Lade Inhalt...

Geschichte des Neukantianismus

von Andrzej J. Noras (Autor:in)
Monographie 680 Seiten

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Vorwort des Übersetzers
  • Inhaltsverzeichnis
  • Einleitung
  • Erster Teil. Die Genese
  • 1. Charakteristik des Neukantianismus
  • 1.1 Einführung
  • 1.2 Was ist der Neukantianismus?
  • 1.3 Die Gliederungen im Rahmen des Neukantianismus
  • 1.4 Die Zeit des Neukantianismus
  • 2. Hegels Gegner
  • 2.1 Artur Schopenhauer
  • 2.2 Jakob Friedrich Fries
  • 2.3 Johann Friedrich Herbart
  • 2.4 Friedrich Eduard Beneke
  • 2.5 Bernard Bolzano
  • 3. Die Situation der deutschen Philosophie in der Mitte des 19. Jahrhunderts
  • 3.1 Friedrich Adolf Trendelenburg
  • 3.2 Der spekulative Theismus
  • 3.3 Rudolph Hermann Lotze
  • 3.4 Johann Eduard Erdmann
  • 4. Der Streit um das Verständnis der Philosophie
  • 4.1 Der Streit um den Materialismus
  • 4.2 Die Debatte zwischen Trendelenburg und Fischer
  • 4.2.1 Diskussionsverlauf
  • 4.2.1.1 Trendelenburgs Über eine Lücke
  • 4.2.1.2 Fischers Immanuel Kant
  • 4.2.1.3 Trendelenburgs Kuno Fischer und sein Kant
  • 4.2.1.4 Fischers Anti-Trendelenburg
  • 4.3 Jürgen Bona Meyer versus Ernst Freiherr von Feuchtersleben
  • 5. Vor der Entstehung des Neukantianismus
  • 5.1 Beneke als Vorläufer des Neukantianismus
  • 5.2 Rudolf Haym und der Neukantianismus
  • 6. Die Entstehung des Neukantianismus
  • 6.1 Das Jahr 1855 (?)
  • 6.2 Das Jahr 1860 (?)
  • 6.3 Das Jahr 1862 (?)
  • 6.4 Das Jahr 1865 (?)
  • 6.5 Das Jahr 1866 (?)
  • 7. Zusammenfassung des ersten Teils
  • Zweiter Teil. Entwicklung
  • 8. Die geschichtliche Perspektive
  • 9. Der frühe Neukantianismus
  • 9.1 Die physiologische Richtung
  • 9.1.1 Hermann von Helmholtz
  • 9.1.2 Friedrich Albert Lange
  • 9.1.3 Hans Vaihinger
  • 9.2 Die metaphysische Richtung
  • 9.2.1 Otto Liebmann
  • 9.2.2 Johannes Volkelt
  • 9.2.3 Friedrich Paulsen
  • 9.2.4 Die weiteren Vertreter der metaphysischen Richtung
  • 9.2.4.1 Erich Adickes
  • 9.2.4.2 Traugott Konstantin Österreich
  • 9.2.4.3 Max Wundt
  • 9.3 Der relativistische Kritizismus
  • 9.3.1 Georg Simmel
  • 9.3.2 Gustav Radbruch
  • 9.4 Die psychologische Richtung
  • 9.4.1 Jakob Friedrich Fries
  • 9.4.2 Jürgen Bona Meyer
  • 9.4.3 Leonard Nelson
  • 9.4.4 Hans Cornelius
  • 10. Der Neukantianismus
  • 11. Die realistische Richtung
  • 11.1 Alois Riehl
  • 11.2 Oswald Külpe
  • 11.3 Richard Hönigswald
  • 12. Die Badische Schule
  • 12.1 Wilhelm Windelband
  • 12.2 Heinrich Rickert
  • 12.3 Emil Lask
  • 12.4 Bruno Bauch
  • 12.5 Die weiteren Vertreter der Schule
  • 12.5.1 Jonas Cohn
  • 12.5.2 Hugo Münsterberg
  • 12.5.3 Richard Kroner
  • 13. Die Marburger Schule
  • 13.1 Hermann Cohen
  • 13.2 Paul Natorp
  • 13.3 Ernst Cassirer
  • 13.4 Nicolai Hartmann
  • 13.5 Weitere Vertreter der Schule
  • 14. Zusammenfassung
  • Appendix: Chronologie der Ereignisse im Jahr 1862
  • Literaturverzeichnis
  • Personenverzeichnis
  • Reihenübersicht

Einleitung

Der bedeutende spanische Philosoph José Ortega y Gasset, der seinerzeit mit der Marburger Schule verbunden wurde, hat festgestellt: „Im Zeitraum zwischen 1840 und 1900 hat […] die Menschheit eine geistige Wegstrecke zurückgelegt, die von allen Epochen der Philosophie am wenigsten günstig war. Es war ein antiphilosophisches Zeitalter.“1

Wenn wir davon ausgehen, dass der Beginn des 19. Jahrhunderts im Zusammenhang mit der Dominanz der hegelschen Philosophie stand, die auch noch etwa zehn Jahre nach seinem Tod aktuell war2, so zeigt sich, dass das 19. Jahrhundert nicht so sehr eine antiphilosophische Zeit, sondern vielmehr eine Zeit der Spekulationen und der Opposition gegen diese Spekulationen war, die mit dem philosophischen System von Hegel gleichgesetzt werden kann. Diese Überzeugung ist, wie jede Verallgemeinerung, eine vereinfachte Vision der Philosophie des 19. Jahrhunderts. Das Problem besteht darin, dass die meisten Schwierigkeiten in der Geschichte der Philosophie in Vereinfachungen, Missverständnissen und auch Verzerrungen bestehen. Ich sage nicht, dass diese Fehler beabsichtigt sind wie die Tat Herostrats. Dennoch führen sie zu dem Ergebnis, dass sie das Bild der Gesamtheit einer Philosophie oder ihre Fragmente zu stark vereinfachen. Mit einer solchen Situation haben wir es auch beim Neukantianismus zu tun, der eine komplexe philosophische Bewegung ist, sodass diese Komplexität als das Wesen dieser Bewegung betrachtet werden muss. Den Standpunkt von Ortega y Gasset bestätigte der polnische Vertreter der neukantischen Marburger Schule, Władysław Tatarkiewicz, der zu Beginn des dritten Bandes seiner Geschichte der Philosophie schreibt: „Es muss gesagt werden, dass die Periode von 1830 bis 1860 keine Blütezeit der Philosophie war. Im Gegenteil hat ihr Interesse nach der Enttäuschung durch die metaphysischen Systeme am Anfang des Jahrhunderts nachgelassen, sodass die Wissenschaftler insgesamt ihre Köpfe in eine andere Richtung gedreht haben. Trotzdem hat sie gerade dann eine Menge Talente hervorgebracht und viele grundlegende Gedanken initiiert.“3 Ähnlich sahen dieses Problem viele Forscher der Philosophie des 19. Jahrhunderts, unter ihnen Alois Riehl (1844–1924), der die Tatsache des Mangels an Respekt für die Philosophie aufgrund des wissenschaftlichen Charakters der Erwägungen in seinem Werk Zur Einführung in die ←11 | 12→Philosophie der Gegenwart betont: „Nach der allgemein herrschenden Überzeugung der Wissenschaft jener Zeit hat sich die Philosophie überlebt.“4

Kurt Leese (1887–1965), geboren in Gollnow, schreibt zu Beginn seines an seinen langjährigen Freund Paul Tillich gewidmeten Buches über den spekulativen Theismus: „In den neueren Verhandlungen über Wesen und Bedeutung der idealistischen Geistesbewegung pflegt man die Gedankenwelt Fichtes, Schellings und Hegels in den beherrschenden Mittelpunkt zu stellen. Es kommen hinzu Kant als kritischer Wegbereiter, die realistische Klassik Herders und Goethes, die Ästhetik Schillers, der Theologe Schleiermacher und allenfalls noch Hölderlin, der den geschwisterlichen und in der Romantik so gepflegten Bund von Kunst und Religion gestiftet hat. Das Ende der Bewegung bezeichnen die Todesjahre Hegels, Goethes und Schleiermachers, sagen wir rund das Jahr 1830. Aber was kommt dann? Dann kommt das dunkle Gebiet, in das sich niemand mit allzu großer Erwartung und Freude hineinbegibt.“5 Dieses „dunkle Gebiet“ umfasste die Zeit zwischen dem Tod dieser Denker bis zu den Anfängen des Neukantianismus. Die Kenntnisse über die Philosophie des 19. Jahrhunderts sind tatsächlich nicht die besten bei den Forschern. Die Ursachen dafür liegen einerseits in der Sichtweise aus der Perspektive der hegelschen Philosophie und andererseits in dem hilflosen Versuch der Befreiung von Hegel. Deshalb sollte man die Auffassung Kurt Leeses nicht zu übertrieben stark beachten. Jedoch äußerte sich auch Herbert Schnädelbach zu einem späteren Zeitpunkt nicht sehr optimistisch. Schnädelbachs Aussage bestätigt, dass im 20. Jahrhundert das philosophische Studium über das 19. Jahrhundert nicht begünstigt wurde. Schnädelbach schreibt: „Wer versucht, sich die Geschichte der deutschsprachigen Philosophie zwischen dem deutschen Idealismus und den Anfängen unserer philosophischen Gegenwart zu vergegenwärtigen, betritt weithin unbekannten Boden. In der akademischen Lehre gilt diese Zeit als Epoche des Niederganges, ja des Verfalls der »großen Philosophie«, wobei ihr Wiederaufstieg dann meist in die 20er-Jahre unseres Jahrhunderts verlegt wird.“6

Schnädelbachs Aussage ist wichtig, weil sie im Grunde zeigt, dass die Spanne des interessierenden Zeitraums fast 90 Jahre umfasst, das heißt, die Zeit von Hegels Tod bis zum Ende des Ersten Weltkriegs. Die Wahrheit über die Philosophie dieser Zeit ist leider unerfreulich, denn diese Zeit berührt eine große Ignoranz, welche nicht nur für das 19. Jahrhundert gilt, sondern auch für den Beginn des 20. Jahrhunderts. Die mangelnden Kenntnisse über den Neukantianismus führten somit zu einem Mangel an Wissen über die Philosophie zu Beginn des 20. Jahrhunderts. ←12 | 13→Zusammenfassend kann man sagen, dass der Neukantianismus der Schlüssel zum Verständnis der Philosophie der ersten 30 Jahre des 20. Jahrhunderts ist. Wer den Neukantianismus nicht kennt, der kann die späteren geistigen Anstrengungen von Husserl oder die Originalität der philosophischen Ansätze von Denkern wie Martin Heidegger, Nicolai Hartmann und Heinz Heimsoeth nicht verstehen. Wer den Neukantianismus nicht kennt, der ist nicht in der Lage, die Philosophien von Karl Jaspers sowie Ernst Cassirer in ihrer ganzen Fülle zu erkennen. Kurz gesagt, wer den Neukantianismus nicht kennt, der kann die Philosophie des frühen 20. Jahrhunderts nicht verstehen.

