Lade Inhalt...

Die Flugschriften der Frühreformation aus Nord- und Nordwestböhmen

Ihr Wesen und ihr Bezug zu Wittenberg

von Jiří Černý (Autor)
Dissertation 304 Seiten

Inhaltsverzeichnis


←10 | 11→

1 Einleitung

1.1 Zum Thema

Martin Luther bat im Jahre 1532 Hieronymus und Lorenz Schlick, damals die beiden regierenden Herren von St. Joachimsthal (Jáchymov), auf der Hut vor verschiedenen radikalen Elementen zu sein.1 Als Anlass zu dieser Mahnung gab er folgenden Grund an:

Denn ich gern sehen wollt, weil im Tal der Haufe groß ist, und von dannen weit erschallet, was da gelehrt und gehalten wird, daß Gottes Wort rein und gewaltig im Schwange ging, und alle Mißbräuch und Ärgernis, sie seint päpstlich oder rottisch, abgetan würden; wie denn die täglichen Messen und falsche Keuschheit der Priester auch seind.2

Obwohl der Brief eine reine Höflichkeit darstellt und der Wittenberger Reformator zu dessen Abfassen wohl von Christoph Ering, dem ehemaligen Prediger in der Bergstadt, bewogen wurde, veranschaulichen seine Worte, welch großen Einflussbereich die Städte an der böhmisch-sächsischen Grenze, insbesondere die reiche und groß gewordene Bergstadt St. Joachimsthal, besaßen. Solch eine Äußerung wäre nämlich ohne Blick auf die Entwicklung der Zeit zuvor kaum denkbar, denn seit guten zehn Jahren wechselten in diese Ortschaft nicht nur evangelische Prediger und Schulmeister, sondern es wurden hier auch reformatorische Druckschriften verfasst, die eine breite Resonanz fanden.

Der evangelische Glaube verbreitete sich Anfang der 1520er-Jahre in den nord- und nordwestböhmischen Herrschaften der Grafen Schlick und Herren von Salhausen. Davon geben insbesondere deutsche Flugschriften Zeugnis ab, welche die Texte der Wortführer der Reformation aus den Ortschaften Bensen (Benešov nad Ploučnicí), Elbogen (Loket), Tetschen (Děčín) und St. Joachimsthal abdrucken. Alle diese Broschüren wurden jenseits der Landesgrenze herausgegeben und manche von ihnen wiederholend nachgedruckt. Die älteste von ihnen enthält die Predigten von Johannes Sylvius Egranus, wie er sie 1522 in St. Joachimsthal hielt. In einer anderen Broschüre gibt der evangelische Prediger Wolfgang Rappolt im ebenfalls Schlick’schen Elbogen an, er sei bereits seit 1521 ←11 | 12→in seinem Amt tätig. Ein weiterer Druck belegt, dass Dominik Beyer spätestens 1522 in Tetschen predigte und die Missgunst des katholischen Pfarrers sowie des Domkapitels zu Prag auf sich zog. Der Vorsteher des Erzbistums Prag beklagte sich überdies in seinem Beschwerdeschreiben, das in der letztgenannten Flugschrift gedruckt erschien, darüber, dass alle drei Brüder Hans, Friedrich und Wolf von Salhausen lutherische Geistliche auf ihren Herrschaften unterstützen würden. Das heißt, dass zu diesem Zeitpunkt nicht nur Tetschen, sondern auch das benachbarte Bensen einen evangelischen Prediger besitzen musste.

Die Produktion in den genannten Städten beschränkte sich nicht nur auf die drei Broschüren. Sondern es lassen sich insgesamt zehn deutschsprachige Flugschriften ausmachen, die in der kurzen Zeit bis 1525 nahe der böhmisch-sächsischen Grenze entstanden. Die wichtigsten Intellektuellen, welche ihre Werke mithilfe der Druckpresse vervielfältigen ließen, waren nämlich Mitte der 1520er-Jahre entweder seit Längerem nicht mehr in Nord- und Nordwestböhmen anwesend oder sie wurden bereits zu diesem Zeitpunkt aus ihren Wirkungsstätten vertrieben. Bleiben durfte lediglich der Joachimsthaler Kantor Nikolaus Herman, welcher aber nach 1524 für keine Flugschrift mehr verantwortlich war. Johannes Sylvius Egranus, der schon einmal aus der Bergstadt ausgewiesen worden war, kehrte 1533–1534 erneut als Prediger nach St. Joachimsthal zurück. Er musste auch diesmal binnen Kurzem sein Amt aufgeben, worauf er in seiner 1534 veröffentlichten Flugschrift reagierte. Als Egranus die Drucklegung seines Textes veranlasste, war der Boom der Flugschriftenproduktion im ganzen Heiligen Römischen Reich deutscher Nation schon vorüber, sodass es nicht verwundert, dass im Erzgebirge und an der Elbe keine Flugschriften mehr entstanden.

Außerhalb der Grenzregion griff 1524 Johannes Zack zur Feder. Der Administrator des Prager Erzbistums wurde vom Domkapitel damit beauftragt, die 1523 veröffentlichte „Kirchenordnung von Elbogen“ zu widerlegen und auf die Irrtümer hinzuweisen, welche sich der Stadtherr Sebastian Schlick von seinen evangelischen Predigern hätte einpflanzen lassen. Wie die Flugschriften der reformatorisch gesinnten Akteure aus Nord- und Nordwestböhmen insgesamt offenbaren, zählte Johannes Zack zusammen mit dem Dompropst Ernst von Schleinitz zu den größten und gefährlichsten Opponenten der dortigen Reformation.

Es lässt sich während der 1520er-Jahre in den Ländern der böhmischen Krone ein quantitativer Aufstieg in der Produktion der Werke in deutscher Sprache beobachten. Die hohe Anzahl der erhaltenen Titel ist dadurch zu erklären, dass es sich um Flugschriften handelte. Die Broschüren aus Böhmen und Mähren stellen nichtsdestotrotz nur einen kleinen Bruchteil der mitteleuropäischen Gesamtproduktion dar, weshalb sich bisher nur wenige Wissenschaftler und ←12 | 13→Wissenschaftlerinnen eingehend mit ihnen auseinandersetzten. Das erhaltene Material lässt sich dabei aufgrund der im Text genannten Ortschaften in wenige übersichtliche Gruppen gliedern, wobei die meisten Schriften der südmährischen Stadt Nikolsburg (Mikulov) zuzuordnen sind. Weil die Reformation des 16. Jahrhunderts in den Ländern der böhmischen Krone nichts ganz Neues darstellte und diesem Raum aufgrund der hussitischen Tradition eine Sonderposition zugesprochen wird, wäre zu untersuchen, unter welchen Bedingungen die Druckschriften entstanden und ob es Unterschiede in der Flugschriftenpublizistik der einzelnen Zentren innerhalb und außerhalb der böhmischen Länder gibt.

Die anfängliche Idee, alle deutschsprachigen Flugschriften der 1520er-Jahre zu bearbeiten, die in Bezug zu Böhmen und Mähren stehen, musste aufgrund der Fülle des disparaten Materials revidiert werden. Denn allein Balthasar Hubmaier, ein in den Jahren 1526–1527 in Nikolsburg tätiger täuferischer Prediger, ließ in dieser Stadt 16 Schriften drucken. Weitere drei stammen von seinen südmährischen Mitarbeitern. Deshalb wurde das Forschungsinteresse auf eine räumlich, zeitlich und religiös kohärente Gruppe von deutschen Flugschriften aus Nord- und Nordwestböhmen beschränkt. Dieser Raum bildete aber innerhalb von Böhmen historisch eine Ausnahme und war mehr als an die Hauptstadt Prag an das benachbarte Sachsen gebunden. Bereits dieser Umstand lässt erahnen, dass nicht nach Unterschieden, sondern vielmehr nach Gemeinsamkeiten in der Flugschriftenproduktion dies- und jenseits der Landesgrenze gesucht werden muss, zumal die Grenzlinie im ersten Viertel des 16. Jahrhunderts keine trennende Funktion besaß.

Während es also Sinn macht, die Refutation von Zack wegen ihres Inhalts als die elfte Flugschrift in das zu untersuchende Textkorpus aufzunehmen, werden vier Gruppen von volkssprachlichen Flugschriften nicht berücksichtigt, die im untersuchten Zeitraum entweder in Böhmen oder in Mähren entstanden sind. Es werden weder die Flugschriften in tschechischer Sprache einschließlich der Übersetzungen der Werke Martin Luthers noch einige deutsche Übersetzungen der Böhmischen Brüder oder die deutschsprachige Variante der „Lichtmess-Artikel“ behandelt. Ausgelassen wird weiterhin die schriftstellerische Tätigkeit der Täufer in Nikolsburg, obwohl diese zahlenmäßig sogar die Flugschriftenproduktion aus Nord- und Nordwestböhmen übersteigt. Schließlich werden die Werke von Paulus Speratus ausgespart, der 1522–1523 in Iglau (Jihlava) wirkte. Nachdem Speratus hatte fliehen müssen, verfasste er während seiner Tätigkeit in Wittenberg und Preußen Druckschriften, die er an die von ihm verlassene Gemeinde adressierte.3 Besonders Iglau und Nikolsburg stellen Stätten dar, die ←13 | 14→im Hinblick auf den Kommunikationsraum Nord- und Nordwestböhmen künftig untersucht werden sollten.

Die topografische Ausrichtung dieser Studie ist einerseits dem Bestreben verpflichtet, einen Teil der deutschsprachigen Produktion auf dem Gebiet des heutigen Tschechiens ins Auge zu fassen. Andererseits ermöglicht der Zugang über die Orte, dass ein lokaler Raum untersucht wird, der zwar von den Brennpunkten der Reformation nicht weit entfernt lag, dennoch zu diesen nicht gehörte und eine Randposition einnahm. Aus diesem Grund ist zu untersuchen, wie und warum es dazu kam, dass man sich in Nord- und Nordwestböhmen mittels gedruckten Agitationsschriften an die Öffentlichkeit wandte. Man muss fragen, wie dieses Bemühen konkret realisiert wurde und welche Akteure dazu beitrugen, dass die Streitfragen, die diese Region betrafen, öffentlich im gesamten Reich ausgehandelt wurden.

Sowohl die zeitliche als auch die räumliche Einschränkung dieser Studie ergeben sich aus dem vorhandenen Material. Diesem ist ebenfalls der Fokus auf das spezifische Medium verpflichtet, denn in Bensen, Elbogen und Tetschen entstanden in der ersten Hälfte der 1520er-Jahre ausschließlich Flugschriften. Die Produktion in St. Joachimsthal war zwar vielfältiger und reichte von handgeschriebenen Predigtaufzeichnungen bis zu volkssprachlichen Übersetzungen namhafter Autoren, dennoch stellen die oben genannte Flugschrift von 1522 und ein fingierter Himmelsbrief aus dem Jahre 1524 die Höhepunkte der schriftstellerischen Tätigkeit der intellektuellen Elite in dieser Bergstadt dar. Vergleicht man sie mit anderen Werken, die ihre Verfasser zur gleichen Zeit schufen, wird einerseits deutlich, wie durchlässig die medialen Schranken waren, andererseits werden die funktionalen Unterschiede sichtbar. Die Texte, welche als Flugschriften veröffentlicht wurden, wurden in der Regel anders aufbereitet als Werke, mit deren Drucklegung und breiter Rezeption man nicht rechnete. Diese Differenzen sind im Falle der Broschüren aus Nord- und Nordwestböhmen oft minimal oder es wurde so getan, als ob es sie nicht gäbe. Trotzdem zeigen diese Werke, dass die Öffentlichkeit, das Veröffentlichen und der Wille, über aktuelle Probleme zu diskutieren, beim Konstituieren der Flugschriften eine zentrale Rolle spielten. Die nord- und nordwestböhmischen Broschüren veranschaulichen weiter, welches Vertrauen die Verfasser den Worten entgegenbrachten, die sie mittels gedruckter Hefte auf weite Ferne erschallen ließen.

Die wichtigsten der behandelten Flugschriften sind in Editionen verschiedenen Alters zugänglich. Obwohl diese modernen Herausgaben oft die genaue Wiedergabe einiger Textbestandteile vernachlässigen oder nach einem der Raubdrucke erstellt sind, wurde auf einen editorischen Anhang verzichtet. Der Grund dafür ist, dass sowohl die Erstausgaben als auch die meisten Raubdrucke ←14 | 15→in digitalen Kopien im Internet zur Verfügung stehen und daher leicht verfügbar sind. Damit die Suche einfacher wird, werden die langen Titel aus dem 16. Jahrhundert in den Fußnoten abgekürzt, es werden aber konsequent die Nummern angegeben, unter welchen die Werke in den Datenbanken VD 16 und VD 17 zu finden sind.4

1.2 Zielsetzung

Die reformatorische Publizistik in deutscher Sprache, deren Autoren während der 1520er-Jahre in Böhmen und Mähren wirkten, ist seit Langem gut bekannt. Was Nord- und Nordwestböhmen anbelangt, haben Rudolf Wolkan, Otto Clemen und Georg Loesche die Vitae der in dieser Region tätigen evangelischen Prädikanten bereits im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert aufgearbeitet; von ihnen stammen ebenfalls die grundlegenden Verzeichnisse der veröffentlichten Druckschriften.5 Die jüngere historische und kirchenhistorische Forschung kennt die Autorennamen und deren Werktitel sehr wohl.6 Die Schriften werden aber meistens als Belege für den Durchbruch der deutschen Reformation in den Ländern der böhmischen Krone herangezogen, ohne dass näher auf deren Inhalt oder Form eingegangen wird.7 Andernfalls werden die medialen Bezüge ←15 | 16→vernachlässigt.8 Dass sich der Zugang zum Teil ändert, beweisen rezente Studien von Martin Arnold und Hartmut Kühne, die sich beide mit der Evangelisierung von Tetschen und Bensen befassten.9

Die regional orientierte tschechische Germanistik der letzten hundert Jahre scheint wiederum fast ganz übersehen zu haben, dass die deutschsprachige Publizistik in Böhmen und Mähren in der Anfangsphase der Reformation florierte, auch wenn die Anzahl der gedruckten Werke im Vergleich mit den westlichen Nachbarn spärlich ist. Obwohl die meisten regionalen Verfasser freilich nicht die Qualität von Luther erreichten, zeigt sich, dass einige Gemeinden an der sächsischen Grenze doch von äußerst prominenten Persönlichkeiten der Zeit evangelisiert wurden. Nicht nur, dass manche von diesen Flugschriftenautoren später Mitarbeiter Luthers wurden oder er sie für wichtige Stellen empfahl, sondern es konnte auch passieren, dass ein Text eines im Erzgebirge tätigen Autors einer Lutherschrift zum Verwechseln ähnlich war.10

Das Ziel der vorliegenden Arbeit besteht deshalb darin, diese zum großen Teil vergessenen Texte der germanistischen Forschung näher zu bringen. Der Kommunikationsraum, wie er sich auf den adligen Herrschaften der Grafen Schlick und Herren von Salhausen etablierte, soll untersucht und dessen Spezifika ausgearbeitet werden. Um eine solide Basis zu schaffen, wird zuerst die historische Entwicklung des jeweiligen Ortes dargestellt. Die Reformation des 16. Jahrhunderts setzte sich in Böhmen und Mähren insbesondere in deutschsprachigen Gebieten durch, welche sich für die Ideen des Hussitismus nicht begeistert hatten. Die nord- und nordwestböhmische Obrigkeit, seien es die Grafen Schlick oder die Herren von Salhausen, gehörte zudem nicht zu den typischen Vertretern des Landadels, weil sie sich in die böhmische Landesstruktur nicht zu integrieren vermochte. Dabei waren es die adligen Stadtherren, die entweder zum Teil ←16 | 17→oder gänzlich bestimmten, dass evangelische Prediger ins Amt gesetzt wurden und ihre Wirkung entfalten konnten. Auch wenn über die Flugschriftenverfasser und deren Tätigkeit in Böhmen meistens nur wenig bekannt ist, können ihre Lebensgänge zumindest grob rekonstruiert werden. Dabei ist Vorsicht geboten, da man sich in vielen Fällen Aussagen bedient, die die Autoren über sich selbst in ihren Texten machten.

Nicht ganz selbstverständlich ist, dass weiter die Druckgestalt der Texte untersucht wird. Beschäftigt man sich mit der Druckgeschichte und vergleicht man die einzelnen Ausgaben eines Textes untereinander, kommt man zu wichtigen Ergebnissen, die sich auf die Datierung der Flugschrift, deren Autorschaft oder Funktion beziehen. Die Fragen nach der Autorschaft scheinen überhaupt ein interessantes Themenfeld bei den Flugschriften aus Nord- und Nordwestböhmen darzustellen. Sie betreffen nicht nur die Klärung, ob eine von der Forschung eingeforderte Person an der Entstehung des Werkes beteiligt sein konnte, sondern sie umfassen auch die Anteilnahme von verschiedenen Herausgebern an der finalen Gestalt des Textes oder die Veränderungen in der Zuschreibung eines Werkes zu einem bestimmten Autor im Laufe der Zeit.

Dieser Wandel ist meistens an den sich verändernden Peritexten zu beobachten. Der Begriff Peritext stammt von Gérard Genette. Er bezeichnet das Beiwerk eines Textes, das sich innerhalb des Bandes befindet, in dem dieser Text abgedruckt ist. Typische Peritexte stellen Prologe und Epiloge dar.11 Genette dachte bei der Formulierung seiner Begrifflichkeit zwar an das moderne Buch und berücksichtigte kaum die älteren Perioden, dennoch erweist sich seine Herangehensweise auch für die Flugschriften sehr nützlich. Zu Peritexten gehören also neben den Vor- und Nachworten, aus denen man in der Regel das meiste über die Entstehung der Flugschrift und über die Kontakte des jeweiligen Flugschriftenautors mit der Umwelt erfährt, ebenfalls der Titel, die Kapitelüberschriften, der Fußnotenapparat oder das Buchformat. Im Falle von Flugschriften sind genauso die Gestaltung der Titelseite wie die Errata am Textende von hohem Belang. Die Schlüsselrolle spielen jedoch die Marginalien am Seitenrand, die in manchen Fällen bewiesenermaßen erst nachträglich in den Text eingebaut wurden.

