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Nationalsozialistische Sprach- und Sprachenpolitik 1933 bis 1945

Europäische Sprachen aus ideologischer Sicht und sprachliche Wirklichkeit

von Helmut Schaller (Autor:in)
Monographie 344 Seiten

Zusammenfassung

Dieses Buch behandelt die nationalsozialistische Sprachpolitik in Deutschland. Der Autor untersucht die Darstellung der Sprachenpolitik der Nationalsozialisten in den Ländern in West-, Nord-, Ost- und Südosteuropa, die während des Zweiten Weltkriegs besetzt wurden. Dabei wird die Übertragung der nationalsozialistischen Terminologie in einzelne Landessprachen bzw. die Behandlung im Rahmen der Besatzungspolitik näher beleuchtet.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Vorwort
  • Einleitung
  • 1. Die deutsche Sprache vor und während der nationalsozialistischen Herrschaft
  • 2. Abgrenzungen und Übereinstimmungen aus deutscher Sicht mit europäischen Völkern
  • I. Sprachpolitik in Deutschland
  • 1. Die „Deutsche Akademie“ in München als Zentrum für internationale Verbreitung der deutschen Sprache und die Deutschen Wissenschaftlichen Institute in Europa
  • 2. Die Rolle der deutschen Sprache im In- und Ausland vor und nach 1933
  • 3. Maßnahmen der Nationalsozialisten zur Geltung des Deutschen und zur Vermittlung von Fremdsprachen
  • 4. Sprachliche Minderheiten in Deutschland in der Zeit von 1933 bis 1945
  • II. Sprachpolitik in den besetzten Ländern
  • 1. Die west- und nordeuropäischen Länder mit germanischen Sprachen
  • 2. Die Länder Ost- und Südosteuropas mit baltischen, slawischen und anderen Sprachen
  • III. Verlagswesen und Presse im Deutschen Reich und den besetzten Gebieten
  • IV. Fragen der Namengebung im Deutschen Reich und in den besetzten Ländern
  • Zusammenfassende Darstellung national- sozialistischer Sprach- und Sprachenpolitik in Deutschland und europäischen Ländern
  • Namensverzeichnis
  • Abbildungsverzeichnis
  • Literaturverzeichnis (in Auswahl)

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Vorwort

In der historischen Sprachwissenschaft lassen sich seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges vor allem drei zentrale Gebiete der Forschung feststellen, nämlich die Sprache des Dritten Reiches, die unterschiedliche Sprache im geteilten Deutschland und die Sprache der Propaganda, wie sie in der vorliegenden Darstellung behandelt werden soll.

Innerhalb der zahlreichen Abhandlungen zum Nationalsozialismus und zum „Dritten Reich“ nach 1945 findet sich bis jetzt keine zusammenfassende Darstellung der Frage nationalsozialistischer Sprach- und Sprachenpolitik, obwohl die Sprache ein grundlegendes Mittel aller politischen Aktion darstellte. Dies gilt sowohl für die nationalsozialistische Politik innerhalb des deutschen Sprachgebiets als auch für die von den Nationalsozialisten besetzten europäischen Gebiete, nämlich die Tschechoslowakei mit dem späteren „Protektorat Böhmen und Mähren“, Polen und dem „Generalgouvernement“, die „germanischen Länder“ Holland, Dänemark und Norwegen, ebenso für die baltischen Länder, für Weißrussland, die Ukraine und Teile Russlands.

Wie sich die nationalsozialistische Politik auf den Gebrauch der deutschen Sprache und auch auf die vom Deutschen Reich in den Jahren 1939 bis 1945 besetzten Teile Europas sprachlich auswirkte, soll im Folgenden an zahlreichen Dokumenten vor allem aus dem Bundesarchiv in Berlin-Lichterfelde gezeigt werden. Die Sekundärliteratur zu diesem Fragenkomplex umfasst sowohl zeitgenössische Publikationen als auch neue Veröffentlichungen, die nach 1945 erschienen sind und in Auswahl bibliographisch erfasst wurden.