Die übliche Annahme, dass die Philosophie des 20. Jahrhunderts im Jahr 1900 beginnt, in der Edmund Husserl den ersten Band Logische Untersuchungen veröffentlicht hat, ist nicht ganz korrekt, weil dies aus der Perspektive der Gegenwart angenommen wurde. Als Husserl seine Arbeit mit großer Unterstützung von Wilhelm Dilthey veröffentlichte, war er noch ein unbekannter Privatdozent an der Universität Halle. Trotz seiner Übersiedlung nach Göttingen (1901) und später nach Freiburg im Breisgau (1916), wodurch er öffentlich bekannter wurde, musste er sein gesamtes Leben mit der Dominanz des Neukantianismus kämpfen. Bereits Husserls Fall zeigt deutlich, dass die Philosophie des frühen 20. Jahrhunderts genauso unbekannt war wie die Philosophie der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Diesem Buch liegt das Bedürfnis zugrunde, dem Leser die Philosophie des Neukantianismus zu erklären. Um diese Herausforderung zu meistern, muss man zunächst die Ursprünge des Neukantianismus aufzeigen, dies ist die Aufgabe des ersten Teils. Die Genesis ist für das Verständnis späterer Fragen wichtig. Doch schon der erste Teil zeigt viele Schwierigkeiten im Verständnis der neukantianischen Philosophie auf, die ihre Ursachen in der Zweideutigkeit des Begriffs „Neukantianismus“ und in der Bestimmung des zeitlichen Beginns des Neukantianismus haben. Der Leser könnte den Eindruck gewinnen, dass der Autor nicht weiß, über welche Zeit er spricht, dass er das Datum des Beginns des Neukantianismus und auch seine Definition nicht bestimmen kann. Das Paradoxe liegt jedoch darin, dass wir es in Europa mit einer Philosophie zu tun haben, die über 60 Jahre dominierte und trotzdem unbekannt blieb. All die chronologischen und terminologischen Probleme haben ihren Ursprung in der Komplexität des Neukantianismus. Man darf jedoch nicht vergessen, dass der Neukantianismus als Philosophie der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts so komplex ist, weil sich während seiner Entstehungszeit die Philosophie und die Wissenschaft in einer komplizierten Situation befanden. Der Neukantianismus ist einerseits das Ergebnis und andererseits eine Herausforderung für die Forscher, denn ohne dieses Wissen kann man die Philosophie der ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts nicht verstehen.

Um dem Leser eine so komplizierte Philosophie wie den Neukantianismus näherzubringen, muss man mehr als ein Buch schreiben. Aus diesem Grund entstand die Idee, ein Buch mit mehreren Teilen zu schreiben, von denen sich der erste Teil auf die Ursprünge des Neukantianismus bezieht und der zweite seine Entwicklung präsentiert. Das Buch sollte auch einen dritten Teil beinhalten, der ←13 | 14→die Situation der Philosophie zum Ende des Neukantianismus präsentiert, dieser letzte Teil wurde jedoch verschoben. Diese Gliederung ergibt sich aus der Überzeugung, dass keine Philosophie in einem Vakuum entsteht. So wurde auch der Neukantianismus nicht plötzlich geboren, sondern ist das Ergebnis des Entwicklungsprozesses der Philosophie des 19. Jahrhunderts. Maria Szyszkowska hat festgestellt: „Die Philosophie jeden Tag ist das Ergebnis der Lebensfragen ihrer Zeit […] und der Philosophie des Vortages. Jede neue Idee verbindet sich mit der vorherigen und entspringt aus ihr.“7 Nur das Bewusstsein der Entwicklung des Denkens ermöglicht uns das Verständnis der philosophischen Richtung.8 In einem ähnlichen Geist schreibt Willy Moog (1888–1935), Professor der Universität Greifswald, in seinem Buch über die Philosophie des 20. Jahrhunderts. Er besteht in seiner Analyse der Methode der philosophiegeschichtlichen Untersuchungen darauf, dass er die philosophischen Richtungen präsentieren will, die lebensfähig sind, und betont gleichzeitig: „Um sie zu verstehen, ist allerdings vielfach auch ein Zurückgreifen auf die frühere Zeit erforderlich.“9 Man darf jedoch nicht in das andere Extrem verfallen und sagen, dass es den Neukantianismus immer gegeben habe, weil die Philosophen sich immer auf Kant bezogen haben. Maria Szyszkowska schreibt: „Wenn wir die Autoren lesen, die eine Rückkehr zu Kant in den Jahren 1860–1870 in Deutschland diskutieren, kann man oft den Eindruck haben, dass es eine plötzliche Wiederentdeckung von Kant gibt. Diese Position nimmt eine historische Diskontinuität, und wenn man um jeden Preis eine rohe und vereinfachte Formel wählen müsste, wäre es besser zu sagen, dass es keine Rückkehr zu Kant in diesem Sinne war. Seit dem Moment der Bekanntheit Kants in ganz Deutschland hatte er immer kritische Anhänger und er hat solche immer noch.“10 Daraus ergibt sich, dass es schwierig ist, den Beginn des Neukantianismus aufzuzeigen, weil man sich ständig auf Kant bezieht.

Es scheint daher ratsam, dass der Forscher in dieser Situation eine gemäßigte Haltung einnehmen muss, die auf der Annahme basiert, dass der Wendepunkt in der Geschichte der Philosophie des 19. Jahrhunderts der Tod von Hegel ist, dass die hegelsche Philosophie jedoch noch für einige Zeit nach seinem Tod dominierte und sich in der Folge der Entwicklung der Philosophie der Neukantianismus herausbildete. Eine moderate Einstellung zwischen der Behauptung, dass der Kantianismus kontinuierlich andauerte, und der Behauptung, dass der Neukantianismus plötzlich „geboren“ wurde, hat ihre Berechtigung. Im Jahr 1852 veröffentlichte Carl ←14 | 15→Fortlage (1806–1881) eine der wichtigsten Geschichten der nachkantischen Philosophie, die im Titel den Begriff der „genetischen Geschichte der Philosophie“ enthält. Das Buch beginnt mit folgendem Satz, der diese Zwischenstellung darstellt: „Die gegenwärtige Zeit ist ein Zeitalter des Uebergangs und der Halbheit, sowohl in politischer und religiöser, als auch in wissenschaftlicher Beziehung.“11 Aus diesem Übergang und aus dieser Unvollständigkeit wurde der Neukantianismus geboren, der als ein neues Phänomen in Bezug auf die vorherige Philosophie betrachtet werden muss. Gleichzeitig mit diesem Übergang und mit der von Fortlage betonten Unvollständigkeit verbindet sich das Ganze der Komplexität der neukantianischen Philosophie. Daher hat dieses Studium ein sehr einfaches Ziel: zu zeigen, wie es zur Entstehung des Neukantianismus kam, und dann der Versuch, sein Bild darzustellen. Die Aufgabe ist sicherlich ehrgeizig, aber es scheint, dass man weiter greifen muss, um überhaupt etwas zu erreichen.

Dieses Buch, das nach Ansicht des Verfassers einen Vortrag über die Geschichte der Philosophie enthält, unterliegt den Einschränkungen, welche jeder Autor beim Versuch der Darstellung der Geschichte der Philosophie berücksichtigen muss. Was bedeutet denn die „Geschichte der Philosophie“? Die Antwort ist und kann nicht eindeutig sein. Das Verfassen der Geschichte der Philosophie ist wie der Versuch der Beleuchtung der Arena der vergangenen Ereignisse durch einen einzigen Spot-Reflektor. Seine Fokussierung auf einen Punkt ist die Folge der Einstellung des Autors in der Forschung (nach Nicolai Hartmann – Standpünktlichkeit), deren Einfluss man natürlich minimalisieren sollte, der aber nicht vollständig vermieden werden kann. Die Arena wird dann sichtbar, wenn man in der Analogie zur Sport-Arena die entsprechende Anzahl an Scheinwerfern einschaltet. Dies könnte niemand auf einmal tun und so ist auch jede Geschichte der Philosophie unvollkommen. Es fehlt aber nicht an Autoren, die ihre Geschichte der Philosophie für ein perfektes Werk halten. Diese vertreten aber ein anderes Vertrauen in ihre Fähigkeiten und auch manch andere Qualitätsansprüche als der Verfasser dieses Buches. Wenn der Leser zu der Meinung gelangt, dass diese Arbeit für ihn als eine Einführung in die Ungeheuerlichkeit der Probleme, die durch die Neukantianer erörtert wurden, hilfreich ist, so glaubt der Verfasser, dass er seine Aufgabe erfüllt hat.