Wichtig ist, dass Peritexte in einer Neuauflage Änderungen unterliegen konnten. Ein Vorwort konnte für einen Nachdruck umgeschrieben werden oder ganz wegfallen. Das sind wichtige Eingriffe, die viel über die Intention, warum das Werk neu aufgelegt wurde, und über die Rezeption des Haupttextes verraten ←17 | 18→können. Die Interpretation der Peritexte soll sich nicht auf diesen zeitlichen Aspekt beschränken, sondern man soll überlegen, wie das Beiwerk des Textes dessen Verständnis beeinflusste. Thomas Kaufmann zeigt in seinem Buch „Die Mitte der Reformation“, welchen unterschiedlichen Strategien man sich bei der Aufmachung der Flugschriften bediente. Zu diesen gehörte die Gestaltung des Titelblatts der Bildflugschrift „Passional Christi und Antichristi“. Es wirkte äußerst harmlos, denn die Holzschnittbordüre durfte für jede andere beliebige Druckschrift benutzt werden. Selbst der Titel ließ eher darauf schließen, dass der Käufer eine klassische Erbauungsschrift vor sich hatte. Nichts machte auf den ersten Blick auf das propagandistische Potenzial der Holzschnitte aus der Werkstatt von Lucas Cranach d. Ä. und der begleitenden Texte aufmerksam. Kaufmann versteht dieses Verfahren deshalb als eine beabsichtigte Camouflage, als eine Tarnung des wahren Inhalts der explosiven Druckschrift.12

Die Erforschung des nord- und nordwestböhmischen Kommunikationsraumes stimmt mit den Interessen Kaufmanns insofern überein, da nach Absichten gefragt wird, die zur Veröffentlichung eines Werkes führten. Weil an der Produktion mehrere Buchakteure beteiligt waren, konnte die ursprüngliche Intention während des Entstehungsprozesses geändert und um Anliegen anderer Beteiligter angereichert werden. Um das Wesen der lokalen Flugschriftenpublizistik ins Auge zu fassen, müssen deshalb neben literarischen Strategien und Gattungen auch die Ikonografie und Typografie der Druckwerke berücksichtigt werden.13 Die Flugschriften aus Nord- und Nordwestböhmen bezeugen ebenso wie das „Passional Christi und Antichristi“, dass die Ikonografie und die Gestaltung der Titelseite das Textverständnis markant lenken konnten und dass sie großteils den Interessen der Verleger unterlagen. Die Art und Häufigkeit der Marginalien weist nicht nur auf die intendierten Rezipientenkreise hin, sondern kann auch über das Einbeziehen von verschiedenen Personen in den Entstehungsprozess des Druckwerkes Auskunft geben.

Den Schwerpunkt der Untersuchungen bildet schließlich der Themenkomplex Identität. Die Texte, welche in Form von Flugschriften veröffentlicht wurden, sollen dabei als „Spuren von Verhandlungen über Identität“14 aufgefasst werden. Der Prozess der Identitätsbildung wird dabei als nie abgeschlossen betrachtet und die Identifikationen werden als Resultate der Verständigung über ←18 | 19→Selbstbilder und -beschreibungen verstanden. Mit diesen gehen natürlich die eigenen Selbstdeutungen und -zuschreibungen einher, die wiederum auf Fremdbezeichnungen reagieren. Weil sich das Verhandeln über die Identität einer Gruppe neben anderen auch sprachlichen und literarischen Codes bediente, werden Flugschriften als eine bestimmte Kommunikationsart aufgefasst, durch welche die Identitätsbildung öffentlich ausgetragen wurde. Das Gedruckte war nicht mehr zurückzunehmen, denn es wurde von Hunderten oder Tausenden wahrgenommen, und man rechnete damit, dass ein öffentlicher Widerspruch jederzeit erhoben werden konnte. Demzufolge ist die nie abgeschlossene Wechselbeziehung zwischen Selbstzuschreibungen und Fremdwahrnehmungen für die Flugschriften so prägend.

Die literarischen und medialen Strategien wurden in Nord- und Nordwestböhmen von Wittenberg abgeleitet, das zugleich die zentrale Identifikationsgröße bildete. Die Broschürentexte aus Nord- und Nordwestböhmen stellen genauso wie die meisten Flugschriften Werke der gebildeten Elite dar. Die Intellektuellen wurden von der adeligen Obrigkeit und dem Magistrat installiert und von ihnen in der Ausübung ihres Amtes geschützt. Deshalb müssen die Drucktexte kaum die Wirklichkeit widerspiegeln, sondern halten eher Wunschbilder fest. Weil es sich um Identitätsentwürfe handelt, die an die Öffentlichkeit verteilt wurden, besaßen sie repräsentativen Charakter und unterlagen deshalb Manipulationen seitens der evangelischen Wortführer. Die Publizistik aus dieser Region zeichnet sich ansonsten dadurch aus, dass sie nicht nur Selbstentwürfe konstruiert, sondern dass sie sich auch in hohem Maße Fremdbilder aneignet, mit ihnen spielerisch umgeht und sie ins Positive ummünzt.

Die Flugschriften sind stark biografisch gefärbt. Die in den Druckwerken festgehaltenen Erlebnisse und Erfahrungen erhoben den Anspruch, im Gedächtnis ihres Publikums verankert und weiter tradiert zu werden. Die Verfasser scheinen diesen autobiografischen Angaben dementsprechend ein besonderes identitätsstiftendes Potenzial zugesprochen zu haben. Durch ihre Lebenserfahrungen wurde einerseits eine negative Vergangenheit kommuniziert, die allen gemeinsam war,15 andererseits konnten die Zuwendung zum Evangelium und die Konversion exemplarisch vorgeführt werden. Durch das Schildern ihres eigenen Schicksals und der meistens ungünstigen Lage, in der sich die ihnen anvertrauten Gemeinden befanden, wurde ein Mitgefühl erzeugt, das der Compassio gleichen sollte, die man im Falle des Leidens Christi empfand.←19 | 20→

Für Balthasar Hubmaier, der nach Nikolsburg aus dem vorderösterreichischen Waldshut kam und in Mähren lediglich zwei Jahre schriftstellerisch tätig sein konnte, spielte zwar die als Exil gewählte Ortschaft eine Rolle, die spezifische religiöse und politische Situation in den Ländern der böhmischen Krone fand dagegen keinen Widerhall in seinen Schriften. Er benutzte die an der mährisch-österreichischen Grenze liegende Ortschaft als einen Platzhalter, sodass diese mit jedem beliebigen Ort im Heiligen Römischen Reich austauschbar war.16 Daraus ergibt sich die Frage, ob die Autoren, die am gegenüberliegenden Ende des böhmischen Staates zur selben Zeit wirkten, ähnlich wie dieser Täufer verfuhren oder sich von ihm unterschieden. Sie wirkten einerseits in unmittelbarer Nähe von Städten, die utraquistisch waren, und standen also durchaus in Kontakt mit dieser Konfession. Andererseits mussten sie dem Druck des Prager Administrators Johannes Zack und des Dompropstes Ernst von Schleinitz standhalten und scheuten vor Konfrontationen durch die Flugschriften nicht zurück. Gewinnt also diese Polemik durch die unmittelbare Nachbarschaft zu Sachsen und zu den utraquistischen Regionen eine besondere Qualität?

Die in Nord- und Nordwestböhmen tätigen Verfasser wuchsen zwar in einer Welt auf, die von gedruckten Büchern geprägt war, sie fassten aber das relativ neue Medium Flugschrift und dessen Möglichkeiten unterschiedlich auf. Das lag darin, dass sie dem Druckwerk eine unterschiedliche Funktion zusprachen und die Macht des gedruckten Wortes anders bewerteten. Inwieweit die Autoren das Potenzial der Flugschrift ausschöpfen konnten, lässt sich unter anderem daran messen, wie sie mit Mündlichkeit und Schriftlichkeit umgehen. Deshalb soll das Cross-over von mündlichen Aussagen, von Hand ausgeführter Niederschrift und dem Drucktext ein Thema darstellen. Es wird sich allerdings bei diesem Punkt herausstellen, welch eine Auswirkung das benachbarte Sachsen auf die Entstehung der einzelnen Flugschriften hatte.

1.3 Die religiösen Verhältnisse im Königreich Böhmen am Vorabend und nach dem Ausbruch der Reformation

Seit der Verabschiedung der Basler Kompaktaten im Jahre 1433 und der Herausgabe des Majestätsbriefs Kaiser Sigismunds drei Jahre später waren in den Ländern der böhmischen Krone zwei Konfessionen offiziell anerkannt, nämlich die katholische und die utraquistische Kirche. Das Konzil zu Basel entschärfte aber die Forderungen der hussitischen Partei, sodass der Laienkelch als einzig ←20 | 21→wichtiges Zugeständnis beibehalten blieb. Auch deshalb gingen die Katholiken in den späteren Verhandlungen im 15. und 16. Jahrhundert immer vom strikten Wortlaut der Kompaktaten aus, während die Utraquisten, d. h. die Nachfolger des früheren Hussitismus, in diesem Dokument vornehmlich die Anerkennung ihres Bekenntnisses sahen und deshalb nicht so ganz genau auf dessen Wortlaut achteten. Diesen Zustand eines religiösen Dualismus kodifizierte schließlich der Kuttenberger Religionsfriede von 1485. Es handelte sich um einen wichtigen und bisher in Europa ungewöhnlichen Vertrag, der nicht nur den Adeligen, sondern auch ihren Untertanen Religionsfreiheit zusprach. Es wurde allen Gläubigen das Recht zuerkannt, diejenige Kirche zu besuchen, in der der Pfarrer ihrer Konfession wirkte. Das beschlossene Dokument unterschied sich maßgeblich dadurch vom Augsburger Religionsfrieden, dass die Obrigkeit ihre Untertanen zu keinem der beiden Bekenntnisse zwingen durfte. Genauso wie schon im Majestätsbrief Kaiser Sigismunds wurde also nicht nach der Grundherrschaft bestimmt, welcher der beiden Konfessionen man zugehörig war, sondern man ging von der Gemeinde aus. Zugleich wurde festgelegt, dass alle Pfarren bei deren bisherigen Konfession blieben, es wurde also ein Status quo kodifiziert. Der Friede wurde zunächst auf die Dauer von 31 Jahren abgeschlossen, auf dem Landtag von 1512 wurde die Gültigkeit auf ewig verlängert.17

Der Kuttenberger Friede sorgte zwar für jahrelange religiöse Stabilität, schuf aber keinesfalls die Fehden zwischen den Vertretern des Katholizismus und Utraquismus ab, deren Leiter in Prag residierten. Die Prager Erzdiözese wurde anstelle eines Erzbischofs, dessen Stuhl seit Mitte der 1420er-Jahre unbesetzt war, von Vorstehern des Metropolitankapitels zu St. Veit verwaltet. Weil sich der Dom im Areal der Prager Burg und daher auf einem Hügel befand, sprach man vom sog. oberen Konsistorium. Diesem stand ein katholischer Administrator vor. In den Jahren 1510/1511–1525 hatte Johannes Zack (Jan Žák) das Amt inne, welcher dann von einem seiner engsten Mitarbeiter Ernst von Schleinitz ersetzt wurde (1525–1542).18 Eine Opposition zu diesem Verwaltungsorgan bildete das im Karlskolleg residierende untere Konsistorium mit seinem utraquistischen ←21 | 22→Administrator. Der Sitz verrät, dass dieses Konsistorium mit der ebenfalls utraquistischen und daher von der Außenwelt größtenteils isolierten Universität aufs Engste verbunden war, der utraquistische Administrator war immer zugleich ein Universitätsmeister. Die Utraquisten waren alles andere als eine kohärente Gruppierung, denn es bildeten sich Flügel mit unterschiedlichen gemäßigten und radikalen Meinungen heraus.

Der Kuttenberger Religionsfriede von 1485 bezog sich freilich nur auf die beiden anerkannten Bekenntnisse. Die dritte mächtige Konfession im Lande, die Brüderunität, die sich nach der Mitte des 15. Jahrhunderts formierte, wurde weiterhin verfolgt. Genauso erging es anderen kleinen Gruppierungen, die sich meist um charismatische Laienmystiker sammelten. Die Brüderunität gewann aber langsam an Mitgliedern und daher an Bedeutung, um 1500 öffnete sie sich sogar dem Bürgertum und dem Adel. Ihr Wachsen führte zu einer Welle von nicht besonders wirksamen Repressionen, welche im St.-Jakobs-Mandat von 1508 ihren Höhepunkt erreichten. Obwohl das Mandat der Unität ihre Tätigkeit gänzlich untersagte und forderte, dass ihre Mitglieder eins der beiden offiziell anerkannten Bekenntnisse annahmen, zeigte es keine Wirkung. Die Adeligen, welche die Verordnung betraf, respektierten das Mandat einfach nicht, sondern nahmen ihre Untertanen in Schutz. Der wichtigste Denker der Unität im ersten Viertel des 16. Jahrhunderts war Lukas von Prag. Er wurde zu einem der Bischöfe der Brüderunität und ließ sich in Jung Bunzlau (Mladá Boleslav) nieder. Er war literarisch tätig und formulierte die wichtigsten Grundsätze der Brüderunität.19

Als die Lehre Luthers die böhmischen Länder zu durchdringen begann, war man also bereits an Konfrontationen mehrerer Bekenntnisse und deren Abspaltungen gewöhnt. Daher wurde die Formulierung des Standpunkts von Luther nicht als ganz außergewöhnlich wahrgenommen. Das hieß aber nicht, dass man nicht mit Begeisterung und Erwartungen zu ihm aufschaute. Ein Utraquist, bekannt als Organist Jakub, wohnte der Leipziger Disputation von 1519 bei und brachte die Nachrichten über Luthers Äußerungen über Johannes Hus sofort nach Prag. Seine böhmischen Gesprächspartner, der Propst des Karlskollegs Václav Rožďálovský und der Prediger der Teynkirche Václav Poduška, nahmen daraufhin Briefkontakt mit Luther auf und übersandten ihm ein Exemplar von Hussens Schrift „De ecclesia“. Luther schickte im Gegenzug einige seiner Werke nach Prag. So wurde ein Dialog der Böhmen, wie man damals die Utraquisten oder Kalixtiner zu nennen pflegte,20 mit dem ernestinischen Sachsen in Gang ←22 | 23→gesetzt. 1521 kam Thomas Müntzer nach Prag, der dort für einen Gesandten Luthers gehalten wurde. Er wurde dementsprechend willkommen geheißen und im Karlskolleg untergebracht. Darüber hinaus wurde ihm ermöglicht, in der prominenten Betlehemskapelle und der ebenso prominenten Fronleichnamskapelle zu predigen. Den Höhepunkt der Begegnungen mit der sächsischen Reformation stellte der Besuch von Gallus Cahera in Wittenberg dar, einem utraquistischen Priester und einem der vier gewählten Administratoren, welcher schon bald zum alleinigen Administrator ernannt wurde. Er war es angeblich, der Luther im Frühling 1523 zum Verfassen von „De instituendis ministris ecclesiae“ bewegte. Luther erteilte den Böhmen in dieser Schrift Ratschläge, die die Ordination ihrer Geistlichen und die Beziehung zu Rom betrafen.21 Zdeněk V. David interpretiert das rasche Brückenschlagen der utraquistischen Eliten zu Sachsen so, dass die Utraquisten im Auftreten Luthers eine Bestätigung ihrer selbst und ihres eigenen Bekenntnisses gesehen hätten. Die aufgenommenen Kontakte zu Wittenberg seien ein Beweis der Neugierde und der für den Utraquismus selbstverständlichen Bereitschaft, fremden Meinungen zuzuhören, gewesen. Die Begegnung mit Luther habe aber nicht zu einer Übernahme der Lehrsätze der deutschen Reformation geführt, sondern zur Stärkung des seit Langem eingeschlagenen eigenen Weges. Das zeige die Verabschiedung der sog. „Lichtmess-Artikel“ im Januar 1524, welche sonst als Beleg des Luthereinflusses innerhalb des Utraquismus gesehen wurde.22

Die Böhmischen Brüder konnten Luther aufsuchen, nachdem dieser angefangen hatte, seine Meinung über die Pikarden, wie die Vertreter der Brüderunität tituliert wurden,23 mit der Herausgabe von „An den christlichen Adel deutscher Nation“, zu revidieren. Deshalb reisten einige der Brüder nach Wittenberg; diese Kontaktaufnahmen verliefen aber im privaten Rahmen. Das änderte sich, als Lukas von Prag gegen Luther ab 1522 öffentlich polemisierte. Obwohl die Debatte in friedlichem Ton geführt wurde, waren die theologischen ←23 | 24→Unterschiede so schwerwiegend, dass eine Einigung unmöglich war. Obwohl die Brüderunität bereits in der zweiten Hälfte der 1520er-Jahre zur deutschen Sprache griff, erhielten ihre Kontakte mit Wittenberg erst neue Impulse, nachdem Lukas verschied und man in den 1530er-Jahren die Glaubensbekenntnisse der Unität auf Deutsch drucken ließ.24

Die Grundsätze der deutschen Reformation wurden in der Zeit der Regierung von Ludwig II. Jagiello in Böhmen und Mähren vornehmlich in deutschsprachigen Gebieten angenommen, die bis dahin katholisch geblieben waren. Zwar waren nicht alle evangelischen Geistlichen literarisch tätig, doch sind die wichtigsten Zentren, in denen sich die Reformation in Böhmen und Mähren schon in der ersten Hälfte der 1520er-Jahre durchsetzte, mit der publizistischen Tätigkeit ihrer Träger verbunden. Eine Ausnahme stellt die Stadt Kaaden (Kadaň) dar, in der man noch vor dem Eindringen der lutherischen Lehre nach Nordwestböhmen massenhaft zum Utraquismus übertrat.25 Neben Elbogen, St. Joachimsthal, Bensen und Tetschen befanden sich die zwei wichtigsten evangelisierten Städte in Mähren. Es handelte sich um Iglau, das in einer deutschen Sprachinsel an der böhmisch-mährischen Grenze lag, und um Nikolsburg, das den Herren von Liechtenstein gehörte, welche Ländereien sowohl in Südmähren als auch in Niederösterreich besaßen.

