Lade Inhalt...

Geisteswissenschaften im Umbruch

Die Fächer Geschichte, Germanistik und Slawistik an der Deutschen Universität in Prag 1918–1945

von Ota Konrád (Autor:in)
Habilitationsschrift 440 Seiten

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Zum Geleit
  • Vorwort
  • Inhalt
  • Einleitung
  • Die Deutsche Universität in Prag in der Tschechoslowakischen Republik (1918–1938)
  • Neuanfang: Die Deutsche Universität in Prag in einem neuen Staatswesen
  • Prag oder Grenzgebiet? Diskussionen um die Verlegung der Universität
  • Das Ringen um einen Platz in der Geschichte
  • Das Ringen um einen Ort in der Stadt Prag
  • Der Rahmen: die tschechoslowakische Hochschullandschaft
  • Die Ausstattung und die personelle Struktur der Philosophischen Fakultät in den Jahren 1921 bis 1937
  • Die Krise der Deutschen Universität in Prag in den 1930er-Jahren
  • Antisemitismus und Nationalismus
  • Wirtschaftskrise und Zusammenarbeit mit dem nationalsozialistischen Deutschland
  • Geschichtswissenschaft
  • Die fachliche und personelle Struktur
  • Die thematische und methodologische Entwicklung
  • Volksgeschichte des Sudetendeutschtums: Wilhelm Wostry, Heinz Zatschek und Josef Pfitzner
  • Germanistik
  • Ältere deutsche Sprache und Literatur
  • Neuere deutsche Sprache und Literatur
  • Volkskunde
  • Der Streitfall Josef Körner
  • Slawistik
  • Die fachliche und personelle Struktur
  • „Philologie und Politik müssen den gleichen Weg gehen“
  • Die Deutsche (Karls-)Universität im „Großdeutschen Reich“ (1939–1945)
  • Das Vorspiel von Oktober 1938 bis Februar 1939: „München“, Flucht und „Arisierung“
  • Die Eingliederung der deutschen Universität in das Deutsche Reich seit dem 15. März 1939
  • Die nationalsozialistische Germanisierungspolitik in den böhmischen Ländern
  • Die nationalsozialistische Wissenschaftspolitik
  • Die Philosophische Fakultät in den Jahren 1939 bis 1945
  • Der Lehrkörper der Philosophischen Fakultät in den Jahren 1938/39 bis 1945
  • Die „neue Wissenschaft“ im Großdeutschen Reich
  • Der Südosten Europas als Forschungsgegenstand
  • Außeruniversitäre Forschung: die Sudetendeutsche Anstalt für Landes- und Volksforschung und die Reinhard-Heydrich-Stiftung
  • Die Volkstumswissenschaften: Hans Joachim Beyer, Rudolf Hippius und Karl Valentin Müller
  • Geschichtswissenschaft
  • Die personelle Entwicklung
  • Die thematische und methodologische Entwicklung
  • Germanistik
  • Ältere deutsche Sprache und Literatur
  • Neuere deutsche Sprache und Literatur
  • Volkskunde
  • Slawistik
  • Die personelle Entwicklung
  • Das hegemoniale Verständnis der Slawistik
  • Zusammenfassung
  • Quellen und Literatur
  • Abkürzungen
  • Konkordanz der Ortsnamen
  • Personenregister
  • Bildnachweis
  • Reihenübersicht