Ein Buch, das sich so ehrgeizige Ziele setzt, unterliegt gezwungenermaßen einigen Beschränkungen sowohl bei der Aufnahme der Problematik als auch mit dem Verständnis. Erstens ist dieses Buch nicht als Veröffentlichung für ein breiteres Publikum konzipiert, was immer mit dem Dilemma dieser Art der Bearbeitung verbunden ist: Eine Studie ist entweder eine wissenschaftliche Abhandlung oder eine popularisierende Bearbeitung. Der Glaube, dass die Popularisierung immer durch Einfachheit zustande kommen muss, veranlasste den Verfasser zu einem ersten Entschluss. In diesem Sinne wurde das Buch für den Leser mit Interesse an der Philosophie des 19. und 20. Jahrhunderts entworfen, der zugleich bereits ←15 | 16→über ein grundlegendes Wissen in diesem Bereich verfügt. Zweitens umfasst diese Arbeit nicht die gesamte Sekundärliteratur, sondern bezieht sich nur auf einige ausgewählte Studien. Nicht immer war eine andere Meinung des Verfassers der Grund dafür, sich auf manche Studien nicht zu beziehen. Manchmal ist der Grund eher gewöhnlich. Es reicht aber aus, diese Abhandlung mit der neuesten polnischen Bearbeitung des Neukantianismus zu vergleichen, um festzustellen, dass sie aus einer anderen Perspektive als die in dieser Studie geschrieben wurde.12 Man muss hier die Tatsache betonen, dass der Neukantianismus als das Ergebnis eines Prozesses, der mit der Bewertung von Kants Kritik der reinen Vernunft begann, und nicht als eine Philosophie des frühen 20. Jahrhunderts behandelt wurde. Die dritte große Einschränkung ist, dass das Buch keine Reihe weiterer Studien auf dem Gebiet der Weltliteratur enthält, obwohl es nicht immer daran liegt, dass diese Studien nicht bekannt sind. Die Komplexität der nachkantischen Philosophie (im weitesten Sinne des Wortes) führt zu einer Verringerung der klassischen Studien und ist nicht diejenige, die heute als die Letzte betrachtet werden kann. Dies ist sicherlich ein wichtiger Faktor, der die Ausführlichkeit der Arbeit begrenzt. Die Berücksichtigung aller Studien hätte zu einem zu enormen Umfang des Buches geführt. Es wird jedoch auf die wichtigsten aktuellen Bearbeitungen des deutschen Idealismus wie ein Werk von Frederick C. Beiser (geb. 1949)13 und ein Werk von Paul W. Franks (geb. 1964)14 hingewiesen.

Viertens besteht ein sehr ernsthafter Mangel des Buches, den man bereits am Anfang erwähnen muss, in der nicht ausreichenden Berücksichtigung aller sogenannten soziologischen Aspekte des Neukantianismus. Auf der einen Seite ist dies der Versuch einer problemsystematischen Analyse und auf der anderen Seite hat Jan Woleński, der der erste Leser des Manuskripts dieses Buches war, zu Recht seine Aufmerksamkeit auf diesen soziologischen Aspekt gerichtet. Der wichtigste Punkt, der sich hier in den Vordergrund schiebt, ist die Bildungsreform von Wilhelm von Humboldt (1767–1835), die mit der Gründung der Universität Berlin (heute Humboldt-Universität) am 16. August 1809 verbunden ist. Die Frage nach der Ausbildung in Deutschland hat Friedrich Paulsen in umfangreichen Studien untersucht, die zum ersten Mal im Jahr 1885, zum zweiten Mal in zwei Bänden von 1896 bis 1897 und zum dritten Mal zwischen 1919 und 1921 unter der Redaktion von Rudolf Lehmann erschienen sind.15 Im Jahr 1902 hat er das Buch Die deutschen ←16 | 17→Universitäten und das Universitätsstudium veröffentlicht.16 Herbert Schnädelbach gibt eine kurze Einführung zur Universitätslehre in Deutschland.17 Deutsche Universitäten sollten nach Ansicht von Humboldt mit der Idee der akademischen Freiheit und der Einheit von Forschung und Lehre geführt werden. Der Impuls für die Entwicklung des Neukantianismus war auch die jüdische Aufklärung (Haskala), die zum Verlassen der jüdischen Ghettos und zur Betonung der Bedeutung der Ausbildung geführt hat. Diese These wird im ethischen Sozialismus geäußert, der auch ein sehr wichtiges Element des Neukantianismus ist, obwohl er nicht zum Gegenstand des Studiums gehört. Aus dieser Perspektive kann man sehr deutlich sehen, dass man die neukantianische Ethik beschreiben sollte. Diese These wird auch durch die Tatsache bestätigt, dass viele neukantische Denker jüdischer Herkunft waren. Hier haben wir im Vordergrund den Begründer des Marburger Neukantianismus Hermann Cohen, dessen Tätigkeit für die jüdische Gemeinde in Berlin nach seiner Pensionierung natürlich eine Reaktion auf den wachsenden Antisemitismus war.

Es scheint, dass dieses Buch trotz der hier genannten Mängel Aufmerksamkeit verdient. Die Liste der Personen, denen ich danken möchte, ist sehr lang, aber besonders wichtig sind vier Personen, die ich namentlich erwähnen möchte: zunächst Professor Jan Woleński, der von Anfang an das Projekt geistig unterstützt und als erster Leser zu einer wesentlichen Verbesserung des Buches beigetragen hat. Professor Woleński machte mir klar, wie viele Fragen noch berücksichtigt werden sollten; dann der habilitierte Doktor Tomasz Kubalica, der tapfer jeden Schritt begleitet hat und mich bei organisatorischen Fragen unterstützt hat. Auch bei Professor Christian Krijnen von der Vrije Universität Amsterdam möchte ich mich bedanken, der mit mir über die Struktur und Gliederung des Buches diskutiert hat. Schließlich danke ich Professor Mirosław Żelazny, der zuerst die endgültige Fassung des Buches gelesen hat und mir seine aufmerksamen Gedanken mitgeteilt hat.

Alle Mängel sind aber ausschließlich gewünschte Wirkungen des Autors.

←17 | 18→←18 | 19→

1 J. Ortega y Gasset: Was ist die Philosophie? Übers. v. K.A. Horst. In: J. Ortega y Gasset: Gesammelte Werke. Bd. V. Stuttgart 1978, S. 326–327.

2 Siehe M. Pascher: Einführung in den Neukantianismus. Kontext – Grundpositionen – praktische Philosophie. München 1997, S. 29.

3 W. Tatarkiewicz: Historia filozofii. Bd. 3: Filozofia XIX wieku i współczesna. Aufl. 19. Warszawa 2005, S. 18.

4 A. Riehl: Zur Einführung in die Philosophie der Gegenwart. Acht Vorträge. Leipzig 1903, S. 1.

5 K. Leese: Philosophie und Theologie im Spätidealismus. Forschungen zur Auseinandersetzung von Christentum und idealistischer Philosophie im 19. Jahrhundert. Berlin 1929, S. 3.

6 H. Schnädelbach: Philosophie in Deutschland 1831–1933. 8. Aufl. Frankfurt am Main 2013, S. 13.

7 M. Szyszkowska: Neokantyzm. Filozofia społeczna wraz z filozofią prawa natury o zmiennej treści. Warszawa 1970, S. 7.

8 In Bezug auf Kant hat Harald Høffding über die Entwicklung gesprochen, siehe H. Høffding: Die Kontinuität im philosophischen Entwicklungsgange Kants. „Archiv für Geschichte der Philosophie“ 1894, Bd. 7, S. 173–192.

9 W. Moog: Die deutsche Philosophie des 20. Jahrhunderts in ihren Hauptrichtungen und ihren Grundproblemen. Stuttgart 1922, S. 7.

10 M. Szyszkowska: Neokantyzm …, S. 12.

11 C. Fortlage: Genetische Geschichte der Philosophie seit Kant. Leipzig 1852, S. V.

12 Siehe T. Gadacz: Historia filozofii XX wieku. Nurty. Bd. 2: Neokantyzm – filozofia egzystencji – filozofia dialogu. Kraków 2009. Siehe auch J. Woleński: O „Historii filozofii“ Tadeusza Gadacza. „Diametros“ 2010, nr. 23, S. 190–249.

13 F.C. Beiser: German Idealism. The Struggle against Subjectivism 1781–1801. Cambridge 2002.

14 P.W. Franks: All or Nothing. Systematicity, Transcendental Arguments, and Skepticism in German Idealism. Cambridge, Mass. 2005.

15 F. Paulsen: Geschichte des gelehrten Unterrichts auf den deutschen Schulen und Universitäten vom Ausgang des Mittelalters bis zur Gegenwart. Mit besonderer Rücksicht auf den klassischen Unterricht. Leipzig 1885.

16 F. Paulsen: Die deutschen Universitäten und das Universitätsstudium. Berlin 1902.

17 Siehe H. Schnädelbach: Philosophie in Deutschland 1831–1933 …, S. 35–48.

1. Charakteristik des Neukantianismus

1.1 Einführung

Das Problem der Genese des Neukantianismus ist nicht nur eine Frage der Benennung der Philosophen, die allgemein als Vertreter des Neukantianismus angesehen werden, oder der Denker, die die Rückkehr zu Kant eingeschlagen haben. Es ist auch und vielleicht vor allem das Problem der Darstellung der geistigen Atmosphäre der Zeit, den Beziehungen zwischen den einzelnen Philosophen und die Emanzipation des Neukantianismus über die Dominanz der hegelschen Philosophie. Jeder, der diese Philosophie kennt, weiß aber, dass ihre Entwicklung nach dem Tod von Hegel in verschiedene Richtungen gegangen ist.18 Das Problem ist jedoch, dass auch diese Richtungen, die sich scheinbar nicht direkt auf Hegel beziehen, sich trotzdem in einer gewissen Beziehung zu seinen Gedanken befinden. Kurz gesagt, die Genese des Neukantianismus geht auf die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts zurück. Man muss jedoch hinzufügen, dass man die Ursprünge des Neukantianismus in der Zeit zwischen Hegels Tod und der Herausbildung des Neukantianismus genauer beleuchten muss. Dies lässt sich jedoch aus mindestens zwei Gründen nicht eindeutig darstellen. Erstens gab es eine Minderheit von Philosophen, die sich im scharfen Gegensatz zu Hegel und zu Kant äußerten. Trotz allem kennen wir heute ihre Bedeutung, auch wenn sie in der damaligen Zeit schikaniert wurden. Dies gilt insbesondere für Jakob Friedrich Fries, den Hegel wegen des Anthropologismus angegriffen hat, indem er in einer Fußnote zu der ersten Ausgabe der Wissenschaft der Logik schrieb: „Eine soeben erschienene neueste Bearbeitung dieser Wissenschaft, System der Logik von Fries [Jakob Friedrich Fries, System der Logik, Heidelberg 1811], kehrt zu den anthropologischen Grundlagen zurück. Die Seichtigkeit der dabei zugrunde liegenden Vorstellung oder Meinung an und für sich und der Ausführungen überhebt mich der Mühe, irgendeine Rücksicht auf diese bedeutungslose Erscheinung zu nehmen.“19 Er hat ihn auch in der Vorrede zu den Grundlinien der Philosophie des Rechts angegriffen.20 Das Motiv für diesen Angriff war die Tatsache, dass Fries die Korporationen von Studenten unterstützt hat. Die Sache war aus einem weiteren Grund schwierig, da sich mit dem Tod von Hegel in zunehmendem Maße der Einfluss von Kant und seinen Anhängern offenbarte. Gerhard Lehmann schreibt: „Schon Schelling hatte sich 1809, also noch vor Hegels Logik, auf Kants Freiheitslehre bezogen, Weiße 1847, in seiner (2.) Leipziger Antrittsrede, gefragt, »in welchem Sinne die deutsche Philosophie wieder an Kant ←21 | 22→sich zu orientieren hat?«, Lotze und andere Spätidealisten haben [zumindest] teilweise an Kant angeknüpft.“21