Im Januar 1522 reiste Paulus Speratus, der bis dahin das Amt des Dompredigers in Würzburg bekleidet hatte, jedoch Sympathien mit der Lehre Luthers aufwies und sogar in einer Beziehung mit einer Frau lebte, nach Ungarn. Auf dem Weg machte er Halt in Wien, wo er am 12. Januar eine Predigt im Stephansdom hielt. Insbesondere weil er in seiner Rede das Zölibat in Zweifel zog, wurde er der Ketzerei bezichtigt. Mit der Anstellung in Ofen, wohin er vom königlichen Hof berufen worden war, war daraufhin nicht mehr zu rechnen. Wahrscheinlich mit der Absicht, sich nach Wittenberg zu begeben, kam Speratus nach Iglau, wo er eine Predigerstelle in der Pfarrkirche erhielt. Speratus geriet rasch in einen Zwist mit König Ludwig II. Jagiello und dem Bischof von Olmütz. Ludwig erließ schon am 25. Juli 1522 ein Mandat gegen ihn, in dem dem Iglauer Rat geboten wurde, den Einwanderer der Stadt zu verweisen. Gleichzeitig befahl der König Bischof Stanislaus Thurzo, Speratus nach Olmütz zitieren zu lassen. Die Iglauer ←24 | 25→bemühten sich mit dem Einsatz einflussreicher Adeliger darum, dass Speratus das Predigen in der Stadt erlaubt blieb. Ein weiteres Mandat des Königs verhängte ein endgültiges Predigtverbot über ihn. Daraufhin wurde Speratus in Olmütz in Haft genommen und schließlich im April 1523 von Ludwig zum Feuertod verurteilt. Das Verdikt wurde durch die Fürsprache wichtiger Adeliger auf eine Inhaftierung von zwölf Wochen gemildert. Speratus wurde befohlen, nach der Entlassung das Land zu verlassen. Er kehrte trotzdem nach Iglau zurück, fand hier aber nicht die erhoffte Unterstützung, woraufhin er im September 1523 nach Wittenberg aufbrach. Wie seine dort verfassten Schriften und Übersetzungen belegen, hielt Speratus seine Trennung von der Iglauer Gemeinde jedoch für vorläufig und erhoffte sich von ihr seine erneuerte Berufung dorthin. Er verließ Wittenberg nach einem halben Jahr wieder, da ihm Martin Luther das Amt des Hofpredigers in Königsberg vermittelte.26

Die Herrschaftsgebiete der Herren von Liechtenstein erlitten noch während des 15. Jahrhunderts beträchtliche Schäden, die bis zum Anfang des 16. Jahrhunderts kaum beseitigt werden konnten. Um die Populationsverluste auszugleichen, nahm die südmährische Obrigkeit gern die Täufer auf, die dorthin zuzogen. So wuchs die Täufergemeinde in Nikolsburg, der Residenzstadt einer der Linien der Liechtensteiner. Einen Beitrag zu diesem Anwachsen leistete wohl auch der bereits erwähnte Balthasar Hubmaier. Er war einer der wichtigsten Vertreter der radikalen Reformation, der Ende des Jahres 1525 aus seiner bisherigen Wirkungsstätte im süddeutschen Waldshut vertrieben worden war und im nächsten Jahr dann nach Nikolsburg kam. Mit ihm ließ sich der bis dahin in Zürich tätige Buchdrucker Simprecht Sorg-Froschauer in der Stadt nieder, der dort 16 Schriften Hubmaiers veröffentlichte. Als Hubmaier in Südmähren eintraf, fand er in den beiden evangelischen Geistlichen Johannes Spittelmaier und Oswald Glaidt gute Unterstützer. Aus der Vorrede zur „Entschuldigung“ von Johannes Spittelmaier, dem ersten bekannten evangelischen Prediger in Nikolsburg, geht allerdings hervor, dass sich die Herren von Liechtenstein bereits vor März 1524 dem evangelischen Glauben zugewandt hatten, also zwei Jahre vor der Ankunft Hubmaiers. Während man aber in dieser Anfangsphase Spittelmaier zu den Anhängern Martin Luthers zählen kann, waren die Ansichten von ←25 | 26→Oswald Glaidt durch Huldrych Zwingli beeinflusst. Unterstützt wurde die Evangelisierung der Stadt durch Martin Göschl, einen ehemals hohen Geistlichen aus Olmütz.27

Hubmaier baute in Nikolsburg eine Täufergemeinde auf. Nachdem Ferdinand von Habsburg den böhmischen Thron bestiegen hatte, griff er aber aktiv gegen die Täufer auf seinem neu erworbenen Herrschaftsgebiet durch. Einer seiner ersten Schritte war die Forderung, dass die Liechtensteiner ihm Balthasar Hubmaier ausliefern sollten, was Ende Juli 1527 geschah. Daher wurde Hubmaier auf Schloss Kreuzenstein bei Wien inhaftiert und verhört, bis er am 10. März 1528 in Wien als Aufrührer und Ketzer auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde. Glaidt, dessen zwei Flugschriften in der Offizin von Sorg-Froschauer gedruckt worden waren, verließ Mähren mit Hans Hut, welcher im Mai 1527 in der Nikolsburger Residenz mit Hubmaier disputiert hatte, und entging so den Repressionen seitens des Landesfürsten. Spittelmaier blieb nach der Gefangennahme von Balthasar Hubmaier in Südmähren, denn er nahm 1528 an der Disputation in Bergen (Perná) teil. Für diese Annahme spricht weiters ein handschriftlich überliefertes Bekenntnis von 1535, wo Johannes Spittelmaier, Prediger zu Nikolsburg, unter den Unterzeichneten zu finden ist.28

Anhand der Lebenswege der Reformer, die sich in Mähren niederließen, können einige Charakteristika der evangelischen Eliten der ersten Generation veranschaulicht werden, denn in den Tätigkeiten der Prädikanten in Nord- und Nordwestböhmen zeigen sich ähnliche Züge. Die Prediger waren in der Regel Auswärtige, die sich in den Ländern der böhmischen Krone niederließen, nachdem sie schon an anderen Orten gewirkt und die Lehrsätze Luthers kennengelernt hatten.29 Deshalb entschieden sich die Ankömmlinge für Ortschaften in den überwiegend deutschsprachigen Regionen. Die meisten von ihnen hatten eine Zeit lang an einer Universität studiert oder waren ehemalige Mönche. Ihre Tätigkeit in den böhmischen Ländern wurde durch die Obrigkeit oder durch die Stadtverwaltung unterstützt. Trotzdem beschränkte sich ihr Aufenthalt auf wenige Jahre. Sie konnten dem Druck aus dem katholischen Lager nicht standhalten. Das von Luther propagierte Reformgut befand sich immerhin „außerhalb ←26 | 27→des im Königreich landrechtlich festgelegten katholisch-utraquistischen Rahmens, der 1485 im Kuttenberger Religionsfrieden abgesteckt worden war.“30 Seltener wurden die Prädikanten durch die Auseinandersetzung mit andersdenkenden evangelischen Kommilitonen zum Weggang gezwungen.

Obwohl man anhand der Lebenswege der evangelischen Priester und der Art und Weise, wie das evangelische Gedankengut in einzelnen Städten durchgesetzt wurde, Parallelen feststellen kann, muss festgehalten werden, dass Nord- und Nordwestböhmen unter den Ländern der böhmischen Krone seit dem Mittelalter einen spezifischen Raum darstellten. Die Region stand im ständigen Kontakt mit anliegenden Gebieten jenseits der Landesgrenze, sodass diese keine Barriere darstellte und äußerst durchlässig war. Für diesen Raum war seit dem 14. Jahrhundert vielmehr ein gegenseitiger wirtschaftlicher, religiöser, politischer und kultureller Austausch prägend.31 Die Integrität der Region wurde zudem dadurch gestärkt, dass die Obrigkeit durch ihre Besitztümer oder verwandtschaftliche Beziehungen an die ausländischen Regionen angebunden war. Der Bezug des Adels aus diesem Grenzraum zu den Wettinern war allerdings so groß, dass man bei einigen Edelleuten sogar von einer ausschließlichen Anbindung an Sachsen sprechen kann.32 Die Grafen Schlick und die Herren von Salhausen, welche über die in dieser Arbeit behandelten Ortschaften herrschten, nahmen unter dem böhmischen Adel zudem eine Randposition ein und es bereitete ihnen große Schwierigkeiten, sich in die böhmische Ständestruktur zu integrieren.33 Ein reger Austausch wurde allenfalls durch die Mobilität der damaligen kulturellen Elite gegeben.34 Nicht zu vergessen ist, dass es sich um eine montane Region handelte, die internationale Investoren und Arbeiter anlockte.35←27 | 28→

1.4 Flugschrift

Die bis heute am häufigsten zitierte Definition der Flugschrift ist vierzig Jahre alt und stammt von Hans-Joachim Köhler:

Eine Flugschrift ist eine aus mehr als einem Blatt bestehende, selbstständige, nicht periodische und nicht gebundene Druckschrift, die sich mit dem Ziel der Agitation (d. h. der Beeinflussung des Handelns) und/oder der Propaganda (d. h. der Beeinflussung der Überzeugung) an die gesamte Öffentlichkeit wendet.36

Köhler bemühte sich um die Schärfung des Begriffs, weil zum Zeitpunkt, als er seinen Beitrag verfasste, dieser mit großer Selbstverständlichkeit benutzt worden war und die Forschung sich darin einig zu sein schien, wie dieses Wort zu gebrauchen war, jedoch den Terminus bei näherer Betrachtung jeweils unterschiedlich verstand. Köhler verglich deshalb die damals gebräuchlichen Definitionen, um festzustellen, auf welche Punkte sich einzelne Autoren einigten und berücksichtigte bei seiner Neudefinition größtenteils den bisherigen Konsens. Seine Begriffsbestimmung betraf die Anwendbarkeit des Terminus für alle Epochen seit dem 16. Jahrhundert und vereinte formale, inhaltliche und funktionale Komponenten.

Durch ihre Mehrblättrigkeit unterscheidet sich die Flugschrift vom Flugblatt, welches entweder ein- oder beidseitig bedruckt wurde, als Oberbegriff für beide Medien dient der Ausdruck Flugpublizistik.37 Die bedruckten Doppelblätter wurden zu einer Flugschrift einfach zusammengelegt oder mit einem Faden zusammengenäht.38 Die meisten Flugschriften des frühen 16. Jahrhunderts bestanden aus wenigen Lagen, im Durchschnitt gebrauchte man zwei bedruckte Quaterniones (je vier Doppelblätter). Die Hälfte der Flugschriften des ersten Drittels des ←28 | 29→16. Jahrhunderts kam jedoch mit weniger als lediglich dem halben Umfang aus und betrug nicht mehr als acht Blatt.39 Die Grenze zwischen großformatigem Flugblatt und mehrblättriger Flugschrift kann allerdings fließend sein. Das zeigen sowohl die antijudaistische Schrift „Die Rechnung Ruprecht Kolpergers von dem Gesuch der Juden auf 30 dn“ von Hans Folz als auch Luthers 95 Thesen, welche zuerst als Einzelblatt und erst dann als Flugschrift im kleinen Format gedruckt wurden. Ebenfalls das „Wormser Edikt“ Kaiser Karls V. erschien als Broschüre und als Einzelblatt.40

Der Unterschied besteht darin, dass der Verfasser einer Flugschrift über viel mehr Raum verfügte als ein Autor, welcher lediglich einen Flugblatttext niederschrieb, was sich nicht nur auf die Ausführlichkeit der mitgeteilten Informationen auswirkte, sondern auch auf den Aufbau des Textes oder die gewählte Argumentationsstrategie.41 Während folglich ein Lied einen Text darstellt, welcher für das Medium Flugblatt typisch war und als Flugschrift eher in Liedersammlungen vorkam, war eine Predigt im Medium Flugblatt nur schwer realisierbar. Außerdem hängt der Umfang der Flugschrift mit ihrem Gebrauch zusammen. Man sollte also den etwa achtseitigen Flugschriften und den Broschüren mit etwa 16 oder sogar über 20 Blatt jeweils eine andere Funktion zusprechen.42

Die Lagen, in der Frühen Neuzeit in der Regel in Quartgröße, waren vor dem Verkauf mit keinem festen Einband versehen, was nicht bedeutet, dass sie nicht im Nachhinein in ein Konvolut eingebunden oder mit Leder- bzw. später mit Papiereinband versehen wurden. So findet man die Flugschriften heutzutage in den Bibliotheken vor. Gleichwohl konnten Flugschriftentexte später in größere Textsammlungen aufgenommen werden, somit verwandelte sich die Flugschrift zum integralen Bestandteil eines Buches. Die Flugschriften des 16. Jahrhunderts waren aber in der Regel schmale Broschüren, welche meist nur einen Haupttext beinhalteten. Seltener setzte man wenige Haupttexte zusammen. Das schließt nicht aus, dass einige Texte zuerst in einer Flugschrift zusammen mit anderen Texten erschienen und später separat herausgegeben wurden. Das Kriterium der Periodizität erübrigt sich für das 16. Jahrhundert, weil periodische Zeitungen erst am Anfang des 17. Jahrhunderts entstanden.43←29 | 30→

Was die Wirkung anbelangt, musste die Agitation laut Köhler nicht zu emotional beladenen Handlungen oder sogar Revolutionen führen, aber es konnten beispielsweise eine Beruhigung der Situation, eine Wiederherstellung der alten Verhältnisse oder soziale Integration intendiert werden. Genauso mussten die Flugschriften nicht nur darauf abzielen, dass Meinungen geändert werden, sondern man konnte auch Anhänger in ihrer Überzeugung stärken. Köhler unterstreicht dazu die Aktualität als ein weiteres konstitutives Merkmal für die Flugschriften. Darunter wird nicht unbedingt die Gleichzeitigkeit der Drucklegung des Textes und der Begebenheit verstanden, auf die sich dieser Text bezieht, sondern „der (mindestens vom Kommunikator unterstellte) unmittelbare Beitrag der Aussage zur Bewältigung der gleichzeitigen materiellen und geistigen Probleme der Rezipienten.“44 Für den untersuchten Zeitrahmen sind also Texte wichtig, die sich als Beiträge zu Debatten in religiösen Angelegenheiten und die soziale Ordnung betreffend verstehen.

Schwitalla betonte, dass das Wort Flugschrift ein medialer Begriff ist und kein textueller, und unterstreicht, dass die Flugschrift keine Textsorte ist.45 Demgemäß ist das Spektrum der verschiedenen Texte, die man gedruckt als Flugschrift vorfindet, sehr breit und erstreckt sich von Urkunden bis auf literarische Formen wie Dialog oder Fastnachtsspiel. Am häufigsten kommen Predigten vor. Man findet sowohl Predigtsummarien als auch direkt für den Druck nachträglich redigierte Lesepredigten. Gefolgt wird diese Textform durch die Gattung Brief, oft kommen Mischformen der beiden Textgattungen vor.46 Köhler rechnete fast die Hälfte der Flugschriften zum Typ, welcher sich durch „schlussfolgernde Sprache“47 auszeichnet, also sein Vorhaben argumentativ darlegt. Johannes Schwitalla meinte sogar, dass nur 5 % der frühen Flugschriftenproduktion Spott- und Beleidigungstexte waren, während die am meisten vertretenen Werke zu den durch explizites Begründen und Argumentieren unterstützten Bittschriften und Polemiken gehörten.48←30 | 31→

Köhler bezeichnete die Flugschriftenproduktion als frühe Form der Massenkommunikation.49 Das Publikum der Flugschrift war nämlich heterogen und anonym, eine Begrenzung des Rezipientenkreises auf eine soziale Gruppe war laut Köhler ausgeschlossen.50 Obwohl sich die Texte an bestimmte Adressatenkreise wandten, wurde damit gerechnet, dass sie daneben von anderen Gruppen wahrgenommen wurden. Schwitalla führte in diesem Zusammenhang die Begriffe Zentrum und Peripherie ein. Laut ihm sind die zentralen Flugschriften solche, die auf Deutsch verfasst wurden und vom Thema her alle betreffen. Periphere Flugschriften sind demgegenüber „solche, die sich vom Inhalt her an spezifische Adressaten wenden, sehr umfangreich und in einem Stil verfasst sind, den nicht alle verstehen können.“51 Die Flugschriften wurden einerseits still gelesen, andererseits aber auch laut vorgelesen, was Abbildungen sowie Aufforderungen in den Texten anschaulich machen. So leitet Martin Luther seine Flugschrift „Eine treue Vermahnung zu allen Christen, sich zu hüten vor Aufruhr und Empörung“ mit der Formel: Allen Christen, die dissen brieff leßen odder horenn, geb gott gnad unnd fryde.52 Freilich konnten die Flugschriften als Unterlage für mündliche Predigten dienen und im Gespräch oder einer gelehrten Disputation diskutiert werden. Sie konnten handschriftlich abgeschrieben oder nachgedruckt werden, sowie in einer weiteren Druckschrift widerlegt oder bejaht werden.53 Obwohl beim Verbreiten der reformatorischen Ideen die Mündlichkeit eine weitaus wichtigere Rolle als die Schriftlichkeit spielte, bestand laut Köhler die wohl bedeutendste Errungenschaft der Flugschriften in der „Schaffung einer sowohl umfassend und differenziert wie auch weitgehend gleichförmig informierten Anhängerschaft der führenden Reformatoren“.54 Vermittelt durch diese Trägergruppe sollten die Flugschriften eine öffentliche Meinung herstellen, und in der Tat wurde in den Jahren 1518–1525 durch dieses Medium eine neue Art der Öffentlichkeit geschaffen, die man als reformatorische Öffentlichkeit zu bezeichnen pflegt.55←31 | 32→

Johannes Burkhardt spricht daher von einer reformatorischen Öffentlichkeit als einer druckgestützten Öffentlichkeit.56 Die Entwicklung des Buchdrucks war eine der Bedingungen für die Entfaltung der Reformation, gleichzeitig verdankt der Buchdruck seine Entwicklung und Aufwertung eben der Reformation.57 Diese Wechselbeziehung brachte Albrecht Dröste auf den Punkt:

Zielt die Reformation auf der einen Seite darauf ab, den geistlichen Stand zu entprivilegieren, ja zu entauratisieren und mit der Aufsprengung des kirchlichen Monopols in religiösen Fragen auch die Laien am Diskurs über das Heil zu beteiligen, so ist sie dabei auf den Buchdruck angewiesen, der die herkömmlichen »Selektionsmechanismen des Wissens« faktisch außer Kraft setzt und für die Ausbildung einer literarischen (und damit auch reformatorischen) Öffentlichkeit unumgänglich ist. Auf der anderen Seite sind es die soziale Brisanz des reformatorischen Themas und der bewusste Gebrauch der Muttersprache, die erst die exorbitante Nachfrage nach dem gedruckten Wort und somit den Aufschwung der neuen Technologie in diesen Jahren ermöglichen.58

Obwohl man mit einer äußerst starken Verflochtenheit der Schriftlichkeit und Mündlichkeit rechnen muss, entdeckte die Reformation, wie man Druckwerke für das Verbreiten von Nachrichten und Meinungen einsetzen kann. Henning P. Jürgens und Thomas Weller bezeichneten deshalb die Flugschrift und das Flugblatt sehr treffend als „Distanz- und Fernmedien“,59 wodurch der Unterschied zur unmittelbaren Wirkung der mündlichen Kommunikation zum Ausdruck kommt. Im Vergleich zu den seit Gutenberg gedruckten Büchern war neu, dass man aktuelle Informationen und Ideen verbreitete. Demgegenüber war es jedoch die Oralität, die erst die Massenwirkung der Reformation ermöglichte. Während die Ideen wohl zuerst von einer Elite durch literarische Kommunikation aufgenommen und unter ihren Trägern verbreitet wurden, wurden sie mündlich durch das Vorlesen oder Predigen weitergetragen und privat oder öffentlich diskutiert.

