Neuzeit ein, wobei die Oberpfalz eine andere Entwicklung als das Herzogtum Bayern aufweist. Die Region war durch kleinteilige Verwaltungsstrukturen gekennzeichnet, die zur Bildung zahlreicher Städte führten. Diese historische Dimension wird bei der Untersuchung des heutigen Regierungsbezirks deutlich. Dabei ist dieser gekennzeichnet durch eine Vielzahl urbaner Formen, die von den vorherrschenden Kleinstädten bis zur Zentralstadt Regensburg als „Mutter“ aller Städte Bayerns, Bischofsresidenz und Reichsstadt, reichen. Der Aufsatz untersucht die zeitlichen Schichten der Urbanisierung in der Region, die verschiedenen beteiligten staatlichen Organe, die physische Gestalt der Städte und die Partizipationsmodi innerhalb der sich entwickelnden Regionalparlamente. In der Tat sind die Auswirkungen der historischen Besonderheiten der Stadtlandschaft der Region auch heute noch spürbar.

Im Beitrag von Thomas J. Hagen (München) werden die zwei Pole Konkurrenz und Kooperation in den Blick genommen. Im besonderen widmet er sich dabei den bambergischen Landstädten im Ringen um politische Geltung und wirtschaftliche Prosperität, aufgezeigt am Beispiel Ebermannstadts und Waischenfelds in der Fränkischen Schweiz. Im Gegensatz zu den großen und freien Reichsstädten erscheinen die fast unzähligen kleineren Landstädte, die es weder zum Status einer Residenz noch in die Reichsfreiheit geschafft haben, oft als unbedeutende oder gar machtlose Mitglieder der politischen und wirtschaftlichen Strukturen des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Ausgehend von den beiden Landstädten Ebermannstadt und Waischenfeld im Hochstift Bamberg zeigt dieser Beitrag, dass Städte als eine Art Zwischenstufe zwischen landwirtschaftlich strukturierten Dörfern und großen Wirtschafts-und Handelszentren tatsächlich wichtige administrative und politische Relevanz erlangen konnten.

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Klaus Wolfs (Augsburg) Beitrag mit dem Fokus auf Reichsstadt versus Residenzstadt widmet sich vor allem der bislang wenig systematisch erforschten literaturgeschichtlichen Rolle der Städte mit dem Schwerpunkt auf Bayern. Es lässt sich feststellen, dass Residenzstädte das literarische Leben von Anfang an, seit dem frühen Mittelalter, geprägt haben. Dies gilt aber nicht nur für die althochdeutsche, sondern insbesondere für die mittelhochdeutsche Literatur. Andererseits lässt sich zeigen, dass ein eher urbanes literarisches Leben in den Reichsstädten, vor allem in der Frühen Neuzeit, aber bereits auch im Spätmittelalter, den Motor des literaturgeschichtlichen Fortschritts bestimmte. Erst im 18. Jahrhundert wurde die Adelsresidenz, insofern sie wie im Falle Friedrichs des Großen, aber auch am herzoglichen Hof in Weimar letztlich von der Aufklärung geprägt war, zu einem prägenden Merkmal des literarischen Lebens im gesamten deutschsprachigen Raum.

Franz Körndle (Augsburg) bietet in seinem Aufsatz einen Überblick zu den Stadtpfeifern in der süddeutschen Städtelandschaft unter besonderer Berücksichtigung ihrer Professionalisierung. Bereits vor mehr als hundert Jahren machte der Schweizer Musikforscher Karl Nef auf die kultur- und musikpolitische Bedeutung der Instrumentalensembles in den Städten vom ausgehenden Mittelalter bis in die Neuzeit aufmerksam und beschrieb die Anfänge der Stadtpfeifer als fest angestellte Musiker, ihre Pflichten, Berufsbezeichnungen und das Instrumentarium bis zum Übergang der alten Institution Stadtpfeiferei zum Sinfonieorchester im bürgerlichen Konzertbetrieb. Diesen grundlegenden Informationen fügte erst 1982 Heinrich Schwab eine substantielle Studie zur Professionalisierung des Stadtmusikerberufs hinzu. In jüngerer Zeit widmete sich Helen Coffey dem Klang in den Städten während der Zeit Kaiser Maximilians I. Franz Körndles Beitrag hebt auf neuester archivalischer Grundlage die Rolle der freiberuflich tätigen Musiker im Rahmen des urbanen Musiklebens hervor. Dabei nehmen Reisen und Konflikte einen wichtigen Raum ein.

Dorothea Fastnacht (Marloffstein) beleuchtet in ihrem Beitrag das „Historische Ortsnamenbuch von Bayern“ als Grundlage für die Stadtgeschichtsforschung. Um einen bequemen Einstieg in die stadtgeschichtliche Forschung zu Bayern zu finden, eignen sich die Bände der Reihe „Historisches Ortsnamenbuch von Bayern“ besonders. Nicht ohne Grund ist das Projekt bei der Kommission für bayerische Landesgeschichte in München angesiedelt. Denn obwohl in diesen Büchern die Sprachentwicklung der Ortsnamen im Vordergrund steht, werden die Ortsnamen- Dokumente in aussagekräftigen Regesten präsentiert, die sorgfältig erfasst und genau datiert sind. Ein kompetenter Redakteur sorgt für die Verlässlichkeit aller Informationen und Ergebnisse.

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Victor A. Ferretti (Augsburg) bietet einen Einblick zur Dimension Augsburgs in Miguel de Cervantes’ „Don Quijote“. Die Miszelle ist der Evokation des Augsburger Raums im Zweiten Teil (1615) von Miguel de Cervantes’ „Don Quijote“ als frühneuzeitlicher Ausdruck eines kontingenten sozio- historischen Imaginären im habsburgischen Spanien gewidmet. Dabei geht es nicht zuletzt um die internationale Wahrnehmung des Augsburger Religionsfriedens.

In seinem Beitrag „Monopol – Krise – Marktdynamik. Zur Entstehung hochmittelalterlicher Salinenstädte im Ostalpenraum unter besonderer Berücksichtigung Reichenhalls“ betrachtet Johannes Lang (Bad Reichenhall/ Salzburg) unter anderem den enormen Einfluss des Rohstoffs Salz auf die Städtelandschaft in Bayern, welcher bereits gut erforscht ist. Dennoch wird kaum wahrgenommen, dass die Salinenstadt Reichenhall ein herausragendes Beispiel für eine dynamische Stadtentwicklung im 12. Jahrhundert ist. Mit Ausnahme der Bischofsstädte verfügt kein anderer Ort auf dem Gebiet des ehemaligen Herzogtums über so gute schriftliche Quellen für das Früh- und Hochmittelalter wie Reichenhall, sodass ein plastisches Bild der Saline und der Stadt rekonstruiert werden kann. Bis zum Ende des 12. Jahrhunderts hatte Reichenhall als einziger leistungsfähiger Salzproduzent der Ostalpen ein überregionales Monopol, während andere Salinen, wie beispielsweise Hall beim Stift Admont, nur von lokaler Bedeutung waren. Während die Saline Reichenhall infolge des allgemeinen Bevölkerungswachstums ab der Mitte des 12. Jahrhunderts an der Kapazitätsgrenze produzierte, erlebte die Stadt mehrere schwere Krisen. Gegen Ende des Jahrhunderts griffen immer mehr Salzproduzenten auf die neu entwickelte Technologie des Laugungsprozesses zurück, was Reichenhall einen Wettbewerbsnachteil brachte. Die Zerstörung der Stadt während des Krieges im Jahre 1196 setzte eine Marktdynamik frei: Sie gab dem Erzbischof von Salzburg die Möglichkeit, die neue Technik auf dem Dürrnberg einzusetzen und mit Hallein eine neue Salinenstadt nach dem Vorbild Reichenhalls zu schaffen. Während Reichenhall mehr als zwei Jahrzehnte lang niedergerissen und ruiniert war, hatte Hallein hervorragende Voraussetzungen, um schnell zum führenden Salzproduzenten im Alpenraum zu werden. Ein weiterer Produzent, Hall in Tirol, entstand fast zeitgleich mit Hallein und verfügte ebenfalls über sehr gute Standortfaktoren, die auch eine bemerkenswerte städtebauliche Entwicklung ermöglichten.

Senta Herkle (Stuttgart) widmet ihr Thema den konkurrierenden Interessen im Handel süddeutscher Reichsstädte im 18. Jahrhundert. Ausgehend von der Prämisse, dass überregionale Handelsbeziehungen vor Ort austaxiert werden müssen, fragt dieser Aufsatz, wie der (Transit- )Handel im 18. Jahrhundert vor Ort, insbesondere in der Reichsstadt Ulm, organisiert war. Die schriftlichen Aufzeichnungen des Steueramtes veranschaulichen Anpassungen der ← 41 | 42 →Transithandelsorganisation an unterschiedliche politische, wirtschaftliche und technische Rahmenbedingungen. Darüber hinaus erlaubt die archivalische Tradition eine Rekonstruktion der Wechselwirkungen zwischen Ulm und anderen Handelsorten des Reiches, deren Organisationsformen je nach Standort ebenfalls unterschiedlich waren. Diese Unterschiede machen sich zum Beispiel im Umgang der Stadt mit dem Kutschergewerbe bemerkbar.

Die Administration des Bildungswesens in süddeutschen Reichsstädten der Frühen Neuzeit nimmt Wolfgang Mährle (Stuttgart) in seinem Beitrag in den Blick. Im 16. Jahrhundert wurden in zahlreichen süddeutschen Reichsstädten, vor allem in reformatorischen oder bikonfessionellen Städten mit protestantischer Mehrheit, sogenannte Scholarchate eingerichtet. Die Scholarchate waren von den Stadträten eingesetzte Kommissionen zur Verwaltung des gesamten Schulwesens, das sowohl deutsche als auch lateinische Schulen umfasste. Der vorliegende Beitrag analysiert vergleichend die Organisation, das Personal und die Funktionen der Scholarchate in den Reichsstädten Schwabens, Frankens und Bayerns. Er zeigt, dass in protestantischen und bikonfessionellen Städten die Geistlichkeit in der Frühen Neuzeit erheblichen Einfluss auf das Schulwesen ausübte, obwohl die Magistrate für das Schulwesen zuständig waren.

Franz- Rasso Böck (Kempten) widmet seinen Beitrag Kempten im Netz der interurbanen Kommunikation. Das Binnenverhältnis zwischen der Herrschaft der Fürstäbte mit der katholischen Stiftsstadt einerseits und der evangelischen Reichsstadt andererseits im „Mikrokosmos“ Kempten ist ein traditioneller Schwerpunkt der lokalgeschichtlichen Forschung. Über die Außenbeziehungen der Reichsstadt Kempten insbesondere zu anderen Reichsstädten, angefangen bei den schwäbischen Nachbarn, ist jedoch wenig bekannt. Dieses Desiderat ergibt sich in der Regel aus der schlechten Quellenlage zur Reichsstadt Kempten, insbesondere angesichts der sehr lückenhaften Aufzeichnungen der Korrespondenz des Stadtrates, für die es keine Eingangs- und Ausgangsbücher in Form von sogenannten Briefbüchern gibt. Die Wege für die Erforschung der Außenbeziehungen der Reichsstadt Kempten führen daher zu Archiven ehemaliger Reichsstädte, von denen bekannt ist, dass sie – wie Augsburg – über eine größere Anzahl von Briefbüchern verfügen, die auch relevante Korrespondenzen zu Kempten abbilden.

Ivana Ebelová und Zdeněk Hojda (Prag) legen einen Beitrag mit dem Thema „Die Metropole als verdichtete Städtelandschaft. Einige Aspekte zur Entwicklung des frühneuzeitlichen Prag“ vor. Prag als politisch- administratives, wirtschaftliches und kulturelles Zentrum des böhmischen Staates stellt einen komplexen Organismus dar, nämlich ein Konglomerat aus mehreren Städten. Ihre ungleichmäßige Entwicklung, die gegenseitigen Beziehungen und das ← 42 | 43 →Zusammenleben ihrer Bewohner rufen ein breites Spektrum von Themen hervor, von den rechtlichen und administrativen Bedingungen der Prager Städte bis hin zu den baulichen und städtebaulichen Besonderheiten ihrer einzelnen Teile oder funktionalen Unterschiede. Zunächst wird das Augenmerk auf die Jüdische Stadt gerichtet, das wichtigste Zentrum des aschkenasischen Judentums in Mitteleuropa. Dabei war die enge Verbindung zwischen den Prager Juden und ihren christlichen Nachbarn während der Zeit des Rudolfinischen Prags, die als die Blütezeit des Prager Ghettos gilt, besonders intensiv. Schließlich wird ein Blick auf die Prager Stadtlandschaft aus der Sicht von Ausländern einbezogen. Der relativ kurze Zeitraum, in dem Prag zu einer der führenden europäischen Hauptstädte wurde, prägte das Bild der Stadt wesentlich mit. Die grundlegenden städtebaulichen Impulse der Rudolfinischen Zeit waren jedoch auch in den folgenden Jahren noch aktiv, bevor sie durch den Dreißigjährigen Krieg abrupt unterbrochen wurden.

Mit der „Städtelandschaft des mittelalterlichen Livlands“ beschäftigt sich Ilgvars Misāns (Riga) in seinem Beitrag, der die spezifischen Merkmale dieser Städtelandschaft anhand der räumlichen und herrschaftlichen Grundlagen der Urbanisierung sowie der wirtschaftlichen Vernetzung und institutionellen Bindungen der Städte untersucht. So zeigt sich, dass in Livland nicht nur die Intensität der Urbanisierung bescheiden und das städtische Leben verhältnismäßig schwach entwickelt war, sondern auch, dass die politische Zersplitterung des Landes, der geringe Zuzug neuer Einwohner aus deutschen Ländern sowie die demographischen und wirtschaftlichen Krisen die volle Entfaltung des Urbanisierungsprozesses angehalten haben. Außerdem dominierten in der Städtelandschaft drei überragende Fernhandelszentren: Riga, Dorpat und Reval, welche sich auf unterschiedliche Fernhandelsrichtungen spezialisierten und landesweite Wirtschaftsräume im Norden, in der Mitte und im Süden unter sich aufteilten. Die drei größeren Städte kontrollierten somit auch die Kleinstädte und Märkte im jeweiligen wirtschaftlichen Hinterland. Eine wichtige koordinierende Rolle für die Politik livländischer Städte spielte seit der Mitte des 14. Jahrhunderts der Städtetag, der sich auf der lokalen Ebene sowohl mit Angelegenheiten der hansischen Gemeinschaft als auch mit Fragen der Landespolitik beschäftigte. Als Bindeglied zwischen den Städten wirkte diese Institution für die Städtelandschaft integrierend.

Sabine Wüst (Nürnberg) nimmt in ihrem Aufsatz die europäischen Genusslandschaften – Foodscapes – interregional in den Blick. Die regionale Ernährungslandschaft kann mit verschiedenen Ansätzen untersucht werden. Beispielsweise ist die regionale Sprache auf Bayern bezogen nicht das einzige Identitätsmerkmal besonderer Lebensmittel oder regionaler Agrarprodukte. Als ← 43 | 44 →ein Produkt unter vielen anderen sind „Roude Ranna“ oder Rote Beete auch über die Grenzen Bayerns hinaus zu finden. Ratsdekrete, Ratsbücher, Lebensmittelgesetze, Haushaltsbücher, aber auch Aufzeichnungen aus Klöstern und Krankenhäusern sowie Rezeptbücher geben Auskunft über Essgewohnheiten und Ernährung im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit. Die Foodscape variierte und entwickelte sich über viele Jahre. Nach dem Zustrom von Einwanderern, der in den 1960er Jahren begann, hat sich die Ernährungslandschaft Bayerns, Deutschlands oder auch Europas bis zum Ende des Jahrhunderts drastisch verändert. So nehmen heute beispielsweise Einflüsse der mediterranen Küche einen wichtigen Platz in der Lebensmittelszene ein.

Lina Schröder (Würzburg) beleuchtet in ihrem Beitrag die Topographie als Katalysator für die Stadtentwicklung in den „Lage Landen“. Der Aufsatz stellt die „Lage Landen“ in grober Korrelation zu den heutigen Benelux- Ländern als Makroregion dar, die sich auf ihre mittelalterliche und frühneuzeitliche „Stadtlandschaft“ beziehungsweise „Städtelandschaft“ konzentriert. Nach dem derzeitigen Stand der Forschung ist unklar, welcher der beiden Begriffe, die beide von Franz Irsigler im Jahre 1999 geprägt wurden, anwendbar ist. Es ist jedoch offensichtlich, dass die Topographie und der Mangel an königlicher Souveränität beziehungsweise kirchlicher Macht zur Entwicklung einer föderalistisch regierten Kulturlandschaft in der gesamten Region und ihren Provinzen führte, in der die Städte eine bedeutende Rolle spielten. Im Hinblick auf die Topographie werden die folgenden drei Aspekte diskutiert, die zuvor von zeitgenössischen vormodernen Protagonisten genannt wurden: 1. die unterschiedliche Bodenstruktur in der gesamten Region, 2. das Flusssystem des Rhein- Maas- Schelde- Deltas sowie 3. die Tatsache, dass ein Viertel der „Lage Landen“, insbesondere der nordwestliche Teil, unter dem Meeresspiegel lag. Daraus lässt sich ableiten, dass gerade die Städte als Produktions- , Organisations- und Kommunikationszentren angesichts dieser herausfordernden topographischen Bedingungen als entscheidende Drehscheiben dienten, die das Überleben der Menschen innerhalb dieser komplexen Makroregion sichern.

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Sektion 1:

Die süddeutsche Städtelandschaft – landschaftsprägend

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Wolfgang Wüst

Frühmoderne „Städtebänke“ – Gremien urbaner Interessenvertreter in Kreis- und Reichstagen

Abstract: “Städtelandschaft” is initially intended to describe research into the history of cities and markets on an international and, for our request, on an especially southern German level. What does “Städtelandschaft” actually mean? The renowned historian Franz Irsigler understands “urban landscape” to mean a medium- sized spatial unit with varying degrees of urbanisation; and “cityscape” to mean that the towns and cities dominate specific spatial units. Man has always remained human, but his environment, including the urban landscape, has changed over the centuries. In my contribution, this is to be discussed in the context of urban correspondence at imperial and territorial Councils. Political networks become transparent in the Councils’ correspondence. There was no lack of meeting places and times for the councils examined. For example, the number of council sessions (“Kreistage”) in Nuremberg in 1783 and 1785 exceeded 2,000! Meetings were held often and for long periods of time, which opened up a space of close communication for the delegations involved. It was a place where inter- urban reforms were decided upon and where plans were corrected to the best of one’s ability which put cities at a financial disadvantage. This communicative achievement in seeking a consensus is not diminished by the fact that almost all cities could hardly ever be represented by their own deputies. Resolutions passed by the Imperial Assembly (“Reichstag”) and the “Kreistag” also reached the inferior imperial cities (“Reichsstädte”), which were often described as “sleepy” in former research. This group of cities in particular was sometimes more space- defining than the early modern metropolises with their strongly developed self- interests.

1. Grundlagen – Gemeinsames Handeln

Wir werden ia beinahe ueberall als Stiefkinder behandelt. Alle Fuersten sperren uns ihre Lande.“1 Diese Einschätzung der Nürnberger Marktvorsteher gegenüber dem Rat vom 13. Dezember 1785 war noch vor der 1796 vollzogenen Annexion großer Teile des reichsstädtischen Landgebiets – darunter befanden sich auch die ← 47 | 48 →Nürnberger Vorstädte Wöhrd und Gostenhof – protokolliert worden. Sie ist Ausdruck des fortgesetzten Mediatisierungsdrucks seitens der Fürstenherrschaft, der sich 1792 mit dem Erbfall der süddeutschen Markgraftümer Brandenburg- Ansbach und Brandenburg- Bayreuth an Preußen und der folgenden Berufung Karl August von Hardenbergs (1750–1822)2 zum leitenden Minister in Franken erheblich verstärkte. Und es war sicher kein Zufall, dass ausgerechnet ein „Fürstendiener“ in personam des Thurn- und- Taxis’schen Hofrats Ludwig Friedrich Grub (1760–1818)3 seiner Darstellung zu den „teutschen“ Reichsstädten den Stoßseufzer der Nürnberger Marktvorsteher voranstellte, befand sich doch auch die Reichsstadt Regensburg im Vorhof des Fürstenhofes der Thurn und Taxis in St. Emmeram.

Reichsstädte waren in die politische Defensive geraten und ihre Wirtschaftskraft hatte den Zenit im 18. Jahrhundert längst überschritten. Dennoch – oder gerade deshalb – kam es gegen Ende des tintenklecksenden Säkulums unter den nicht armierten Ständen des Alten Reiches zu einer einzigartigen Solidarisierungswelle mit den bedrohten Reichsstädten. Gleichwohl wies Georg Schmidt bereits 1984 in seiner einschlägigen Tübinger Dissertation zum Thema „Städtetag in der Reichsverfassung“ darauf hin, dass die territoriale und rechtliche Gemengelage zwischen Städten und Fürstenländern und die Erfahrungen aus den spätmittelalterlichen Städtekriegen die Politik in den frühmodernen Corpora auf den Städtebänken mitbestimmte. Selten stand man deshalb bedrohten reichsständischen Kommunen „demonstrativ und provokativ“ bei, sondern wählte diplomatische Formen der Unterstützung, die den Dialog mit expansiven Nachbarländern nicht abbrechen ließen.4 Das Netzwerk der Reichsstädte verdichtete sich dennoch, wichtige innere Verfassungsreformen wie der Nürnberger Grundvertrag von 17945 wurden ← 48 | 49 →teils auf Veranlassung kaiserlicher Untersuchungskommissionen, teils auf innerstädtische Initiative auf den Weg gebracht und die Reichsgerichte nahmen sich der klagenden Räte an. In den Jahrzehnten vor der sogenannten Napoleonischen Flurbereinigung entstand ein (reichs- )städtischer Kommunikations- und Rechtsraum, den man als süddeutsche Städtelandschaft beschreiben und definieren kann.

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Die kommunikativ- korporative Geschlossenheit vieler Städte – insbesondere der Reichsstädte – werden wir exemplarisch an der Gremienarbeit, am Stimmverhalten und den Voten ausgewählter Stichjahre im Reichstag, im Kreistag und, soweit es landsässige Gemeinden betrifft, im Landtag untersuchen. Die in ausführlichen Protokollserien festgehaltene Geschlossenheit städtischer Delegierter6 auf den ihnen zugewiesenen Sitzbänken ist erstaunlich und erklärungsbedürftig.

Abb. 8: Kurien des Reichstages des Heiligen Römischen Reiches („Abriß der Solennitet wie es auff Reichs- Tagen bey ablesung der Kayserlichen Proposition gehalten wird.“), Kupferstich von Peter Troschel, Nürnberg 1675. Die Vertreter der Reichsstädte verteilten sich über die zwölf Bänke im Vordergrund. Vor den reichsstädtischen Delegierten saßen die Reichstagsschreiber. Bildnachweis: Wikimedia Commons (gemeinfrei).

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Die vielschichtige äußere Klammer einer Städtelandschaft besteht – so meine These – aus dem gemeinsamen Planen und Handeln unter den in räumlicher Perspektive keineswegs homogenen Sitzgruppen städtischer Gesandter und Abgeordneter in frühmodernen „Parlamenten“. Die Schriftwechsel der Gesandtschaften aus den Reichs- , Kreis- und Landtagen mit ihrer jeweiligen Ratsherrschaft zeigen, dass es jenseits lokaler Interessen in der Regel auch um kommunale und urbane Anliegen in genereller Perspektive ging. Dabei konnte es im Reichs-oder Städtetag auch zu Solidaritätsaktionen kommen, die weit entfernte Städte verbanden. So ging es für die Nürnberger Delegation auf dem Wormser Städtetag 1606 um die Unterstützung der Städte Magdeburg und Braunschweig gegen Übergriffe von Herzog Heinrich Julius von Braunschweig- Wolfenbüttel (1564–1613).7 1607/ 08 standen dann – so die Nürnberger Reichstagsabgeordneten – während eines Regensburger Reichstags die Religionsbeschwerden der Stadt Aachen im Mittelpunkt.8 1613/ 14 nahmen Nürnbergs Diplomaten wieder in Worms die Religionsbeschwerden der schwäbischen Reichsstädte Kempten und Biberach an der Riß zur Kenntnis.9 Kein Widerspruch zur These eines gemeinsamen „Bank“- Interesses ist es, das spezifische Umfeld vor Ort in die Überlegungen zur frühmodernen Städtepolitik aufzunehmen.

Städte hatten wie andere Reichs- und Landstände auch an ihren Grenzen außerhalb der Mauerringe territoriale Anrainer, mit denen zunächst bilaterale Verträge abzuschließen waren. Die Marktlage war selbst für die Gruppe der süddeutschen Handelsstädte keineswegs uniform; Konkurrenten in und außerhalb der Bannmeilen agierten primär im singulären und nicht im landschaftlichen Interesse. Politisches Unheil drohte aber auch in und aus den Gemeinden selbst. Reformkreise gingen gegen ihre oligarchischen Ratsherrschaften vor Gericht. Bischöfe und Ratsregimenter stritten sich über lange Zeit um die Stadtherrschaft; Köln contra Köln,10 Augsburg contra ← 51 | 52 →Augsburg11 oder Weißenburg contra Weißenburg12 wären hierfür repräsentative Beispiele. Ferner sprechen die vor allem während der Aufklärung publizierten Vorbehalte gegen die „Erstarrung“ ursprünglich dynamischer Gemeinwesen, die ihre einstige Geschlossenheit als Folge von Vetternwirtschaft, Korruption, Ämterkauf und Verschwendung aufs Spiel setzten.

Der Chronist Ludwig Friedrich Grub beschrieb 1786 die Kardinalsünden selbstgefälliger städtischer Gesellschaftskreise, die an interstädtischer Kooperation und Vernetzung wenig oder kein Interesse zeigten. Zu den Kritikpunkten zählte auch die in städtischen Policey- Ordnungen13 stets wiederholte, aber selten befolgte Warnung vor Verschwendung, Ausschweifung, Vorteilnahme und Eigennutz. Grub meinte dazu 1786: „Der Grundcaracterzug der heutigen Reichsstädter bestehet in dem Hang, in der Liebe zur Schwelgerei und zum Wohlleben. Sterb- und Tauffälle, Bedienstungen, Beförderungen, Rechnungsverhöre, Apothecker- Visitationen, Zehentverleihungen etc. werden nach wohlhergebrachter alter Sitte mit Schmäusen begleitet, wobei meistens auf Rechnung des städtischen Aerarii gezechet wird. In der fränkischen Reichsstadt R. v. d. T. fangen diese Gastereien mit dem Frühlinge an, und währen biß späte in Herbst fort. Selbst das Gut, das iedem heilig seyn soll, das Gut der Armen wird dabei nicht geschont, indem bei der Ablegung des dasigen Hospitalrechnung zwei (oder gar vier – ich erinnere mich der Anzahl nicht mehr genau) Schmäuse gehalten werden, wovon ieder nach ← 52 | 53 →sicheren Nachrichten wenigstens auf 50. Th[a] l[er] zu stehen kommt.“14 Weitere Kritikpunkte an der Reformwilligkeit in der Städtelandschaft war der Sittenverfall mit Blick auf Alkoholkonsum und außerehelichem „Beischlaf“, gemessen an der Zahl unehelicher Geburten und der Zunahme von Geschlechtskrankheiten.15Es ist natürlich“ – so Ludwig Friedrich Grub – „daß da wo Bacchus und Ceres verehrt werden, auch der unreinen Venus ein Altar gewidmet sey.“16 Es stellt sich nun die Frage, wie ähnlich sich Städte in einer Städtelandschaft waren, ob die von Grub genannten Verfallserscheinungen urbaner Kultur und Bildung weniger singulär als vielmehr gemeinschaftlich zu deuten sind. Fest- und Jahresessen auf Kosten des jeweiligen Amts- oder Stadtsäckels waren europaweit an Neujahr – der Beginn des städtischen Wirtschaftsjahres fiel keineswegs immer auf den 1. Januar – , bei Rechnungsabschlüssen, Namenstagen, Patrozinien oder Jubiläen üblich. In Nürnberg – ein Beispiel unter vielen – wurde den Finanzherren im Losungsamt mit ihren Familien am 13. April 1565 während und nach dem üppigen „Rechnung Mahl“ auch noch ordentlich zum Mitnehmen eingepackt. Es handelte sich, obwohl der Tag auf einen Dienstag fiel, um ein traditionelles Fischessen und die kredenzten Speisen konnten alternativ in Geld ausgezahlt werden. „Erstlich 72 £ Hecht zum Ain sultzen […]. Mer 57 £ Karpffen ain £ per 18 d tut fl 60 ort 18 d. Mer 10 ½ £ Esch[en] […]. Mer 18 £ Orffen17 zum haimschicken vnd auff die Diesch […]. Mer zwen mass Kugelhaubtt18 thut fl 1. Mer dreÿ halbe stidla Grundt19 tut 4 ort 10 d. Item das Gewürtz so zue der Vischsultz vnd andern kumpt als Safferian, Zimett, Pfeffer, Ingwer, Negelein, Muschatnus […], auch hauffen Plassen20 tut 9 fl 4 ort 22 d. Mer 21 £ Zucker zue der Vieschsultzen […]. Mer 68 £ Venedisch Mandel […]. Mer zue der Vieschsultzen ist kumen 4 mas Maluisier […]. Mer zum Sultzen 35 mass Rheinisch Wein zue 26 d thutt 3 fl 5 ort 4 d.“ An weiteren Produkten und Beigaben wurden laut Rechnung für diese Tafel aufgetragen: Schmalz, Weinbeeren, „Bomerantzen“, „Krenn“, Schnecken, roter und weißer Essig, Salz, „Fischgestraidt“ und jede Menge „Handtwasser“ zum ← 53 | 54 →Händewaschen. In der Summe zahlte die Stadt über das Losungsamt über 90 Gulden.21 Ein weiterer Höhepunkt im Zyklus der annualen Festessen war 1569 in Nürnberg das „Kaÿsser Mhall22 im reichsstädtischen Waldamt St. Sebald.

Abb. 9 a und 9 b: Kaiseressen („Kaÿsser Mhall“) im Nürnberger Reichswald St. Sebald, 1569. Bildnachweis: StaatsA Nürnberg, Reichsstadt Nürnberg, Losungsamt, Stadtrechnungsbelege, Bündel 251.

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Geladen waren 67 Personen aus den Rats- und Forstgremien in der waldreichen Pegnitzstadt. Auf „Herrentischen“ wurde in Fülle alles kredenzt, was damals gut und teuer war. An Fleischsorten tischten Küchenhelfer auf gebratene, gekochte oder gesottene Kapaune, junge Tauben, Hühner, Ziegen („capra“), Wildbret und Rehschlegel sowie jede Menge an Speck. Dazu aß man Krebse, Schnecken, Fische (Hechte, Orfen, Karpfen), Pistazien, Nüsse, Weiß- und Schwarzbrot sowie Gemüse – vor allem Kichererbsen – aus der Region. Unter den leckeren Nachspeisen gab es neben verschiedenen Käsesorten Erdbeeren („erper“), Limetten, gezuckerte Kuchen und Lebkuchen. Auch Rosenwasser durfte am Tisch nicht fehlen. Zum „Zutrinken“ schenkte man steuerpflichtigen exklusiven Weiß- und Rotwein aus dem mainfränkischen Klingenberg sowie Unmengen an Bier („50 Mas Piers“) aus.23 Sabine Wüst ging für unseren Tagungsband der Frage nach, ob und wie sich solche „Foodscapes“ insbesondere mit Blick auf die Wurst- und Käseherstellung generierten. Im Kontext historisch gewachsener Städtelandschaften wären urbane Konsum- und Essgewohnheiten äußerst aufschlussreich, zumal sie sich nicht nur in Kochbüchern, sondern vor allem in kommunalen Rechnungen widerspiegeln. Der Landschaftsvergleich städtischer Essens- und Speisegewohnheiten sprengt hier bereits im Mittelalter seine Grenzen, so tischte man im 15. Jahrhundert beispielsweise bei den Empfängen für die Hochmeister des Deutschen Ordens in Preußen ähnliche Fischgerichte wie in Nürnberg und anderen Reichsstädten auf.24 In meinem Beitrag geht es aber in erster Linie nicht um die Frage, ob Städte im Vergleich ähnliche Lebens- , Ess-, Wohn- und Arbeitsgewohnheiten ihrer Bürger aufweisen. Die zentrale Frage und These lautet vielmehr, ob in Verfassungsgremien, Gerichten und vormodernen Parlamenten (Kreistage, Reichstage, Landtage) Städte gemeinsame politische und steuerökonomische Interessen vertraten.

2. Städte im Kreistag

Über die Teilnahme und die Voten des Städtegremiums in den Versammlungen der Reichskreise ist – im Gegensatz zu den Reichs- und Landtagen – trotz ausgezeichneter archivalischer Überlieferung nur wenig bekannt. Eine Quellengruppe, aus der solidarisches urbanes Stimmverhalten seitens der Reichsstädte ← 55 | 56 →hervorgeht, sind ungezählte Protokollserien25 der Reichskreise. Insbesondere traf dies für den Schwäbischen und Fränkischen Reichskreis zu, hatten doch während der Kreistage in Schwaben bis zu 3526 und in Franken fünf27 Reichsstädte ← 56 | 57 →Stimmrecht auf der Städtebank.28 Im reichsstädtereichen Schwaben wurden für eine 1789/ 90 in Ulm29 tagende Kreisversammlung gedruckte Steuerlisten in Umlauf gesetzt, auf der man die Städtebank mit der Summe des jeweiligen „Kreiß Extra- Ordinariums“ als Gruppe führte.

Abb. 10 a und 10 b: „Repartitions- Tabell“ über zusätzliche Reichs- und Kreissteuern während des Ulmer Reichskreistages, 6.7.1789. Bildnachweis: StaatsA Augsburg, Reichsstadt Nördlingen, Münchner Bestand, Nr. 693.

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Aufschlussreich für das landschaftliche Stimmverhalten in der Zeit vom 1. Mai 1789 bis Ende April des Folgejahres ist der Umstand, dass – meist aus Kostengründen – nicht alle Reichsstädte eigene Delegierte nach Ulm schickten. Es waren nun gerade die kleineren Städte, die sich dem Votum des mehrfach beauftragten Kreisdiplomaten fügten. Während Augsburg mit dem Geheimen Rat und Steuereinnehmer Moritz Ludwig von Carl zu Mühlbach und dem Ratskonsulenten Johann Friedrich von Tröltsch zweifach und das gastgebende Ulm mit dem Oberrichter Freiherrn Marcus Theodosius von Welser, mit dem Geheimen Rat Johann August Schneidenlay sowie den Ratskonsulenten Dr. Gottlob Dietrich Miller und Dr. Johann Gottfried Benjamin Härlin vierfach vertreten war, zählten andere auf die Hilfe Augsburgs oder Ulms. Ulm vertrat 1789/ 90 die Interessen von Aalen, Bopfingen, Esslingen, Reutlingen, Schwäbisch Hall, Heilbronn, Lindau, Kempten, Kaufbeuren, Weil, Wangen, Isny und Leutkirch. Augsburg votierte für Nördlingen, Schwäbisch Gmünd und Memmingen. Die Reichsstadt Überlingen stellte mit seinem Bürgermeister Freiherrn Franz Conrad Lenz von Lenzenfeld einen eigenen Kreisdiplomaten, der auch für Ravensburg, Pfullendorf, Buchau, Offenburg und Zell am Harmersbach votierte. Biberach, Dinkelsbühl – votierte auch für Giengen – und Rottweil leisteten sich einen eigenen Kreisgesandten. Die schwäbische Reichsstadt Wimpfen hatte keine Vertretung; der Protokolleintrag lautete: „Nemo“. Keiner der städtischen Kreisdelegierten hatte übrigens ein Mandat für eines der zahlreichen Fürstentümer, Grafschaften, Reichsklöster oder Reichsstifte. Zur Reichsritterschaft konnte es aus formalen Gründen keine direkten Beziehungen geben, da sie außerhalb der Reichskreise stand.30 So ließ sich das adelige Damenstift Buchau trotz reichsstädtischer Nachbarschaft vom Kreisvertreter der Hohenzollern in Sigmaringen vertreten. Der fürstenbergische Diplomat votierte für das Damenstift in Lindau und ein von der Reichsabtei Ochsenhausen delegierter Herr von Schott vertrat das Reichskloster St. Georg in Isny.31 Die unmittelbare Grenze zur jeweiligen Reichsstadt führte auf den Kreistagen offenbar zu keinerlei Kooperationen beim Votum – ein Umstand, der für die Städtelandschaft spricht.

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Auch in Franken spiegelte sich die Städtelandschaft in den Kreistagen. So votierten in der 1.901.(!) Sitzung des Nürnberger Kreistags32 – sie fand am 18. August 1783 statt – fünf fränkische Städte unisono für eine Steuerreform. Das „Directorium“, bestehend aus Bamberg und Brandenburg- Ansbach, gab bekannt: „Da die in frage stehende Sache nunmehro res Circuli seÿe, so könne auch Rothenburg und Bamberg ohne Anstand mit votiren. Rothenburg, Windsheim, Schweinfurth [und] Weißenburg“ stimmten anschließend „wie Nürnberg“.33 Das war gewissermaßen der Musterfall bei wichtigen Abstimmungen der Kreisdelegierten; keineswegs eine Einzelentscheidung. Am 24. September 1785 kam es ebenfalls während eines Nürnberger Kreistags zur Frage, ob die Zahlungsrückstände der Kreisstände mit „Poenalzinnsen“ eingetrieben werden sollten, zu einem geschlossenen reichsstädtischen Votum. Nürnberg: „In der HauptSache ebenfalls beÿstimmend. Was hingegen illiquide Rückstände betrefe; So könnten von selbigen, selbst nach dem Sinn des Cr[eis]- Schlußes de 1752 keine Zinsen angerechnet werden; man müsse sich also auf allen fall dagegen verwahren.“ Rothenburg: „Man sehe die Abstellung der 3 monatlichen Pönal- Zinnß- Ansäze ebenfalls für gut an, halte aber auch mit Nürnberg dafür, daß die Pönal- Zinnße nur von liquiden Rückständen zu verstehen seÿen. Windsheim; Schweinfurt und Weisenburg wie die vorstimmende Städte, Bamberg wie Würzburg und andere vorstimmende.“34

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Am 4. Oktober 1785 verständigten sich auf Antrag des kaiserlichen Ministers Graf Trauttmansdorff die Gesandtschaften „stando in Circulo“ zu den Friedensbedingungen im Konflikt zwischen Österreich und Holland. Hintergrund waren die wiederholten Pläne Kaiser Josephs II., um Bayern gegen die Österreichischen Niederlande einzutauschen; ein Plan, der am Widerstand Friedrichs II. und des Fürstenbundes scheiterte. Zu dieser Frage äußerten sich auch die kleineren fränkischen Reichsstädte Windsheim und Weißenburg, die sich ansonsten oft durch Nürnberger Kreisdiplomaten vertreten ließen, in eigenen Voten, doch strikt in Anlehnung an andere Reichsstädte. Windsheim: „In Voraussezung der R[eichs]st[adt] Nürnbergischen Verbindlichkeit zur unmittelbahren Cassa Vertrettung auf das vergangene, seÿe man gleichermaßen instruirt auf geringen billigen Nachlaß des Cassa- Rückstands und zu societätsmäßiger Assistenz zu deren Indemnisation aus der von [Den] Hagenschen Concurs- Massa förderlichst mit zustimmen. Übrigens wie Rothenburg. Schweinfurth und Weißenburg: In Gemäsheit der vorliegenden Grundsäze u[nd] in Hoffnung, daß eine Wohll[öbliche] R[eichs]st[adt] Nürnberg zu der unmittelbahren Cassa-Vertrettung auf das Vergangene vorderlichst näher u[nd] bestimmter sich erklären werde, seÿe man mit Rothenburg einverstanden.“35

Grenzüberschreitende Koordinationen um das Wohl der Städte im Reichskreis hielten gegen das Bild überfälliger Reformen unter schlafenden Bürgermeistern,36 selbstgefälligen Räten und arbeitsscheuen verschwenderischen Bürgern. Und das gezeigte Stimmverhalten der Reichsstädte in den 1780er Jahren war keine erkenntnisfördernde Eintagsfliege, sondern es handelt sich vielmehr um die übliche Praxis kommunaler Gremienpolitik. Kreistage37 – zeitgenössisch ← 62 | 63 →oft als „Craÿßtage oder Craÿs- Versamblungen“ bezeichnet – fanden insbesondere in süddeutschen Reichskreisen in der Frühmoderne ziemlich regelmäßig, beizeiten sogar fast jährlich statt. Es gab Jahre, in denen sich die Kreisdelegierten

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an einem Ort zu unterschiedlichsten Zeiten mehrmals im Jahr trafen. Die (Bad) Windsheimer Stadtchronik38 berichtete beispielsweise für 1551: „Sonsten sind in diesem Jahr dreÿ Fränckische Craÿs convent, allhie gehalten worden.“39

Abb. 14: Windsheim („Winßheim“) im 17. Jahrhundert nach einem Kupferstich von Matthäus Merian, 21 x 33 cm, vor 1648. Bildnachweis: Topographia Franconiæ. Das ist / Beschreibung, Vnd Eÿgentliche Contrafactur der Vornembsten Stätte / Vnd Plätze des Franckenlandes […], Frankfurt am Main 1648, 21656.