Einleitung

Universitäten standen häufig im Mittelpunkt des politischen, kulturellen und gesellschaftlichen Geschehens ihrer Zeit. In ihnen vollzog sich seit dem 19. Jahrhundert eine rasante Entwicklung der Wissenschaften. Aus ihren Professoren und Studenten rekrutierten sich gesellschaftliche Eliten, die sich an der Ausformulierung nationaler oder staatlicher Narrative wesentlich beteiligten. Die große Bedeutung der Universitäten unterstreichen repräsentative Universitätsgebäude, die in den Zentren europäischer Städte errichtet wurden.1 Vor allem in der habsburgischen Vielvölkermonarchie waren die Hochschulen Bestandteil der Formierung moderner Nationen. Die Entstehung einer „eigenen“ Universität war ein vordringliches Anliegen der nationalen Führungspersonen, da ihren Vorstellungen nach eine Universität mit Unterricht in der eigenen Sprache die „Reife“ des eigenen „Volkes“ unterstrich, aber auch künftige Staatsbeamten ausbilden konnte. Die universitäre Tradition wurde symbolisch auch als Ausdruck einer langen und bedeutenden Geschichte und somit einer Manifestation des Wertes der eigenen Nation verstanden.

Die Universität selbst als eigenständige Organisation, die Professoren und die Studenten gehörten zu den besonderen Akteuren dieser Politik. Sie beteiligten sich mit ihren Forschungsarbeiten und Publikationen, aber auch mit anderweitigen gesellschaftlichen und politischen Aktivitäten ideell und praktisch an der Herausbildung und Definition der kollektiven Selbstbilder. Bei diesen wiederum ging es maßgeblich um die Inklusion und Exklusion von Menschen, die in die jeweilige nationale Gemeinschaft eingebunden oder aus dieser ausgegrenzt werden sollten.

Diese Feststellung gilt besonders für die Hochschulen und die Wissenschaften in den böhmischen Ländern, wo sich seit dem 19. Jahrhundert die Einwohner im Rahmen der deutsch-tschechischen „Konfliktgemeinschaft“2 zunehmend sprachlich und gesellschaftlich voneinander abgrenzten. Ein herausragendes Beispiel dafür ist die 1348 gegründete Prager Universität, die 1882 in die „böhmische Karl-Ferdinands Universität“ (später „Karls-Universität“) und in die ←21 | 22→„deutsche Karl-Ferdinands Universität (später „Deutsche Universität in Prag“) geteilt wurde.3

Nach dem Zerfall Österreich-Ungarns mussten sich in der 1918 gegründeten Tschechoslowakei vor allem die deutschsprachigen Eliten der Frage nach der eigenen kollektiven Identität neu stellen. Es musste geklärt werden, wer eigentlich Deutscher in der Tschechoslowakischen Republik bzw. im neu entstehenden Wortgebrauch „Sudetendeutscher“4 war und was die Zugehörigkeit zu jener „Schicksalsgemeinschaft“ bedeutete, von der man damals häufig sprach. Die jeweiligen Antworten auf diese Fragen waren von den konkreten historischen Kontexten abhängig. Auch für die Professoren und Dozenten der deutschen Universität in Prag, die nun „Deutsche Universität in Prag“ (DUP) hieß, waren die neuen Rahmenbedingungen von großer Bedeutung. Der Umbruch seit 1918 stellte vor allem die Geisteswissenschaften vor große Herausforderungen, sich in diesem neuen Erfahrungs- und Handlungsraum zu verorten.

Für das unmittelbare Handeln der Universität und ihrer Akteure sowie für die dort geleistete wissenschaftliche Arbeit war dabei auch entscheidend, in welcher Art und Weise die neuen Bedingungen interpretiert und welche Bedeutung ihnen beigemessen wurde. So waren zum Beispiel direkt nach der Entstehung des neuen tschechoslowakischen Staates Überlegungen hinsichtlich einer Umsiedlung der Universität aus Prag in eine kulturell deutsch dominierte ←22 | 23→Stadt Böhmens in erster Linie nicht durch einen „objektiv“ existierenden wirtschaftlichen oder infrastrukturellen Sachverhalt erzwungen; vielmehr wurde diese Debatte von der Diskussion über die Rolle der Universität in dem neuen, anfangs von den politischen Vertretern der deutschen Minderheit mehrheitlich abgelehnten Staat geprägt. Die sogenannte Lex Mareš – ein Universitätsgesetz aus dem Jahr 1920 – und die Diskussionen darüber betrafen nicht Probleme der Universitätsverwaltung, sondern den symbolischen Ort und die Bedeutung der Universität in der Geschichte der böhmischen Länder. Ebenso spielten schließlich beim Scheitern der Pläne für die Errichtung eines neuen Universitätsgebäudes für die deutsche Universität in Prag nicht finanzielle Fragen die Hauptrolle; als maßgeblich erwies sich die Prestigepolitik des tschechisch geführten Magistrats.

