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Boten im frühen Mittelalter

Medien – Kommunikation – Mobilität

von Volker Scior (Autor:in)
©2021 Habilitationsschrift 692 Seiten
Reihe: Studien zur Vormoderne, Band 3

Zusammenfassung

Die Studie betrachtet Boten als Medien im Rahmen zentraler Dimensionen der frühmittelalterlichen Kommunikationspraxis. Auf der Grundlage interdisziplinärer Forschungen werden Boten auf breiter Textbasis als körperliche Träger und Vermittler von Kommunikation und Wahrnehmung sowie als Informanten und Zeugen analysiert. Das Buch enthält einen begriffshistorischen Teil, widmet sich der Auswahl von Boten und deren räumlichen Aktionsradien und behandelt agonale Aspekte des Botenwesens. So werden Boten in kulturwissenschaftlich geprägten Themenkreisen verortet, darunter ‹Mündlichkeit und Schriftlichkeit›, ‹Öffentlichkeit› und ‹symbolische Kommunikation› sowie ‹Wissens- und Informationstransfer›. Ein weiterer Fokus liegt auf der Praxis der Mobilität, etwa dem Transport, Reisegeschwindigkeiten, aber auch auf Fragen des Geleits, der Gastlichkeit und Empfänge vor Ort.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Danksagung
  • Inhaltsverzeichnis
  • I. Einleitung: Von Zwängen zur Kommunikation und zur Mobilität
  • A. Forschungsperspektiven auf Boten und Gesandte
  • B. Boten in frühmittelalterlichen Kommunikationsprozessen: Ziele und Fragestellungen der Studie
  • C. Zum Quellencorpus
  • D. Zum Vorgehen
  • II. Boten: Bemerkungen zur Terminologie in den Quellen
  • A. bote – botschaft – gesanter
  • B. Antike und biblische Traditionslinien
  • C. Termini in frühmittelalterlichen Texten
  • 1. missus
  • 2. nuntius
  • 3. legatus und legatarius
  • 4. apocrisiarius
  • 5. baiulus
  • 6. gerulus
  • 7. portator und portitor
  • 8. lator
  • 9. perlator
  • 10. cursor
  • 11. relator
  • 12. speculator
  • 13. explorator
  • 14. viator
  • 15. internuntius
  • 16. transvector und mediator
  • 17. Sonstige Begriffe
  • D. Zusammenfassung
  • III. Boten in Kommunikationsnetzen
  • A. Boten in Briefen und Briefsammlungen
  • 1. Die Briefe des Bonifatius und des Lul
  • (a) Die Überlieferung
  • (b) Die räumliche Verbreitung der Korrespondenz des Bonifatius
  • (c) Die Boten von und an Bonifatius
  • (d) Die Boten in der Korrespondenz des Lul und in anderen Briefen der Sammlung
  • (e) Termini und Tätigkeiten
  • 2. Die Briefe Alkuins
  • (a) Die Überlieferung
  • (b) Die räumliche Verbreitung der Korrespondenz Alkuins
  • (c) Die Boten von und an Alkuin
  • (d) Termini und Tätigkeiten
  • 3. Die Briefe Einhards
  • (a) Überlieferung und räumliche Verbreitung
  • (b) Die Boten Einhards
  • (c) Termini und Tätigkeiten
  • 4. Briefe aus dem Frankenreich des 6. und 7. Jahrhunderts
  • (a) Die Überlieferungen
  • (b) Die räumliche Verbreitung
  • (c) Die Boten
  • 5. Boten in Briefen des 9. Jahrhunderts
  • (a) Die namentlich bekannten Boten
  • (b) Termini und Tätigkeiten
  • 6. Boten des 6., 7. und 8. Jahrhunderts außerhalb des Frankenreichs
  • (a) Visigotisches Spanien
  • (b) Langobardisches Italien
  • (c) Angelsächsisches England / Irland
  • B. Boten in erzählenden Quellen: Termini und Tätigkeiten
  • 1. Die Geschichtsschreibung
  • 2. Hagiographische Quellen der Merowinger- und Karolingerzeit
  • C. Zwischenfazit
  • IV. Dimensionen der Kommunikationspraxis mittels Boten
  • A. Zur Herstellung von Sicherheit in frühmittelalterlichen Kommunikationsprozessen – Die Authentifizierung von Bote und Brief
  • B. Personen: Zur Auswahl von Boten
  • 1. Zum Konzept der fides: Zuverlässigkeit und Vertrauen im Übertragungsprozess
  • 2. Veritas und certitudo – Boten als Informanten und Zeugen
  • 3. Anforderungen an Boten
  • C. Boten als Medien im Spannungsfeld von Mündlichkeit und Schriftlichkeit
  • 1. Die „Sprechsituation“ in der Fernkommunikation
  • 2. Der Brief als Ersatz für ein persönliches Gespräch
  • 3. Zur zeitgenössischen Bewertung von Mündlichkeit und Schriftlichkeit
  • 4. Zur Verschränkung von Mündlichkeit und Schriftlichkeit
  • 5. Substitution, Repräsentation und Stellvertretung
  • 6. Folgerungen für Anforderungen an Boten
  • 7. Zwischenfazit
  • D. Zeit und Raum als Dimensionen frühmittelalterlicher Kommunikationspraxis
  • 1. Wo und wann? Das Treffen von Verabredungen
  • 2. Kommunikation zwischen Eile und Warten
  • 3. Boten unterwegs
  • (a) Gefahren auf Reisen, Sicherungsmaßnahmen und Geleit
  • (b) Routen, Transportmittel und Reisegeschwindigkeiten
  • (c) Gepäck und Geschenke
  • (d) Empfang, Entlassung und Gastfreundschaft
  • V. Zusammenfassung
  • Tabellarischer Anhang zu den Boten aus Kapitel III
  • Bonifatius
  • 1. Korrespondenten des Bonifatius
  • 2. Namentlich bekannte Boten von und an Bonifatius
  • Lul
  • 1. Korrespondenten Luls im Austausch mit Angelsachsen
  • 2. Namentlich bekannte Boten in der Korrespondenz des Lul
  • Alkuin
  • 1. Korrespondenten des Alkuin
  • 2. Namentlich bekannte Boten von und an Alkuin
  • Einhard
  • 1. Korrespondenten des Einhard
  • 2. Boten Einhards
  • Abkürzungsverzeichnis
  • Quellenverzeichnis
  • Literaturverzeichnis
  • Register
  • Reihenübersicht

←10 | 11→

I. Einleitung: Von Zwängen zur Kommunikation und zur Mobilität

Die Einschätzung der älteren Forschung, das Frühmittelalter sei im Wesentlichen von Immobilität und Statik und von einem begrenzten räumlichen Horizont der damaligen Menschen geprägt gewesen, scheint sich nahezu ins Gegenteil verkehrt zu haben. Mittlerweile wird allgemein davon ausgegangen, dass die politischen und gesellschaftlichen Eliten, etwa die Könige und der Adel im Rahmen der frühmittelalterlichen Herrschafts- und Verwaltungspraxis, einen hohen Grad an horizontaler, räumlicher Mobilität aufwiesen.1 Auch Bischöfe, Äbte sowie einzelne kleinere Gruppen wie Fernhändler seien in einer Vielzahl unterschiedlicher Zusammenhänge umhergereist.2 Galten Reisen aus ←11 | 12→religiösen Anlässen lange Zeit hindurch gemeinhin als Horizont erweiternde Ausnahmen in einem ansonsten durch Immobilität und Enge gekennzeichneten Alltag insbesondere der unteren Schichten, so wird nun das Unterwegssein mancherorts geradezu als ein integraler Bestandteil früherer Existenzformen angesehen. Selbst die permanente Schollengebundenheit frühmittelalterlicher Bauern, die lange als ein wesentliches Charakteristikum der Epoche galt, steht auf dem Prüfstand. Mobilität, so scheint es daher, kann mittlerweile fast als ein Grundzug auch frühmittelalterlicher Gesellschaften gelten.3

Nur vordergründig geht es bei diesen Einschätzungen lediglich um die Zuschreibung eines mehr oder weniger größeren Ausmaßes an Mobilität unterschiedlicher Schichten im angesprochenen Zeitraum. Tatsächlich ergeben sich weiter reichende Konsequenzen für die Charakterisierung und Beurteilung ganzer frühmittelalterlicher Gesellschaften, die je nach Standpunkt insgesamt entweder als eher statisch oder als eher mobil eingeschätzt werden.4

Trotz des mittlerweile höher bezifferten Mobilitätsgrades schneidet das Frühmittelalter generell in diesem Punkt noch immer relativ schlecht ab, nicht zuletzt wohl in Folge seiner zeitlichen Stellung zwischen zwei Epochen, die insgesamt und unter anderem auch im Hinblick auf das Ausmaß an Mobilität als höher ←12 | 13→entwickelt gelten. Vor dem Frühmittelalter attestiert man der römischen Antike etwa im Bereich des Verkehrs- und ‚Nachrichtenwesens‘ das vermeintlich ‚staatlich‘ organisierte Botensystem des cursus publicus sowie eine ausgebaute reichsweite Infrastruktur samt Brücken, Straßen- und Wegenetzen: Elemente also, welche die Ansicht von einer zivilisatorisch hochstehenden, vernetzten und mobilen Gesellschaft untermauern.5 Der auf das Frühmittelalter folgenden Zeitspanne, der häufig als dynamisch begriffenen Aufbruchsepoche des Hochmittelalters, bescheinigt man einen regelrechten Mobilitäts- und Kommunikationsschub. Dynamischere Entwicklungen, erweiterte Kontakte zwischen verschiedenen Regionen und ausgedehnter Fernhandel hätten sie ausgezeichnet.6 Im Vergleich mit diesen beiden Epochen lässt sich das Frühmittelalter umso deutlicher als statisch und immobil, als archaisch, begrenzt und „primitiv“, als Epoche des Niedergangs kennzeichnen.7

