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Erziehen in einer unübersichtlich gewordenen Welt

Positionen, Widersprüche, Utopien

von Claudia Stöckl (Band-Herausgeber) Agnes Trattner (Band-Herausgeber)
Sammelband 216 Seiten

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titelseite
  • Impressum
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Widmung
  • Inhalt
  • Einleitendes
  • Fundamente der Erziehung: Beziehungen, Praxis, Kritik
  • „Verstehen lehren“? – Lehren verstehen!
  • The Problem of Pedagogical Communication. Models Construction in Teacher Training
  • Tugendethik, Praxis und Erziehung
  • Bilden durch Zuhören – Luce Irigaray für die Pädagogik
  • Wir brauchen Spinner und Verrückte, es muss etwas passiern – Empört Euch! Überlegungen zum politischen Widerstand im Lichte kritischer Pädagogik
  • Lebensreform, Künste und Reformpädagogik
  • Lebensreform und pädagogische Reform in Ungarn in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts
  • „Nicht nur Märchen über die Möbel“ – Zeitgenössische Künstlerinnen der Sezession: Fanny Harlfinger- Zakucka und Anna Lesznai
  • Künste, Gemeinde und Erziehung. Verschiedene Konzeptionen über Kunsterziehung am Anfang des 20. Jahrhunderts
  • Die Hinwendung zur eigenen Natur – Körperbildung im Umfeld der Jugendbewegung
  • Pädagogische Reaktionen auf die Unübersichtlichkeit: Ratgeber und Bildungsangebote
  • Wickelanleitungen, Checklisten und Furchtappelle? Über Formen mediatisierter Wissensvermittlung in Elternratgebern
  • Wenn elterliche Erziehung versagt… Präventive familiäre Unterstützungsangebote durch „Frühe Hilfen“
  • Alter und Gesundheit im Fokus der Bildung
  • Kultureller Riss und gesellschaftlicher Wendepunkt. Was geben wir unseren Kindern weiter?
  • Autorinnen und Autoren

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Claudia Stöckl & Agnes Trattner

Einleitendes

Die Welt erscheint infolge technologischer und gesellschaftlicher Veränderungen wie etwa der Digitalisierung, Beschleunigung und Differenzierung oder des demographischen Wandels zunehmend unübersichtlicher, wobei – so hat es den Anschein – die Anforderungen und Möglichkeiten für Erziehung und Bildung von der frühen Bildung über Schule und Erwachsenenbildung bis hin zur Altersbildung ihre unhinterfragte Selbstverständlichkeit eingebüßt haben. Auch das Fach Pädagogik selbst ist unübersichtlich geworden. Diese Perspektive auf „Unübersichtlichkeit“ ist eine von dreien, die im vorliegenden Sammelband thematisiert und untersucht werden. Daneben spricht der Band „Unübersichtlichkeit“ als Zeitdiagnose an, die die aktuelle Lage der Welt charakterisiert und Pluralität, Inkommensurabilität und Ambiguität – sowie andere Phänomene der Gegenwart – unter dem Stichwort der Unübersichtlichkeit zusammenfasst. Schließlich wird die Diagnose der Unübersichtlichkeit nicht nur auf die Gegenwart, sondern auch auf den historischen Prozess der Gewordenheit selbst bezogen: die Welt ist in unübersichtlicher Weise geworden, was sie heute ist.

Auf den ersten Blick scheint klar zu sein, dass die Tätigkeit des Erziehens übersichtliche Verhältnisse erfordere, um gelingen zu können und die intendierten Ergebnisse zu zeitigen – wie Erziehung umgekehrt durch Unübersichtlichkeit gefährdet, herausgefordert bzw. in der Krise sei. Auf den zweiten oder dritten Blick verliert diese herkömmliche Annahme einer neuen und gesellschaftlich bedingten Unübersichtlichkeit aber ihre Überzeugungskraft, wenn sich etwa Übersichtlichkeit als historische Illusion entpuppt oder anstelle gesellschaftlichen Wandels fachimmanente Faktoren für die Unübersichtlichkeit benannt werden können: fachliche Undisziplin oder Unkenntnis sorgen gleichermaßen für mangelnde Systematik und Unübersichtlichkeit. Unübersichtlichkeit kann auch als eine Grundbedingung ausgewiesen werden, mit der Erziehung immer schon gerechnet hat und zu rechnen hat – und der erziehungstheoretisch wie praktisch vielfältig Rechnung getragen wurde und wird. Hierbei ist unter anderen an Wolfgang Sünkel, Klaus Prange, Johann Friedrich Herbart oder Friedrich Schleiermacher zu denken, die von der Beweglichkeit, Spontaneität und Unfassbarkeit der lebendigen menschlichen Wesen ausgingen, welche in der Erziehung – in Vermittlung und Aneignung – und in vielfältigen Relationen zur materiellen, symbolischen und gesellschaftlichen Welt interagieren. Nicht zuletzt ←9 | 10→ist hier an Johanna Hopfners Arbeiten zu denken, die sich aus den genannten Quellen speisen und an die im vorliegenden Band angeknüpft wird, um die vielfältigen und facettenreichen Themen ihrer erziehungswissenschaftlichen Auseinandersetzung weiter zu weben. In dieser Tradition umfasst „Erziehung“ alle pädagogischen Phänomene und Ausdrucksformen, die mit Vermittlung und Aneignung von „nicht-genetischen Tätigkeitsdispositionen“ – des „dritten Faktors“ der Erziehung (Sünkel) – beschäftigt sind.