Wenn man also über die Geschichte der Philosophie in der Zeit nach Hegels Tod bis zum Zeitpunkt der Herausbildung des Neukantianismus spricht, muss man die Aufmerksamkeit auf die Tatsache lenken, dass wir auf der einen Seite die Philosophen haben, die in der Zeit von Hegel lebten, aber nicht seine philosophischen Überzeugungen teilten. Auf der anderen Seite gab es wenig später die Philosophen, die auf Kant Bezug genommen und den Nährboden für den Neukantianismus vorbereitet haben. Diejenigen, die dem Glauben Hegels an die Systemphilosophie nicht zustimmten, können wir als seine Gegner bezeichnen. Es ist unmöglich, die Ansichten aller Gegner von Hegel zu erwähnen und zu analysieren, wir müssen uns also auf die wichtigsten wie die von Arthur Schopenhauer, Jacob Friedrich Fries, Johann Friedrich Herbart, Friedrich Eduard Beneke und Bernard Bolzano beziehen. Eine andere Rolle haben Friedrich Adolf Trendelenburg, als Vertreter des spekulativen Theismus, und Rudolph Hermann Lotze gespielt.22 Diese gehörten schon zum Zwischenstadium zwischen dem deutschen Idealismus und dem Neukantianismus. Deshalb begannen mit dem Aufkommen des Neukantianismus die Streitigkeiten über das Verständnis der Philosophie dieser Zeit, die zur Formulierung des Programms der neukantianischen Philosophie geführt haben. Das Problem besteht aber darin, dass, wenn es nicht nur eine einzige neukantianische Philosophie gibt, so gibt es auch nicht nur ein einziges Programm. Dies bestätigt der Versuch einer Charakteristik des Neukantianismus. Damit erscheint hier ein weiteres Problem – die Bestimmung eines einheitlichen Datums, das als Anfang des Neukantianismus angesehen werden kann. Jedes dieser Daten wurde infrage gestellt, was nicht nur die bestehenden Schwierigkeiten zeigen soll, sondern vor allem, dass im Prinzip jedes einzelne Datum als Zeitpunkt der Entstehung des Neukantianismus in Betracht gezogen werden kann. Natürlich kann der Leser annehmen, dass das Jahr 1865 dieser Zeitpunkt war, als Otto Liebmann lautstark sein Buch mit dem neukantianischen Programm veröffentlichte. Das Problem ist, dass dieses Werk zwar am populärsten war, was jedoch nicht gleichbedeutend ist mit der Tatsache, dass es auch das beste war: Letztlich war es nur das am meisten bekannte. In Wahrheit hat das Buch von Liebmann die zweite Bedingung nicht erfüllt. Es gab durchaus auch andere Werke, die zu Beginn des Neukantianismus entstanden sind. Wenn es um Liebmann geht, so hat ihn Roman Ingarden der ←22 | 23→Marburger Schule zugeordnet, er schreibt dazu Folgendes: „Von ihm [Liebmann – T.K.] hat einmal Georg Simmel ein witziges Wort gesagt: »Otto Liebmann war so außerordentlich, daß er bloß außerordentlicher Professor werden konnte.«“23

1.2 Was ist der Neukantianismus?

Die einfachste Charakteristik des Neukantianismus – wenn es eine solche geben würde – wäre eine Definition. Die Tatsache, dass es keine feste Definition des Neukantianismus gibt, folgt im Wesentlichen aus den verschiedenen Arten und Weisen und den verschiedenen Wegen der Darstellung der Essenz des Neukantianismus. Das Problem, das entsteht, wenn man versucht, das Wesen des Neukantianismus zu erfassen, steht in direkter Beziehung mit dessen Eingliederung. Am einfachsten ist daher die Anführung mehrerer Definitionen. Es sollen damit Missverständnisse und Vereinfachungen vermieden werden. Oft wird dieser Vorwurf gegenüber Józef Maria Bocheński erhoben bei seiner Darstellung des Neukantianismus, in dessen kurzer Präsentation es mindestens zwei Mängel gibt.24 Erstens hat Bocheński sieben Richtungen dargestellt und behauptet, dass nur die letzten zwei (die Marburger und die Badische Schule) Kant treu gewesen seien.25 Zweitens sagte er, dass „die neukantianische Bewegung – wie ich es aussprechen darf – ausschließlich deutsch ist“.26

Gerhard Lehmann schrieb: „Der Neukantianismus ist von der Kantbewegung des 19. Jahrhunderts zu unterscheiden. Natürlich gehört er zu ihr. Aber die Forderung, in bestimmter Hinsicht an Kant anzuknüpfen, ist lange vorher erhoben werden.“27 In diesem Zitat sind zwei Aussagen versteckt, auf die wir unsere Aufmerksamkeit lenken sollten. Die Erste besteht in der Tatsache, dass der Neukantianismus im breiteren historischen Kontext unter Berücksichtigung nicht nur der Philosophie der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gesehen werden muss, sondern auch der früheren und späteren Zeit, wie z. B. der Phänomenologie, die sich in der Diskussion mit dem Neukantianismus entwickelt hat. Die zweite Aussage, ebenso wichtig, läuft darauf hinaus, dass die Renaissance von Kant nicht nur mit dem Neukantianismus, sondern auch mit der früheren Kritik an Hegel verbunden wird. Dies bestätigt lediglich, dass der Neukantianismus im Gegensatz zu der allgemeinen Erscheinung nicht in Analogie mit der Philosophie des deutschen ←23 | 24→Idealismus betrachtet werden kann. In dieser Weise behandelte Frederick Copleston die Philosophie des deutschen Idealismus, indem er feststellt: „In the German philosophical world during the early part of the nineteenth century we find one of the most remarkable flowerings of metaphysical speculation which have occurred in the long history of western philosophy.“28 Deshalb sollte man den Neukantianismus nicht in dieser Weise beschreiben. Der Neukantianismus ist nicht auf unerwartete Weise entstanden und es ist schwer zu sagen, ob er in gleicher Weise zu Ende gegangen ist. Die deutsche Philosophie ist langsam gereift, um am Ort von Hegel wieder mit Kant zu erscheinen. Während der Neukantianismus langsam entstand, tritt er später unter der Phänomenologie und unter den Denkern ab, die mit der Phänomenologie viel gemeinsam hatten, obwohl sie aus dem Neukantianismus kamen, was man sehr stark betonen muss. Ich meine hier vor allem Denker wie Nicolai Hartmann und Martin Heidegger. Es muss auch darauf hingewiesen werden, dass der Neukantianismus endete, weil die genannten Denker sich der Ontologie zugewendet haben. Trotz der phänomenologischen Elemente war es jedoch keine Ontologie im Sinne der Phänomenologie. Darüber schrieb Lehmann in seinem umstrittenen, mit nationalistischer Ideologie gespickten Buch: „Und auch die Gegenwartsphilosophie steht im Zeichen einer Erneuerung Kants, – wiederum in anderem Sinne als der Neukantianismus des vorigen Jahrhunderts.“29 Gerhard Lehmann erinnert im Vorwort zu seiner Arbeit an ein ebenfalls umstrittenes Buch von Alfred Rosenberg (1893–1946) Der Mythus des 20. Jahrhunderts.30

In ähnlicher Weise wie Lehmann kennzeichnet Manfred Pascher den Neukantianismus, indem er schreibt: „Der Neukantianismus war eine philosophische Schule, und er war mehr als das. Er war eine philosophische Bewegung, die sich nach schwierigen Anfängen in den 50er-Jahren des letzten Jahrhunderts um 1870 rasch ausbreitete und von da an bis in die Zeit des Ersten Weltkrieges den akademischen Raum in Deutschland beherrschte.“31 Helmut Holzhey unterstreicht in seiner Charakteristik des Neukantianismus die Tatsache, dass Friedrich Überweg (1826–1871) in seinem berühmten Grundriss der Geschichte der Philosophie den Begriff Neukantianismus erst im Jahr 1888 verwendet und schreibt: „Autoren, die in für ihre Philosophie relevanter Weise an Kant anknüpften, erscheinen in den Neubearbeitungen von Überwegs »Grundriss der Geschichte der Philosophie« erst ab der 7. Auflage von 1888 unter dem Titel »Neukantianer«. Der Ausdruck »Neukantianismus« wurde aber – wie die so bezeichnete philosophische Richtung – verbreitet schon seit ca. 1875 verwendet, allerdings nicht nur zur neutralen historiografischen Klassifizierung einer Reihe von Philosophen, die sich auf Kant beriefen, sondern auch ←24 | 25→zur Diskreditierung der »im Schwange gehenden Kantomanie« als neuer Form professoraler Unterwerfung unter eine historische Autorität (E. von Hartmann, E. Dühring, E. Zeller)“32. Dies wird durch die Schwierigkeiten bestätigt, die mit dem Verständnis des Begriffs „Neukantianismus“ verbunden sind.33 In Ergänzung zur Aussage von Holzhey muss darauf hingewiesen werden, dass die von Traugott Konstantin Österreich (1880–1949) vorgenommene Bearbeitung des Neukantianismus, dessen Buch zum ersten Mal im Jahr 1916 erschien, 1923 geändert und 1951 in unveränderter Form veröffentlicht wurde, als die klassische betrachtet wurde.34 Christian Thiel betont, dass Österreich die neunte (1902) und zehnte (1906) Auflage gefunden hat, die von Max Heinze bearbeitet wurde.35 Holzhey richtet in seiner Analyse des Neukantianismus die Aufmerksamkeit auf Klaus Christian Köhnke, der die Bedeutung des Streits zwischen Michelet und Zeller für die Entstehung des Begriffs „Neukantianismus“ betont, obwohl Köhnke selbst die Tatsache hervorhebt, dass ihm Joachim Butzlaff einen Vortrag von Ferdinand Lassalle (1825–1864) gezeigt hat, in dem die Logik von Rosenkranz als „Neukantianismus“ bestimmt wurde.36 Tatsächlich hat Lassalle am 29. Januar 1859 einen Vortrag unter dem Titel Die Hegel’sche und die Rosenkranzische Logik und die Grundlage der Hegel’schen Geschichtsphilosophie im Hegel’schen System gehalten.37 Darin steht in der von Michelet veröffentlichten Zeitschrift „Der Gedanke“ auf Seite 147: „Es kann daher die Rosenkranzische Logik, meine Herren, nicht treffender bezeichnet werden als mit dem Wort, dass sie ein Neo-Kantianismus ist, gerade wie sich die Neo-Platoniker gleichfalls, in der Hauptsache auf Platon zurückgehend, manches von Aristoteles, besonders von seiner Entelechie angeeignet hatten, ähnlich wie Rosenkranz ←25 | 26→die Immanenz der Kategorien von Hegel.“38 Es zeigt sich, dass die nachfolgenden Tatsachen die analysierte Wirklichkeit eher komplizieren als erklären. In diesem Sinne scheint die Meinung von Pascher richtig zu sein: „Der Neukantianismus war eine Philosophie seiner Zeit.“39