Als zweite Eigenschaft der reformatorischen Öffentlichkeit nennt Burkhardt deren Offenbarungsbezogenheit, denn die Bibel wurde für alle zu einer verpflichtenden Grundlage jeglicher Form der Argumentation, sogar die oppositionellen Parteien ordneten sich dieser Forderung oft unter.60 Denn die Bibel ←32 | 33→war das Medium, durch welches Gott zu den Menschen sprach. Dabei erleichterten die Übersetzungen Luthers den Zugang zu diesem Urtext. Nicht nur, dass eine volkssprachliche, besser verständliche und revidierte Variante des Bibeltextes angeboten wurde, sondern auch eine viel billigere. Während Luthers Neues Testament von einem halben bis zu etwa anderthalb Gulden kostete, waren die früheren prachtvollen Bibelausgaben etwa 20 Gulden wert. Außerdem stellten die Drucker für ein weniger vermögendes Publikum Sammlungen mit Bibelzitaten zusammen, die Luther und seine Parteigänger am meisten benutzten. Der Einfluss der Lutherübersetzung lässt sich daran bemessen, dass zwischen den Jahren 1523–1525 bereits zwei Drittel der Flugschriften nach ihr zitierten.61 Der Preis der Bibel war trotzdem sehr hoch, sodass sich sicher nicht jeder eine Ausgabe der Bibel oder nur des Neuen Testaments leisten konnte. Wichtiger war eher, dass sich nach den reformatorischen Ansichten die Offenbarung Gottes an alle richtete, weshalb auch Laien berechtigt waren, freilich ausgerüstet mit einem Bibelexemplar, das Wort Gottes auszulegen. So antwortet der Schuster Hans in einem Dialog von Hans Sachs auf den Vorwurf eines Chorherrn, der Schuhmacher solle lieber seiner Arbeit nachgehen, als Zeit mit der Bibellektüre zu verbringen: Mit welcher heyliger geschrifft wolt irs beybringen einem getawfften Christen, nit in der schrifft zu forschen, lesen, schreiben? Daraufhin weiß der Schuhmacher seine Aussage durch gleich vier Bibelzitate zu bestätigen. Und auf eine spitze Bemerkung des Chorherrn kontert er: Ir spot wol. Die juden wissen ir gesetz und propheten frey außwendig, sollenn dann wir Christen nit auch wissen das evangelium Jesu Christi, weliches ist die kraft gottes allen, die selig sollen werden, wie Paulus j. Corint. j. (24).62

Die meisten Informationen über Produktion, Auflagen und Preise gehen auf die Veröffentlichungen von Köhler zurück.63 Dieser untersuchte anhand eines repräsentativen Ausschnitts die Flugschriften des ersten Drittels des 16. Jahrhunderts und stellte fest, dass die Produktion vom Jahre 1517 bis zum Jahre 1524 stetig wuchs. In den Jahren 1523–1524 erreichte sie ihren Höhepunkt und sank danach wieder sehr schnell, was durch die erhöhte Zensur erklärt werden kann. ←33 | 34→Seit 1520 überwogen die deutschsprachigen Flugschriften im Vergleich zu den lateinischen.64 Die Flugschriften stellten keine hohen Ansprüche an den Satz und die Drucklegung, sodass sie von kleinen Offizinen produziert werden konnten und für diese eine wichtige Einnahmequelle darstellten. Außerdem stellten viele große und renommierte Drucker Flugschriften her.65 Die Auflagenhöhe um das Jahr 1520 wird auf etwa 1000 Exemplare pro Druck geschätzt.66 Aus den handschriftlichen Vermerken auf einigen Flugschriften kann man die Preise ablesen. Dennoch warnte Köhler davor, dass man verallgemeinert, denn der Preis war nicht nur von der schwer feststellbaren Auflagenhöhe abhängig, sondern auch von der Ausstattung des Druckes sowie von den Transportkosten. Er kommt zum vorsichtigen Schluss, dass ein Druckbogen ein bis zwei Pfennige kosten konnte. Das macht bei einer Quartschrift mit 16 Blatt etwa acht Pfennige, was damals einem Drittel des Tageslohnes eines Handwerksgesellen, dem Preis für ein Huhn oder einem Kilo Rindfleisch entsprochen hätte. Allerdings muss damit gerechnet werden, dass ein Teil der Drucke auf Kosten von kirchlichen oder weltlichen Institutionen veröffentlicht und verteilt wurde.67

Die Bezeichnung fliegendes Blatt tauchte erst ab dem 18. Jahrhundert auf, ins Deutsche kam sie als Lehnübersetzung aus dem Französischen. Das zum Flugblatt parallel gebildete Wort Flugschrift lässt sich zum ersten Mal im Jahre 1788 bei Christan F. D. Schubart belegen. Wiewohl sich die Metapher eines fliegenden oder eher schnell kursierenden Blattes bereits im 16. Jahrhundert finden lässt, hießen diese Werke damals einfach Büchlein oder libelli.68 In der Flugschrift von Johann Freysleben, einem Prädikanten, welcher für die Einführung der Reformation in der böhmischen Stadt Elbogen verantwortlich gemacht wird, erläutert sogar das personifizierte Büchlein selbst, wie es entstand.69 Luther bezeichnete sowohl Werke, die wir heute Flugschriften nennen, wie auch sehr umfangreiche Schriften als Büchlein. Wie Holger Flachmann ausführte, war der Begriff des Buches sowie die Unterscheidung zwischen Buch und Büchlein bei Luther nicht an materielle Komponenten gebunden. Ein Buch war für ihn ein literarisches ←34 | 35→Stück, der Begriff wurde also vom Inhalt her geprägt. Allerdings bezeichnete Luther sein Werk „Contra Henricum regem Angliae“, die zentralen Schriften des Jahres 1520, oder die zu den umfangreichen Flugschriften zählenden Titel „Von der Beicht, ob die der Papst Macht habe zu gebieten“ und „De votis monasticis Martini Lutheri iudicium“ als Büchlein. „De captivitate Babylonica ecclesiae praeludium“ oder die „Theologia deutsch“ nannte er sowohl Büchlein als auch Buch.70 Das „Passional Christi und Antichristi“ war für ihn jedoch ein buchle.71 Albrecht Dröste macht darauf aufmerksam, dass das Diminutiv nicht als ein Hinweis auf den Umfang, sondern eher auf die Funktion dieser Schriften zu verstehen sei, denn unter diesem Begriff wurden Supplikationen verstanden, insbesondere Bittschriften, die sich an die Obrigkeit richteten und mittels welcher ein Übel abgeschafft werden sollte.72

1.5 Die Welt der reformatorischen Publizistik und der Identitätsbegriff

Als Bernd Hamm nach dem Innovationspotenzial der Reformation fragte, unterschied er vier Arten der Innovation, ohne zwischen diesen Kategorien eine feste Grenze ziehen zu wollen. Er bezeichnet sie als Umbruch, Verstärkung oder Beschleunigung, kontinuierliche Veränderung und Fortsetzung des spätmittelalterlichen Wandels mit einem qualitativen Sprung.73 Die Reformation lehnte vieles, was bisher gegolten hatte, strikt ab. Sie konnte ihre Umwälzung oder Umwertung des bisher Geschätzten zumindest unter den Intellektuellen sehr schnell durchführen, wozu u. a. die Flugschriftenpublizistik maßgeblich beitrug. Zugleich wurden viele vorreformatorische Wandlungen mit verstärkter Intensität und Geschwindigkeit weitergeführt. Während Hamm als Beispiel für die radikale Ablehnung des Alten die Entsakralisierung der Heiligen und das veränderte Heiligkeitsverständnis nennt, hebt er im Falle der zweiten Kategorie die Veränderungen in der schriftbezogenen Frömmigkeit hervor. Er meine damit

den spätmittelalterlichen Weg vom heiligen, ritualisierten Text, der – auch ohne verstanden zu werden – durch sein pures Gesprochensein heilsam ist, zum Text, der von ←35 | 36→den Hörern und Lesern in seinem Aussagegehalt verstanden werden soll, damit sie eine Textadäquate Andacht empfinden.74

Hamm unterstreicht die Langfristigkeit dieses Vorgangs, der mit volkssprachlicher Vermittlung der Glaubenswerte und wachsender Lesefähigkeit verbunden war. Die dritte Kategorie von Hamm lässt zwar den Aspekt einer markanten Beschleunigung aus, rechnet aber mit einer Weiterentwicklung der lange vor dem Ausbruch der Reformation sich etablierten Prozesse. So übernahm die Reformation vom Spätmittelalter die Ängste vor der Ankunft des Teufels und gestaltete sie weiter. Die vierte Kategorie lässt sich anhand des Übergangs von der Frömmigkeitstheologie des Spätmittelalters zur reformatorischen Theologie exemplifizieren. Insgesamt sieht Hamm in der Reformation einen Systembruch, der insbesondere durch die Zentrierung auf die Bibel „eine neuartige Sinnformation von Theologie, Frömmigkeit und Kirche mit einem neuen Zeichen-, Legitimations- und Normgefüge“75 geschaffen habe.

Obwohl die Flugschriften für alle Innovationsvorgänge während der Reformation von großer Bedeutung waren, fällt die Entwicklung der Flugpublizistik bei Hamm in seine zweite Kategorie, stellt also eine kontinuierliche Fortsetzung des spätmittelalterlichen Prozesses, der zu dem Bereich Beschleunigung und Verstärkung gezählt wird, dar.76 Dem entspricht die Anschauung von Thomas Kaufmann, welcher die Wortführer der Reformation treffend als printing natives bezeichnete. Denn den Reformatoren der ersten Generation war ein „besonders intensives, selbstverständlich habitualisiertes Verhältnis zum gedruckten Buch“77 eigen. Sie wuchsen in einer Welt auf, die von gedruckten Büchern beherrscht wurde. Sie lernten aus gedruckten Büchern und schöpften aus ihnen ihr Wissen. Sie besaßen noch vor dem Ausbruch der Reformation Druckwerke, halfen sich gegenseitig bei deren Erwerb, tauschten sie untereinander und informierten sich über Neuerscheinungen. Sie beteiligten sich verschiedenartig an der Buchproduktion und pflegten Kontakte zu den Buchherstellern. Dadurch, dass sie weniger Zeit mit Abschreiben verbrachten, hatten sie wohl mehr Zeit zum Lesen.

Durch ihren selbstverständlichen Umgang mit dem Druckwerk und durch ihr Innovationspotenzial waren die Reformatoren zugleich imstande, ←36 | 37→Kommunikationsstrategien zu entwickeln, die die bisherige akademische Kultur auflösten, und ließen Kommunikationsräume entstehen, an denen auch Laien partizipierten. Sie konnten einerseits das mitgebrachte Erbe nutzen, andererseits schufen sie neue Ausdrucksmöglichkeiten, sodass Kaufmann konstatieren konnte: „Im Spiegel der Drucküberlieferung stellt sich die frühe Reformationszeit als ein Laboratorium kreativer Aneignung des Vergangenen und literarisch-publizistischer Neuschöpfungen dar.“78 Zentral war dabei die Stadt Wittenberg, in der sich während der 1520er-Jahre eine Infrastruktur etablierte, die große Mengen von Druckschriften in kurzer Zeit entstehen ließ.79

Nicht nur in Wittenberg entwickelte sich solch ein Laboratorium, sondern auch die Region an der böhmisch-sächsischen Grenze war an der ambivalenten Aneignung, von der Kaufmann spricht, beteiligt, so lautet die These. Trotz einer geringen Anzahl an Druckwerke beteiligte sich die lokale Flugschriftenpublizistik am reformatorischen Systembruch, wobei die literarischen und medialen Strategien zur Verteidigung der ‚Wahrheit‘80 entweder in Anlehnung an die sächsische Publizistik oder sogar in Kooperation mit Wittenberg entfaltet wurden. Die Stadt Wittenberg diente mit ihrer entwickelten typografischen Struktur auch in diesem Raum als bedeutende Antriebskraft.

Die Flugschrift kann in Bezug auf Benedict Anderson als eine extreme Form des Buches bezeichnet werden.81 Anderson gebrauchte diese Worte allerdings für die Zeitung, mit der sich die Flugschrift weder in Auflagenhöhe noch in ihrer Aktualität messen kann. Trotzdem stellte sie in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts ein Druckerzeugnis dar, das sich insbesondere durch die Menge relativ leicht zugänglicher Exemplare und ihren Aktualitätsbezug von gedruckten Büchern unterschied. Anderson veranschaulicht am Beispiel des Zeitungslesers weiter seinen Begriff der imagined community. Eine vorgestellte Gemeinschaft ist laut ihm eine Gemeinschaft, deren Angehörige sich nicht alle kennen können, sie begegnen sich nicht einmal alle oder hören voneinander, weshalb sie ihre Einheit und Zugehörigkeit zueinander imaginieren.82 Derjenige, der am Morgen die Zeitung aufschlägt, ist sich bewusst, dass andere mit ihm etwa zu derselben Zeit dieselben Informationen lesen, d. h. an derselben Zusammenstellung und Anordnung von Artikeln, Überschriften und Fotografien Anteil ←37 | 38→nehmen. Obwohl der Vorgang des Lesens an gesonderten Plätzen, meist im privaten Raum, abläuft, ist jedem Beteiligten klar, dass „seine Zeremonie gleichzeitig von Tausenden (oder Millionen) anderer vollzogen wird, von deren Existenz er überzeugt ist.“83 Obwohl der Zeitungsleser die anderen nicht kennt, sieht er sie doch manchmal bei der Lektüre oder findet irgendwo schon durchgelesene Exemplare. Dies verleiht ihm ein Bewusstsein darüber, dass in gleicher Weise, zur gleichen Zeit und in gleichen Intervallen andere Menschen an einem identischen Informationsschub teilhaben. Dass er anderen Lesern oder herumliegenden Exemplaren seiner Zeitung begegnet, deutet er als Zeichen, dass „die vorgestellte Welt sichtbar im Alltagsleben verwurzelt ist“,84 womit sein Vertrauen in diese sonst nicht greifbare Einheit hergestellt wird.

Die Flugschriftenrezipienten waren sich bewusst, dass dieselbe Botschaft von einer großen Menge anderer Leute rezipiert wurde. Sie sahen andere, wie sie gleiche Flugschriftenexemplare kauften, sie konsumierten den Inhalt in gemeinsamer Lektüre, diskutierten den Text oder wussten vom Hörensagen über die Existenz weiterer Texte mit ähnlichem Inhalt. Die Flugschriften selbst ließen ihre Leser wissen, dass sie zu einer Gemeinschaft gehörten, oder warben dafür, sich dieser Gemeinschaft anzuschließen. Das Gefühl, man gehöre zu einer Gruppe, konnte nicht nur dadurch vermittelt werden, dass sich die Vorrede an den christlichen Leser richtete oder das Titelblatt eine Menschengruppe abbildete, wie sie eine bereits aufgeschlagene Broschüre besprechen, sondern es konnte auch textintern konstruiert werden. Sehr wirksam war wohl, wenn man eine Predigt abdruckte, in der sich der Verfasser direkt an seine Adressaten mit allgemeinen Anreden in zweiter Person wandte.

Dieselbe Rolle erfühlte die geografische Einbettung der Texte, welche als Flugschriften verbreitet wurden. Als Bernd Moeller und Karl Stackmann nach der Funktion von solchen Ortsangaben in den Druckwerken der reformatorischen Publizistik fragten, zogen sie eine Flugschrift von Johannes Fritzhans an den Rat und die Gemeinde von Magdeburg zurate. Laut ihnen wird das Druckwerk durch die Nennung dieser Angaben „zum Zeugnis für etwas, was sich in der Gegenwart der potenziellen Leser und in ihrer Lebenswelt wirklich ereignet hat.“85 Das Publikum wurde dadurch zur Identifikation mit der ursprünglichen Hörerschaft bewogen, zugleich war es sich dessen bewusst, dass noch mehr Menschen an dem mitgeteilten Wissen partizipierten.←38 | 39→

Die Flugschriftenproduktion boomte und man wusste davon. Zudem war es klar, dass die Broschüren größtenteils identische Probleme behandelten. Man glaubte aber daran, dass die Flut von ähnlichen Schriften eine öffentliche Meinung schuf, die den bisherigen Stand verändern konnte. Die stetig ansteigende Masse von neuen Schriften verlieh dem Einzelnen das Gefühl, dass die Bewegung nicht mehr zu stoppen war. Wie Andrew Pettegree treffend formulierte:

Pamphlets and their purchasers had together created the impression of irresistible force. This is why their publication was important even if they had nothing new to say, and why they were purchased by people who already knew that they agreed with what they contained.86

In der Tat sahen die Gegner der Reformation in der wachsenden Publizistik eine große Gefahr und ließen sich darauf ein, Flugschriften in der Volkssprache zu verfassen.

Marcus Sandl hält fest, am Anfang der Reformation habe ein Erinnerungsakt gestanden. Es waren die wahren Inhalte des Christentums, an die man erinnert werden sollte, denn sie wären laut den Anschauungen von Martin Luther und seinen Zeitgenossen verdunkelt oder ganz vergessen worden.87 Damit diese Inhalte wieder ins Gedächtnis gerufen werden konnten, musste man zur Urquelle des Glaubens zurückkommen, zur Bibel. Sandl unterstreicht zu Recht, dass die Devise ad fontes nicht nur für den Humanismus, sondern auch für die Reformation zentral war.88 Das Christentum des Mittelalters vergegenwärtigte sich verschiedene Geschichten oder Momente, die in der Heiligen Schrift fixiert waren, aber erst mit der Einführung der Reformation vollzog sich, wie Marcus Sandl ausführt, ein Wandel in der Art der Bibelexegese. Während die mittelalterliche Kirche „die rationale Erkenntnis von göttlicher Ordnung“89 anstrebte und bei der Bibelauslegung beanspruchte, dass sie eine zeitlose Wirkung hat und einzelne Aussagen sich nicht widersprechen, setzte Luther seine Bibelauslegung diesem einträchtigen Verständnis der göttlichen Ordnung entgegen. Das bedeutete zugleich, dass die Vergegenwärtigung des Worts Gottes nie als abgeschlossen angesehen werden konnte und dessen Interpretation immer wieder neu betrieben werden musste. Anstelle der Perfektionierung eines angesammelten Wissens trat eine ständige Erneuerung und Wiederholung sowie eine Vielfalt der Interpretationen.90←39 | 40→

Kaum eine Flugschrift kam ohne die Bibel aus und bereits in den 1520er-Jahren setzte sich für den Bezug auf das Gotteswort das Schlagwort Evangelium sowie dessen Variante Evangelion durch. Das griechische Wort Evangelion bezeichnete zuerst einfach die Berichte der vier Evangelisten, die auch in einer Evangelienharmonie zusammengeführt werden konnten. Luther übersetzte es in der Vorrede zu seiner Übertragung des Neuen Testaments als gute botschafft, gute meher, gutte newzeytung, gutt geschrey, dauon man singet, saget vnd frolich ist.91 Die Reformation bezog den Begriff auf das ganze Neue Testament, einschließlich des Epistelteils – so auch Luther in seinem bereits zitierten „Septembertestament“, später wurde das Wort sogar synonym für die ganze Bibel gebraucht.92 In der Reformation wurde also der Urtext aufgegriffen und als Norm durchgesetzt. Der Vorteil dieses Urtextes war, dass die für die Reformation wichtigsten Teile, also das Evangelion im engen Sinne, narrativ geformt sind, sodass sie sich relativ einfach nacherzählen und einprägen ließen.93