3. Städte im Reichstag

Reichsorientierte und städtische Netzwerke als Grundkomponenten einer Städtelandschaft entstanden neben den Kreistagen vor allem im Umfeld der ← 64 | 65 →Reichstage. Waren sich viele Städte 1495 in Worms noch nicht einig, ob sie im Reichstag koordiniert an den Beratungen teilnehmen sollten, so forderten sie ihre Teilnahme am Reichstag spätestens zur Mitte des 16. Jahrhunderts förmlich ein, um die Nähe zum Kaiser, den Kurfürsten und den übrigen Reichsständen zu suchen. Ferner bot sich über die Städtekurien die Möglichkeit, Einfluss auf die 1521 festgelegte hohe Besteuerung der 86 Reichsstädte40 zu nehmen. Beeindruckend ist die äußere Formation der Reichsstädte auf den Reichstagen in der Intention, neben dem Kurfürstenkollegium (Kurfürstenrat) und dem Reichsfürstenrat, größeres Gewicht bei den Beratungen zu den Reichsabschieden zu gewinnen. Die beiden oberen Kurien konnten sich allerdings mit dem Reichsoberhaupt auch ohne das Votum der Städte einigen, denen auf den Reichstagen formal zunächst kein Entscheidungsrecht zustand.41 Das Reichsstädtekollegium erhielt dann aber mit dem Augsburger Reichstag von 1582 und den dort beschlossenen „vota decisiva“ stärkeres politisches Gewicht. Der Westfälische Friede bestätigte das Entscheidungsrecht der Städte, wenngleich die beiden kollektiven Kurienstimmen der Städtebänke keineswegs zwangsläufig den Ausschlag gaben, wenn die Voten der Kurfürsten und Fürsten uneins waren. Die Reichsklöster und Stifte waren im Reichstag über ihre Rheinische und Schwäbische Prälatenbank42 mit je einer kurialen Stimme ähnlich strukturiert. Die städtischen Voten mussten anschließend dem Kaiser zur Annahme oder Ablehnung des Reichsgutachtens vorgelegt werden.43 Der städtische Einfluss war insbesondere in Handels- und Wirtschaftsfragen groß, wie die frühe Genese der 1731 implementierten Reichshandwerksordnung zeigte.44 Inhaltlich ging es um ← 65 | 66 →die Fortsetzung der gerade für den städtischen Raum wichtigen Reichspolicey-Ordnungen45 des 16. Jahrhunderts und um die Meldepflicht mit Geburtsbrief und Lehrbrief für die von Stadt zu Stadt wandernden Handwerksgesellen.46

Im Reichstag nahmen die Städte, denen im Gegensatz zu den Fürsten keine Virilstimme zustand, getrennt auf der „Schwäbischen“ oder „Rheinischen Bank“ Platz. Die Zahl der Delegierten, die allerdings auf keinem Kreis- und Reichstag vollständig erschienen, blieb getrennt nach Landschaften unterschiedlich. An der gemeinsamen schwäbischen Stimme waren am Ende des 18. Jahrhunderts noch 37, am rheinischen Votum 14 Reichsstädte beteiligt. Für Schwaben votierten in alphabetischer Reihenfolge Aalen, Augsburg, Biberach, Bopfingen, Buchhorn, Dinkelsbühl, Esslingen, Gengenbach, Giengen, Heilbronn, Isny, Kaufbeuren, Kempten, Leutkirch, Lindau, Nördlingen, Nürnberg, Memmingen, Offenburg, Pfullendorf, Ravensburg, Rottweil, Schwäbisch Gmünd, Schwäbisch Hall, Regensburg, Reutlingen, Rothenburg, Schweinfurt, Überlingen, Weißenburg am Nordgau, Ulm, Wangen, Weil, Wimpfen, Windsheim und Zell am Harmersbach.47 Saßen auf der Schwabenbank abgesehen von den fränkischen Reichsstädten Dinkelsbühl,48 Nürnberg, Rothenburg, Schweinfurt, Weißenburg und Windsheim ausschließlich südwestdeutsche Ratsdelegierte im Reichstag, so präsentierte sich die Rheinische Bank als ein regional sehr heterogenes ← 66 | 67 →Gremium. Von einer räumlich geschlossenen Landschaft kann hier überhaupt nicht die Rede sein, eher von einer Sammelstelle für west-, nord- und mitteldeutsche Reichsstädte. In West- Ost- Richtung erstreckte sich die Gruppe von Aachen und Köln am Rhein bis nach Goslar in Niedersachsen und nach Mühlhausen und Nordhausen in Thüringen. Bremen, Goslar, Hamburg, Lübeck und Wetzlar lagen ebenso wie die thüringischen Reichsstädte fernab der Rheinregion.

Grundsätzlich blieben für die städtische Teilnahme an den Reichstagen zwei Fragen vordringlich. Welche „freien“ Städte galten als reichsständisch und wie platzierte man sie nach der Wormser Reichsmatrikel? Die Matrikel begann mit den geistlichen Fürsten, die insbesondere über ihre Kur- und Hochstifte präsent waren. Innerhalb der Germania Sacra folgte dann die Gruppe der Reichsprälaten,49 die bis zur Säkularisation korporativ vertreten waren. Den geistlichen Ständen saßen weltliche Fürsten, Grafen und Herren gegenüber, wobei vor allem für den Adel unterhalb des Fürstenstandes eine hohe Fluktuation und Mobilität kennzeichnend war. Matrikelbeiträge und Reichstagsbesuche seitens des Adels variierten demnach erheblich. Schließlich stand für alle Reichsstädte der Reichstag offen. Die Wormser Reformmatrikel nannte unter ihnen zunächst Regensburg, dessen Steuerleistung mit 120 Gulden allerdings weit hinter den Beträgen von Nürnberg, Köln, Ulm, Straßburg oder Augsburg lag. Die Regensburger Finanzkraft war aber vergleichbar mit den Steuerbeiträgen, wie sie für Kempten, Schweinfurt und Konstanz galten. Und die „H. Röm. Reichs matricull“ legte trotz aller Ungenauigkeiten im Detail innerhalb der städtischen Landschaft die Steuerwertigkeit fest.50 Der Kreis der immer wieder auch bei Reichstagen über gelehrte und einflussreiche Ratsdelegierte vertretenen Städte war offiziell festgelegt. Als reichsstädtische „Agenten“ sind sie vor allem in den Stadtrechnungen51 über die Spesen ihrer Dienstreisen präsent. Ferner sorgten sie als Stadtdelegierte neben den offiziellen Protokollführern für die Mitschriften zu den Verhandlungen und Beschlüssen. Sie baten um Entscheidungsbefugnisse und überführten wie auf dem Regenburger Reichstag 1607/ 08 aus den Stadtregistraturen zum ← 67 | 68 →Teil ausführliche Handakten, die ihr Votum optimierten.52 So vertrat beispielsweise Ratsschreiber Dr. Lazarus Spengler (1479–1534) die Reichsstadt Nürnberg mehrmals auf Reichstagen des frühen 16. Jahrhunderts. Spengler hatte in Leipzig die Rechte studiert, übernahm 1507 das Amt des Vordersten Ratsschreibers, wurde 1516 als Genannter Mitglied des Äußeren Rats und war Mitglied der „Sodalitas Staupiziana“. 1521 vertrat er seine Stadt erstmals auf dem Reichstag zu Worms.53 Es war ferner Usus, dass größere Reichsstädte wie Augsburg, Frankfurt am Main, Köln, Nürnberg oder Ulm kleinere Mitglieder der Städtekollegien nicht nur auf den Kreistagen, sondern auch in Reichsversammlungen und auf Reichstagen vertraten. So bat 1543 der Rat zu Weißenburg Nürnberg die kleine fränkische Reichsstadt auf einem Städtetag zu Frankfurt zu vertreten.54 Dies war der Kreis städtischer Gesandter, aus dem auch der Reichstag seine Legitimität schöpfte.

Um die korporative Geschlossenheit in einer zu definierenden Städtelandschaft nachzuweisen, ist der Fokus keineswegs nur auf die politische Bedeutung des „votum decisivum“ in der Städtekurie55 des Reichstags zu beschränken. Das städtische Votum wurde auch in der Einschätzung beteiligter Reichsstände unterschiedlich bewertet. 1671 bestätigte der Nürnberger Rat in seiner Korrespondenz mit der Reichsstadt Frankfurt die rechtliche Bedeutungslosigkeit vieler Entscheidungen in der Kurie, an deren Zustandekommen nur wenige Delegierte Anteil hatten: „Beim Reichstag ist der Ehrbaren Frei- und Reichsstädte Ehr und Stand im merkliche Verachtung gekommen, alldieweil dieselbe in so gar geringer Zahl vorhanden sind und gleichsam das publicum […] beiseits setzen.“56 Reichstage ← 68 | 69 →waren aber vielmehr auch Plätze informeller Handlungsabläufe und kommunikativer Netzwerke. Susanne Friedrich hat das Informations- und Kommunikationssystem des Immerwährenden Reichstags für die Zeit um 1700 zum Thema ihrer einschlägigen Augsburger Dissertation gewählt.57 Das galt sicher auch für den Austausch von Ratssatzungen,58 Verordnungen zur „guten“ Policey sowie einer Vielzahl an reichsstädtischen Dekreten, Edikten und Mandaten. Nicht von ungefähr wurden in den Reichsstädten die während der Reichstage erlassenen Reichspolicey- Ordnungen aus den Jahren 1530, 1548 und 1577 hundertfach rezipiert und regional fortgeschrieben.59 Reichstage galten als Informationsdrehscheiben und Stätten der Begegnung. Das traf insbesondere für süddeutsche Reichsstädte zu, wo man eben entsprechend oft tagte. In Nürnberg fanden im Zeitraum von 1378 bis 1491 mindestens 46 Reichstage beziehungsweise Städte-oder Fürstentage mit königlicher Beteiligung statt, deren Zustandekommen auch durch die zentrale Lage der Stadt und durch die Existenz der Kaiserburg als repräsentativer Herberge60 auf sicherem Reichsboden gefördert wurde. Hier deckten sich öfter binnenstädtische Kommunikationsstränge mit den Interessen des Reiches und des Königs. Im 15. und 16. Jahrhundert, als Reichs- und Königsstädte von Augsburg über Nürnberg61 bis Ulm besonders häufig als Standorte ← 69 | 70 →für Reichsversammlungen ausgewählt wurden, sorgten städtische Boten für die Verbreitung der Reichstagsladungen.62 Zudem informierten sie über gemeinsame städtische Interessen im Vorfeld der Reichstage. So empfing auch der Nürnberger Rat vor dem Frankfurter Reichstag 1477 eine Nachricht aus Augsburg, dass man „im besten vnd gemeinen nutz“ ihnen „vnnd etlichen anndern vnnsern gutten frunden“ in den Städten schrieb, um vor „dem hanndel berattenlich zereden vnd zu rathschlagen, was auf dem gemeldten tag zu Frankfurt zehanndeln vnnd fürzenemen sey.“ Die Nürnberger sollten zur Vorbereitung ihre „ratzbotschaft mit volem gewallt gen Eßlingen schicken, das die auf freytag vor des hailligen crütztag schirist zu nacht daselbst an der herberg sey furter des morgens mit anndern vnnser frewnd der stette vnd vnnsern machtbotten in obgemellter maynung das beste fürzenemen.“63 Im gleichen Jahr überbrachte der Nürnberger Ratsdiener Hainz Wonsesser von Innsbruck aus am 17. Juni zur Weiterbeförderung den Augsburger Räten ein Schreiben Erzherzogs Maximilian, das man ihm dort in Abschrift gleich „nach vesperzeit“ mit auf den Weg gegeben hatte. Vier Tage später traf dieses dann zusammen „mit eingelegten copeien ains briefs von vnnser allergnedigst hern den Romischen kayser vnd zway [anderen] briefe von […] Maximilian herzogen zu Ostenreich etc. vß gangen inhallt ewers briefs“ in Nördlingen und Nürnberg ein. Im August desselben Jahres teilte man ferner Bürgermeistern und Rat zu Kaufbeuren mit, dass in Augsburg aus Nürnberg Schreiben eingetroffen seien, die man „mit eingelegter copein ettlicher vnnser gnädige heren des reichs kurfürsten vnd fürsten briefe an sy“ in der Reichsstadt Kaufbeuren weiterleiten wolle.64

Das Reichstagsgeschehen wurde sorgfältig dokumentiert. Es ist deshalb seit 1858 eines der Langzeitprojekte primär reichsstädtischer Erforschung, die Protokollserien zu edieren, soweit sie sich in staatlichen wie kommunalen Archiven befinden. Jenseits von Ratsversammlungen und Ratsentscheidungen manifestierten sich dort die spannungsgeladenen Beziehungen der Reichsstädte zum Reich. Die Reichstagsakten gelten seit der Initiative Leopold Rankes von 1858 zu ihrer Erschließung anlässlich der Gründung der Historischen Kommission bei der ← 70 | 71 →Bayerischen Akademie der Wissenschaften als primäre, aber nicht ausschließlich politische Hauptquellen65 der Zeit. Aus diesem Grund hat sich auch die neuere landeshistorische Forschung66 dem institutionellen Paar Reichsstadt und Reichstag vor allem für die Zeit des Immerwährenden Reichstags mit interdisziplinären Fragestellungen genähert. Gleiches kann sicher auch für die vorausgegangenen Reichsversammlungen gelten, auch wenn diese nur für kürzere Dauer einberufen wurden. Die Quellen sind für die deutschen Reichstage – diese fanden übrigens vorwiegend in den Reichsstädten67 statt – dank der drei Editionsreihen zu den „Deutschen Reichstagsakten“ in Teilen vorbildlich erschlossen. Die Ältere Reihe umschließt dabei den Zeitraum von 1376 bis 1485; es folgen die Mittlere und Jüngere Reihe für die Jahrzehnte von 1486 bis 1518 und von 1519 bis 1555. Sie belegen demnach die zeitlichen Schwerpunkte reichsstädtischer Forschung bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts,68 doch liegen mittlerweile auch für die Endzeit des ← 71 | 72 →seit 1663 „immerwährend“ tagenden Reichstags zu Regensburg bahnbrechende Arbeiten vor.69 Sie sind vielfach quellenorientiert angelegt und mit Blick auf die Beziehungen zum Reich inhaltlich wie methodisch innovativ ausgerichtet.

4. Städte im Landtag

1605 wurde im Herzogtum Bayern zum wiederholten und nicht zum letzten Mal ein Landtag70 einberufen. Dieser Landtag zog früh das literarische71 und zu Beginn des 19. Jahrhunderts auch das editorische Interesse auf sich. Insgesamt ← 72 | 73 →hat sich die historische Forschung72 mit den bayerischen Landtagen zwar intensiv beschäftigt, doch blieben Analysen zur Städtepolitik einzelner Landtage des 17. und 18. Jahrhunderts selten.73

Abb. 15 a und 15 b: Ausfertigung des Protokolls über den Landtag von 1605 unter Herzog Maximilian I., hier: „Gravamina“ der Ritterschaft und des bayerischen Adels. Bildnachweis: Buch- und Auktionshaus Zisska & Lacher, München, Auktionskatalog Nr. 73, 2019.

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Erkenntnisreich ist hier neben der Analyse zu den kleinen Städten von Helmut Rankl74 vor allem die Münchner Dissertation von Carl Albin Hoffmann, der 1997 an vier Beispielen75 – dazu zählten die Residenzstadt München, das Rentamt Burghausen, die Stadt Weilheim und der „gefreite“ Markt Trostberg – die oberbayerische Städtelandschaft charakterisierte. Der Schulterschluss mit den Landtagsprotokollen erfolgte dort allerdings schwerpunktmäßig mit dem letzten Landtag von 1669,76 dessen Ausschüsse ausführlich über die schwierige ökonomische Ausgangslage der Städte nach dem Dreißigjährigen Krieg berichteten.77

Abb. 16: Protokoll des Bayerischen Landtags, 1622. Bildnachweis: Buch- und Auktionshaus Zisska & Lacher, München, Auktionskatalog Nr. 73, 2019.

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In der Übersicht der Verhandlungspunkte waren bayerische Märkte und Städte in der Landschaft unter der Rubrik „Gravamina deß Standts von Stoett vnnd Maerkhten des loeblichen Fuerstenthumbs Bayrn78 als Beschwerden des Bürgerstandes auf allen Landtagen präsent. Folgen wir den 1605 artikulierten Landtagsklagen – es handelte sich um 30 „Gravamina“ – altbayerischer Städte und Märkte als partes pro toto, dann wird schnell klar, dass sich zu Beginn des 17. Jahrhunderts die Interessen in der Städtelandschaft keineswegs mit der Politik der Landesherren und adeliger Hofmarken deckten. Die städtischen Jahrmärkte wurden zu Tummelplätzen für Landkrämer und migrierende Savoyarden,79 die weder Markt- noch Zollgebühren respektierten, steuerschädlichen Fürkauf anboten und die importierten Waren keiner städtischen Qualitätsschau vorlegten.80 Ähnliches galt für die landesherrlichen Wein- , Bier- und Salzhändler, die „wohlfayle“ Güter zusehends direkt aus „Tyrol, Oesterreich vnnd Vlmb81 importierten. Sie schädigten damit die städtischen Tavernen und ihre Schankgerechtigkeit an den Mautstraßen.82 Der Bauernstand kaufte zum eigenen Vorteil aus „faulenzerey“ am Hof nicht verzolltes und auf Umwegen ins Land gebrachtes Getreide auf. Den Kornmärkten der Städte und Märkte entgingen dadurch Einnahmen, während die Bauern „ettwann in den wirthsheußern ein bessers Sippl als anhaimbs zu essen haben“.83Furth, Eschl- Cham vnnd Neuekirchen“ und andere Gemeinden im Bayerischen Wald führten Klage, da die herzoglichen Brauhäuser gegen die bürgerlichen Brauereien konkurrierten und den Kommunen damit wichtige Ungelder entgingen.84 In der bayerischen Textilregion verkauften von Haus zu Haus ziehende „Gey- “ und Leinenweber „Rupfen vnnd Zwilch“ an der Gewerbeaufsicht der Märkte vorbei. Ähnliches galt für die Störschneider, die den lukrativen „Tuechschnitt“ aus den Städten und Märkten zusehends auf das Land zogen.85 Fürkäufer untergruben überall im Herzogtum das Monopol städtischer Jahres- und Wochenmärkte,86 die seit dem Mittelalter über teure ← 75 | 76 →urkundliche Privilegien geschützt waren.87 Das Herzogtum Bayern öffnete sich vor allem über den Getreide- und Salzhandel88 gegenüber seinen Nachbarländern. Infolgedessen strömte zusehends fremdes Geld – gemeint waren die weißen Pfennige – ins Land. Die Fremdwährungen schätzte man in der Summe auf „vber 200.000 fl.“ In den Städten kamen die Marktleute mit den ungewohnten Münzen nicht mehr zurecht und es wurde schwierig, Falschgeld zu identifizieren. Die kommunalen Märkte wurden so nachhaltig geschädigt, ebenso wie der schlechte Straßenzustand im Land von städtischen Fuhrleuten bisher vergeblich beklagt wurde.89 Erst der Chausseebau90 des 18. Jahrhunderts sollte im ruinösen Wegebau in den Reichskreisen Abhilfe schaffen. Die Ärare bayerischer Städte und Märkte litten ferner unter zunehmender Steuer- und Ungeldbefreiung für herzogliche Beamte und Angehörige eingesessener Klöster und Stifte. Die Beamten und Geistlichen könnten „yederzeith ohne entgelt außgehen vnnd in den vnbefuegter weiß veruhrsachten Vncosten nie conemnirt werden.“91 Das Herzogtum griff im 16. und 17. Jahrhundert in das kommunale Wahlrecht ein mit der Verfügung, dass man künftig „nit mehr Järlich ein Rathswahl halten“ solle.92 Herzogliche Pfleger, Kastner und Rentmeister messen sich dazu bürgermeisterliche Befugnisse an, indem sie das „Burgerliche Weßen, polizey vnnd andere Burgerliche sachen“ an sich ziehen.93

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Gegen Ende des Landtagsprotokolls von 1605 wurden die Anliegen der südostdeutschen Städtelandschaft gegenüber der Landesherrschaft auf den Punkt gebracht. „So wir dann ohne das der vnzweifenlichen hoffnung sein, E[ure] f[ü]rstl[iche] D[urc]hl[aucht] Seyen dißem gehorsamisten Standt in dißen vnd andern beschwerungen hilflich zuerscheinen, vnnd wo mit nur Jammer möglich Stätt vnnd Märkhten, die in etlich wenig iharen in merkhlichem vnd augenscheinlichen abfahl khommen, es seye mit befürderung der Gewerben oder in andere Weeg widerumb abzuhelffen, ohne das vnnd fürnemblich auch darumben, weil bey dißen Laydigen schweren vnnd gefehrlichen Zeitten gemeinen Vatterlandt in aller fürfallender gefahr, daß dißer standt in guetten würden seye: nit weniger daran gelegen, g[ne]di[g] st vnnd vätterlich gewült.“94

Abb. 17: Johann Meyer, Dialogus: Ein Gespräch, deß jüngst gehaltenen bayerischen Landtags, in der weitberühmten fürstlichen Hauptstadt München, Anno 1605, München 1606. Bildnachweis: Antiquariat und Buchhandlung Carl Wegner, Berlin.

← 77 | 78 →5. Ergebnisse

Die süddeutsche Städtelandschaft – im Plural wären sie präziser zu definieren – stellte sich in den drei zentralen Initiativen der Reichs- , Kreis- und Landtage als „sitzende“ Interessen- und Wertegemeinschaft dar. An Tagungsorten und - zeiten mangelte es den dort zusammengerufenen Konventen nicht; so überstieg die Zahl der Kreistagssessionen („sessiones“) zu Nürnberg in den Jahren 1783 und 1785 die Zahl von 2.000! Es wurde oft und lange getagt, wodurch sich für die beteiligten Delegationen ein Raum dichter Kommunikation öffnete. In ihm beschloss man interstädtische Reformen und korrigierte nach Kräften Pläne, die die Städte finanziell benachteiligten. Diese konsenssuchende kommunikative Leistung wird nicht geschmälert durch die Tatsache, dass sich so gut wie nie alle Städte durch eigene Deputierte vertreten ließen. Reichstags- und Kreistagsbeschlüsse erreichten auch die in der älteren Forschung oft als „verschlafen“ verzeichneten mindermächtigen Reichsstädte.95 Gerade diese Städtegruppe war bisweilen landschaftsprägender als die frühmodernen Metropolen mit stark ausgeprägten Eigeninteressen. Große europäische Reichs-, Residenz- und Handelsstädte handelten nicht immer nach dem gruppenspezifischen Grundsatz: Unus pro omnibus, omnes pro uno. Quellen sind dazu in Fülle vorhanden. Endlose Korrespondenzserien auf der einen und zahllose Gravamina auf der anderen Seite spiegeln gleichermaßen – spezifisch und generell – urbane Interessen wider. In der Summe könnten sich daraus Städtelandschaften formiert haben.


1 Bayerische Staatsbibliothek München (künftig: BSB), Res. 4o Eur. 399 25: Ludwig Friedrich Grub, Ueber einige Reichsstädte Teutschlands. Ein Wort zu seiner Zeit, [s.l.] 1786, S. 2, VD18 10659595.

2 Eberhard Weis, Hardenberg und Montgelas. Versuch eines Vergleichs ihrer Persönlichkeiten und ihrer Politik, in: Jahrbuch des Historischen Kollegs 1997, S. 3–20; Peter G. Thielen, Karl August von Hardenberg, 1750–1822 – Eine Biographie, Köln/ Berlin 1967.

3 Volker Grub, Ludwig Friedrich Grub (1760–1818), Thurn und Taxisscher Hofrat. Ein Beitrag zur Geschichte des Hauses Thurn und Taxis in der napoleonischen Zeit, in: Verhandlungen des Historischen Vereins für Oberpfalz und Regensburg 149, 2009, S. 85–166.

4 Georg Schmidt, Der Städtetag in der Reichsverfassung. Eine Untersuchung zur korporativen Politik der Freien und Reichsstädte in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts (Veröffentlichungen des Instituts für Europäische Geschichte Mainz, Abtl. Universalgeschichte 113 = Beiträge zur Sozial- und Verfassungsgeschichte des Alten Reiches 5), Stuttgart 1984, S. 189.

5 Stadtarchiv (künftig: StadtA) Nürnberg, B 3, B 11 und B 37; Rudolf Endres, Die Rolle der Kaufmannschaft im Nürnberger Verfassungsstreit am Ende des Alten Reiches, in: Jahrbuch für fränkische Landesforschung (künftig: JfL) 45, 1985, S. 125–167; Franz Buhl, Der Niedergang der reichsstädtischen Finanzwirtschaft und die kaiserliche Sub-delegationskommission von 1797–1806, in: Mitteilungen des Vereins für Geschichte der Stadt Nürnberg 26, 1926, S. 111–278.

6 Für die Landtage wurden auch die landestypischen altbayerischen Märkte untersucht. Vgl. dazu: Wilhelm Liebhart, Zur spätmittelalterlichen landesherrlichen Marktgründungspolitik in Ober- und Niederbayern, in: Pankraz Fried (Hg.), Bayerischschwäbische Landesgeschichte an der Universität Augsburg 1975–1977 (Augsburger Beiträge zur Landesgeschichte Bayerisch- Schwabens 1), Sigmaringen 1979, S. 141–152; Wilhelm Liebhart, Kloster, Wallfahrt und Markt in Oberbayern, in: Studien und Mitteilungen zur Geschichte des Benediktinerordens und seiner Zweige 88, 1977, S. 141–152.

7 Staatsarchiv (künftig: StaatsA) Nürnberg, Reichsstadt Nürnberg (Rep. 24/ b), Reichstagsakten, Nr. 154, Schriftwechsel zwischen Nürnberg, Magdeburg und Braunschweig, 1604–1606.

8 Ebd., Nr. 165–167, Religionsbeschwerden der Stadt Aachen, Bd. 1: 1560–1581, Bd. 2: 1581/ 82, Bd. 3: 1583–1608.

9 StaatsA Nürnberg, Reichsstadt Nürnberg (Rep. 24/ b), Reichstagsakten, Nr. 184, Korrespondenz 1613/ 14.

10 Hans- Michel Becker, Köln contra Köln: Von den wechselvollen Beziehungen der Stadt zu ihren Erzbischöfen und Kurfürsten, Köln 1992; Hugo Stehkämper, „Köln contra Köln“. Erzbischöfe und Bürger im Ringen um die Kölner Stadtautonomie, in: Franz- Heinz Hye (Hg.), Stadt und Kirche (Beiträge zur Geschichte der Städte Mitteleuropas 13), Linz 1995, S. 53–82.

11 Wolfgang Wüst, Augsburger Bürgerschaft, Domkapitel und Fürstbischöfe im 17. und 18. Jahrhundert: geistlich- weltliche Allianz oder politisch- ständischer Gegensatz? in: Wolfram Baer / Bernhard Kirchgässner (Hg.), Stadt und Bischof (Südwestdeutscher Arbeitskreis für Stadtgeschichtsforschung 24), Sigmaringen 1988, S. 66–96. An zeitgenössischer Prozessliteratur: Johann Philipp Lupin (Ratskonsulent), Actenmäßiger Conspectus des bey dem hochpreißlichen Kaiserlichen und Reichs- Cammergericht zu Wezlar in prätendirten Mandatssachen Sr. Hochfürstl. Durchl. des Hrn. Bischofs zu Augsburgs und dasigen Hochw. Domkapitels contra die wohllöbl. Reichsstadt Augsburg fürwaltenden Processus die Superioritatem territorialem & inde dependentia jura in denen zur kaiserl. Reichs und Landvogtey Augsburg gehörigen Dörfern Gersthofen und Lankweid betreffend, Wetzlar 1760.

12 Gustav Mödl, „Weissenburg contra Weissenburg“. Ein Beitrag zum Verhältnis zwischen Rat und Bürgerschaft, in: Uuizinburc – Weissenburg, 867–1967. Beiträge zur Stadtgeschichte, Weißenburg in Bayern 1967, S. 105–110.

13 Wolfgang Wüst (Hg.), Die „gute“ Policey im Reichskreis. Zur frühmodernen Normensetzung in den Kernregionen des Alten Reiches, Bd. 7: Policeyordnungen in den fränkischen Reichsstädten Nürnberg, Rothenburg ob der Tauber, Schweinfurt, Weißenburg und (Bad) Windsheim. Ein Quellenwerk, Erlangen 2015.

14 Ludwig Friedrich Grub, Ueber einige Reichsstädte Teutschlands (wie Anm. 1), S. 12.

15 Wolfgang Wüst, Die Franzosenkrankheit („maladie française“) und policeyliche Vorsorge – Seuchen und Epidemien im frühmodernen Diskurs, in: Michaela Sohn-Kronthaler / Jacques Verger (Hg.), Europa und Memoria/ Europe et Mémoire. Festschrift für Andreas Sohn zum 60. Geburtstag/ Mélanges offerts à Andreas Sohn à l’occasion de son 60ème anniversaire, St. Ottilien 2019, S. 427–450, 606.

16 Ludwig Friedrich Grub, Ueber einige Reichsstädte Teutschlands (wie Anm. 1), S. 16.

17 Orfen zählen zu den karpfenartigen Fischen.

18 Fischart.

19 Gründling.

20 Brassen[?].

21 StaatsA Nürnberg, Reichsstadt Nürnberg, Losungsamt, Stadtrechnungsbelege, Büschel 365. Losungsämter als Einnehmer- oder oberste Finanzbehörden waren kein Nürnberger Spezifikum. Vgl. Jaroslav Čechura, Srovnání berních knih města Brna z let 1365 a 1422. Poznámky k metodice studia pramenů hromadné povahy (= Ein Vergleich der Losungsbücher der Stadt Brünn aus den Jahren 1365 und 1422. Notizen zur Methodik des Studiums von Quellen mit Massencharakter), in: Časopis Matice moravské 117/ 2, 1998, S. 341–352. Für das Zitat: Die Klein- und Großschreibung wurde bei den Tafel-produkten modernisiert.

22 StaatsA Nürnberg, Reichsstadt Nürnberg, Losungsamt, Stadtrechnungsbelege, Bündel 251.

23 Ebd.

24 Andrzej Radzimiński, Küche und Lebensmittelkonsum der Ritter und Geistlichen des Deutschordens in Preußen, in: Sabine Wüst (Hg.), Schätze der Welt aus landeshistorischer Perspektive. Festschrift zum 65. Geburtstag von Wolfgang Wüst, St. Ottilien 2018, S. 313–320, hier: S. 315.

25 Die dichte Überlieferung der Reichsstadt Nürnberg als ein süddeutsches Beispiel sieht zu den Sitzungsprotokollen für die Kreistage bis 1705 wie folgt aus:
StaatsA Nürnberg, Reichsstadt Nürnberg (Rep. 22), Kreistagsakten, Nr. 1: 1525–154, Nr. 2: 1542–1549, Nr. 3: 1553–1563, Nr. 4: 1564–1567, Nr. 5: 1568–1569, Nr. 6: 1570–1576, Nr. 7: 1577–1591 [fehlt], Nr. 8: 1610–1619, Nr. 9: 1620–1638, Nr. 10: 1638–1639, Nr. 11: 1639–1642, Nr. 12: 1642–1643, Nr. 13: 1643–1644, Nr. 14: 1644–1645, Nr. 15: 1645–1646, Nr. 16: 1645– Dez. 1650, Nr. 17: 1651–1654, Nr. 18: 1663–1664, Nr. 19: 1664, Nr. 20: 1664, Nr. 21: 1664, Nr. 22: 1664, Nr. 23/ Tom. 23a: 1672, Nr. 24/ Tom. 23b: 1672, Nr. 25: 1673, Nr. 26: 1673, Nr. 27: 1673, Nr. 28: 1674, Nr. 29: 1674, Nr. 30: 1675, Nr. 31: 1675, Nr. 32: 1675, Nr. 33: 1675, Nr. 34: 1676, Nr. 35: 1676, Nr. 36: 1676, Nr. 37: 1677, Nr. 38: 1677–1678, Nr. 39: 1678, Nr. 40: 1678, Nr. 41: 1679, Nr. 42: 1679, Nr. 43: 1679, Nr. 44: 1681, Nr. 45: 1681, Nr. 46: 1682, Nr. 47: 1682, Nr. 48: 1682, Nr. 49: 1683, Nr. 50: 1683, Nr. 51: 1683, Nr. 52: 1684, Nr. 53: 1684, Nr. 54: 1684, Nr. 55: 1684, Nr. 56: 1685, Nr. 57: 1685, Nr. 58: 1686, Nr. 59: 1686, Nr. 60: 1687, Nr. 61: 1687, Nr. 62: 1688, Nr. 63: 1688/ 89, Nr. 64: 1688/ 89, Nr. 65: 1688/ 89, Nr. 66: 1688/ 89, Nr. 67: 1689, Nr. 68: 1689, Nr. 69: 1689, Nr. 70: 1689, Nr. 71: 1689, Nr. 72: 1690, Nr. 73: 1690, Nr. 74: 1690, Nr. 75: 1690, Nr. 76: 1690, Nr. 77: 1691, Nr. 78: 1691, Nr. 79: 1691, Nr. 80: 1691, Nr. 81: 1691, Nr. 82: 1692, Nr. 83: 1692, Nr. 84: 1692, Nr. 85: 1692, Nr. 86: 1692, Nr. 87: 1692, Nr. 88: 1692, Nr. 89: 1693, Nr. 90: 1693, Nr. 91: 1693, Nr. 92: 1693, Nr. 93: 1693/ 94, Nr. 94: 1693/ 94, Nr. 95: 1694, Nr. 96: 1694, Nr. 97: 1694, Nr. 98: 1694, Nr. 99: 1694, Nr. 100: 1694, Nr. 101: 1695, Nr. 102: 1695, Nr. 103: 1695, Nr. 104: 1695, Nr. 105: 1696, Nr. 106: 1696, Nr. 107: 1696, Nr. 108: 1696, Nr. 109: 1697, Nr. 110: 1697, Nr. 111: 1697, [Nr. 112–114 fehlen], Nr. 115: 1698, Nr. 116: 1698, Nr. 117: 1698, Nr. 118: 1699, Nr. 119: 1699, Nr. 120: 1699, Nr. 121: 1700/ 01, Nr. 122: 1701, Nr. 123: 1701, Nr. 124: 1701, Nr. 125: 1701, Nr. 126: 1701, Nr. 127: 1701/ 02, Nr. 128: 1702, Nr. 129: 1702, Nr. 130: 1702, Nr. 131: 1702/ 03, Nr. 132: 1702/ 03, Nr. 133: 1703, Nr. 134: 1703, Nr. 135: 1703, Nr. 136: 1703, Nr. 137: 1703, Nr. 138: 1703, Nr. 139: 1703/ 04, Nr. 140: 1704, Nr. 141: 1704, Nr. 142: 1704, Nr. 143: 1704, Nr. 144: 1704, Nr. 145: 1704, Nr. 146: 1704, Nr. 147: 1705, Nr. 148: 1705, Nr. 149: 1705 und Nr. 150: 1705. Berücksichtigt man auch die Kreistage bis zum Ende des Alten Reiches, endet die Serie der Kreistagsakten mit Nr. 345: 1792–1807.

26 Aalen, Augsburg, Biberach, Bopfingen, Buchau, Buchhorn (heutiges Friedrichshafen), Esslingen, Dinkelsbühl, Donauwörth (bis 1607), Gengenbach, Giengen, Heilbronn, Isny, Kaufbeuren, Kempten, Konstanz (bis 1548), Leutkirch, Lindau, Memmingen, Nördlingen, Offenburg, Pfullendorf, Ravensburg, Reutlingen, Rottweil, Schaffhausen (bis 1501/ 45), Schwäbisch Gmünd, Schwäbisch Hall, St. Gallen (bis 1544), Überlingen, Ulm, Wangen, Weil der Stadt, Wimpfen und Zell am Harmersbach.

27 Nürnberg, Rothenburg ob der Tauber, Schweinfurt, Weißenburg und Windsheim.

28 Vgl. zur Charakterisierung der Reichsstädte des Heiligen Römischen Reiches neuerdings: Peter Bühner, Die Freien und Reichsstädte des Heiligen Römischen Reiches. Kleines Repertorium (Schriftenreihe der Friedrich- Christian- Lesser- Stiftung 38), Petersberg 2019.

29 Hans Eugen Specker, Die Reichsstadt Ulm als Tagungsort des Schwäbischen Reichskreises, in: Wolfgang Wüst (Hg.), Reichskreis und Territorium. Die Herrschaft über der Herrschaft? Supraterritoriale Tendenzen in Politik, Kultur, Wirtschaft und Gesellschaft. Ein Vergleich süddeutscher Reichskreise (Augsburger Beiträge zur Landesgeschichte Bayerisch- Schwabens 7), Stuttgart 2000, S. 179–196.

30 Wolfgang Wüst, Ritterkreis und Reichskreis – Kooperationen für Franken, in: Ders. (Hg.), Adelslandschaften – Kooperationen, Kommunikation und Konsens in Mittelalter, Früher Neuzeit und Moderne. Unter Mitarbeit von Lisa Bauereisen, Frankfurt am Main 2018, S. 97–126.

31 StaatsA Augsburg, Reichsstadt Nördlingen, Münchner Bestand, Nr. 693.

32 Zu den Kreistagen: Wolfgang Wüst, Windsheim – Kreistage als Erinnerungsorte einer frühmodernen Reichsverfassung in Franken, in: Ferdinand Kramer (Hg.), Orte der Demokratie in Bayern (Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte [künftig: ZBLG] 81/ 1), München 2018, S. 87–104; Wolfgang Wüst, Inhalte, Debatten und Abstimmungen in süddeutschen Kreiskonventen, in: Ders. (Hg.), Mitregieren und Herrschaftsteilung in der Frühen Neuzeit. Beiträge zur Machtfrage im Alten Reich und in Bayern (Franconia 8. Beihefte zum JfL), Erlangen 2016, S. 55–76; Wolfgang Wüst, Entscheidungsnot und Konsenssuche – zur Arbeit frühmoderner Kreiskonvente in Schwaben, Franken und Bayern, in: Ders. / Michael Müller (Hg.), Reichskreise und Regionen im frühmodernen Europa – Horizonte und Grenzen im spatial turn. Tagung bei der Akademie des Bistums Mainz, Erbacher Hof, 3.– 5. September 2010 (Mainzer Studien zur Neueren Geschichte 29), Frankfurt am Main u.a. 2011, S. 319–339.