Ernst von Aster betont in seiner Charakteristik der Philosophie im zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts, das heißt in den folgenden dreißig Jahren unmittelbar nach dem Tod von Hegel, dass im gesamten Europa „eine Zeit des Niederganges der philosophischen Interessen, der Achtung vor der Philosophie und den Philosophen und des Einflusses der Philosophie [herrschte – T.K.]. An die Stelle des Ideals eines philosophischen Gesamtverständnisses der Welt ist das Ideal der »exakten Tatsachenwissenschaft«, der Wissenschaft der Laboratorien und Archive getreten.“40 In dieser Situation sieht Aster den Neukantianismus als eine Reaktion auf die Verachtung der Philosophie, die sich in den sechziger und siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts feststellen lässt. Das Problem ist, dass diese negative Beurteilung die Philosophie seit dem Tod Hegels begleitet. Dies beweisen die vielschichtigen Antworten auf seine Philosophie, die zu einem großen Teil eine Kritik an seinen Gedanken waren.41 Aus einem solchem Verständnis des Neukantianismus folgte seine sehr radikale Charakteristik, die den Neukantianismus nur mit der Philosophie der zwei Schulen (die Marburger und die Badische Schule) gleichsetzt.42 Man muss jedoch darauf hinweisen, dass eine solche Beschränkung des Neukantianismus nur ansatzweise gerechtfertigt ist. Man kann maximal annehmen, dass es erstens um den Neukantianismus im engsten Sinne des Wortes geht, und zweitens, dass es dem Wesen des „eigentlichen Neukantianismus“ entsprechen würde. Dies ist aber nicht so einfach, da die Reduzierung des Neukantianismus auf die Philosophie der Badischen und der Marburger Schule nicht die Leistungen von Alois Riehl berücksichtigt. Dies wird wiederum nicht begründet. In diesem Zusammenhang muss hinzugefügt werden, dass Aster mit seiner Begrenzung des Neukantianismus auf die Badische und Marburger Schule nicht allein war. Die gleiche Ansicht vertraten der bereits erwähnte Bocheński sowie auch Hermann Noack (1895–1977)43, der von vielen Interpreten als „Marburger“ Vertreter angesehen wird, und Hermann Glöckner (1896–1979).44 Letzterer spricht von den drei Hauptrichtungen des Neukantianismus: der kritische Positivismus (Otto Liebmann und Alois Riehl), der ←26 | 27→Transzendentalismus der Marburger Schule und der teleologische Idealismus von Wilhelm Windelband, seinen Schülern und Freunden.45

Herbert Schnädelbach beginnt seine Analyse der Philosophie des 19. Jahrhunderts damit, Fakten über die Daten vom Anfang und dem Ende dieser philosophischen Bewegung zu sammeln. Im Hinblick auf den Beginn des Neukantianismus stellt er fest: „Das Jahr 1831, in dem Hegel stirbt, ist immer wieder mit dem in Zusammenhang gebracht worden, was man etwas theatralisch den »Zusammenbruch des Idealismus« nennt.“46 Schnädelbach betont, dass diese Tatsache für die damaligen Philosophen von großer Bedeutung war, weil es einen „Kampf um das Hegel’sche Erbe“ verursachte.47 Allerdings richtet er die Aufmerksamkeit auf die Kritik dieser Art des Denkens, mit der Lehmann aufgetreten ist. Es lohnt sich, die folgende Passage aus seinem Buch zu zitieren: „Das Schlagwort vom »Zusammenbruch des Hegelianismus« täuscht einen Sachverhalt vor, der so in der Philosophiegeschichte nicht besteht. Die Spaltung der Hegel’schen Schule (Rechtshegelianer und Links- oder Junghegelianer), insbesondere die Radikalisierung und Umwertung der Hegel’schen Philosophie im Denken des Vormärz, ist kein »Zusammenbruch«, sondern eine Weiterbildung bestimmter Tendenzen der Hegel’schen Philosophie.“48 Dieser von Lehmann akzentuierte Entwicklungscharakter der nachhegelschen Philosophie, die eine Radikalisierung mancher Positionen nicht ausschließt, ist wichtig, weil es die Notwendigkeit für eine breitere Perspektive der dargestellten Probleme zeigt. Es ist wichtig, worauf auch Schnädelbach aufmerksam macht, dass dies bereits seit dem Ende des Idealismus in Deutschland mit der französischen Julirevolution von 1830 verbunden war.49 In Bezug auf die Person von Lehmann muss auch berücksichtigt werden, dass, als er in der Zeit der Herrschaft der Nazis seine Abhandlung über die deutsche Philosophie veröffentlichte, in diesem Buch viele Neukantianer und der Neukantianismus selbst fehlten, so auch Edmund Husserl. Während Husserl jedoch zumindest einen kleinen Platz in dem Buch fand, ist diese Ehre Hermann Cohen nicht zuteilgeworden. Obwohl Lehmann bei der Analyse über Natorp schreibt, dass Natorp „neben H. Cohen das Ordinariat erhielt“50, hat er diesen Namen nicht in das Personenregister aufgenommen. Köhnke lenkt im Kontext der Diskussion über das Verständnis des Neukantianismus die Aufmerksamkeit auf die Schwierigkeiten mit dem Terminus des Neukantianismus und dem Verständnis der gesamten Strömung. Dies ist verständlich, wenn wir annehmen, dass alle Schwierigkeiten sich mit dem Versuch der Bestimmung der Definition ←27 | 28→und der Grenzen des Neukantianismus manifestieren. Die Quellen des Terminus „Neukantianismus“ sieht Köhnke in Vaihingers Buchbesprechung, dessen Autor, der Mathematiker Carl Reuschle (1847–1909), aus Stuttgart war.51 Diese Besprechung wurde im zehnten Band der „Philosophischen Monatshefte“ veröffentlicht.52 Vaihinger betont dort, dass in erster Linie Cohen, Lange und Jürgen Bona Meyer Neukantianer sind. In seiner Beschreibung der Eigenschaften des Neukantianismus betont Köhnke dessen Komplexität: „Der Begriff »Neukantianismus« bezeichnete von Anfang an – und übrigens in äußerst grobschlächtiger und irreführender Form – ein historisch-philosophisches Phänomen, das allenfalls im sog. Rückgriff auf Kant einen gemeinsamen Nenner besaß, niemals aber eine eigene, abgrenzbare philosophische Richtung darstellte.“53

Die Schwierigkeiten im Verständnis des Neukantianismus offenbaren sich auch beim Lesen anderer, neuerer Studien zu diesem Thema. Lewis White Beck (1913–1997) erweitert in einem Aufsatz über den Neukantianismus neben den von Österreich angezeigten Richtungen die Liste der Neukantianer und zeigt auch die ontologisch-metaphysische Richtung. Zu seinen Vertretern zählte er Denker wie Max Wundt, Heinz Heimsoeth, Martin Heidegger und Gottfried Martin.54 Interessanterweise unternimmt Beck eine andere, seltsame Einteilung des Neukantianismus im Vergleich zu der Gliederung von Österreich. Beck zeichnet solche Richtungen auf, deren Eigenarten bemerkenswert sind: der metaphysische Neukantianismus (Liebmann, Riehl, Adickes, Volkelt, Paulsen, Max Wundt, Heimsoeth, Gottfried Martin und Heidegger) und der Marburger Neukantianismus (Cohen, Natorp, Cassirer, Stammler, Vorländer, Buchenau, Görland und Liebert). Später zeigt er auch solche Richtungen des Neukantianismus, deren Existenz kaum in Betracht gezogen werden kann, unter anderem den Göttinger Neukantianismus (Leonard Nelson), den Heidelberger Neukantianismus (Windelband, Rickert, Münsterberg, Cohn und Kroner) und den soziologischen Neukantianismus (Dilthey und Simmel). Der Autor nennt darin fälschlicherweise das Jahr 1912 als Zeitpunkt des Todes von Dilthey, es war jedoch im Jahr 1911.55 Beck stellt auch fest, dass Max Weber, Eduard Spranger (1882–1963) und Max Adler (1873–1937) eine Position zwischen dem Heidelberger und dem soziologischen Neukantianismus einnehmen. Ein schwerwiegender Nachteil ist die Erwähnung des Heidelberger Neukantianismus, den die Rechtsphilosophen verwenden, um die Position von ←28 | 29→Gustav Radbruch zu charakterisieren, denn es geht um den Badener Neukantianismus.