Die programmatische Ausrichtung auf den Bibeltext brachte zugleich eine Umgestaltung des bewohnten Funktionsgedächtnisses. Aleida Assmann unterscheidet sowohl beim Gedächtnis von Einzelpersonen wie auch von Gruppen zwischen Speicher- und Funktionsgedächtnis. Das Erste kann mit einem ungeordneten und lange nicht berührten Dachboden verglichen werden. Das Funktionsgedächtnis entfernt lediglich von den für die aktuelle Situation relevanten Gegenständen die alte Staubschicht.94 Das Speichergedächtnis ist daher immer unsortiert und diffus, wogegen das Funktionsgedächtnis dadurch Struktur erhält, dass es aus dem Speichergedächtnis Elemente hervorhebt und vergegenwärtigt. Wenn Erinnerungen ins Bewusstsein gerufen werden, werden sie bewohnt, indem sie Sinn bekommen. Wie Einzelne über Erinnerungen verfügen, die latent in ihrem Inneren ruhen, ohne – absichtlich oder unbewusst – von ihnen Gebrauch zu machen, umfasst auch das Speichergedächtnis von Gemeinschaften alles unbrauchbare, veraltete oder vergessene Wissen, wie auch ungenutzte Angebote und Möglichkeiten. Aus diesem Vorrat geht lediglich ins Funktionsgedächtnis einer Gemeinschaft über, was für den jeweiligen ←40 | 41→Bezugsrahmen relevant ist und was sinnstiftendes Potenzial besitzt. Dabei gilt, dass man auf die Vergangenheit nicht umsonst zurückgreift, sondern man tut das, weil man die eigene Gegenwart stärken will. Die Bibelgeschichten stellten zwar die ganze Zeit hindurch einen zentralen Erinnerungspunkt des Christentums dar, im Mittelalter erhielt die Heilige Schrift aber allmählich den Status eines Dokuments, das nicht geöffnet wurde: „Als das alte Grundbuch des christlichen Glaubens schlechthin, als seine ehrwürdigste Urkunde, wurde die Bibel heilig, aber das hieß eben zugleich: auf Abstand gehalten.“95 Deshalb sollten die Geheimnisse dieses Buchs nur von kompetenten Verwaltern gehütet werden. Das, was die Schrift speicherte, war zwar allgemein bekannt und wurde wiederholend vergegenwärtigt, der Text als solcher jedoch wurde durch ein System des theologischen Wissens überlagert.96

Das wird exemplarisch in der „Disputation zwischen einem Chorherrn und Schuhmacher“ von Hans Sachs gezeigt. Nachdem die beiden Gesprächspartner auf das Thema Konzile zu sprechen gekommen waren, wies der Chorherr seine Köchin mit den Worten bring das groß alt buch heraus an, die Bibel zu holen. Die Exemplifizierung des im Gespräch bereits genannten Gegenstandes durch eine allgemeine Beschreibung macht deutlich, dass die Köchin mit der Bezeichnung Bibel oder Heilige Schrift nicht klargekommen wäre. Die allgemeine Formulierung des Chorherrn bedingte, dass sie zuerst ein Dekretalenbuch brachte, also offensichtlich einen Band, welcher irgendwo sichtbar und würdig aufbewahrt war. Diese Sammlung der Papstbriefe mit verbindlichen Entscheidungen in Rechtsfragen, in den Augen der Reformation geradezu ein Gegensatz zur Heiligen Schrift, war dem Geistlichen sehr wertvoll, weil er seine Köchin ermahnte, sie möge beim Tragen aufpassen, dass es nicht beschädigt werde. Erst das zweite Mal erschien die Frau mit dem richtigen Buch. Bevor es der Chorherr und der Schuhmeister aber aufschlugen, mussten sie vom Band Staub abwischen. Und nachdem der Chorherr aufgefordert wurde, er möge eine genaue Bibelstelle aussuchen, erfährt man, warum der Einband so verstaubt war: Sucht selb, ich bin nit vil darinn umbgangen, ich weyß wol nützers zu lesen.97 Insofern bedeutete die Reformation eine Umstrukturierung des Funktionsgedächtnisses, denn sie ←41 | 42→machte aus der Bibel ein Monument, d. h. sie stellte dieses Dokument „in den Kontext eines offiziellen Gedenkens.“98

Aleida und Jan Assmann bringen das Funktionsgedächtnis in direkten Zusammenhang mit Identität, denn es wird wichtig, wie und warum ein Rückgriff auf die Vergangenheit ausgeführt wird.99 Jan Assmann definiert die auf eine Wir-Gruppe bezogene kollektive Identität als:

das Bild, das eine Gruppe von sich aufbaut und mit dem sich deren Mitglieder identifizieren. Kollektive Identität ist eine Frage der Identifikation seitens der beteiligten Individuen. Es gibt sie nicht „an sich“, sondern nur in dem Maße, wie sich bestimmte Individuen zu ihr bekennen. Sie ist so stark oder so schwach, wie sie im Bewusstsein der Gruppenmitglieder lebendig ist und deren Denken und Handeln zu motivieren vermag.100

Assmann stellt den Begriff in einen direkten Zusammenhang mit Selbstverständnis, Selbstvorstellung und Selbstdarstellung von Individuen und Gruppen.101 Sowohl Ich- als auch Wir-Identitäten sind dabei soziale Konstrukte, sie müssen in sozialer Interaktion ausgehandelt und aufrecht gehalten werden.102 Die Zugehörigkeit zu einer Gruppe ist immer latent da, das Bewusstsein, dass es ein ‚Wir‘ gibt, entsteht laut Jan Assmann entweder im Akt der Bewusstmachung oder im Akt der Bewusstwerdung. Zum Ersten gehören insbesondere die Initiationsriten, im zweiten Falle wird man sich der eigenen Identität durch Begegnung mit Fremden bewusst. Assmann betont, dass die Herausbildung ←42 | 43→von Identität auf einer Reflexion beruht, in der sich eine bloße Zusammengehörigkeit in Zusammengehörigkeitsgefühl und gemeinsames Bewusstsein verwandelt. Sowohl die Herausbildung als auch die Aufrechthaltung von Identität bedürfen symbolischer Ausformung, an der sich verschiedene Zeichensysteme beteiligen können.103

Die Identität konstruiert sich durch Interaktion innerhalb der Gruppe, aber auch im Kontakt mit Fremden und als Reaktion auf deren Fremdbeschreibungen. Laut Assmann beruht sie daher einerseits „auf der Teilhabe an einem gemeinsamen Wissen und einem gemeinsamen Gedächtnis“,104 welche innerhalb der Gruppe mittels gemeinsamer Symbolsysteme artikuliert und anerkannt werden. Andererseits ist die Identität kaum ohne Grenzziehung und Ausgrenzung zu denken.105 Je mehr sich eine Integrität im Innenbereich der Gruppe herausbildet, desto mehr grenzt sich diese von außen ab, und nichts hält eine Gruppe mehr zusammen als ein gemeinsamer Feind. Auch wenn sich diese beiden Richtungen gegenseitig bedingen, will Assmann unterscheiden, ob sich das Bewusstsein, dass man einer Gruppe angehört, primär integrativ, d. h. vom inneren Drang her, oder distinktiv, d. h. durch Abgrenzung von einem Gegenüber, herausbildete. Solche distinktiv gesteigerten Identitäten nennt er Gegen-Identitäten. Sie sind für Minderheiten typisch, welche sich gegenüber einer dominierenden Kultur behaupten.106

Walter Pohl betont, die Identität sei ein Resultat von Identifikationen auf drei unterschiedlichen Ebenen. Erstens handelt es sich um das Bekenntnis von Individuen oder Kleingruppen zu einer bestimmten Formation, also um den Ausdruck ihrer Treue zu dieser Gruppierung. Die zweite Ebene stellt die „Selbstvergewisserung und Selbstdarstellung“107 eines solchen Verbandes dar. Die kollektive Darstellung des Zusammenhalts einer Gruppe erfolgt entweder durch deren Sprecher oder in kollektiven Akten. Schließlich muss eine Anerkennung durch Dritte folgen. Diese Identifikationen müssen kommunikativ ausgetragen werden und wirken aufeinander, sodass die Beziehung zwischen Eigenentwürfen und Fremdzuschreibungen immer dynamisch bleibt.108 Die Identität wird mithilfe von symbolischen Identifikationsstrategien ausgehandelt, die ihren ←43 | 44→Ausgang auf allen drei Ebenen nehmen, und kommt ohne dieses Zusammenspiel nicht zustande.109

Thomas Fuchs erläutert, dass die lutherische und zwinglisch-calvinistische Reformation mittels unterschiedlicher Modi versucht hätte, der Traditionshoheit der alten Kirche gegenüberzutreten. Nachdem die Reformatoren der ersten Generation der langen Tradition der römischen Kirche mit einen apokalyptisch-eschatologischen Sprachspiel begegneten, entwickelte man verschiedene Modi, wie mit der Vergangenheit integrativ umzugehen war. Fuchs bespricht drei von ihnen, welche er tradierte, erzählte und realisierte Geschichte nennt.110 Die tradierte Geschichte ließ die altgläubige Tradition gelten, aber nutzte sie aus. Ein Beispiel dafür stelle die protestantische Rezeption der Heiligenkalender dar. Dieser Aneignung der Vergangenheit liege laut Fuchs das Konzept zugrunde, „dass die reformatorische Bewegung innerhalb der Tradition der Kirche stünde und sie richtig fortsetze“.111 Ein Gegenprogramm zur tausendjährigen Tradition der alten Kirche wurde im Modus der erzählten Geschichte realisiert, der laut Fuchs insbesondere für die Historiografie und reformatorische Martyriologie typisch sei. Die Kirchengeschichte wurde so konstruiert, dass die Reformation eine Fortsetzung des wahren Christentums darstellte, während alles Übrige als irrige Abweichung von der wahren Lehre bezeichnet wurde. So wurde die Reformation direkt an die Ursprünge der Christenheit angebunden. Es reichte aber nicht aus, die römische Kirche und ihre Entwicklung abzulehnen, sondern der bestehenden Kirche musste eine eigene Tradition entgegentreten. Diese wurde im „Konzept einer in der Verfolgungsgeschichte sich manifestierenden Rechtsgläubigkeit“112 realisiert. Diese fand insbesondere in den Märtyrerkatalogen der Reformationszeit Ausdruck. Im Modus der realisierten Geschichte wurde kein historisches Gegenkonzept entworfen, sondern der Urzustand wurde mit dem Jetzt parallelisiert. Die Kontinuität zur Welt, wie sie im Evangelium geschildert wird, wurde dabei ganz materiell verkörpert, z. B. im Verhalten der Geistlichen nach biblischem Vorbild oder in Religionsgesprächen, welche sich als Versammlungen von Aposteln präsentierten, und die aktuellen Begebenheiten wurden auf der Folie des Evangeliums interpretiert. Das „reformatorische Pathos von der Rückkehr zum Urchristentum“113 habe laut Fuchs dazu beigetragen, dass man bereit gewesen sei, für den Glauben gemartert zu werden.←44 | 45→

Obwohl Fuchs diese drei Modi hauptsächlich an späteren Beispielen exemplifiziert, lässt sich ein solcher differenzierter Zugang zur Geschichte bereits früher ausmachen. Wie die Flugschriften aus Nord- und Nordwestböhmen veranschaulichen, entfaltete man aber die bei Fuchs beschriebenen Modi nicht getrennt, sondern kombinierte sie untereinander oder verband sie sogar mit der apokalyptischen Rhetorik, die für die erste reformatorische Generation typisch sein sollte. Es lassen sich also bereits in der Frühphase Ansätze dessen festlegen, was die spätere Reformation dann perfektionierte.

Die evangelischen Gruppierungen sind genauso wie die katholische Majoritätskirche zu Gemeinschaften zu rechnen, die sich laut Bernd Giesen durch den Gebrauch des universalistischen Codes auszeichnen.114 Es handelt sich um eine Codierung, die sich auf „einer besonderen Idee der Erlösung oder Parusie“115 gründet. Die universalistischen Gemeinschaften zeichnen sich laut ihm außerdem durch eine spezifische Form der Grenzziehung und der Beziehung zu Außenstehenden aus. Sie sehen in allen Außenstehenden ihre potenziellen Angehörigen, denn bei allen besteht die kategoriale Möglichkeit, dass sie erlöst werden. Diese Außenstehenden gehören noch nicht der Gruppe an, weil sie sich entweder kaum bewusst sind, dass sie erlöst werden können, oder sie sind verblendet und wollen nicht einsehen, dass die Möglichkeit ihrer Erlösung besteht. Deshalb müssen sie mittels Pädagogisierung bekehrt werden. Sie werden in die Gruppe inkludiert, indem sie sich tatsächlich vergegenwärtigen, dass sie unter bestimmten, in der Regel durch das Zentrum der Gemeinschaft formulierten, Bedingungen erlöst werden können. Die Außenseiter stellen deshalb keine richtigen Antagonisten zu der Wir-Gruppe dar, sondern stehen lediglich an deren Peripherie. Die Grenze ist also als offen zu verstehen. Dennoch gelten die Außenstehenden für die universalistischen Gemeinschaften als unterlegene Wesen, deren Unwissenheit und Unmündigkeit durch Pädagogisierung zu überwinden sind.116←45 | 46→

Giesen spricht von zentrifugalen Kräften in den universalistischen Gemeinschaften, sodass sich immer ein Zentrum und ein abgestufter Rand herausbilden. Die ständige Verlagerung der Grenze nach außen wird

in der Regel von intellektuellen Spezialisten getragen, die einerseits das kulturelle Geheimnis systematisieren, begründen, auslegen und mittelbar machen und andererseits die Weitergabe der von ihnen ausgelegten und verwalteten Lehre an Fremde, die Instruktion und Konversion also, überwachen.117

Gerade weil die Grenze offen ist, bildet sich durch die ständige Neuinterpretation des Heiligen eine interne Schichtung, und man gelangt nur durch besondere Anstrengung von der Peripherie zum Kern sowie durch Übung und Bildung. Die neuen Interpretationen sind zuerst für den intellektuellen Kern verständlich, welcher das Wissen in einem oft mehrstufigen Modell an weitere Rezipienten vermittelt. Dabei unterliegt das weitergegebene Wissen notwendigerweise einer Trivialisierung, welche wieder eine Neuinterpretation erfordert. Diese spezielle Schicht, die Intellektuellen, stellt die diesseitige Instanz zur Kommunikation mit dem Heiligen bzw. zur Erklärung des Jenseitigen, wie Giesen sagt: „zur Quelle der Identität“,118 dar, andererseits hat sie einen Deutungsvorsprung gegenüber anderen Mitgliedern der Gruppe.

Die Reformation nutzte zum Zweck der Missionierung und Pädagogisierung neben anderen, vor allem mündlichen, Medien im hohen Maße die Flugschriften, welche sich durch eine besondere Offenheit gegenüber breiten Rezipientenkreisen auszeichneten. Denn es war überhaupt die Grundeinstellung des Mediums, dass der abgedruckte Text an sich von jedermann wahrgenommen werden konnte, der der Sprache mächtig war, in welcher dieser verfasst worden war. Dennoch war es der feste, gedruckte Text, der das Wissen zwar auf weite Distanzen verbreiten, zugleich aber vor Trivialisierung schützen konnte. Die Flugschriftenautoren gehörten überdies zu elitären Trägern, die meisten von ihnen waren gebildete Geistliche.119 Sie geben ihre Befugnis zur Interpretation ←46 | 47→des Heiligen unter anderem durch ihre akademischen Titel kund oder untermauern sie durch die Schilderung ihres Werdegangs.

An der sächsisch-böhmischen Grenze wurden die Flugschriften von intellektuellen Wortführern verfasst, die nicht nur an die Bücherwelt der damaligen Zeit angebunden waren, sondern sich auch sehr gut in der Flugschriftenproduktion auskannten. Indem sie die Ortschaften im Nord- und Nordwestböhmen in die aktuellen Debatten um die soziale und religiöse Ordnung miteinbezogen, erstellten sie ein öffentliches Bild von sich selbst und den ihnen anvertrauten Gemeinden. Zugleich fassten sie ihre Schriften als Mittel auf, durch welche andere zum Glauben an das Gotteswort bewogen werden konnten. Um die Wirksamkeit ihrer Schriften zu steigern, entwickelten sie verschiedene Strategien, von denen sich die meisten an Wittenberg orientierten. Und obwohl die sächsische Intelligenz mit dem Bemühen der lokalen Geistlichkeit nicht immer voll einverstanden war, unterstützte sie die reformatorischen Tendenzen dort.


1Luther gebrauchte in diesem Brief die Ausdrücke Rottengeister und Schleicher. Sie bezeichnen vor allem, jedoch nicht ausschließlich, die damals in der Bergstadt unterdrückten Täufer. WA Br 6, 373–374; Jacob und Wilhelm Grimm: Deutsches Wörterbuch, Bd. 14, 1321.

2WA Br 6, 373.

3Diese Gruppen werden näher im Kapitel 1.3 behandelt, dort ist auch die relevante Forschungsliteratur aufgelistet.

4Verzeichnis der im deutschen Sprachbereich erschienenen Drucke des 16. Jahrhunderts (VD 16), https://www.bsb-muenchen.de/sammlungen/historische-drucke/recherche/vd-16/, aufgerufen am 14. 8. 2019; Das Verzeichnis der im deutschen Sprachraum erschienenen Drucke des 17. Jahrhunderts, http://www.vd17.de/, aufgerufen am 14. 8. 2019.

5Wolkan: Studien zur Reformationsgeschichte Nordböhmens; ders.: Böhmens Antheil an der deutschen Litteratur des XVI. Jahrhunderts, Bd. 1–3; ders.: Die Anfänge der Reformation in Joachimsthal; Clemen: Kleine Schriften zur Reformationsgeschichte, Bd. 1–2. Die Ausführungen von Loesche gehen seiner Edition einer Flugschrift von Nikolaus Herman voran, Herman: Ein Mandat Jesu Christi an alle seine getreuen Christen.

6Martin Arnold beschwert sich in seiner 2015 publizierten Studie, das böhmische Luthertum sei überhaupt als Forschungsthema in der Geschichtswissenschaft eher vernachlässigt worden. Arnold: Das Luthertum im böhmischen Adel, 68.

7Košťál: Počátky luterské reformace na lužickém pomezí; Kaiserová: Zur Frage des Widerhalls der lutherischen Reformation in Nordwestböhmen; Hlaváček: Catholics, Utraquists and Lutherans in Northwestern Bohemia, or Public Space as a Medium for Declaring Confessional Identity; ders.: Luteránství jako skrytý fenomén českých duchovních a kulturních dějin; ders: Otazníky nad luteránskou kulturou v předbělohorských Čechách; Just: Luteráni v našich zemích do Bílé hory; Hlaváček: Lutheran Culture in Bohemia; Šimková: „Hrad přepevný je Pánbůh náš.“, 132–138.

8Evangelické církevní řády pro šlechtická panství v Čechách a na Moravě 1520–1620, 14–25; Hrdlička: Evangelische Kirchenordnungen für adelige Herrschaften in Böhmen und Mähren zwischen 1520 und 1620, 25–26.

9Arnold: Das Luthertum im böhmischen Adel; Kühne: Lehrer – Priester – Prediger.

10Im Vorfeld dieses Buches wurden die Ergebnisse meiner Forschung in folgenden Artikeln präsentiert: Černý: Publikační činnost reformátorů z držav pánů ze Salhausenu ve dvacátých letech 16. století; ders.: Ein Himmelsbrief oder eine Lutherschrift?; ders: Mediální obraty v německojazyčné publicistice severních a severozápadních Čech během dvacátých let 16. století; ders: Štěpán Schlik v tištěných pramenech z doby reformace/ Stephan Schlick in Druckschriften aus der Reformationszeit; ders.: Mistaken Authorship; ders.: Die Beziehungen der böhmischen Flugschriftenpublizistik der 1520er Jahre zu Wittenberg.

11Peritexte sind eine der beiden Unterkategorien von Paratexten. Genette: Paratexte, bes. 9–21. Vgl. Schwitalla: Deutsche Flugschriften 1460–1525, 29–34.

12Kaufmann: Die Mitte der Reformation, bes. 652–653, 662–663.