33 StaatsA Nürnberg, Reichsstadt Nürnberg, Kreistagsakten, Nr. 450, Protokolleintrag vom 18.8.1783.

34 Ebd., Nr. 453, Sitzungsprotokoll vom 24.8.1785.

35 StaatsA Nürnberg, Reichsstadt Nürnberg, Kreistagsakten, Nr. 453, „Sessio“ 2.003 vom 4.10.1785.

36 Friedrich von Lupin bemerkte als Sohn eines reichsstädtischen Kanzleidirektors in Memmingen 1794 dazu treffend: „Man bemerkt überall das Festsitzen im Alten und das Festhalten am Alten. In dem Schlafsessel, in welchem der Urgroßvater gestorben, erwartet seine Herrlichkeit, der Herr Bürgermeister v. S. von Tag zu Tag, schon zehn Jahre lang, die letzte Stunde.“ Vgl. dazu: Friedrich Freiherr von Lupin, Selbst-Biographie, 2 Bde., Weimar 21847, hier: Bd. 1, S. 296 f.; Rita Huber- Sperl, Memmingen zwischen Zunfthandwerk und Unternehmertum. Ein Beitrag zur reichsstädtischen Gewerbegeschichte 1648–1802 (Memminger Forschungen 5), Memmingen 1995.

37 Peter Claus Hartmann, Die Kreistage des Heiligen Römischen Reiches – Eine Vorform des Parlamentarismus? Das Beispiel des Bayerischen Reichskreises (1521–1793), in: Zeitschrift für Historische Forschung 19, 1992, S. 29–47; Nicola Schümann, Der Fränkische Kreiskonvent im Winter 1790/ 91. Ein Verfassungsorgan an der Schwelle zur Moderne, in: JfL 62, 2002, S. 231–258; Nicola Humphreys, Der Fränkische Kreistag 1650–1740 in kommunikationsgeschichtlicher Perspektive (Veröffentlichungen der Gesellschaft für fränkische Geschichte II/ 3), Würzburg 2011; Wüst, Entscheidungsnot und Konsenssuche (wie Anm. 32), S. 319–339; Ders., Inhalte, Debatten und Abstimmungen in süddeutschen Kreiskonventen (wie Anm. 32), S. 55–76.

38 Am 20. Juni 1961 wurde der Stadtname offiziell zu Bad Windsheim erweitert. Die Heil- und Solequellen der ehemaligen Reichsstadt in Mittelfranken wurden zuvor oftmals besucht und beschrieben; erstmals 1752 von Wilhelm Simon Carl Hirsching als „Gesundbrunnen auff dem Kehrenberg“. Vgl. Wilhelm Volkert (Hg.), Handbuch der bayerischen Ämter, Gemeinden und Gerichte 1799–1980, München 1983, S. 582.

39 StadtA Bad Windsheim, 2a: Georg Andreas Dienst, Chronik der Stadt Windsheim, Windsheim [1666], Bd. 1, fol. 124, 132.

40 Im Jahr 1792 zählte man nur noch 51 Reichsstädte.

41 Barbara Stollberg- Rilinger, Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation. Vom Ende des Mittelalters bis 1806 (Beck’sche Reihe Wissen 2399), München 2006, S. 34.

42 Sarah Hadry, Reichsprälatenkollegium, publiziert am: 13.11.2008, in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Reichsprälatenkollegium (letzter Zugriff: 24.8.2019); Ernst Böhme, Das Kollegium der Schwäbischen Reichsprälaten im 16. und 17. Jahrhundert. Untersuchungen zu den Möglichkeiten und Grenzen der korporativen Politik der mindermächtigen Reichsstände, in: Rottenburger Jahrbuch für Kirchengeschichte 6, 1987, S. 267–300.

43 Johannes Burkhardt, Vollendung und Neuorientierung des frühmodernen Reiches 1648–1763 (Handbuch der deutschen Geschichte 11), Stuttgart 102006, S. 60.

44 Kristina Winzen, Handwerk – Städte – Reich. Die städtische Kurie des Immerwährenden Reichstags und die Anfänge der Reichshandwerksordnung (Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, Beiheft 160), Stuttgart 2002. Zur Edition vgl.: Helmut Neuhaus (Hg.), Zeitalter des Absolutismus 1648–1789 (Deutsche Geschichte in Quellen und Darstellung 5), Stuttgart 1997, S. 98–109.

45 Matthias Weber (Hg.), Die Reichspolizeiordnungen von 1530, 1548 und 1577. Historische Einführung und Edition (Ius commune, Sonderheft 146), Frankfurt am Main 2002; Wüst, Die „gute“ Policey im Reichskreis, Bd. 7: Policeyordnungen in den fränkischen Reichsstädten (wie Anm. 13).

46 Johann Joseph Pachner von Eggenstorff (Hg.), Vollständige Sammlung aller von Anfang des noch fürwährenden Teutschen Reichs- Tags de Anno 1663 biß anhero abgefaßten Reichs- Schlüsse […], Teil 4, Regensburg 1740, S. 374–384, Nr. CXXXVIII.

47 Als Überblick zur Entwicklung der beteiligten Städte vgl. die Bände des Handbuchs der Historischen Stätten: Hans- Michael Körner / Alois Schmid (Hg.), Handbuch der Historischen Stätten. Bayern I: Altbayern und Schwaben, Bayern II: Franken (Kröners Taschenbuchausgabe 324/ 325), 2 Bde., Stuttgart 2006; Max Miller / Gerhard Taddey (Hg.), Handbuch der Historischen Stätten. Baden- Württemberg (Kröners Taschenbuchausgabe 276), Stuttgart 1980. Zu den Reichsstädten als Reichsstände vgl.: Helmut Neuhaus, Das Reich in der Frühen Neuzeit (Enzyklopädie deutscher Geschichte 42), München 1997, S. 34–36.

48 Dinkelsbühls Zugehörigkeit zu Franken ist ein Ergebnis der Gebietszuteilungen des 19. Jahrhunderts, während die Stadt zuvor politisch in Schwaben verwurzelt war. So schloss sich die Stadt bereits 1378 dem Schwäbischen Städtebund an. Ludwig Schnurrer, Dinkelsbühl, in: Körner / Schmid, Handbuch der Historischen Stätten. Bayern II: Franken (wie Anm. 47), S. 105–108.

49 Armgard von Reden- Dohna, Reichsstandschaft und Klosterherrschaft. Die Schwäbischen Reichsprälaten im Zeitalter des Barock (Institut für Europäische Geschichte Mainz, Vorträge 78), Wiesbaden 1982.

50 Erstellt nach: Hanns Hubert Hofmann (Hg.), Quellen zum Verfassungsorganismus des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation 1495–1815 (Freiherr vom Stein-Gedächtnisausgabe 13), Darmstadt 1976, S. 40–51.

51 StaatsA Nürnberg, Reichsstadt Nürnberg, Losungsamt, Stadtrechnungsbelege, Bündel 743, 822, 908 und 990. Laufzeiten: 1630–1639, 1640–1649, 1650–1659 und 1660–1669.

52 StaatsA Nürnberg, Reichsstadt Nürnberg (Rep. 24/ b), Reichstagsakten, Nr. 164.

53 Berndt Hamm, Lazarus Spengler. Der Nürnberger Ratsschreiber im Spannungsfeld von Humanismus und Reformation, Politik und Glaube. Mit einer Edition von Gudrun Litz (Spätmittelalter und Reformation, Neue Reihe 25), Tübingen 2004.

54 StaatsA Nürnberg, Reichsstadt Nürnberg, Ratskanzlei, A- Laden, Akten, A 111 Nr. 47.

55 André Krischer, Inszenierung und Verfahren auf den Reichstagen der Frühen Neuzeit: das Beispiel der Städtekurie und ihres politischen Verfahrens, in: Jörg Peltzer / Gerald Schwedler / Paul Töbelmann (Hg.), Politische Versammlungen und ihre Rituale: Repräsentationsformen und Entscheidungsprozesse des Reichs und der Kirche im späten Mittelalter (Mittelalter- Forschungen 27), Ostfildern 2009, S. 181–205; Günter Buchstab, Reichsstädte, Städtekurie und Westfälischer Friedenskongreß. Zusammenhänge von Sozialstruktur, Rechtsstatus und Wirtschaftskraft (Schriftenreihe der Vereinigung zur Erforschung der Neueren Geschichte 7), Münster 1976.

56 Zitiert nach: Klaus- Peter Schroeder, Das Alte Reich und seine Städte. Untergang und Neubeginn. Die Mediatisierung der oberdeutschen Reichsstädte im Gefolge des Reichsdeputationshauptschlusses 1802/ 03, München 1991, S. 103.

57 Susanne Friedrich, Drehscheibe Regensburg. Das Informations- und Kommunikationssystem des Immerwährenden Reichstags um 1700 (Colloquia Augustana 23), Berlin 2007.

58 Für Nürnberg als frühe Quellenbearbeitung: Werner Schultheiß (Bearb.), Satzungsbücher und Satzungen der Reichsstadt Nürnberg aus dem 14. Jahrhundert (Quellen zur Geschichte und Kultur der Stadt Nürnberg 3), Nürnberg 1965.

59 Matthias Weber, Die Reichspolizeiordnungen von 1530, 1548 und 1577. Historische Einführung und Edition (Ius commune, Sonderheft 146), Frankfurt am Main 2002; Wolfgang Wüst, Normen als Grenzgänger. Policey und Wissenstransfer in Süddeutschland vor 1800, in: Konrad Ackermann / Alois Schmid (Hg.), Staat und Verwaltung in Bayern. Festschrift für Wilhelm Volkert zum 75. Geburtstag (Schriftenreihe zur bayerischen Landesgeschichte 139), München 2003, S. 287–306.

60 Katharina Heinemann (Hg.), Die Nähe zum Reichsoberhaupt – Privilegien und Verpflichtungen der Reichsstadt Nürnberg, in: Kaiser – Reich – Stadt. Die Kaiserburg Nürnberg. Begleitbuch zur Ausstellung „Kaiser – Reich – Stadt. Die Kaiserburg Nürnberg“ in Nürnberg, 13. Juli bis 10. November 2013, Petersberg 2013, S. 41–52; Edmund Ries, Die Nürnberger Burg als Herberge der deutschen Kaiser und Könige, in: Das Bayerland 45, 1934, S. 718–720.

61 Nürnberg kann aufgrund der Bestimmungen der Goldenen Bulle, dort jeweils den ersten Reichstag nach der Königswahl auszurichten, zumindest für das 15. und beginnende 16. Jahrhundert als die Stadt der Reichstage bezeichnet werden. Vgl. dazu auch: Bernd- Ulrich Hergemöller, Fürsten, Herren, Städte zu Nürnberg 1355/ 56. Die Entstehung der „Goldenen Bulle“ Karls IV. (Städteforschung A 13), Köln 1983; Ders., Die Verfasserschaft der „Goldenen Bulle“ Karls IV., in: Bohemia 22, 1981, S. 253–299.

62 Wolfgang Wüst, Reichsstädtische Kommunikation in Franken und Schwaben. Nachrichtennetze für Bürger, Räte und Kaufleute im Spätmittelalter, in: ZBLG 62, 1999, S. 681–707.

63 StadtA Augsburg, Reichsstadt, Schätze 105/ VII, Nr. 131, 31. August 1477. Der Quellennachweis bezieht sich auch auf die folgenden Zitate.

64 StadtA Augsburg, Reichsstadt, Schätze 105/ VII, Nr. 101, 102, Einträge vom 17. und 20. Juni 1477.

65 Eike Wolgast, Deutsche Reichstagsakten, in: Lothar Gall (Hg.), „… für deutsche Geschichts- und Quellenforschung“. 150 Jahre Historische Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, München 2008, S. 79–120; Heribert Müller, Die Reichstagsakten (Älterer Reihe) und ihre Bedeutung für die europäische Geschichte, in: Heinz Angermeier / Erich Meuthen (Hg.), Fortschritte in der Geschichtswissenschaft durch Reichstagsaktenforschung. Vier Beiträge aus der Arbeit an den Reichstagsakten des 15. und 16. Jahrhunderts (Schriftenreihe der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften 35), Göttingen 1988, S. 17–46.

66 Beispielsweise: Martin Dallmeier (Hg.), Reichsstadt und Immerwährender Reichstag (1663–1806). 250 Jahre Haus Thurn und Taxis in Regensburg. Beiträge des Regensburger Herbstsymposions zur Kunstgeschichte und Denkmalpflege vom 17. bis 22. November 1998 (Thurn und Taxis- Studien 20), Kallmünz 2001.

67 Dazu zählten im 15. und 16. Jahrhundert: Augsburg (1473, 1474, 1500, 1518, 1525, 1530, 1547/ 48, 1550/ 51, 1555, 1559, 1566 und 1582), Eger (1437), Esslingen am Neckar (1488), Frankfurt am Main (1410, 1411, 1427, 1437, 1440, 1454, 1485, 1477, 1486 und 1489), Köln (1505), Konstanz (1408[?] , 1415, 1486 und 1507), Lindau (1496/ 97), Nürnberg (1401, 1421, 1422, 1426, 1438, 1443, 1434/ 44, 1444, 1447, 1456, 1460, 1461, 1466, 1467, 1470, 1479, 1480, 1481, 1487, 1491, 1522, 1522/ 23, 1524, 1542 und 1543), Regensburg (1454, 1469, 1471, 1532, 1541, 1546, 1557, 1567, 1576, 1594 und 1597/ 98) und Ulm (1434).

68 Zuletzt sind in der „Jüngeren Reihe“ erschienen: Ursula Machoczek (Bearb.), Der Reichstag zu Augsburg 1547/ 48 (Deutsche Reichstagsakten unter Kaiser Karl V. 18), 3 Teil- Bde., München 2005; Erwein H. Eltz (Bearb.), Der Reichstag zu Augsburg 1550/ 51 (Deutsche Reichstagsakten unter Kaiser Karl V. 19), 2 Teil- Bde., München 2005; Rosemarie Aulinger / Erwein H. Eltz / Ursula Machoczek (Bearb.), Der Reichstag zu Augsburg 1555 (Deutsche Reichstagsakten unter Kaiser Karl V. 20), 4 Teil- Bde., München 2009; Rosemarie Aulinger (Bearb.), Der Reichstag zu Augsburg 1525, der Reichstag zu Speyer 1526, der Fürstentag zu Esslingen 1526 (Deutsche Reichstagsakten unter Kaiser Karl V. 5–6), 4 Teil- Bde., Göttingen 2011.

69 Stellvertretend für kommunikationsorientierte Forschungen: Friedrich, Drehscheibe Regensburg (wie Anm. 57); Johannes Burkhardt, Vorparlamentarische Formen im Heiligen Römischen Reich?, in: Peter Claus Hartmann / Florian Schuller (Hg.), Das Heilige Römische Reich und sein Ende 1806. Zäsur in der deutschen und europäischen Geschichte, Regensburg 2006, S. 23–37; Susanne Friedrich, Beobachten und beobachtet werden. Zum wechselseitigen Verhältnis von gedruckter Zeitung und Immerwährendem Reichstag, in: Volker Bauer (Hg.), Die Entstehung des Zeitungswesens im 17. Jahrhundert. Ein neues Medium und seine Folgen für das Kommunikationssystem der Frühen Neuzeit, Bremen 2011, S. 159–178; Christoph Kampmann, Der Immerwährende Reichstag als „erstes stehendes Parlament“? Aktuelle Forschungsfragen und ein deutschenglischer Vergleich, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 55, 2004, S. 646–662; Karl Härter, Der Immerwährende Reichstag (1663–1806) in der historischen Forschung, publiziert am: 30.1.2013, in: zeitenblicke 11/ 2, URL: http://www.zeitenblicke.de/2012/2/Haerter/index_html (letzter Zugriff: 30.8.2019), URN: urn: nbn: de:0009- 9- 34227.

70 In den Jahren 1802 bis 1807 erschienen ohne Autorennennung neun Quellen- und Editionsbände („Der Landtag im Herzogthum Baiern“) in großem zeitlichen Abstand zur Landtagsüberlieferung der Jahre 1514 bis 1669. Die chronologisch ungeordnete Reihe begann mit dem Landtag von 1605 und edierte sieben von insgesamt 37 bayerischen Landtagen des 17. Jahrhunderts. 1669 wurde der letzte Landtag einberufen. Als Herausgeber dieser protokollgestützten Landtagsverhandlungen ist die Landschaft selbst und nicht Franz von Krenner (1762–1819) zu vermuten, die sich im Jahrzehnt vor ihrer Auflösung 1808 im politisch- rechtlichen Tagesgeschäft zurückmeldete. Vgl. Joachim Wild, Quellenlage zum Alten Landtag, in: Walter Ziegler (Hg.), Der Bayerische Landtag vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart. Probleme und Desiderate historischer Forschung. Kolloquium des Instituts für Bayerische Geschichte am 20. Januar 1995 im Maximilianeum in München (Beiträge zum Parlamentarismus 8), München 1995, S. 127–139. Bei dem hier ausgewerteten Band handelt es sich um: Der Landtag im Herzogtum Baiern vom Jahre 1605. Aus einer gleichzeitigen Handschrift. Erste und zweyte Abtheilung, [s.l.] 1802. Für die Städte und Märktelandschaft: „Gravamina deß Standß von Stött vnnd Märkhten des Löblichen Fürstenthumbs Bayrn“, S. 323–350. Literatur-und Quellenachweis: BSB, Bavaria 1523–25, URN: urn: nbn: de: bvb:12- bsb00008586- 4.

71 Johann Meyer, Dialogus: Ein Gespräch, deß jüngst gehaltenen bayerischen Landtags, in der weitberühmten fürstlichen Hauptstadt München, Anno 1605, München 1606.

72 Zur Landtagsforschung im Alten Reich vgl. insbesondere: Ziegler, Der Bayerische Landtag vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart (wie Anm. 70); Rudolf Schlögl, Der bayerische Landtag von 1669. Nach einem Bericht des geheimen Kammersekretärs Corbinian von Prielmair, in: ZBLG 52, 1989, S. 221–254; Alois Schmid, Landtagsforschung in Bayern. Stand, Aufgaben, Perspektiven, in: ZBLG 75, 2013, S. 691–714; Reinhard Heydenreuter, Zur Rechtsstellung des landsässigen Adels im Kurfürstentum Bayern zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert, in: Walter Demel / Ferdinand Kramer (Hg.), Adel und Adelskultur in Bayern (ZBLG, Beihefte B 32), München 2008, S. 43–105; Markus Nadler, Die Landstände von Pfalz- Neuburg (1505–1808) – Tragende Säule des Fürstentums und Garant seiner Selbstständigkeit, in: Neuburger Kollektaneenblatt 163, 2015, S. 7–43; Josef Breinbauer, Die Landstände des Hochstifts Passau, in: Passauer Jahrbuch 52, 2010, S. 137–146.

73 Carl Albin Hoffmann, Landesherrliche Städte und Märkte im 17. und 18. Jahrhundert. Studien zu ihrer ökonomischen, rechtlichen und sozialen Entwicklung in Oberbayern (Münchner Historische Studien, Abtl. Bayerische Geschichte 16), Kallmünz/ Opf. 1997.

74 Helmut Rankl, Altbayerische Kleinstädte im Spiegel landesherrlicher Erhebungen des 17. und 18. Jahrhunderts: Erding, Rosenheim, Trostberg und Murnau (Studien zur bayerischen Verfassungs- und Sozialgeschichte 28), München 2011.

75 Ebd., S. 18 f.

76 Franz von Krenner, Der Landtag im Churfürstenthum Baiern vom Jahre 1669, [s.l.] 1802.

77 Carl Albin Hoffmann, Landesherrliche Städte und Märkte im 17. und 18. Jahrhundert (wie Anm. 73), S. 2, 14 f., 33 f., 38, 56 f., 60, 63, 113, 116 f., 128, 235, 248, 250 f., 289, 299, 390, 406 und 442 f.

78 Der Landtag im Herzogtum Baiern vom Jahre 1605 (wie Anm. 70), S. 323–350.

79 Martin Zürn, Savoyarden in Oberdeutschland. Zur Integration einer ethnischen Minderheit in Augsburg, Freiburg und Konstanz, in: Carl A. Hoffmann / Rolf Kießlng (Hg.), Kommunikation und Region (Forum Suevicum 4), Konstanz 2001, S. 381–419.

80 Der Landtag im Herzogtum Baiern vom Jahre 1605 (wie Anm. 70), 1. Gravamen.

81 Ulm.

82 Der Landtag im Herzogtum Baiern vom Jahre 1605 (wie Anm. 70), 2. Gravamen.

83 Ebd., 3. Gravamen.

84 Ebd., 5. Gravamen.

85 Ebd., 6. und 8. Gravamen.

86 Wolfgang Wüst, Frühneuzeitliches Marktgeschehen in der Fürsten- und Residenzstadt im Spiegel einer „Verneuerten Policey= Ordnung“ von 1678, „wie solche bey gemeiner Stadt Oettingen solle gehalten werden“, in: Markus Würmseher / René Brugger (Hg.), Grenzüberschreitungen zwischen Altbayern und Schwaben. Geschichte, Politik und Kunst zu beiden Seiten des Lechs. Festschrift für Wilhelm Liebhart, Regensburg 2016, S. 119–134.

87 Der Landtag im Herzogtum Baiern vom Jahre 1605 (wie Anm. 70), 10. Gravamen.

88 Martin Ott, Salzhandel in der Mitte Europas. Raumorganisation und wirtschaftliche Außenbeziehungen zwischen Bayern, Schwaben und der Schweiz, 1750–1815 (Schriftenreihe zur bayerischen Landesgeschichte 165), München 2013; Ders., Salzfürsten in Bayern? Die Historiographie zum bayerischen Salz an der Wende zum 19. Jahrhundert, in: Alois Schmid / Hermann Rumschöttel (Hg.), Wittelsbacher- Studien. Festgabe für Herzog Franz von Bayern zum 80. Geburtstag (Schriftenreihe zur bayerischen Landesgeschichte 166), München 2013, S. 545–562.

89 Der Landtag im Herzogtum Baiern vom Jahre 1605 (wie Anm. 70), 16. und 17. Gravamen.

90 Wolfgang Wüst, Chausseen in Franken – Kunststraßen nach französischem Vorbild, in: Altfränkische Bilder NF 9/ 2014, 2013, S. 22–24.

91 Der Landtag im Herzogtum Baiern vom Jahre 1605 (wie Anm. 70), 20. Gravamen.

92 Ebd., 22. Gravamen.

93 Ebd., 27., 28. und 29. Gravamen, S. 346–348.

94 Der Landtag im Herzogtum Baiern vom Jahre 1605 (wie Anm. 70), S. 349.

95 So auch in dem erkenntnisreichen Überblick bei: Axel Gotthard, Das Alte Reich 1495–1806 (Geschichte kompakt), Darmstadt 2003, S. 18.

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Tom Scott

Oberrheinische Städtelandschaften*

Abstract: The Upper Rhine lacks clearly defined territorial boundaries; commonly it has been seen as the valley of the Rhine running south to north. In fact, its commercial and urbanised features are just as prominent on an east- west axis, which takes in the Romandie and stretches into the Franche- Comté. Much of the region is stamped by medium- sized or small towns, many of which were wine- growing communities. Neither Basel nor Strasbourg developed as true metropolises, dominating or integrating the economy of their hinterlands. Walter Christaller’s original central- place theories, predicated upon a hexagonal market area, do not work for the Upper Rhine; instead, as he later conceded, the networks should be seen as rhomboids, linking exports down- or upriver in a succession of lozenges.

Urban and (thoroughly) urbanised landscapes need to be distinguished (Franz Irsigler); the former comprehended settlements where the distinction between (small) towns and villages gives rise to conceptual imprecision: many small towns were in reality merely circumvallated villages. A comparison with the Neckar valley in Württemberg and with the Romandie shows that neither a sparse nor a dense distribution of settlements accounts for their character as urban landscapes; only the integrated, export- oriented viticulture of Alsace, by contrast, comes close to echoing the regional textile landscape of eastern Swabia. This lack of integration and co- ordination rendered the urban settlements peculiarly vulnerable to rural craft and market competition and to political rivalries between territorial lordships, especially in the confessional age.

Wer den Oberrhein als eine Städtelandschaft analytisch in den Griff bekommen will, sieht sich unmittelbar vor eine zweifache Schwierigkeit gestellt. Zum einen lässt sich die Region im Gegensatz zu Ländern wie Bayern, Franken oder Schwaben kaum territorial erfassen, auch flächenmäßig sind seine Grenzen unscharf: Wo hört nämlich der Oberrhein auf, wo fängt der Mittelrhein an? Wie ist überdies der Hochrhein – der Flusslauf vom Bodensee bis zum Rheinknie bei Basel – einzuordnen?1 Zum anderen erweisen sich Versuche, die Städte der Region in zentralörtlichen Kategorien gemäß Walter Christallers ursprünglich ← 79 | 80 →übergreifendem Marktprinzip – das heißt hexagonal wie eine Bienenwabe – zu kartographieren, als außerstande, sie sinnvoll zueinander in Beziehung zu setzen.2 Vielmehr ist man gezwungen, auf Christallers erst nach dem Zweiten Weltkrieg ausgearbeitetes Verkehrsprinzip zu rekurrieren, wonach sich die hierarchische Verteilung von zentralen Orten rautenförmig gestaltet, das heißt nach längsgezogenen Achsen, die dem auf Export ausgerichteten Wirtschaftsgefüge entlang des Rheins als Hauptverkehrsader entsprechen.3 Auch dann, wie Franz Irsigler bemerkt hat, bleibt Christallers Modell zu statisch, um geographische beziehungsweise historische Unregelmäßigkeiten zu erklären: Es vermag sowohl Überlappungszonen als auch Leerzonen ohne städtische Durchdringung kaum Rechnung zu tragen.4

Es tritt ein zweites Problemfeld hinzu. Gerade im Westen des Reichs sind umfangreiche Forschungsprogramme über das Städtewesen – man denke an das unlängst abgeschlossene Trierer Projekt zur Städtelandschaft zwischen Rhein und Maas5 – auf das Hindernis gestoßen, einen überzeugenden Katalog von städtischen Merkmalen aufzustellen. Die Trierer Forschungsgruppe von Monika Escher, Alfred Haverkamp und Frank G. Hirschmann hat einen Katalog von 56 Kriterien ausgearbeitet, die in einem additiven Punktesystem den Stadtcharakter einer Siedlung erfassen will, wobei die Autoren die Schwelle zum echten Stadtstatus um die Mitte des 14. Jahrhunderts bei mindestens sieben Punkten ansetzen.6 Für den linksufrigen Oberrhein hat Bernhard Metz die Trierer Ergebnisse ← 80 | 81 →dahingehend kritisiert, dass er die entscheidenden Merkmale zwar bei sieben belassen will anstatt der von Trier vorgeschlagenen 56, fragt aber zugleich, warum sich die Trierer Gruppe auf ein Mindestmaß von sieben Punkten festgenagelt hat, anstatt etwa acht, neun oder zehn!7 Zieht man ferner die Stadtgründungen in Württemberg und in der Westschweiz (Romandie) – ich fasse den Oberrhein hier absichtlich weitläufig auf – in Betracht, so treten eklatante Unterschiede auf, die vornehmlich herrschaftlich aber auch bisweilen naturräumlich und verkehrsstrategisch bedingt waren.8 Eine weitere Differenzierung hat Franz Irsigler vorgenommen, wonach er zwischen Stadtlandschaften und Städtelandschaften unterscheiden will. Diese kennzeichnen Gebiete mittlerer Größe mit variablem Urbanisierungsgrad, wo entweder ein bestimmter Stadttypus oder eine klar erkennbare Städtehierarchie dominiert. Jene weisen eine markante Städtedichte auf, wo über ein Viertel der Bevölkerung in Städten angesiedelt ist, deren Beziehungen zum Hinterland eine Intensität erreichen, dass die ländliche Bevölkerung am eigenen Profil verliert.9 Solche Stadtlandschaften begegnen am Oberrhein allenfalls in den Vogesenvorbergen, wo sich eine Überzahl an kleinen, dicht beieinander liegenden Siedlungen – in den meisten Fällen eigentlich ummauerte Weinbaudörfer – eine erlahmende Konkurrenz zu liefern scheint, bis man sich vergegenwärtigt, dass ihre Wirtschaft auf Export ausgerichtet war.

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Bei näherer Betrachtung lässt sich die Städtelandschaft des Oberrheins in drei Zonen aufteilen: 1. Der Vogesenrand bis an die Ill, deren Verkehrsfunktion bis Straßburg mit dem Rhein effektiv parallel verläuft;10 2. Das platte Land zwischen Ill und Rhein, ein sumpfiges, mit Hardten durchsetztes Terrain, fast städteleer, sodann der hügelige Sundgau mit ausgedehntem Ackerbau und mehreren vorderösterreichischen Amtsstädten; 3. Die älteren rechtsrheinischen Gründungen, ob Territorial- oder Landstädte, die Verwaltungs- und Marktfunktionen für ihr Umland wahrnahmen. Nach Norden kam es dank der Städtepolitik der Markgrafen von Baden zu einer Häufung von Kleinstädten, deren Einflusspotential bescheiden war und nie raumbildend wirkte.11

Richten wir zum Vergleich unseren Blick auf angrenzende Landschaften, so wird das Bild von einer bevölkerungsreichen, dennoch von mittleren und kleinen Städten geprägten Region bestätigt. In Württemberg entstammten Stadtgründungen nicht selten der Absicht des Fürsten, rivalisierende Siedlungen kaltzustellen, die in unbequemer Nähe nebeneinander standen. Das gleiche gilt für die Romandie,12 wo Städtchen entlang der Broye oder der Saane feindliche Blicke von beiden Ufern tauschten. Diese Städtchen, die mehrheitlich im 13. und 14. Jahrhundert entstanden, dienten eher dem Repräsentationsbedürfnis ← 82 | 83 →von kleineren adligen Herrschaften,13 als dass sie eine wirtschaftliche oder verkehrsstrategische Funktion erfüllten, geschweige denn eine Territorialpolitik en miniature anstrebten. Ihre Zahl schrumpfte bis 1500 zusehends dahin, sie wurden aufgelassen und verschwanden von der Bildfläche.

Am Oberrhein haben wir es also mit einer breiten Palette von städtischen Siedlungen zu tun, in der Weinbaustädte, Marktflecken und Amtsstädte dominierten. Sogar die berühmte elsässische Dekapole fällt hier kaum aus dem Rahmen, abgesehen von ihrem privilegierten Status als Reichsstädte, denn unter ihnen konnten allenfalls Colmar, Schlettstadt und Hagenau ein wirtschaftliches Gewicht für sich beanspruchen. Kein Mitglied der Dekapole erreichte eine Bevölkerungszahl von über 5.000 Einwohnern. Mülhausens von seinem Nachbarn Basel 1516 betriebener Anschluss an die Eidgenossenschaft als zugewandter Ort mag zwar der Reichsstadt zunächst zu größerer Bewegungsfreiheit verholfen haben, sie blieb indes von vorderösterreichischem Territorium umzingelt, sodass sie im Laufe des 16. Jahrhunderts zunehmender katholischer Pression seitens der Habsburger ausgesetzt wurde.14 Auch die rechtsrheinischen Reichsstädte in der Ortenau, Offenburg, Gengenbach und Zell am Harmersbach, waren politisch und wirtschaftlich von untergeordneter Bedeutung.

Damit sind wir bei den einzigen oberrheinischen Metropolen Basel und Straßburg angelangt. In Basel brachte der Sieg der Handwerkerzünfte 1526 einen allmählichen Rückgang seiner kommerziellen Blüte mit sich, derer sich die Stadt als Schaltstelle zwischen Oberschwaben und Burgund einst erfreute.15 Der berühmte Basler Kaufmann an der Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert Ulrich ← 83 | 84 →Meltinger hatte bezeichnenderweise keinen Nachfolger.16 Basels Ausstrahlung auf den Oberrhein blieb weitgehend auf den kulturellen und geistigen Bereich beschränkt, denkt man an die humanistischen Zirkel und die ihnen dienenden Offizinen. Zwar avancierte Basel zum führenden Kreditplatz der Schweiz (und außerdem zum Geldleiher an süddeutsche Adelsfamilien und Gotteshäuser) auf der Basis der 1504 gegründeten Basler Kredit- und Wechselbank, man kann indes schwerlich behaupten, diese finanzielle Vorrangstellung habe Basels Position innerhalb des oberrheinischen Wirtschaftsgefüges wesentlich beeinflusst. Basel gelang es, ein bescheidenes Territorium zu erwerben, seine Rolle im regionalen Handel hat es dafür weitgehend eingebüßt.17

Straßburg, trotz seiner herausragenden Funktion als Stapel- und Umschlagplatz für den begehrten elsässischen Wein, hat sich nie zu einer internationalen Handels- oder Messestadt entwickelt. Obwohl Straßburgs Bevölkerung Mitte des 15. Jahrhunderts um die 18.000 Einwohner zählte und kontinuierlich auf 25.000 im Jahre 1580 stieg, um kurz nach 1600 sogar 29.000 zu erreichen,18 lieferte sie weder den süddeutschen Metropolen Nürnberg, Augsburg und Ulm noch dem niederrheinischen Köln eine ernsthafte Konkurrenz. Straßburgs Beteiligung an der Reichspolitik der Reformationsjahre – vorab die diplomatische Tätigkeit Jakob Sturms – verschaffte der Reichsstadt zwar politischen Ruhm und Einfluss, ihre wirtschaftliche Vorrangstellung in der oberrheinischen Städtelandschaft erfuhr dadurch keine Aufwertung. 1570 wurde zwar der Weihnachtsmarkt in eine wahre Handelsmesse umgewandelt, dies allerdings zu einer Zeit, wo die Besucherfrequenz zurückging und sich die ersten Anzeichen eines wirtschaftlichen Siechtums zu erkennen gaben.19 Allein als Herberge für französische Religionsflüchtlinge konnte sich Straßburg mit Genf messen.

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Das ist ein ernüchterndes Fazit. Um 1600 geriet der einst blühende Oberrhein als eine ausgesprochene Städtelandschaft ins Hintertreffen. Worauf ist dies zurückzuführen? Ein ausdifferenziertes, an Ressourcen reiches und verkehrsstrategisch optimal gelegenes Wirtschaftsgebaren erwies sich längerfristig als unfähig, ein Abgleiten des Oberrheins an die Peripherie der europäischen Wirtschaft aufzuhalten.20

An erster Stelle wurden gemeinhin die Handwerkszünfte für eine wirtschaftliche Sklerose verantwortlich gemacht. Ihre Abkapselungsgesinnung und ihre Aversion gegen neue Gewerbepraktiken, die einem freien Arbeitsmarkt ohne Aufnahmebeschränkungen sowie einer freien Marktwirtschaft ohne reglementierte Preistarife und Produktionshöchstgrenzen mit Bedenken und Misstrauen gegenüberstanden, galten lange Zeit als entwicklungshemmend und unternehmensfeindlich. Der Sieg der Basler Handwerkszünfte 1526 und das Bestreben der Freiburger Zünfte um 1500, eine Politik der sogenannten Stadtwirtschaft, das heißt Protektionismus, durchzusetzen, mögen diesem Argument eine gewisse Plausibilität verleihen.21 Nur ist dabei zu erwägen, ob diese Bemühungen eher als eine Reaktion auf eine wirtschaftliche Schlechtwetterlage aufzufassen sind, als dass sie einen Niedergang mitverschuldet hätten. In den letzten Jahren ist das meist negative Urteil einer positiveren Einschätzung gewichen, die den Zünften innovatorische Fähigkeiten von vornherein nicht abspricht.22

Die Drohung für eine florierende Städtewirtschaft, die das Aufkommen von ländlichem Handwerk, Dorfmärkten und Hausieren darstellte, ist am Oberrhein lediglich für den Breisgau eingehend erforscht worden,23 obgleich das Phänomen im Spätmittelalter in weiten Teilen des Reichs verbreitet war und als Usurpation der ökonomischen Funktion der Städte angesehen wurde. Für den Südwesten sind Beschwerden über ländliche Konkurrenz für Württemberg, Baden, das Elsass, den Breisgau und die Schweiz überliefert.24 Den städtischen Obrigkeiten ← 85 | 86 →standen zwei Lösungen zur Verfügung: Sie konnten versuchen, mit polizeilichen Maßnahmen gegen die konkurrierenden Handwerker und Märkte vorzugehen, meist ohne ersichtlichen Erfolg, oder sie zwangen die ländlichen Handwerker, den städtischen Zünften beizutreten, wo sie deren Gewerbeordnungen fortan zu gehorchen hatten. So entstanden im Sundgau und in einigen schweizerischen Stadtstaaten Territorialzünfte, die die ländliche Konkurrenz entweder nivellierten oder ausschalteten.

Ebenso wenig ist die herrschaftliche Kleinkammerung des Oberrheins geeignet, als Erklärung für eine Städtelandschaft ohne herausragende Zentren herzuhalten. Nicht die Größe eines Territoriums an sich ist ausschlaggebend, sondern vielmehr die Wirtschaftspolitik des Herrschaftsträgers. Im Zeitalter der Reformation gewann dieser Aspekt an Brisanz, da sich konfessionelle Rivalitäten wirtschaftshemmend oder - störend auswirken konnten: Am rechten Rheinufer sind die langwierigen Streitigkeiten zwischen dem katholischen Vorderösterreich und der evangelischen Markgrafschaft Baden- Durlach zu nennen, deren Herrschaftsgebiete ineinandergriffen, mit entsprechenden gegenseitigen Zoll-und Marktsperren. Diese konnten sogar zwischen den Markgrafschaften selber erfolgen, als Baden- Durlach Blockaden seitens der katholischen Markgrafschaft Baden- Baden ausgesetzt war.25

In der Frühneuzeit kam es am Oberrhein zu keiner wirtschaftlichen Stufenleiter, die kleine Manufakturzentren über Umschlagplätze und Zulieferer mit den Handels- und Verteilungsmetropolen in einer wirtschaftsrationalen Hierarchie verbunden hätte, wie Rolf Kießling für die Textillandschaft Ostschwabens mustergültig dargelegt hat.26 Dieses sogenannten Verlagssystems hat sich seinerzeit der Basler Kaufmann Ulrich Meltinger teilweise bedient, vor allem in der westschweizerischen Textilindustrie, zumal in seinen Beziehungen zu Freiburg im Üchtland, und im ostschweizerischen Eisenerzbergbau. Ansonsten trifft man am Oberrhein selten auf Verlag; lediglich im Norden des Elsass um Weißenburg sind Ansätze zu einer spezialisierten Textilmanufaktur zu beobachten. Die von Hektor Ammann so betitelte „Textilgruppe“, die Weißenburg, Pfaffenhofen, Hagenau, Zabern, Saarburg und Oberehnheim umfasste, hat Tuche für den Regionalhandel hergestellt, die Verleger aus Straßburg in ← 86 | 87 →Auftrag gaben.27 Mit der Verbreitung des Verlagssystems, das häufig etwas übertreibend als Motor eines neuen Entwicklungsschubs in der europäischen Wirtschaft angesehen wird, ging in Ostschwaben eine starke Zunahme von Marktortgründungen einher, die sich ohne Rücksicht auf städtische Ratserlasse, Gewerbeordnungen und Rechtsprivilegien entfalten konnten. Mögen damit die Vorrangstellung der mit Stadtrechten ausgestatteten städtischen Siedlungen und somit ihre Zentralität eingeschränkt worden sein, so ist die starke Vermehrung von Marktorten (gelegentlich als „Minderstädte“ bezeichnet) ein ungefähres Zeichen für die wirtschaftliche Vitalität solcher Landschaften.28 Eine ähnliche Entwicklung sucht man am Oberrhein vergebens: Im Breisgau entstammten die zahlreichen Marktgründungen des 15. Jahrhunderts dem Bestreben der Obrigkeiten, in einer herrschaftlich zersplitterten Landschaft Konkurrenz entgegenzuwirken beziehungsweise Umlandsicherung zu bewerkstelligen.29 Dennoch hat die internationale Forschung jüngst auf die Ankurbelung hingewiesen, die die Marktgründungen für den gesteigerten Regionalbedarf in Europa nach der spätmittelalterlichen Strukturkrise geleistet haben.30

Zum Schluss gilt es, die oberrheinische Städtelandschaft in ein zentralörtliches Raster einzuordnen. Hier hat wiederum Rolf Kießling eine Vorreiterrolle gespielt. Er unterscheidet nämlich zwischen drei Modellen: einem ← 87 | 88 →Territorial- Modell (Altbayern), einem regionalen Hierarchie- Modell (Ostschwaben) und einem regionalen Dispersions- Modell (Oberrhein). In Altbayern hatten die recht zahlreichen Marktorte vornehmlich eine Verwaltungsfunktion wahrgenommen, beschränkten sich daher ökonomisch auf Warenaustauch mit dem Umland und erreichten allenfalls ein stadtähnliches Profil. In dem Textilrevier Ostschwaben nahmen die vielen Marktsiedlungen eine Zuliefererfunktion innerhalb einer monostrukturierten Gewerbelandschaft ein. Von Anfang an waren sie in eine urbane Hierarchie integriert. Am Oberrhein herrschte dagegen keine übergreifende oder einheitliche Gewerbelandschaft vor, sondern, so Kießling, „eine komplexe Verbindung verschiedener Wirtschaftssektoren in kleinräumigen Schwerpunktbereichen, die auf inneren Austausch und partiellen Export orientiert sind“.31 In diesem Modell reichen Mittel- und Kleinstädte aus, die Bedürfnisse der Wirtschaft an Ressourcen, Produktion und Verteilung zu decken; Metropolen mit finanzkräftigen Kaufleuten und verfügbarem Investmentkapital sind kaum gefragt.