Dieses Buch beginnt daher mit dem Neuanfang von deutscher Universität und Wissenschaft im Jahr der Gründung der Tschechoslowakischen Republik 1918 und umfasst die Entwicklung über das gewaltsame Ende der Republik hinaus bis zum Kriegsende 1945, das faktisch auch die Geschichte der deutschen Universität in Prag abschloss. Die Bedingungen, unter denen sich die Deutsche Universität in Prag nach der Gründung der Tschechoslowakischen Republik entwickelte, ihren Deutungen und den personellen Entwicklung sowie der veränderten Situation in den 1930er-Jahren sind die ersten drei Kapitel des ersten, der Zeit von 1918 bis 1938 gewidmeten Teils des Buches gewidmet. In den folgenden drei Kapiteln werden die Entwicklungen dreier ausgewählter geisteswissenschaftlicher Fachbereiche dargestellt und interpretiert.

Wissenschaft, und dies gilt vor allem für universitäre Wissenschaft, ist von ihrem Wesen her nicht nur das Bemühen um die Suche nach einer „objektiven“ Wahrheit, sondern auch eine soziale Praxis: Sie ist ein Handlungsraum, in dem individuelle Interessen und Gruppeninteressen formuliert werden und in dem viele wissenschaftliche „Schlachten“ geschlagen werden. Daher würde der Versuch, an die Geschichte der Wissenschaften monokausal heranzugehen, zu einer zu starken Vereinfachung führen. Die Wissenschaft und in erster Linie die Geisteswissenschaften sind weder von der Welt isoliert, noch unterliegen sie eigenen Gesetzmäßigkeiten, sie sind weder der verlängerte Hebel der Politik ihrer Zeit, noch sind sie ausschließlich ein Kampf um Macht und Ressourcen.

Diese Studie untersucht daher mehrere Ebenen der wissenschaftlichen Praxis. Sie stützt sich auf eine seit einiger Zeit geführte Diskussion über die Methodologie der Wissenschaftsgeschichte,5 die auch für den Fall der Geschichte der ←23 | 24→Geisteswissenschaften in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts relevant ist. So spricht zum Beispiel Mitchell Ash von Wissenschaft und Politik als von gegenseitig verknüpften Ressourcen,6 in ähnlicher Form versucht auch der Begriff „Wissenschaftskulturen“ die simplifizierende monokausale Betrachtung von Wissenschaftsgeschichte zu überwinden.7 Wissenschaft ist also als Erkenntnisprozess zu verstehen, in dem soziale, diskursive, institutionelle und wirtschaftliche Einflüsse aufeinandertreffen. Auch dieses Buch befasst sich mit der gegenseitigen Durchdringung und Beeinflussung wissenschaftlicher Haltungen, politischer Ansichten und anderer Aktivitäten wie öffentlicher Tätigkeit, sozialem und gesellschaftlichem Engagement sowie wirtschaftlicher Ressourcen. Der auf diese Weise entstandene wissenschaftliche Aktionsraum – man könnte auch sagen: das so gebildete wissenschaftliche Feld – beeinflusste wiederum das Handeln und Denken der einzelnen mit ihr verbundenen Wissenschaftler.