Der Verfasser hat zu danken dem Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde für die über mehrere Jahre ermöglichte Auswertung zahlreicher Dokumente aus der NS-Zeit betreffend Sprache und Sprachenpolitik in den Jahren vor 1933 und für die Zeit von 1933 bis 1945. Wesentliche Förderung hat diese Untersuchung auch durch das Bayerische Hauptstaatsarchiv München und das Staatsarchiv Bamberg erfahren. Der Dank des Verfassers gilt auch der Bayerischen Staatsbibliothek München sowie der Library of Congress, Washington, aus deren Buch- und Zeitschriftenbeständen zahlreiche wichtige Unterlagen für die vorliegende Untersuchung gewonnen werden konnten.

Ganz besonderen Dank schuldet der Verfasser Frau Privatdozentin Dr. Claudia Radünzel Neumünster, Kiel. Sie hat einen großen Teil des Manuskriptes ←7 | 8→durchgesehen und dabei wertvolle Hinweise für Ergänzungen und Verbesserungen mitgeteilt.

Gedankt sei schließlich dem Verlag Peter Lang, Berlin, insbesondere Herrn Benjamin Kloss für die Veröffentlichung dieser Abhandlung im Verlag.

München, 1.Juni 2021 Helmut Wilhelm Schaller

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Einleitung

1. Die deutsche Sprache vor und während der nationalsozialistischen Herrschaft

Es besteht heute kein Zweifel, dass die deutsche Sprache seit 1933 den Weisungen des Staates, seiner Behörden und politischen Organisationen mehr und mehr bedingungslos unterworfen war. Gemeinsames Kennzeichen war eine Führerperson bzw. eine Gruppe oder Institutionen, die die Autorität beanspruchten, Vorschriften zu machen, die die Sprache betrafen.1 Ein idealisiertes Bild von Sprachpolitik hatte der österreichische Philosoph und Psychologe Friedrich Kainz (1897–1977)2 gegeben: „Die Grundüberzeugung aller sprachpolitischen Maßnahmen ist, dass die Sprache die Geistigkeit ihrer Sprecherschaft beeinflusst, jener also eine menschenformende und damit einigende Kraft eignet.“3

Die Frage der Behandlung der Rolle der deutschen Sprache in der Zeit des Nationalsozialismus hat keineswegs an Aktualität verloren, betrachtet man den Beitrag des Historikers Norbert Frei unter dem Titel „Völkische Fantasien“ mit dem Untertitel „Die Führungsriege der AfD zündelt mit Begriffen aus dem ‚Wörterbuch des Unmenschen‘“. Die Unbedarften unter den Sympathisanten scheint das nicht zu stören. Für die Rechtsradikalen in der Partei hingegen ist das NS-Vokabular ein „Lebenselixier“. Einleitend heißt es weiter bei Norbert Frei: „Frauke Petry möchte das Wörtchen ‚völkisch‘ rehabilitieren. Sie findet, man habe ihm in den vergangenen siebzig Jahren Unrecht getan. Immer nur werde es in einem negativen Kontext benutzt, dabei sei es doch ein ‚zugehöriges Attribut‘ zu ‚Volk‘. Ihr Parteivize Alexander Gauland, historisch gewiss gebildeter als die promovierte Chemikerin, sprang Petry dieser Tage mit der Erklärung bei, der Begriff komme aus der deutschen Jugendbewegung zu Anfang des 20. Jahrhunderts, sei also älter als der Nationalsozialismus und „mehr“ als der Völkische Beobachter.“4 Der Münchener Germanist Werner Betz hat im Jahre 1960 grundsätzliche Anmerkungen zur Sprachlenkung ←9 | 10→und Sprachentwicklung gemacht.5 „Wir leben in einer Zeit der Sprachlenkung. Staaten, Parteien, Weltanschauungen schreiben vor, wie wir sprechen sollen, welches Wort wir gebrauchen sollen und welches nicht. Es ist noch gar nicht lange her, da erhielten alle deutschen Zeitungen die Anweisung, die ‚Sprachregelung‘, dass das Wort ‚tapfer‘ nur von deutschen Soldaten gebraucht werden dürfe.6 Je mehr der moderne Staat seine Einwohner leiten und lenken will, desto mehr versucht er auch die Sprache zu lenken, um in jene Bereiche vorzudringen, die von einem äußeren Gehorsam nicht erfasst werden können.“ Es besteht kein Zweifel, dass für die Herrschaft der Nationalsozialisten in Deutschland, in weiten Teilen Europas die deutsche Sprache und auch andere europäische Sprachen von großer Bedeutung waren. Die nationalsozialistische Sprach- und Sprachenpolitik lässt sich demnach ganz offensichtlich in zwei Epochen einteilen:

Eine erste Epoche ist für die Jahre 1933 bis 1939 anzusetzen, als es vor allem darum ging, die Geltung der deutschen Sprache nicht nur im Inland zu pflegen, sondern sie auch in anderen Ländern im Rahmen eines weitgespannten internationalen Unterrichtssystems, vertreten durch deutsche Lektoren, zu verbreiten. Hinzu kamen sprachpflegerische Maßnahmen, wie sie bereits der „Deutsche Sprachverein“, dann vor allem die „Deutsche Akademie zur wissenschaftlichen Erforschung und zur Pflege des Deutschtums“ und während des Zweiten Weltkrieges die in europäischen Hauptstädten eingerichteten „Deutschen Wissenschaftlichen Institute“ verfolgten.

Eine zweite Epoche ist mit ihrem Beginn in der Schaffung des Protektorats Böhmen-Mähren 1939 anzusetzen, als das nationalsozialistische Deutschland erstmals über das deutsche Sprachgebiet hinausgriff und slawische Völker unter seine Herrschaft brachte, gefolgt von der Eroberung Polens im selben Jahr und dem Angriff auf die Sowjetunion 1941 sowie der Besetzung derer bisherigen Gebiete, der baltischen Länder, Weißrusslands, der Ukraine und Teilen von Russland.

Institutionen für die Sprachverbreitungspolitik der Nationalsozialisten waren die Kulturpolitische Abteilung des Auswärtigen Amtes, das im April 1933 als Erstes von den Nationalsozialisten neu gegründete Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda unter der Leitung von Joseph Goebbels (1897–1945 – Selbstmord), das am 1. Mai 1934 gegründete Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung unter der Leitung von Bernhard Rust (1883–1945 – Selbstmord) sowie das am 17. Juli 1941 neu gegründete ←10 | 11→Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete unter der Leitung von Alfred Rosenberg (1893–1946 hingerichtet), wo im Laufe des Jahres 1943 eine „Gruppe Sprachpolitik“ innerhalb der Abteilung „Kulturpolitik“ eingerichtet wurde. Im Auswärtigen Amt wurde am 1. Juni 1938 ein Referat für „deutsche Sprachwerbung im Ausland“ und ein „Referat Sprache“ eingerichtet, das bis zum Ende des Krieges existierte. Neben der „Deutschen Akademie“, dem „Goethe-Institut“ und dem „Deutschen Akademischen Austauschdienst/DAAD“ waren das „Deutsche Auslands-Institut/DA“ in Stuttgart und der „Volksbund für das Deutschtum im Ausland/VDA“ für die Sprachverbreitung des Deutschen im Ausland zuständig. Die SS verfügte über eine Abteilung „Angewandte Sprachsoziologie“ im „Deutschen Ahnenerbe“. Wie stark sich eigene deutsche Soziolekte in der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft herausbildeten, zeigen Abhandlungen zur Sprache des Arbeitsdienstes7 zum Filmdeutsch8 und zum Rundfunkdeutsch.9