Hans-Dieter Häußer betont, dass Heinrich Schmidt (1874–1935), ein deutscher Philosoph und Mathematiker bulgarischer Herkunft und Verleger des Philosophischen Wörterbuchs (später bearbeitet von Georgi Schischkoff (1912–1991)), Philosophen wie Nicolai Hartmann, Johannes Volkelt und Max Wundt als Vertreter der metaphysischen Richtung und Hermann von Helmholtz, Ernst Mach und Alois Riehl als Vertreter der sensualistischen Richtung einordnete.56

Schischkoff selbst gibt andere Richtungen im Rahmen des Neukantianismus vor. So sei Dilthey ein Vertreter der positivistischen Richtung und Vaihinger der fiktionalistischen Richtung. Auf der anderen Seite begrenze Ernst Cassirer als der Autor des Beitrags Neo-Kantianism in der Encyclopaedia Britannica den Neukantianismus im Vergleich zu der Auffassung von Österreich, und behauptete, die neufriesische Schule sowie auch Georg Simmel würden nicht zum Neukantianismus gehören.57 Für Gerhard Funke (1914–2006) gilt Simmel als Vertreter des „lebensphilosophischen Neukantianismus“58, obwohl Willy Moog ihn nicht den Neukantianern, sondern gemeinsam mit Dilthey und Rudolf Eucken (1846–1926) den Vertretern der geisteswissenschaftlichen Richtung zuordnete.59

Am deutlichsten zeigen sich die Schwierigkeiten bei der Definition des Neukantianismus für einen Preis der „Kant-Gesellschaft“ für eine Abhandlung unter dem Titel Kritische Geschichte des Neukantianismus von seiner Entstehung bis zur Gegenwart, deren Frist für das Jahr 1918 gesetzt und später zweimal verlängert wurde, bis der Wettbewerb schließlich im Jahr 1923 beendet wurde, da keine Abhandlung zugeschickt und deshalb der Preis niemals vergeben wurde.60 Dabei betont Häußer den kuriosen Charakter der Einteilung von Peter Wust (1884–1940), die, wie Häußer61 anmerkt, in dessen Buch über die Auferstehung der Metaphysik im Rahmen des Neukantianismus zwischen der Marburger Schule, der Badener Schule (Wust spricht von der Freiburger Schule) und der Göttinger Schule unterschieden wird, ←29 | 30→zu deren Hauptvertreter Edmund Husserl gehört.62 Dies ist wichtig, weil sich hier das mangelnde Bewusstsein über die unüberwindbar methodischen Unterschiede zwischen den Vertretern der Phänomenologie und des Neukantianismus zeigt.

1.3 Die Gliederungen im Rahmen des Neukantianismus

Die erste bedeutsame Gliederung des Neukantianismus wurde, wie bereits erwähnt, von Traugott Konstantin Österreich63 vorgenommen, der vor allem als Herausgeber des vierten Teils des Grundrisses der Geschichte der Philosophie von Überweg bekannt ist. Der Professor an der Universität Königsberg, Friedrich Überweg, veröffentlichte sein Lehrbuch zum ersten Mal in drei Teilen in den Jahren 1862, 1864 und 1866 und hat später auch für die zweite und dritte Auflage geworben. Herausgeber der vierten Auflage von 1871 bis 1875 war der Bibliothekar an der Universität Königsberg, Rudolf Reicke (1825–1905). Im Jahr 1875 wurde die Herausgabe auf Antrag des Verlages Theodor Toeche-Mittler von Max Heinze (1835–1909), Professor an der Universität Leipzig, übernommen, der die fünfte bis neunte Auflage zwischen 1876 und 1909 vorbereitet hat. Nach den Angaben, die im Vorwort enthalten sind, wurde der vierte Teil Ende 1901 zunächst für den Druck vorbereitet und im darauffolgenden Jahr veröffentlicht.64 Seit 1907 wurde jeder Teil von anderen Herausgebern vorbereitet. Der erste Teil Das Altertum wurde von Karl Prächter (1858–1933), Professor an der Universität Halle, vorbereitet, der auch die zehnte (1909), elfte (1919) und zwölfte (1926) Auflage herausgab. Den zweiten Teil Die mittlere oder die patristische und scholastische Zeit betreute Matthias Baumgartner (1865–1933), Professor an der Universität Breslau, der auch die zehnte Ausgabe im Jahr 1914 veröffentlichte. Den dritten Teil Die Neuzeit bis zum Ende des achtzehnten Jahrhunderts verantworteten Max Frischeisen-Kohler (1878–1923), Professor an der Universität Halle und Willy Moog. Es handelte sich um die zwölfte Auflage, die im Jahr 1924 veröffentlicht wurde. Der vierte Teil Das neunzehnte Jahrhundert und die Gegenwart wurde von Traugott Konstantin Österreich, Professor an der Universität Tübingen, vorbereitet. Die von ihm herausgegebene elfte und zwölfte ←30 | 31→Ausgabe erschienen in den Jahren 1916 und 1923.65 In der Gegenwart ist Österreich vorrangig nur noch als Herausgeber von Überwegs Lehrbuch bekannt und doch gehört er zweifellos auch zur Tradition von Kants Interpretation, wie im weiteren Verlauf noch dargestellt wird. Österreich schuf zwei Gliederungen des Neukantianismus. Die Erste entstand 1916, auf die Nina Dmitreva66 aufmerksam gemacht hat, und umfasste nur sechs Richtungen. Die siebte Richtung – die psychologische – erschien erst in der zwölften Ausgabe. In der Ausgabe von 1916 merkt Österreich an: „Es sind sechs Richtungen im Neukritizismus zu unterscheiden: 1. die physiologische Richtung (Helmholtz, Lange); 2. die metaphysische Richtung (Liebmann, Volkelt); 3. die realistische Richtung (Riehl, Külpe); 4. die logizistische Richtung (Cohen, Natorp, Cassirer – die Marburger Schule); 5. der werttheoretische Kritizismus (Windelband, Rickert, Münsterberg); 6. die relativistische Umbildung des Kritizismus (Simmel). Wir schließen daran sogleich 7. die durch Kant beeinflußte theologische Systematik (A. Ritschl).“67 In der Ausgabe von 1923 schreibt Österreich: „Es sind sieben Richtungen im Neukritizismus zu unterscheiden: 1. die physiologische Richtung (Helmholtz, Lange); 2. die metaphysische Richtung (Liebmann, Volkelt); 3. die realistische Richtung (Riehl); 4. die logizistische Richtung (Cohen, Natorp, Cassirer – die Marburger Schule); 5. der werttheoretische Kritizismus (Windelband, Rickert, Münsterberg – Südwestdeutsche oder Badische Schule, der auch Bauch nahesteht); 6. die relativistische Umbildung des Kritizismus (Simmel); 7. die psychologische, welche an Fries anknüpft (Neufriesische Schule, Nelson)“.68 Trotzdem unterscheiden sich diese zwei Gliederungen, zwischen denen nur sieben Jahre liegen, und man muss diese Unterschiede betonen. Zum einen beinhaltet die Gliederung von 1916 grundsätzlich nur sechs Richtungen und die siebte ist die Theologie von Albrecht Ritschl. Zweitens erscheint im Rahmen der realistischen Richtung Oswald Külpe, obwohl er in der Ausgabe von 1923 fehlt; hier wird nur Alois Riehl genannt. Drittens ist der fünfte Punkt kein Nachsatz aus der Ausgabe von 1923, in der es heißt: „Südwestdeutsche oder Badische Schule, der auch Bauch nahesteht“. Viertens mangelt es an der siebten Richtung, der Fries und Nelson zugeordnet sind.

Es sollen auch einige Vorbehalte genannt werden, die Ernst Wolfgang Orth an die Adresse der von Österreich vorgenommenen Gliederung richtete.69 Er glaubte ←31 | 32→nämlich, dass das Problem in der Art und Weise der Gliederung in der zu großen Vielzahl von Richtungen der gesamten Bewegung liege, in der sowohl Hermann Cohen als auch Georg Simmel enthalten sind. Darüber hinaus meinte Orth, dass die Schwierigkeiten bei der Einteilung auf folgende Frage reduziert werden müssten: Warum fehlen neben Simmel Wilhelm Dilthey, Hans Vaihinger und Edmund Husserl? Orth merkt an, dass Wilhelm Dilthey bereits in seiner Antrittsvorlesung, die er an der Universität Basel im Jahr 1867 hielt, auf die Notwendigkeit des Bezugs auf Kant verweist. Er unterstreicht zuerst: „Denn mir scheint das Grundproblem der Philosophie von Kant für alle Zeiten festgestellt zu sein“70 und stellte weiter fest: „Die Philosophie soll über Hegel, Schelling und Fichte weg auf Kant zurückgreifen.“71 Wenn es um Vaihinger geht, richtet sich Orths Anklage gegen die Tatsache, dass dieser in Überwegs Lehrbuch nicht als Neukantianer, sondern in einem Paragrafen unter dem Titel „Idealistisch-pragmatistischer Positivismus“72 charakterisiert wurde, dem unmittelbar die Paragrafen 36 bis 43 über den Neukantianismus vorausgehen. Schließlich müsste nach Meinung von Orth auch Husserl hier vertreten sein, weil er im Jahr 1929 zuerst die Formale und transzendentale Logik veröffentlicht hat, in deren Untertitel betont wird, dass es der „Versuch einer Kritik der logischen Vernunft“ sei.73

In Polen hat Janina Kiersnowska-Suchorzewska als Erste die Probleme der Gliederung untersucht, indem sie die Situation der Entstehung des Neukantianismus sehr genau dargestellt hat.74 Sie schreibt: „In der Geschichte der Philosophie fallen die großen Verbindungen der Gedanken mit der Entwicklungsnotwendigkeit zur Sekundärzersetzung. Mit einer solchen Zersetzung haben wir es zum Beispiel bei Sokrates’ Konstellation nach seinem Glauben mit den untrennbaren Idealen von Wissen, Tugend und Glück zu tun, die in der Trichotomie der halbsokratischen Schulen zerbrochen wurden, da von denen jeder nur eines dieser Ideale befriedigt hat, so wie auch bei der Fragmentierung der großen Synthese von Kant. Sein Erbe wurde in den Händen seiner zahlreichen Nachfolger wieder zerteilt, sodass jeder ein Stück erhalten hat – oder sich tatsächlich genommen hat – und es pars pro ←32 | 33→toto betrachtete. Daraus ergeben sich die Unterschiede in der Auslegung über die Neukantianer. Nach der Auffassung des Schwerpunkts im System von Kant und seiner Problematik können wir bei den Neukantianern minimal sieben Richtungen unterscheiden, die wir bereits kennen: 1) physiologische Richtung (Helmholtz, Lange), 2) psychologischer Kritizismus (Fries, Nelson), 3) metaphysische Richtung (Liebmann, Paulsen, Volkelt, M. Wundt), 4) relativistischer Kritizismus (Simmel), 5) realistische Richtung (kritischer Realismus) (Riehl, Hönigswald, Kulpe), 6) logistische Richtung – Marburger Schule (Cohen, Natorp, Cassirer, N. Hartmann, Görland, Buchenau etc.), 7) theoretisch-axiologischer Kritizismus – Badische Schule (Windelband, Rickert, Münsterberg, Bauch).“75

Die von Kiersnowska-Suchorzewska präsentierte Einteilung unterscheidet sich an einigen Stellen von der dreizehnten Ausgabe Überwegs aus dem Jahr 1951, die ein unveränderter Nachdruck der zwölften Ausgabe von 1923 war. Erstens erkennt die Autorin Fries als Neukantianer an, während Österreich nur über die Anknüpfung der Schule spricht. Zweitens ergänzt sie die metaphysische Richtung um Friedrich Paulsen und Max Wundt, was zu Schwierigkeiten in Bezug auf Max Wundt führt. Drittens schließt sie als Vertreter der realistischen Richtung Richard Hönigswald und Oswald Külpe ein. Viertens verstärkt sie die Vertreter der Marburger Schule um Nicolai Hartmann, Alberta Görland und Arthur Buchenau. Und schließlich fünftens hat Kiersnowska-Suchorzewska keine Zweifel bei der Anerkennung Bauchs zur Badischen Schule. Doch aus der Perspektive der zeitgenössischen Einschätzung des Neukantianismus mangelt es in der angegebenen Gliederung von Kiersnowska-Suchorzewska an dem prominentesten Vertreter der Badischen Schule, Emil Lask (1875–1915).