Bereits eine erste flüchtige Betrachtung der Geschichte der Deutschen Universität nach 1918 zeigt, dass es spätestens ab Mitte der 1930er-Jahre an der Universität zu einer Polarisierung kam, in deren Folge sich zwei, in vielerlei Hinsicht gegensätzliche wissenschaftliche Sphären herausbildeten. Als beispielsweise 1934 – in einem hohen Maße auf Druck des tschechoslowakischen Schulministeriums – der Philosoph Emil Utitz an die DUP kam, der aufgrund seiner jüdischen Herkunft von der Universität in Halle entlassen worden war, fand er als „ein sehr ungern gesehenes Mitglied der Universität“ eher in außeruniversitären Institutionen wie dem Prager Linguistischen Kreis (PLK) und der in dem ←24 | 25→nach seinem Vorbild gegründeten Cercle philosophique eine wissenschaftliche und kollegiale Heimat.8

Die Geschichte der DUP im Untersuchungszeitraum, vor allem die Geschichte der einzelnen geisteswissenschaftlichen Fächer, ist daher auch als Geschichte der Formierung zweier wissenschaftlicher Sphären oder Felder zu verstehen, die sich vor allem durch eine unterschiedliche Aneignung und Sinngebung der neuen Rahmenbedingungen der Entwicklung der DUP nach dem Umbruch 1918 auszeichnete. Diese gegenseitige Durchdringung der wissenschaftlichen Arbeit, der (partei-)politischen, ideologischen und öffentlichen Haltungen, der sozialen Aktivitäten und wirtschaftlichen Möglichkeiten halte ich für besonders wichtig, da eine Veränderung auf einer dieser Ebenen auch die restlichen Ebenen beeinflusste.

Aus diesen Gründen habe ich folgende drei geisteswissenschaftliche Fächer ausgewählt: die Geschichtswissenschaft, die Germanistik, aus der heraus sich im Laufe der Zeit auch die deutsche Volkskunde verselbstständigte, und die Slawistik. Es handelt sich bei diesen drei Wissenschaften erstens um – zunächst rein quantitativ gesehen – große Fächer mit mehreren Professoren und Dozenten. Zugleich waren sie im Rahmen der böhmischen Länder mit ihren spezifischen sprachlichen und ethnischen Verhältnissen diejenigen Fächer, die auch in (national-)politischer und gesamtgesellschaftlicher Hinsicht von größter Wichtigkeit waren. Ihre Vertreter haben sich sowohl durch ihre wissenschaftlichen Deutungen als auch durch ihr fachliches, gesellschaftliches und politisches Handeln an der Gestaltung ihrer oft unruhigen Gegenwart beteiligt. Und nicht zuletzt wiesen diese drei Fächer eine verhältnismäßig starke institutionelle und personelle Kontinuität in dem hier untersuchten Gesamtzeitraum auf, was die Einbeziehung des Zeitraums 1938/1939–1945 ermöglicht.

←25 | 26→

Auf die Jahre 1938 bis 1945 konzentriert sich der zweite Teil des Buches. Diese auf den ersten Blick logische Erweiterung des zeitlichen Rahmens bringt mehrere Probleme mit sich. Die Umbrüche der Jahre 1938 und 1939, also das Ende der sogenannten ersten Tschechoslowakischen Republik im Oktober 1938 und der Zerfall der Tschecho-Slowakei sowie die deutsche Okkupation des Restes der böhmischen Länder im März 1939, sind wesentliche Zäsuren in der modernen tschechischen Geschichte. Dies gilt in erster Linie für das tschechische historische Gedächtnis – „München“ ist immer noch ein tschechisches Trauma, das Jahr 1938 ist das tschechische annus horribilis des 20. Jahrhunderts.9 Trotz allem bleibt die fachliche Interpretation dieses Zeitraums und seines Platzes in der tschechischen und der tschechoslowakischen Geschichte umstritten. Dies betrifft auch die Deutung der Okkupationspolitik – war diese lediglich eine radikalere Fortsetzung des alten, wohlbekannten deutsch-tschechischen Konflikts, wie es viele tschechische und sudetendeutsche Nationalisten interpretiert haben? Oder muss die Veränderung des Rahmens und des Kontextes, in dem sich die Geschichte der böhmischen Länder seit 1938 abspielte, auch zu einer anderen Sicht auf die Jahre 1939 bis 1945 führen?10 Das tschechische historische Gedächtnis und ein Teil der wissenschaftlichen Produktion verstehen die Zeit der Okkupation vor allem als tschechische Katastrophe und als Höhepunkt des deutsch-tschechischen Konflikts. Diese Sicht erschwert übrigens auch, das Gedenken an und die Erinnerungen von weiteren Opfergruppen, überwiegend von Juden, Roma oder sudetendeutschen Antifaschisten in die tschechische Geschichts- und Erinnerungskultur zu integrieren.