In dieser Argumentation wird mit der Unterscheidung von Früh- und Hochmittelalter durch einen unterschiedlichen Mobilitäts- und Kommunikationsgrad auch eine Zweiteilung der mittelalterlichen Epoche etabliert.8 Ein solcher Entwurf des zweigeteilten Mittelalters in eine Zeit vor dem Aufbruch im 11./12. Jahrhundert und in eine danach wird allerdings nicht nur am Grad räumlicher Mobilität festgemacht. Eng damit zusammenhängend werden auch Überlegungen zum Ausmaß, zur Reichweite und zur Dichte der Kommunikation für eine solche Periodisierung herangezogen. Ausgehend von modernen Kommunikationsbegriffen wird das Frühmittelalter zuweilen gar als vorkommunikativ eingestuft;9 es ereilt damit ein Schicksal, das in anderen Zusammenhängen auch ←13 | 14→dem Mittelalter insgesamt zuteil wurde.10 Unter dem Strich haftet dem Frühmittelalter das Etikett einer engen und statischen Zeit an, zu deren Eigenheiten zum Beispiel ein geringes Maß an Fernkommunikation und großflächigem Güteraustausch, an Schriftlichkeit, technischen Entwicklungen und anderen weiträumigen Interaktionsmöglichkeiten gezählt wurden. Von den sozialen und politischen Eliten abgesehen, habe man insgesamt kaum der Kommunikation bedurft.11

Sowohl anhand des Faktors ‚räumliche Mobilität‘ als auch anhand des Faktors ‚Kommunikation‘ hat man das Frühmittelalter also lange als defizitär beschrieben. Es ist zu einem Gutteil dieser Argumentation geschuldet, dass die meisten Untersuchungen zu jenen Themenbereichen erst mit dem Beginn des Hochmittelalters einsetzen,12 noch weitaus öfter haben sie das Spätmittelalter zum ←14 | 15→Gegenstand.13 Inzwischen gibt es jedoch durchaus auch Studien, die sich mit den frühmittelalterlichen Verhältnissen beschäftigen und ein hohes Maß sowohl an räumlicher Mobilität als auch an (Fern-) Kommunikation aufgezeigt haben.14

Diese Untersuchungen belegen, dass Mobilität und Kommunikation in verschiedenen lebensweltlichen Zusammenhängen stark aufeinander bezogen waren.15 Beide sind nicht deckungsgleich, doch lässt sich ihr Verhältnis für den ←15 | 16→hier betrachteten Untersuchungszeitraum dahingehend konkretisieren, dass in Ermangelung technischer Möglichkeiten Mobilität erst die Voraussetzung für Kommunikation darstellte, ja dass zuweilen Mobilität überhaupt nur deren Zweck diente. Diesen engen Konnex von Unterwegssein und Kommunikation hat die Forschung bislang vor allem im Hinblick auf die Herrschaftsausübung konkretisiert, er betraf jedoch letztlich sämtliche Sphären der Gesellschaft, den politisch-administrativen Bereich ebenso wie den religiös-kultischen oder kulturellen, den gesellschaftlichen und den wirtschaftlichen.16

Da die Bewertung des Frühmittelalters dermaßen deutlich mit dem Grad räumlicher Mobilität und überregionaler Kommunikation im Alltag verbunden ist, sind Studien zur zeitgenössischen Praxis des Unterwegsseins und Kommunizierens in unterschiedlichen Schichten sowie zu den Strukturen und Bedingungen dieser Praxis geeignet, um zu differenzierten Einschätzungen der Epoche zu gelangen. Die vorliegende Studie widmet sich deshalb der Betrachtung von Boten, um ihre Funktionen im Spannungsfeld verschiedener Dimensionen der frühmittelalterlichen Kommunikationspraxis zu analysieren. Boten eignen sich für eine Betrachtung innerhalb der Koordinaten Mobilität und Kommunikation in besonderem Maße, weil sie im Schnittpunkt der zeitgenössischen ←16 | 17→Mobilitäts- und Kommunikationspraktiken angesiedelt sind. Sie übernehmen in Gesellschaften wie den frühmittelalterlichen die zentralsten Vermittlerfunktionen im Rahmen der menschlichen Kommunikation, sofern diese die Überwindung räumlicher Distanzen erforderte.

Die Notwendigkeit von Boten basiert letztlich auf drei Voraussetzungen, die teilweise anthropologische Konstanten des menschlichen Lebens darstellen, teilweise auch in ihren spezifischen Ausformungen Charakteristika des Frühmittelalters bilden. Erstens unterliegt jede Gesellschaft bis in ihre kleinsten Teilbereiche hinein einem Zwang zur Kommunikation. Sie ist existenziell notwendig, sei es beispielsweise, um Verständigungen zu erzielen, Absprachen zu treffen, Konflikte zu regeln oder Informationen einzuholen bzw. zu verbreiten.17 Zweitens folgt aus den zeitgenössischen Bedingungen der Kommunikationsprozesse, die über räumliche Distanzen, mit zeitlichen Verzögerungen und ohne technische Hilfsmittel in unserem heutigen Sinn erfolgten, geradezu ein Zwang zur Mobilität mit dem Ziel der Kommunikation.18 Drittens schließlich ist sämtliche Interaktion, als dialogische Form der Kommunikation, an körperliche (Ko-)Präsenz gebunden.19 Aus dieser Tatsache wird üblicherweise zu Recht die hohe Bedeutung der sogenannten Face-to-face-Kommunikation abgeleitet, innerhalb derer wiederum für das Frühmittelalter den oralen und symbolischen Formen oft eine deutliche Priorität zugesprochen wird.20 Doch wer stand sich eigentlich von Angesicht zu Angesicht gegenüber? In denjenigen Fällen, in denen eine räumliche Distanz zwischen dem Absender und dem Empfänger überwunden werden musste, übernahm der Bote die (Leer-)Stelle des einen Interaktionspartners. Insofern kann aus dem Befund häufiger Face-to-face-Situationen gerade nicht ←17 | 18→zwingend auf die tatsächliche körperliche Anwesenheit, auf einen unmittelbaren persönlichen Kontakt, auf eine persönliche „Begegnung“ der Protagonisten im Interaktionsprozess geschlossen werden.21 Ganz im Gegenteil besteht vielmehr grundsätzlich eine Unmöglichkeit, (zum Zweck der Kommunikation) stets in eigener Person unterwegs zu sein. Die Folge bildet die Notwendigkeit, andere mit kommunikativen Funktionen zu beauftragen, statt selbst zu reisen. Deshalb zeichnen sich außerordentlich viele Situationen, in denen kommuniziert wurde, gerade nicht durch einen unmittelbaren Kontakt zwischen den miteinander Kommunizierenden aus, sondern, im Gegenteil, durch deren räumliche Distanz voneinander. Nicht die Anwesenheit – verstanden als Kopräsenz – des Absenders und des Empfängers einer Botschaft, sondern gerade deren Abwesenheit ist die Normalform einer Interaktion, die über räumliche Entfernungen hinweg stattfindet.22

Aus den genannten Punkten ergibt sich zum einen die Notwendigkeit des Vorhandenseins von vermittelnd auftretenden Kommunikationsträgern, den Boten. Zum anderen ist zu konstatieren, dass ihre Stellung im damaligen Kommunikationsgefüge in gewisser Weise geradezu monopolartig war, wenn es darum ging, die generell bestehende Angewiesenheit auf intendierte, auf gelenkte, gezielte und (wenigstens dem Anspruch nach) kontrollierte Kommunikation zu erfüllen. Richtet man den Blick auf Boten und Gesandte von Herrschern, gar auf so etwas wie eine ‚staatlich‘ organisierte Kommunikationsform, etwa die Beförderung königlicher Erlasse, dann schneidet das Frühmittelalter, ähnlich wie bei den Themenkreisen Mobilität und Kommunikation insgesamt, relativ schlecht ab. Anders als noch in der Antike, so entsteht der Eindruck, sei man nun geradezu abhängig von zufälligen Informationen durch vorbeikommende Reisende gewesen; eine Vielzahl von Gerüchten habe die Informationslage bestimmt.23 Das Fehlen eines antiken Verhältnissen entsprechenden, reichsweit ←18 | 19→organisierten Botenwesens im Frühmittelalter erscheint hier geradezu als ein Mangel an ‚Staatlichkeit‘.24 Konsequent sind daher die (nicht zufällig ausgerechnet unter verfassungsgeschichtlicher Perspektive betrachteten) Einstufungen karolingerzeitlicher Bemühungen um organisierte Abläufe im Verwaltungs- und Botenwesen positiv gewertet worden, denn man hat in ihnen lange Zeit ein reichsumfassendes System mit institutionellem Charakter erblickt. Die karolingischen Königsboten und andere zu Botendiensten verpflichtete Untertanen sind hier die prominentesten Vertreter.25 Freilich ist die Angewiesenheit auf eine gelenkte Kommunikation, auf gezielte Information und Interaktion, und damit auf Boten, umfassender und betrifft nicht nur Herrscher, deren Handeln nicht von einer mehr oder weniger zufälligen, sich diffus verbreitenden Gerüchteküche abhängig sein sollte, sondern von einer gezielten Aufnahme bestimmter Informationen. Könige, geistliche und weltliche Fürsten mussten bestimmte Personen mit dem Einholen von Informationen betrauen; Boten übertrugen hier handlungsrelevantes Wissen. Sollten Heiratsverbindungen oder Friedensverträge eingegangen werden, bedurfte es zur Vermittlung der Entsendung von Gesandten in oft weit entfernt liegende Regionen. Um ein Konzil einzuberufen, musste der Papst Legaten beauftragen, die den festgesetzten Termin und den Ort bekannt gaben, die Geladenen ihrerseits wiederum antworteten per Briefträger oder mündlicher Botschaft. Wurde eine Urkunde eingeholt oder ein Codex verschickt, musste ein Bischof oder Abt ebenso Boten schicken wie ein immobiler Kranker, der Medizin von einem weiter entfernt befindlichen Arzt benötigte. Miteinander befreundete oder verwandte Personen, die sich verabreden und ihre Reisepläne aufeinander abstimmen oder Geschenke austauschen wollten, ein Bischof, der in einer fremden Stadt sein Kommen ankündigen lassen wollte, ←19 | 20→Klöster, die miteinander in Gebetsbruderschaften standen und die Namen von verstorbenen Brüdern übertragen wollten, sie alle mussten dasselbe tun, um ihre Ziele zu erreichen: Sie mussten Boten entsenden. Kommunikation und Information über räumliche Distanzen hinweg erforderten im Frühmittelalter also für sehr viele soziale, wirtschaftliche, politische und andere Prozesse zwingend die Mobilität anderer Personen und damit das Vorhandensein von Boten.