13Ebd., 10.

14Pohl: Sprache und Identität, bes. 13–15, Zitat 14. Siehe auch ders.: Identität und Widerspruch, 33.

15Vgl. Giesen: Kollektive Identität, 67.

16Černý: The Nikolsburg Anabaptists and their German-Language Apologias, 261–263.

17Eberhard: Konfessionsbildung und Stände in Böhmen 1478–1530, 41–73; ders.: Die deutsche Reformation in Böhmen 1520–1620; Macek: Víra a zbožnost jagellonského věku, 391–403; Čornej, Bartlová: Velké dějiny zemí Koruny české, Bd. 6, 438–558, bes. 452–455. Einen kurzen Überblick über die Reformationen in Böhmen bietet Louthan: The Bohemian Reformations.

18Frind: Die Geschichte der Bischöfe und Erzbischöfe von Prag, 166–174. Das Olmützer Bistum wurde auch von Administratoren verwaltet, bis der Papst im Jahre 1497 Stanislaus Thurso ins Bischofsamt ernannte.

19Čornej, Bartlová: Velké dějiny zemí Koruny české, Bd. 6, 545–558.

20Macek: Víra a zbožnost jagellonského věku, 41–159.

21WA 12, 160–196; Luther: O ustanovení služebníků církve; ders.: Lateinisch-deutsche Studienausgabe, Bd. 3, 575–647.

22David: Finding the Middle Way, 45–79; ders.: Nalezení střední cesty, 103–154; vgl. Eberhard: Konfessionsbildung und Stände in Böhmen 1478–1530, bes. 136–144; Čornej, Bartlová: Velké dějiny zemí Koruny české, Bd. 6, 689–701; Just: Luteráni v našich zemích do Bílé hory, 43–49. Die Artikel wurden auch ins Deutsche übertragen und als Flugschrift herausgegeben: Es ist ein Christenliche ordnung gemacht worden […] angefangen am Freytag vor vnser Frawen Liechtmeß. Jm. XXiiij.jar., [Nürnberg: Hans Hergott, 1524] (VD16 U 152).

23Macek: Víra a zbožnost jagellonského věku, 286–354.

24Molnár: Luthers Beziehungen zu den Böhmischen Brüdern; Just: Luteráni v našich zemích do Bílé hory, 57–58.

25Hlaváček: Kadaň mezi středověkem a novověkem, 110–111; ders.: Catholics, Utraquists and Lutherans in Northwestern Bohemia, or Public Space as a Medium for Declaring Confessional Identity, 286–293; Just: Luteráni v našich zemích do Bílé hory, 54.

26König: Aus dem Leben des Schwaben Paul Speratus; Moeller, Stackmann: Städtische Predigt in der Frühzeit der Reformation, bes. 155–177; Brecht: Erinnerung an Paul Speratus.

27Hubmaier: Schriften, 34–37; Glaidt, Hubmaier, Spittelmaier, bes. 129–153.

28Hubmaier: Schriften, bes. 37–43; Rothkegel: Die Sabbater; ders.: Anabaptism in Moravia and Silesia; Glaidt, Hubmaier, Spittelmaier; Chatfield: Balthasar Hubmaier and the Clarity of Scripture; Černý: The Nikolsburg Anabaptists and their German-Language Apologias.

29Eine Ausnahme stellt Martin Göschl dar, der in Iglau geboren wurde. Hubmaier: Schriften, 36–37.

30Hrdlička: Evangelische Kirchenordnungen für adelige Herrschaften in Böhmen und Mähren zwischen 1520 und 1620, 26.

31Hlaváček: „Prope Sudetos Montes“, 423.

32Arnold: Adel im sächsisch-böhmischen Grenzraum, 295; Tresp: Nachbarschaft zwischen Erbeinung und Hegemoniestreben, 58–66; Arnold: Das Luthertum im böhmischen Adel, 79–80.

33Zusammenfassend ebd., 76–78.

34Hlaváček: „Prope Sudetos Montes“, 424; ders.: Der böhmisch-sächsische Grenzraum im Spätmittelalter und in der Frühneuzeit zwischen Integration und Desintegration, 85.

35Zum sächsischen Erzgebirge vgl. Schirmer: Das spätmittelalterlich-frühneuzeitliche Erzgebirge als Wirtschafts- und Sozialregion (1470–1550).

36Köhler: Die Flugschriften, 51. Hervorhebungen im Originaltext wurden getilgt.

37Ebd.; ders.: Fragestellungen und Methoden zur Interpretation frühneuzeitlicher Flugschriften; ders.: Die Flugschriften der frühen Neuzeit, bes. 311; ders.: Bibliographie der Flugschriften des 16. Jahrhunderts, Bd. I/1, V–VII. Zu den Titeln, welche auf die Definition von Köhler zurückgreifen, gehören u. a. folgende: Faulstich: Medien zwischen Herrschaft und Revolte, 160–165; Schwitalla: Flugschrift, 4–7; Schmid Blumer: Ikonographie und Sprachbild, 9–26; Hubková: Fridrich Falcký v zrcadle letákové publicistiky, 31–33. Vgl. außerdem Adam: Theorien des Flugblatts und der Flugschrift; Bellingradt, Schilling: Flugpublizistik.

38Sie wurden in der Regel mit einer Blattnummerierung sowie mit Wortreklamanten versehen. Man kann sich vorstellen, dass die Blattzählung nicht nur für den Herstellungsprozess wichtig war, sondern auch eine Hilfe für den Leser darstellte, falls die Lagen auseinanderfielen.

39Köhler: Die Flugschriften der frühen Neuzeit, 312. Freilich kann die Blattzahl in Ausnahmefällen in die Hunderte gehen.

40WA 1, 229–238; Schwitalla: Flugschrift, 5, 7; Folz: Reimpaarsprüche, 310–318; Magin: Hans Folz und die Juden, 371; Kaufmann: Die Mitte der Reformation, 470–475.

41Schwitalla: Deutsche Flugschriften 1460–1526, 15.

42Ebd., 23–24.

43Köhler: Die Flugschriften, 51, Anm. 34; Schwitalla: Flugschrift, 2.

44Köhler: Die Flugschriften, 52.

45Schwitalla: Flugschrift, 7.

46In seiner Einführung vom Jahre 1999 zeigte Schwitalla eine breitere Auffassung, was die Textsorten anbelangt, als in seinem grundlegenden Werk aus dem Jahre 1983. Siehe Schwitalla: Deutsche Flugschriften 1460–1526, 24–25; ders.: Flugschrift, bes. 62–66; vgl. Köhler: Die Flugschriften, 52. Zu den Typen von Lesepredigten siehe Moeller, Stackmann: Städtische Predigt in der Frühzeit der Reformation, 237–244.

47Köhler: Erste Schritte zu einem Meinungsprofil der frühen Reformationszeit, 263.

48Schwitalla: Deutsche Flugschriften 1460–1526, 86–88; ders.: Flugschrift, 4.

49Köhler: Die Flugschriften, 53; ders.: Fragestellungen und Methoden zur Interpretation frühneuzeitlicher Flugschriften, 6; ders.: Die Flugschriften der frühen Neuzeit, 330.

50Köhler: Die Flugschriften, 53–55.

51Schwitalla: Flugschrift, 6.

52WA 8, 676.

53Köhler: Die Flugschriften der frühen Neuzeit, 342–343; Schwitalla: Flugschrift, 27–30; Schmid Blumer: Ikonographie und Sprachbild, 28–29.

54Köhler: Die Flugschriften der frühen Neuzeit, 343.

55Wohlfeil: Einführung in die Geschichte der Reformation, 123–133; ders.: ›Reformatorische Öffentlichkeit‹; Köhler: Die Flugschriften der frühen Neuzeit, 339; Schwitalla: Flugschrift, 1, 6; Dröste: Anfänge der Reformation, 198–202.

56Burkhardt: Das Reformationsjahrhundert, 56–60.

57Die Flugschrift ist per Definition eine Druckschrift. Die Grenzfälle oder Vorläufer siehe bei Schwitalla: Deutsche Flugschriften 1460–1526, 17; ders.: Flugschrift, 46–48; Bellingradt, Schilling: Flugpublizistik, 279.

58Dröste: Anfänge der Reformation, 201–202.

59Jürgens, Weller: Einleitung, 13–14.

60Burkhardt: Das Reformationsjahrhundert, 60–64.

61Brecht: Martin Luther, Bd. 2, 60; Burkhardt: Das Reformationsjahrhundert, 59, 61. Vgl. Kaufmann: Der Anfang der Reformation, 68–101, bes. 97–101.

62Sachs: Disputation zwischen einem chorherren und schuchmacher, darinn das wort gottes und ein recht Christlich wesen verfochten wirt, 10–11.

63Köhler: Erste Schritte zu einem Meinungsprofil der frühen Reformationszeit; ders.: Die Flugschriften der frühen Neuzeit, 337–338; Schwitalla: Deutsche Flugschriften 1460–1526, 6–7; ders.: Flugschrift, 30–32; Pettegree: Brand Luther, 104–109; Kaufmann: Die Mitte der Reformation, 76, Anm. 204.

64Köhler: Erste Schritte zu einem Meinungsprofil der frühen Reformationszeit, 250; Schwitalla: Flugschrift, 55.

65Köhler: Die Flugschriften der frühen Neuzeit, 320–321.

66Köhler: Erste Schritte zu einem Meinungsprofil der frühen Reformationszeit, 249; ders.: Die Flugschriften der frühen Neuzeit, 337; Schwitalla: Flugschrift, 30.

67Köhler: Die Flugschriften der frühen Neuzeit, 324–325; Schwitalla: Flugschrift, 31.

68Kampe: Problem „Reformationsdialog“, 42–43, 47; Schwitalla: Flugschrift, 2–3; Bellingradt, Schilling: Flugpublizistik, 274, 283.

69Freysleben: Das Salue regina […], [Regensburg: Paul Kohl, 1523], A1v (VD16 F 2631).

70WA 1, 376–379; Flachmann: Martin Luther und das Buch, 70–79; Kaufmann: Die Mitte der Reformation, 556.

71WA 9, 715; Kaufmann: Die Mitte der Reformation, 650–651.

72Dröste: Anfänge der Reformation, 199.

73Hamm: Wie innovativ war die Reformation?, bes. 485–492.

74Ebd., 488.

75Hamm: Abschied vom Epochendenken in der Reformationsforschung, 388. Vgl. ders.: Wie innovativ war die Reformation?, 496.

76Ebd., 488.

77Kaufmann: Die Mitte der Reformation, bes. 15–73, Zitat 15. Siehe auch ders.: Von der Handschrift zum Druck – einige Beobachtungen zum frühen Luther, bes. 14–15.

78Kaufmann: Die Mitte der Reformation, 699. Hervorhebungen im Originaltext wurden getilgt.

79Ebd., 699.

80Vgl. ebd., 10.

81Anderson: Imagined Communities, 34.

82Ebd., 6–7, 35–36.

83Zitiert nach der deutschen Ausgabe: Anderson: Die Erfindung der Nation, 41.

84Ebd., 41.

85Moeller, Stackmann: Städtische Predigt in der Frühzeit der Reformation, 228.

86Pettegree: Reformation and the Culture of Persuasion, 163.

87Sandl: Interpretationswelten der Zeitenwende, 27.

88Ebd., 27.

89Ebd., 28.

90Ebd., 31–34.

91WA DB 6, 2.

92Burkhardt: Das Reformationsjahrhundert, 61; vgl. Schwitalla: Deutsche Flugschriften 1460–1520, 140–147.

93Zum Schlagwort reines Evangelium siehe Pettergree: Reformation and the Culture of Persuasion, 27–28.

94Aleida Assmann: Funktionsgedächtnis und Speichergedächtnis; dies., Jan Assmann: Das Gestern im Heute 1990, 60–73 (vgl. Aleida Assmann, Jan Assmann: Das Gestern im Heute 1994); Aleida Assmann: Erinnerungsräume, 130–142.

95Kaufmann: Der Anfang der Reformation, 68. Hervorhebung im Original getilgt.

96Sandl: Interpretationswelten der Zeitenwende, 29–30; ders.: „Nicht Lehrer, sondern Erinnerer“, bes. 191–200.

97Sachs: Disputation zwischen einem chorherren und schuchmacher, darinn das wort gottes und ein recht Christlich wesen verfochten wirt, 20–21.

98Aleida Assmann, Jan Assmann: Das Gestern im Heute 1990, 64.

99Ebd., 61, 71. Ähnlich bereits S. 61: „Subjekte konstituieren sich durch ein Funktionsgedächtnis, das heißt durch auswählendes und bewusstes Verfügen über Vergangenheit. Solche Subjekte mögen Kollektive, Institutionen oder Individuen sein – in allen Fällen besteht derselbe Zusammenhang zwischen Funktionsgedächtnis und Identität.“ Vgl. auch Aleida Assmann: Erinnerungsräume, 137, 140.

100Jan Assmann: Das kulturelle Gedächtnis, 132. Hervorhebung im Originaltext getilgt. Siehe auch ders.: Kollektives Gedächtnis und kulturelle Identität. Zwei weitere gut brauchbare Definitionen von Identität bietet Walter Pohl in einem seiner Aufsätze, Pohl: Strategies of Identification, 2.

101Es ist schon zur Pflicht geworden, von einer Überwucherung des Begriffs zu sprechen. Joachim Eibach und Marcus Sandl konstatieren jedoch, dass, wenn man diesen Begriff als kulturhistorische Kategorie verwende, er es ermögliche, „Selbst-Verortungen in der jeweiligen Welt, d. h. Selbst-Deutungen und Selbst-Beschreibungen, ernst zu nehmen und zu rekonstruieren.“ Eibach, Sandl: Einleitung, 14. Vgl. auch das Plädieren für die Brauchbarkeit des Begriffs bei Pohl: Sprache und Identität, 13–15; ders.: Identität und Widerspruch, 23–24.

102Vgl. Giesen: Die Intellektuellen und die Nation, 28–29.

103Jan Assmann: Das kulturelle Gedächtnis, 133–139.

104Ebd., 139.

105Giesen: Die Intellektuellen und die Nation, bes. 27–68.

106Jan Assmann: Das kulturelle Gedächtnis, 145–160.

107Pohl: Sprache und Identität, 13.

108Ebd., 13; ders.: Strategies of Identification, 3.

109Ebd., 45–46.

110Fuchs: Reformation, Tradition, Geschichte, bes. 77–81.

111Ebd., 79.

112Ebd., 81–85, Zitat 83.

113Ebd., 85–89, Zitat 86.

114Wenn die Konstruktion einer Grenze zwischen einer Gemeinschaft und der Außenwelt, also die Binnen-Außendifferenz, an viele Unterschiede angebunden wird, „so erscheint die entsprechende Unterscheidung als grundlegend, unverrückbar und sozial verbindlich.“ Solche „zentralen Unterschiede, die eine Vielzahl von Differenzen bündeln“, nennt Giesen Codes. Giesen: Kollektive Identität, 26.

115Ebd., 54

116Ebd., 54–69. Vgl. ders.: Die Intellektuellen und die Nation, 60–65; ders.: Codes kollektiver Identität, 34–43.

117Giesen: Die Intellektuellen und die Nation, 61–85, Zitat 62. Hervorhebung im Original wurde getilgt.

118Ebd., 70. Die Bedeutung der Experten unterstreicht auch Jan Assmann, nach welchem das kulturelle Gedächtnis spezialisierter Träger bedürfe. Jan Assmann: Das kulturelle Gedächtnis, 53–54.

119Bei den Broschüren, die von Bauern verfasst werden sollten, handelte es sich in der Regel um eine Stilisierung, nur wenige Handwerker schrieben in einem einfachen Stil. Schwitalla: Flugschrift, 15–22; Moeller, Stackmann: Städtische Predigt in der Frühzeit der Reformation, 197–199.

←47 | 48→←48 | 49→

2 Elbogen

2.1 Elbogen am Anfang des 16. Jahrhunderts

Die in Nordwestböhmen liegende Stadt Elbogen (Loket) liegt am Fluss Eger (Ohře). Die Flut bildet eine Schleife, sodass die Siedlung auf einer nur durch einen schmalen Landstreifen zugänglichen Halbinsel aufgebaut wurde. Das Stadttor war damit zugleich der einzige Zugang zur Burg, was einen Umstand mit viel Zündstoff darstellte. In der Tat entbrannte am Ende der 1490er-Jahre ein Streit zwischen dem Burgherren Sebastian Schlick und dem Stadtrat um die Stadttorschlüssel und den freien Zugang zur Stadt.120 Diese Fehde stellte dennoch nur eine Episode innerhalb der sich über mehrere Jahrzehnte hinziehenden Auseinandersetzungen dar und war nur ein Vorwand zum Austragen eines Konflikts, welcher bereits im Jahre 1434 seinen Anfang genommen hatte.121

Kaiser Sigismund verpfändete in diesem Jahre die Stadt Elbogen und das umliegende Land, welche laut Anordnung Karls IV. nie hätten verpfändet werden dürfen, seinem Kanzler Kaspar Schlick.122 Dieser herrschte de facto nie in der Stadt, sondern übergab die Verwaltung seinem jüngeren Bruder Matthes (Matthias). Matthes wurde nach Kaspars Tod zum Oberhaupt des Geschlechts, was er dafür ausnutzte, den Lehensbezirk von Elbogen an sich und seine Söhne zu reißen. Elbogen war aber zugleich eine mit Privilegien ausgestattete königliche Stadt, welche dem König direkt unterstand. Die selbstbewussten Pfandherren forderten demgegenüber von ihren Untertanen Gehorsam und versuchten, deren Rechte zu ihren eigenen Gunsten zu beschränken. Der Konflikt eskalierte in den Jahren 1471–1505, nachdem die Herren Schlick ihre Ländereien an die Herzöge Ernst und Albrecht von Sachsen verkaufen wollten, was die Stadt letztendlich unterbinden konnte. Die Anfänge der Fehden waren außerdem unmittelbar mit der Anerkennung eines der beiden Herrscher verbunden, welche die böhmische Krone beanspruchten. Während die Grafen Schlick seit 1468, genauso wie die sächsischen Herzöge, König Georg von Podiebrad und dann ←49 | 50→Wladislaus Jagiello, Beistand leisteten, blieb die Stadt bei Matthias Corvinus, welchem sie im Jahre 1471 die Treue schwor.123

König Wladislaus bescheinigte 1476 Matthes Schlick und seinen Söhnen Nikolaus, Hieronymus und Kaspar die lebenslängliche Pfandherrschaft über Elbogen. Am 15. Juni 1489 bestätigte er weiterhin Hieronymus Schlick für dessen treue Dienste, dass das verpfändete Land lediglich vom König selbst eingelöst werden kann, woraufhin die Verteilung des Familienbesitzes unter den drei Söhnen des mittlerweile verstorbenen Matthes Schlick erfolgte. Der Erbvertrag wurde zwischen Nikolaus, Hieronymus und Kaspar Schlick am 31. Juli unterzeichnet. Er legte fest, dass Nikolaus die Stadt und das Schloss Falkenau (Sokolov, früher Falknov), sowie Heinrichsgrün (Jindřichovice), Seeberg (Ostroh) und Neudek (Nejdek), zukommen sollten. Hieronymus erwarb die Burg und Stadt Elbogen mit den umliegenden Gütern und das Warmpad,124 also das heutige Karlsbad (Karlovy Vary). Kaspar wurde seitdem Herr über Schlackenwerth (Ostrov) und Lichtenstadt (Hroznětín). Dadurch entstanden drei Linien der Familie Schlick, die nach den Residenzstädten der drei Brüder benannt wurden. Obwohl die Elbogener Burg ab diesem Zeitpunkt Hieronymus gehörte, wurden den anderen zwei Linien Behausungen im Burgareal vorbehalten. Die Burg behielt also die Funktion und den Status des Familienhauptsitzes.125

Hieronymus Schlick ging streng gegen unbequeme Lehensleute vor, wofür er und – nach seinem Tod im Jahre 1491 – auch seine Verwandten vor Gericht zitiert wurden. Während der nächsten Jahre verwaltete sein Bruder Kaspar das Herrschaftsgut. Nachdem Hieronymus’ Sohn Sebastian 1496 volljährig wurde, übernahm er die Herrschaft über den geerbten Pfandbesitz. Wie die „Chronik der Stadt Elbogen“ beschreibt, war er in der Beziehung zur Stadt seinem Vater sehr ähnlich und die Konflikte erreichten unter seiner Herrschaft ihren ←50 | 51→Höhepunkt.126 Der Gehorsam der Grafen Schlick gegenüber der Landesgerichtsbarkeit musste 1505 sogar durch die Belagerung Elbogens von Truppen der böhmischen Stände erzwungen werden. Die Streitigkeiten wurden mit einem Spruch des Landtages vom 21. März 1506 zugunsten der Untertanen beseitigt. Dessen erster Punkt besagte, dass die Brüder Sebastian, Quirin und Albrecht ihre Besitztümer behalten und gemeinsam über sie herrschen sollten.127 Sebastian fiel 1528 während des Feldzugs Erzherzogs Ferdinand von Österreich gegen seinen Kontrahenten Johann Zápolya in Ungarn.