Es gibt auch noch andere Gliederungen des Neukantianismus in der polnischen Literatur. Beata Trochimska-Kubacka bestätigt, dass die Gliederung von Kiersnowska-Suchorzewska am relevantesten sei. Sie nimmt aber eine Änderung vor und fügt Gustav Radbruch (1878–1949) als Vertreter des relativistischen Kritizismus hinzu. Zugleich betont sie, dass die Gliederung von Maria Szyszkowska76 sich im Vergleich zu dieser Klassifizierung unterscheidet, da sie keine metaphysische Richtung zeige und Friedrich Paulsen (1846–1908), Otto Liebmann und Johannes Volkelt (1848–1930) in die realistische Richtung einschließt. Sie nimmt zusätzlich eine Trennung Bruno Bauchs (1877–1942) in die eklektische Richtung vor.77 Maria Szyszkowska schreibt wörtlich: „Die Schwierigkeit des Projekts [der Rückkehr zu ←33 | 34→Kant – A.J.N.] beweist die Tatsache, dass in dieser Zeit nicht weniger als sechs Arten der Interpretation entstanden sind, was trotz unterschiedlicher Einschätzungen stimmen sollte.“78 Sie nennt die folgenden Richtungen:

logisch-methodische Richtung (Marburger Schule),

psychologisch-physiologische Richtung (H. Helmholtz, F. A. Lange, H. Vaihinger),

realistische Richtung (Liebmann, Volkelt, Paulsen),

psychologische Richtung (H. Cornelius, L. Nelson),

axiologische Richtung (Badische Schule),

relativistische Richtung (G. Simmel und G. Radbruch).

Unabhängig von diesen Richtungen teilt Szyszkowska noch die eklektische Bewegung ab, der sie Bruno Bauch zuordnet, denn er „versuche eine Synthese der Marburger Schule und der Badischen Schule“.79 Diese Sache ist nicht so einfach, denn das eklektische Denken ist ein Kennzeichen sowohl der Badischen als auch der Marburger Schule, sodass man von vielen Abhängigkeiten sprechen muss. Ein Beispiel eines Denkers, dessen Philosophie die Auffassungen beider neukantischer Schulen durchdringt, war Heidegger. Zunächst war er ein Schüler der Badener und schuf seine ersten Werke im Geist der Badischen Schule, obwohl er sich später deutlich davon distanzierte. Zweitens trifft er Husserl auf seinem Lebensweg und übernimmt einige Elemente der phänomenologischen Philosophie. Drittens arbeitete er in den Jahren von 1923 bis 1929 in Marburg, wo er zwei Jahre in engem Kontakt mit Hartmann stand. Zudem wurde er auch durch die Philosophie von Paul Natorp beeinflusst, dessen Nachfolger er in Marburg wurde.80 Hartmann hängt mit seiner Idee der systematischen Philosophie weitgehend von Windelband ab. Man muss jedoch hinzufügen, dass sich in der Gliederung von Szyszkowska kein Platz für Alois Riehl findet, der von Kiersnowska-Suchorzewska und Österreich zur realistischen Richtung gezählt wurde. Szyszkowska charakterisiert den Zustand der zeitgenössischen Philosophie wie folgt: „Für eine lange Zeit haben die Badische und die Marburger Schule dominiert. Doch in der ersten Dekade des 20. Jahrhunderts hat sich die Bedeutung der realistischen Tendenzen erhöht. Man kann die Arbeit Riehls Der philosophische Kritizismus als das diese Zeit initiierte Werk anerkennen.“81 Man muss jedoch hinzufügen, dass sie im Gegensatz zu Tatarkiewiczs Einteilung Riehl den Positivisten zurechnet.82 In diesem Zusammenhang hält sie die Unterscheidung der eklektischen Richtung mit der Zurechnung von Bauch ←34 | 35→zu dieser Richtung als grundlos83, weil er nicht richtig mit der Tatsache in Einklang gebracht werden kann, dass der Versuch der vielseitigen Interpretation des Kantianismus als eklektisch bezeichnet werden kann. Man muss ergänzen, dass Szyszkowska in ihrer Gliederung die Namen von Hans Vaihinger und Johannes Wilhelm Hans Cornelius (1863–1947) nennt.

Andrzej Przyłębski vertritt die Auffassung, dass die Gliederung von Szyszkowska die umfassendste sei, da sie „wahrscheinlich alle Arten des Neukantianismus umfasst, die in der Zeit von 1860 bis 1915 erschienen, und durch ihn das akademische Leben geprägt wurde.“84 Er behauptet aber, dass man – unter dem Kriterium der Entwicklung des Neukantianismus sensu largo verstanden – drei seiner Perioden trennen könne. Die Erste sei die Zeit der Anwendung der von den Physiologen entdeckten Feststellungen zur Bearbeitung der Erkenntnistheorie (physiologischer Neukantianismus). Die zweite Periode fällt seiner Meinung nach in die Jahre 1870 bis 1890 und wird mit dem Interesse an der Gesamtheit und nicht nur an Fragmenten von Kants Leistungen verbunden. Die dritte sei mit der Schaffung der philosophischen Systeme bei der vollen Anerkennung der Unterschiede zwischen den Neukantianern verbunden. Przyłębski sagt, dass man in der dritten Periode die Marburger Schule, die Badische Schule und die realistische Bewegung von Alois Riehl aussondern müsse.85 Er rechnete aber den Gründer der Marburger Schule, Hermann Cohen, der zweiten Periode zu. Dies ist jedoch nur solange gerechtfertigt, wie es die Entwicklung der Ansichten von Cohen berücksichtigt. In einer späteren Phase baut er ein System der Philosophie auf der Grundlage von bestimmten Gedanken von Kant auf.

Der Neukantianismus ist gekennzeichnet von der ungeheuren Vielzahl der Richtungen und der möglichen Interpretationen über Kant und es bereitet Schwierigkeiten bei der Bestimmung, welche Gemeinsamkeiten und welche Unterschiede es bei den an den Königsberger Philosophen anknüpfenden Denkern gab.86 Die Hervorhebung des Neukantianismus war aber nicht vorgezeichnet und erfordert eine Präzisierung. Die Geschichte zeigt, dass die Marburger und die Badische Schule unter allen Strömungen, die im Neukantianismus unterschieden werden können, besondere Aufmerksamkeit verdienen. So schreibt Jan Legowicz über den Neukantianismus: „[…] man begann eine breit angelegte Studie über die Philosophie ←35 | 36→von Kant, die in verschiedenen Zentren durchgeführt wurde. Am wichtigsten davon sind zwei, bekannt als die Marburger und die Badische Schule.“87 In ähnlicher Weise äußerte sich Konstanty Bakradze88 über die Möglichkeit der unterschiedlichen Interpretationen des Neukantianismus, den er auf vier Richtungen (darunter die wichtigsten und eine detaillierte Diskussion verdienen die letzten zwei) reduziert:

physiologische Richtung,

realistische Richtung,

transzendental-logische Richtung (Marburger Schule),

transzendental-psychologische Richtung (Badische Schule).89

Diese Gliederungen im Rahmen des Neukantianismus sind auch durch bestimmte Einschränkungen gekennzeichnet. Aus der Perspektive der Geschichte des Neukantianismus ist es zum Beispiel wichtig zu erwähnen, dass zwei Philosophen nicht berücksichtigt wurden, obwohl sie zur Entwicklung dieser Richtung der Philosophie beigetragen haben und als Hegelianer betrachtet werden: Kuno Fischer (1907) und Eduard Zeller (1814–1908). [Ernst] Kuno [Berthold] Fischer – bekannt als Kuno Fischer – wurde am 23. Juli 1824 in Sandewalde in Schlesien geboren und starb am 5. Juli 1907 in Heidelberg. Im Jahr 1844 studierte er in Leipzig und in Halle. Er erhielt seinen Doktortitel 1847 und arbeitete als Privatdozent in Heidelberg. 1856 wurde er nach Jena berufen und kehrte 1872 zurück nach Heidelberg. Eduard Zeller wurde am 22. Januar 1814 in Kleinbottwar in der Nähe von Marbach geboren und starb am 19. März 1908 in Stuttgart. Er wurde 1862 nach Heidelberg berufen und zehn Jahre später nach Berlin als Nachfolger von Trendelenburg (der Nachfolger von Zeller in Heidelberg war eben Kuno Fischer).90

Hans-Ludwig Ollig spricht nur über den frühen und klassischen Neukantianismus. Zu den Vertretern der ersten Periode zählt er Otto Liebmann und Friedrich Albert Lange.91 In dieser Situation hat es den Anschein, dass es die am wenigsten entwickelte Gliederung des Neukantianismus ist. Trotzdem beinhaltet das Buch von Ollig einen extrem wichtigen Begriff für das Verstehen der Veränderungen in ←36 | 37→der Philosophie des Neukantianismus. Der Autor erkennt an, dass der (gewöhnliche) Neukantianismus vom „Neoneokantianismus“ unterschieden werden muss, der solche Denker, wie Rudolf Zocher (1887–1976), Wolfgang Cramer (1901–1974) und Hans Wagner (1917–2000) umfasst.92 In dieser Weise erscheint der Neukantianismus als die aktuelle Philosophie im 20. Jahrhundert, wenn er auch sicherlich nicht eine so bedeutende Rolle wie der klassische Neukantianismus an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert gespielt hat, das heißt bis zum Jahr 1924, das von Kurt Walter Zeidler und Hans Wagner als das „»Epochenjahr« 1924“ bestimmt wurde.93 Das Problem ist jedoch, wie wichtig das Jahr 1924 als der 200. Jahrestag der Geburt von Immanuel Kant für den Neukantianismus war. Zu Beginn des Neukantianismus kann man das Jahr 1924 noch nicht beurteilen, weil bis dahin noch viel Zeit – fast ein halbes Jahrhundert – war. Aus einer anderen Perspektive jedoch, das heißt der phänomenologischen Philosophie am Anfang ihrer Dominanz, sieht das Jahr 1924 ganz anders aus. Dies muss man berücksichtigen, um alte Fehler und Klischees in der Interpretation nicht zu wiederholen.