Im Mittelalter hat die ausdifferenzierte Wirtschaft des Oberrheins eine Städteblüte herbeigeführt; in der Frühneuzeit, als der Ertrag von den Silberbergwerken versiegte beziehungsweise der Erzabbau zu kostspielig wurde und die Gewinne vom elsässischen Weinbau infolge eines Geschmackswandels auf rheinische und pfälzische Weine oder in Norddeutschland auf gehopftes Bier sanken,32 verfielen die oberrheinischen Mittel- und Kleinstädte in geruhsame Selbstgenügsamkeit.


* Dem Andenken an meinen Kollegen und Freund Rolf Kießling (1941–2020) gewidmet.

1 Grundlegend, mit ausführlichen bibliographischen Hinweisen: Heinz Krieg, Zur Geschichte des Begriffs „historische Landschaft“ und der Landschaftsbezeichnung „Oberrhein“, in: Peter Kurmann / Thomas Zotz (Hg.), Historische Landschaft – Kunstlandschaft? Der Oberrhein im späten Mittelalter (Vorträge und Forschungen 68), Ostfildern 2008, S. 31–64.

2 Walter Christaller, Die zentralen Orte in Süddeutschland. Eine ökonomisch-geographische Untersuchung über die Gesetzmäßigkeit der Verbreitung und Entwicklung der Siedlungen mit städtischer Funktion, Jena 1933.

3 Walter Christaller, Das Grundgerüst der räumlichen Ordnung in Europa. Die Systeme der europäischen Zentralen Orte (Frankfurter Geographische Hefte 24), Frankfurt am Main 1950.

4 Franz Irsigler, Stadt und Umland in der historischen Forschung. Theorien und Konzepte, in: Neithard Bulst / Jochen Hoock / Franz Irsigler (Hg), Bevölkerung, Wirtschaft und Gesellschaft. Stadt- Land- Beziehungen in Deutschland und Frankreich vom 14. bis zum 19. Jahrhundert, Trier 1983, S. 13–38, hier: S. 17. Er kritisiert Christallers Dispersionsmuster als zu ökonomisch und vom damaligen Geist der im Osten zu gewinnenden Lebensräume getragen.

5 Monika Escher / Frank G. Hirschmann (Hg.), Die urbanen Zentren des hohen und späten Mittelalters. Vergleichende Untersuchungen zu Städten und Städtelandschaften im Westen des Reichs und in Ostfrankreich, 3 Bde. (Trierer Historische Forschungen 50/ 1–3), Trier 2005.

6 Monika Escher / Alfred Haverkamp / Frank G. Hirschmann (Hg.), Städtelandschaft – Städtenetz – zentralörtliches Gefüge (Trierer Historische Forschungen 43), Mainz 2000, Einleitung, S. 9–53, hier: S. 14–16, 52 f.

7 Bernhard Metz, Essai sur la hiérarchie des villes médiévales d’Alsace (1200–1350), in: Revue d’Alsace 128, 2002, S. 49–53. Im Elsass seien, nach Metz, die Stadtrechtsverleihungen ein unzuverlässiges Kriterium (ebd., S. 51). Der zweite Teil des Aufsatzes erschien in: Revue d’Alsace 134, 2008, S. 129–166. Ein abschließender dritter Teil steht noch aus. Ich verzichte hier bewusst auf eine Analyse des Stadtbegriffs, die offenbar kein Ende nehmen will. Entgegen den diesbezüglichen ausufernden Arbeiten zum Spätmittelalter sei auf das jüngst erschienene Werk für den Zeitraum von 1100 bis 1400 verwiesen: Gabriel Zeilinger, Verhandelte Stadt. Herrschaft und Gemeinde in der frühen Urbanisierung des Oberelsass vom 12. bis zum 14. Jahrhundert (Mittelalter-Forschungen 60), Ostfildern 2018, das den derzeitigen Forschungszustand Revue passieren lässt.

8 Tom Scott, Kleine Städte, keine Städte. Das sogenannte „urbane Netz“ in Südwestdeutschland im ausgehenden Mittelalter, in: Herbert Knittler (Hg.), Minderstädte – Kümmerformen – gefreite Dörfer. Stufen zur Urbanität und das Märkteproblem (Beiträge zur Geschichte der Städte Mitteleuropas 20), Linz 2006, S. 181–202.

9 Franz Irsigler, Städtelandschaften und kleine Städte, in: Helmut Flachenecker / Rolf Kießling (Hg.), Städtelandschaften in Altbayern, Franken und Schwaben. Studien zum Phänomen der Kleinstädte während des Mittelalters und der Frühen Neuzeit (Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte, Beihefte B 15), München 1999, S. 13–38.

10 Gerrit Jasper Schenk, ‚der straßen halb uff der Yll‘. Wasserwege im Elsass als „kritische Infrastruktur“ für Wirtschaft und Gesellschaft (1350–1550), in: Kurt Andermann / Nina Gallion (Hg.), Weg und Steg. Aspekte des Verkehrswesens von der Spätantike bis zum Ende des Alten Reiches (Kraichtaler Kolloquien 11), Ostfildern 2018, S. 121–152.

11 Scott, Kleine Städte, keine Städte (wie Anm. 8), S. 185–189; Arnold Scheuerbrandt, Südwestdeutsche Stadttypen und Städtegruppen bis zum frühen 19. Jahrhundert. Ein Beitrag zur Kulturlandschaftsgeschichte und zur kulturräumlichen Gliederung des nördlichen Baden- Württemberg und seiner Nachbargebiete (Heidelberger Geographischen Arbeiten 32), Heidelberg 1972, S. 44 f. Zu den württembergischen Stadtgründungen in nachstaufischer Zeit siehe: Jürgen Sydow, Adlige Stadtgründer in Südwestdeutschland, in: Erich Maschke / Jürgen Sydow (Hg.), Südwestdeutsche Städte im Zeitalter der Staufer (Stadt in der Geschichte 6), Sigmaringen 1980, S. 184–186; Rüdiger Stenzel, Die Städte der Markgrafen von Baden, in: Jürgen Treffeisen / Kurt Andermann (Hg.), Landesherrliche Städte in Südwestdeutschland (Oberrheinische Studien 12), Sigmaringen 1994, S. 89–130.

12 Scott, Kleine Städte, keine Städte (wie Anm. 8), S. 193–197; Hektor Ammann, Die schweizerische Kleinstadt in der mittelalterlichen Wirtschaft, in: Festschrift Walther Merz, Aarau 1928, S. 158–215; Ders., Über das waadtländische Städtewesen im Mittelalter und über landschaftliches Städtewesen im Allgemeinen, in: Schweizerische Zeitschrift für Geschichte 4, 1954, S. 1–87.

13 Siehe für Südwestdeutschland das bissige Urteil von: Gerhard Fouquet, Stadt, Herrschaft und Territorium – Ritterschaftliche Kleinstädte Südwestdeutschlands an der Wende vom Mittelalter zur Neuzeit, in: Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins 141, 1993, S. 120: „Die Stadtqualität, das in bzw. über der Stadt liegende Schloss, die Kirchen, vor allem die noch bis ins 16. Jahrhundert hinein recht wirkungsvolle Ummauerung waren für die Ritterschaft Ausweise ihres Standes und Reichtums. Diese Versatzstücke von Urbanität inmitten von stadtähnlichen Dörfern wurden schließlich zu steinernen Zeugen der Reichsunmittelbarkeit dieser Kleinherrschaften.“

14 Georges Livet / Raymond Oberlé, Histoire de Mulhouse des origines à nos jours, Straßburg 1977, S. 79 f., 280 f.

15 Hans Füglister, Handwerksregiment: Untersuchungen und Materialien zur sozialen und politischen Struktur der Stadt Basel in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts (Basler Beiträge zur Geschichtswissenschaft 143), Basel/ Frankfurt am Main 1981, S. 272–292. Die Gewerbeordnung wurde 1552 aufgehoben, da sie ihre Wirkung verfehlt hat (ebd., S. 281 f.).

16 Matthias Steinbrink, Ulrich Meltinger. Ein Basler Kaufmann am Ende des 15. Jahrhunderts (Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, Beiheft 197), Stuttgart 2007.

17 Hans R. Guggisberg, Basel in the sixteenth century. Aspects of the city republic before, during, and after the Reformation, St. Louis/ MO 1982, Neudruck: Eugene/ OR 2010, S. 27; Martin Körner, Solidarités financières suisses au seizième siècle. Contribution à l’histoire monétaire, bancaire et financière des Cantons suisses et des États voisins (Bibliothèque Historique Vaudoise 66), Lausanne 1980.

18 Zahlen bei: Knut Schulz, Handwerksgesellen und Lohnarbeiter. Untersuchungen zur oberrheinischen und oberdeutschen Stadtgeschichte des 14. bis 17. Jahrhunderts, Sigmaringen 1985, S. 29 f.

19 Jean- Pierre Kintz, La société strasbourgeoise du milieu du XVIe sìècle à la fin de la Guerre des Trente Ans 1560–1650. Essai d’histoire démographique, économique et sociale, Paris 1984, S. 380–386.

20 Siehe die Überlegungen in: Tom Scott, Regional identity and economic change: The Upper Rhine, 1450–1600, Oxford 1997, S. 287–322.

21 Guggisberg, Basel in the sixteenth century (wie Anm. 17.), S. 27; Tom Scott, Freiburg and the Breisgau. Town- country relations in the age of Reformation and Peasants’ War, Oxford 1986, S. 128–141.

22 John Langton / Göran Hoppe, Town and country in the development of early modern western Europe (Historical Geography Research Series 11), Norwich 1983.

23 Scott, Freiburg and the Breisgau (wie Anm. 21), S. 116–118, 157–160.

24 Scott, Regional identity and economic change (wie Anm. 20), S. 104–121; Ders., Bürger, Handwerker und Sondergruppen. Zur verfächerten Sozialstruktur des Dorfs in Südwestdeutschland um die Wende vom Mittelalter zur Neuzeit, in: Kurt Andermann / Oliver Auge (Hg.), Dorf und Gemeinde. Grundstrukturen der ländlichen Gesellschaft in Spätmittelalter und Frühneuzeit (Kraichtaler Kolloquien 8), Epfendorf 2012, S. 143–147.

25 Scott, Regional identity and economic change (wie Anm. 20), S. 135–149, 159–162.

26 Rolf Kießling, Die Stadt und ihr Land. Umlandpolitik, Bürgerbesitz und Wirtschaftsgefüge in Ostschwaben vom 14. bis ins 16. Jahrhundert (Städteforschung A 29), Köln/ Wien 1989.

27 Hektor Ammann, La place de l’Alsace dans l’industrie textile du Moyen Âge, in: La bourgeoisie alsacienne. Études d’histoire sociale (Publications de la Société Savante d’Alsace et des Régions de l’Est, grandes publications 5), Straßburg 1967, S. 80–89.

28 Rolf Kießling, Kleinstädte und Märkte als regionalpolitische Instrumente. Ostschwaben vom 14. bis zum 16. Jahrhundert, in: Flachenecker / Kießling, Städtelandschaften in Altbayern, Franken und Schwaben (wie Anm. 9), S. 243–288; Carl A. Hoffmann, Der altbayerische Markt in der frühen Neuzeit: eine „Minderstadt“ in der bayerischen Städtelandschaft, in: Knittler, Minderstädte – Kümmerformen – gefreite Dörfer (wie Anm. 8), S. 305–323.

29 Tom Scott, Städte und Märkte im spätmittelalterlichen Breisgau zwischen wirtschaftlicher Konkurrenz und Umlandsicherung, in: Ursula Huggle / Thomas Zotz (Hg.), Burgen, Märkte, kleine Städte. Mittelalterliche Herrschaftsbildung am südlichen Oberrhein, in: Das Markgräflerland 2, 2003, S. 164–181.

30 Stephan R. Epstein, Regional fairs, institutional innovation and economic growth in late medieval Europe, in: Economic History Review 47, 1994, S. 459–482. Sein Argument bezieht sich vornehmlich auf die Toskana. Vgl. hierzu: Paolo Malanima, La formazione di una regione economica: la Toscana nei secoli XIII– XV, in: Società e Storia 6, 1983, S. 229–269. Im weiteren Zusammenhang siehe: Stephan R. Epstein, Freedom and growth. The rise of states and markets in Europe, 1300–1750 (Routledge Explorations in Economic History 17), London/ New York 2000, S. 73–88.

31 Rolf Kießling, Zwischen Stadt und Dorf? Zum Marktbegriff in Oberdeutschland, in: Peter Johanek / Franz- Joseph Post (Hg.), Vielerlei Städte. Der Stadtbegriff (Städteforschung A 61), Köln/ Weimar/ Wien 2004, S. 121–143, hier insbes.: S. 140 f.

32 Médard Barth, Der Rebbau des Elsaß und die Absatzgebiete seiner Weine. Ein geschichtlicher Durchblick, Bd. 1, Straßburg/ Paris 1958; Tom Scott, Medieval viticulture in the German- speaking lands, in: German History 20, 2002, S. 95–115, hier insbes.: S. 112–114.

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Helmut Flachenecker

Städtelandschaft Franken

Abstract: The history of Franconia in the High and Late Middle Ages is characterised by an amazing diversity of territorial dominions. A huge number of middle- sized and smaller territories, situated in Franconia, characterise an remarkable Culture Landscape, made of castles, towns, markets with impressive – and today most romanticised – wall systems and monasteries, which gives every observer’s eye an idea of the former political structures still in the present.

In the following, the term “Urban Landscape” is discussed as an important part of Cultural Landscapes. Then the development of towns in Franconia is presented in a chronological way. Because most of the towns in this region were subordinated to a clergy-ruler, the developments in the dioceses of Würzburg and Eichstätt are being examined in more detail. The importance of towns for the historical development of Franconia is out of question, especially their contribution to the general urbanisation of the area. However, the research focus depends on current regional historical approaches, which explore town- structures more economically, or more as a special legal district, or as a centre for surrounding regions, or in its functions serving to expand the territories of the town- rulers.

1. Städtelandschaft – Kulturlandschaften

Zwischen 1100 und 1350 sind in Mitteleuropa in hoher Zahl Städte gegründet worden. Mit diesen neuen Formen gesellschaftlichen Zusammenlebens veränderte sich die Kulturlandschaft auf nachdrückliche Weise. Schätzungsweise sollen es um 1450 an die 5.000 gewesen sein. Anschließend gab es keine Periode mehr in Europa, in der in einer solchen hohen Zahl urbane Zentren unterschiedlichster Größe gegründet worden sind.1 Diese intensive Phase der Stadtgründung und des Stadtausbaus haben die kulturellen Landschaften in Europa ← 89 | 90 →nachhaltig verändert, besonders im Bereich Infrastruktur und Wirtschaft, aber auch in den gesellschaftlichen Strukturen. Städte – und nicht mehr allein Klöster und Burgen – bildeten Drehscheiben für kulturelle Innovationen2 wie auch für Konsumangebote, deren Genüsse nicht nur den adeligen Oberschichten zugutekamen, sondern beim „Massenkonsum“ von Textilien, Wein und Getreide praktisch allen Bewohnern.3 Daneben darf das religiöse „Angebot“ einer civitas sancta nicht vergessen werden: Der Aufstieg Nürnbergs beispielsweise ist ohne die Wallfahrt zum heiligen Sebald, die Bedeutung der fränkischen Bischofsstädte ohne Kilian, Willibald beziehungsweise dem heiliggesprochenen Kaiserpaar Heinrich und Kunigunde nicht zu erklären.4

Die Städte entstanden, zumindest im fränkischen Raum, weniger auf der sprichwörtlichen grünen Wiese, vielmehr dienten bereits bestehende Stifte,5 Klöster, Burgen, Königspfalzen als präurbane Siedlungskerne, an denen dann Städte mit einem neuen, eigenen Rechtsbereich entstanden.6 Die Stadtanlage folgte den vorgefundenen geographischen Gegebenheiten, aber auch gestalterischen Interessen: Stadtmauern, Markt und Kirche bildeten die Zentren, daneben traten Mühlen und Brücken, Rathäuser und Hospitäler, aber auch Schulen7 hinzu. Städte unterlagen damit einem gewissen gestalterischen Ordnungsprinzip, aus dem dann die Stadt als „gebauter Kosmos“ erwuchs. Inwieweit dieser antiken philosophisch-mathematischen Vorlagen folgte, soll hier nicht diskutiert werden.8

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Somit sind Städte ein bedeutsames Leitfossil für den gesellschaftlichen Wandel in den einzelnen Kulturlandschaften Mitteleuropas. In ihren sich zeitlich immer wieder verändernden Funktionen waren sie Zentren für ein jeweils neu zu definierendes Umland: Sie besaßen und besitzen kulturelle wie raumprägende Funktionen. Bis heute gliedern die urbanen Zentren auch die Kulturlandschaft in Franken in signifikanter Weise und prägen die Lebensumstände der Bevölkerung und deren Identitäten.9

Die Vielfalt des fränkischen Städtewesens ist außerdem ein Ergebnis der seit dem 13. Jahrhundert einsetzenden, territorialen Zersplitterung dieser Region. Jeder Landesherr benötigte idealtypisch eine Stadt als Markt- und Handelsort, die mit ihrer Zentralität auf ein mehr oder weniger großes Umland ausstrahlte, neben einer Burg als militärisch- administratives und ein Kloster als ein religiös-memoriales Zentrum. Ab dem 13. Jahrhundert wurden in Franken viele Städte in herrschaftlich umstrittenen Räumen gegründet, um so politische Ansprüche manifest zu machen. Zugleich setzt eine Veränderung der Bevölkerungskonzentration im Raum ein; Dorfwüstungen stehen Städteakkumulationen gegenüber.10

Der Begriff Städtelandschaft wird vielgestaltig und in vielen Fällen in einer spielerisch- schimmernden Uneindeutigkeit verwendet, zum Teil ästhetisierend, zum Teil metaphorisch, zum Teil von touristisch- öffentlichen Moden beeinflusst. Er beschreibt aber stets einen Ausschnitt einer generellen Kulturlandschaft. Denn der Mensch hat – pauschal betrachtet – die ihm umgebende naturräumliche Landschaft als seine jeweilige Umwelt gestaltet, in der er leben und überleben konnte und kann.11 Das führt allgemein zu einer zunehmenden Differenzierung von Natur- und Kulturlandschaften, wobei letztere in ihrem Umfang tendenziell beständig zugenommen haben. Eine Kulturlandschaft historisiert sich gleichzeitig in ihren Einrichtungen, das heißt, es gibt dort auch ← 91 | 92 →Objekte beziehungsweise spezifisch gestaltete Räume, die nicht mehr notwendig sind und daher verschwinden oder für neue Anforderungen überformt beziehungsweise neueren Bestimmungen zugeführt werden. Die Ergebnisse der sich kontinuierlich veränderten Gestaltung wird von Menschen als Kulturlandschaft deklariert, dahinter steckt also auch ein permanenter Prozess einer bewussten gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und kulturellen implizierten Neuausrichtung, die dann Räume mit ihren dortigen Objekten nachträglich zum kulturellen Erbe erklären kann. Damit kommt auch die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit einer Landschaft ins Spiel. Diese wurden von sozialen Gruppen und deren Zentren mitbestimmt,12 worunter neben den Städten auch Klöster und Burgen als herausragende Punkte zu zählen sein dürften. Diese „Reconnecting Culture and Nature“13 durch Städte soll hier nur knapp angesprochen werden: Die gegenseitige Beeinflussung von „culture and environment“14 kann damit zwar nicht in ihrer Totalität diskutiert werden, denn die Stadt kann nicht allein für den allumfassenden Begriff „Kultur“ gleichgesetzt werden, auch wenn sie eine bedeutsame Einheit in diesem Prozess einer longue durée sein dürften.

Eine exakte Definition des Begriffs Kulturlandschaft ist, soviel dürfte klar geworden sein, schwer zu geben und immer vom jeweiligen Untersuchungsgegenstand abhängig. Von daher muss er in seinen Bedeutungsinhalten offen definiert werden, um stets wandelnde Annäherungen an dieses human gestaltete und daher vielfältige Phänomen zuzulassen. In unserem Zusammenhang bedeutet dies: Stets stehen politische, wirtschaftliche, soziale und religiöse Beziehungen zwischen den Städten und deren Umfeld im Mittelpunkt der jeweils nach immer neuen Fragestellungen die Kulturlandschaft analysierenden Untersuchungen. Rücksichtnahmen auf die naturräumlichen Voraussetzungen, also auf Geologie und Hydrologie, müssen stets mit in die Überlegungen einbezogen werden. Unabdingbare Voraussetzung für eine Städtegründung waren etwa ertragreiche Böden, um die Bewohner ernähren zu können. Landwirtschaftliche Prosperität ← 92 | 93 →schuf auch die Basis für die Größe der Städte und deren Grad der Urbanisierung. Die Lage am Fluss garantierte den Anschluss an Handelswege, eine Furt beziehungsweise Brücke auch an ein überregionales Straßensystem.

Diese Vielfalt von Raumkonstrukten15 ist aber keineswegs ein Ausdruck begrifflich- methodischer Schwächen, wie Heinz- Dieter Heimann eindrücklich konstatiert: „Danach adressieren nicht allein die epochenübergreifend arbeitende Landesgeschichts- und Regionalforschung oder sozialgeschichtlich ausgerichtete Kulturhistorische Forschungen, diese freilich intensiv, aus verwandten Raumtheorien und Ansprüchen abgeleitete, aber auch unterschiedlich adressierte Raumkonstrukte. Diese Vielfalt von Räumen ist kein Ausdruck von Schwäche der Geschichtswissenschaft. Sie ist tatsächlich ein Ausweis geschichts-wissenschaftlichen Erkenntnisfortschritts und hoher Sensibilität gegenüber reklamierten Raum- und Identitätsansprüchen auch geschichtspolitischer Instrumentalisierungen.“16 Es geht also, um nochmals Heimann zu zitieren, um die Erfassung von „Codierungen“ in einer Landschaft, deren Ursprünge auch in der städtischen Kultur liegen.17 Diese müssen von vielfältiger Art sein, in ← 93 | 94 →unterschiedlichen Zeiträumen differierende Wertigkeiten besitzen, aber diese Codierungen sind teilweise bis heute noch in einer Kulturlandschaft nachweisbar.

2. Städte in Franken

Doch wie sieht die Bindung der Städte an einen Raum, hier Franken, in den Quellen des Hoch- und Spätmittelalters aus? Wenn Bischof Gerhard von Würzburg 1387 bei einer Landfriedenseinung zwischen seinen Städten und jenen des Abtes von Fulda von „vnser oder vnsir Stete zu Franken“ spricht und dabei zwanzig Orte aufzählt, dann scheint die Landschaftsbindung zu Franken augenfällig und klar.18 Sie werden von den Orten „in Fuldischen Lande“ abgegrenzt – Fulda gehört in dieser Sicht nicht zur Landschaft Franken, obwohl politisch enge Beziehungen bestehen. Die in der Vereinbarung vertretene klare Unterscheidung besticht, hat aber ein großes Manko, denn sie kommt selten in Urkunden und Privilegien vor, um weiter untersucht werden zu können.

Knapp dreihundert Jahre später umschrieb Matthäus Merian (1593–1650) in seiner „Topographia Franconiae“ das Frankenland: „Es ist aber diß das Franckenland, welches gegen Auffgang den Nortgau und Bayern, gegen Niedergang die Untere= Pfalz, gegen Mittag das Schwabenland und gegen Mitternacht Thüringen angrentzend hat.“ Die genannten Landschaften sind schillernde Begriffe, um fest begrenzte politische Gebilde – eventuell mit Ausnahme vom Herzogtum Bayern – handelt es sich nicht. Sie sind eher dialektal- kulturell umschrieben. Statt der „Oberen= Pfalz“ verwendet er die alte Nordgau- Bezeichnung. Stattdessen nimmt Merian eine mehr naturräumlich- topographische Sicht bei der Binnengliederung Frankens ein: Es sei von acht Flüssen durchzogen, besitze neben großen Waldgebieten auch Regionen mit Waldmangel, wie etwa im Bereich von Ochsenfurt. „Von Handels= Städten und Emporiis sind Nürnberg, Bamberg, Würtzburg, Schweinfurt und Kitzingen.“19 Seine Auswahl umfasst also ← 94 | 95 →Bischofs-, Reichs- und Landstädte, Kriterien für diese Nennungen gibt er aber nicht an. Zur weiteren Untergliederung des Raumes ging Merian nun streng nach einer politischen Einteilung vor, nämlich jener des Fränkischen Kreises. Bei jeder Herrschaft nannte er die Ämter, Städte, Festungen und Burgen. An seinen Grenzen gebe es Überschneidungen. Etwa sei das Untere Stift von Eichstätt eigentlich mehr bayerisch, der Bischof gehöre aber zum Fränkischen Kreis.20 Ähnlich Coburg: „Darzu wir auch die Coburgische thun wollen; weilen solche nicht allein im Franckenlande gelegen seyn, sondern auch vorzeiten zur Fürstlichen Graffschafft Hennenberg (deren Städte allhie einkommen) gehört haben; wiewol sie die Coburgischen sonsten der Zeit zum Obersächsischen, wie ingleichem andere so dem Lager und Landsart nach Fränckisch seyn zu andern Craysen ausser Lands wegen ihrer Herren […].“21

Ebenso gab es zum Schwäbischen Reichskreis Überschneidungen: Dinkelsbühl, deren Bewohner „Noricos vnd Portofrancones“ genannt wurden, weil sie nahe am „Ost- Franckenland“ wohnten, sei „mit der Statt Hall d[er] Schwaben Vormawer wider die Francken, gleich wie Rotenburg 5 Meilen von hinnen gelegen, der Franken wider die Schwaben gewesen.“22

Das einmal nach naturräumlichen, das andere Mal nach politischen Kriterien beschriebene Franken kennt nur gelegentlich feste Grenzen. Diese Geschichtslandschaft besitzt nicht eindeutig zu definierende Grenzräume, nach Ernst Schubert „ein Charakteristikum des Regionalismus, der keine Grenzen, sondern Brücken zu anderen Ländern bildet“.23 Bei dieser Brückenfunktion spielten auch die Städte eine wichtige Rolle. So war die Reichsstadt Rothenburg im 14. Jahrhundert meist Mitglied der fränkischen Landfrieden, aber auch bisweilen schwäbischer Städtebünde.24 Die niederschwäbischen Städte waren seine unmittelbaren ← 95 | 96 →Nachbarn. Und Weißenburg, etwa in der Mitte zwischen Nürnberg und Nördlingen gelegen, gehörte stets zum Glacis der fränkischen Handels- und Politikmetropole, sein Rat ließ sich durch Nürnberger Gesandten auf den Hof- und Reichstagen vertreten, die Bewohner besaßen jedoch intensive Handels- sowie familiäre Beziehungen zum schwäbischen Nördlingen.25 Die Stadt wollte dem starken Nürnberger Druck mit einer Anlehnung an schwäbische Reichsstädte im Spätmittelalter zumindest etwas entgehen.

Eine bewusste fränkische Identität ist bei den Städten dieses Raumes schwer direkt nachzuweisen. Lediglich die immer wieder zitierte Bestimmung der Goldenen Bulle (I, 8),26 wer dem König von Böhmen Geleit bei seinem Zug nach Frankfurt geben solle, enthält die „civitates Nuremberg, Rotemburg et Windesheim“. Sind sie also die herausragenden fränkischen Städte, verbunden in ihrem Dienst am Reich? Zunächst ist diese Auswahl vom Gegenstand bedingt. So lagen die übrigen Reichsstädte Frankens schlicht nicht auf dem Weg von Prag nach Frankfurt. Zum anderen konnte die Goldene Bulle nicht andere landesherrliche Städte nennen, weil diese nicht direkt vom Reich lehensabhängig waren. Und ein drittes Argument: Nürnberg, Rothenburg und Windsheim sollten auch das Geleit für den Herzog von Sachsen übernehmen (I, 12). Es wird dabei ihre Rolle in Reichsdiensten hervorgehoben, nicht jene in Franken.

Es waren Reichsstädte, die bei den fränkischen Landfrieden des 14. und frühen 15. Jahrhunderts primär beteiligt waren. Nürnberg spielte dabei, was nicht weiter verwunderlich ist, eine führende Rolle. Die Stadt konnte in gewisser Weise auch eigenständig handeln. Am Landfrieden von 1398 beispielsweise waren zunächst nur Nürnberg und Weißenburg von Beginn an dabei. In einem eigenen Paragraphen wurde den Nürnbergern die Vollmacht gegeben, innerhalb einer knappen Frist (zwischen 2. und 31. März) auch noch die Reichsstädte Windsheim und Schweinfurt mit aufzunehmen.27

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Der Vorrang Nürnbergs lag in seinem ausdifferenzierten diplomatischen Apparat. Dieser vertrat die anderen kleinen Reichsstädte, die sich ein derart kostenintensives Personal nicht leisten konnten. So vertraten die Diplomaten meist die Interessen aller fränkischen Reichsstädte in einer Hand. Dabei kam es in der Regel vor, dass die Nürnberger Botschafter Vollmachten der anderen besaßen beziehungsweise die übrigen Reichsstädte informierten. Ein Beispiel von vielen: Als 1423 ein neuer Landfrieden ausgehandelt wurde, gaben die Rothenburger und Windsheimer den Nürnbergern entsprechende Verhandlungsvollmachten. Weißenburg dagegen wurde vom Nürnberger Rat von den Verhandlungen informiert und erbat deren Meinung.28

Gruppenbewusstsein kam vor allem auf, wenn es gegen die alle Reichsstädte bedrohende Gefahr einer Verpfändung durch den Kaiser ging. Deshalb war es in ihrem ureigensten Interesse, in die Landfriedensbestimmungen einen Paragraphen wie den folgenden unterzubringen: „Ez sol auch niemant fur unsern obgenanten herren den keyser pfenden noch angreiffen, weder dez reichs stet noch anders yemant.“29 Reichsstädte als spezielle Glieder des Reiches nutzten aber auch ihre Stellung aus und mussten unter Umständen vom König selbst in die Schranken verwiesen werden. Die in Franken gelegene Gruppe – also Nürnberg, Rothenburg, Schweinfurt, Windsheim, Weißenburg30 – erhob vor und um 1414 Zölle zur Finanzierung von Landfriedensmaßnahmen. König Sigmund musste ihnen am 1. Oktober 1414 einschärfen, diese Praxis am Ende eines zeitlich befristeten Landfriedens, bei Androhung einer Geldstrafe, zu beenden. Offensichtlich hatten die Reichsstädte, wohl mit Verweis auf den König, die betreffenden Zolleinnahmen auch über das jeweilige Ende eines Landfriedens fortgesetzt: Schlitzohrigkeit oder ein besonderes Reichsbewusstsein, für die Friedenserhaltung in Franken in kontinuierlicher Weise wirken zu müssen?31

Der Landfrieden Karls IV. für Franken von 1349 ist insofern für die vorliegende Fragestellung bedeutsam, weil durch die vier regelmäßig im Jahr aufzusuchenden Gerichtsorte, die Städte Würzburg und Bamberg, Neustadt an der Aisch und Nürnberg, die Region wie in einem trapezartigen Netz umfasst wurde. Prägnant hat dies Lorenz Fries in seiner „Hohen Registratur“ zusammengefasst: „Anno ← 97 | 98 →1349 Sontag nach Michaelis hat kunig Carl der viert ainen Landfriden in dem land zu Francken vfgericht, vnd zu Nurnberg beschlossen auch derwegen im Jare vier gerichte alwegen am sontag nach ainem ieden quatember halten lassen, das erst zu Nurenberg, das ander zu W[ürzburg], das trit zu Bamberg, das viert zue Newenstat an der Aisch.“32

Diese Auswahl der Tagungsorte für Landfriedensentscheidungen blieb keine Episode. Die genannten vier Städte von 1349 werden auch in den Egerer Landfrieden von 1389 übernommen,33 bei der Verlängerung des Bundes 1395 durch König Wenzel erneuert,34 um schließlich beim 1404 von König Ruprecht erlassenen fränkischen Landfrieden wiederum bestätigt zu werden.35 Der Landfriede König Sigmunds 1423 erwähnte die vier Gerichtsorte nicht,36 jedoch beschlossen die fränkischen Fürsten und Städte in ihrer Landfriedensvereinbarung, die im Februar 1427 ohne königliche Mitwirkung geschlossen wurde, dass sich der Landfriedensausschuss vierteljährlich „zu Bamberg, Wirtzburg, Nuremberg oder Newenstat an der Eysch“ treffen solle.37 Die burggräfliche Landstadt Neustadt sowie die Bischofsstädte und die Reichstadt Nürnberg wurden so zu häufig besuchten Verhandlungszentren für anliegende Entscheidungen, die nicht nur zu den festen Tagen stattgefunden haben, sondern auch, wenn es die aktuelle Lage darüber hinaus erforderte.38 Sie bildeten damit über einen längeren Zeitraum hinweg ein „fränkisches Trapez“, das vielleicht einen nicht unerheblichen Beitrag zur Stärkung eines fränkischen Gemeinschaftsbewusstseins geleistet haben könnte.

Fränkische Landstädte treten ansonsten kaum in Landfrieden auf. Lediglich die Bischofsstädte werden 1340 separat genannt. Es kann darüber diskutiert werden, ob damit eine besondere autonome Stellung demonstriert werden sollte oder nicht. Es ist nicht erkennbar, dass sie als dezidiert fränkische Städte auftreten. Dies gilt auch für die Masse der übrigen landesherrlichen Städte. Denn: Reichsstädte bildeten, entgegen der Quellenüberlieferung und der herausragenden Bedeutung in der Forschung, nur eine Minderheit der Städte in Franken, die meist als Landstädte ← 98 | 99 →bezeichnet wurden. Zum besseren Verständnis muss daher eine chronologische Sicht der Entwicklung eingeschalten werden.

3. Stadtentwicklung in Franken im chronologischen Überblick

Bevölkerungsreiche Orte mit einer unterschiedlichen Anzahl von Zentralitätsfunktionen für eine engere oder weitere Umgebung finden sich im Frühmittelalter nur an den Bischofssitzen.39 So waren Würzburg und Eichstätt im 8. und Bamberg im beginnenden 11. Jahrhundert jene Orte, in denen die Wandlung präurbaner Siedlungskerne (etwa Klöster, Stifte, Höfe, Befestigungen) zu Städten im mittelalterlichen Sinne begann.40 Sie sollte im 12./ 13. Jahrhundert ihren Höhepunkt finden, was die Zahl der Gründungen betrifft. Die damalige Bevölkerungszunahme, einhergehend mit der sogenannten Binnenkolonisation bisher unerschlossener Waldgebiete, erlaubte diesen Schub, der in Franken dazu führte, dass es um 1500 über 150 Städte gab, die auch heute noch die Kulturlandschaft prägen. Viele von ihnen sind an den zentralen Flüssen Main, Fränkische Saale, Regnitz, Pegnitz und Altmühl orientiert. Gerade der Main, der sich als einziger größerer Fluss von Ost nach West orientierte und damit Franken mit den großen Städten am Rhein und in Flandern verband, entwickelte sich als Magnet für Städteneugründungen. Der Gründungsvorgang lag in Händen des jeweiligen Grundherrn beziehungsweise Vogtes, der das zukünftige Areal in Besitz hatte. Eine königliche Bestätigung wurde meist im Nachhinein eingeholt, eigentliche Stadtgründungsurkunden sind wenige bekannt. Stattdessen bestätigen die meisten von ihnen eine bereits vorhandene urbane Entwicklung.

Als Stadtherren traten neben den Bischöfen zunächst die staufischen Könige auf, gefolgt von den Grafen und Herren Frankens. Am Obermain agierten bis zu ihrem Aussterben 1248 die Andechs- Meranier, in weiten Bereichen des heutigen ← 99 | 100 →Mittel- und Oberfrankens die Burggrafen von Nürnberg beziehungsweise späteren Markgrafen von Ansbach und Bayreuth. Da die Territorienbildung neben Burgen und Klöstern auch Städte einschloss, finden sich letztere in allen größeren oder kleineren Herrschaften Frankens. Ab der Mitte des 13. Jahrhunderts haben Würzburger und Bamberger Bischöfe viele Städteprivilegien vergeben, in eingeschränkter Anzahl auch die Eichstätter. Von den weltlichen Machtträgern wären zu nennen: die Grafen von Henneberg im Norden, die Herren von Hohenlohe im Südwesten, die Grafen von Wertheim und von Rieneck am Mainviereck, aber auch die Marschälle von Pappenheim an der Altmühl oder die Herren von Heideck im südlichen Mittelfranken besaßen zumindest am Ort ihrer Hauptburg eine städtische Siedlung, die zumeist Marktfunktionen (Jahr-, Wochenmärkte) besaßen. Den Status einer eigenständigen Pfarrei haben sie meist erst in einem zähen Kampf mit dem ursprünglichen, ländlichen Pfarrsitz erwerben können. Mit den Steuerabgaben waren die neuen urbanen Zentren, die bevölkerungsmäßig häufig klein blieben, für ihre Herren eine hochwillkommene monetäre Einnahmequelle, die in Notzeiten auch verpfändet werden konnten. Viele Städte wechselten in solchen Fällen ihre Stadtherren, aber auch nach dem Aussterben der Familien sowie bei Besitzveränderungen im Zuge von Umschichtungen der Machtverhältnisse (Herren von Dürn, Schlüsselberger, Grafen von Castell).

Ab der Mitte des 13. Jahrhunderts konnten sich einige königliche Städte zu Reichsstädten entwickeln, meist in dem Moment, als der Einfluss der Staufer nachließ. An deren Spitze, als einzige „Großstadt“ Frankens, stand Nürnberg (Großes Handelsprivileg Friedrichs II. von 1219), gefolgt von Rothenburg und Schweinfurt. Die kleineren Reichsstädte Weißenburg und Windsheim konnten, wie gezeigt, nur unter dem Schirm Nürnbergs überleben. Ein größeres Landgebiet lässt sich im Mittelalter nur bei Rothenburg, zu Beginn des 16. Jahrhunderts auch für Nürnberg nachweisen. Nürnberg wurde daraufhin selbst Stadtherr für Altdorf, Betzenstein, Gräfenberg, Hersbruck, Lauf, Velden, vorübergehend auch in Heideck und Hilpoltstein. Feuchtwangen verlor 1376 einen entsprechenden Status durch Verpfändung an die Zollern. Besonders Würzburg und Nürnberg, weniger Bamberg und kaum Eichstätt konnten von königlichen Hoftagen profitieren.

Im 14. Jahrhundert kam es unter den Königen Ludwig IV. und Karl IV. im Zuge ihrer „Landbrückenpolitik“ zur Wetterau beziehungsweise nach Böhmen zu einer hohen Zahl von königlichen Städteprivilegierungen, die meist bestehende Orte noch einmal rechtlich bestätigten. Solche neuen Privilegierungen waren nicht in jedem Falle durchsetzbar, sodass sich – trotz eines entsprechenden Privilegs – die Orte nicht in jedem Falle zu einer Stadt entwickeln konnten (Gailnau, Haldenburgstetten, Hasloch, Hornberg, Mussen, (Markt-) ← 100 | 101 →Bergel, Neubrunn, Thüngen). Häufig lag dies am Widerstand der benachbarten Territorien.