Im Rahmen der Debatten um horizontale Mobilität und Kommunikation im Frühmittelalter den Fokus auf Boten zu lenken, auf Personen also, die sowohl das Unterwegssein als auch die persönliche Interaktion in sich vereinen, erscheint daher einerseits nur folgerichtig. Andererseits jedoch besteht eine Konsequenz der Disparitäten, die mit der Boten-Thematik verbunden sind – die scheinbare Ubiquität von Boten, die in einer außerordentlichen Vielzahl verschiedenartiger Kommunikationssituationen für ganz verschiedene Absender und Empfänger agierten, es mit unterschiedlichsten Inhalten von Botschaften zu tun hatten und dabei noch eine durchaus breite Palette von Tätigkeiten ausübten –, in der Existenz stark divergierender Forschungsperspektiven auf Boten und Gesandte. Sie gilt es im Folgenden kurz zu umreißen, um daraus Ziele und Fragen der vorliegenden Studie abzuleiten.

A. Forschungsperspektiven auf Boten und Gesandte

Die Bedeutung, die Boten und Gesandte im Frühmittelalter innehatten, ist seit langem bemerkt, wenngleich nie eingehend und umfassend analysiert worden. Den Perspektiven der jüngeren Mediävistik, in denen Boten und Gesandte eine Berücksichtigung fanden und die unten noch eingehender zu erörtern sind, ging eine deutlich längere Tradition der Beschäftigung mit Boten aus ganz anderen Blickwinkeln voraus. Unterscheiden lassen sich insgesamt, grob und mit Blick sowohl auf die Geschichtswissenschaften als auch auf ihre Nachbardisziplinen eingeteilt, mindestens vier Zugänge zu einem an dieser Stelle begrifflich zunächst einmal weit gefassten Boten- und Gesandtschaftswesen: Neben 1. hauptsächlich verfassungshistorischen Studien und 2. zahlreichen diplomatiegeschichtlichen Untersuchungen, die beide bereits unter älteren geschichtswissenschaftlichen Blickwinkeln erfolgten, existieren außerdem 3. ein vornehmlich auf das mittelalterliche Brief- und Korrespondenzwesen gerichteter Forschungsstrang sowie schließlich 4. eine jüngere mediävistische, zunächst literatur- und mediengeschichtliche Perspektive, die Eingang in die historische Forschung zu Gesandten gefunden hat.

Die vier genannten Blickrichtungen unterscheiden sich deutlich sowohl in ihren Fragestellungen und Erkenntnisinteressen als auch hinsichtlich der ←20 | 21→herangezogenen Quellencorpora, und sie thematisieren darüber hinaus ganz unterschiedliche Arten von Boten und Gesandten. Wenn trotz dieser grundlegenden Divergenzen ihre Positionen im Folgenden skizziert werden, dann geschieht das aus drei Gründen, die hier vorauszuschicken sind: Erstens lassen sich auf diese Weise überblicksartig und in Ansätzen die Gemeinsamkeiten und Unterschiede unterschiedlicher Botenarten im Frühmittelalter ermessen; zweitens lässt sich erkennen, dass in den Quellen terminologisch nicht auf die gleiche Weise zwischen Boten oder auch zwischen Boten und Gesandten unterschieden wird wie in der modernen Forschung und in der deutschen Sprache; drittens schließlich zeigen sich in der Zusammenschau der unterschiedlichen Zugänge durchaus gemeinsame forschungsgeschichtliche Perspektiven.

ad 1. Die verfassungsgeschichtliche Forschung lässt sich hinsichtlich ihrer Beschäftigung mit frühmittelalterlichen Boten in zwei Stränge unterteilen. Der eine (a) richtete sich vor allem auf die missi dominici, die sogenannten ‚Königsboten‘ besonders der Karolingerzeit, bei denen es sich – lässt man die in diversen Studien nachgewiesenen Entwicklungen dieses ‚Instituts‘ einmal außer Acht – tatsächlich um eine Sonderform von Boten und Gesandten handelt, um eine Art umfassende Bevollmächtigte eines karolingischen Königs.

Das hervorstechendste Merkmal der entsprechenden Arbeiten ist die Betrachtung dieser Boten in ihrer Beziehung zu den Königen. Die missi dominici interessierten hier fast ausschließlich in ihrer Funktion für den Herrscher, der im eigentlichen Mittelpunkt des Forschungsinteresses stand. Aus dieser Haltung heraus entstanden bereits Ende des 19. Jahrhunderts einflussreiche Arbeiten, deren Bild vom frühmittelalterlichen königlichen Botenwesen später modifiziert, in Teilen auch revidiert wurde.26 Zweifel wurden unter anderem an der „etatistischen Perspektive“ der älteren Forschung geäußert, die in den missi dominici ←21 | 22→ein vor allem zur Zeit Karls des Großen bestehendes, administratives Kontrollsystem mit institutionellem Charakter sah. Nun wurden hingegen regionale Unterschiede akzentuiert27 und die Königsboten insgesamt eher als ein Bestandteil umfassender administrativer, politischer und ideologischer Bemühungen Karls angesehen, die dem Ziel dienten, permanente Abhängigkeiten zwischen „Zentralgewalt“ und Peripherie des Reichs zu etablieren sowie eine „regionale Machtbalance“ auszubilden und aufrechtzuerhalten.28 Die Hauptfunktion der missi habe darin bestanden, dem karolingischen Königtum die Möglichkeit zur Durchsetzung seiner Interessen in einer bestimmten Region zu eröffnen. Dabei gerieten in jüngster Zeit, wenngleich nicht ausführlich behandelt, auch Mandate und Kapitulare als Instruktionen der missi in den Blick.29

(b) Unter einem anderen verfassungshistorischen Blickwinkel wurde eine weitere Art von Boten thematisiert, die zudem in einem gänzlich anderen Kommunikationszusammenhang steht. Bei diesen Boten handelt es sich um Abhängige, die in den Quellen vornehmlich im Rahmen der frühmittelalterlichen Grundherrschaft genannt werden. Sie übernahmen entsprechende Dienste als Leistungen für Grundleihen. So werden in Rechtsquellen wie Kapitularien und Urbaren Begriffe erwähnt, die mit Botendiensten in Verbindung gebracht werden. Der Ausdruck scaram facere ←22 | 23→etwa wird auf kleinere Vasallen bezogen, die als Boten zu fungieren hatten, der Terminus scararii auf größere Vasallen. Ein dritter Terminus, veredarii, habe Boten königlicher ‚Beamter‘ bezeichnet, denen Pferde, paraveredi, zustanden.30

Bei der Interpretation dieser Belege hat sich ein Großteil der Forschung Georg Waitz angeschlossen, der in ihnen gewissermaßen die Grundpfeiler des karolingerzeitlichen Bestrebens erblickte, ein organisiertes, effizientes staatliches Botenwesen auszubilden.31 Doch sind gleichwohl auch Zweifel geäußert worden: zum einen, weil das Wort scara nicht zwingend Botendienste auf Reichsebene bezeichnen muss, sondern auch auf Transportleistungen, etwa im militärischen Kontext, bezogen werden kann; zum anderen, weil es sich bei den in Quellen aus dem 8. und 9. Jahrhundert erwähnten veredi und paraveredi – Fachtermini aus der Spätantike im Kontext des cursus publicus für Pferde, die zu Transportleistungen auf Haupt- und Nebenstraßen im Römischen Reich verwendet wurden – nicht nachgewiesenermaßen um spezielle Botenpferde handle.32

Auch wenn sich die Meinung durchgesetzt hat, dass grundlegende Rechte und organisatorische Hilfen auf Reisen den königlichen Boten allgemein dienten, ist es möglich, dass die Unterkunft und Verpflegung sichernden Dokumente, evectiones und tractoriae, wie im Übrigen auch die erwähnten paraveredi, eher den höherstehenden königlichen Gesandten zustanden, weder jedoch den oft sogenannten ‚reinen Briefboten‘ noch den Boten anderer Auftraggeber.33 Eine Frage ←23 | 24→ist demnach, inwieweit die vorhandenen Quellen als Hinweise auf ein ‚staatliches‘ und reichsweites ‚Botensystem‘ interpretiert werden dürfen. Hier bleibt lediglich festzuhalten, dass dieser Aspekt einerseits einer eigenen Untersuchung bedürfte, andererseits aber dennoch von der Interpretation weniger Quellenstellen abhinge.