In nur wenigen Abhandlungen wurde die nationalsozialistische Sprachpolitik bisher untersucht, von denen vor allem die Folgenden zu nennen sind: In ihrer Bonner Dissertation hat sich Cornelia Schmitz-Berning als eine der ersten mit der Sprache des Nationalsozialismus auseinandergesetzt,10 das Vokabular des Nationalsozialismus behandelte sie in weiteren Abhandlungen.11 In ←11 | 12→einer kürzeren Abhandlung befasste sich Sigrid Frind mit der Propagandafunktion der Sprache im Nationalsozialismus.12 Im selben Jahr wurde als Dissertation der Universität München die Abhandlung von Rolf Glunk mit dem Titel „Erfolg und Misserfolg der nationalsozialistischen Sprachlenkung“ veröffentlicht, wo der Autor u.a. darauf hinweist, dass aus der Sicht der Sprachpolitik eine Einteilung von Sprechern vorzunehmen sei, nämlich als „Anhänger“ und „Gegner“,13 ferner eine Sprachlenkung in zweifacher Form erfolgen könne, einmal durch ein Verbot bestimmter Wörter wie des marxistischen „Genosse“ und Schaffung von Ersatzwörtern, in diesem Falle „Volksgenosse“. Durch eine semantische Veränderung konnten bestimmte Wörter nur von der Partei verwendet werden, so das Wort „Schulung“.14 Missbräuchliche Tendenzen nationalsozialistischen Sprachgebrauchs behandelte Siegfried Bork.15 Mit der Sprache im Faschismus hat sich Lutz Winckler auseinandergesetzt.16 Weitere Abhandlungen zur Sprache des Nationalsozialismus wurden von Michael Kinne veröffentlicht.17 Zu nennen sind weitere einschlägige Abhandlungen: Gabriella Klein: „Tendenzen der Sprachpolitik des italienischen ←12 | 13→Faschismus und des Nationalsozialismus in Deutschland“,18 ferner Rudolf Köster: „Der Nationalsozialismus und die deutsche Sprache“,19 Werner Bohleber: „Gift, das du unbewusst einnimmst – der Nationalsozialismus und die deutsche Sprache“20 und Christian A. Braun: „Nationalsozialistischer Sprachstil: theoretischer Zugang und praktische Analysen auf der Grundlage einer pragmatisch-textlinguistisch orientierten Stilistik“.21 Zu nennen ist vor allem Dirk Scholten mit seiner Abhandlung „Sprachverbreitungspolitik des nationalsozialistischen Deutschlands“.22 Umfassendes Archivmaterial stützt diese Untersuchung, die sich allerdings schon vom Thema her auf die Verbreitung der deutschen Sprache beschränkt und die Frage der Verwendung anderer Sprachen weitgehend ausklammert. Dirk Scholten hat darauf hingewiesen, dass die Sprachpolitik der Nationalsozialisten bis dahin weitgehend unbearbeitet geblieben ist. Er behandelt die Maßnahmen zum Spracherhalt deutschsprachiger Minderheiten, sein Interesse gilt vor allem der Stellung der deutschen Sprache im Schulwesen europäischer Länder. Im weiteren Sinne befasst sich auch der von Wolfgang Benz herausgegebene Sammelband mit dem Titel „Anpassung – Kollaboration – Widerstand. Kollektive Reaktionen auf die Okkupation“ mit der Sprachenfrage in den Jahren des Nationalsozialismus.23 Zu nennen ist hier auch ein von Gerd Simon 1979 herausgegebener Sammelband zur Frage der Beziehung von Sprachwissenschaft und politischem Engagement.24 Grundsätzliche, allgemein gehaltene Überlegungen zur Sprachlenkung finden sich bei Walther Dieckmann in seiner Darstellung des Wechselverhältnisses von Sprache und Politik: „Die ideologische Sprachlenkung besteht in ihrer positiven Form aus Wortneubildungen (neuen Grundwörtern, Ableitungen oder Komposita) und als negative Sprachlenkung in der Aufforderung zum Vermeiden von Wörtern oder dem ausdrücklichen Verbot. ←13 | 14→In der Regel tritt beides zusammen auf. Da man mit dem Verbot eines Wortes die Sache nicht verbieten kann, zieht die negative Sprachlenkung eine positive nach sich, mit der durch Wortneubildung oder euphemistische Verschleierung ein Ersatzwort geschaffen wird.“25

Es besteht kein Zweifel, dass der Wortschatz eines Volkes ein zuverlässiger Spiegel seiner Kultur ist, ja sogar als ein wesentliches Stück seiner Kultur selbst zu betrachten ist. Bereits der Schweizer Pädagoge Johann Heinrich Pestalozzi (1746–1827) hatte darauf hingewiesen, dass sich an die Sprache die Anschauung der Geisteswelt knüpfe, wie sie sich an die äußere Natur die Anschauung der Sinnenwelt anschließe, und wie die äußere Natur das Dasein der Sinnenwelt ist, so ist die Sprache das Dasein, d.h. die sichtbare Erscheinung, das wirkliche Hervortreten der in Geist und Gemüte ruhenden Geisterwelt selbst. Im Jahre 1903 hatte sich Adolf Hemme für eine wissenschaftliche Etymologie ausgesprochen, ohne das „Lehnwort“ als etwas Fremdes herabzuwürdigen: „Niemand bezweifelt heute mehr die Zuverlässigkeit der Etymologie, niemand ihre hohe Bedeutung für die Sprachwissenschaft, niemand ihre Verwertbarkeit für den Unterricht, und dennoch fehlt sehr viel, dass sie die ihr gebührende allgemeine Beobachtung unter den Gebildeten gefunden hätte, ihre Ergebnisse das unveräußerliche Eigentum der wissenschaftlichen Lehrer und ein jederzeit zum Gebrauche stehendes Hilfsmittel für den Sprachunterricht an höheren Schulen geworden wäre.“26