So bestätigte König Ruprecht (1400–1410) dem Erkinger von Seinsheim zum Stephansberg eine Urkunde Karls IV. von 1357, der zufolge die Seinsheimer die Halsgerichtsbarkeit im Dorf Astheim ausüben durften.41 In problematischen Fällen sollten die Schöffen allein beim Rat der Stadt Schweinfurt Erkundigungen einziehen. Zugleich erlaubte der König, dass Erkinger und seine Nachfolger Astheim zu einem Markt mit Bürgern ausbauen dürften.42 Derselbe König schließlich erhob den Ort am 16. Juni 1410 zur Stadt.43 Ferner gelang es Erkinger bereits 1408, im Einvernehmen mit dem damaligen Volkacher Pfarrer sowie mit dem Dekan des Würzburger Domkapitels – der das Patronat über die Volkacher Kirche innehatte – , Astheim zu einer eigenständigen Pfarrei zu erheben. Nur ein Jahr später, 1409, gründete Erkinger ein Kartäuserkloster in Astheim.44 Allerdings entwickelte sich Astheim, trotz dieser umfangreichen Privilegierungen, zu keiner Stadt. Sicher dürfte das hochstiftische Volkach zu nahe gelegen haben, sodass auf der gegenüberliegenden Mainseite kein zusätzlicher und zugleich konkurrierender Ort mit zentralörtlichen Funktionen entstehen konnte.

Um noch weitere Beispiele hier kurz zu erwähnen: Thüngen entwickelte sich nicht zu einer Stadt, obwohl die Herren von Thüngen 1465 von Kaiser Friedrich III. ein Stadtprivileg erhalten hatten.45 Der Ort, im Werntal gelegen und damit abseits von der bedeutenderen Mainroute, blieb auf dem Status eines Marktes ← 101 | 102 →stehen.46 Ein erneuter Versuch im Jahre 1690, die Stadtrechte zu beanspruchen, konnte auch zu diesem Zeitpunkt nicht durchgesetzt werden. Neubrunn scheiterte ebenfalls, da das Stadtprivileg von 1323 – von Ludwig dem Bayern an den Deutschen Orden vergeben – nicht durchsetzbar war.47 Es waren die Wertheimer Grafen, die eine Stadtwerdung verhinderten. Dasselbe gilt für Hasloch, das von Karl IV. dem Mainzer Erzbischof übertragen und zur Stadt erhoben worden war. Da später von keiner Stadt mehr in den Urkunden die Rede ist, der Ort selbst wieder ganz in die Hände der Grafen von Wertheim gelangte, ist dieser Versuch ebenfalls gescheitert.48 Ähnliches gilt für die von Karl IV. vorgenommenen Stadtrechtsprivilegierungen für hohenlohische Orte (etwa Gailnau, Haltenbergstetten, Hasloch, Hornberg, Mussen), von denen nur Neuenstein und Kirchberg sich zu Städten mit geringer regionaler Bedeutung entwickeln konnten.49

Zu Städtewüstungen kam es kaum: ein Fall wäre das pfalzgräfliche Wallhausen, das den Konkurrenzkampf gegen das mainzische Miltenberg bereits Mitte des 13. Jahrhunderts verloren hatte. In einem anderen Fall entschied eine vergleichbare Konkurrenz Windsheim gegen Lenkersheim, welches auf den Status eines Dorfes zurücksank, für sich. Alzenau schließlich wurde erst 1951 zur Stadt erhoben, obwohl der Mainzer Erzbischof bereits 1401 vom römischen König das Recht erhielt, das damalige Willanzheim zur Stadt auszubauen. Insgesamt fehlte diesen Städten, da erst im 14. Jahrhundert als solche privilegiert, ein größeres Umland, um prosperieren zu können.

Demgegenüber lassen sich in den größeren Städten Frankens jüdische Bevölkerungsgruppen nachweisen (Würzburg, Rothenburg, Nürnberg Bamberg und andere), die ein Indikator für eine überdurchschnittliche Bedeutung des urbanen Zentrums sind, die aber auch zahlreichen Pogromen und Vertreibungen ausgesetzt waren. Gerade beim Pogrom von 1298 werden interessanterweise auch jüdische Gruppen in kleineren Städten sichtbar: unter anderem Aub, Burgkunstadt, Gemünden, Gerolzhofen, Gunzenhausen, Hammelburg, Haßfurt, Kissingen. Ebenso finden sich, vorwiegend im 14. Jahrhundert, Hinweise auf Synagogen (Judenschulen), ← 102 | 103 →Judengassen und Friedhöfe (Amorbach, Dinkelsbühl, Miltenberg, Münnerstadt, Nürnberg, Rothenburg, Wertheim, Würzburg und andere). Nach der generellen Vertreibung der jüdischen Gemeinden aus den Städten im Spätmittelalter entwickelte sich in der Frühen Neuzeit ein ausgeprägtes Landjudentum besonders im Raum des heutigen Unterfrankens. Wiederansiedlungen von jüdischen Gemeinden waren ab der Mitte des 18. Jahrhunderts möglich, etwa in Bayreuth.

Weit über die Hälfte der Städte Frankens verblieb im Mittelalter in geistlicher Hand: Neben den drei fränkischen Bischöfen und dem Mainzer Erzbischof am Mainviereck waren es vor allem der Deutsche Orden (Mergentheim, Ellingen) und die Domkapitel von Bamberg (Staffelstein) beziehungsweise Würzburg (Ochsenfurt), deren Städte politische und kulturelle Landschaften prägten.50 Neben den Domsitzen sorgten Klöster (etwa Amorbach, Stadtschwarzach, aber auch die Reichsabtei Fulda) und Stifte (etwa Ansbach, Herrieden) für die Ausprägung zentralörtlicher Funktionen. Lediglich fünf Reichsstädte finden sich in diesem Raum: Rothenburg, Schweinfurt, Weißenburg, Windsheim und, als größte Stadt überhaupt, Nürnberg. Die Markgrafen von Ansbach- Bayreuth führten unangefochten die Städtegründungen von Seiten der weltlichen Adeligen an. Die Städtevielfalt Frankens ist ein Indikator für die territoriale Zersplittertheit, jedoch erreichten viele der Kommunen, wie bereits angedeutet, keine großen zentralen Funktionen. Ihr Umland blieb flächen- und bevölkerungsmäßig gering. Viele Orte, die im Herzogtum Bayern als Märkte bezeichnet werden, sind in Franken Städte; eine eindeutige Grenzziehung zwischen beiden rechtlich definierten Ortsbezeichnungen ist kaum möglich. Von daher ist die oben genannte Gesamtzahl der fränkischen Städte stets diskussionsbedürftig. Je später eine Stadt gegründet wurde, desto geringer waren ihre Entwicklungschancen. Sie dienten meist als Orte der Herrschaftsausübung in politisch umstrittenen Regionen. In Franken war eine Städtelandschaft mit vorwiegend kleinen Städten entstanden; sie haben damit einen regional begrenzten Beitrag zum europaweit zu beobachtenden demographischen, wirtschaftlichen, politischen und sozialen Urbanisierungsprozess geleistet.51 Durch die dennoch erreichte hohe Raumdichte ging von ihnen ein Verstädterungsprozess aus, der städtische Lebensweisen – wenn auch von überwiegend kleinstädtischem Niveau aus – in die Breite vermittelte. Dazu gehörten Bildungseinrichtungen wie Schulen als Wachstumsphänomene einer Stadt (circa 70 % der nachweisbaren Schulen in Städten), aber auch der Einfluss ← 103 | 104 →von neuen Moden (Kleidung, Feste) oder die Beschäftigung mit Geschichte (Chronistik). Rathäuser, Kirchen und Stadttore und Mauern bildeten die hauptsächlichsten Repräsentativbauten, mit denen die Stadt regionale Räume beherrschte. Mit ihren Stadtgerichten und Stadtfrieden unterschieden sie sich vom Umland. Zugleich konzentrierten sie Infrastruktureinrichtungen (Mühlen, Brauhäuser, Brücken et cetera). Schließlich muss die Verbreitung der neuen Tageseinteilung durch Uhren im Zusammenhang mit der Städtedichte gesehen werden; das Verhältnis zwischen Arbeit und Zeit veränderte sich. Universitäten entwickelten sich – wenn auch erst seit der Frühen Neuzeit kontinuierlich – in Würzburg (1402, wiedererrichtet 1582), nach der Reformation in Altdorf (1622) und Bamberg (1649). Lediglich die Waldgebiete des Spessarts, des Steigerwalds und Teile der Rhön blieben städtefrei. Und abschließend: Auch in Franken war die Reformation weitgehend städtisch geprägt. Dies führte unter anderem zu einer konfessionell differenzierten Schullandschaft.

In der Frühen Neuzeit dann kommt es zu einem Konzentrationsprozess der Stadtherrschaften auf die dominierenden Fürsten Frankens.52 Städtegründungen waren nur noch selten. Zum einen war der Bedarf nach neuen Städten nicht mehr gegeben, zum anderen entsprach kommunale Autonomie nicht mehr den Herrschafts- und Staatsvorstellungen der Frühen Neuzeit. Zwischen 1500 und 1800 sind lediglich sechs Neugründungen zu finden: Ostheim (1596) und Kaltennordheim (1668) durch die Wettiner, Hofheim (1576) durch den Würzburger Bischof sowie das nürnbergische Betzenstein (1533) und die beiden markgräflichen Neugründungen Christian- Erlang (1701) und St. Georgen bei Bayreuth (1705: „Neue Stadt zu St. Georgen“).53 Die beiden letzteren folgten einer strengen rechteckigen Grundrissform, wie sie nicht nur in Europa, sondern auch in Amerika zu beobachten ist. Christian- Erlang wurde für die Neuansiedlung der vertriebenen Hugenotten angelegt.

Der entscheidende Beitrag der Städte in der Territorienausbildung wird in einer zunehmenden herrschaftlichen Instrumentalisierung gesehen. Deswegen waren diese Städte in der Regel Zentren der herrschaftlichen Ämterstruktur, einzelne sogar des spätmittelalterlichen Territoriums beziehungsweise ← 104 | 105 →frühmodernen Staates insgesamt. In besonderen Situationen spielten wirtschaftliche Besonderheiten eine große Rolle, so etwa in Goldkronach der Gold- und Silberbergbau, der jedoch ab der Mitte des 15. Jahrhunderts schon wieder an Bedeutung verlor. Die Stadt als Repräsentations- und Statussymbol für eine Herrschaft verlor auch im 18. Jahrhundert nicht ihre Rolle, allerdings sind neue Stadtgründungen wie etwa das bereits erwähnte St. Georgen große Ausnahmen. Meist hatten die fränkischen Landstädte Mühe, den urbanen Charakter überhaupt aufrechtzuerhalten (etwa Baunach, Hofheim, Teuschnitz, Nordhalben). Der Verlust kommunaler Rechte nach der Niederlage im Bauernkrieg 1525 konnte manche Stadt, wie etwa Ludwigsstadt, in die Gefahr des „Abstiegs“ zum Markt bringen. Und die Niederlage des „Gemeinen Mannes“ 1525 zeigte auch im Falle Gerolzhofens, um ein weiteres Beispiel zu nennen, schwerwiegende Folgen.54 Insgesamt gesehen wurden die Städte in der Frühen Neuzeit verstärkt dem obrigkeitlichen Reglement unterworfen, wodurch sie zwangsläufig kommunale Sonderrechte verloren. Die Sonderrolle der Städte wurde in den frühneuzeitlichen Staaten nivelliert.

4. Städte in den Hochstiften Würzburg und Eichstätt

Die Mehrzahl der Städte Frankens besaß, soviel dürfte aus dem generellen Überblick deutlich geworden sein, einen geistlichen Stadtherren, zuvörderst die Bischöfe von Würzburg, Bamberg und Eichstätt. Daneben beanspruchten die Äbte von Fulda mehrere Stadtherrschaften, der Abt von Münsterschwarzach eine. Auf einige Hochstiftsstädte der würzburgischen und eichstättischen Bischöfe soll ein etwas genauerer Blick gerichtet werden.

4.1. Würzburg

Carlburg vnd Carlstat slos vnd stat haben kunig Pipin vnd seine sune, kaiser Carln. den der erst vnd grosse, vnd kunig Carlmann in vfrichtung vnd widmung des newen bistumbs zu Wirtzburg Sant Burckharten dem bischof vnd seinen nachkomen, neben vnd mit anderen schlossern, stetten vnd flecken des erledigten Hertzogtumbs zu Francken zu aigen gegeben vnd zugestelt. Man heltet auch dafur das gemelte schlos vnd stat Carlburg vnd Carlstat von Carlen Martellen, egedachten kunig Pipins vater, herzog in Braband vnd grosmair der Francken empfangen haben, vnd der alten kunig zu Francken kunigliche schatzkamere diser vnd ← 105 | 106 →anderer anstossenden lande gebawet worden vnd iren namen von ime empfangen haben, vf dem gemelten schloß Carlburg gewest sein solle.“55 Mit dieser die frühmittelalterliche Geschichte aufgreifende Erzählung beginnt der bekannte Würzburger Archivar und Berater dreier Fürstbischöfe, Lorenz Fries († 1550), den Eintrag zu Karlstadt in seiner „Hohen Registratur“.56 Ähnlich schreibt er zur Karlburg: „Carlburg ein dorf, ist vor alten zeiten ain closter gewest vnd durch Kaiser Carln den Grossen an den Stifft Wirtzburg gegeben auch volgends demselbigen von den Kaisern vnd Kenigen bestettigt worden.“57 Diese Registratur ist nicht nur ein einfaches Archivrepertorium dieser Tage, sondern, da der Archivar damals in die Politik seines Herrn eingebunden war, ein Herrschaftsinstrument der besonderen Art. Die in der Registratur kopial verzeichneten Urkunden und Schriftstücke konnten bei aktuellen Ereignissen hervorgezogen und in den Auseinandersetzungen eingesetzt werden. Von daher war es für die Würzburger Kanzlei aktuell besonders wichtig, über die Karlstädter Situation informiert zu sein. Deshalb übersprang Fries viele Ereignisse, es fehlt etwa ein Hinweis auf die Stadtgründung durch Bischof Konrad von Querfurt, und setzte zentral wieder im 14. und 15. Jahrhundert ein.

Es war für die würzburgische Verwaltung wichtig zu wissen, wer die Ortsherrschaft in Folge der zahlreichen Verpfändungen jeweils innehatte. Damit wird klar, dass eine Stadtherrschaft kein Selbstläufer war. So versetzte Bischof Johann von Egloffstein die Stadt an das Domkapitel, ebenso wie „stat vnd ambt Melrichstat“.58 Derselbe Bischof hatte auch 1405 „das dorf Carlburg mit allen seinen zu vnd eingehorungen Dietzen von Thungen dem Jungeren fur 950 guldein vf ablosung verschriben vnd nichts vorbehalten dann erbhuldung, volg, steur vnd bete“.59 Der Thüngen konnte die grundherrschaftlichen und gerichtsrechtlichen Einnahmen in der Zeit der Verpfändung einnehmen, Huldigung, Steuer und ← 106 | 107 →Heeresfolge blieben beim Bischof. Die Bewohner von Karlburg mussten damit zwei Herren dienen. Das Wissen, dass zu der Burg Burgmänner gehörten sowie Güter, mit deren Erträgen die Besatzung bezahlt werden sollten, war im frühen 16. Jahrhundert noch vorhanden.60

Die Bischöfe kümmerten sich auch um die wirtschaftliche Situation der Stadt: Bischof Johann von Brunn hat „auch der stat Carlstat trei jarmerckt nemlich den ersten vf sontag Quasimodogeniti, den 2. vf sontag vor sant Jacobs tag, den 3 vf sontag nach vnser lieben frawen geburtstag, vnd dann ain wochenmark, allen sambstag, geschehen am triten Ostertag im 1438 jare“. Die Einnahmen aus dem Rathaus, das auch immer als Kaufhaus diente, wurden zwischen Stadt und Bischof geteilt: „Kauf oder Rathaus zu Carlstat, was man aus den läden vnd sunst fur zins davon hat, stet halb vnserm gnedigen heren vnd halb der stat zu.“ Schließlich musste der Bischof seine Zustimmung geben, dass eine neue Mühle gebaut werden durfte, welche die Schifffahrt auf dem Main nicht beeinträchtigen durfte: „Bischof Johanns von Brun hat den burgeren zu Carlstat vergont ain muln in Main zubawen, doch dem wasserstrom vnd schiffart on schaden, vnd das die mullere nit zu grosse nutz nemen auch ime vnd seinen nachkomen jherlich XII malter korns zu gulte geben sollen, am dinstag nach Quasimodogeniti anno 1436.“61

Das Karlstädter Beispiel führt mitten hinein in die verwickelte fränkische Geschichte und damit auch in die Stadtgeschichte. Die „Hohe Registratur“ vermittelt einen spannenden Einblick auch für andere Landstädte: „Wie aus dem dorf Dettelbach ain stat gemacht worden ist. Dettelbach ist bis dahere ain dorf gewest, aber aus vergunstigung kaiser Friderichen jn dem jore des heren 1484 zu ainer stat gemacht, vnd der selben stat freihait vnd recht geben worden, wie andern stetn im stift gelegen.“62

Lorenz Fries schildert eine spätmittelalterliche Stadtgründung im Hochstift Würzburg mit einer kaiserlichen Bestätigung. Aber war dem so? Nun, Lorenz Fries hat die Sache etwas verkürzt dargestellt. Dettelbach war schon längere Zeit ein bedeutsamer Ort als Burgsitz der Ritter von Dettelbach, ehemals hohenlohische Ministeriale, die den Ort als würzburgisches Pfand lange Zeit beherrschten.63 Seit 1331 hatten die Bischöfe in dem Ort Fuß ge← 107 | 108 →fasst.64 Mitte des 15. Jahrhunderts erwarb das Würzburger Benediktinerkloster St. Stephan umfangreichen Besitz, Bischof Rudolf II. von Scherenberg bemühte sich anschließend erfolgreich um eine Wiedereinlösung des Pfandes und der Rückführung Dettelbachs in die bischöfliche Hände. Bereits 1482 hatte er eine „Ordnung“ („Policeyordnung“) erlassen.65 Darin hatte er für das noch Dorf genannte Dettelbach einen inneren und äußeren Rat genehmigt; die Bewohner wurden bereits als Bürger bezeichnet und deren Rechte unter der Aufsicht des bischöflichen Schultheißen geregelt. Die Königsnähe des Bischofs hat Kaiser Friedrich III. wohl dazu bewogen, Dettelbach 1484 formal den Status einer Stadt zu geben,66 Bischof Rudolf baute die Stadt, die nunmehr so auch in den bischöflichen Urkunden (etwa 1487)67 bezeichnet wurde, zu einem Amtssitz aus. Den Bürgern wurden alte Gastungsrechte des Bischofs erlassen, mussten dafür einen Teil des Ungelds an ihn abführen.68 Gleichzeitig gewährte er ihnen drei Jahresmärkte und einen Wochenmarkt.69 Die ← 108 | 109 →pfarrliche Eigenständigkeit folgte. Die Gerichtsrechte von St. Stephan wurden ebenfalls von Bischof Rudolf im selben Jahr abgelöst.70 Der Bischof hatte einen zusätzlichen zentralen Ort, sowohl wirtschaftlich wie auch administrativ und gerichtlich, im Bereich seines Hochstiftes, also seines weltlichen Herrschaftsbereiches. Ein fürstbischöflicher Amtskeller war politisch wie auch gesetzgeberisch tätig, ein Schultheiß stand sowohl dem Dettelbacher Stadtgericht wie auch den Gerichten in den Dörfern des Amtes vor. Steuern und Zinsen mussten von den Bewohnern in Dettelbach bei der bischöflichen Verwaltung abgeliefert werden. Im ausgehenden 16. Jahrhundert betrug die Bevölkerungszahl im Amt annähernd 1.758 Einwohner, davon 1.281 in Dettelbach selbst. Hinzu kamen noch die Bewohner anderer Herrschaften innerhalb des Amtes, unter ihnen markgräfliche. Mit der Stadtgründung wurde der Ort am Main ein würzburgischer Verwaltungs- und Gerichtsmittelpunkt – Sitz eines Amtes eben. Die Stadtgründung hatte also eine entscheidende Begründung im Herrschaftsausbau des Würzburger Bischofs in der Grenzregion zur Markgrafschaft.

Lorenz Fries schätzte die Bedeutung der Städte sehr hoch ein. In seiner „Hohen Registratur“ hat er zahlreiche und ausführliche Einträge zu den einzelnen Hochstiftsstädten verfasst. Dabei hat er in regestartiger Form die wichtigsten, im Würzburger Archiv für diese Städte vorhandenen Urkunden zusammengefasst. Aber auch kleine Ortsgeschichten sind in der Registratur enthalten: Neben Karlstadt ist etwa Neustadt an der Saale zu nennen, dem Fries ebenfalls eine Gründungsgeschichte widmet: „Es sein etwan zwai dorfer in disem ambt gelegen, vnd das ain Ober das ander Vnder Saltz genant, aber aus dem ainen vnd nemlich Vndersaltz ist ain stat gemacht worden, die an gebewen, leuten, gutern, handel, wandel vnd anderen burgerlichen wesen dergestalt zugenomen vnd gewachsen, das si heut zutag vnder anderen des Stiffts W[ürzburg] steten nit die geringste ist. Wann aber solchs beschehen sei davon ist kain gewis vrkund noch antzaigung vorhanden, doch allerlai gelegenhait noch acht ich darfur, es sei in regierung B[ischof] ← 109 | 110 →Herman des ersten des namens gebornen heren von Lobdeburg beschehen, bei dem ich auch erstlich ain stat genent find anno 1232.“71

Im besonderen Interesse standen bei Fries immer die rechtlichen Bindungen der Städte zu den Bischöfen. So werden etwa besonders viele Hinweise auf die Stadt Lauda gegeben, weil diese häufig verpfändet war und der Bischof seine Stadtherrschaft gegen Ansprüche der Herren von Hohenlohe beziehungsweise der Pfalzgrafen bei Rhein beständig durchsetzen musste. Dabei wird auf die frühe Inbesitznahme durch Würzburg verwiesen: „Lauden da sein vor alten zeiten heren gesessen vnd hat dem Stifft W[ürzburg] sein leben lang lehen gemacht vnd nach seinem dot zu aigen geben im jare des Heren 1169. Wie schloß vnd stat Lauden an die hertzogen von Bairen komen, davon find ich nichts bei der cantzlei, aber volgender zeit haben die heren von Hohenlohe, bede schlössere vnd stete Lauden vnd Jagsberg (villeicht durch ainen heirat an sich bracht). vnd die bede dem Stifft W[ürzburg] zukauffen geben, wie in der rechtvertigung zwischen hertzog Wilhelmen von Bairen (der die widerlosung daruf haben wollen) vnd Bischof Conraten von Thungen ergangen […].“72 Mit dem Argument der frühen würzburgischen Inbesitznahme fundiert Fries in vielen Fällen die Herrschaftsansprüche in seiner Gegenwart. Er ist eben Historiker und Politiker!

Auch Meiningen gehörte seit den Zeiten der Bamberger Bistumsgründung, also seit dem beginnenden 11. Jahrhundert, zu Würzburg: „Mainingen ain burg stat vnd ambt im Grabfelt gelegen“ sei „dem Stifft W[ürzburg]“ unterworfen.73 Oder, um ein weiteres Beispiel zu nennen, Möckmühl soll, so Fries, bereits seit den Zeiten Heinrichs III. immer zu Würzburg gehört haben: „Meckmülen etwan Megdmülen genant etliche gefelle vnd nutzung daselbst hat kunig Hainrich der trit Bischof Brunen vnd seinem stifft zu aigen gegeben, am anderen tag des jäners anno 1042. So ist sunst das schloß, dergleichen die stat Meckmuln des stifft W[ürzburg] aigentumb vnd der herschafft Hohenlohe lehen gewest […].“74

Intensiv beschäftigte sich der bischöfliche Archivar mit Kitzingen, einer Stadt, deren Stadtherrschaft höchst umstritten war. „Kitzingen die stat am Main zum merern tail sambt seinen zu vnd eigen des stiffts Wirtzburg aigenthumb zum mererntail vnd der Marggraven zu Onoldbach pfandschaft ist etwan der heren von Hohenlohe zum teil frei aigen zum tail lehen gewest, das si vom reich entpfangen ← 110 | 111 →vnd getragen haben.“75 Mit der für fränkische Städte nicht ungewöhnlichen Situation, mehrere und zum Teil zeitlich wechselnde Stadtherren zu besitzen, beginnt der Registratureintrag. Fries setzt mit dem Kauf des städtischen Anteils der Grafen von Hohenlohe 1336/ 39 ein. Aber genau hier hat Fries schon ein Verwaltungsproblem: „Den Kaufbrief hab ich nit gefunden“ – so stellt er resigniert fest, er müsse aber stattgefunden haben, weil die nachfolgende Tauschbelehnung der Hohenlohe mit der würzburgischen Stadt Möckmühl in der Registratur kopial auffindbar wäre; er erschließt also die verlorene Kaufurkunde durch eine vorhandene.

Es war dann die Empörung der Bürger der Bischofsstadt Würzburg im Bündnis mit anderen Hochstiftsstädten, die Bischof Gerhard von Schwarzburg 1399 zwang, seinen Anteil an der Stadt Kitzingen an die Nürnberger Burggrafen Johann und Friedrich zu verpfänden, um diese für ihre Unterstützung bei der Niederwerfung des städtischen Aufbegehrens zu entlohnen. Erneut hat Fries Schwierigkeiten, denn er kann den Umfang des Würzburger Anteils an Kitzingen, der nun verpfändet war, erst aus einer nachfolgenden Urkunde – von 1405 – feststellen: „[…] lauter meldung davon, das es der tritail sei gewest vf der stat Kitzingen weniger aines sechzehendentails am gantzen wie dan zum tail hievor angezaigt vnd hernach ferner gemeldt wurt.“76

Damit war aber auch ein Jahrhunderte andauernder Streit vorprogrammiert, nämlich wer welche Rechte an der Stadt Kitzingen habe. Es kam 1404 zu einem Schiedsgericht in Bamberg, aber nicht dieses, sondern ein weiteres legte ein Jahr später fest, dass der Burggraf die Stadtrechte des Bischofs an seinem Drittel minus ein Sechzehntel nicht streitig machen dürfe. Die Bürger sollten dem Bischof für seinen Anteil an der Stadtherrschaft auch huldigen, die Stadtsteuer sollte entsprechend geteilt werden; Tore, besonders gegenüber dem Benediktinerinnenkloster, mussten von den Burggrafen offen gehalten werden; Ladungen vor den jeweiligen Landgerichten der beiden Herren mussten formal korrekt angezeigt werden und durften keinesfalls mit Gewalt erfolgen. Für diese burggräflichen Zugeständnisse hob der Bischof im Gegenzug den über die Stadt verhängten Bann auf. Und zugleich trat dann auch noch eine vierte Partei auf, die Grafen von Wertheim. Deren Rechte am Zoll zu Kitzingen sollten in keiner Weise geschmälert werden. Schließlich wurde das Würzburger Recht auf Wiedereinlösung des Pfands von burggräflicher Seite ausdrücklich anerkannt.77

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Damit waren aber die Fronten nicht für alle Zeiten geklärt. Fries hat erneut Schwierigkeiten, die weitere Entwicklung urkundenmäßig mit der ihm vorliegenden Überlieferung weiter zu verfolgen. Immerhin: 1405 erwarb Würzburg von Hans von Hohenlohe ein weiteres Drittel an der Stadt: „Vnd ist an disem ort zumercken, das von der gantzen suma ain sechzehend tail erstlich vnd dan der trittail den Burggraven, vnd die anderen zwen dritail dem stifft Wirtzburg zugeburen wie dan solchs aus ainer missiven so Bischof Johanns an burgermaister vnd rathe zu Kitzingen gethan hat, lauter zuvernemen ist.“78 Peinlich genau möchte der Archivar die Rechte der Würzburger Bischöfe in Kitzingen belegen können. Für seine Akkuratesse spricht ein kleines Detail am Rande: „Anno predicto 1406 hat Burggrave Fridrich von Nurenberg die mark zu Brandenburg erkaufft die in gewer vnd geseß gewonnen vnd sich furter davon geschriben.“ Aber einer gewissen Bosheit und Arroganz kann er sich als politisch agierender Archivar dann doch nicht enthalten. Trotz dieser Klarstellung spricht er erst seit den 1430er Jahren tatsächlich von Markgrafen, zuvor benutzt er den geringeren Titel der Burggrafen.

Die Pfändungsgeschichte wird im gesamten 15. Jahrhundert, von Bischof zu Bischof, penibel verfolgt, auch die mehrmaligen Vereinbarungen zwischen Würzburg und Ansbach über die Aufteilung der Kitzinger Stadtsteuer. Ebenso werden die von jedem neuen Bischof geforderten Huldigungen der Bürgerschaft aufgezeichnet: 1495 vor Lorenz von Bibra, 1519 vor Konrad von Thüngen, 1541 vor Konrad von Bibra, 1546 vor Melchior Zobel.79

Fries hält – darauf weisen auch die Karlstädter Eintragungen hin – erneut die wirtschaftlichen Privilegien der Würzburger Hochstiftsstädte fest: „Anno 1356 hat bischof Albrecht von Hohenlohe zu Melrichstat ain schriftliche freihait geben, das si alle jare vff S. Lorentzen tag ain tag darvor vnd ain tag darnach ainen freien jarmarkt halten mögen.“80 Oder für Röttingen: „Jarmarckt hette die stat Rottlingen alwegen […]“, und für Münsterschwarzach: „Jarmarckt zu stat Schwartzach.“81

In diesen wirtschaftlichen Zusammenhang gehört natürlich auch die Vergabe von Rechten und Lehen in einer Stadt. Penibel wird in der Registratur festgehalten, welchem Adeligen oder welchem Kloster der Bischof Lehen vergeben hat, ← 112 | 113 →nicht nur im Falle von Städten, sondern auch in Dörfern, wie etwa im Falle des „dorffs“ Northeim im Grabfeld den Klosterfrauen von Wechterswinkel.82

Schließlich werden die politischen Rahmenbedingungen, allen voran die bischöflichen Stadtrechte verzeichnet. Entsprechende Hinweise gibt es dann für Neustadt an der Saale: „[…] des ietzgemelten 1435 jars am freitag nach Letare gab bischof Johanns von Brun den burgern zue Newenstat ain gemaine burger oder stat ordnung […]“ beziehungsweise „[…] Anno 1478 am sambstag nach Circumcisionis hat bischof Rudolf den burgeren zue Neuenstat ain gemaine statordnung geben.“83 Oder für das bereits erwähnte Northeim: „Northaim vor der Rone weisthumb, vnd was der stift vnd die Gemein alda fur gerechtigkait hat findest du […].“84 Auf weitere städtische Beispiele aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts kann hier nur summarisch hingewiesen werden: „[…] Geroltzhofen statordnung […] Melrichstat statordnung […] Munerstat statordnung durch bede herschaften Wirtzburg vnd Hennenberg […] Volkach der stat ordnung.“85

Landstadt als politische Rechtsform bedeutete nicht automatisch politisches Wohlgefallen der Bewohner gegenüber dem Stadtherrn. Gerade die würzburgischen Hochstiftsstädte haben die Hauptstadt in ihrem Kampf um Unabhängigkeit unterstützt, mussten aber 1400 in der berühmten Schlacht von Bergtheim eine Niederlage einstecken. So heißt es dann in der Registratur unter Neustadt an der Saale: „Es heten sich Burgermaister, rath vnd gemainde zue Neuenstat mit W[ürzburg] vnd anderen steten wider Bischof Gerharten verbünden, wurden aber bei Berchthaim geschlagen vnd von gemelten Bischof Gerharden wider zu gnaden angenomen vnd vertragen.“86

Für Lorenz Fries waren die Städte Herrschaftsmittelpunkte im Hochstift. Sie hatten eine funktionale Aufgabe für die bischöfliche Landesherrschaft. Fries betonte das wirtschaftliche und politische Interesse der Bischöfe an diesen Orten – als Mittel für die Geldleihe mit Hilfe von Verpfändungen oder als Objekte in der Auseinandersetzung und Ausschaltung konkurrierender Machtansprüche anderer Fürsten, Grafen und Herren. Kommunale Freiräume wurden ← 113 | 114 →in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts als antiquiert und überholt angesehen. Die Würzburger Bischöfe versuchten – wie alle anderen Territorialherren der Zeit auch – die Städte als wichtigen Bestandteil eines sich vereinheitlichenden und auf die Hauptstadt mit der dortigen Landesverwaltung sich ausrichtenden frühmodernen Staates zu instrumentalisieren. Würzburg stand mit einem solchen territorialen Ansatz nicht allein, ein knapper Blick auf das Hochstift Eichstätt möge dies illustrieren.

4.2. Eichstätt

Auch im Falle Eichstätts bildete der Bischofssitz die Grundlage für die älteste Stadt im Hochstift. Im 14. Jahrhundert lassen sich viele kleinere Städtegründungen an den Rändern der Territorien beobachten. Kleinstädte waren „im besonderen Maße Instrumente landesherrlicher Politik“ (Peter Johanek).87 Im 15. Jahrhundert folgten eine Vielzahl von Märktegründungen und Städteausbauten in der Binnenlage der Hochstifte.88

Ein Blick auf die hoch- und spätmittelalterlichen Eichstätter Bischofsbiographien zeigt, dass sich praktisch alle Bischöfe mehr oder weniger intensiv um den Ausbau ihrer Städte, Märkte und Burgen kümmerten, um mit deren Hilfe den Landesausbau voranzutreiben.89 Im Falle Eichstätts lassen sich zwei Verdichtungsphasen festhalten, nämlich um 1300 und in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Um 1300 bestanden die Bischöfe erfolgreich die Auseinandersetzungen mit ihren beiden mächtigen Hochstiftsvögten (Hirschberg, Oettingen). In dieser veränderten politischen Konstellation erfolgte der bischöfliche Zugriff auf Eichstätt und Berching als Schwerpunkte im Unterstift, denen 1310 dann, durch königliche Übertragung, der Markt Greding hinzugefügt werden konnte. Die Zentren des östlichen Oberstifts wurde aus den Händen der Burggrafen von Nürnberg erworben, nämlich Spalt (1294) und Abenberg (1296), ← 114 | 115 →schließlich 1301 Pleinfeld. Den Oettingern wurden schließlich Herrieden und Ornbau (1310/ 11) entrissen, die fortan die verwaltungsmäßigen beziehungsweise wirtschaftlichen und bei Herrieden auch religiösen Mittelpunkte des westlichen Oberstifts bildeten. Insgesamt verläuft dieser Prozess im Hochstift Eichstätt fast ein Jahrhundert später als in anderen Hochstiften.

In der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts erfolgte ein Binnenausbau des Hochstifts. Maßnahmen zur Wirtschaftsförderung wie etwa die Bestätigung und Koordinierung von Jahrmärkten (1482) sowie der Erwerb der Märkte Dollnstein (1440) und Arnsberg (1475) und die Erhebung Arbergs (1454) und Pleinfelds (1483) zu Märkten schlossen sich an. Die mehr oder weniger systematischen Bestätigungen von Handwerkerordnungen gehören ebenfalls in diesen Zusammenhang. Die militärische Sicherung der bischöflichen Gebiete wurde zudem durch einen verstärkten Mauerbau forciert: Nassenfels, Mörnsheim und Dollnstein – alle im Südwesten des Unterstifts an der Grenze zum Herzogtum Bayern gelegen – wurden militärisch stärker gesichert. Auch Ornbau im Oberstift erhielt unter Bischof Wilhelm von Reichenau eine neue Ummauerung. Zu seiner Zeit wurden zudem an mehreren bereits bestehenden Befestigungen (Beilngries, Greding) gearbeitet.

5. Fazit

Die für Franken typische Herrschaftszersplitterung brachte eine große Städtedichte hervor.90 Damit grenzte sich die Region stark vom bayerischen Herzogtum ab, das wenige Städte, aber relativ viele Märkte kannte. Meist handelte es sich, insbesondere bei den Stadtgründungen im Spätmittelalter, um kleinere beziehungsweise Kleinstorte mit geringen Chancen für eine intensive kommunale wie wirtschaftliche Entfaltung. In Franken dominieren daher, von Nürnberg und den Bischofsstädten abgesehen, Städte mit einer niedrigen Bevölkerungszahl (geschätzt 800–2.000), die sich von jener größerer Dörfer bisweilen kaum unterschied. Städtegründungen des 12. und beginnenden 13. Jahrhunderts betrafen meist wirtschaftlich wie herrschaftlich zentral gelegene präurbane Siedlungen in der Umgebung von Burgen, Klöstern und Stiften, zum Teil mit frühmittel-alterlichen Wurzeln. Stadtprivilegierungen des 14. und 15. Jahrhunderts hatten primär eine herrschaftsabgrenzende (Stadt als „Großburg“ in Grenzlage) und nur sekundär eine wirtschaftliche Zielsetzung. Die Lage an einem Fluss (Main, ← 115 | 116 →Regnitz, Pegnitz, Altmühl) war eine bevorzugte und stets gesuchte. Als Trend lässt sich grosso modo behaupten: Je älter eine Stadt war, desto größer erwies sich die Chance zu einer umfassenderen kommunalen wie wirtschaftlichen Entfaltung.

Die Bedeutung der Städte für die historische Entwicklung dürfte in Franken außer Frage stehen, besonders ihr Beitrag zur generellen Urbanisierung des Raumes. Ihre Bewertungen sind aber auch abhängig von den jeweils gängigen landesgeschichtlichen Forschungsansätzen,91 die sie einmal mehr wirtschaftlich, einmal mehr in ihrer für den Ausbau der Landesherrschaft dienenden Funktion oder mehr als rechtlichen Sonderbezirk beleuchten. Die allgemeine stadtgeschichtliche Forschung hat sich naturgemäß eher auf die Großstädte wie Nürnberg oder Augsburg, Köln oder Straßburg gestürzt, weil hier die Quellenlage ungleich besser ist als etwa für Langenzenn, Arzberg oder Thüngen, um willkürlich drei Beispiele aus den fränkischen Regierungsbezirken heranzuziehen. Von der Geographie kommend wurde zunehmend der Begriff der Zentralität in der Geschichtsforschung heimisch. Damit wird die Stadt in ihrer Funktionalität für das sie umgebende Umland gesehen und bewertet. Gerade in Franken mit seiner ausgeprägten Vielfalt von Herrschaftsträgern und - formen ist dieser Ansatz weiterführend, um die damit entstandene Städtelandschaft besser analysieren und verstehen zu können.


1 Eberhard Isenmann, Die deutsche Stadt im Spätmittelalter, Stuttgart 1988, Köln/ Weimar/Wien 22014, S. 19; Ulrich Knefelkamp, Alltag in der Stadt und auf dem Land im späten Mittelalter, in: Reinhardt Butz / Gert Melville (Hg.), Coburg 1353. Stadt und Land Coburg im Spätmittelalter (Schriftenreihe der Historischen Gesellschaft Coburg 17), Coburg 2003, S. 41–64, hier: S. 56; Karlheinz Blaschke, Kaufmannssiedlungen als Frühformen städtischer Entwicklung, in: Kurt- Ulrich Jäschke / Christian Schrenk (Hg.), Was macht im Mittelalter zur Stadt? Selbstverständnis, Außensicht und Erscheinungsbilder mittelalterlicher Städte, Heilbronn 2007, S. 91–124, hier: S. 94.

2 Wolfgang Wüst (Hg.), Frankens Städte und Territorien als Kulturdrehscheibe. Kommunikation in der Mitte Deutschlands, Neustadt an der Aisch 2008.

3 Wolfgang Wüst (Hg.), Regionale Konsumgeschichte vom Mittelalter bis zur Moderne (Franconia 7. Beihefte zum Jahrbuch für fränkische Landesforschung), Stegaurach 2015.

4 Helmut Flachenecker, Heilige Bischöfe als einheitsstiftende Klammer für mittelalterliche Diözesen, in: Römische Quartalschrift 97, 2002, S. 194–214.