Alles in allem lässt sich mit Blick auf die genannten Quellen konstatieren, dass Abhängige, etwa Frondienstleistende wie Grundholde, zu Schardiensten herangezogen wurden und dass hierin auch Botendienste eingeschlossen waren.34 Angaben aus dem Staffelseer Inventar zum Beispiel weisen darauf hin, dass von 22 leistungsfähigen Mansen, sowohl mansi serviles als auch ingenuiles, Schar-, Boten- und Gestellungsdienste verlangt wurden, die wohl in erster Linie „bischöflich-augsburgischen Bedürfnissen [dienten]“; von 5 Mansen wurden als Ablösung von Kriegsdiensten Botentätigkeiten zu Pferd verlangt, was wiederum den Stellenwert von Verkehrsverbindungen unterstreicht.35 Auch Angaben im Prümer Urbar, in dem die Leistung von Hörigen des Hofes Retersdorf scaram ←24 | 25→cum pedibus genannt wird, sind als Hinweise auf Boten interpretiert worden. Der Hof lag am linken Rheinufer, und die Boten gewährleisteten eine raschere Nachrichtenanbindung an die Abtei Prüm, die hier wegen einer Rheinschleife zu Fuß schneller zu erreichen war.36 Nach Anmerkungen zum Prümer Urbar aus dem 13. Jahrhundert verweist der Terminus scaram facere auf Verpflichtungen von Angehörigen der familia des Abts, die jenem, wann er es befahl, dienen mussten und seine Botschaft (nuncium) oder seinen Brief (litterae) an den von ihm bestimmten Ort überbringen mussten.37

Die kurze Skizze der verfassungsgeschichtlichen Zugriffe auf das Botenthema zeigt, dass es trotz der Betrachtung ganz unterschiedlicher Boten letztlich um eine Verortung der Boten und königlichen Beauftragten im frühmittelalterlichen Herrschaftsgefüge, im Rahmen der Organisation von Herrschaft, ging. In der Betrachtung der Botendienste von abhängigen Hörigen ist der Aspekt von Macht und Verpflichtung vielleicht besonders offenkundig. Er ist jedoch grundsätzlich auch bei den missi dominici und anderen Boten zu finden. Boten waren hier vor allem interessant als Personen, die in einer vom Herrn abhängigen Stellung agierten und verschiedenartige Aufgaben als Dienstmannen übernahmen.

ad 2. Wohl ohne Übertreibung kann man feststellen, dass die bisherigen Untersuchungen zu Boten und Gesandten in weit überwiegendem Maße einem diplomatiegeschichtlichen Blickwinkel unterliegen. Diese Arbeiten beschäftigten sich mit den Gesandten von Herrschern oder Institutionen wie Städten und Städtebünden. Breiter angelegte Studien widmeten sich der Entwicklung des mittelalterlichen Gesandtschaftswesens hin zur ‚modernen Diplomatie‘, wobei sich insgesamt ein überaus deutlicher Schwerpunkt auf dem Spätmittelalter mit Übergang in die Frühe Neuzeit feststellen lässt.38 Rückblickend ist gemeinhin ←25 | 26→im 12./13. Jahrhundert ein gewisser Wendepunkt in der Entwicklung erblickt worden, da sich nun eine zunehmende Ausdifferenzierung des Gesandtschaftswesens und eine Spezialisierung von Gesandten beobachten lasse.39 So entsteht etwa auch das Institut der Prokuratoren (wieder), der bevollmächtigten Gesandten im Besitz der plenitudo potestatis,40 deren Existenz für das Frühmittelalter gemeinhin abgelehnt wird.41

Die Hauptfragekomplexe der diplomatiegeschichtlich orientierten Studien bestanden zunächst meist aus Themen wie der Verhandlungsführung und -technik als Paradedisziplinen einer ‚diplomatischen Kunst‘ oder auch der unterschiedlichen Ausprägung der rechtlichen Befugnisse und Pflichten von Gesandten.42 Ein zentrales Leitinteresse bildete zudem die Frage nach der ←26 | 27→Entstehung ständiger Gesandtschaften vor Ort, bei der es sich geradezu um ein Faszinosum der Forschung handelt – für Studien sowohl über das weltliche als auch über das päpstliche Gesandtschaftswesen.43

Wenngleich das Spätmittelalter überdeutlich im Vordergrund der Diplomatiegeschichte steht, bleibt doch festzuhalten, dass auch Früh- und Hochmittelalter in vorherigen Studien beachtet worden sind. Besonderer Beliebtheit hat sich hier die Erforschung des fränkischen Gesandtschaftswesens erfreut. Die frühen, aus dem 19. Jahrhundert stammenden Studien von Viktor Menzel und Alfred Löhren markieren den Beginn einer detaillierteren Auseinandersetzung,44 die dann vor allem mit dem Namen François Louis Ganshof verbunden ist. Ganshof legte zahlreiche, zum Teil bis heute maßgebliche Untersuchungen zum Gesandtschaftswesen sowohl der Merowinger- als auch der Karolingerzeit vor.45

Den Arbeiten zum Früh- und Hochmittelalter ist in der Regel eine sowohl inhaltlich-thematisch als auch zeitlich recht eingeschränkte Perspektive eigen. Denn der Blick richtete sich hier vor allem auf Gesandte der fränkischen Könige ←27 | 28→und Kaiser, was wiederum die Auswahl genau solcher Quellen begünstigte, deren Verfasser ihrerseits ein Interesse an der Darstellung des entsprechenden ‚diplomatischen Verkehrs‘ hatten. Im Vordergrund standen Fragen nach dem Ablauf diplomatischer Gesandtschaften, oft exemplifiziert an der offiziösen karolingischen Historiographie. Anders als es das Fehlen einer grundlegenden, umfassenden Studie zur karolingischen Diplomatie vielleicht vermuten ließe,46 untersuchte die Forschung fast ausnahmslos die Karolingerzeit und hier nachgerade den ‚diplomatischen Austausch‘ der Karolinger mit den Päpsten, den Ost-West-Verkehr mit Byzanz,47 Jerusalem48 und, schon weitaus seltener, den abbasidischen Kalifen in Bagdad.49←28 | 29→

Von dieser karolingischen Epoche abgesehen, traten, was das Frühmittelalter angeht, im Grunde genommen lediglich die späteren, berühmten Berichte über die ottonenzeitlichen Gesandtschaften des Johannes von Gorze50 und des Liudprand von Cremona in den Vordergrund,51 zuletzt auch interkulturelle Kontakte mit muslimischen Herrschern,52 ←29 | 30→während hingegen die Merowingerzeit äußerst stiefmütterlich behandelt wurde.53

Ein aufgrund verschiedener Umstände gewissermaßen eigenes Forschungsfeld bildet das päpstliche Gesandtschaftswesen, das seit der Spätantike bezeugt und vielfach untersucht worden ist.54 Hier hat man vor allem im 11. Jahrhundert, ←30 | 31→während des Pontifikats Gregors VII., einen Entwicklungssprung gesehen, da von nun an die päpstlichen Legationen als Verbindung zwischen Papst, Kirchen und weltlichen Herrschern zu einem der wichtigsten Instrumente päpstlicher Regierungspraxis geworden seien.55 Die äußerst umfangreiche Forschung zum päpstlichen Gesandtschaftswesen, die sowohl Legationen nach Deutschland als auch in andere Länder thematisiert und nahezu sämtliche Pontifikate seit der Mitte des 8. Jahrhunderts durchleuchtet hat, zudem auch prosopographisch gearbeitet und zuletzt neue Perspektiven eingenommen hat, ist jüngst umfassend skizziert worden, sodass dies hier im Wesentlichen unterbleiben kann.56

Oft wird das päpstliche Gesandtschaftswesen in seinem institutionellen Grad als dem weltlichen überlegen angesehen, und die päpstlichen Legaten gelten unter anderem deshalb als ein besonderer Fall von Gesandten, weil sie zunächst, bis zum Spätmittelalter, gerade nicht im eigentlichen Sinn als Gesandte, sondern vielmehr als Visitatoren eingesetzt worden seien, die Herrschaftsrechte ausübten.57 Erst vor kurzem ist ein breiter angelegter Versuch unternommen worden, den Vorbildcharakter des geistlichen für das weltliche Gesandtschaftswesen sowie seinen Einfluss zu charakterisieren.58

Relativ jung ist auch die Forderung, eine (weltliche) Diplomatiegeschichte, die sich vor allem am Aspekt der Herausbildung von Nationen und am Paradigma ←31 | 32→‚Staat und Staatlichkeit‘ orientiert, aufzugeben; stattdessen wurde die Hinwendung zu einer Geschichtsschreibung propagiert, die sich über das oft recht isoliert betrachtete Feld der Diplomatie hinaus für weitere gesellschaftliche und kulturelle Praktiken sowie für Themenbereiche anderer Disziplinen öffnet.59 Die jüngere Diplomatiegeschichte hat sich, soweit ich sehe veranlasst durch die Rezeption neuerer Ansätze aus Nachbardisziplinen, die noch getrennt zu erörtern sind, auch anderen Fragestellungen gewidmet, ohne die älteren Erkenntnisinteressen gänzlich aus dem Blick zu verlieren. In manchen Arbeiten zum Mittelalter manifestiert sich immer noch ein (erst neuzeitlicher Terminologie unterstehender) Konnex von Staat, Außenpolitik und Diplomatie. Zuletzt ist jedoch breit diskutiert worden, dass ein ‚diplomatisches Handeln‘ zwischen den europäischen Reichen nicht erst mit dem Beginn moderner Staatlichkeit eingesetzt habe; stattdessen habe es so etwas wie ‚Außenpolitik‘ und ‚auswärtige Beziehungen‘ bereits seit dem 13. Jahrhundert gegeben; nicht das Phänomen einer ‚Außenpolitik‘ an sich fehle, sondern bei der Beurteilung mittelalterlicher Verhältnisse leite die Anwendung moderner Terminologie in die Irre.60←32 | 33→

ad 3. Eine kurze Skizze des Forschungsstandes zum mittelalterlichen Boten- und Gesandtschaftswesen wäre unvollständig ohne die Erwähnung von Studien, die sich im Wesentlichen mit dem Medium ‚Brief‘ und mit dem Korrespondenzwesen beschäftigen. Darunter können trotz unterschiedlicher Interessenschwerpunkte auch einige Arbeiten zur Epistolographie gerechnet werden. Mit Blick auf das Frühmittelalter und immerhin am Rand auch auf Boten sind hier neben jüngeren Sammelbänden61 vor allem zwei umfassende Monographien zu nennen: zum einen Achim Thomas Hacks Studie zur päpstlichen Epistolographie im 8. Jahrhundert, zum anderen Sita Steckels Untersuchung über die Gelehrtenkultur.62 In beiden werden zentrale Briefwechsel des frühen Mittelalters zum ←33 | 34→Untersuchungsgegenstand gemacht. Wenngleich diese beiden Untersuchungen nicht primär auf Boten fokussieren, werden in ihnen doch immerhin auch die Überbringer der behandelten Schreiben thematisiert und wird in den enger ins Auge gefassten Untersuchungsbereichen deutlich, welche Aussagen sich in diesen Fällen aus Briefen über ihre Überbringer treffen lassen.