Betrachtet man den deutschen bzw. germanischen Einfluss im Wortschatz europäischer Sprachen aus historischer Sicht, so geht es um Entlehnungen, wobei es zu lautlichen, grammatischen und auch graphemischen Änderungen kommen kann. Deutsche Wörter wie „Gemütlichkeit“, „Leitmotiv“ oder „Schnitzel“ wurden in andere europäische Sprachen übernommen, da es dort keine genau entsprechenden Wörter gab.27 So hatte der österreichische Slawist Franz Miklosich (1813–1891) im Jahre 1867 bereits festgestellt: „Die Scheidung jener Bestandteile ←14 | 15→einer Sprache, welche deren ursprüngliches Eigenthum bilden, von denjenigen, welche sie später durch Entlehnung von anderen erworben hat, ist eine den Sprach- und Alterthumsforscher in gleichem Grade interessierende Aufgabe… Auch die fremden Sprachen nachgebildeten Ausdrücke sind nicht vernachlässigt worden…“28 Die Frage der germanischen Wörter im Altslawischen wurde von dem niederländischen Sprachwissenschaftler Christian Cornelius Uhlenbeck im Jahre 1893 aufgegriffen.29 Er stellte eine größere Zahl germanischer Lehnwörter im Altbulgarischen zusammen, von denen aber einige fraglich erscheinen. Uhlenbeck veröffentlichte 1888 seine Dissertation an der Universität Leiden zum Thema der Verwandtschaft von Germanisch und Baltoslawisch, gefolgt von seinen etymologischen Wörterbüchern des Gotischen und des Sanskrit in den Jahren 1896 und 1898. Im Jahre 1904 behandelte der deutsche Sprachwissenschaftler Richard Loewe altgermanische Elemente in den Balkansprachen, eine Abhandlung, die er mit den folgenden Ausführungen einleitete: „Altgermanische Elemente in den Balkansprachen haben die Sprachwissenschaft bisher weniger beschäftigt, als dies verdientermaßen erforderlich gewesen wäre. Griechisch und Rumänisch haben germanische Elemente aus dem Lateinischen übernommen, ebenso aber auch Wörter germanischen Ursprungs direkt entlehnt. Slawische Sprachen der Balkanhalbinsel haben altgermanische Lehnwörter mit den übrigen slawischen Sprachen gemeinsam, andere germanische Elemente haben auf der Balkanhalbinsel selbst in das Slawische Eingang gefunden.“30 In einer kritischen Abhandlung führte der bulgarische Sprachwissenschaftler Stefan Mladenov 200 damals vermutete germanische Lehnwörter an, von denen ihm aber nur 22 tatsächlich germanische Lehnwörter zu sein schienen.31 Im Jahre 1911 veröffentlichte der Wiener Sprachwissenschaftler Norbert Jokl eine Abhandlung zur albanischen Etymologie und Wortbildung, wo auch einige germanische Elemente des Albanischen angeführt werden.32 1902 brachte Albert Thumb eine Abhandlung zur Frage der germanischen Elemente des Neugriechischen33 und ←15 | 16→1930 gab der dänische Sprachwissenschaftler Kristian Sandfeld (1873–1942) eine Übersicht über alle diese Abhandlungen und führte die folgenden deutschen Entlehnungen in den Balkansprachen an: „Des mots germaniques de date récente (c.a.d. allemands) se trouvent dans toutes les langues dont’il est question ici, p.e. roum. flinta ‚fusil‘, serb. flinta, gr. φλιντα, turc. flinta, roum. boulg. plaivaiz ‚crayon‘ (de alb. bleiweiss, en roumain aussi dial. blai, bleivais); roum. vacsui, bulg. vaksuvam ‚cirer les bottes‘, roum. fain ‚fin‘, serb. funat ‚livre‘ (deutsch Pfund), bulg. kamerton ‚diapason‘, traur ‚devil‘, etc. (comme il fallait s’y attend, ils sont surtout nombreux vers le Nord et pour la plupart recus par l’intermédiaire du Magyar et du slovène).“34 Sandfeld erwähnte auch die Tatsache, dass einige germanische Lehnwörter in das Griechische auf dem Wege über das Italienische gelangt seien. Einige deutsche Wörter wurden in mehr als nur eine Balkansprache entlehnt, z.B. „Schnitzel“ findet sich im Rumänischen als „şniţel“, im Neugriechischen als „σνιζελ“, während im Serbischen das Wort „odrezak“ für diese Speise gebraucht wird. Das Wort „Stand“ findet sich in der Bedeutung von „Verkaufsstand“ sowohl im Bulgarischen als auch im Albanischen, das Wort „Schmecker“ als Bezeichnung für einen „Gauner“ findet sich sowohl im Bulgarischen als auch im Rumänischen als Lehnwort. Die Frage der germanischen Lehnwörter in den slawischen Sprachen war von den Slawisten Max Vasmer35 und Valentin Kiparsky36 behandelt worden, altgermanische Spuren in den Balkansprachen wurden 1956 von dem kroatischen Slawisten Henrik Barić aufgegriffen.37 Es war der serbische Sprachwissenschaftler Ivan Pudić, der 1964 zwei Abhandlungen zu den altgermanischen Elementen in den Balkansprachen veröffentlichte und die Frage eines sogenannten „Balkangermanischen“ aufgeworfen hatte. In einer der beiden Abhandlungen hatte Pudić alte ostgermanische geographische Bezeichnungen in den Balkansprachen behandelt.38