In einem noch höheren Maße betrafen jedoch die Veränderung des Rahmens und des Kontextes konkret die Deutsche Universität in Prag. Die Umbrüche der ←26 | 27→Jahre 1938 und 1939 bedeuteten für sie nicht nur Veränderungen des politischen Systems, sondern vor allem eine wesentliche Veränderung ihrer Stellung: Aus einer tschechoslowakischen Hochschule, die eine nationale Minderheit in einer parlamentarischen Demokratie repräsentierte, wurde eine Hochschule in einem nationalsozialistischen Staat. Es erscheint daher wenig hilfreich, die Deutsche Universität ausschließlich aus der Perspektive des deutsch-tschechischen Spannungsverhältnisses zu behandeln. Nach 1938/39 war sie der reichsdeutschen Universitäts- und Wissenschaftspolitik unterstellt und ist daher vor dem Hintergrund der gesamten deutschen Besatzungs- und Germanisierungspolitik im östlichen Europa zu betrachten. Aus diesen Gründen widme ich mich auch im zweiten Teil des Buches in vier Kapiteln – dem Umbruch von 1938/39, der Eingliederung ins Deutsche Reich, der nationalsozialistischen Germanisierungspolitik und der neuen nationalsozialistischen „Wissenschaft“ – zuerst den Entwicklungen und Rahmenbedingungen, welche die Universität in jener Zeit geprägt haben. Erst danach werden die personelle, institutionelle und thematische Entwicklung von Geschichtswissenschaft, Germanistik (einschließlich der Volkskunde) und Slawistik an der Prager deutschen Universität bis zu ihrem Ende thematisiert.

In der Wissenschaftsgeschichte wird oft angenommen, dass die konservativen Traditionen des deutschen „Mandarinentums“11 die politische Radikalisierung der deutschen Universitäten nach der nationalsozialistischen Machtübernahme begünstigten. Das antidemokratische Potenzial der Hochschulen in der Zeit der Weimarer Republik wurde darüber hinaus durch das Chaos der Nachkriegszeit, die Mentalität der neuen „verlorenen“ Generation und einen Kulturpessimismus, also allgemein durch die Phänomene, die man als eine „Kultur der Niederlage“12 bezeichnen kann, verstärkt. Unter diesem Gesichtspunkt stellt die Deutsche Universität in Prag, die in den Jahren 1918 bis 1938 eine tschechoslowakische Universität war, einen besonders interessanten Fall dar. Die an ihr tätigen Personen wirkten in einem staatlichen Rahmen, der im Unterschied zu Deutschland nicht von einer „Kultur der Niederlage“ geprägt war. Nichtsdestotrotz spielten nationalistische und völkische Orientierungen eine beachtliche Rolle und im Rahmen der Zerschlagung der ersten Tschechoslowakischen Republik 1938 kam es auch ←27 | 28→an der DUP zu einer weitgehend in Eigenregie realisierten Gleichschaltung im Sinne der NS-Ideologie.