Zu den an kommunikationsgeschichtlichen Ansätzen orientierten Studien über das weiter gefasste Korrespondenzwesen sind zudem Arbeiten zu zählen, die nicht auf die Geschichtswissenschaften beschränkt sind. In ihnen werden im Mittelalter (freilich erst im Rückblick sogenannte) Vorläufer und Anfänge des späteren Postwesens erblickt.63 Zeitlich und geographisch bewegen sich die ←34 | 35→entsprechenden Studien meist im spätmittelalterlichen Europa, doch wird dieser Themenbereich auch für andere kulturelle Räume der Vormoderne untersucht.64

ad 4. Auch außerhalb der Gesandtenthematik hat die jüngere Mediävistik aus verschiedenen Blickwinkeln ihre Aufmerksamkeit auf Themenkomplexe gelenkt, in denen Boten eine Rolle spielen. Im Zusammenhang mit neueren Forschungsfeldern wie ‚Kommunikation‘, ‚Öffentlichkeit‘ und ‚Medien‘ sind des Öfteren Boten, Gesandte, Vermittler und Unterhändler ins Bewusstsein der Forschung gerückt.65 Zumindest am Rand tauchen sie in Studien auf, die sich mit ←35 | 36→den für die Beurteilung der Epoche zentralen und viel beachteten Aspekten der Mündlichkeit und Schriftlichkeit beschäftigten, mit dem Verhältnis dieser beiden unterschiedlichen Kommunikationsformen zueinander oder mit Fragen der frühmittelalterlichen Präsenzkultur, von der sich angesichts der hohen Bedeutung der Mündlichkeit sprechen lässt. Auch die Untersuchung der Frage, was im Mittelalter ‚öffentlich‘ geschah und was sich ‚nicht-öffentlich‘, gewissermaßen privat oder heimlich, ereignete, lenkte den Blick zuweilen auf Boten. Schließlich erfolgte eine Beachtung von Boten zudem in Untersuchungen über die symbolischen Kommunikationsformen, in denen vor allem die nonverbalen Botschaften eine Rolle spielten, die Gesandte von Päpsten und Herrschern in rituellen Handlungen austauschten.

Den Ausgangspunkt zu neuen Einsichten über Boten und Gesandte bildeten die instruktiven Untersuchungen Horst Wenzels über höfische Boten in der spätmittelalterlichen Epik.66 Wenzel betrachtet Boten, die an den (literarisch beschriebenen) Höfen erschienen, und schildert das zeitgenössische Verständnis von ihnen als persönliche Vertraute der Absender. Die höfischen Boten repräsentierten ihren Auftraggeber körperlich, sie überbrachten Botschaften in verbalen wie nonverbalen Kommunikationszusammenhängen. Mit der Akzentuierung der zeitgenössischen Wahrnehmung von Boten als Stellvertretern und Repräsentanten ihrer Herren, aber auch mit der Untersuchung der zahlreichen Missverständnisse in Kommunikationsprozessen, auf die in der Literatur angespielt wird, rückten neue, mediale Aspekte der Botenthematik in den Vordergrund der Betrachtung. In einem ebenfalls von Horst Wenzel herausgegebenen Sammelband, der dem Thema Boten und Briefe vom Spätmittelalter bis in die Neuzeit hinein nachspürt und wiederum Folgediskussionen stark beeinflusste, ←36 | 37→standen vor allem Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Schrift- und Körpergedächtnis im Vordergrund.67

Der mittelalterliche Bote oder Gesandte wird in dieser, in den letzten Jahren in den Medien-, Sprach- und Literaturwissenschaften verfolgten Perspektive nicht nur wegen der narrativen Mittel interessant, die sich mit ihm verbinden lassen, sondern vornehmlich deshalb, weil er als Medium eine Botschaft in einem Prozess der Übertragung körperlich aufnimmt und diese dann mündlich aus der Erinnerung vorträgt, oft selbst dann, wenn er zusätzlich einen Brief zu überbringen hat.68 Die Feststellung, „das Wichtigste am Brief [sei] im Mittelalter der Bote“ gewesen,69 kann als Ausdruck der Tatsache gelten, dass sich das mittelalterliche Korrespondenzwesen von heutigen Kommunikationsformen unterschied. Briefe wurden in unterschiedlichen Öffentlichkeiten verlesen und oft durch Boten mündlich ergänzt. So ist die ‚Abkopplung‘ von Bote und Brief eine neuzeitliche Erscheinung, die parallel zur Entwicklung des gegenüber vorigen Praktiken relativ anonymisierten Postwesens verläuft.70

Einige der so in den Vordergrund gerückten Aspekte – vor allem die Repräsentanten- und Stellvertreterfunktion von Boten sowie der Zwang, im Mittelalter Rechte und Ansprüche des Herrschers mittels reisender Gesandter ausüben zu müssen, – machten die Forschungen Wenzels interessant für die Diplomatiegeschichte, die aus ihnen neue kulturwissenschaftliche Impulse bezog. Vielleicht am deutlichsten finden sich die von Wenzel für die höfischen Gesandten erarbeiteten Kriterien bei den spätmittelalterlichen Herolden wieder, deren körperliche Anwesenheit in Wappentracht den abwesenden König ←37 | 38→repräsentieren und so einerseits dessen Schutz, andererseits aber auch die von diesem ausgehende Rechtssicherheit symbolisieren konnte.71 Doch sind entsprechende Fragestellungen durchaus auch in anderen Zusammenhängen gestellt worden. So stehen in jüngeren Arbeiten zum Gesandtschaftswesen des Spätmittelalters, die kaum noch unter der älteren Diplomatiegeschichte firmieren, sondern meist einem kommunikationsgeschichtlichen Ansatz zuzuordnen sind, zunehmend Fragen nach dem Körper- und Schriftgedächtnis, der Körperlichkeit von Kommunikation und der Verschränktheit von Mündlichkeit, Schriftlichkeit und symbolischen Kommunikationsformen im Vordergrund und bilden etwa Phänomene wie Inszenierungen und Zeremonielle integrale Bestandteile der Diplomatie.

Direkt ablesen lassen sich diese Zugänge und Themenfelder in Studien über das Gesandtschaftswesen unter dem Stichwort einer politischen Kommunikation im Spätmittelalter, etwa bei Martin Kintzinger,72 Christina Lutter73 und Michael Jucker.74 In geographischer Hinsicht kann das Boten- und Gesandtschaftswesen ←38 | 39→der spätmittelalterlichen Eidgenossenschaft inklusive der städtischen Boten als vergleichsweise gut erforscht gelten,75 allerdings hat man sich auch anderen geographischen Räumen gewidmet.76

Zwar bieten sich hier alle möglichen Arten von Boten in ihrer spezifischen Funktion als Überbringer von schriftlichen und mündlichen Botschaften in verschiedenen Kommunikationszusammenhängen geradezu für eine Untersuchung an, betrachtet wurden jedoch in weit überwiegendem Maße die spätmittelalterlichen Gesandten: von geschichtswissenschaftlicher Seite aus diejenigen von Herrschern, Päpsten, Städten und Städtebünden,77 von literaturwissenschaftlicher Seite aus solche (Boten und) Gesandte, die in der volkssprachlichen Literatur genannt werden.78 Für das Früh- und Hochmittelalter liegen Untersuchungen ←39 | 40→im Rahmen dieser neueren Ansätze kaum vor. Von einem älteren Versuch über die Spätantike abgesehen, sind niedrig stehende Boten und Briefträger kaum behandelt worden und ist die enorme Bedeutung, die Boten bei der Einschätzung des Verhältnisses von Mündlichkeit, Schriftlichkeit und symbolischen Kommunikationsformen zukommt, zu wenig beachtet worden.79 Andrew Gillett thematisiert in seiner Studie die Spätantike und behandelt wenigstens in kleinem Umfang auch die merowingische Historiographie, beschränkt sich jedoch im Wesentlichen auf die politische Kommunikation durch Gesandte.80 Die umfangreiche Arbeit von Achim Thomas Hack beschäftigt sich zwar mit dem Frühmittelalter, hier jedoch überwiegend ebenfalls mit (päpstlichen und königlichen) Gesandtschaften, über die im Codex Carolinus berichtet wird.81 Andere, kürzere Untersuchungen zu Einzelaspekten behandeln die Kommunikation im Rahmen frühmittelalterlicher Herrschaftspraxis,82 weitere nehmen konkreter Boten, etwa ←40 | 41→diejenigen einer einzelnen prominenten Figur des 11. und 12. Jahrhunderts oder einer Institution, ins Visier.83

Betrachtet man die Forschungszugänge zum frühmittelalterlichen Boten- und Gesandtschaftswesen in der Zusammenschau, so fällt zunächst einmal auf, dass aus der großen Menge von Boten, die sich aus den erwähnten Zwängen zur Mobilität und zur Kommunikation als potentielle Untersuchungsfelder ergeben, nur kleine Ausschnitte eingehend betrachtet worden sind. Zudem sind die älteren geschichtswissenschaftlichen Studien hauptsächlich von den Forschungsparadigmen ‚Politik‘, ‚Herrschaft‘ und ‚Reich‘ bestimmt. Weil die Herrschaftspraxis, die Ordnung des Reiches und seine Verwaltung, insbesondere des mittelalterlichen fränkischen Großreichs, zentrale Leitinteressen bildeten, erschien eine auf das Innere, auf das Frankenreich gerichtete verfassungsgeschichtliche Perspektive naheliegend. Aber auch die Kontakte und Beziehungen dieses Großreichs zu anderen Reichen oder der fränkischen Teilreiche untereinander bildeten forschungsleitende Interessen, sodass der diplomatiegeschichtliche Blickwinkel hier ebenfalls folgerichtig erscheint.