Der Band gliedert sich in drei Teile. Der erste Teil – Fundamente der Erziehung: Beziehung, Praxis, Kritik – umfasst fünf Beiträge: Rotraud Coriand setzt mit ihrem Artikel „Verstehen lehren“? – Lehren verstehen! am institutionellen Unterricht und der Unterrichtsforschung an und zeigt fachliche und begriffliche Ursachen für die Unübersichtlichkeit, sowie Auswege in Bezug auf die Lehrer*innenbildung.

Anna Aleksanyan befasst sich in ihrem Artikel The Problem of Pedagogical Communication mit der Rolle zwischenmenschlicher Kommunikation im pädagogischen Handeln. Dabei beleuchtet sie verschiedene Kommunikationsmodelle im Hinblick auf deren pädagogische Bedeutung. Im Speziellen geht sie auf die Kommunikation zwischen Lehrer*in und Schüler*in ein und zeigt damit den Nutzen der verschiedenen Kommunikationsmodelle für die Lehrer*innenbildung auf.

Brigitta Balogh stellt in ihrem Beitrag Tugendethik, Praxis und Erziehung die Frage, wie die Möglichkeit der Erziehung als Hilfe zur Orientierung unter den Bedingungen der Pluralität der Lebensformen und der Wertsysteme theoretisch artikuliert werden kann.

In ihrem Beitrag Bilden durch Zuhören macht Silvia Stoller Luce Irigaray für die Pädagogik fruchtbar. Ausgehend von Luce Irigarays radikaler, feministisch fundierter Differenztheorie, arbeitet sie die fundamentale Bedeutung des Zuhörens für die Bildung der Subjekte heraus und damit für die Grundlage pädagogischen Handelns überhaupt.

Eva Borst schließlich analysiert unter dem Titel Wir brauchen Spinner und Verrückte, es muss etwas passieren – Empört Euch! das gegenwärtige Bildungssystem aus dem Blickwinkel der kritischen Pädagogik und demonstriert, wie dieses seit geraumer Zeit durch ökonomische Verwertungsinteressen in Dienst genommen wird. Gleichzeitig zeigt sie auf, warum eine fügsame Unterordnung in die neoliberalistische Wirtschaftsordnung nur unzureichend gelungen ist. Mit Blick auf aktuelle Protestbewegungen fokussiert Eva Borst auf Möglichkeiten des politischen Widerstandes und damit einhergehende Tabubrüche.

Der zweite Teil – Lebensreform, Künste, Reformpädagogik – umfasst vier Beiträge: András Németh gibt in seinem Beitrag Lebensreform und ←10 | 11→pädagogische Reform in Ungarn in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts einen detaillierten Einblick in die Lebensreformbewegung mit ihren pädagogischen Reformimpulsen in Ungarn in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Er stellt sowohl die verschiedenen Aktivitäten und Vorstellungen als auch die personengeschichtlichen Verbindungen und Verästelungen der Bewegung in Ungarn dar und ordnet sie in einen gesamteuropäischen Kontext ein.

In ihrem Beitrag „Nicht nur Märchen über die Möbel“ – Zeitgenössische Künstlerinnen der Sezession: Fanny Harlfinger-Zakucka und Anna Lesznai beschreibt Beatrix Vincze das Leben und Wirken zweier Frauen, die am Ende des 19. Jahrhunderts durch ihre jeweilige Revolte gegen eine herkömmliche Kunstauffassung, gegen die traditionelle Frauenrolle sowie gegen althergebrachte Bildungsideale neue Impulse für die Kunstgeschichte, die Soziologie und die Pädagogik liefern. Dabei klärt sie dahinterstehende Philosophien bzw. die ästhetische Haltung in ihren pädagogischen Werken und zeigt die vielfältigen Verflechtungen der beiden Frauen mit der Lebensreformbewegung auf.

Villő Pethő beleuchtet in ihrem Beitrag Künste, Gemeinde und Erziehung. Verschiedene Konzeptionen von Kunsterziehung am Anfang des 20. Jahrhunderts. Dabei geht sie insbesondere auf die musikpädagogischen Konzeptionen von Zoltan Kodály, Valéria Dienes und Lajos Bardós ein. Sie zeigt die Zusammenhänge zwischen Kunsterziehung und der Lebensreformbewegung sowie deren Einflüsse auf reformpädagogische Konzepte. Deutlich wird dabei das gemeinsame Ziel der unterschiedlichen Bewegungen: mit Kunst, Musik und Bewegung zum Neuen Menschen und darauf aufbauend zu einer neuen – demokratischeren und solidarischeren – Gemeinschaft und letztlich Gesellschaft beizutragen.