5 Helmut Flachenecker, Geistliche Stifte als Kristallisationskerne für Orte der Herrschaft und Motoren für Urbanität in Franken, in: Ders. / Rolf Kießling (Hg.), Urbanisierung und Urbanität. Der Beitrag der kirchlichen Institutionen zur Stadtentwicklung in Bayern (Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte [künftig: ZBLG], Beihefte 36), München 2008, S. 15–48.

6 Helmut Flachenecker / Rolf Kießling (Hg.), Städtelandschaften in Altbayern, Franken und Schwaben. Studien zum Phänomen der Kleinstädte während des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit (ZBLG, Beihefte B 15), München 1999.

7 Helmut Flachenecker / Rolf Kießling (Hg.), Schullandschaften in Altbayern, Franken und Schwaben. Untersuchungen zur Ausbreitung und Typologie des Bildungswesens in Spätmittelalter und Früher Neuzeit (ZBLG, Beihefte B 26), München 2005.

8 Kerstin Geßner, Die Vermessung des Kosmos. Zur geometrischen Konstruktion von urbanem Raum im europäischen Mittelalter, Köln 2020, S. 11.

9 „Altfränkische“ Definitionen im Rahmen von Romantik und Heimatschutzbewegung bis hin zur Identitätsfindung in der Gegenwart werden für die Region Spessart neuerdings diskutiert bei: Anika Magath, Der Spessart als Kulturlandschaft. Blickwinkel auf eine Kulturlandschaft und das Projekt der Europäischen Kulturwege (Veröffentlichungen des Geschichts- und Kunstvereins Aschaffenburg 69), Aschaffenburg 2020.

10 Helmut Flachenecker, Landschafts- und Reichsbindung von Städten in Franken, in: Johannes Merz / Robert Schuh (Hg.), Franken im Mittelalter. Francia orientalis, Franconia, Land zu Franken: Raum und Geschichte (Hefte zur Bayerischen Landesgeschichte 3), München 2004, S. 167–187.

11 Dass dieser Prozess in der Gegenwart andauert, zeigt die aktuelle Diskussion um die Bewohnbarkeit der gegenwärtigen urbanen Zentren im Angesicht der Herausforderung des globalen Klimawandels!

12 Ilke Marschall, Wozu Kulturlandschaftsschutz? Motivationen, mögliche Ziele sowie Möglichkeiten eines lebendigen Kulturlandschaftsschutzes, in: Alfred Toepfer Akademie für Naturschutz (NNA) (Hg.), Umgang mit historischer Kulturlandschaft. NNA-Berichte, 23. Jahrgang, Heft 1, 2010, S. 70–77.

13 Harald Plachter / Mechthild Rössler, Cultural Landscapes. Reconnecting Culture and Nature, in: Bernd von Droste / Harald Plachter / Mechthild Rössler (Hg.), Cultural Landscapes of Universal Value – Components of a Global Strategy, Jena 1995, S. 15–18.

14 Lester B. Rowntree, The Cultural Landscape Concept in American Human Geography, in: Carville Earle / Ken Mathewson / Martin S. Kenzer (Hg.), Concepts in human geography, Lanham/ Md. 1996, S. 127–160.

15 Karl Heinz- Spieß (Hg.), Landschaft im Mittelalter, Stuttgart 2006; Enno Bünz / Werner Freitag, Räume und Grenzen. Traditionen und Konzepte der Landesgeschichte. Epochenübergreifende Sektion auf dem 45. Deutschen Historikertag, in: Blätter für deutsche Landesgeschichte 139/ 140, 2003/ 2004, S. 145–338; Jörg Döring / Tristan Thielemann (Hg.), Spatial turn. Das Raumparadigma in den Kultur- und Sozialwissenschaften, Bielefeld 2008; Wilfried Reininghaus / Bernd Walter (Hg.), Räume – Grenzen – Identitäten (Forschungen zur Regionalgeschichte 71), Paderborn 2013; Sigrid Hirbordian / Christian Jörg / Sabine Klapp (Hg.), Methoden und Wege der Landesgeschichte (Landesgeschichte 1), Ostfildern 2015; Holger Gräf / Alexander Jendorff / Piere Monnet (Hg.), Land – Geschichte – Identität (Quellen und Forschungen zur hessischen Geschichte 174), Darmstadt/ Marburg 2016; Falk Bretschneider / Christoph Duhamelle, Fraktualität. Raumgeschichte und soziales Handeln im Alten Reich, in: Zeitschrift für Historische Forschung 43, 2016, S. 703–743.

16 Heinz- Dieter Heimann, Landschaften – Musiklandschaften: Wie Raumkonstrukte der Geschichtswissenschaft „kreative Räume“ adressieren, in: Sabine Meine / Arnold Otto / Johannes Süßmann (Hg.), Musiklandschaften zwischen Pader und Rhein. Pluralisierung und Verflechtung entlang des Hellwegs in der Frühen Neuzeit (Musik – Kultur – Geschichte [die Bandnummer steht noch nicht fest]), Würzburg 2020 [in Vorbereitung].

17 Heinz- Dieter Heimann, Klöster und Landschaften, in: Frank Göttmann / Eva Maria Seng (Hg.), Die Landschaft. Kultur, Natur- , Wissenschafts- und Erfahrungsräume [erscheint demnächst], [S. 2]: „Als fernes Ziel solcher Arbeiten könnte ein Atlas monastisch- kultureller Codierungen von Räumen stehen, deren Formate Klöster und Landschaften als kognitive Landschaften, als Identitätsräume ausweisen.“

18 Hennebergisches Urkundenbuch 4, hg. v. Georg Brückner, Meiningen 1861, S. 195–197, Nr. 335 (1387 März 12): „[…] vnsern Steten mit Wirtzburg, Karlstat, Iphofen, Gerolcshofn, Nuwenstat, Meynungen, Mellerstat, Kunitzshoven, Fladungen, Bischoffsheim, Sesselbach, Ebern, Hasfurt, Eltmeyn, Botingen, Hohenburg, Rotenfels, Gemunde, Aernstein, Bybert […].“

19 Matthaeus Marian, Topographia Franconiae das ist Beschreibung vnd eygentliche Contrafactur der vornembsten Stätte vnd Plätze des Franckenlandes vnd deren die zu dem hochlöblichen Fränkischen Craiße gezogen werden, Frankfurt 1656, ND Braunschweig 2005, S. 3–5. – Die Texte stammen von Martin Zeiller aus Ulm. Zu Merian und zur Topographie vgl.: Uwe Müller (Hg.), Matthäus Merian d.Ä. Ätzkünstler und Verleger (Veröffentlichungen des Stadtarchivs Schweinfurt 17), Schweinfurt 2003, zur Topographie: S. 115–133.

20 Merian, Topographia Franconiae (wie Anm. 19), S. 6, 15.

21 Ebd., S. 14.

22 Mathäus Merian, Topographia Sueviae […], Frankfurt 1643, ND Braunschweig 2005, S. 58. Ein weiterer Ort an dieser Grenze war das bei Hall gelegene Kloster Murrhardt, so Staatsarchiv Würzburg (künftig: StAWü), Standbuch 1012, fol. 496 v [hier wird nach der neuesten, dafür auch durchgängig verlaufenden Blattzählung zitiert!]: „Murrhart ain closter Benedicter ordens zwo meil hinder der stat Hall am Kochen, in den grenitzen der Franken vnd Schwaben gelegen […].“

23 Ernst Schubert, Franken als königsnahe Landschaft unter Karl IV., in: Blätter für Deutsche Landesgeschichte 114, 1978, S. 865–890, hier: S. 867.

24 Ludwig Schnurrer, Die Reichsstadt Rothenburg im Zeitalter Karls IV. 1346–1378, in: Blätter für Deutsche Landesgeschichte 114, 1978, S. 563–612, bes.: S. 606–609: Rothenburg war bei den fränkischen Landfrieden von 1340, 1349, 1353, 1358 (Landfriede zu Rothenburg), 1368, 1371 beteiligt, gehörte aber 1352 bzw. 1357 zu schwäbischen Städtebünden. Am 17. Mai 1378, wenige Wochen vor Karls Tod, hat es sich „für den harten, antifürstlichen Kurs der schwäbischen Städte entschieden.“

25 Ute Jäger, Weißenburg und seine Beziehungen zu den schwäbisch- fränkischen Reichsstädten im Spätmittelalter, in: Flachenecker / Kießling, Städtelandschaften (wie Anm. 6), S. 188–220.

26 Karl Zeumer, Die Goldene Bulle Kaiser Karls IV., 2 Teile (Quellen und Studien zur Verfassungsgeschichte des Deutschen Reiches in Mittelalter und Neuzeit 2/ 1–2), Weimar 1908/ 09, hier: Teil 2, S. 11.

27 Gerhard Pfeiffer (Bearb.), Quellen zur Geschichte der fränkisch- bayerischen Landfriedensorganisation im Spätmittelalter, München 1975, Nr. 373 (1398 März 2).

28 Ebd., Nr. 727 (1423 Okt. 21).

29 Ebd., Nr. 62 § 28 (1368 Nov. 24). Ediert bei: Ernst Fischer, Die Landfriedensverfassung unter Karl IV., Diss. phil., Göttingen 1883, S. 114.

30 Statt die verschiedenen stadtgeschichtlichen Forschungen im Einzelnen aufzuführen, genüge ein genereller Hinweis auf: Rainer A. Müller (Hg.), Reichsstädte in Franken, 2 Bde., München 1987.

31 Pfeiffer, Quellen (wie Anm. 27), Nr. 694 (1414 Okt. 1).

32 StAWü, Standbuch 1012, fol. 378 v (Stichwort „Lantfrid“).

33 Pfeiffer, Quellen (wie Anm. 27), Nr. 139 (1389 Mai 5).

34 Ebd., Nr. 309 (1395 Juni 11).

35 Ebd., Nr. 414 (1404 Juli 11).

36 Ebd., Nr. 728 (1423 Nov. 24).

37 Ebd., Nr. 747 (1427 Febr. 5).

38 Zu Neustadt an der Aisch vgl.: Helmut Flachenecker, Die Rolle Neustadts an der Aisch in den Fränkischen Landfrieden, in: Streiflichter aus der Heimatgeschichte 2003, hg. v. Geschichts- und Heimatverein Neustadt an der Aisch, S. 1–6.

39 Die folgende Gesamtdarstellung verzichtet auf eine ausführliche Bibliographie; stattdessen soll auf die kartenmäßige Darstellung von Helmut Flachenecker, Städtelandschaft Franken, in: Wolfgang Jahn / Jutta Schumann / Evamaria Brockhoff (Hg.), Edel und Frei. Franken im Mittelalter (Veröffentlichungen zur Bayerischen Geschichte und Kultur 47/ 4), Augsburg 2004, S. 308–312, verwiesen werden sowie auf Markus Naser, Digitale Karten zur Geschichte der Städte in Franken (Mainfränkische Studien 79), Baunach 2010. – Im Internetportal Historisches Unterfranken befindet sich eine Datenbank zur Geschichte der einzelnen fränkischen Städte: http://www.historischesunterfranken.uni-wuerzburg.de/staedte/staedte.php (letzter Zugriff: 24.8.2020).

40 Helmut Flachenecker, Der Bischof und sein Bischofssitz: Würzburg – Bamberg – Eichstätt im Früh- und Hochmittelalter, in: Römische Quartalschrift für christliche Altertumskunde und Kirchengeschichte 91, 1996, S. 148–181.

41 Regesta Imperii Online, Regesten Pfalzgrafen 2, Nr. 990 (1401 Juni 24 Mergentheim), URL: http://www.regesta-imperii.de/regesten/10-0-0-ruprecht/nr/1400-08-22-1-0-10-0-0-6290-6675.html?tx_hisodat_sources%5B%40widget_0%5D%5BcurrentPage%5D=20&cHash=774dc3f821d16a03cf10c558b94c0888#rinav (letzter Zugriff: 24.8.2020); Joseph Chmel (Hg.), Regesta chronologico- diplomatico Ruperti regis Romanorum, Frankfurt 1834, Nr. 476 mit falscher Ortsangabe „Offheim“.

42 Regesta Imperii Online, Regesten Pfalzgrafen 2, Nr. 5552 (1408 Oktober 28 Nürnberg), URL: http://www.regesta-imperii.de/regesten/10-0-0-ruprecht/nr/1400-0822-1-0-10-0-0-6290-6675.html?tx_hisodat_sources%5B%40widget_0%5D%5Bcurrent-Page%5D=112&cHash=8502a0442cd7f48b6e2fdc47f1d65203#rinav (letzter Zugriff: 24.8.2020); Chmel, Regesta Ruperti (wie Anm. 41), Nr. 2670.

43 Christa Benedum / Karl- Peter Büttner / Gerhard Egert / Franz Pfrang / Werner Stahr, Astheim und seine Kartause, Würzburg 1991, S. 22.

44 Ebd., S. 24; Ulrich Wagner / Walter Ziegler (Hg.), Lorenz Fries – Die Chronik der Bischöfe von Würzburg 742–1495, Würzburg 1999–2002, hier: Bd. 3, S. 130 (mit falschem Datum 1414).

45 Fritz Kugler, Thüngener Heimatbuch, Thüngen 1988, S. 28–32.

46 Zuletzt: Naser, Digitale Karten (wie Anm. 39), S. 202.

47 Der Ort gehörte 1290–1484 dem Deutschen Orden, kam dann an das Erzstift Mainz, ab 1655 an das Hochstift Würzburg. Vgl. Franz L. Brunner, Geschichte der Deutschordenskomthurei und des Marktfleckens Neubrunn, Würzburg 1893.

48 Wilhelm Störmer, Marktheidenfeld (Historischer Atlas Bayern. Teil Franken 10), München 1962, S. 37 f., 66 f.

49 Hohenlohisches Urkundenbuch 3, hg. v. Karl Weller / Christian Belschner, Stuttgart 1912, Nr. 11 (1351 Neuenstein), 344 (1367 Haldenburgstetten), 467 (1373 Kirchberg), 471 f. (1373 Hornberg und Gailnau).

50 Wolfram Unger, Grundzüge der Städtebildung in Franken. Träger – Phasen – Räume, in: Jahrbuch für fränkische Landesforschung (künftig: JfL) 59, 1999, S. 57–85.

51 Helmut Flachenecker, Fränkische Städtelandschaften. Anmerkungen zu einem Forschungsdesiderat, in: JfL 59, 1999, S. 87–108.

52 Wolfram Unger, Die fränkischen Städte in der Frühen Neuzeit, in: Frankenland 2005, S. 340–350.

53 Andreas Jakob, Erlangen im 18. Jahrhundert, München 2012; Bernhard Rupprecht, „Gedächtnuß der von Uns angefangenen Neuen Stadt zu St. Georgen am See“. Die Planstadt des Markgrafen Georg Wilhelm, in: Helmut Neuhaus (Hg.), Aufbruch aus dem Ancien régime. Beiträge zur Geschichte des 18. Jahrhunderts, Köln u.a. 1993, S. 135–156.

54 Helmut Flachenecker, Gerolzhofen im Bauernkrieg, in: Gerolzhofen. Stadtchronik 779–2012, Baunach 2012, S. 293–302.

55 StAWü, Standbuch 1011, fol. 141 r.

56 Eine Internet- Edition ist im Aufbau; die derzeitigen Ergebnisse können im Internetportal Historisches Unterfranken abgefragt werden: http://www.historisches-unterfranken.uni-wuerzburg.de/fries/fries.php (letzter Zugriff: 24.8.2020). – Helmut Flachenecker, Die Hohe Registratur des Lorenz Fries († 1550), in: Mathias Thumser / Janusz Tandecki (Hg.), Editionswissenschaftliche Kolloquien 2005/ 2007. Methodik – Amtsbücher. Digitale Edition – Projekte, Toruń 2008, S. 129–144; Helmut Flachenecker, Lorenz Fries als Historiograph, in: Franz Fuchs / Stefan Petersen / Ulrich Wagner / Walter Ziegler (Hg.), Lorenz Fries und sein Werk. Bilanz und Einordnung (Veröffentlichungen des Stadtarchivs Würzburg 19), Würzburg 2014, S. 1–27.

57 StAWü, Standbuch 1011, fol. 140 v.

58 Ebd., fol. 141 v.

59 Ebd., fol. 140 v.

60 Ebd., fol. 145 v: „Burgmennere vnd burgguter zu Carlburg wer die vor alter gewest vnd itzund sind, ec. davon such im raisbuch.“

61 Ebd., fol. 145 r.

62 Wagner / Ziegler, Lorenz Fries – Chronik (wie Anm. 44), Bd. 4, S. 263.

63 Hans Bauer, Die kulturlandschaftliche Entwicklung des alten Amtes Dettelbach seit dem 16. Jahrhundert (Mainfränkische Studien 17/ 1 und 2), Würzburg 1977, S. 8–34.

64 StAWü, Standbuch 1011, fol. 167 r: „Dettelbach daselbst vnd zu Iphoven vnd Repperndorff hat etwan Grave Vlrich von Hanaw etliche gutere gehabt vnd dieselben mit iren zugehorenden rechtenehren vnd nutzen gabe Bischof Wolframen vnd seinem stiffte zu kauff geben vnd kaiser Ludwig der 4 solchen kauff besteigt. Sambstag in der pfingstwochen anno 1331. Registrata privilegiorum fo. 52.“

65 Fritz Mägerlein / Walter Scherzer (Bearb.), Die Archive des Landkreises Kitzingen. Teil 2: Die Stadtarchive, München 1969, S. 1–3: U 1 (1482 Feb. 22). – Analog wie in Ebern siehe: StAWü, Standbuch 1011, fol. 190 r: „Ordnung im Jare des Heren 1489 gab bischof Rudolf obgedacht den burgermaistern, rathe vnd gemainde der stat Eberen ain policei ordnung. 4 Rudolfi fo. 105 d.“ Ebenso Fladungen: ebd., fol. 228 r: „Ordnung hat bischof Rudolf der stat Fladungen geben, Montag nach Dorothee, anno 1489, in 4o contractum Rudolfi fo. 112 d.“ – Stadtordnungen für Ebern und Bischofsheim siehe: StAWü, libri diversarum formarum 15, S. 234, 248.

66 Auffälligerweise fehlt ein Hinweis auf diese Urkunde in der Fries’schen Registratur. Alfred Wendehorst (Bearb.), Das Bistum Würzburg 3: Die Bischofsreihe von 1455 bis 1617 (Germania Sacra NF 13), Berlin/ New York 1978, S. 38, hat keinen Zweifel an dem Stadtrecht, kann aber auch keinen Fundort für die Urkunde angeben.

67 Mägerlein / Scherzer, Archive des Landkreises Kitzingen (wie Anm. 65), S. 3 f.: U 1 a (1487 Nov. 23).

68 StAWü, Standbuch 1011, fol. 168 r: „der stiffte Wirtzburg hat vor alter die gerechtikait zu Detelbach gehabt, wan ain Bischof oder seine rathe dahin komen, das gemaine stat dieselbigen aus der herberg lösen mussen, das hat inen bischof Rudolf frei nachgelassen, dargegen haben si dem stifft Witzburg den halbtail am vngelt daselbst vbergeben, vnd ist derwegen ein vngeltordnung da furgenomen dinstag nach vocem Iocunditatis des 1484 jars Registrata in 4 Contract. Rudolfi fo. 299.“

69 Ebd., fol. 171 r: „Anno 1484 gibt bischof Rudolff der stadt Dettelbach 3 Jahrmärckht als an sontag nach Purificationi Maria vff S. Maria Magdalenen tag der dritt vff S. Matheus tag vnd dan auch einen wochenmarckht vff eines jedes montag. Registrata in 7 Contr. Rud. fol. 296.“

70 Ebd., fol. 168 r: „Abbt vnd closter zu Sant Steffan zu Wirtzburg haben ain Gericht zu Detelbach gehabt vnd dasselb vf Montag nach Sant Martins tag in 1484 jare bischof Rudolfen vnd dem stifft Wirtzburg zugestelt dagegen bischof Rudolf inen den sitz vnd weiler Oberndurbach so vor lehen gewest geaignet hat. in 3 Contract. Rudolfi fo. 192 193 Item auch iren hof zu Detelbach ligend so lang der vnverendert bei dem closter bleib gefreiet. ibidem fo. 194.“

71 StAWü, Standbuch 1012, fol. 141 r. – In der Chronik geht Fries nicht darauf ein: Wagner / Ziegler, Lorenz Fries – Chronik (wie Anm. 44), hier: Bd. 2, S. 128–157. – Vielleicht ist unter „allerlai gelegenhait“ der Erwerb Botenlaubens 1234/ 42 zu subsummieren.

72 Ebd., fol. 19 r.

73 Ebd., fol. 76 r.

74 Ebd., fol. 104 v.

75 StAWü, Standbuch 1011, fol. 423 r.

76 Ebd., fol. 425 r.

77 Ebd., fol. 425 v– 426 v.

78 Ebd., fol. 427 v.

79 Ebd., fol. 430 v.

80 StAWü, Standbuch 1012, fol. 111 v.

81 Ebd., fol. 461 r bzw. fol. 489 r.

82 Ebd., fol. 147 v: „Anno 1327 am Montag vor Martini hat B[ischof] Wolfram zu W[ürzburg] den closterfrawen von Wechterswinkel etliche gefelle vnd nutzung zu Northaim verkaufft vf widerlösung. Registratum Capitulari fol. 232 d.“ Vgl. Heinrich Wagner, Urkunden und Regesten des Klosters Wechterswinkel (Quellen und Forschungen zur Geschichte des Bistums und Hochstifts Würzburg 70), Würzburg 2015, Nr. 179, S. 236.

83 Ebd., fol. 143 r bzw. fol. 144 r.

84 Ebd., fol. 148 r.

85 Ebd., fol. 162 r, zusammengefasst unter dem Titel: „Von ordnungen vff dem land.“

86 Ebd., fol. 141 v.

87 Peter Johanek, Landesherrliche Städte – kleine Städte. Umrisse eines europäischen Phänomens, in: Jürgen Treffeisen / Kurt Andermann (Hg.), Landesherrliche Städte in Südwestdeutschland (Oberrheinische Studien 12), Sigmaringen 1994, S. 9–25.

88 Helmut Flachenecker, Die Städte im Hochstift Eichstätt während des Spätmittelalters, in: Ders. / Kießling, Städtelandschaften (wie Anm. 6), S. 152–187.

89 MGH SS 25, S. 590–609. Zu den Viten siehe: Stefan Weinfurter / Helmut Flachenecker / Monika Fink- Lang / Ernst Reiter / Klaus Kreitmeir, Die Viten der Eichstätter Bischöfe im „Pontifikale Gundekarianum“, in: Andreas Bauch / Ernst Reiter (Hg.), Das Pontifikale Gundekarianum. Kommentarband zur Faksimile- Ausgabe, Wiesbaden 1987, S. 111–147, hier bes.: S. 117–130 [wiederabgedruckt in: Stefan Weinfurter, Eichstätt im Mittelalter. Kloster – Bistum – Fürstentum, Regensburg 2010, S. 155–178].

90 Wilhelm Störmer, Die Gründung von Kleinstädten als Mittel herrschaftlicher Territorialaufbaus, gezeigt an fränkischen Beispielen, in: ZBLG 36, 1973, S. 563–585.

91 Helmut Flachenecker, Die Darstellung der Stadt im Historischen Atlas von Bayern, Teil Franken, in: ZBLG 73, 2010, S. 761–778.

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Sektion 2:

Die süddeutsche Städtelandschaft – regional prägend

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Gerhard Fritz

Stadt und Kloster im Herzogtum Württemberg

Abstract: The essay shows the complicated relations between cities and monasteries in the Duchy of Württemberg in the later Middle Ages and the early Modern Times. The duchy consisted of about 40 counties and 14 separate monastery districts. Every county and every monastery (but only friaries, not nunneries) had the right to send deputies to the Duchy’s Diet in Stuttgart. Although the Lutheran reform was introduced in 1534 and 1552 and the monasteries as catholic institutions were suspended, the monasteries continued to exist as administrative districts. Every county consisted of a central town (and often some smaller towns) and several surrounding villages, hamlets and barnyards. The structure of a monastery district was quite different. There were villages, hamlets and barnyards as in the normal counties, but there was no town at all. However, in several monastery districts cities were founded. Sometimes these cities were closely connected with the monastery and never gained a greater independence as in Ellwangen or Murrhardt. Sometimes the cities and the monasteries developed in different ways and the cities became absolutely independent and formed their own counties as in Blaubeuren or Backnang. The situation even became more complicated when the Duke of Württemberg was not able to accomplish his sovereignty over a monastery as in Ellwangen, where the monastery and the city remained catholic and were able to escape from Württemberg and developed their own semi- independent territory.

1. Stadt, Amt und Kloster

Das Herzogtum Württemberg bestand in der Frühen Neuzeit aus etwa 40 Ämtern und – je nach Zeitpunkt – aus 13 oder 14 Klosterämtern.1 Jedes Amt ← 119 | 120 →wiederum bestand aus der Amtsstadt sowie den sie umgebenden Dörfern, Weilern und Höfen. Manchmal waren neben der Amtsstadt auch weitere, in der Regel kleinere Städte vorhanden, die hin und wieder – um sie von der Amtsstadt zu unterscheiden – inoffiziell bis halboffiziell als „Städtle“ bezeichnet wurden.2 Die Klosterämter waren insofern ein württembergischer Sonderfall, als trotz der 1534 erstmals von Herzog Ulrich und nach dem Interim seit 1552 endgültig von Herzog Christoph eingeführten Reformation die alten Klöster nominell weiterbestanden. Sogar das Amt des Abtes existierte noch bis zum Ende des Alten Reiches, aber selbstverständlich waren die Äbte der nachreformatorischen Zeit protestantische Geistliche. Nach wenigen Jahrzehnten war es üblich geworden, dass diese evangelischen Äbte verdiente alte Pfarrer waren, denen der Herzog gleichsam für ihren Lebensabend als wohldotierte Altersversorgung ein Kloster und das Amt des Abtes übertragen hatte. Um die alten Herren ein wenig von der geistlichen Alltagsarbeit zu entlasten, wurde ihnen in der Regel ein Diaconus (manchmal auch deren zwei oder drei) beigegeben. Der Diaconus war keineswegs das, was man heute unter einem Diakon versteht, sondern es handelte sich um ganz normal ordinierte, meist jüngere Pfarrer.

Im Prinzip gliederte sich um ein Kloster ein Klosteramt, das heißt, auf den ersten Blick schien das Kloster in den Klosterämtern dieselbe Position einzunehmen wie die Stadt in einem (weltlichen) Amt. Aber es gab auch wesentliche Unterschiede zwischen einem Klosteramt und einem weltlichen Amt. Weltliche Ämter, das heißt, Amtsstädte, eventuell vorhandene Städtle und die Dörfer samt all ihren Bewohnern unterstanden der vollen Landesherrschaft des Herzogs. In den Lagerbüchern wurde das seit dem 16. Jahrhundert mit Formulierungen wie den folgenden ausgedrückt: Der Herzog sei rechter und alleiniger Herr, natürlicher Landesfürst, habe Stab, Gebot und Verbot, Geleit und alle andere Obrigkeit und Herrlichkeit, Gericht, Zwang, Unrecht, Strafen, Rügungen und Bußen. Zudem genossen alle Bewohner der weltlichen Ämter, also die Bürger der Städte und die Bauern der Dörfer, Weiler und Höfe, wichtige Rechte, die der Tübinger ← 120 | 121 →Vertrag von 1514 gewährte.3 Dieser oft als württembergisches Staatsgrundgesetz bezeichnete Vertrag gewährte allen Bürgern und Bauern das Recht des freien Zuges, also die Freizügigkeit. Damit war die Leibeigenschaft, die formal durchaus weiterbestand, in einem entscheidenden Punkt durchlöchert. Alle württembergischen Untertanen, also nicht nur die Bürger, sondern auch die Bauern, profitierten auch von der im Tübinger Vertrag festgelegten Rechtsgarantie: In Fragen, die Ehre, Leib und Leben betrafen, war ein ordentliches Gerichtsurteil erforderlich und somit herzogliche Willkürentscheidungen ausgeschaltet.

In einem wichtigen Punkt unterschied sich die Rechtsstellung der Klosteruntertanen zunächst von der der Untertanen weltlicher Ämter. Während die Bewohner weltlicher Ämter unstrittig in den Genuss der im Tübinger Vertrag gewährten Freizügigkeit gekommen waren, war dies bei den Untertanen der Klosterämter jahrzehntelang strittig und wurde erst 1551 auch für diese eingeführt.4

Die Bürger der Städte genossen durch den Tübinger Vertrag weitere Rechte. So entsandte jede Stadt ihre Vertreter in die „Landschaft“, das heißt die württembergische Ständeversammlung. Die Bezeichnung „Landschaft“ war die allgemein übliche, obwohl es sich um nichts anderes als den Landtag handelte.5 Durch ihre Mitgliedschaft in der Landschaft hatten die Städte dank der Regelungen des ← 121 | 122 →Tübinger Vertrags maßgeblichen Einfluss auf die Finanzen, insbesondere die Steuererhebung und auf die militärischen Belange des Herzogtums. Kriege, die über die rein defensive Landesverteidigung hinausgingen, konnte der Herzog nur „mit Wissen und Willen“ der Landschaft führen, bei Verteidigungskriegen musste er die Landschaft informieren und ihren Rat einholen. Anders gesagt: Die herzogliche Wehrhoheit war entscheidend eingeschränkt.

Anders als in vielen anderen Territorien des Reiches bestand die Landschaft – außer in den Jahrzehnten nach dem ersten Landtag 1457 – nicht aus drei Ständen (Geistliche, Adel, Bürger), sondern nur aus zwei Ständen. Der Adel war in Württemberg nie landsässig geworden. Die Adligen waren fast durchweg niederadlige Ritter. Diese standen zwar in vielfacher Abhängigkeit vom Herzog, sie lebten aber als nominell reichsunmittelbare Reichsritter in ihren meist winzigen Herrschaften, die häufig nur über einen Teil der Hoheitsrechte verfügten und oft als Enklaven mitten im württembergischen Territorium lagen. Als Reichsritter hatten sie zwar als häufige Mitglieder der Regierung in Stuttgart politisches Gewicht, sie waren aber nicht Teil der Landschaft. Dort waren nur die Vertreter der Städte und die Äbte der Klöster beziehungsweise der Klosterämter vertreten. Da die Städte gegenüber den Klöstern weit in der Mehrheit waren, waren sie in der Landschaft tonangebend. Durch die Aktivitäten in der Landschaft waren die Führungsschichten der Städte landesweit eng miteinander vernetzt, was sich nicht zuletzt auch in zahlreichen Heiratsverbindungen ausdrückte. Mit dieser als württembergische „Ehrbarkeit“6 bezeichneten städtischen Führungsschicht, die, wie die über Jahrhunderte ständig gleichen Familiennamen zeigen, recht stabil war, hatte sich jeder Herzog auseinanderzusetzen, und die „Ehrbarkeit“ wusste ihre im Tübinger Vertrag verbrieften Rechte mit Erfolg zu verteidigen. Wenn ein Herzog, was immer wieder vorkam, absolutistische Tendenzen zeigte und an der Landschaft vorbei regieren wollte, begaben sich deren Vertreter, meist solche aus den Städten, im äußersten Falle zum Kaiser und erinnerten diesen daran, dass im Jahr 1514 Kaiser Maximilian den Tübinger Vertrag mit ausgestellt hatte, dass also jeder Eingriff des Herzogs in die Rechte des Tübinger Vertrags ein Eingriff in die kaiserlichen Garantien wäre. Letztlich musste der Herzog dann klein ← 122 | 123 →beigeben, und in der Tat blieb das fein austarierte System des Tübinger Vertrags bis 1806 erhalten, ja das im württembergischen Kollektivbewusstsein verankerte „gute alte Recht“ des Tübinger Vertrags war über das Ende des Reiches hinaus wirkmächtig. Noch die Diskussion über die 1819 in Kraft gesetzte württembergische Verfassung mit ihren für die Verhältnisse des Deutschen Bundes ziemlich liberalen Regelungen wurde stark von den Vorstellungen des „guten alten Rechts“ und den Partizipationsmöglichkeiten der Bürger geprägt.

So vorteilhaft die Rechtsposition für die württembergischen Städte (genauer: für deren Führungsschicht, das heißt die Ehrbarkeit) war, so defizitär war die Rechtsposition der nichtstädtischen Einwohner eines Amtes. Sie waren in der Landschaft nicht vertreten. Lange Zeit gab es einen gewissen Ausgleich durch die Vögte, also die führenden herzoglichen Verwaltungsbeamten der einzelnen Ämter, die ebenfalls der Landschaft angehörten und bis zu einem gewissen Grad die Interessen der Außerstädtischen vertraten. Aber seit 1629 waren die Vögte aus der Landschaft ausgeschlossen, und die aus der Amtsstadt stammenden Landschafts- Mitglieder eines Amtes sahen sich nur bedingt als Interessenvertreter der Dörfer und Weiler. Die Nicht- Vertretung der Landbewohner in der Landschaft war 1514 die Konsequenz der Vorgeschichte des Tübinger Vertrags gewesen. Dem Tübinger Vertrag unmittelbar vorausgegangen war der Aufstand des Armen Konrad, der ganz Württemberg erfasst hatte und der maßgeblich von den nichtstädtischen bäuerlichen Schichten getragen worden war.7 Herzog Ulrich hatte sich seinerzeit aus der für seine Herrschaft bedrohlichen Lage herausmanövriert, indem er dem führenden städtischen Bürgertum mit weitreichenden Zugeständnissen entgegengekommen war und dafür im Gegenzug die Unterstützung der Städte erhalten hatte. Im Grunde war der Tübinger Vertrag ganz entscheidend ein Bündnis des Herzogs mit den städtischen Führungsschichten gegen die bäuerliche Bevölkerung. Die Konsequenz war die jahrhundertelange Benachteiligung beziehungsweise Nicht- Vertretung der Bauern in den Tagungen der Landschaft.

Lange Zeit wurde das von den Bauern hingenommen. Im 17. und 18. Jahrhundert wuchs allerdings der Einfluss der Bauern allmählich. In den 1790er Jahren waren, auch beeinflusst durch die Französische Revolution, bäuerlicher und ← 123 | 124 →allgemeiner Unwille dann so gut koordiniert, dass sich die Verhältnisse änderten, und die Bauern konnten auf dem von 1797 bis 1799 tagenden Reformlandtag grundsätzlich ihre Mitvertretung in der Landschaft thematisieren, während die nicht mit Volksrepräsentation zu vereinbarende Anwesenheit der Äbte qua Amt immer heftigerer Kritik ausgesetzt war. Durchschlagenden Erfolg hatte der Reformlandtag freilich bis zum Ende des Alten Reiches nicht.8

In diesem kurz skizzierten württembergischen Verwaltungssystem und in der Landschaft waren die Klöster beziehungsweise Klosterämter zwar zahlenmäßig gegenüber den Vertretern der Städte in der Minderheit. Andererseits kam ihnen durchaus ein respektables Gewicht zu. Sie waren aber zunächst einmal Interessenvertreter ihrer eigenen Sache, also nicht primär Interessenvertreter der Einwohner ihres Klosteramts und erst recht nicht Interessenvertreter der Städte – auch wenn sich selbstverständlich immer wieder Interessenidentitäten ergaben. Solche Interessenidentitäten mit den Städten ergaben sich auch, weil die meisten evangelischen Äbte denselben ehrbaren Familien angehörten wie die Landschaftsmitglieder aus den Städten.

Die Rechtstitel, mit denen der Herzog von Württemberg seine Herrschaft in den Klosterämtern ausübte, unterschieden sich insofern von den Rechtstiteln in den weltlichen Ämtern, als die württembergische Herrschaft in allen Klöstern und den im Zuge der Reformation aus ihnen entstehenden Klosterämtern aus der Schutzvogtei beziehungsweise „Schutz und Schirm“ und/ oder Kastvogtei erwachsen war. Die Begriffe werden in der Forschung manchmal auseinandergehalten. Der Kastvogtei schreibt man eher ökonomische Aspekte zu, der Zusammenhang zwischen Schutzgewährung und Abgabenverpflichtung wird betont. „Schutz und Schirm“ (defensio, tuitio, protectio) stamme dagegen ursprünglich aus dem zisterziensischen Bereich und betone die reine Schutzfunktion ohne materielle Gegenleistung. Allerdings hatten sich spätestens im Spätmittelalter die Begriffe vermengt und wurden meist synonym verwendet.9

Nominell waren ursprünglich jeweils Abt und Konvent die Inhaber der eigentlichen Klosterherrschaft gewesen, und der Vogt hatte nur die Aufgabe gehabt, das jeweilige Kloster militärisch zu schützen und im Vogtgericht Kapitalverbrechen abzuurteilen, die auf Klostergebiet vorgefallen waren. Die Pflichten der Klöster gegenüber dem Vogt waren ursprünglich überschaubar: Beherbergungs- und ← 124 | 125 →Atzungspflicht des Schutzvogts und seines Gefolges während des Gerichts, Transportdienste im Kriegsfalle und – etwas seltsam – die Pflicht, Hunde für den Schutzvogt zu halten. Aber die Vogtei war im Laufe des 15. und frühen 16. Jahrhunderts nach und nach immer mehr erweitert und in Richtung einer alle Rechte umfassenden Landesherrschaft ausgedehnt worden. Das war in den einzelnen Klöstern zu unterschiedlichen Zeiten und mit unterschiedlicher Intensität geschehen, aber dieser Prozess war im Wesentlichen schon vor den Zeiten Martin Luthers abgeschlossen. Die anderthalb Jahrzehnte, in denen Herzog Ulrich von 1519 bis 1534 wegen allen möglichen Übergriffen, nicht zuletzt wegen seines Überfalls auf die Reichsstadt Reutlingen, aus seinem Land ins hessische Exil vertrieben war, und in denen die Habsburger Württemberg verwalteten, änderten an den Rechtsverhältnissen der Klöster nichts.

Ulrich führte zwar bei seiner Rückkehr 1534 überall die Reformation ein, die Klöster als Wirtschafts- und Verwaltungseinheiten tastete er aber ebenso wenig an wie sein Sohn Christoph, der seit 1552 die Reformation endgültig durchsetzte. Aber noch bis Mitte des 16. Jahrhunderts war es üblich, dass die Untertanen der Klosterämter ihrem jeweiligen Abt huldigten und nicht dem Herzog. Erst seit 1550 änderte Herzog Christoph das und ließ die Klosteruntertanen ihm selbst huldigen. Das führte anfangs durchaus zu Irritationen der Klosteruntertanen, für die bisher immer der Abt der „gnädige Herr“ gewesen war und nicht der Herzog. Immerhin wich in den Lagerbüchern auch noch in der zweiten Hälfte des 16. und 17. Jahrhunderts die formelhafte Aufzählung der württembergischen Rechte in den Klosterämtern von der Aufzählung der Rechte in den weltlichen Ämtern ab: Zwar wurden dieselben Rechte wie bei den weltlichen Ämtern genannt (der Herzog als rechter und alleiniger Herr, natürlicher Landesfürst, Inhaber von Stab, Gebot und Verbot, Geleit und aller anderen Obrigkeit und Herrlichkeit, Gericht, Zwang, Unrecht, Strafen, Rügungen und Bußen), aber dem war vorausgestellt, dass der Herzog Patron, Kastvogt, Schutz- und Schirmherr des Klosters war.10 Insofern war den Juristen und Verwaltungsbeamten auch dieser späten Zeit durchaus noch klar, dass die Wurzel aller herzoglichen Rechte in den Klöstern und Klosterämtern eine ganz andere war als in den weltlichen Ämtern.

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Mit den Klöstern und Klosterämtern gab es im Dreißigjährigen Krieg nochmals gravierende Probleme. Mit dem Restitutionsedikt von 1629 ordnete Kaiser Ferdinand II. an, alle nach dem Passauer Vertrag von 1552 beziehungsweise nach dem Augsburger Religionsfrieden von 1555 protestantisch gewordenen Klöster wieder zu rekatholisieren und erneut mit Mönchen zu besetzen. Die in Württemberg dann 1630 realisierte Rekatholisierung blieb Episode, weil im Westfälischen Frieden von 1648 alle Klöster wieder an Württemberg zurückgegeben und damit wieder evangelisch wurden. Die Reibereien zwischen Katholiken und Protestanten während der Zeit der Restitution waren aber Anlass für das Entstehen von mancherlei Schriftsätzen, die Einblick in die rechtlichen Verhältnisse der Klöster und Klosterämter erlauben.