Die Frühmittelalterforschung ist zumindest cum grano salis in doppelter Hinsicht beschränkt: thematisch auf Gesandte und zeitlich auf Karolinger. Selbstverständlich brachte die Forschung wichtige Ergebnisse hervor,84 sie ließ jedoch infolge ihres Blickwinkels diverse Aspekte fast zwangsläufig außer Acht, darunter nicht nur die Betrachtung anderer Zeitabschnitte, sondern auch die Einbeziehung von Boten unterhalb der Ebene von Gesandten der Herrscher. Der diplomatiegeschichtliche Zugang mit seinen zuweilen durchschimmernden ←41 | 42→Vorstellungen neuzeitlicher Staatlichkeit und seinen modernen Konzepten von Souveränität erweist sich hier auch bei der Interpretation karolingischer Historiographie als verengend.85 Zwar haben Arbeiten zum Gesandtschaftswesen und zur politischen Kommunikation in letzter Zeit neue Impulse erhalten, im Wesentlichen beschränkt man sich jedoch auf Gesandte einerseits und auf das Spätmittelalter andererseits. Auch hier werden Boten unterhalb der Herrscherebene von der Betrachtung fast gänzlich ausgeschlossen.

Die Charakterisierung der Forschungslage abschließend sei kurz erwähnt, dass bereits mehrfach ein Mangel an grundlegenden Studien konstatiert worden ist. Diverse Aspekte gelten als ungeklärt. Selbst Arbeiten zu den missi dominici bildeten zu Beginn der 1980er Jahre ein Desiderat;86 des Weiteren wurde das Fehlen übergreifender Untersuchungen zum frühmittelalterlichen Botenwesen festgestellt, etwa zum Thema ‚Briefboten‘,87 es blieben Fragen offen, welche die Auswahl bestimmter Personen als Gesandte betreffen,88 Studien, die sich auf erzählende und diplomatische Quellen stützen und sich mit der Hierarchie von brieflichen und mündlich übertragenen Botschaften beschäftigen,89 und gänzlich unklar bleiben schließlich häufig terminologische Aspekte, etwa die Definition zentraler Begriffe wie ‚Bote‘ und ‚Gesandter‘.90 In diese insgesamt doch recht großen Lücken der Forschung, die hinsichtlich des frühmittelalterlichen Untersuchungszeitraums, theoretischer Perspektiven und Methodik sowie der zugrunde gelegten Quellencorpora bestehen, will die vorliegende Studie stoßen. Ihre Ziele und Fragestellungen sollen im Folgenden genauer umrissen werden.←42 | 43→

B. Boten in frühmittelalterlichen Kommunikationsprozessen: Ziele und Fragestellungen der Studie

Der Austausch von Botschaften und die Art und Weise der Übermittlung von Informationen kann als eine kulturelle Praxis verstanden werden, die im Frühmittelalter spezifischen Bedingungen unterlag. Zu diesen gehören beispielsweise sowohl die erwähnten Zwänge zur Kommunikation und Mobilität als auch die Verschränkung von mündlichen, schriftlichen und nonverbalen Kommunikationselementen, die grundsätzliche Körpergebundenheit von Kommunikation, die von modernen Gegebenheiten ganz unterschiedlichen Voraussetzungen des Unterwegsseins sowie weitere personale, zeitliche und räumliche Dimensionen der Kommunikationspraxis.

Ausgehend von diesen Bedingungen und von den skizzierten Überlegungen, die in jüngeren Forschungen zu Boten angestellt worden sind, besteht das Hauptziel der Studie in der Analyse der frühmittelalterlichen Kommunikationspraxis mittels Boten als den wichtigsten zeitgenössischen Mittlern in Übertragungsprozessen. Dafür sind die jeweiligen Boten selbst in das Zentrum zu rücken sowie die Übertragungsprozesse, an denen sie beteiligt waren, hingegen weder vorrangig ihre Auftraggeber noch ausschließlich einzelne Themenfelder wie ‚Herrschaft‘. Denn mit einer Betrachtung allein der Absender und Empfänger als den vermeintlich realen Akteuren im Kommunikationsprozess kommt man hier nicht weiter. Zwar steht der Bote, wenn man dieses Modell überhaupt bemühen möchte, zwischen einem Sender und einem Empfänger; insofern kann er nicht isoliert betrachtet werden, er existiert nur innerhalb dieses ‚Dreiecks‘. Doch sind die Kommunikationsprozesse und die Funktionen von Boten innerhalb dieser Prozesse tatsächlich komplexer. Die Dimensionen der frühmittelalterlichen Kommunikation mittels Boten lassen sich nur dann analysieren, wenn man die Boten selbst sowie ihre Funktion(en) für den Prozess der Übertragung betrachtet, wenn man zeitgenössische Vorstellungen und Reflexionen über Boten einbezieht, über ihre Rollen, die an sie gestellten Anforderungen und Erwartungen.

Auch deshalb fokussiert die folgende Untersuchung nicht in erster Linie auf politische bedeutsame Gesandtschaften, die bislang so oft thematisiert worden sind. Zwar sind solche Gesandte schon deshalb zum Vergleich heranzuziehen, weil sie in den zeitgenössischen Texten meist viel besser belegt sind, doch sollen durchaus auch diejenigen Boten im Zentrum der Betrachtung stehen, die nicht im Dienste von Königen und Päpsten unterwegs waren, sondern unterhalb dieser hohen Ebene zahlreiche Übertragungsprozesse sicherten und die einen Gutteil der frühmittelalterlichen Boten ausmachten.←43 | 44→

Fragen, die auf die Kommunikation mittels Boten und deren Funktionen im Übertragungsprozess zielen, sind auf das Engste verknüpft mit der monopolartig zu denkenden Mittlerrolle von Boten. Sie leiten sich geradezu ab von der Bedeutung von Boten als den zeitgenössischen Medien der überregionalen Kommunikation. Allerdings ist der semantische Gehalt des Begriffs ‚Medium‘ umstritten, und seine fast überall auftretende, meist heterogene, zuweilen geradezu alles umfassende Verwendung scheint für Analysezwecke oft wenig hilfreich.91

Die Geschichte des modernen Begriffs ‚Medium‘ beginnt mit Thomas von Aquin, der ihn bei seiner Übersetzung der aristotelischen Wahrnehmungstheorie gebraucht. Thomas verwendet ihn an Stellen – er interpoliert ihn geradezu –, an denen im Griechischen metaxy als Bezeichnung für etwas steht, das in der Wahrnehmung ‚dazwischen‘, zwischen einem Wahrnehmenden und etwas Wahrgenommenem, liegt.92 Grundsätzlich lässt sich sagen, dass mit dem Begriff ‚Medium‘ ein Mittel zur Übertragung bezeichnet wird, welches sich in der Mitte, in einem Zwischenraum, befindet.93 Ein Medium als ein Dazwischen impliziert per se immer auch Distanz.

Neben einer zunehmenden Depersonalisierung der Medien in einigen Medientheorien gibt es auch aktuelle Versuche, die Frage, was ein Medium ←44 | 45→ist, am Boten selbst zu konzipieren. Der Bote ist hier jüngst gewissermaßen als Medium wiederentdeckt worden, er wird in entsprechenden Entwürfen geradezu zur Probe aufs Exempel für moderne Medienkonzepte. Theoretische Überlegungen haben sich insbesondere an der vertikalen Kommunikation ausgerichtet und sich auf himmlische Boten bezogen, auf Engel als Mittler des Wortes – des Wortes eines sprichwörtlich distanzierten, weil unnahbaren Gottes an die Menschen.94 Doch gewinnt zudem auch der in der horizontalen Kommunikation interessierende menschliche Bote und Gesandte irdischer Auftraggeber an theoretischem Profil. Er übermittelt wie der Engel nicht etwa nur Kommunikation oder Sprechakte, sondern steht in der Mitte zwischen unterschiedlichen Welten und sorgt als deren Mittler für einen Austausch, er garantiert und erweitert zudem die Herrschaftsräume seines Absenders, sodass in der Medienphilosophie recht plastisch von einer „Telekommunikation der Macht“ mittels Boten gesprochen worden ist.95