Waren also die deutschen Hochschulen in der Tschechoslowakei eine Art Insel des Autoritarismus? Die Antwort darauf ist nicht so einfach. Einerseits stand ein nicht unbedeutender Teil des Lehrkörpers der Deutschen Universität nationalistischen bzw. völkischen Gedanken kritisch gegenüber, andererseits äußerten sich in den 1930er-Jahren an tschechischen Hochschulen ebenfalls autoritative Tendenzen, die nach dem Münchener Abkommen in vollem Maße zum Tragen kamen.13 Die DUP und die dort betriebenen Geisteswissenschaften sind daher nicht als ein klar profilierter, politisch und fachlich monolithischer Block zu sehen, sondern ihre Entwicklung muss als Prozess mit offenem Ausgang verstanden werden. Es ist daher nach den Umständen und Bedingungen zu fragen, die diesen Prozess beeinflussten. Der erste Teil des Buches untersucht daher, wie diese Konstellationen im Rahmen der ausgewählten Fächer verstanden, gedeutet und mitgestaltet wurden.

Die Berücksichtigung des Zeitraums 1938/1939–1945 ist deshalb nicht nur eine Erweiterung der zeitlichen Perspektive, bestimmt von dem Bemühen, ein möglichst vollständiges Bild des Untersuchungsgegenstands zu zeichnen. Grundlegend ist die Veränderung des Kontextes, in dem sich die untersuchten ←28 | 29→Geisteswissenschaften entwickelten. In diesem Zusammenhang stellt sich auch die Frage, was am Nationalsozialismus in diesem Fall spezifisch war und ob er Tendenzen und Vorstellungen radikalisierte, die es in der Zwischenkriegszeit bereits gab. Letztlich geht es mir also in dem zweiten Teil des Buches um die Frage des Umbruchs, um Kontinuitäten oder Diskontinuitäten eines Teils der deutschen bzw. „sudetendeutschen Wissenschaft“ zwischen der demokratischen Republik und der Diktatur des NS-Regimes.

←29 | 30→

1 Vgl. zu Prag: Marek, Michaela: Universität als ‚Monument‘ und Politikum. Die Repräsentationsbauten der Prager Universitäten 1900–1935 und der politische Konflikt zwischen ‚konservativer‘ und ‚moderner‘ Architektur. München 2001.

2 Křen, Jan: Die Konfliktgemeinschaft. Tschechen und Deutsche 1780–1918. München 2000.

3 Vgl. Neumüller, Michael/Seibt, Ferdinand (Hg.): Die Teilung der Prager Universität 1882 und die intellektuelle Desintegration in den böhmischen Ländern. München 1985.

4 Der Begriff „Sudetendeutsche“ im Sinne eines Sammelbegriffs für die deutschsprachige Bevölkerung der böhmischen Länder setzte sich erst in den 1920er- und 1930er-Jahren durch. Zu seinen Propagateuren gehörten vor allem deutschnationale und völkische Politiker und Publizisten (Franz Jesser, Emil Lehmann u. a.), die sich auf diese Weise um eine Überwindung der traditionellen regionalen Identitäten (Deutschböhme, Deutschmährer, Deutschschlesier) bemühten. Vor allem infolge der Gründung der Sammlungsbewegung „Sudetendeutsche Heimatfront“ (später „Sudetendeutsche Partei“) und ihres Erfolgs in den tschechoslowakischen Parlamentswahlen des Jahres 1935 verbreitet sich der Begriff „Sudetendeutsche“ weiter. Nach der Vertreibung der deutschen Bevölkerung aus der Tschechoslowakei in den Jahren 1945 bis 1947 setzte er sich für alle (ehemaligen) deutschsprachigen Bewohner der böhmischen Länder durch. In diesem Buch werden die Begriffe „Sudetendeutsche“ und „sudetendeutsch“ insbesondere dann verwendet, wenn auf Bemühungen um die Bildung einer spezifischen „sudetendeutschen“ Identität in einem „völkischen“ Sinne verwiesen wird. Sonst ist im Text neutraler von der „deutschsprachigen Bevölkerung der böhmischen Länder“ die Rede.

5 Vgl. vor allem: Latour, Bruno: Science in Action. How to Follow Scientists and Engineers Through Society. Cambridge, Massachusetts 1987.