Schließlich geht Agnes Trattner in ihrem Beitrag Die Hinwendung zur eigenen Natur – Körperbildung im Umfeld der Jugendbewegung den Verbindungslinien zwischen Körperkultur und Lebensreform nach, indem sie exemplarisch personelle und programmatische Verflechtungen des Wandervogels und der Körperkulturbewegung darstellt. Dabei werden die Vielgestaltigkeit der Ansätze und der Kontrast zu einseitigen und verengenden Rezeptionen im beginnenden Nationalsozialismus sichtbar.

Der abschließende dritte Teil – Pädagogische Reaktionen auf die Unübersichtlichkeit: Ratgeber und Bildungsangebote – umfasst vier Beiträge: Zusammen mit Claudia Schick und Sonja Wobig untersucht Ulf Sauerbrey in seinem Beitrag Rat und Ratlosigkeit zugleich? Über Vermittlungsinhalte und -formen in den gegenwärtig meistgekauften Elternratgebern die pädagogische Ratgeberliteratur – ein Thema, das innerhalb der Erziehungswissenschaft bisher relativ wenig Beachtung gefunden hat, trotz seines großen Erfolges auf dem Buchmarkt und ←11 | 12→in der breiten Öffentlichkeit. Am Beispiel von Ratgebern zu Babypflege und Kinderernährung stellt Ulf Sauerbrey seine empirische Forschungsarbeit vor, die das Ziel hat, die Vermittlungsformen von Ratgebermedien zu systematisieren.

Barbara Friehs fokussiert in ihrem Beitrag Wenn elterliche Erziehung versagtPräventive familiäre Unterstützungsangebote durch „Frühe Hilfen“ mit einem individualisierenden Blick auf familiäre Gewalt und Vernachlässigung von Kindern, indem sie den sozialpädagogischen Ansatz der Frühen Hilfen in Österreich als soziales Frühwarnsystem und präventive Hilfsmaßnahme beschreibt. Sie zeigt auch die Herausforderungen auf, mit denen das System der Frühen Hilfen konfrontiert ist und diskutiert seine Grenzen.

Mit Alter und Gesundheit im Fokus der Bildung beschäftigt sich Claudia Stöckl, indem sie Alter, Gesundheit und die Rolle der Bildung in den Kontexten der Wissensgesellschaft, der Gesundheitsgesellschaft und der alternden Gesellschaft darstellt. Sichtbar werden die enge Verwobenheit dieser Diskurse ebenso wie die normativen Ansprüche, welche an das Alter und die Gesundheit als „vernünftige“ Praktiken gestellt werden. Schließlich treten aber doch Widersprüche zutage, welche Spielräume für kritische Bildung und die Widerständigkeit der Subjekte eröffnen können.

Zum Abschluss reflektiert Emese Berzsenyi in ihrem Essay Kultureller Riss und gesellschaftlicher Wendepunkt. Was geben unsere Kinder weiter? aus einem persönlichen Blickwinkel die tiefgreifende gesellschaftliche Umwälzung infolge der Digitalisierung mit ihren Auswirkungen auf die nachfolgenden Generationen und die Erziehung – und rundet damit den Sammelband ab.

Zu guter Letzt gilt es, den vielen Händen und Köpfen zu danken, die am Entstehen dieses Buches und seiner ansehnlichen Form mitgewirkt haben – allen voran Irem Zarasiz und Isabell Unger, die ihre Sorgfalt beim Lektorieren walten ließen, sowie Vanessa Simon und Ute Winkelkötter für die umsichtige Betreuung des Projekts vonseiten des Peter Lang Verlages. Möge das vorliegende Ergebnis das Denken in Gang halten, zum Widerspruch herausfordern und Freude an dem facettenreichen Ornament von Johanna Hopfners Werk bereiten.

Biographische Angaben

Claudia Stöckl (Band-Herausgeber) Agnes Trattner (Band-Herausgeber)

Claudia Stöckl ist Hochschulprofessorin für Erziehungswissenschaft und allgemeine Didaktik an der Pädagogischen Hochschule Steiermark. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Angewandte Grundlagenforschung der Erziehungswissenschaft, Bildung im Alter und historische Fragen der Pädagogik. Agnes Trattner ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Erziehungswissenschaft der Karl-Franzens-Universität Graz. Ihr Arbeitsbereich umfasst Themen der Allgemeinen Pädagogik, wobei ihre Forschungsschwerpunkte Jugendforschung und Jugendkulturforschung, Körper und Gender bilden. Zudem lehrt sie an der Pädagogischen Hochschule Steiermark.

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Titel: Erziehen in einer unübersichtlich gewordenen Welt