Ein Bote als Medium zeichnet sich, folgt man den erwähnten Ansätzen in der medientheoretischen Forschung, durch unterschiedliche Facetten aus: 1. Im Boten zeigt sich die Realpräsenz seines Auftraggebers, da der Bote mit dessen Stimme, nicht mit der eigenen, spricht und da er den abwesenden Absender körperlich vergegenwärtigt – also potentiell nicht nur repräsentiert, sondern anwesend macht. Deshalb vergegenwärtigen Boten etwa auch abwesende Machtträger.96 2. Dem Boten ist per definitionem Neutralität und Selbstlosigkeit eigen, er tritt gänzlich hinter seiner Botschaft zurück. Diese Selbst-Losigkeit ist dem ←45 | 46→Boten eigen, sie stellt eine Bedingung für seine Funktion dar und macht zudem „das Ethos seines Amtes“ aus. Anders formuliert: Die Verkörperung des Auftraggebers einschließlich seiner Autorität und Herrschaftssphäre geschieht durch die Entkörperung und Depersonalisierung des Boten.97 3. Boten haben als am Übertragungsprozess beteiligte ‚Dritte‘ in einer Art Zwischenraum, zum Beispiel als Ausleger, Übersetzer und Vermittler, nicht ausschließlich verbindende Funktionen; in ihnen ist vielmehr immer auch eine trennende, unterbrechende, distanzierende Funktion angelegt.98

Die Aufgaben des so verstandenen, in der modernen Theorie konzipierten Mediums ‚Bote‘ bestehen in zwei unterschiedlichen Formen der Übertragungsleistung: Boten übermitteln Botschaften im Rahmen eines kommunikativen Austauschs, und sie vermitteln Wahrnehmung. Sie tun dies, indem sie sich selbst neutralisieren, unsichtbar machen und Fremdes artikulieren, indem sie etwas Fremdes durch Selbst-Entkörperung verkörpern.

Der Terminus ‚Übertragung‘ soll im Folgenden nicht in einem rein mechanischen oder technischen Sinn (etwa des Transports oder Transfers von Gegenständen, ‚Nachrichten‘ oder Signalen) verstanden werden. Der Begriff wird vielmehr erstens sowohl in einem räumlichen als auch in einem zeitlichen Sinn aufgefasst, und sein Bedeutungsgehalt bestimmt sich zweitens wesentlich durch die Mittlerrolle, die Boten im Prozess der Verkörperung zukommt. Boten übertragen nicht nur etwas räumlich und zeitlich, sondern auch in dem Sinne, dass sie selbst etwas ihnen eigentlich Fremdes, Äußerliches verkörpern und damit erst hervorbringen. Boten sind in einem solcherart verstandenen Übertragungsprozess die ‚Dritten‘, denen bestimmte Funktionen für diesen Prozess eigen sind. Insofern ist die Aufgabe von Boten eigentlich ein Zeigen, weil der Bote nicht einfach spricht, sondern mit seiner Rede es ließe sich ergänzen: mit dem Überreichen eines Briefs, der Übergabe von Geschenken … zeigt, „was ein anderer gesprochen hat“.99←46 | 47→

Dieses gewissermaßen ideale Züge tragende Bild eines derart theoretisch fundierten und konstruierten Boten ist im Blick zu behalten, wenn es um die Funktionen der hier untersuchten frühmittelalterlichen Boten geht. Denn die Konzeptionen bieten zum einen Möglichkeiten, nach spezifischen Ausprägungen der theoretisch dem Boten zugeschriebenen Eigenschaften im Frühmittelalter zu fragen, können jedoch zum anderen auch selbst, anhand der hier analysierten mittelalterlichen Quellen, überprüft werden. Historisch verortet werden die in den Medientheorien angestellten Überlegungen nicht, sie zielen auf die Konturierung der ‚Figur des Boten‘ ab.

Insgesamt scheint, ganz wie im Fall von ‚Kommunikation‘, ein weiter Medienbegriff am ehesten als Instrument für die vorliegende Untersuchung geeignet,100 weil ansonsten in seiner Verwendung oft moderne Selbstverständlichkeiten wie die Existenz von Massenkommunikation und -medien oder der Einsatz technischer Medien, die einen störungs- und rauschfreien Ablauf gewährleisten, geradezu vorausgesetzt werden.101 Im Übrigen ist festzuhalten, dass die genannten frühmittelalterlichen Kommunikationsformen selbst, die mit der Tätigkeit und Funktion von Boten unmittelbar zusammenhängen, wie Brief, Schrift, Sprache, Körper, letztlich ebenfalls als Medien angesehen werden können, die auf unterschiedlichen Ebenen der Trägerschaft anzusiedeln sind und unterschiedliche Vermittlungsinhalte bzw. -funktionen haben.102 Im Vordergrund steht hier jedoch der Bote als menschliches Medium.←47 | 48→

Die allgemein-theoretisch behaupteten Funktionen von Boten als Medien der Kommunikation und als Medien der Wahrnehmung verlangen nach einer Konkretisierung, denn es gilt den frühmittelalterlichen Boten Konturen zu verleihen. Die hier verwendeten Begriffe der Kommunikation und des Mediums enthalten Aspekte, die für die frühmittelalterliche Kommunikationspraxis als zentral angesehen werden müssen. Neben der Bedeutung von Oralität und Face-to- face-Kommunikation gehört dazu die Verschränkung von Mündlichkeit, Schriftlichkeit und nonverbalen Kommunikationsformen, die nicht als Gegensatzpaare aufzufassen sind, sondern oft miteinander eng verschränkte Merkmale der zeitgenössischen Kommunikation bildeten.103 Indem im Folgenden oftmals auch solche Boten betrachtet werden, die sowohl Briefe als auch mündliche Nachrichten überbrachten, wird der Blick auf Personen gerichtet, die sich im Schnittpunkt unterschiedlicher Kommunikationsformen bewegten. Schon deshalb rücken sie potentiell in das Zentrum einer Mediengeschichte, welche „die Geschichte von Zeichensystemen und Informationsträgern, ihre Formen und Inhalte, ihre Macher und ihr Publikum“ einschließt.104

Boten sicherten nicht nur Dialoge innerhalb der Fernkommunikation, die Betrachtung ihrer Rolle als Mittler von Wahrnehmung erschließt zudem die Möglichkeit, Boten auch als Verteiler oder Beschaffer von Informationen anzusehen. So betrachtet, lassen Boten dem Empfänger ein andernorts stattfindendes Geschehen überhaupt erst wahrnehmbar werden – bzw. aktiv formuliert: Boten machen es für ihn erst wahrnehmbar. Das hat Folgen für die Lokalisierung von Boten im oft bevorzugten Sender-Empfänger-Modell. Denn der Sender des Boten war in manchen Fällen zugleich der Empfänger der Botschaft. Bei ihrer Rückkehr fungierten ausgesandte Boten oft auch geradezu als Zeugen eines Geschehens, das sich an entfernten Orten abspielte und dem Auftraggeber und Sender ohne sie unbekannt geblieben wäre. Zuweilen wurden Boten nicht zu ←48 | 49→dem Zweck ausgesendet, Informationen zu übermitteln, sondern umgekehrt dazu, solche überhaupt erst zu beschaffen. Hier lässt sich bereits erahnen, dass nicht nur die Macht- und Herrschaftsebene die Beziehung zwischen Auftraggeber und Bote charakterisierte, sondern auch Vertrauen und Treue. Die Kontrolle über die Kommunikations- und Interaktionsvorgänge waren von großer Bedeutung, und das Verlangen nach Kontrolle erstreckte sich auch auf die Auswahl von und den Umgang mit Boten. Die grundsätzliche Frage, ob überhaupt ein Bote vor einem stand oder nicht, ob man ihn identifizieren und seine schriftliche Nachricht vielleicht authentifizieren konnte, berührt grundlegende Fragen des Kommunikationsprozesses und seiner Sicherung.105 So wie das Vertrauen beim Transfer einer wichtigen Botschaft im Mittelpunkt stand, so auch bei der Wiederkehr des Boten als glaubwürdigem Zeugen. Zwar wurde von Boten erwartet, dass sie ihre Aufträge einhielten und als Sprachrohr fungierten, diese Erwartungshaltung wurde jedoch auch oft enttäuscht. Boten waren zuweilen selbst an der Hervorbringung eines Überschusses an Bedeutung und Wirkung beteiligt, der von den Auftraggebern nicht nur nicht intendiert, sondern auch nicht gewollt war.106 Die Kommunikation mittels Boten, das lässt sich hier schon vorausschicken, ist daher wesentlich komplexer, als es schlichte Sender-Empfänger-Modelle zu beschreiben vermögen. Eng mit diesem Problemfeld von Vertrauen, Treue und Kontrolle, von Befugnissen und deren Übertretungen, verknüpft sind Fragen nach dem Auftrag und den Freiheiten bei der Ausrichtung der Botschaft, inwiefern und in welchem Maße sich Boten an eine Vorlage in unserem heutigen Sinn, an ein ‚Original‘, zu halten hatten. Das wiederum bringt die handlungsbezogene Seite der Boten ins Spiel, die Thematik der Boten als Handelnde in einem von Mündlichkeit, Schriftlichkeit und symbolischen Kommunikationsformen geprägten Zeitalter.

Zunächst aber sind Fragen zu grundlegenden Aspekten des frühmittelalterlichen Botenwesens als Basis für weitere Erkenntnisse zu klären: Fragen etwa, ←49 | 50→wer überhaupt wann und zu welchem Zweck als Bote fungieren konnte – oder anders formuliert: Was machte eine Person zu einem geeigneten Boten? Um Kommunikationsprozesse und die zeitgenössischen Vorstellungen von ihnen zu analysieren, ist deutlich stärker als bislang die Terminologie in den Quellen zu berücksichtigen. Zwar wurde bereits häufiger auf ein generelles Phänomen hingewiesen, nämlich auf die synonym scheinende Verwendung unterschiedlicher lateinischer Begriffe für Boten und Gesandte, wie nuntius, missus oder legatus, die selbst für ein und denselben Boten innerhalb eines Satzes gebraucht wurden. Doch sind aufgrund der Konzentration auf hochstehende Gesandte kaum einmal andere Termini und deren semantische Ebenen in den Blick genommen worden. Die zeitgenössischen Begriffe müssen daher insgesamt stärker als Indikator für das Verständnis von Boten, ihre Tätigkeiten und Funktionen angesehen werden.