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Im Allgemeinen teilt man die Geschichte der deutschen Sprache nach der Entwicklung des Ostgotischen in drei Perioden ein: Die erste Periode, das Althochdeutsche reichte vom Beginn der literarischen Tradition im 8. Jahrhundert bis etwa 1100. Die älteste Schicht des Althochdeutschen zeigt, dass der erste Kontakt der Germanen mit den Romanen von grundlegender kulturgeschichtlicher Bedeutung war. Die zweite Periode, das Mittelhochdeutsche reichte bis etwa 1500, also bis zur Epoche der Renaissance, während das Neuhochdeutsche, die dritte Periode, von etwa 1500 bis in die Gegenwart anzusetzen ist. Das Gotische als eine ostgermanische Sprache verschwand im 6. Jahrhundert, aber es gibt Reste dieser Sprache um das Jahr 238 am Unterlauf der Donau, ein Jahrzehnt später gelangten die Goten in die Dobrudscha, 267 nach Kleinasien und Makedonien, 268 lassen sie sich in Sparta nachweisen, 271 in Dazien und 376 fanden sich gotische Siedlungen in Mösien. Im Jahre 474 wanderten die Goten durch Dardanien, Mösien und Makedonien und im Jahre 488 zogen sie sich nach Italien zurück. Das Griechische übernahm germanische Elemente durch Vermittlung des Lateinischen und romanische Sprachen, ebenso aber auch über slawische Sprachen, während einige Wörter direkt entlehnt wurden. Von einer bedeutenden Zahl germanischer Lehnwörter im Altbulgarischen, Altslawischen oder Altkirchenslawischen sprach Christian Cornelius Uhlenbeck, der nach Franz Miklosich 1893 diese Entlehnungen beschrieb: „Die Zahl der germanischen Wörter im Altslavischen dagegen ist sehr bedeutend und liefert uns ein lebendiges Zeugnis der höheren Cultur des germanischen Stammes … Schon mehrmals hat man viele dieser germanischen Wörter im Altslavischen gesammelt, und dem unsterblichen Franz von Miklosich gebührt das Verdienst, auch auf diesem Gebiet der slavischen Sprachforschung den richtigen Weg eingeschlagen zu haben … Und doch scheint es mir, dass eine Übersicht der germanischen Lehnwörter im Altslavischen, welche einigermaßen Vollständigkeit beanspruchen kann, noch nicht existiert, was wohl darin seinen Grund hat, dass es oft kaum zu entscheiden ist, ob die Germanen oder die Slaven Entlehner waren.“ Bereits 1872 hatte der Leipziger Slawist August Leskien (1840–1916) in seiner ersten Darstellung der altbulgarischen (altkirchenslavischen) Sprache eine Reihe von germanischen Entsprechungen für das älteste überlieferte Slawische angeführt: synъ = Sohn, mati = Mutter, bratrъ = Bruder, sněgъ = Schnee, ljud’je = Menschen, ljubъ = beliebt, cьrky = *cirky, bulgarisch „cărkva“, serbisch „crkva“ = Kirche, möglicherweise auf gotisches *kiriko zurückgehend, althochdeutsch „chiriccha“. Die Quelle für diese deutschen Wörter dürfte aber griechisch κυριακον gewesen sein. Über diese Parallelen hinaus scheinen auch andere altbulgarische Wörter wie „chlěbъ“ = Brot, „kъnęzь“ = Fürst, „penęzь“ = Münze, ←17 | 18→Geld, „vitęzь“ = Sieger, „buky“ = Buchstabe und „bljudo“ = Schüssel germanische Entlehnungen zu sein.39