6 Ash, Mitchell: Wissenschaft und Politik als Ressourcen für einander. In: Bruch, Rüdiger vom/Kaderas, Brigitte (Hg.): Wissenschaften und Wissenschaftspolitik. Bestandsaufnahmen zu Formationen, Brüchen und Kontinuitäten im Deutschland des 20. Jahrhunderts. Stuttgart 2002, 32–51. Vgl. auch: Ash, Mitchell: Wissenschaftswandlungen und politische Umbrüche im 20. Jahrhundert – was hatten sie miteinander zu tun? In: Bruch, Rüdiger vom/Pawliczek, Alexandra (Hg.): Kontinuitäten und Diskontinuitäten in der Wissenschaftsgeschichte des 20. Jahrhunderts. Stuttgart 2006, 19–37; Ash, Mitchell: Wissenschaft und Politik. Eine Beziehungsgeschichte im 20. Jahrhundert. In: Archiv für Sozialgeschichte 50 (2010) 11–46.

7 Vgl. Grüttner, Michael et al.: Wissenschaftskulturen zwischen Diktatur und Demokratie. Vorüberlegungen zu einer kritischen Universitätsgeschichte des 20. Jahrhunderts. In: Grüttner, Michael et al. (Hg.): Gebrochene Wissenschaftskulturen. Universität und Politik im 20. Jahrhundert. Göttingen 2010, 10–19.

8 Ehlers, Klaas-Hinrich: Prager Deutsche im Prager Zirkel. Ein Überblick. In: Nekula, Marek (Hg.): Prager Strukturalismus. Methodologische Grundlagen. Heidelberg 2003, 49–77, hier 62. Der Prager Linguistische Kreis (PLK) war dabei nicht nur ein Debattierzirkel ähnlich gesinnter Wissenschaftler, er engagierte sich auch in öffentlichen Diskussionen. Er wurde für deutsche Emigranten und für Prager liberale Professoren ein gefragter außeruniversitärer Ort für freie Begegnungen und wissenschaftliche Diskussionen, seine Mitglieder traten scharf gegen die immer stärker werdenden nationalistischen und nazistischen Tendenzen auf. Zum PLK vgl. Toman, Jindřich: The Magic of a Common Language: Jakobson, Mathesius, Trubetzkoy, and the Prague Linguistic Circle. Cambridge, Massachusetts 1995; Čermák, Petr/Poeta, Claudio/Čermák, Jan: Pražský lingvistický kroužek v dokumentech [Der Prager Linguistische Kreis in Dokumenten]. Praha 2012.

9 Vgl. Tesař, Jan: Mnichovský komplex. Jeho příčiny a důsledky [Der Münchner Komplex. Seine Ursachen und Folgen]. Praha 2000.

10 Eine kritische Zusammenfassung vor allem der tschechischen Forschung zu den Jahren 1939–1945 bieten Kučera, Jaroslav/Zimmermann, Volker: Zum tschechischen Forschungsstand über die nationalsozialistische Besatzungsherrschaft in Böhmen und Mähren. Überlegungen anlässlich des Erscheinens eines Standardwerkes. In: Bohemia 49/1 (2009) 164–183; Kolář, Pavel/Kopeček, Michal: A Difficult Quest for New Paradigms. Czech Historiography after 1989. In: Antohi, Sorin/Trencsényi, Balázs/Apor, Péter (Hg.): Narratives unbound. Historical studies in post-communist Eastern Europe. Budapest 2007, 173–248, hier 208–210; Frankl, Michal: The Sheep of Lidice: The Holocaust and the Construction of Czech National History. In: Himka, John-Paul/Michlic, Joanna Beata (Hg.): Bringing the dark past to light. The reception of the Holocaust in postcommunist Europe. London 2013, 166–194.