Eine äußerst interessante Interpretation der Vielzahl von Richtungen im Rahmen des Neukantianismus, die in gewissem Sinne an das Prinzip von Janina Kiersnowska-Suchorzewska des Pars pro toto anknüpft, stammt von Siegfried Marck. Er wurde am 9. März 1889 in Breslau geboren, studierte in seiner Heimatstadt und später in Berlin und Freiburg. Seit 1924 war er außerordentlicher Professor in Breslau und seit 1930 ordentlicher Professor als Nachfolger von Richard Hönigswald.94 1933 emigrierte Marck nach Frankreich (Dijon), wo er von Oktober 1938 bis zum 30. September 1939 Professor für Philosophie an der Universität Dijon war und im Jahr 1939 ging er in die Vereinigten Staaten, wo er seit 1940 Professor für Philosophie in Chicago war. Er starb am 16. Februar 1957. „Die verschiedenen Kolonnen des Neukantianismus schlugen vereint und marschierten getrennt. Gewisse Rivalitäten und Schulstreitigkeiten unter ihnen waren häufig. H. Rickert zitierte einmal in einem Freiburger Seminar eine Wendung, die er in einem Brief an P. Natorp gebraucht hatte: »Wir kritischen Idealisten meinen im Grunde alle dasselbe; deshalb müssen wir uns bis aufs Messer bekämpfen«.“95 In diesem Kontext ist es erwähnenswert, dass Marck in diesem Text die älteren und jüngeren Neukantianer unterscheidet. Als Vorfahren sieht er Lotze, Lange und Liebmann, als ältere Neukantianer – Cohen, Natorp, Windelband, Rickert, Riehl und Emil ←37 | 38→Lask, über den er sagte, dass er ein Phänomen an sich sei. Als die jüngeren Neukantianer betrachtet er Cassirer, Bauch, Arthur Liebert, Richard Hönigswald und Jonas Cohn.96 Es stellt sich heraus, dass die von Marck vorgenommene Gliederung des Neukantianismus sehr eigenartig ist, obwohl sie wichtig dafür ist, was als der „richtige Neukantianismus“ bezeichnet werden kann. Die als ältere Neukantianer erwähnten Philosophen sind die wichtigsten Vertreter des Neukantianismus resp. des eigentlichen Neukantianismus. Es mangelt hier vor allem an dem frühen Neukantianismus, der auf Lange und Liebmann reduziert wurde. Von Lotze kann nicht gesagt werden, dass er ein Neukantianer war, weil er – wie zu Recht von Marck beobachtet – ein Vorfahre war und genau einer der Vorgänger des Neukantianismus. Er war ein Philosoph, der maßgeblich zur Entstehung des Neukantianismus beigetragen und diesen in einer sehr starken Weise beeinflusst hat. Auch die Zurechnung der jüngeren Neukantianer ist nicht vollständig.

1.4 Die Zeit des Neukantianismus

Die Schwierigkeiten bei der Definition des Neukantianismus und der Bestimmung der Anzahl seiner Richtungen treffen auf die Probleme bei der Festsetzung des zeitlichen Rahmens. Dies verbindet sich mit der Frage, wie man diese Bewegung klassifizieren sollte. Man muss im Rahmen der kantischen Bewegung auch andere Gliederungen im weiteren Sinne berücksichtigen. Christian Baertschi bezieht sich auf Gottfried Martin, der drei Perioden in der Interpretation von Kant zeigt: Deutscher Idealismus, Neukantianismus und ontologische Interpretation von Kant in der Gegenwart.97 Das Problem liegt darin, dass, obwohl diese Einteilung vor allem im Zusammenhang mit der metaphysischen Interpretation von Kant sehr interessant ist, die in den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts stattfand98, sie sich jedoch als unzureichend erweist. Sie berücksichtigt nicht die Tatsache der Gliederung innerhalb des Neukantianismus selbst, was aus der Perspektive dieser Studie am wichtigsten ist. Somit ist es sehr schwierig, die Unterteilungen innerhalb des Neukantianismus zu begreifen, und umso schwieriger ist es, den Zeitrahmen dieser Philosophie zu bestimmen. Der Neukantianismus muss denn möglichst breit erkannt werden, vor allem bei dem Versuch der Darstellung seiner Geschichte.

Man sollte also bei der Analyse des Problems des Neukantianismus berücksichtigen, was diesem vorangeht. Diese Forderung stellt sich als schwierig heraus, weil in diesem Fall nicht der Tag des Todes von Hegel der Wendepunkt sein kann. Und schließlich muss man all diejenigen berücksichtigen, die mit Hegel schon während ←38 | 39→seines Lebens gestritten haben. Mit diesem Bewusstsein wächst die Kantbewegung, obwohl dieser Begriff – wie die meisten von uns verwendeten Begriffe – nicht ganz eindeutig ist. Wir können auf diese Weise die philosophischen Gegner von Hegel bestimmen, die sich auf Kant beziehen, was natürlich nicht automatisch bedeutet, dass sie auch Anhänger des Philosophen aus Königsberg sind. Unter den Denkern, die wir berücksichtigen sollten, bezieht man sich auf Bolzano, der als größter Feind von Kant wahrgenommen wurde, was aber nicht verhindert anzuerkennen, dass das Schema von Bolzanos Denken kantisch bleibt.

←39 | 40→←40 | 41→

18 A.J. Noras: Kant i Hegel w sporach filozoficznych osiemnastego i dziewiętnastego wieku. Katowice 2007, S. 128–176.

19 TWA 5, 46.

20 Siehe TWA 7, 17 und H. Schnädelbach: Hegel zur Einführung. Hamburg 1999, S. 123.

21 G. Lehmann: Kant im Spätidealismus und die Anfänge der neukantischen Bewegung. In: Materialien zur Neukantianismus-Diskussion. Hrsg. von H.-L. Ollig. Darmstadt 1987, S. 51. (Erstdruck in: „Zeitschrift für philosophische Forschung“ 1963, Bd. 17, S. 438–456).

22 [Rudolph] Hermann Lotze verwendete nur seinen zweiten Vornamen. Da er nicht der Einzige war, nutzen wir rechteckige Klammern, um Vornamen anzugeben, die nicht verwendet wurden, es sei denn, die Verwendung des Vornamens ist durch ein Zitat gerechtfertigt.

23 R. Ingarden: Einführung in die Phänomenologie Edmund Husserls. Osloer Vorlesungen (1967). Hrsg. v. G. Haefliger. In: R. Ingarden: Gesammelte Werke. Bd. 4. Tübingen 1992, S. 54.

24 I.M. Bocheński: Europäische Philosophie der Gegenwart. 2. Aufl. Bern–München 1951, S. 101–111.

25 Siehe ibidem, S. 102.

26 Ibidem.

27 G. Lehmann: Geschichte der Philosophie. Bd. 9: Die Philosophie des neunzehnten Jahrhunderts II. Berlin 1953, S. 52.

28 F. Copleston: A History of Philosophy. Volume VII. Modern Philosophy: From the Post-Kantian Idealists to Marx, Kierkegaard, and Nietzsche. New York 1994, S. 1.

29 G. Lehmann: Die deutsche Philosophie der Gegenwart. Stuttgart 1943, S. 29.

30 Siehe ibidem, S. IX.

31 M. Pascher: Einführung in den Neukantianismus. Kontext – Grundpositionen – Praktische Philosophie. München 1997, S. 7.

32 Geschichte der Philosophie. Hrsg. von W. Röd. B. 12: H. Holzhey, W. Röd: Die Philosophie des ausgehenden 19. und des 20. Jahrhunderts 2: Neukantianismus, Idealismus, Realismus, Phänomenologie. München 2004, S. 30.

33 Siehe A.J. Noras: Kant a neokantyzm badeński i marburski. 2. Aufl. Katowice 2005, S. 134.

34 Siehe F. Überweg: Grundriss der Geschichte der Philosophie. 4. Teil: Das neunzehnte Jahrhundert und die Gegenwart. Hrsg. von T.K. Österreich. 11. Aufl. Berlin 1916, S. 363–404; idem: Grundriss der Geschichte der Philosophie. Teil 4: Die deutsche Philosophie des XIX. Jahrhunderts und der Gegenwart. Hrsg. von T.K. Österreich. 12. Aufl. Berlin 1923, S. 416–477; idem: Grundriss der Geschichte der Philosophie. Teil 4: Die deutsche Philosophie des XIX. Jahrhunderts und der Gegenwart. Hrsg. von T.K. Österreich. 13. Aufl. Basel 1951, S. 416–477.

Zusammenfassung

Das Buch ist die erste systematische Bearbeitung der neukantianischen Philosophie. Eine der wichtigsten philosophischen Richtungen der Wende des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts stand im Mittelpunkt des Interesses und der Analyse, aber aus vielen Gründen wurde sie etwas vergessen. Erst in den 1980er-Jahren begann die Forschung zum Neukantianismus wieder. Der Bezugspunkt war der erste Versuch, den Neukantianismus zu kodifizieren, der 1923 in der von K.T. Österreich herausgegebenen Grundriss der Geschichte der Philosophie von F. Überweg gemacht wurde. So erhält der Leser einen Überblick über die wichtigsten Vertreter aller sieben neukantianischen Richtungen.

Details

Seiten
680
ISBN (ePUB)
9783631710722
ISBN (PDF)
9783653071580
ISBN (MOBI)
9783631710739
ISBN (Hardcover)
9783631676820
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (August)
Schlagworte
Badische Schule Marburger Schule H. Cohen E. Cassirer W. Windelband H. Rickert
Erschienen
Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2020. 680 S.

Biographische Angaben

Andrzej J. Noras (Autor:in)

Andrzej J. Noras ist ein weltweit bekannter Forscher des Neukantianismus. Seit 2008 ist er als Professor für Philosophie an der Schlesischen Universität Katowice (Polen) tätig.

Zurück

Titel: Geschichte des Neukantianismus