Die Familie Schlick pflegte rege Kontakte insbesondere mit den Wettinern, außerdem reichten ihre Besitztümer im 15. Jahrhundert ins Egerland und nach Sachsen. Dank der günstigen Lage wurde die Burg Elbogen unter der Herrschaft von Matthes und Hieronymus zum „Zentrum des Informationsaustausches zwischen dem Reich und Böhmen“.128 Es fanden hier geheime Vermittlungen statt, wobei der Hof von der Nähe der Warmbäder profitieren konnte. Die Wettiner boten dem Adelsgeschlecht wiederholt Schutz und zögerten nicht, ihm mit ihrem eigenen Heer zu Hilfe zu kommen. Allerdings waren die Herren Schlick das ganze 15. Jahrhundert hindurch, wie auch am Anfang des 16. Jahrhunderts, weder imstande, sich in die Landesstruktur des Königreichs Böhmen zu integrieren, noch galten sie hier als vollgültiges Geschlecht. Und das, obwohl sie den Reichsgrafentitel besaßen. Kaiser Sigismund schenkte nämlich laut einer erhaltenen Urkunde im Jahre 1431 seinem Kanzler die italienische Stadt Bassano del Grappa, welche er daraufhin im Jahre 1437 zur Reichsgrafschaft erhob.129 Das Geschlecht ergriff aber in dieser nahe an Venedig liegenden Stadt nie die Macht. Weder Kaspar noch seine Verwandten führten während des 15. Jahrhunderts diesen Titel, obwohl sie sich mehrfach dessen Bestätigung von verschiedenen Fürsten einholten und sehr gut über die Vergünstigungen Bescheid wussten, welche mit dieser Titulatur verbundenen waren. Albrecht II. schenkte überdies seinem Kanzler Kaspar Schlick die Stadt Weißkirchen in Westungarn (Holíč, ←51 | 52→heute in der Slowakei).130 Dieses Prädikat pflegte die Familie Schlick zu führen, obwohl sie dadurch in den Augen der Geschlechter aus dem Königreich Böhmen im Grunde zu Vertretern des ungarischen Adels wurden.131 Die Herren behielten diese Titulatur auch, nachdem Matthias Corvinus dem Geschlecht nach dessen Übergang zu Georg von Podiebrad dieses Besitztum wieder abgesprochen hatte.

Umso interessanter ist, dass die Vertreter aller drei Linien des Hauses Schlick Ende Februar 1503 in einer gemeinsamen Beratung beschlossen, den Reichsgrafentitel wiederaufzunehmen. Laut Uwe Tresp war dieser Rückgriff auf den Grafentitel

ein Ausdruck der Selbstwahrnehmung einer jungen Adelsfamilie, die sich zwar rechtlich an Böhmen gebunden fühlte, jedoch sozial und kulturell zwischen dem Reich und Böhmen stand. Als sie sich andauernder Nichtakzeptanz und zugleich wachsendem Integrationsdruck seitens der böhmischen Stände ausgesetzt sahen, versuchten die Schlick, ihre Zugehörigkeit zum Königreich Böhmen auf der Grundlage ihrer faktischen Position neu zu definieren. Sie distanzierten sich dabei von der Gemeinschaft des böhmischen Adels und suchten zugleich eine stärkere Anlehnung an das Königtum, was der Herkunft ihrer Titel und Besitzungen eher entsprach.132

Der Titel sollte die Treue der Familie Schlick zum König von Böhmen zur Schau stellen, welche von der Lebenszeit Sigismunds von Luxemburg bis zur Zeit Georgs von Podiebrad und Wladislaus’ Jagiello dauerte. Im Unterschied zu den deutschen Ländern fand die neu eingeführte Titulatur aber innerhalb des Königreichs Böhmen keine Akzeptanz. Zu einem Wechsel kam es erst, nachdem die Familie Schlick das Verdikt des Landtages von 1506 anerkannte und nachdem in der Gegend von Konradsgrün, wo seit 1516 die Stadt St. Joachimsthal (Jáchymov) ausgebaut wurde, reiche Silberfunde gemacht wurden. Erst dann nahm der Gebrauch des Grafentitels innerhalb des Königreichs Böhmen zu. Der Bergbau in St. Joachimsthal verlieh nicht nur der Schlackenwerther Linie Reichtum, sondern auch Sebastian Schlick war dabei, als sein Vetter Stephan 1515 in Karlsbad die erste Gewerkschaft gründete.133 Sowohl die Elbogener als auch die Falkenauer Linie bezogen zudem Teile des Zehnten vom Silberbergbau.134←52 | 53→

Die Stadt und die Gegend waren deutschsprachig. Im Urbar der Grafen Schlick kommen keine tschechischen Namen vor, die Flurnamen bei Elbogen sind deutsch.135 Die „Chronik der Stadt Elbogen“ erzählt, freilich voreingenommen, dass sich die Vertreter der Stadt im Jahre 1498 vor Gericht in Prag nicht auf Tschechisch verständigen konnten. Während die Vertreter der Grafen Schlick ihre Anklage in der slawischen Landesprache vortrugen, mussten die Abgesandten der Stadt darum ersuchen, dass sie auf Deutsch reden durften: sy haben auch dy hern demütiglich gebeten, dy weyl sy an der grenitz am orth der cron gelegen und bemischer zung mangeln, ire gnad geruch sy ire notdorft in der dewtzschin sprach reden lasse.136 Der Vertreter der Schlick wollte das freilich nicht zulassen, was laut der Chronik lediglich einen weiteren Beweis dafür darstellte, wie schlecht die Untertanen von ihrer Obrigkeit behandelt wurden.

Elbogen und das umliegende Herrengut gehörten zu den Gebieten, die während der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts beim alten Glauben blieben. Dass die Stadt 1471 dem durch den Papst unterstützten Matthias Corvinus die Treue versprach, war nicht nur Folge des Widerstandes gegenüber dem Pfandherrn, sondern stimmte mit der religiösen Haltung der Region überein. Das zeigte sich u. a. in der Akzeptanz der katholischen Administratoren als Kirchenhoheiten oder im Hilfegesuch der aus Elbogen geflüchteten Bürger an päpstliche Legaten.137 Der Pfandherr war ebenfalls katholisch und stand zuerst auf der Seite von Matthias Corvinus, wechselte dann aber zu Georg von Podiebrad. Die Landkarte des Königreichs Böhmen von Nikolaus Klaudyan aus dem Jahre 1518 versah die Stadt Elbogen mit dem Zeichen der gekreuzten Schlüssel, wodurch sie den Stätten römisch-katholischen Glaubens zugeordnet wurde. Dasselbe Zeichen findet man weiterhin bei Schlackenwerth und Falkenau.138

Es gab in Elbogen drei Kirchen im ersten Viertel des 16. Jahrhunderts. Ihr Patrozinium ist erst seit dem Spätmittelalter bezeugt. Die Burg verfügte über ihre eigene Burgkapelle. Die Pfarrkirche St. Wenzel befand sich im äußeren Burgmauerring, also in der Nähe der Wohnräume der Grafen Schlick. König ←53 | 54→Wenzel I. übergab bereits im Jahre 1240 das Patronat über die Pfarrkirche und die Burgkapelle an die Kreuzherren mit dem roten Stern. Die Kirchen in der Vorstadt wurden dem hl. Wolfgang und Johannes dem Täufer geweiht und könnten vor 1250 gegründet worden sein. Die Kreuzherren errichteten darüber hinaus bei der Pfarrkirche ein Spital, das im Jahre 1305 das erste Mal bezeugt ist.139 Als im Jahre 1473 nahezu die ganze Burg von Flammen ergriffen wurde, nutzten die Herren von Pflug die Situation aus und wollten zusammen mit den Bürgern die Burg belagern. In diesem Moment fielen die Schlick in die Stadt ein und setzten sie in Brand.140 Das gelegte Feuer beschädigte neben anderen Gebäuden auch die Pfarrkirche, die daraufhin vom Pfandherrn erneuert und zur Schlick’schen Familiengrabstätte umgewandelt wurde. Der Initiator des Umbaus, Matthes Schlick, wurde im Jahre 1487 in der Kirche, die sich damals noch im Bau befand, beigesetzt. Die Pfarrkirche wurde 1490 fertiggestellt. Im selben Jahr wurde dem Gotteshaus eine silberne Monstranz geschenkt und ein Jahr später wurde hier ein großes Kreuz aufgestellt.141 Im Vertrag von 1489, welcher die Verteilung der Besitztümer regelte, gewährleisteten die Söhne nicht nur, dass sie allen Verpflichtungen ihres Vaters gegenüber der Kirche nachgehen würden, sondern Nikolaus sollte auch ditz jaer den nechsten dinstag noch der bruderschaft anheben iren vater, ihre forfodern und ire erben mit einem loblichem begengknus und jartag begehen lassen.142 Er sollte also eine Gedächtnisfeier für ihren Vater und alle Ahnen stiften. Das darauffolgende Jahr sollte Hieronymus diese Aufgabe übernehmen, ein Jahr später Kaspar, in den nächsten Jahren sollten die Brüder einander in dieser Reihenfolge abwechseln und nach ihrem Tod sollte die Aufgabe von ihren Erben übernommen werden, sodass bis zum Jüngsten Gericht an die Verstorbenen gedacht werden würde.143

Die Elbogener Linie lernte bereits im letzten Viertel des 15. Jahrhunderts die Macht des Druckmediums kennen. Die Familie Schlick war paradoxerweise aber nicht diejenige, die sich dieses Instruments bediente, denn um 1485 und in der zweiten Hälfte der 1480er-Jahre wurden in Leipzig Einblattdrucke vervielfältigt, ←54 | 55→die zur Hilfe für die aus Elbogen vertriebenen Bürger aufriefen und die Exkommunikation der Herren Schlick durch den Papst verkündeten.144

2.2 Die Elbogener Pfandherren und die Reformation

Die Reichsgrafen Schlick standen im nahen Kontakt zu Wittenberg. Christoph Schlick, aus der Falkenauer Linie, Cousin von Sebastian Schlick, war in den Jahren 1520–1521 Rektor der Universität in Wittenberg.145 Seinem Bruder Wolfgang widmete Andreas Bodenstein von Karlstadt die Schrift „Von der Abtuung der Bilder“.146 Darüber hinaus lassen sich zahlreiche Vernetzungen dieses Reformators zu St. Joachimsthal feststellen, viele Bürgersöhne, Seelsorger und Lehrer aus der Bergstadt studierten in Wittenberg.147

Was die Förderung des reformatorischen Gedankenguts betrifft, scheint der Herr von Elbogen Sebastian Schlick unter seinen Verwandten am bedeutendsten gewesen zu sein, denn Martin Luther widmete ihm seine Schrift „Contra Henricum regem Angliae“. In der Vorrede reagiert Luther auf die Kunde, er würde sich in Böhmen verbergen, und beteuert, dass er über eine andere Art der Flucht nach Böhmen nachdenke, die mittels seiner Bücher erfolgen sollte. Durch sie wolle er erzielen, dass die Bezeichnung Böhmen keine Schmach mehr darstellen werde. Sebastian Schlick solle dabei als Schleuse für die Büchlein von Martin Luther nach Böhmen fungieren, denn er herrsche an der Grenze dieses Königtums zu Deutschland.148 Luther feierte Schlick als einen Christianissimus laicus und lobte sein Benehmen auf seinem Landbesitz:

←55 | 56→Audio enim te incredibili studio fervere in puram Euangelii veritatem et abominationes et scandala Romanae pestilentiae undique et tuo dominio profligare. Macte virtute, clarissime Heros, sic abolebitur opprobrium Bohemici nominis et redibit meretrici in sinum suum sentina illa mendaciorum et fornicationum suarum, ut revelentur pudenda eius orbi terrarum ad sempiternam ignominiam.149

Zum Schluss fordert Luther dazu auf, dass Schlick Nachfolger finde. Die Widmung wurde auf den 15. Juli 1522 datiert, den Tag, an dem laut zwei erhaltener Abschriften Martin Luthers Sendschreiben an die böhmischen Landstände niedergeschrieben wurde. Es sei nämlich ein Gerücht zu Luthers Ohren gekommen, dass einige böhmische Adelige verlangen würden, dass man die Utraquisten Rom unterstelle. Luther forderte deshalb die Landstände in seinem Schreiben auf, sie mögen weiterhin dem Teufel Ungehorsam leisten und sich nicht unter die päpstliche Tyrannei stellen.150 Laut Reinhold Jauernig, der sich mit der identischen Datierung der Druckschrift und des Sendschreibens auseinandersetzte, sollte „Schlick, einer der Führer der evangelischen Partei in Böhmen, durch die Widmung der Schrift in seiner Verantwortlichkeit bestärkt werden, das Vorhaben gegen die Utraquisten mit zum Scheitern zu bringen.“151

Während Stephan Schlick 1519, oder vielleicht eher 1520, das Patronatsrecht über die Pfarrkirche in St. Joachimsthal erwarb und ein Jahr später an den Stadtrat übertrug, blieb die Pfarre in Elbogen während des ganzen 16. Jahrhunderts in den Händen der Prager Kreuzherren.152 Es gibt keine Berichte darüber, wie die Lage aussah, nachdem die ersten evangelischen Prediger in der Stadt ankamen. Einige Dokumente aus den nachfolgenden Dekaden lassen aber darauf schließen, welch großem Druck die Kreuzherren Stand halten mussten.153←56 | 57→

2.3 Die Drucke

Waren die Stadt Elbogen und ihr Pfandherr am Anfang des 16. Jahrhunderts noch verfeindet, verhielten sie sich in einer in den 1520er-Jahren entflammten Kontroverse mit ihrem geistlichen Vorgesetzten, dem katholischen Administrator des Prager Erzbistums, ganz harmonisch. Zum Auslöser dieses durch die Flugschriften getragenen Streites wurde die Drucklegung der „Kirchenordnung von Elbogen“. Der Text stellt die älteste evangelische Kirchenordnung auf dem Gebiet der heutigen Tschechischen Republik dar und gehört gleichzeitig zu den ältesten evangelischen Kirchenordnungen überhaupt. Im Jahre 1524 erschien eine Refutation dieser Ordnung mit dem Titel „Widerlegung und Antwort auf deren zu Elbogen vermessene Ordnung“. Ihr Verfasser war kein geringerer als der damalige Administrator von Prag, Johannes Zack (Jan Žák), also die höchste geistliche Autorität für die katholischen Gebiete des Königtums Böhmen. Eine weitere Reaktion ließ nicht lange auf sich warten. Der evangelische Prediger Wolfgang Rappolt schrieb „Eine erzwungene Antwort“ auf Zacks Refutation, wobei der Schwerpunkt eher auf der Widerlegung von Zacks einleitenden Ausführungen lag, als auf der Verteidigung der einzelnen Artikel der Kirchenordnung selbst. Bereits als Geflüchteter aus der Stadt richtete Rappolt ein Sendschreiben „Eine kurze Epistel“ an die Bewohner von Elbogen.

Die Elbogener Kirchenordnung ist insgesamt in vier Versionen bekannt, der Text wurde während des Jahres 1523 in Augsburg bei Heinrich Steiner, in Nürnberg bei Jobst Gutknecht, in Straßburg bei Matthias Schürer und in Zwickau bei Johann Schönsperger d. J. gedruckt.154 Weil aber einer der i-Buchstaben in der Jahreszahl auf der Titelseite der Augsburger Ausgabe nur schwach abgedruckt ist, hielt Otto Clemen in seinem Beitrag aus dem Jahr 1905 das Jahr 1522 für ←57 | 58→den Zeitpunkt der Drucklegung [Abb. 1].155 Dieses Druckjahr ist ebenfalls in der Datenbank VD 16 bei entsprechenden Exemplaren zu finden, in der Edition der evangelischen Kirchenordnungen aus Böhmen und Mähren aus dem Jahr 2017 wird die Drucklegung an die Wende der Jahre 1522 und 1523 gelegt und die Flugschrift aus Augsburg für den Erstdruck gehalten.156 Vergleicht man aber den Augsburger Druck mit den restlichen Ausgaben, stellt man fest, dass die Flugschrift aus der Offizin von Heinrich Steiner einen Raubdruck darstellt, dem die Nürnberger Ausgabe als Vorlage diente. Sieht man von sprachlichen Spezifika ab, sind die Veränderungen allerdings sehr gering. Sie betreffen falsch gesetzte Großschreibung auf der Titelseite und der letzten Druckseite (A1r, A4r), Weglassung vom abschließenden etc. am Ende des dritten Artikels (A2r) sowie zahlreiche Auslassungen von Virgeln. Die Virgel fehlt z. B. hinter der Nummerierung des neunten Artikels (A3r), im anschließenden Artikel wurde sie sogar durch ein Komma ersetzt (A4r). Daraus ergibt sich, dass das Datum 1522 als das Jahr der Erstveröffentlichung der Kirchenordnung definitiv abzulehnen ist, denn alle vier Broschüren wurden erst im nachfolgenden Jahr gedruckt.