Normalerweise besaß ein Klosteramt keine Amtsstadt. Das Kloster nahm deren Funktionen wahr. Zwar gab es in unmittelbarer Nachbarschaft aller 14 württembergischen Klöster eine kleinere oder größere dörfliche oder dorfähnliche Ansiedlung. Soweit diese Ansiedlungen und Dörfer Stadtrechte erhielten, geschah dies meist erst im 19. Jahrhundert.11 In zwei Fällen entstand aber bereits im Mittelalter direkt neben einem Kloster eine Stadt. Das war zum einen der Fall in Blaubeuren, zum anderen in Murrhardt. Aber die beiden Fälle waren durchaus nicht vergleichbar. Denn während in Blaubeuren rund um die Stadt zusätzlich zum Klosteramt ein vollkommen separates weltliches Amt entstand, waren die Verhältnisse in Murrhardt ganz anders. Hier gab es zwar eine Stadt, aber die hing nicht nur eng mit dem Kloster zusammen, sondern war auch vollkommen von diesem abhängig. Ein weltliches Amt Murrhardt ist nie entstanden. Die Fälle Blaubeuren und Murrhardt sollen näher betrachtet werden.

2. Stadt und Kloster Blaubeuren

Um die unterschiedliche Entwicklung von Blaubeuren und Murrhardt zu verstehen, muss auf die Frühgeschichte beider Städte zurückgegriffen werden. Die Stadt Blaubeuren ging auf eine dorfähnliche Ansiedlung neben dem 1085 gegründeten (beziehungsweise nach Blaubeuren verlegten) Benediktinerkloster zurück.12 Um die Mitte des 13. Jahrhunderts wurde die Ansiedlung von den ← 126 | 127 →Pfalzgrafen von Tübingen, die zugleich auch Vögte des Klosters waren, zur Stadt ausgebaut. 1267 wird Blaubeuren erstmals als „civitas“ erwähnt. Das Kloster war über die Aufwertung der Siedlung zur Stadt anfangs offenbar nicht glücklich, wurde aber 1267 unter anderem damit entschädigt, dass klösterliche Eigenleute in der Stadt von Abgaben, Diensten und Wachen befreit waren. Auch was Heiraten der klösterlichen Leibeigenen anging, kam der Pfalzgraf dem Kloster entgegen. Nur mit Erlaubnis des Abtes waren Heiraten von Klosterleuten erlaubt. Weitere Zugeständnisse sollten das Kloster offenkundig mit der Stadtgründung aussöhnen.

Nach diversen Turbulenzen der Pfalzgrafen von Tübingen fielen Stadt und Kloster Blaubeuren 1273 an die Grafen von Helfenstein, die Stadt und Kloster an die Habsburger als Lehensherren auftrugen und sich von diesen umgehend damit belehnen ließen. Unter ihnen war das Verhältnis zwischen Stadt und Kloster, soweit sich das bei der mäßigen Quellenlage erkennen lässt, abwechselnd mal ausgeglichen, mal eher gespannt. Insgesamt wurden aber bis um 1300 die rechtlichen Strukturen der Stadt immer deutlicher erkennbar, das heißt auch vom Kloster unterscheidbar. Anfangs standen an der Spitze der Stadt zwei Amtmänner – ein gräflicher und ein klösterlicher – und ein Gericht aus zwölf Richtern. Für eine gewisse Eigenständigkeit der Stadt spricht auch das Vorhandensein einer eigenen Schule spätestens Mitte des 14. Jahrhunderts, die vermutlich sogar eine Lateinschule war.

Was das städtebauliche Aussehen Blaubeurens anging, so nimmt man an, dass die Stadt schon 1267 ummauert gewesen sei, wobei die Mauer zu Beginn aber durchaus ein Holz- Erde- Wall mit Türmen gewesen sein dürfte.

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Wesentlich für die Entwicklung der Stadt waren die seit der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts immer deutlicher hervortretenden Finanzprobleme der Grafen von Helfenstein. Die Stadt vermochte dies in den 1380er Jahren auszunutzen und eine ganze Reihe von Rechten von den Grafen zu bekommen. Infolge der pestbedingten Krise und den anzunehmenden schweren Bevölkerungsverlusten bemühten sich die Helfensteiner um die Anwerbung von Neubürgern bei gleichzeitigen Abwanderungsverboten.

In den beiden letzten Jahrzehnten gerieten Stadt und Kloster in erhebliche Wirrungen, weil auf die Grafen von Helfenstein im Zuge verwickelter Verpfändungs- und Veräußerungsvorgänge kurzfristig die Herren von Landau, die Reichsstadt Ulm und andere regionale Adelsgeschlechter folgten, bevor sich dann Ulm 1397 als Pfandinhaber etablierte. Stadt und Kloster gingen dabei nicht immer gleiche Wege, da sich das Kloster 1398 für die Grafen von Württemberg als neue Vögte entschied. Dauerhaft unter württembergische Herrschaft kamen Kloster und Stadt aber erst 1447, da in den Jahren um 1400 auch die Helfensteiner nochmals ihre Herrschaftsansprüche geltend machten. In den turbulenten ← 128 | 129 →letzten Jahrzehnten des 14. Jahrhunderts lässt sich auch, was typisch für spätmittelalterliche Städte ist, ein Bettelordenskloster nachweisen. Dessen Gründung geschah zwar nicht direkt in den Mauern der Stadt Blaubeuren, aber im unmittelbar benachbarten Ort Weiler, wo sich eine seit 1382 nachgewiesene Eremitinnenklause zu einem Franziskaner- Terziarinnen- Kloster entwickelte. Die führenden Bürgerfamilien brachten dort im 15. Jahrhundert wiederholt ihre Töchter als Nonnen unter.13

Wesentlich für die erste Hälfte des 15. Jahrhunderts war weiterhin, dass im Kloster immer häufiger städtische Familien als Mönche und Äbte auftauchten. Wichtig war weiterhin, dass in der Stadt auf Initiative verschiedener Bürger ein Spital gegründet wurde, das zu erheblichem Besitz kam und eine ausgedehnte Erwerbspolitik betrieb.14 Der Stadt gelang es auch, auf die Besetzung der verschiedenen in der Blaubeurer Pfarrkirche gestifteten Pfründen maßgeblichen Einfluss auszuüben. Überhaupt ging es der Stadt wirtschaftlich gut. Um 1440 beliefen sich ihre jährlich an die Grafen von Helfenstein bezahlten Abgaben auf etwa 430 lb h.15

Der eigentliche Verkauf Blaubeurens von Helfenstein an Württemberg fand 1447 erst statt, nachdem es in den Jahren zuvor ein langes Hin und Her zwischen den verschiedenen Mitgliedern des Hauses Helfenstein gegeben hatte. Die Integration Blaubeurens nach Württemberg lief offenbar rasch und unproblematisch, was nicht zuletzt mit der ähnlichen Struktur der Bürgerschaft mit einer starken Ehrbarkeit zu erklären sein dürfte. Württemberg trennte von Beginn an die Stadt Blaubeuren samt den zu ihr gehörenden Dörfern und Weilern vom Kloster Blaubeuren ab und schuf ein separates, weltliches Amt.

← 129 | 130 →3. Stadt und Kloster Murrhardt im Vergleich zu Blaubeuren

Die Aufhellung der Verhältnisse in Murrhardt ist durch eine noch schlechtere Quellenlage als in Blaubeuren erschwert. Das Kloster in Murrhardt war wesentlich älter als das in Blaubeuren und geht mindestens auf das frühe 9., wenn nicht auf das späte 8. Jahrhundert zurück. Neben dem Kloster existierte jedenfalls schon früh eine Ansiedlung. Ein als Bauholz verwendeter Balken konnte dendrochronologisch in ottonische Zeit datiert werden. Die Ansiedlung lag offenbar neben dem Gelände, in dem die Zivilsiedlung eines von etwa 150 bis 260 existierenden römischen Kohortenkastells lag. Nur in Randbereichen scheinen sich die mittelalterliche Ansiedlung und der römische Vicus überschnitten zu haben.16

Die Umwandlung der neben dem Kloster gelegenen Siedlung in eine Stadt erfolgte nach allem, was sich erschließen lässt, im späten 13. Jahrhundert, am ehesten um 1287, als die Grafen von Löwenstein auch die Siedlung unter ihrer namengebenden Burg zur Stadt erhoben.17 Bei den Grafen von Löwenstein handelte es sich um das zweite Geschlecht dieses Namens, nachdem das erste 1277 seine Grafschaft erst an das Bistum Würzburg verkauft hatte, von wo diese 1281 an das Reich und König Rudolf von Habsburg kam. Der verlieh Löwenstein 1282/ 83 an seinen illegitimen Sohn Albrecht von Schenkenberg, der mit der Verleihung zum Grafen von Löwenstein aufstieg. Albrecht betrieb eine Politik ganz im Sinne seines Vaters, das heißt, er baute seine Herrschaft mit Frontstellung gegen die aufsteigenden Grafen von Württemberg durch Städtegründungen aus. Das Kloster Murrhardt wurde von den Löwensteinern bevogtet, und offenbar sah Albrecht es als sinnvoll an, die Ansiedlung neben dem Kloster zur Stadt auszubauen. In später Überlieferung aus dem 16. Jahrhundert ist davon die Rede, dass der damalige Abt aus der Familie von Hohenstein die Ansiedlung neben dem Kloster „zu einem marckt umbgraben“ habe. Die Ansiedlung muss im Übrigen schon lange vor dem späten 13. Jahrhundert als Markt fungiert haben, denn es ist eine aus dem 12. Jahrhundert stammende spezifisch murrhardtische Münzprägung nachgewiesen, die nur einen Sinn ergibt, wenn es hier schon zu diesem Zeitpunkt einen nicht ganz unbedeutenden Warenumschlag gab.

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Von der frühen Stadt weiß man kaum etwas. Ausdrücklich als solche dokumentiert ist sie erstmals 1318 und dann 1328.18 Informationen über ihre innere Verfassung liegen lange Zeit kaum vor. Klar war nur, dass Kloster und Stadt unmittelbar neben einander lagen und eine gemeinsame Umfassungsmauer hatten. Klar ist weiter, dass – und hier liegt eine Parallele zu Blaubeuren – das Geschlecht der Klostervögte, die Grafen von Löwenstein, in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts (als Auswirkungen der Pest- Epidemien?) in erhebliche finanzielle Probleme gerieten. Schon 1365 machten sowohl Württemberg als auch Baden fürs Erste noch gescheiterte Anstalten, Murrhardt zu übernehmen. 1388 wurde dann der damalige junge Erbe der Grafschaft Löwenstein in der Schlacht von Döffingen erschlagen, in der die Reichsstädte gegen den Grafen von Württemberg standen. Jetzt übernahm Graf Eberhard der Greiner von Württemberg sofort – unter Verdrängung der jüngeren Brüder des getöteten Löwensteiner Grafen – 1388 erst die Stadt; 1393/95 folgte die Übernahme des Klosters Murrhardt. Der rechtliche Hebel, die Stadt in die Hand zu bekommen, war die Mitgift der löwensteinischen Gräfin Udelhild, die Württemberg der finanzschwachen Gräfin vorgestreckt hatte. Udelhild war auf die Stadt Murrhardt als Widerlegung angewiesen, und da sie ihre Schulden an Württemberg nicht zurückzahlen konnte, griff sich Eberhard der Greiner ersatzweise die Stadt.

Abb. 19: Murrhardt um 1685, Abbildung aus dem Kieserschen Forstlagerbuch. Bildnachweis: HStA Stuttgart, H 107/ 14, Bd 6, Bl. 6.

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Während die Stadt schon 1388 die württembergische Herrschaft anerkannte und sich zu einer offenbar für sie akzeptablen jährlichen Zahlung von 20 lb h und 20 Scheffel Hafer an den neuen Stadtherrn verpflichtete, konnte sich das Kloster, das von Abt Eckhard, einem ausgesprochenen Parteigänger der Löwensteiner, geführt wurde, nicht so schnell mit dem Gedanken an eine württembergische Vogtei anfreunden. Erst nach über einem Jahr willigte Eckhard 1389 in die neuen Verhältnisse ein. Man kann aus der zeitlich versetzten Übernahme eigentlich nur sehen, dass man Stadt und Kloster zu dieser Zeit als juristisch einigermaßen getrennte Objekte ansah, die man sich separat aneignen musste. Die noch sehr jungen löwensteinischen Grafen, die Brüder des 1388 bei Döffingen Gefallenen, unternahmen zusammen mit ihrer Mutter Udelhild bis 1393/ 95 noch einige Versuche, unter anderem vor dem Hofgericht in Rottweil, Stadt und Kloster von Württemberg zurückzubekommen, aber alle Anläufe, die alten Verhältnisse wiederherzustellen, scheiterten.19

Insgesamt war also – trotz der löwensteinischen Rekuperationsversuche – der Übergang von Stadt und Kloster Murrhardt an Württemberg wesentlich einfacher als im Falle Blaubeurens, wo es ja ein langes Hin und Her zwischen den Grafen von Helfenstein, dem Ritter von Landau und der Reichsstadt Ulm und dann nochmals den Grafen von Helfenstein gegeben hatte, bevor Stadt und Kloster unter württembergische Herrschaft kamen.

Für das 14. Jahrhundert erfährt man nur die Namen einiger Bürger sowie die bemerkenswerte Tatsache, dass der Pfarrer von Murrhardt, der offenbar kein Mönch war, 1338 siegelführend auftritt.20 Anders als im Falle Blaubeurens bleibt bei Murrhardt auch im 15. Jahrhundert die Quellenlage zur Stadt miserabel.21 ← 132 | 133 →Die schriftliche Überlieferung nennt lange Zeit so gut wie gar nichts. Bekannt ist nur, dass die Äbte Wilhelm Egen und Johannes Schradin in den letzten Jahren des 15. Jahrhunderts große Baumaßnahmen an Stadt und Kloster durchführten. Vielleicht fand damals auch eine (in ihrem Umfang bescheidene) Vergrößerung der Stadtanlage statt. Die Stadt erscheint jedenfalls völlig als Anhängsel des Klosters, Ansätze zu irgendeiner Selbstständigkeit oder eigenständigem Handeln sind nicht zu erkennen. Als Organe der Stadt werden 1406 Schultheiß, Richter und „burger gemeinlich“ genannt.22

Die nachgeordnete Position der Stadt gegenüber dem Kloster und die grundsätzlich geringe Bedeutung der Stadt wird auch durch die Tatsache unterstrichen, dass in Murrhardt – anders als in Blaubeuren – nie ein städtisches Spital entstand. Ebenso wenig entstand in Murrhardt ein Bettelordenskloster wie in (beziehungsweise unmittelbar bei) Blaubeuren das Franziskanerinnenkloster Weiler.

Die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der Städte Blaubeuren und Murrhardt war extrem unterschiedlich. Es ist zwar nicht ganz unproblematisch, die Murrhardter Abgaben an die Grafen von Württemberg von 1388 mit den Blaubeurer Abgaben um 1440 zu vergleichen, aber auch wenn man den Vergleich nicht 1:1 durchführen kann, wird doch deutlich, dass den Murrhardter Abgaben von 20 lb h und 20 Scheffel Hafer Blaubeurer Abgaben von etwa 430 lb h gegenüberstanden.

Anders als in Blaubeuren, wo sich auf der Grundlage dieser relativ großen wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit eine bildungs- und aufstiegsbewusste Ehrbarkeit herausgebildet hatte (man schickte seine Söhne immer wieder zum Studium auf verschiedene Universitäten), fehlt eine solche überlokal vernetzte Ehrbarkeit in Murrhardt im 15. Jahrhundert und auch später völlig. Die Blaubeurer Ehrbarkeit wuchs durch ihre Teilnahme an den seit 1457 stattfindenden württembergischen Landtagen rasch in die gesamtwürttembergische Ehrbarkeit hinein. Den einigermaßen wohlhabenden Murrhardter Familien, die ja keinerlei Teilnahme am Landtag hatten, fehlte diese landesweite Vernetzung. Sie standen immer im Schatten des Abtes, der allein der Landschaft angehörte. In Blaubeuren hatten die Bürger der Stadt und zusätzlich und separat von ihnen der Abt des Klosters die Landstandschaft inne.

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Aus dem städtischen Archiv ist nur eine Zinsliste von 1471, ein Stadtrecht von 1502 und eine Metzlerordnung von 1522 erhalten.23 Die Zinsliste, die 40 Namen nennt, mutmaßlich meist Bürger, zeigt ausgesprochen bescheidene Einkünfte der Stadt. Das Stadtrecht bezieht sich in erster Linie auf Erbangelegenheiten und zeigt dabei wenig Parallelen zu anderen württembergischen Städten. Zusätzlich wird erkennbar, dass die Stadt 1502 über Bürgermeister, Gericht und Rat verfügte, bemerkenswerterweise nur über einen Bürgermeister, während in den anderen württembergischen Städten in der Regel deren zwei vorhanden waren. Als eigentliches (und einziges) Fachpersonal lässt sich neben dem ehrenamtlich tätigen Bürgermeister samt Gerichts- und Ratsmitgliedern ein Stadtschreiber namhaft machen. Außerdem wird der Rechtszug bei Appellationsfällen beschrieben. War ein Bürger mit einem Urteil des Stadtgerichts nicht zufrieden, konnte er ab einem Streitwert von mehr als 6 lb h und nach zehn Tagen Bedenkzeit beim Abt appellieren. Der Abt war also Appellationsinstanz, was die enge Abhängigkeit der Stadt vom Kloster unterstreicht, die viel enger war als in Blaubeuren. Die gegenüber dem Kloster nachgeordnete Position der Stadt wird auch durch die Metzlerordnung von 1522 unterstrichen: Grundsätzlich musste beim Fleischverkauf zuerst der Abt bedient werden, dann schwangere Frauen und erst dann andere Käufer. Anzunehmende weitere Handwerksordnungen neben der Metzlerordnung sind nicht erhalten.

1503/ 06 lassen sich einige Konflikte zwischen der Stadt Murrhardt und den Weilern des Amtes feststellen, bei denen sich erstaunlicherweise das Kloster, das doch die Stadt so eng an sich gebunden hatte, außerstande sah, diese Streitigkeiten, die Jahrzehnte zurückreichten, erfolgreich zu schlichten.24

Weitere Aussagen zum Murrhardter Stadtrecht stammen von 1565, geben aber zweifellos ältere Verhältnisse wieder. Es geht darin um Fischrechte, Frondienstpflichten, Schatzung, herzogliche Ablösungshilfe, Steuer und Schlossgeld, Beholzungsrechte, Besetzung von Gericht und Rat sowie die Frage, ob ein altes Statutenbuch vorhanden sei (was verneint wird). Die Frondienstpflichten waren für Bürger der Stadt äußerst bescheiden und beschränkten sich auf wenige Tage, wenn das Kloster einen „Hauptbau“ errichtete, also bei großen Baumaßnahmen. Solche Baumaßnahmen kamen aber selten vor. Für die Bewohner der außerhalb der Stadt gelegenen Weiler, die kein Bürgerrecht hatten, waren die Fronpflichten ← 134 | 135 →nicht ganz so günstig. Weiter wird 1565 darauf hingewiesen, dass man bisher mit dem Abt und dem Vogt gut zusammengearbeitet habe. Zugleich wird aber deutlich, dass zu diesem Zeitpunkt – die endgültige Reformation des Klosters lag eben anderthalb Jahrzehnte zurück – das Herzogtum sich zunehmend in den Vordergrund geschoben hatte und die Gewichte zwischen Kloster und Stadt sich dadurch geändert hatten.25

Ein nach dem Bauernkrieg von der Stadt an das Kloster geleisteter Kredit, der dann vom Kloster nicht bedient wurde, führte zu Spannungen, die 1537 in einen Bürgeraufstand mündeten, der aber vom Herzogtum – nicht mehr vom eben 1534 reformierten Kloster – durch Inhaftierung der Rädelsführer rasch niedergeschlagen werden konnte. Ein weiterer Bürgeraufstand folgte 1564/ 65, der auf dieselbe Weise beendigt wurde. Diesmal war es darum gegangen, dass etliche Bürger meinten, ihnen werde die Verlesung eines Buches mit ihren Rechten verweigert. Beide Male – 1537 und 1564/ 65 – handelte es sich nicht um einen Konflikt der Stadt gegen das Kloster oder gegen das Herzogtum, sondern primär um einen Konflikt unter den Bürgern, die mit ihren Bürgermeistern, Gerichts-und Ratsherren nicht zufrieden waren.26 Das Kloster seinerseits war in beiden Fällen (wie schon 1503/ 06) nicht in der Lage, den Konflikt alleine in den Griff zu bekommen. Das gelang übrigens auch dem Vertreter Württembergs in Murrhardt, dem Vogt, nicht. Dazu war jeweils das Herzogtum erforderlich, das mit seinen Räten unmittelbar eingriff.

Wie eng die Stadt vom Kloster auch in nachreformatorischer Zeit abhing, wird deutlich, wenn man die Gerichtssitzungen, namentlich die mehrfach jährlich stattfindenden Rug- und Vogtgerichte betrachtet. Neben den eigentlichen Gerichtsmitgliedern waren grundsätzlich auch der Abt und der Vogt anwesend.27 Die Autonomie des städtischen Gerichts war also gering. Allerdings wandelte sich die Gewichtsverteilung allmählich: Der evangelische Abt Etzel beschwerte sich 1593, dass der Vogt die Besetzung des städtischen Gerichts vornehme, wo dies doch dem Abt zustehe.28 Dieser Prozess, der mit der Huldigung an den Herzog statt an den Abt 1550 begonnen hatte, war offenbar auch in der Folge nicht aufzuhalten.

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Viel mehr Eigenständigkeit gewann die Stadt dadurch nicht. Zwar erwähnten Bürgermeister, Gericht und Rat 1565, dass sie ein neues Rathaus errichtet hätten, aber dieser Ausdruck bürgerlichen Selbstbewusstseins wurde getrübt durch die Tatsache, dass sich die Stadt dadurch und durch andere Baumaßnahmen finanziell völlig übernommen hatte.29 Die geringe Eigenständigkeit der Stadt Murrhardt gegenüber dem Kloster wird bis in die Gegenwart hinein von der dialektalen Bezeichnung „Städtle“ statt Stadt unterstrichen.

Ein wichtiger Aspekt städtischer Autonomie war die Frage der Blutgerichtsbarkeit. Diese soll vor 1550 – also so lange dem Abt und nicht dem Herzog gehuldigt worden war – vom Stadtgericht ausgeübt worden sein. Zwar ist die Beweislage nicht ganz klar, aber immerhin weist eine heute noch am Flurnamen „Galgen“ erkennbare Hinrichtungsstätte darauf hin, dass es in Murrhardt ein Hochgericht und damit eine tatsächlich praktizierte Blutgerichtsbarkeit gegeben haben muss. Nach 1550 war die Hochgerichtsbarkeit aber auf jeden Fall nicht mehr vorhanden und wurde nun auf Murrhardter Klostergebiet vom Gericht in Marbach ausgeübt.30

Immerhin sind in nachreformatorischer Zeit verschiedene, unabhängig vom Kloster gemachte Eingaben von Bürgermeister, Gericht und Rat beziehungsweise Gemeinde an den Herzog beziehungsweise an die herzoglichen Räte nachgewiesen, entweder in akuten Krisensituationen oder bei wichtigen Baumaßnahmen. In diese direkte Korrespondenz mischte sich gegebenenfalls auch der herzoglich Vogt ein, dessen positive oder negative Stellungnahme ein Anliegen der Stadt maßgeblich fördern oder hemmen konnte.31 Überhaupt hat man den Eindruck, dass das Kloster in nachreformatorischer Zeit alte Traditionen, die die Verbundenheit zu den Bürgern jahrhundertelang wenigstens symbolisch unterstrichen hatte, nun allmählich einschlafen lassen wollte. Hier wäre der sogenannte Martinswein zu nennen, zu dem das Kloster alljährlich seine Bürger einlud, über dessen Abschaffung sich die Bürger aber 1576 beim Herzog beschwerten und damit auch Erfolg hatten.32

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Selbstverständlich waren auch die katholischen Äbte der Restitutionszeit auf den Sitzungen von Gericht und Rat anwesend und bestimmten dort den Kurs.33 Aber ihre Linie war eher noch härter als die ihrer evangelischen Vorgänger, wie Eingriffe in städtische Rechte zeigen. Der seit 1635 in Murrhardt etablierte Benediktinerabt Emmerich Fünkler hatte zwar versprochen, die althergebrachten Rechte der Stadt nicht zu beeinträchtigen. Als er sein Versprechen nicht einhielt, wandte sich die Stadt an den Bischof von Würzburg (Kontakt zum alten Landesherrn, dem Herzog von Württemberg, war den Bürgern von Fünkler verboten worden) und zählte in einer langen Liste die gebrochenen Versprechen des Abtes auf. Besonders wichtig war die Frage der Huldigung: Fünkler hatte hier wieder die Verhältnisse von vor 1550 eingeführt. Ihm wurde 1635 von den Bürgern gehuldigt, nicht mehr dem Herzog, der laut Restitutionsedikt im Kloster ja nichts mehr zu schaffen hatte. Fünkler hatte den Bürgern ausdrücklich verboten, etwa nach Stuttgart zu reisen und dort dem Herzog zu huldigen. Verschiedene Geldeinkünfte, die nach einem komplexen System zwischen Stadt und Kloster aufgeteilt waren, hatte Fünkler ins Kloster gezogen und die Fronpflichten erhöht. Die Dokumente, auf denen die Rechte der Stadt aufgeschrieben waren, hatte Fünkler an sich genommen und hielt sie unter Verschluss.34 Das hatten seine evangelischen Vorgänger nicht getan.

4. Geistliche Institutionen, die keine Vertreter zur Landschaft entsandten, und die dazugehörigen Städte

Wieder anders waren die Verhältnisse, wenn sich kein in der Landschaft vertretenes Klosteramt herausgebildet hatte, sondern wenn es bei Kloster- beziehungsweise Stiftsverwaltung geblieben war. Hier waren – anders als bei den meisten Klöstern – durchaus Städte vorhanden. Die Kloster- und Stiftsverwaltungen waren zwar, was den Haushalt und die Buchführung anging, von den jeweiligen Städten getrennt, aber die Kloster- und Stiftsverwaltungen traten an Bedeutung und öffentlicher Wahrnehmung gegenüber den Klöstern in den Klosterämtern merklich zurück.

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Beispiele gibt es mehrere. In Backnang existierte ein um 1116 gegründetes, von den Markgrafen von Baden bevogtetes reguliertes Augustiner- Chorherrenstift, neben dem um 1220/ 30 eine von den Badenern gegründete Stadt entstanden war. Beides, Stift und Stadt, gingen um 1300 an Württemberg über,35 das heißt, die Integration in die Grafschaft und das spätere Herzogtum hatte fast 100 Jahre vor Murrhardt und etwa 150 Jahre vor Blaubeuren begonnen. Die einigermaßen wirtschaftsstarke Stadt war zwar in vielfacher Weise mit dem Stift verflochten,36 aber eigentlich hätte man bei dieser Konstellation eine ähnliche Entwicklung erwartet wie in Blaubeuren, nämlich, dass sowohl ein weltliches Amt, das sich um die Stadt gruppierte, als auch ein Klosteramt entstanden wären. Dazu kam es nicht. Der entscheidende Grund dafür war die 1477 durchgeführte Umwandlung des regulierten Chorherrenstifts in ein Säkularstift. Diese Umwandlung hing maßgeblich mit der Gründung der Universität Tübingen zusammen, für die das Vermögen des Säkularstifts Sindelfingen verwendet worden war. Zum Ausgleich für die Pfründen dieses Stifts wurden im nunmehrigen Säkularstift Backnang neue Pfründen für Säkularkanoniker geschaffen. Die Augustiner-Chorherren erhielten für den Verlust Backnangs als eine Art Trostpflaster ein neues, allerdings sehr kleines Stift in Sindelfingen, wo man einige wenige Teile ← 138 | 139 →des vorherigen Säkularstifts in ein Augustiner- Chorherrenstift der Windesheimer Kongregation umgewandelt hatte.37

Obwohl das Backnanger Stift zwischen 1477 und der Reformation des Herzogs Ulrich 1534 durchaus eine auch in geistlicher und geistiger Hinsicht bedeutende Rolle spielte – es war unter dem Propst Peter Jakobi von Arlon (1492–1509) ein Zentrum des Humanismus – und obwohl das Stift durchaus auch wirtschaftlich auf festen Grundlagen stand, dachte offenbar niemand daran, einen Backnanger Propst auf einen Landtag einzuladen. Warum das so war, wird nirgends gesagt, aber offenbar hing das mit dem Status als Säkularstift zusammen. Während das alte Augustiner- Chorherrenstift ständig als Kloster angesehen wurde und sich selbst in etlichen Urkunden auch als solches bezeichnete, sah man ein Säkularstift nicht mehr als landtagsfähiges Kloster an. Das alte Augustiner- Stift hatte gegenüber Württemberg auch dieselben Leistungen zu erbringen wie ein Kloster, also Transportpflichten im Kriegsfall sowie Beherbergungs- und Atzungspflicht für den Grafen und sein Gefolge, wenn dieser zur Erfüllung seiner Schutz- und Kastvogts- Aufgaben in Backnang weilte. Das neue Säkularstift wurde 1477 von diesen Aufgaben befreit, was mit eine Rolle beim Verlust der Landstandschaft gespielt haben könnte – obwohl der finanziell klamme Herzog Ulrich später all diese Pflichten wieder einführte.38 Zumindest anfangs wird das Stift das Fehlen in der Landschaft kaum als Defizit empfunden haben, denn es scheint, dass unter dem ersten Propst des Säkularstifts noch eine enge Verbindung zu den landständischen Äbten und anderen Prälaten bestand, und der gebildete Propst Jakobi gehörte zum unmittelbaren Beraterkreis des Herzogs Ulrich, übte also durchaus reale politische Macht aus.39

Im selben Maße wie das Stift an politischer Bedeutung einbüßte, schob sich die Stadt Backnang nach vorne. Sie war rasch Zentralort eines der größten Ämter des Herzogtums mit den beiden Unterämtern Reichenberg und Unterweissach. Ihre Vertreter spielten in der württembergischen Landschaft eine durchaus ← 139 | 140 →angemessene Rolle. Dessen ungeachtet, hatte das Stift noch in der gesamten Frühen Neuzeit umfangreichen Grundbesitz innerhalb der Stadt, wo die Mehrzahl aller Gebäude vom Stift zu Lehen rührten.40

In Sindelfingen, wo 1477 das Einkommen des dortigen Stifts zur Finanzierung der neu gegründeten Universität Tübingen verwendet worden war, bestand erst recht kein Grund, weshalb das Stift, das nur noch als kleine Rumpf- Institution weiter existierte, einen Vertreter in die Landschaft hätte entsenden sollen. Sindelfingen trat nur als Stadt samt dazugehörigem weltlichem Amt auf.41

Noch eindeutiger als in Sindelfingen war die Situation in Herrenberg. Dort war das erst 1439 gegründete weltliche Chorherrenstift, das zwischendurch von 1481 bis 1517 ein Stift der Brüder vom gemeinsamen Leben war, wieder zum Säkularstift geworden. Niemals stand zur Debatte, dass das Stift ein eigenes Amt gebildet hätte. Hier war allein die Stadt und ihr weltliches Amt maßgeblich.42 Die Reihe mit Stiften und Städten, in denen ähnliche Verhältnisse herrschten, wo also nur die Stadt mit ihrem Umland ein weltliches Amt bildeten und wo das Stift nie in die Lage kam, ein eigenes stiftisches Amt zu bilden und den Propst in die Landschaft zu entsenden, lässt sich beliebig fortsetzen. Das gilt auch für zeitweilig besonders wichtige und reiche Stifte, die nach der Reformation als dauerhaft eingerichtete „Kloster“- Schule (obwohl dieser Begriff für ein Stift nicht richtig passt) große Bedeutung gewannen, wie etwa das Amandus- Stift in Urach.43

Für Frauenklöster und - stifte war es sowieso völlig außerhalb jeglicher Vorstellung, dass diese parallel zu den Städten, in denen sie lagen, ein eigenes Klosteramt mit Landstandschaft bildeten. Nirgendwo finden sich auch nur Ansätze, die in diese Richtung gehen.44

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Das galt auch für Sonderfälle wie Steinheim an der Murr. Dort gab es ein eigenes Unteramt, in dem es ein seltsames Spannungsverhältnis zwischen dem örtlichen Dominikanerinnenkloster und dem stadtähnlichen Dorf Steinheim gab. Steinheim hatte von 1298 bis ins späte 14. Jahrhundert sogar Stadtrechte besessen und den Status einer Reichsstadt gehabt. Diese herausgehobene Position war allerdings gegen Ende des 14. Jahrhunderts verloren gegangen, und der Ort existierte nur noch als Dorf weiter, allerdings ein Dorf mit einer Stadtmauer, städtischer Infrastruktur und einer bemerkenswerten stadtähnlichen Verfassung mit erheblichen Selbstverwaltungsrechten, von denen „württembergische Kommunen nur träumen konnten“. Die Grafen von Württemberg waren um 1250 zwar an der Gründung des Dominikanerinnenklosters Marienthal in Steinheim beteiligt gewesen, waren dann aber für längere Zeit aus Steinheim verdrängt worden. Das Kloster kam 1422 unter hohenlohische Vogtei, und es dauerte bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts, bis es Württemberg gelang, Hohenlohe nach und nach hinauszudrängen. Steinheim wurde dann als Unteramt dem benachbarten Amt Marbach angegliedert. Die Konsequenz war, dass weder das stadtähnliche ← 141 | 142 →Dorf Steinheim noch das zwischen 1559 und 1582 reformierte Kloster einen Vertreter in die Landschaft entsandte.45

5. Städte und Klöster, bei denen die Integration nach Württemberg scheiterte: Ellwangen und Zwiefalten

Die Städte Blaubeuren und Murrhardt unterschieden sich in ihrer Wirtschaftskraft und im Maß ihrer Abhängigkeit vom jeweiligen Kloster. Diejenigen Städte, die neben sich oder in ihren Mauern nicht landschaftsfähige Stifte oder Frauenklöster beherbergten, waren wieder ein anderer Fall. Aber alle hatten insofern eine Gemeinsamkeit, als sie fest und auf Dauer ins politische System der Grafschaft und seit 1495 des Herzogtums Württemberg integriert waren.

Eine dritte Variante lässt sich bei den Klöstern Ellwangen und Zwiefalten beobachten. Dort beanspruchte Württemberg zwar ebenfalls lange Zeit die Vogtei, aber, anders als in den späteren Klosterämtern, gelang es dort nie, die Vogtei zur vollen Landesherrschaft auszubauen.

Ellwangen46 war eines der ältesten Klöster im südwestdeutschen Raum und Ende des 8. oder Anfang des 9. Jahrhunderts entstanden. Als Reichskloster spielte es über die Jahrhunderte eine bedeutende Rolle. Seit 1370 hatte Württemberg Schutz und Schirm über das Kloster inne. Der wohl pestbedingte Niedergang des 14. Jahrhunderts führte zu einer lang andauernden Krise, die auch von Württemberg veranlasste Reformversuche zu Beginn des 15. Jahrhunderts nicht bewältigen konnten. Auf Wunsch der Mönche wurde das Kloster 1460 in ein Säkularstift umgewandelt. Diese hatte eine allmähliche Stabilisierung der wirtschaftlichen Lage zur Folge. Die Position Württembergs war anders als in den übrigen württembergisch bevogteten Klöstern, weil Ellwangen nominell reichsunmittelbar war und dies auch dauerhaft durchsetzen konnte.

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Neben dem Kloster entstand – und zwar offensichtlich auf Initiative des Klosters – noch vor 1200 eine Stadt,47 die schon 1201 zusammen mit dem Kloster einem Brand zum Opfer fiel. Baulich bildeten Kloster und Stadt eine Einheit. In rechtlicher Hinsicht war der Abt beziehungsweise nach 1460 der Propst der Stadtherr. Ihm mussten, wie im Zinsbuch von 1337 überliefert ist, die Bürger schwören, und er verlieh das Amt des Schultheißen und besetzte das Gericht. Außerdem schuldete die Stadt ihm eine jährliche Steuer von 100 lb h, zu denen weitere 36 lb h kamen, die von der Pfarrei an den Abt zu entrichten waren. Für die Verleihung des Schultheißenamtes kassierte der Abt jeweils 26 lb h. Außerdem bestand ein Mühlbann des Abtes; die Bürger mussten in seiner Mühle mahlen lassen. Erbenloser Besitz fiel an das Kloster. Zusätzlich schuldeten die Bürger dem Abt für ihre Häuser und Grundstücke Zinsen und Frondienste, die jeweils zu Martini zu entrichten waren. Die völlige Abhängigkeit der Stadt vom Kloster im Allgemeinen und dem Stift im Besonderen wird aus verschiedenen Quellen des 14. und 15. Jahrhunderts sichtbar, wo Eide zur Bürgeraufnahme oder erbrechtliche Regelungen ein eindeutiges Bild ergeben. Immerhin hatte die Stadt in der Frühen Neuzeit und zweifellos auch schon im Spätmittelalter eine eigene Rechnungsführung, aus der deutlich wird, wieviel Geld ans Stift abzuführen war. Die Umwandlung des Stifts brachte für die Stadt keinerlei Änderung der Verhältnisse.

Anders als im Falle von Murrhardt und Blaubeuren tritt die Stadt Ellwangen im Umgang mit den Vögten nie als separate Größe hervor. Württemberg hat nie, wie das bei Murrhardt und Ellwangen war, Verträge mit der Stadt Ellwangen abgeschlossen. Die Anbindung der Stadt an Kloster beziehungsweise Stift war derart eng, dass es dafür offenbar keinerlei Ansatz gab. Nachdem Württemberg seinen Einfluss in Ellwangen angesichts von dessen starker reichsunmittelbarer Position nicht halten und erst recht nicht zur Landesherrschaft ausbauen konnte, brach auch die letzte Möglichkeit weg, einen Keil zwischen Kloster beziehungsweise Stift einerseits und Stadt andererseits zu treiben – und Württemberg scheint dies auch nie versucht zu haben.

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Anders als in Württemberg wurde in Ellwangen die Reformation nie eingeführt. Aber nicht einmal die konfessionellen Differenzen des 16. Jahrhunderts boten einen Ansatz, etwa die Stadt Ellwangen gegen das Stift auszuspielen. Württemberg hielt trotzdem fast das ganze 16. Jahrhundert über an seinem Anspruch auf Schutz und Schirm über Ellwangen fest, obwohl dieser je länger, desto weniger mit Substanz zu füllen war. Erst 1589 gab es diesen endgültig auf.48

Neben Ellwangen schaffte es Württemberg auch im Kloster Zwiefalten nicht, seine Vogteirechte zur Landesherrschaft auszubauen.49 Württemberg hatte die dortige Vogtei 1365/ 74 von Rudolf von Österreich erhalten, dessen Familie sie ihrerseits seit 1303 innehatte.50 Mit Zwiefalten hatten die Württemberger insofern Schwierigkeiten, als das Kloster 1478 sogar einmal einen ihm nicht genehmen württembergischen Untervogt absetzte – ein Vorgang, den ein Kloster sonst kaum je riskierte. Zwiefalten ging noch weiter und setzte es durch, dass Württemberg nur noch dem Kloster genehme Untervögte einsetzte. Dies führte zur Entwicklung von „Binnenstrukturen […], die das Überleben der Abtei im Reformationszeitalter wesentlich förderten“.51 Württemberg hatte, obwohl längst evangelisch, nominell die Klostervogtei über das katholische Kloster bis 1750(!) inne, als Zwiefalten sie gegen eine Geldzahlung endlich ablöste.52 Zur Landesherrschaft konnte Württemberg die Vogteirechte aber nie verdichten. Da aber beim Kloster Zwiefalten nie eine eigene Stadt entstand, sondern da die dortige Ansiedlung immer dörflichen Charakter hatte, sind weitere Ausführungen hier entbehrlich.