Ist die Beachtung der zeitgenössischen Terminologie schon deshalb unerlässlich, weil sonst nicht auf mittelalterliche Vorstellungen und Konzepte von Boten geschlossen werden kann, so kann sie zudem auch zur Überprüfung der modernen Termini dienen, mit denen mittelalterliche Verhältnisse (angeblich) beschrieben werden. Es bereitet zuweilen terminologisch Schwierigkeiten, zum Beispiel zwischen Königsboten und Gesandten zu differenzieren.107

Hier werden zunächst einmal sämtliche Personen, die im Auftrag einer anderen und an ihrer Statt eine räumliche Distanz überbrücken, um einem Empfänger eine Botschaft irgendeines Inhalts zu übermitteln – seien es Informationen, der Teil eines Dialogs, ein Brief, Geschenke oder anderes als Boten verstanden. Erst im nächsten Kapitel wird ausgehend von der frühmittelalterlichen Terminologie zu klären sein, welche semantischen Nuancen die Zeitgenossen zum Ausdruck brachten. Vorerst keine Rolle spielen hier Details, in denen sich die einzelnen Boten stark voneinander unterscheiden konnten: So bleibt zunächst unbeachtet, was exakt der Inhalt eines Auftrags war, wie weit sich Befugnisse von Boten erstreckten, ob sie den Auftrag erfolgreich übermittelten, ihn schriftlich oder mündlich überbrachten, ob sie ausgesendet wurden, um Informationen erst zu beschaffen, und wie groß die Distanz war, die sie zu überbrücken hatten.←50 | 51→

C. Zum Quellencorpus

Zwar haben frühmittelalterliche Boten ihre Spuren hinterlassen, doch ist es oft wenig mehr als das, was wir heute finden können. Angaben über Boten finden sich fast immer nur vereinzelt, und sie sind in unterschiedlichen Texten und Textgattungen verstreut. Vor allem die Berücksichtigung von Boten jenseits der oft thematisierten königlichen und päpstlichen Gesandten macht es notwendig, eine große Bandbreite zeitgenössischer Texte auf kleine Spuren hin zu untersuchen, die auf Boten und Übertragungsprozesse hinweisen. Darüber hinaus wird der auch in diesem Fall einschlägige Quellenmangel des Frühmittelalters zusätzlich kombiniert mit gattungsspezifischen Charakteristika, die Einzelaussagen determinieren können. Das verlangt insgesamt nach einem heterogenen Textcorpus, das im Folgenden grob skizziert wird. Aus verschiedenen Gründen liegt es nahe, Briefe, Brief- und Formelsammlungen sowie erzählende Quellen wie historiographische und hagiographische Texte auszuwerten, doch werden darüber hinaus sowohl die Dichtung als auch Rechtsquellen herangezogen.

Briefe, Brief- und Formelsammlungen enthalten ein breites Spektrum von Angaben über Boten. In Briefen werden einige von ihnen namentlich genannt, sodass hier Aussagen über die Identität konkreter Boten möglich sind. Zudem wird sowohl in Briefen als auch in Formulae grundsätzlich eine ganze Reihe von Termini für Boten und deren Tätigkeiten verwendet, aus denen sich zeitgenössische Vorstellungen über Boten wie über ihre Aktionsfelder erschließen lassen. Häufig thematisieren die Schreiben darüber hinaus etwas, das man Kommunikation über Kommunikation nennen kann: So werden in ihnen Fragen der Glaubwürdigkeit von Boten erwogen, werden Botschaften genannt, die bereits im Vorfeld ausgetauscht wurden und wird zu diversen weiteren Aspekten Stellung bezogen. Neben Schutz-, Empfehlungs- und Geleitschreiben, die für die Kommunikationspraxis eine bedeutende Rolle spielen, lassen manche Briefe und Formeln Rückschlüsse auf die Anforderungen an Boten zu, sodass in diesen Schriftquellen auch Reflexionen über Fragen vorliegen, was von einem Boten verlangt wurde, auf welche Art und Weise er die Botschaft übermitteln sollte, wo die Grenzen zwischen der Reproduktion (dem Wieder-Erzählen des Aufgetragenen) und der Produktion (dem Überschreiten der Auftragsgrenze) liegen.

Briefe zur Grundlage einer Arbeit über Boten zu machen, scheint auf den ersten Blick selbstverständlich, da es sich bei ihnen um die überlieferten schriftlichen Botschaften selbst handelt. Freilich gilt dieses Argument nur mit gewichtigen Einschränkungen, denn in den hier betrachteten Fällen liegt kaum einmal ein erhaltenes Original vor. Aus dem gesamten untersuchten Zeitraum haben sich nur einzelne Briefe erhalten, sie unterliegen als pragmatisches Schriftgut in ←51 | 52→besonderem Maße dem Zufall der Überlieferung.108 Schon deshalb ist es außerordentlich schwierig, Aussagen über ‚die Korrespondenz‘ einer Person zu tätigen, die mit Sicherheit immer nur aus einem Teil, nämlich dem aus bestimmten Gründen überlieferten Anteil, besteht. In der weit überwiegenden Anzahl der Fälle handelt es sich nicht nur um Abschriften von Briefen, sondern zudem auch noch um solche, die durch andere Personen als die Verfasser oder Empfänger und oft mit einiger zeitlicher Distanz angefertigt wurden, um dann gesammelt und schließlich, bisweilen Jahrhunderte später, von modernen Editoren als Briefkollektion in der heute zugänglichen Form zusammengefasst zu werden. Kurz gesagt: Bonifatius wusste nichts von einer Briefsammlung in der uns bekannten Zusammenstellung, die wir aber wiederum als seine Briefsammlung bezeichnen.

Nicht sämtliche Briefe gehören zur alltäglichen, pragmatischen Korrespondenz. Eine Reihe von Schreiben diente vor allem dem Nachweis der literarischen Bildung und Gelehrtheit ihrer Verfasser. Zwar ist die (an antiken Beispielen exerzierte) Gegenüberstellung von Briefen (als pragmatischer Form) und Episteln (als kunstvoller literarischer Form) nicht stringent durchzuhalten, und sie wird zudem den antiken Idealen des Briefschreibens nicht gerecht, doch lässt sich durchaus konstatieren, dass auch im Frühmittelalter diverse Schreiben sprachlich kunstvoll verfasst wurden.109 Daher liegt ein zweiter quellenkritischer Aspekt, der bei den Briefen vorauszuschicken ist, in der zeitgenössischen Epistolographie selbst begründet. Denn wenngleich der Höhepunkt der antiken Epistolographie gemeinhin in der Spätantike gesehen wird110 und ars dictaminis ←52 | 53→bzw. dictandi erst im 11. und 12. Jahrhundert greifbar werden, so sind doch auch im Frühmittelalter Stilisierungen, sprachliche Eigenheiten und spezifische Traditionen in der Kunst des Briefschreibens auszumachen.111 Alkuins Briefe etwa enthalten zum Teil eine Vielzahl ausgefeilter kompositorischer, stilistischer und rhetorischer Elemente, die zum Beispiel in den (überlieferten) Schreiben Einhards nahezu gänzlich fehlen.

Entscheidend für die hier verfolgten Belange ist, dass inhaltliche Angaben über Boten, über den Transfer einer Botschaft oder sonstige Aspekte der Kommunikationspraxis durch solche sprachlichen und stilistischen Eigenheiten durchaus beeinflusst werden können, etwa in der Wahl der Begriffe für Boten und ihre Tätigkeiten.

Die Auswahl der hier betrachteten frühmittelalterlichen Schriftstücke umfasst nahezu sämtliche in den MGH und andernorts edierten Briefe, darunter die größeren nichtpäpstlichen Briefsammlungen – also die sogenannten Kollektionen des Bonifatius und des Lul, Alkuins und Einhards –, daneben aber auch andere Sammlungen aus dem Frankenreich des 6.-9. Jahrhunderts, von den frühen Briefen des Bischofs Desiderius von Cahors über die wenigen Schreiben Columbans bis hin zu denjenigen von Bischöfen und Äbten im 9. Jahrhundert, sowohl die umfangreicher überlieferte Korrespondenz des Hinkmar von Reims als auch die des Lupus von Ferrières, Frothar von Toul und anderer Verfasser. Da Boten ohnehin häufig Grenzen zwischen unterschiedlichen Reichen überschreiten ←53 | 54→mussten, ist es sinnvoll, auch Briefe einzubeziehen, die außerhalb des fränkischen Reiches verfasst und ausgeliefert wurden. Daher werden auch Schreiben aus dem visigotischen Spanien, dem langobardischen Italien und dem angelsächsischen England sowie Irland untersucht. Für die frühe, überlieferungsarme Zeit wurde außerdem auf die ‚Sammlungen‘ von Briefen weltlicher Herrscher rekurriert wie etwa auf die ‚Epistolae Austrasicae‘ und ähnliche Kollektionen.

Biographische Angaben

Volker Scior (Autor:in)

Volker Scior studierte Rechts- und Geschichtswissenschaften sowie Politische Wissenschaften in Kiel und Hamburg. Nach seiner Dissertation über hochmittelalterliche Fremdwahrnehmung im Rahmen eines interdisziplinären DFG-Graduiertenkollegs und seiner Habilitation übernahm er Vertretungsprofessuren an den Universitäten Hamburg und Eichstätt sowie derzeit in Jena.

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Titel: Boten im frühen Mittelalter