Was germanische Lehnwörter im Altgriechischen betrifft, so erwähnt Paul Kretschmer 1934 das griechische Wort „πνρϒοϛ“ als Entlehnung des deutschen „Burg“ oder gotisch „baurgs“, althochdeutsch „burg“. In seiner Abhandlung der „nordischen Lehnwörter“ führt er aus: „Wir kommen also zu dem Ergebnis, dass ein nordbalkanischer Stamm diesen Terminus der Befestigungskunst aus dem Altgermanischen entlehnt hatte und an die Griechen weitergab. In Betracht kommen hier als Vermittler die Illyrier, deren Urheimat in der Nachbarschaft der Germanen lag und die weit nach Süden vorgestoßen zu Nachbarn der Griechen wurden.“40

In einer Abhandlung zum „Balkangermanischen“ und Germanischen im Albanischen hatte Norbert Jokl 1929 das albanische Wort „shpatis“ mit der Bedeutung „lachen, sich über etwas lustig machen“ erwähnt, das er auf das alt- oder mittelhochdeutsche „spot“, deutsch „Spott“ zurückführte, wobei er von einer Vermittlung durch das Serbokroatische ausging. Das Wort „minc“ mit der Bedeutung „Münze“ wird von ihm nicht nur für das Albanische, sondern auch für andere Balkansprachen angeführt, so im Bulgarischen „minc“, im Serbokroatischen „minca“ mit derselben Bedeutung. Dieses Wort wurde offensichtlich auf den Handelswegen durch die Balkanhalbinsel verbreitet.41

Über all diese lexikalischen Entlehnungen hinausgehend müssen auch einige Toponyme mit möglicherweise germanischem Hintergrund angeführt werden, Parallelen mit der Wurzel „Goti“ in Frankreich, Spanien und Italien, in Transsylvanien „Munte Gotului“ und „Pirdul Gotului“. Der Name einer Festung in Thrazien lautet „Bastarnas“, möglicherweise der Name eines germanischen Stammes der „Bastarnen“, die im zweiten Jahrhundert v.Chr. in die Balkanhalbinsel vordrangen. In der Nähe von Nikšič in Montenegro findet sich der geographische Name „Onogošt“, vielleicht auf den gotischen Personennamen „Anogasts“ zurückgehend, der geographische Name „Gacko“, die Bezeichnung ←18 | 19→für einen Fluss, kann auf „Goti“, das slawische „gata“ und „gat-iski“ zurückgeführt werden.42

Seit den Anfängen einer modernen Balkanphilologie oder Balkanlinguistik spricht man von einem „Balkanslawischen“, „Balkanromanischen“ und „Balkangriechischen“. Nur für einen Begriff „Balkangermanisch“ scheinen die gegebenen Parallelen zahlenmäßig zu gering zu sein.43 Nur eine kleine Zahl von germanischen Elementen, „Germanismen“, finden sich in den Bereichen der Balkanhalbinsel, die mit germanischen Stämmen in Berührung gekommen waren, so mit den Goten in Serbien, Bulgarien, Rumänien und Griechenland. Intensivere Kontakte ergaben sich mit dem Habsburgerreich und seiner „Militärgrenze“, ebenso infolge der technischen Evolution im 19. Jahrhundert, was zu Berührungspunkte in bestimmten Bereichen der Kultur und Technik geführt hatte. Während dieser Zeit übernahmen nicht nur das Kroatische und Serbische, sondern auch das Rumänische und Bulgarische eine größere Anzahl deutscher Lehnwörter, wie Miloš Trivunac im Jahre 1941 in seiner Abhandlung zur deutschen Lehnwortforschung im südslawischen Sprachraum deutlich gemacht hat: „Eine Menge Lehnwörter leben aber auch heutzutage nicht nur in der Umgangssprache der Gebildeten, sondern auch in der Schriftsprache. Sie gehören den verschiedensten Lebenszweigen an, sind jedoch am zahlreichsten auf dem Gebiete der Speisen und Getränke, des Hausgeräts, der Kleidung, der Handwerke, von denen auch die drei erstgenannten Gruppen stark beeinflusst sind, des Heerwesens, der Technik, und der Wissenschaft, der Musik, der Volkswirtschaft u. s. w. Sie tragen fast durchweg den Charakter süddeutscher Mundarten, die vielfach im Banat, in der Batschka und in Sirmien verschiedene Schattierungen aufweisen; denn die sogenannten ‚Donauschwaben‘ sind durchaus nicht immer Schwaben, und die von ihnen gesprochenen Mundarten sind durchaus nicht einheitlich.“44 ←19 | 20→Von einem Kampf gegen „Germanismen“ wie dies gegen „Turzismen“ der Fall war, kann man für Südosteuropa jedoch nicht sprechen.