6. Fazit

Es gab viele Klöster in Städten, insbesondere die kaum zu zählenden Bettelordensklöster in Reichsstädten, zum Teil auch in Landstädten. Aber diese Klöster beherrschten nie, wie das in Murrhardt und Ellwangen der Fall war, die Stadt. ← 144 | 145 →Grundsätzlich war bei diesen Bettelordensklöstern auch die Stadt zuerst da. Erst als die Stadt vorhanden war, entstanden die Bettelordensklöster.

Im Falle von Murrhardt und Ellwangen war dagegen die Stadt später entstanden als das Kloster, und das Kloster hatte jeweils Anteil an der Stadtgründung, wenn diese nicht – wie im Falle Ellwangens – überhaupt vom Kloster alleine ausging. Auch außerhalb von Württemberg war die in Murrhardt und Ellwangen sichtbare Konstellation einer Stadt unter Klosterherrschaft selten. Man hat hier auf Städte unter der Klosterherrschaft Radolfzell verwiesen, auf den Markt des Klosters Reichenau am Nordufer des Bodensees, auf Säckingen am Hochrhein und auf Ottobeuren. Überall, wo es diese Konstellation gab, kamen die Klosterstädte nie „über das Stadium der Kleinstadt hinaus“.53 Überall fehlte der Fernhandel, der bei erfolgreichen, größeren Städten die Grundlage von Wachstum und Wohlstand war. Das war zwar auch in Blaubeuren der Fall, aber offenbar hatte die Stadt aufgrund ihres nicht ganz geringen wirtschaftlichen Potentials die Chance, sich autonomer zu entwickeln, als dies in Murrhardt und Ellwangen der Fall war, und so Zugang zu den Landtagen zu gewinnen.

Insgesamt ist es erstaunlich, dass das Thema „Stadt und Kloster“ – sei es in der seltenen Konstellation wie in Murrhardt, Ellwangen und Blaubeuren, sei es in der häufigen Konstellation mit Bettelordensklöstern in größeren Städten – noch nicht Gegenstand einer der seit etlichen Jahrzehnten durchgeführten Tagungen des südwestdeutschen Arbeitskreises für Stadtgeschichtsforschung war. Ebenso wenig war bisher einer der mittlerweile über 50 einschlägigen Tagungs- und Themenbänden diesem Inhalt gewidmet.54 Für die Zukunft wäre – über die genannten württembergischen Beispiele und über den südwestdeutschen Raum hinaus – das Verhältnis von Stadt und Kloster auf breiterer geographischer Basis zu untersuchen.


1 Die Mannsklöster und nach der Reformation die Klosterämter waren: 1. Adelberg, 2. Alpirsbach, 3. Anhausen, 4. Bebenhausen, 5. Blaubeuren, 6. Denkendorf, 7. Herrenalb, 8. Hirsau, 9. Königsbronn, 10. Lorch, 11. Maulbronn, 12. Murrhardt, 13. Reichenbach, 14. St. Georgen. Die viel zahlreicheren Frauenklöster, deren Besitz den Mannsklöstern deutlich nachstand, bildeten in der Regel keine eigenen Klosterämter. Eine Zwitterstellung hatten verschiedene Männer- und Frauenstifte, die zwar manchmal eigene Ämter bzw. Kloster- und Stiftsverwaltungen bildeten, aber keine Mitgliedschaft in der Landschaft hatten. Eine Sonderstellung hatte das Klosteramt Lichtenstern, das aus einem Zisterzienserinnenkloster hervorgegangen war und ein Klosteramt bildete. Da es verständlicherweise keinen Abt besaß, war Lichtenstern auch nicht in der Landschaft vertreten.

2 Vgl. etwa das Beispiel der Städte Weilheim und insbesondere Owen im Amt Kirchheim unter Teck. Owen als nachgeordnete Stadt stand im 16. Jahrhundert, weil es sich gegenüber der Amtsstadt aus unterschiedlichsten Gründen benachteiligt fühlte, in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts in langem Streit mit Kirchheim; dazu: Georg M. Wendt, Legitimation durch Vermittlung. Herrschaftsverdichtung und politische Praxis in Württemberg am Beispiel von Kirchheim/ Teck, Schorndorf und Steinheim/ Murr (1482–1608) (Schriften zur südwestdeutschen Landeskunde 79), Ostfildern 2018, S. 38–42, 158–162.

3 Die Edition des Vertragstextes bei: Eugen Schneider (Hg.), Ausgewählte Urkunden zur Württembergischen Geschichte (Württembergische Geschichtsquellen 11), Stuttgart 1911, S. 87–93; Götz Adriani / Andreas Schmauder (Hg.), 1514. Macht. Gewalt. Freiheit. Der Vertrag zu Tübingen in Zeiten des Umbruchs, Ostfildern 2014; Andreas Schmauder, Der Tübinger Vertrag und die Rolle Tübingens beim Aufstand des Armen Konrad 1514, in: Sönke Lorenz / Volker Schäfer (Hg.), Tubingensia: Impulse zur Stadt- und Universitätsgeschichte. Festschrift für Wilfried Setzler, Ostfildern 2008, S. 187–208; Andreas Schmauder / Wilfried Setzler, Vor 500 Jahren: Württemberg im Aufstand. Der Arme Konrad und der Tübinger Vertrag von 1514, in: Schwäbische Heimat 1, 2014, S. 15–23.

4 Walter Grube, Der Stuttgarter Landtag 1457–1957. Von den Landständen zum demokratischen Parlament, Stuttgart 1957, S. 200; Otto Hering, Leibbuch, Leibrecht, Leibeigenschaft im Herzogtum Württemberg, in: Zeitschrift für Württembergische Landesgeschichte 11, 1952, S. 157–188, hier: S. 170–173; Dieter Stievermann, Landesherrschaft und Klosterwesen im spätmittelalterlichen Württemberg, Sigmaringen 1989, S. 165 f.

5 Vgl. zum württembergischen Landtag: Grube, Stuttgarter Landtag (wie Anm. 4); Ders., Stände in Württemberg, in: Günther Bradler / Franz Quarthal (Red.), Von der Ständeversammlung zum demokratischen Parlament. Die Geschichte der Volksvertretungen in Baden- Württemberg, Stuttgart 1982, S. 51–61.

6 Gabriele Haug- Moritz, Die württembergische Ehrbarkeit. Annäherungen an eine bürgerliche Machtelite der Frühen Neuzeit (Tübinger Bausteine zur Landesgeschichte 17), Ostfildern 2009; Nina Kühnle, Richter, Vögte, Landschaftsvertreter. Die Ehrbarkeit im spätmittelalterlichen Württemberg, in: Elisabeth Gruber (Hg.), Mittler zwischen Herrschaft und Gemeinde, Innsbruck u. a. 2013, S. 217–241; Martin Goll, Die „Ehrbarkeit“ im Staate Beutelsbach, in: Südwestdeutsche Blätter für Familien- und Wappenkunde 32, 2014, S. 53–114.

7 Aus der umfangreichen Literatur über den Armen Konrad sei nur die umfassendste Darstellung erwähnt: Andreas Schmauder, Württemberg im Aufstand – der Arme Konrad 1514. Ein Beitrag zum bäuerlichen und städtischen Widerstand im Alten Reich und zum Territorialisierungsprozeß im Herzogtum Württemberg an der Wende zur Frühen Neuzeit (Schriften zur südwestdeutschen Landeskunde 21), Leinfelden- Echterdingen 1998.

8 Vgl. zur Entwicklung bis zum Reformlandtag: Grube, Stuttgarter Landtag (wie Anm. 4); Ders., Stände in Württemberg (wie Anm. 5), jeweils passim.

9 Vgl. die Zusammenfassung der Diskussion um die Begriffe bei: Stievermann, Landesherrschaft und Klosterwesen (wie Anm. 4), S. 15–71, insbesondere: S. 20–24, 118–127.

10 Vgl. Gerhard Fritz (Hg.), Das Lagerbuch der Murrhardter Weiler von 1575 (Schriftenreihe des Instituts für Gesellschaftswissenschaften der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd 7), Schwäbisch Gmünd 2017, S. 11 (Bl. 4 a), URN: urn: nbn: de: bsz:752- opus4- 708.

11 Alpirsbach, Herrenalb, Lorch, Maulbronn und St. Georgen erhielten erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Stadtrechte. Vgl. dazu: Gerhard Fritz, Stadt und Kloster Murrhardt im Spätmittelalter und in der Reformationszeit (Forschungen aus Württembergisch Franken [künftig: FWFr] 34), Sigmaringen 1990, S. 143 f.

12 Die folgenden Ausführungen zur Stadt Blaubeuren grundsätzlich nach: Immo Eberl, Die Stadt Blaubeuren im Spätmittelalter. Zur Entwicklung einer landesherrlichen Kleinstadt, in: Hansmartin Decker- Hauff / Immo Eberl (Hg.), Blaubeuren. Die Entwicklung einer Siedlung in Südwestdeutschland, Sigmaringen 1986, S. 177–219; zum Kloster: Otto- Günter Lonhard, Das Kloster Blaubeuren im Mittelalter. Rechts- und Wirtschaftsgeschichte einer schwäbischen Benediktinerabtei (Veröffentlichungen der Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden- Württemberg B 25), Stuttgart 1963; Klaus Schreiner, Mönchtum im Geist der Benediktregel. Erneuerungswille und Reformstreben im Kloster Blaubeuren während des hohen und späten Mittelalters, in: Decker- Hauff / Eberl, Blaubeuren (wie oben), S. 93–176; zusammenfassend: Immo Eberl, Blaubeuren, in: Wolfgang Zimmermann / Nicole Priesching (Hg.), Württembergisches Klosterbuch. Klöster, Stifte und Ordensgemeinschaften von den Anfängen bis in die Gegenwart, Ostfildern 2003, S. 155 f.

13 Außer Eberl, Stadt Blaubeuren (wie Anm. 12), S. 197 f., insbesondere: Otto- Günter Lonhard, Das Kloster Weiler, in: Das Blaumännle 24–26, 1976; zum Erwerb der Klostervogtei durch Württemberg: Stievermann, Landesherrschaft und Klosterwesen (wie Anm. 4), S. 111.

14 Vgl. außer Eberl, Stadt Blaubeuren (wie Anm. 12), S. 195 f., insbesondere: Rudolf Seigel, Spital und Stadt in Alt- Württemberg. Ein Beitrag zur Typologie der landstädtischen Spitäler, Tübingen 1966, S. 34; Otto- Günter Lonhard, Das Spital zum Heiligen Geist in Blaubeuren, in: Ulm und Oberschwaben 39, 1970, S. 22–24.

15 Eberl, Blaubeuren (wie Anm. 12), S. 200 f., nach: Max Huber, Ein Einkünfteregister der Grafschaft Kirchberg- Kirchberg von 1379/ 1438, in: Ulm und Oberschwaben 40/ 41, 1973, S. 27–68, hier: S. 36 f.

16 Gerhard Fritz, Murrhardt, in: Zimmermann / Priesching, Württembergisches Klosterbuch (wie Anm. 12), S. 338–340; zur Frühzeit des Klosters: Ders., Kloster Murrhardt im Früh- und Hochmittelalter. Eine Abtei und der Adel an Murr und Kocher (FWFr 18), Sigmaringen 1982; Ders., Die Anfänge des Klosters Murrhardt, in: Württembergisch Franken (künftig: WFr) 100, 2016, S. 7–26.

17 Gerhard Fritz, Zum Zeitpunkt der Stadterhebung von Murrhardt, in: WFr 69, 1985, S. 281–285.

18 Gerhard Fritz, Die Geschichte der Grafschaft Löwenstein und der Grafen von Löwenstein- Habsburg vom späten 13. bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts (FWFr 29), Sigmaringen 1986, Regesten, S. 265 f., Nr. 11; S. 271, Nr. 137.

19 Fritz, Löwenstein (wie Anm. 18), S. 53–69.

20 1338 VIII 24, in einer Urkunde des Murrhardter Abtes Heinrich und des Konvents als Zeugen: „Burglin und Heinrich Battenburg, burger ze Murrhart“ (Hauptstaatsarchiv [künftig: HStA] Stuttgart, A 469, U 138); 1349 IV 25: Hartmann der Obermann, Bürger zu Murrhardt (Fritz, Löwenstein (wie Anm. 18), S. 281, Regest Nr. 184); 1388 III 10: „Chuntz Ekhart von Murrhart“; derselbe auch: 1389 VI 30 (Friedrich Pietsch, Die Urkunden des Archivs der Reichsstadt Schwäbisch Hall, 2 Bde. (Veröffentlichungen der staatlichen Archivverwaltung Baden- Württemberg 21, 22), Stuttgart 1967–1972, S. 256, U 854; S. 260, U 878, 879).

21 Fritz, Stadt und Kloster Murrhardt (wie Anm. 11), S. 138–223. Zu erwähnen sind lediglich zwischenzeitlich neu gefundene Murrhardter: „Cunrat Wisshar“, der 1404 I 14 Besitz bei Schmiedelfeld hat (StA Ludwigsburg, B 113 I, U 425); 1432 V 14: „Betz Schryner zu Murhart“ (Hospitalarchiv Schwäbisch Hall, U 723); 1445 II 23 noch derselbe (ebd., U 672); 1469 II 9 ist derselbe tot, seine Ehefrau lebt (ebd., U 564); 1457 VI 10 und 17: der Bruch in Murrhardt (HStA Stuttgart, A 602, U 2614 und 2615); 1467 III 12: „Michael Metzler von Murhart“ (Pietsch, Urkunden (wie Anm. 20), S. 320, U 2546); ein Gleichnamiger auch 1466 VI 4 als „von Plintheim“, Laie der Würzburger und Augsburger Diözese (ebd., S. 318, U 2521); 1491 III 24: Bürgermeister Hans Miller (HStA Stuttgart, A 508, U 8).

22 HStA Stuttgart, A 508, U 2.

23 Gerhard Fritz, Murrhardter Stadtrechtsquellen aus dem 15. und 16. Jahrhundert, in: WFr 94, 2010, S. 38–63.

24 Gerhard Fritz, Untersuchungen zur Sozial- und Wirtschaftsgeschichte des Schwäbisch-Fränkischen Waldes im 15. und frühen 16. Jahrhundert, in: WFr 96, 2012, S. 59–111.

25 Fritz, Murrhardter Stadtrechtsquellen (wie Anm. 23), S. 54–60.

26 Gerhard Fritz, Murrhardter Bürgeraufstände des 16. Jahrhundert, in: WFr 67, 1983, S. 55–71.

27 Gerhard Fritz, Murrhardter Sozialgeschichte von der Mitte des 16. Jahrhunderts bis zum Beginn des Dreißigjährigen Krieges (ca. 1559 bis 1620) (historegio 10), Remshalden 2020, S. 37, 176.

28 Ebd., S. 39.

29 Ebd., S. 48 f.

30 Ebd., S. 233.

31 Vgl. ebd., S. 64, eine Eingabe wegen der akuten Hungersnot 1571; S. 72, wegen des Baus der (vom Kloster unabhängigen) Burgermühle 1583; HStA Stuttgart, A 508, Bü 6, Briefwechsel zwischen Stadt, Vogt und herzoglichem Oberrat, d.h. der Regierung 1630/ 31 mit negativer Stellungnahme des Vogtes.

32 Ebd., S. 196.

33 Stadtarchiv Murrhardt, Vermögensbuch, fol. 222 b, Sitzung vom 11.10.1647; künftig in derselben Studie.

34 Vgl. zur Supplik von 1638 an den Bischof: StA Würzburg, Gebrechenamt II, M 92. Zum gesamten Sachverhalt ist eine Studie des Verfassers in Vorbereitung.

35 Gerhard Fritz, Backnanger Geschichte vom 11. bis 13. Jahrhundert, in: Backnanger Jahrbuch 25, 2017, S. 71–80.

36 Gerhard Fritz, Wirtschaftsgeschichte des Stifts Backnang vom späten 14. bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts. Auswertung des Lagebruchs von 1393 und der Gültverzeichnisse von 1450/ 53, in: Backnanger Jahrbuch 18, 2010, S. 56–94.

37 Vgl. zur Umwandlung: Sabine Beate Reustle, Stift und Stadt Backnang im 16. Jahrhundert (Backnanger Forschungen 2), Backnang 1996, S. 25–53; Dies., Backnang, in: Zimmermann / Priesching, Württembergisches Klosterbuch (wie Anm. 12), S. 191 f.; Oliver Auge, Stift und Herrschaft. Eine Studie über die Instrumentalisierung von Weltklerus und Kirchengut für die Interessen der Herrschaft Württemberg […] (Veröffentlichungen des Stadtarchivs Sindelfingen 4), Sindelfingen 1996.

38 Gerhard Fritz / Sabine Reustle, Backnang, in: Sönke Lorenz / Oliver Auge / Sigrid Hirbodian (Hg.), Handbuch der Stiftskirchen in Baden- Württemberg, Ostfildern 2019, S. 79–86.

39 Reustle, Stift und Stadt Backnang im 16. Jahrhundert (wie Anm. 37), S. 50 f.

40 Gerhard Fritz (Hg.), Die Backnanger Lagerbücher von 1587, in: Carsten Kottmann / Bernhard Trefz (Hg.), Glaube – Bildung – Gesellschaft. Leben in der Frühen Neuzeit. Beiträge der Backnanger Tagung vom 21. Juni 2003 (Backnanger Forschungen 7), Backnang 2006, S. 85–178.

41 Oliver Auge, Sindelfingen, in: Lorenz / Auge / Hirbodian, Handbuch der Stiftskirchen (wie Anm. 38), S. 599–603. Zur Stadtgeschichte liegt nur eine ältere Arbeit vor: Helmut Graessle, Sindelfingen. Dorf, Stadt und Stift bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts, Sindelfingen 1954.

42 Roman Jansen, Herrenberg, in: Lorenz / Auge / Hirbodian, Handbuch der Stiftskirchen (wie Anm. 38), S. 288–195.

43 Roland Deigendesch, Bad Urach, in: Lorenz / Auge / Hirbodian, Handbuch der Stiftskirchen (wie Anm. 38), S. 112–120.

44 Vgl. etwa bei Wendt, Legitimation durch Vermittlung (wie Anm. 2), S. 154–157, das Dominikanerinnenkloster Kirchheim unter Teck.

45 Wendt, Legitimation durch Vermittlung (wie Anm. 2), S. 43 f. Ein knapper Überblick zu Steinheim bei: Matthias Untermann, Steinheim, in: Zimmermann / Priesching, Württembergisches Klosterbuch (wie Anm. 12), S. 463 f.

46 Hans Pfeifer, Ellwangen, in: Zimmermann / Priesching, Württembergisches Klosterbuch (wie Anm. 12); Franz Brendle, Ellwangen, in: Lorenz / Auge / Hirbodian, Handbuch der Stiftskirchen (wie Anm. 38), S. 181–190. Fast die gesamte umfangreiche Literatur zu Ellwangen befasst sich mit dem Kloster und Stift; die Stadt ist kaum einmal Gegenstand der Untersuchungen. Zum Erwerb der Schutzherrschaft 1370 auch: Stievermann, Landesherrschaft und Klosterwesen (wie Anm. 4), S. 108 f.

47 Die folgenden Ausführungen zur mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Stadt Ellwangen folgen grundsätzlich: Eugen Weis, Bürger zu Ellwangen unter Abt und Propst, in: Viktor Burr (Hg.), Ellwangen 764–1964. Beiträge und Untersuchungen zur Zwölfhundert- Jahrfeier, 2 Bde., Ellwangen 1964, hier: Bd. 1, S. 168–178. Die von Weis herangezogene Quelle von 1337 ist mittlerweile ediert: Hubert Häfele (Bearb.), Das älteste Urbar der Abtei des gotzhuses zu Ellwangen von 1337 (Veröffentlichungen der Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden- Württemberg A 52), Stuttgart 2008, S. 15–238.

48 Dieter Stievermann, Fürstabtei Ellwangen, in: Meinrad Schaab / Hansmartin Schwarzmaier (Hg.), Handbuch der baden- württembergischen Geschichte, 2. Bd.: Die Territorien im Alten Reich, Stuttgart 1995, S. 526–536.

49 Vgl. zu Zwiefalten allgemein: Hermann Josef Pretsch, Zwiefalten, in: Zimmermann / Priesching, Württembergisches Klosterbuch (wie Anm. 12), S. 525–529; ausführlich: Wilfried Setzler, Kloster Zwiefalten. Eine schwäbische Benediktinerabtei zwischen Reichfreiheit und Landsässigkeit, Sigmaringen 1979; Hermann Josef Pretsch (Hg.), 900 Jahre Benediktinerabtei Zwiefalten, Ulm 1989.

50 Stievermann, Landesherrschaft und Klosterwesen (wie Anm. 4), S. 107 f.

51 Ebd., S. 126 f.

52 Pretsch, Zwiefalten (wie Anm. 49), S. 527.

53 Jürgen Sydow, Die Klein- und Mittelstadt in der südwestdeutschen Geschichte, in: Hans- Peter Becht (Hg.), Pforzheim im Mittelalter. Studien zur Geschichte einer landesherrlichen Stadt (Pforzheimer Geschichtsblätter 6), Pforzheim 1983, S. 9–38, hier: S. 20; Johannes Waldschütz, Tagungsbericht: Kloster und Stadt am südlichen Oberrhein im späten Mittelalter und in der frühen Neuzeit. Historisches Seminar, Abteilung Landesgeschichte der Universität Freiburg und der Stadt Neuenburg am Rhein, 5. und 6.3.2010, in: Informationen zur modernen Stadtgeschichte 1, 2010, S. 112–116.

54 Vgl. die Zusammenstellung der Tagungen und der Bände der Reihe „Stadt in der Geschichte“ und der verschiedenen stadtgeschichtlichen Publikationen der „Veröffentlichungen der Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden- Württemberg, Reihe B“, URL: http://www.stadtgeschichtsforschung.de/publikationen.htm (letzter Zugriff: 4.7.2020).

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Alois Schmid

Städte und Märkte in der Oberpfalz. Grundzüge ihrer Entwicklung im späten Mittelalter und in der beginnenden Neuzeit

Abstract: In the late Middle Ages and the early Modern Times the Upper Palatinate developed differently than the Duchy of Bavaria. The region was characterised by small governance structures which led to the formation of numerous little towns. This historical dimension becomes apparent when investigating today’s administration district. It is characterised by a multitude of urban forms reaching from the prevalent small towns to the central city of Regensburg, the “mother” of all towns in Bavaria, episcopal residence and imperial city. The study examins the temporal strata of urbanisation in the region, the different government bodies involved, the physical appearance of the towns and modes of participation within the developing regional parliaments. As a matter of fact, the effect of the historical peculiarities of the region’s urban landscape are still tangible today.

Die Oberpfalz stellt für die aus durchaus einsichtigen Gründen ohnehin nicht besonders ausgeprägte Stadtgeschichtsforschung in Bayern einen weithin weißen Fleck dar. Wohl liegen für viele Städte und Märkte zahllose Lokalstudien, meist älteren, vereinzelt aber auch neueren Datums – oftmals innerhalb des „Historischen Atlasses von Bayern“ – vor,1 doch haben diese noch kaum eine Zusammenfassung oder breitere Auswertung unter überörtlich ansetzenden, systematisierenden Fragestellungen erfahren. Zu Recht stellte Wilhelm Volkert in seinem Beitrag über die Oberpfalz zum „Handbuch der bayerischen Geschichte“ 1995 fest: Eine „zusammenfassende Untersuchung ← 147 | 148 →über das Städtewesen fehlt.“2 In diese Richtung sind noch nicht mehr als erste Forschungsansätze entwickelt worden, nachdem die für Altbayern angefertigten Untersuchungen von Ludwig Rothenfelder,3 Klaus Fehn,4 Wilhelm Liebhart5 oder Karl Bosl6 nur wenig über die Donau nach Norden ausgriffen. Die Verfasser der wichtigsten diesbezüglichen Studien sind Maria Recknagel,7 Ernst Klebel,8 Reinhard H. Seitz,9 Konrad Ackermann10 und Erwin ← 148 | 149 →Herrmann.11 Die Frage nach den besonderen architektonischen Grundmerkmalen der oberpfälzischen Stadt hatte schon 1926 Bernhard Hermann Röttger thematisiert.12 Für die herrschafts- und verfassungsgeschichtlich ausgerichtete Städteforschung bleibt die Oberpfalz jedoch weithin erst zu entdecken. Sie wird eines der Grundprobleme sein, das es bei der anstehenden Auswertung des „Historischen Atlasses von Bayern“ zu formulieren gilt.13

Dazu will die folgende Studie einen vorbereitenden Beitrag leisten. Ihr Ziel ist, die bemerkenswert breit besetzte, vielgestaltige, alle Typen und Hierarchien von Städten aufweisende Städtelandschaft der Oberpfalz vorzustellen und die bestimmenden Grundlinien ihrer Entwicklung aufzuzeigen. Notgedrungen muss sie sich auf ausgewählte Aspekte konzentrieren. Im ersten Abschnitt möchte sie den Aufbau der oberpfälzischen Städtelandschaft durch die Aufdeckung der wichtigsten zeitlichen Schichten verdeutlichen. Dieser Einstieg soll mit der Frage nach den entscheidenden Trägern und den von ihnen jeweils bevorzugten Räumen weitergeführt werden. In einem dritten Abschnitt werden dann einige typologische Grundmerkmale herausgearbeitet. Abschließend soll nach der Rolle der Städte und Märkte in den oberpfälzischen Ständevertretungen bis hin zur Wiedereingliederung des Fürstentums der Oberen Pfalz nach Bayern durch Kurfürst Maximilian I. von Bayern in den Jahren 1623/ 28 gefragt werden. Zeitlich werden die Erörterungen somit die drei Jahrhunderte zwischen dem Hausvertrag von Pavia 1329 und der Regierungszeit Maximilians I. im Blick haben. Am ehesten in dieser Epoche des Spätmittelalters und der beginnenden Neuzeit hatte die Oberpfalz ihre eigene Geschichte, weswegen auch wirklich von einer oberpfälzischen Städtelandschaft gesprochen werden kann. Natürlich kann das angesprochene Fragenbündel hier weithin nur angerissen und nicht auch erschöpfend abgehandelt werden. Es muss bei der Absteckung eines Untersuchungsfelds und der Aufdeckung einiger Grundlinien bleiben, das einmal in einer Dissertation auf der erforderlichen breiten archivalischen Grundlage in Verbindung historischer und kulturgeographischer Fragestellungen aufgearbeitet werden sollte.

← 149 | 150 →1. Der Aufbau der Städtelandschaft der Oberpfalz

Die Erörterungen haben von der Exposition des Untersuchungsmaterials ihren Ausgang zu nehmen: der Vorstellung der Städtelandschaft Oberpfalz. Doch bereits hier beginnen die Schwierigkeiten: Auf welchen Raum sollen die Untersuchungen aufgebaut werden? Angesichts der starken Aufsplitterung der Oberpfalz in eine Reihe kleinerer und kleinster Herrschaften während des Untersuchungszeitraums muss zweckmäßigerweise auf den modernen Regierungsbezirk Oberpfalz zurückgegriffen werden. Ungeachtet der zahlreichen durch die Zugrundelegung einer erst 1838 begründeten modernen Verwaltungseinheit für eine historische Untersuchung heraufbeschworenen neuen Probleme wird nur auf diesem Wege eine ausreichend breite und damit wirklich aussagekräftige Arbeitsbasis geschaffen. Die einzelnen Kleinterritorien geben für sich alleine kaum eine eigenständige Städtelandschaft ab. Da sich die historische Städtelandschaft der Oberpfalz natürlich keinesfalls mit dem modernen Regierungsbezirk deckt, muss vereinzelt darüber hinaus ausgegriffen werden.

Zu dieser ersten grundlegenden Vorentscheidung kommt als zweite, dass die Städte und Märkte nicht getrennt, sondern gemeinsam betrachtet werden sollen. Eine Trennung hat wenig Sinn, weil die Übergänge gerade in der Oberpfalz im Untersuchungszeitraum ohnehin fließend blieben und die Zusammenschau aussagekräftigere Ergebnisse erbringt.

Eine erste Bestandsaufnahme der Städte und Märkte in der Oberpfalz am Ausgang des Mittelalters haben Gertrud Diepolder und Sebastian Hiereth für den „Bayerischen Geschichtsatlas“ erstellt.14 Sie haben für den Raum des Regierungsbezirks Oberpfalz insgesamt 86 Ortseinträge gemacht. Diese Arbeitsgrundlage wird nach den Ergebnissen zusätzlicher Quellenstudien infolge der Ausweitung des Untersuchungszeitraums geringfügig auf 91 Orte erweitert. Davon betreffen 37 Siedlungen mit Stadtrang. Diese Zahl ist in Verbindung zu den anderen Regierungsbezirken zu setzen. Für Oberbayern und Niederbayern werden von Diepolder und Hiereth jeweils 75 Orte mit Stadt- beziehungsweise Marktrang, für Schwaben insgesamt 73 Orte vermerkt. Dagegen wurden für die drei fränkischen Regierungsbezirke zusammen über 200 Städte und Märkte eingetragen. Bereits dieser statistische Befund ergibt, dass die Oberpfalz zu den städtereicheren Teilen des modernen Staatsbayern gehört und von der Struktur ihrer Siedlungen her mehr auf Franken als auf Altbayern und Schwaben hin ausgerichtet ist. Sie ist zu ← 150 | 151 →den städte- und märktereicheren historischen Landschaften innerhalb des heutigen Staatsbayern zu zählen. Das System der Zentralorte ist hier ähnlich strukturiert wie in Franken. Das ist eine erste wichtige Feststellung.

Abb. 22: Städte und Märkte in der Oberpfalz um 1500. Bildnachweis: Max Spindler (Hg.) / Gertrud Diepolder (Red.), Bayerischer Geschichtsatlas, München 1969, Karte 22–23a (Ausschnitt).

Die nächste Frage soll der Entstehung dieser Städtelandschaft gelten. Wenn das für die angeführte kartographische Erfassung zugrunde gelegte und schon von den Bearbeitern selber als wenig befriedigender Notbehelf erkannte ← 151 | 152 →Einteilungsprinzip nach Jahrhunderten beibehalten wird, dann ergibt sich folgende Verteilung auf die hier zur Betrachtung anstehenden Jahrhunderte:

Die Auswertung dieser Aufstellung erbringt mehrere weitere wichtige Feststellungen:

Die Städteentwicklung erreicht in der Oberpfalz ihre Blütezeit vergleichsweise spät erst im 14. Jahrhundert. Das ist ein wichtiger Unterschied zum benachbarten Herzogtum Bayern.

Die Kurven für die Städte und die Märkte erreichen ihren Höhepunkt gleichzeitig jeweils eindeutig im 14. Jahrhundert. Doch verläuft sie bei den Märkten anders als bei den Städten. Lediglich im 14. Jahrhundert kommt die Anzahl der Städte in etwa an die Anzahl der Märkte heran, während im vorausgehenden 13. und dann wieder im folgenden 15. und 16. Jahrhundert das Übergewicht viel stärker bei den Märkten liegt.

Im 15. Jahrhundert fällt die Kurve der Städtegründungen steil ab, um im 16. Jahrhundert gänzlich auszulaufen.

Dagegen dauert die Gründung von Märkten bis ins 17. Jahrhundert hinein an. Rund ein Drittel der oberpfälzischen Märkte entsteht in einer Zeit, als kaum noch Städte gegründet werden.

Die Kurven der Städte- und Märkteerhebungen verlaufen also für die Oberpfalz in keiner Weise parallel, sondern haben ein gänzlich unterschiedliches Aussehen. Sie nehmen auch einen deutlich anderen Verlauf als im wittelsbachischen Altbayern, wo die Phase intensiver Städtegründungen bereits zwischen 1200 und 1270 liegt und um 1270 recht abrupt beendet wird, um in eine Epoche der nicht minder ausgeprägten landesherrlichen Märktepolitik überzugehen.15 Auch diese Eigenheit entspricht den fränkischen Gegebenheiten, die einen vergleichbaren Bruch nicht kennen und von ähnlicher Kontinuität bestimmt sind.

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Die statistische Auflistung der Stadt- und Markterhebungen nach Jahrhunderten macht gewiss Grundzüge der Entwicklung deutlich. Dennoch verwischt sie andererseits die entscheidenden geschichtlichen Einschnitte. Die vorgelegte Aufstellung bedarf deswegen der Interpretation unter verstärkter Einbeziehung historischer Gesichtspunkte. Es lassen sich noch genauere zeitliche Schichtungen herausarbeiten. Insgesamt können vier Hauptphasen unterschieden werden.

1.1. Die Frühzeit bis 1294

In der Epoche, als in Altbayern die meisten Städte entstehen, sind in der Oberpfalz erst wenige Städte festzustellen. Am Anfang steht Regensburg, das aber in mehrfacher Hinsicht, als Römerstadt, als Pfalzstadt, als Bischofsstadt und als Reichs- und Freistadt, gänzlich aus der Reihe fällt und sicherlich die Mutterstadt des oberpfälzischen Raumes schlechthin ist. Regensburg ist innerhalb der Städtelandschaft der Oberpfalz ein gänzlich „singuläres Phänomen“.16 Auf Regensburg folgen als wittelsbachische Stadterhebungen des Hochmittelalters nur die aus ottonischen Reichsburgen herauswachsenden Städte Cham17 und Nabburg.18 Die Frühzeit der salierzeitlichen Königsgründung Amberg ist noch immer mit vielen Fragezeichen belastet; der Erstbeleg als „civitas“ liegt im Jahre 1242.19 Ähnliche Verhältnisse sind in Sulzbach gegeben, das sich aus einer Burg heraus ebenfalls in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts zur Stadt auswuchs. ← 153 | 154 →Die wittelsbachische Städtepolitik, die in der Frühzeit stark auf Regensburg ausgerichtet war, griff in dieser frühen Phase kaum über die Donau in den Nordgau aus. Dennoch weist sie bereits in dieser ersten Phase auf das Gerüst der späteren Zentralorte voraus.20 Die ältesten Städte sind dann auf Dauer die bedeutendsten geworden.

Die wittelsbachische Städtepolitik, die von Süden in den Nordgau hineinwirkte, stieß auf den Gegendruck der nicht minder zielstrebigen, von Westen in den Raum ausgreifenden staufischen Städtepolitik. Im Bestreben, einen möglichst geschlossenen Königslandgürtel von Franken ins Egerland und thüringische Mitteldeutschland aufzubauen, betätigten sich auch die Staufer als aktive Städtegründer, deren zukunftweisende Städtepolitik den oberpfälzischen Raum einerseits im Süden im Donaubogen um Regensburg,21 andererseits am Nord- und Westrand erfasste. Neumarkt22 und Weiden23 sind die wichtigsten staufischen Gründungen geworden, die beide vorübergehend sogar den Rang von Königsstädten beanspruchten, aber nicht behaupten konnten. Im Übrigen ist noch bei einer Reihe weiterer Städte mit staufischen Anfängen zu rechnen: Auerbach,24 Erbendorf,25 Vilseck,26 ← 154 | 155 →Vohenstrauß;27 auch die heute mittelfränkischen Städte Lauf28 und Hersbruck29 sind in diesen Kontext zu stellen. Doch ist der Stadtcharakter bei diesen Stauferorten zunächst nur wenig ausgeprägt und oftmals auch kaum mehr nachzuweisen, weil die staufische Periode in jedem Fall nur von kurzer Dauer war und bald von den folgenden Entwicklungsstufen gänzlich überlagert wurde.

Das war die Lage zu Beginn der neunziger Jahre des 13. Jahrhunderts. In der Zeit, als in Altbayern das Gros der wittelsbachischen Städte entstand, wurde der Raum der späteren Oberpfalz nur am Rande von diesem zukunftweisenden Vorgang der Städtegründungen betroffen. Am ehesten ist Cham in diese Reihe zu stellen. Um 1290 war der alte Nordgau erst wenig mit Städten durchsetzt.

1.2. Die Epoche Ludwigs des Bayern

In die Phase Ludwigs des Bayern von seinem Herrschaftsantritt im Teilherzogtum Oberbayern 1294 bis zu seinem Tod 1347 fällt die Blütezeit des oberpfälzischen Städtewesens. Dem wittelsbachischen Teilherzog, König und schließlich Kaiser sowie seinem Bruder Rudolf I. verdankt eine Reihe oberpfälzischer Orte ihren Stadtstatus. Die Oberpfalz gehört zu den Räumen, die von ihrem Bruderzwist profitierten. Beide versuchten ihre Position gerade in dieser Randzone auszubauen und nahmen in diesem Sinne eine intensive Städtepolitik auf. Den Anfang machte dabei Rudolf I., der seit seinem Herrschaftsantritt im Jahre 1294 geradezu ein Füllhorn von Privilegien über die sich verfestigende Bürgerschaft in den Kommunen auch auf dem alten Nordgau ausschüttete.30 Vor allem Amberg,31 ← 155 | 156 →Nabburg,32 Schwandorf33 und Sulzbach34 erhielten von ihm für die Stadtentwicklung entscheidende Urkunden; dieser Gruppe müssen auch Lauf35 und das damals gerade niederbayerische Cham zugerechnet werden, dessen Stadtrecht von 1293 am Beginn dieses Entwicklungsschubs steht.36

Rudolfs I. Bruder, Konkurrent und schließlicher Bezwinger Ludwig der Bayer griff dieses Beispiel auf und verteilte noch mehr Stadtprivilegien. Vor allem Ludwig der Bayer ist der große Förderer der oberpfälzischen Städte geworden. Er hat zwar keine einzige Stadt neu gegründet, aber zahllose großzügig gefördert, weil er sich auch von deren Wirtschaftskraft eine Besserung seiner misslichen finanziellen Lage erhoffte. Ihm verdankt eine lange Reihe von oberpfälzischen Kommunen die Erhebung in den Stadt- beziehungsweise Marktrang oder zumindest die weitere Ausgestaltung der Privilegierung.37 Kein Wittelsbacher hat mehr für ← 156 | 157 →die Städte- und Märktelandschaft der Oberpfalz getan als der Kaiser. Diesen Zustand bringt bereits der Hausvertrag von Pavia 1329 zum Ausdruck, der für das Viztumsamt Burglengenfeld neben 38 Burgen schon 8 Städte und immerhin 26 Märkte als entscheidende Herrschaftsstützpunkte aufführt.38 Diese Nennungen machen die Verdichtung des Netzes der Zentralorte bereits vor der Abtrennung der Oberen Pfalz vom Herzogtum Bayern deutlich. Der große Städtefreund hat seine breite Städtepolitik39 auch in der Oberpfalz zur Geltung gebracht. Die pfälzischen Wittelsbacher haben sie nach dem Hausvertrag von Pavia fortgesetzt.40

Am meisten profitierte von dieser angestrengten wittelsbachischen Städtepolitik sicherlich Amberg. Die wissenschaftliche Bearbeitung des Amberger Stadtrechts bietet bis 1450 nicht weniger als 82 für die Stadtentwicklung grundlegende Urkunden, die fast ausschließlich von Wittelsbachern ausgestellt wurden;41 darunter finden sich immerhin 18 Privilegien Ludwigs des Bayern.42

Details

Seiten
616
ISBN (PDF)
9783631844762
ISBN (ePUB)
9783631844779
ISBN (MOBI)
9783631844786
ISBN (Buch)
9783631801178
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (März)
Schlagworte
Markt Landschaft Süddeutschland Bayern Stadt
Erschienen
Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2021. 616 S., 40 farb. Abb., 43 s/w Abb., 3 Tab.

Biographische Angaben

Wolfgang Wüst (Band-Herausgeber) Klaus Wolf (Band-Herausgeber)

Wolfgang Wüst war von 2000 bis 2019 Inhaber des renommierten Lehrstuhls für Bayerische und Fränkische Landesgeschichte an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Klaus Wolf ist seit dem Jahr 2012 Inhaber der Professur für Deutsche Literatur und Sprache des Mittelalters und der Frühen Neuzeit mit dem Schwerpunkt Bayern an der Universität Augsburg.

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Titel: Die süddeutsche Städtelandschaft – ein interregionaler Vergleich