11 Ringer, Fritz K.: Die Gelehrten. Der Niedergang der deutschen Mandarine 1890–1933. Stuttgart 1983.

12 Schievelbusch, Wolfgang: The Culture of Defeat. On National Trauma, Mourning, and Recovery. New York 2004.

13 Zum Beispiel stießen damals rechtsgerichtete Studenten an der Philosophischen Fakultät der tschechischen Karls-Universität Masaryks Büste als Symbol der verhassten demokratischen ersten Republik vom Sockel. Vgl. Rataj, Jan: O autoritativní národní stát. Ideologické proměny české politiky v druhé republice 1938–1939 [Über den autoritativen Nationalstaat. Ideologische Veränderungen der tschechischen Politik in der Zweiten Republik 1938–1939]. Praha 1997, 60. An der tschechischen Universität zeigte sich nach Oktober 1938 auch der bisher oft eher verdeckte Antisemitismus offen. Vor allem an der Medizinischen Fakultät wurde er zu einem Instrument des Aufstiegs auf der Karriereleiter (vgl. Šimůnek, Michal: „Mládí vpřed“ a lékařská fakulta Univerzity Karlovy v Praze 1938–1939 [„Jugend voran“ und die Medizinische Fakultät der Karls-Universität in Prag 1938–1939]. In: Acta Universitatis Carolinae. Historia Universitatis Carolinae Pragensis 42/1–2 (2002) 105–122). Zur Zweiten Republik insgesamt vgl. Gebhart, Jan/Kuklík, Jan: Druhá republika 1938–1939. Svár demokracie a totality v politickém, společenském a kulturním životě [Die Zweite Republik 1938–1939. Der Streit zwischen Demokratie und totalitärem Staat im politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Leben]. Praha 2004. Das überraschend schnelle Ende der Demokratie in der Tschechoslowakei nach dem Münchener Abkommen und den problemlosen Übergang zu autoritativen Regierungsformen in der Episode der sogenannten Zweiten Republik (Oktober 1938 – März 1939) diskutiert Bugge, Peter: Czech Democracy 1918–1938. Paragon or Parody? In: Bohemia 47/1 (2006/2007) 3–28.

Zusammenfassung

Die Studie behandelt die geisteswissenschaftlichen Fächer Geschichtswissenschaft, Germanistik –– inklusive Volkskunde – sowie Slawistik an der Deutschen Universität Prag. Von der Gründung der Tschechoslowakei bis zum Ende der NS-Besatzungsherrschaft über Böhmen und Mähren werden universitäts- und forschungsgeschichtliche Entwicklungslinien – über die Umbruchsjahre 1918, 1933, 1938/39, 1945 hinweg – gleichermaßen deutlich. Mit ihrer vergleichenden Perspektive von drei großen Universitätsfächern leistet diese Analyse einen wesentlichen Beitrag zur mitteleuropäischen Wissenschafts- und Universitätsgeschichte. Zudem beleuchtet sie detailliert die Entwicklung des deutschen völkischen Gedankenguts und der Volkstumswissenschaften in den böhmischen Ländern.

Details

Seiten
440
ISBN (PDF)
9783631808252
ISBN (ePUB)
9783631808269
ISBN (MOBI)
9783631808276
ISBN (Buch)
9783631780367
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (Mai)
Schlagworte
Deutsche Universität in Prag Geschichtswissenschaft Volkskunde Nationalsozialismus 1918-1945
Erschienen
Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2020. 440 S., 12 s/w Abb., 1 Tab.

Biographische Angaben

Ota Konrád (Autor:in)

Ota Konrád lehrt am Institut für internationale Studien der Fakultät für Sozialwissenschaften der Karls-Universität Prag. Von 2012 bis 2019 leitete er dort den Lehrstuhl für deutsche und österreichische Studien. Seine Forschungsschwerpunkte sind die vergleichende Geschichte Zentraleuropas im 20. Jahrhundert, vor allem die Kulturgeschichte der Gewalt, die Geschichte der internationalen Beziehungen, die Geschichte der Geisteswissenschaften und die Geschichte des Ersten Weltkriegs.

Zurück

Titel: Geisteswissenschaften im Umbruch