Tendenzen zur Ablehnung von „Fremdwörtern“ im Deutschen gab es jedoch bereits im 17. Jahrhundert, so u.a. bei den sogenannten „Sprachgesellschaften“. Die erste und bedeutendste dieser Gesellschaften war die „Fruchtbringende Gesellschaft“, ebenso auch die „Deutschgesinnte Gesellschaft“ des Jahres 1642 und Johann Rists „Elbschwabenorden“, der etwas später begründet worden war.45 Im Jahre 1852 hatte Ferdinand Hermes in einer in den folgenden Jahren mehrfach neu aufgelegten Schrift zur deutschen Muttersprache, die er nach den damals neuesten Ansätzen beschrieb, davor gewarnt, Fremdwörter zu verwenden, wenn er dazu ausführt: „Soweit wie möglich muss man sich in Rede und Schrift der Wörter aus fremden Sprachen enthalten. Unrein ist die Sprache, die mit Wörtern wie: arrivieren, conträr, präcise, retour, subtil, Phänomen, Fontaine usw. untermischt ist. Allein etliche Fremdwörter haben sich unvermeidlich gemacht. Nach dem Grad ihrer Fremdheit theilt man sie in eingebürgerte, gastliche und fremde Wörter. Alle aber müssen mit deutschen Buchstaben geschrieben werden.“46

Wie stark aber dann im Jahre 1913, also kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges, die nationalen Gefühle für die deutsche Muttersprache ausgeprägt waren, zeigen die Reden, die während des ersten Verbandstages des Deutschen Germanisten-Verbandes am 29. September 1913 in Marburg gehalten wurden. So wurde von dem führenden deutschen Germanisten Friedrich Kluge (1856–1926)47 direkt ein Kampf für deutsche Spracherziehung propagiert: „Wir müssen siegen, und wir werden siegen, wenn uns jener Wahlspruch Luthers beseelt: ‚Wir Deutsche sind immer noch Deutsche und wollen Deutsche bleiben!‘ Im Kampf ←21 | 22→für unser Deutsch stärkt und ermutigt uns die Siegesgewissheit, die in Schillers prophetischem Geist lebendig war: ‚Unsere Sprache wird die Welt beherrschen‘.“48

Details

Seiten
344
ISBN (PDF)
9783631851418
ISBN (ePUB)
9783631851425
ISBN (Hardcover)
9783631850831
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (Oktober)
Schlagworte
Sprachpolitik Nationalsozialistische Sprache Europäische Sprachen Nationalsozialismus Zweiter Weltkrieg
Erschienen
Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2021. 344 S., 10 farb. Abb., 6 s/w Abb.

Biographische Angaben

Helmut Schaller (Autor:in)

Helmut W. Schaller studierte an der Universität München, wo auch seine Promotion und Habilitation stattfand. Anschließend war er dort als Privatdozent und außerplanmäßiger Professor tätig. Der Autor war mehr als 20 Jahre lang Professor für Slawische Sprachwissenschaft und Balkanphilologie an der Universität Marburg. Seit 1981 ist er Mitglied der Internationalen Kommission für Geschichte der Slawistik.

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Titel: Nationalsozialistische Sprach- und Sprachenpolitik 1933 bis 1945