Abb. 1:Ordnung/ wie es soll mit dem gottesdienst/ vnd desselben dienern in der Pfarrkirchen der Stat Elbogen/ gehalten werden/ durch den wolgebornen Graffen vnd herren/ herren Sebastian Schlick Graffen zuͦ Passaw/ herren zuͦ Weyßkirchen vnnd Elbogen etc. Mit sampt dem Ratt daselbst vnd jrer gemain in Christo beschlossen vnnd auffgericht, [Augsburg: Heinrich Steiner], 1523, A1r (Titelblatt). Prag, Nationalbibliothek, 51 F 000118.

Die Gegenschrift des Prager Administrators Johannes Zack ist in zwei Ausgaben erhalten. Der Erstdruck wurde in der Dresdner Offizin herausgegeben, die unter dem Namen Emserpresse bekannt ist. Während der Drucklegung passierte aber ein Fehler in der Jahresangabe auf der letzten Druckseite. Als Jahr der Niederschrift wurde der 3. November 1504 angegeben, was in den erhaltenen Exemplaren durch das Durchstreichen und einen handschriftlichen Vermerk mit der römischen Jahreszahl xxiiij korrigiert wurde.157 Im Straßburger Nachdruck des Textes von Zack wurde das Jahr der Entstehung ausgebessert und hinzugefügt, ←58 | 59→←59 | 60→dass die Widerlegung am Tag des hl. Michael (29. September) 1525 gedruckt wurde.158

Die Titelseite des Dresdener Erstdrucks wurde mit einer Bordüre versehen, welche in der Emserpresse auch für andere Drucke gebraucht wurde [Abb. 2]. Im inneren Feld wurde neben dem Titel ein lateinischer Vers aus dem ersten Psalm untergebracht (Ps 1,4). In der Ausgabe aus Straßburg wurde dagegen Zacks Gruß an den Herrn Sebastian Schlick, welcher im Dresdener Druck auf fol. A2r zu finden ist, auf die Titelseite übertragen. Über der eigentlichen Grußformel, die in der Straßburger Flugschrift mit einer Holzschnittinitiale anfängt und deren erste Zeile in größerer Schrift als die restlichen gesetzt wurde, befindet sich der Verfassername, ebenfalls in Kleinschrift gesetzt. Dies stellt eine überflüssige Information dar, weil Zacks Name und sein Doktortitel im klein geschriebenen Teil des Grußes noch einmal vorkommen. Der Raubdruck macht dadurch klar, dass der Text von einem gelehrten Geistlichen stammt. Zugleich wurde der ursprüngliche Stadtname von Leitmeritz (Litomeritz, tschechisch Litoměřice), wo Zack als Propst wirkte, in Citomeritz abgeändert.159 Diese wohl einfache Verschreibung und der Umstand, dass man den Namen des Administrators doppelt auf der Titelseite vorfand, würden darauf hindeuten, dass die genaue geografische Verortung des Konflikts nicht besonders wichtig war. Der Grund, warum im Straßburger Druck der Werktitel abgeändert wurde, könnte vielmehr darin liegen, dass der Streit eines Grafen mit einem katholischen Prälaten mehr Käuferschaft anzog, als die bloße Widerlegung einer Ordnung aus einer den meisten Kunden offenbar unbekannten Stadt. Der Nachdruck der Elbogener Kirchenordnung erfolgte in Straßburg immerhin zwei Jahre davor und in einer anderen Offizin.

Abb. 2:Johannes Zack: Doctor Joannis Zack/ vorwesers des Ertzbisthumbs zu Prag/ vnd Probstes zu Litomeritz verlegung vnnd antwurt auff deren zum Elenbogen vermesszen ordnung vnnd freuele abwerffung der altherkommen Christlichen Ceremonien vnd Gotes dinste, [Dresden: Emserpresse, 1524], A1r (Titelblatt). Olmütz, Wissenschaftliche Bibliothek, 3.746.

Die Schriften von Wolfgang Rappolt sind jeweils nur in einer Ausgabe bekannt. Seine Texte „Eine erzwungene Antwort“ wie auch „Eine kurze Epistel“ wurden wohl in der Offizin von Johann Schönsperger in Zwickau gedruckt, also in einer Werkstatt, die bereits einen der Nachdrucke der Elbogener Kirchenordnung anfertigte.160←60 | 61→←61 | 62→

2.4 Die Urheber der Texte

Die meisten Informationen über die Entstehung der Elbogener Kirchenordnung sind aus der Titelseite zu entnehmen. Hier wird berichtet, dass die Ordnung den Gottesdienst, wie auch die Gottesdiener in der Pfarrkirche von Elbogen, also in der St.-Wenzels-Kirche, betrifft. Der Titel bezeichnet weiterhin eine ganze Gruppe von Personen als Urheber dieser Ordnung: Herr Sebastian Schlick hätte zusammen mit dem Stadtrat und mit der ganzen gemayn den Text verabschiedet.161 Laut den Ausführungen von Jiří Just nutzte der Adel die Kirchenordnungen nicht nur dazu, den institutionellen Aufbau der lokalen Kirche zu sichern, sondern hielt sie auch für den Ausdruck seiner Herrschaftsverantwortung.162 Dem entspricht das Auftreten von Sebastian Schlick, der sich durch seine Nennung im Titel der Flugschrift für einen Herrn ausgibt, der sich der eigenen Verpflichtung gegenüber seinen gläubigen Untertanen voll bewusst ist. Identische Ziele verfolgte der Stadtrat, das wichtigste Organ der Stadtverwaltung, der in der Regel – allerdings nicht in Elbogen – das Patronat zur Pfarrkirche besaß.163 Das Wort Gemeinde oder auch Gemeine bezeichnete sowohl eine Gemeinschaft von vollberechtigten Einwohnern eines Ortes als auch eine Pfarrgemeinde. Eigentlich war sie aber eine den Alltag organisierende Körperschaft, die einen besonderen juristischen Status besaß und u. a. die Rechte der Stadtbürger gegenüber der Obrigkeit verteidigte oder das Fungieren des Stadtrates kontrollierte. Man nutzte diesen Begriff zugleich als Bezeichnung von meistens jährlich stattfindenden öffentlichen Gemeindeversammlungen, auf denen Satzungen erlassen wurden. Weil aber die Verhandlungen, an denen mehrere Dutzend oder Hundert Einwohner teilnahmen, zu lange dauerten oder sogar aufgrund der hohen Teilnehmerzahl scheiterten, wurde ein eigener Rat gewählt, der aus vier bis zwölf Älteren bestand.164 Die Druckschrift präsentiert sich hiermit als ein durch alle Bestandteile der Stadtverwaltung anerkanntes und angenommenes Dokument. ←62 | 63→Wenn man den Inhalt der Kirchenordnung kennt, könnte man den Titel weiterhin als einen Widerhall von Luthers Prinzip des allgemeinen Priestertums lesen, wo die Gemeinde die entscheidende Instanz ist, und die Kirchendiener aus ihrer eigenen Mitte auswählt werden.165

Bereits in der ersten Edition der Kirchenordnung aus dem Jahre 1846 wurde angenommen, dass sie vom Prediger Wolfgang Rappolt verfasst worden sein könnte. Aemilius Ludwig Richter schloss aufgrund der beiden späteren Flugschriften von Rappolt darauf, betonte allerdings, dass der Name dieses Predigers in der Kirchenordnung nirgendwo genannt ist.166 Sonst wird Graf Sebastian Schlick gewöhnlich als der Autor des Textes angegeben.167

Neben diesen Annahmen setzte sich in der Forschung eine andere Meinung durch, die vom folgenden lateinischen Satz auf der Titelseite der „Kirchenordnung von Elbogen“ hergeleitet wurde: Eleuͤtherobius/ sed tanquam Theodulus inuulgabat.168 Der Spruch beruht auf der Bibelstelle 1. Kor 7, 22: Denn wer als Knecht berufen ist in dem Herrn, der ist ein Freigelassener des Herrn; desgleichen wer als Freier berufen ist, der ist ein Knecht Christi.169 Im Unterschied zum griechischen Wortlaut wurde aber das ἐλεύθερος auf ἐλευθερόβιος abgeändert; desgleichen findet das latinisierte Theodulus keine direkte Entsprechung im Urtext. Bernhard Czerwenka sah in diesem Satz und in dieser Abänderung eine Unterschrift.170 Otto Clemen vermutete den Verfasser des Elbogener Textes erstens in dem aus Marktredwitz gebürtigen Johann Freysleben, genannt Eleutherobius, ←63 | 64→weiterhin in Leonardus Eleuterobius, einem Schulmeister in Linz, oder drittens in dessen Bruder Christoph Eleuterobius, welcher an einer Schule in Wels tätig war.171 Laut Gerhard Kolde und Matthias Simon beweise die „Kirchenordnung von Elbogen“ eindeutig die Tätigkeit von Johann Freysleben in Elbogen.172 Alfred Eckert meinte dagegen, dass der evangelische Prediger Wolfgang Rappolt den Text zusammenstellte und dessen Nachfolger Johann Freysleben ihn drucken ließ, er sei demnach der Herausgeber der Druckschrift. Eckert behauptete überdies, der Text sei im Jahre 1521 abgefasst und in den Jahren 1522–1523 mehrfach gedruckt worden, ohne zu erläutern, wie er zu seinen Rückschlüssen gelangt sei.173 Petr Hlaváček ist der Meinung, dass Johann Freysleben den Text revidierte, der Autor der Kirchenordnung soll Wolfgang Rappolt sein.174

Johann (Johannes) Freysleben wurde im Jahre 1490 in Marktredwitz geboren. 1509 wurde er an der Universität in Leipzig immatrikuliert und 1511 erhielt er den Titel des Bakkalaureus. Es ist unbekannt, wo er danach tätig war. Am 26. April 1522 bewarb er sich für die Predigerstelle in der Ortschaft Weiden in der Oberpfalz, wo er damals schon als Kaplan tätig war und möglicherweise sogar den kranken, und zu Ostern desselben Jahres verstorbenen, Prediger Johannes Hartl vertreten hatte.175 In Weiden schrieb er seine Schrift „Das Salve Regina“ nieder, auf welche Georg Hauer, Dompfarrer, Professor und mehrfacher Rektor an der Universität zu Ingolstadt, in einer Predigt vom 8. September 1523 ←64 | 65→reagierte.176 Freysleben will in seiner Schrift bezeugen, dass das Salve Regina eine menschliche Erfindung ohne jegliche Begründung in der Schrift ist und dass alle Apostrophen, durch welche Maria in dieser Antifon gelobt wird, nur Gott und Jesus Christus gebühren. Daraufhin schlägt er eine Abänderung des Textes zugunsten des Gottessohnes vor und dichtet die Antifon im reformatorischen Sinne nach. Bevor der Haupttext anfängt, spricht das personifizierte Büchlein in einigen deutschen Versen zum Leser. Somit stellt diese Flugschrift einen wichtigen Beleg für die reformatorische Begrifflichkeit dar.177 Darüber hinaus verkündet aber diese Vorrede, dass ihr Autor ein gewisser Carithonimus sei, mit dem Nachnamen Eleutherobius, der in der Stadt Iteon wohne.178 Schon die älteste Forschung löste diese Chiffre auf und erkannte in ihr die Unterschrift von Johann Freysleben aus Weiden.179 Georg Hauer verstand den Prolog jedoch nicht und hielt den Autor der gegen das Salve Regina gerichteten Schrift für einen Anonymus.

Freyslebens evangelische Ansichten wurden in Weiden aber nicht von allen Einwohnern mit Begeisterung angenommen. Seine Predigten erregten zuerst Unwillen unter einigen Geistlichen und Stadtbürgern, bald wusste man auch in Regensburg Bescheid. Zwischen Dezember 1523 und Herbst 1524 wurde ←65 | 66→der Prediger wiederholt zum Bischof von Regensburg zitiert, ein Verhör kam aber nie zustande. Freysleben verbarg sich während dieser Zeit sogar außerhalb von Weiden, sodass ihm die Stadt die Predigerstelle in der Pfarrkirche Anfang Dezember 1524 kündigte und die Auszahlung seiner Pfründe einstellte. Freysleben ließ sich dann in der Stadt Elsterberg bei Zwickau nieder. Aber schon zu Beginn des Jahres 1528 verließ er Sachsen und kam nach Selbitz in Oberfranken, wo seine Anwesenheit 1530 belegt ist und er drei Jahre lang wirkte. Auch seine weitere Lebensbahn wurde durch häufige Wechsel der Pfarreien begleitet.180

Es ist allerdings höchst problematisch, Freysleben mit Elbogen in Verbindung zu setzen. Abgesehen vom Satz auf der Titelseite der „Kirchenordnung von Elbogen“ gibt es keinen überzeugenden Beweis, dass er wirklich in der Stadt predigte. Die einzige Aussage, die die Beteiligung von Johann Freysleben an der Evangelisierung von Elbogen wahrscheinlich macht, fand Georg Kolde in den Verhörprotokollen vom 7. Dezember 1523, als man 17 Männer, welche nicht zu Freyslebens Predigten gingen, den Stadtrichter und Freyslebens Köchin befragte. Aus diesem Anlass sagte ein Bürger von Weiden, Niklas Wagner, aus, dass der prediger zum Elbogen vill vbels gestifft, das meßlesen, Salue vnd anders, damit man got gelobt, dadurch abgethan.181 Wagner machte diese Aussage jedoch erst zu einem Zeitpunkt, als die „Kirchenordnung von Elbogen“ höchstwahrscheinlich schon in allen ihren vier Ausgaben zu kaufen war und als sich die anderen Stadtgeistlichen und Bürger seit Längerem über die Ansichten des evangelischen Prädikanten beschwert hatten.

Der gräzisierende Nachname von Johann Freysleben ähnelt allerdings dem Pseudonym, welches Martin Luther ab Herbst 1517 bis zum Anfang des Jahres 1519 gebrauchte. Obwohl dieser damals noch seinen ursprünglichen Nachnamen Luder trug, fing er nicht lange nach der Veröffentlichung seiner 95 Thesen an, seine Briefe mit dem lateinisch geschriebenen Namen Eleutherius oder etwas später mit dem griechischen Ἐλευθέριος zu signieren.182 Er unterzeichnete den Brief vom 11. November 1517 sogar mit Worten, deren beide Schlüsselbegriffe in dem Elbogener Spruch vorkommen: F. Martinus Eleutherius, imo dulos et captivus nimis.183 Trotzdem lässt sich der Spruch von der Titelseite der „Kirchenordnung von Elbogen“ kaum als ein direkter Verweis auf Martin Luther verstehen. ←66 | 67→Der Reformator gebrauchte nämlich seinen gräzisierenden Namen lediglich in Briefen, die er an einen geschlossenen Kreis von Befürwortern schickte.184 Zudem müsste man im Falle der Abänderung des Eleutherius auf Eleutherobius mit Zufall oder nur einer partiellen Kenntnis dieser Namensvariante rechnen. Würde man also auf einer biografischen Lesart des Satzes auf der Titelseite der Kirchenordnung beharren, würde das latinisierte Eleutherobius doch eher auf Johann Freysleben verweisen, wenngleich der Hinweis auf Martin Luther inhaltlich mehr Sinn machen würde.

Bliebe man dabei, dass der gräzisierende Name eine Chiffre darstellt, besagt der Satz auf der Titelseite jedoch nichts über die Autorschaft oder Herausgeberschaft des Textes, auch wenn im 16. Jahrhundert das Verb veröffentlichen praktisch synonym für in Druck geben gebraucht wurde.185 Der Satz entbehrt sogar des Objektes, sodass lediglich besagt wird, dass Eleutherobius ehemals etwas unter Leute brachte oder sie damit bekannt machte.186 Deshalb müsste sich der Satz auf der Titelseite der Kirchenordnung vielmehr auf den Inhalt der Flugschrift beziehen. Es wäre also denkbar, dass sich die Elbogener Kirchenordnung dadurch auf die Lehre beruft, die Johann Freysleben, entweder unter den Stadtbewohnern oder außerhalb Elbogens, verbreitete. Es würde heißen, dass die einzelnen Artikel der „Kirchenordnung von Elbogen“ auf seine Tätigkeit als Prediger zurückzuführen sind. Aufgrund der für Freysleben gefährlichen Lage im Bistum Regensburg hätte seine Urheberschaft nur verschlüsselt dargelegt werden können. Freysleben würde somit als eine verborgene Autorität fungieren, welche die Elbogener auf den evangelischen Weg gebracht hätte. Hinsichtlich der Besuche Karlstadts in St. Joachimsthal ist es vorstellbar, dass Freysleben während seiner Tätigkeit in Weiden Predigtreisen nach Elbogen hätte unternehmen können.←67 | 68→

Weil sich die Flugschrift auf der Titelseite als ein Gemeinschaftswerk präsentiert, muss Freysleben kein direkter Verfasser der Ordnung gewesen sein. Die auf der Titelseite proklamierte Beteiligung von mehreren Subjekten an der Entstehung des Dokuments würde zudem völlig den Gewohnheiten entsprechen, die beim Verfassen der Kirchenordnungen aus Böhmen und Mähren galten.187 Die Obrigkeit arbeitete bei der Ausformulierung dieser Texte eng mit den örtlichen Geistlichen zusammen. Freysleben wohnte aber 1523 nicht (oder nicht mehr) in Elbogen, denn die Stelle des Predigers hatte ab 1521 Wolfgang Rappolt inne.188 Das schließt nicht aus, dass Freysleben derjenige hätte sein können, der bereits vor der Entstehung der Kirchenordnung mündlich dem Volk Anschauungen verkündet hatte, die später in den Artikeln kodifiziert wurden.

Sieht man aber von dieser biografischen Lesart ab und richte man sich nach dem Text, könnten die gräzisierenden Ausdrücke einfach zur Hervorhebung der zentralen Wörter im lateinischen Spruch dienen. Der Satz muss nicht zwingend eine Namenschiffre verbergen, sondern kann sich ausschließlich auf die theologische Dimension der Aussage beziehen. Denn diejenigen, welche die Satzungen verabschiedeten und an die Öffentlichkeit brachten, hätten zwar frei, aber immer noch als Christen gehandelt. Als Martin Luther den Spruch 1. Kor 7, 22 im Jahre 1523 erläuterte, betonte er zuerst, dass alle Menschen für Gott gleichwertig seien, denn der Glaube mache sie alle gleich. Luther ging sogar so weit, dass er behauptete: Wer eyn leye beruffen ist, der ist eyn pfaff fur gott.189 Im zweiten Teil seiner Erklärung befasste sich Luther mit dem scheinbaren Widerspruch, dass jeder zugleich zum Knecht und Freien berufen sei, und schließt mit der Aussage ab, ein Knecht gelte gleich so viel als eyn freyer, und eyn freyer als eyn knecht, Und ist gleich wol Christus eygen, ynn dem das er knecht ist.190 Dementsprechend musste der Spruch auf dem Titelblatt der Kirchenordnung nicht unbedingt eine Art Signatur darstellen, sondern dürfte vielmehr programmatisch sein, gegebenenfalls könnte er als ein indirekter Verweis auf die Vorbildfunktion Martin Luthers gedient haben. Diese Lesart würde zudem am besten der abschließenden ←68 | 69→Demutsformel entsprechen, in der hervorgehoben wird, dass die Verfasser lediglich nach dem Wort Gottes leben möchten.191

Die Refutation wurde von Johannes Zack verfasst, welcher in der Druckschrift als Vorsteher des Prager Erzbistums und als Propst zu Leitmeritz bezeichnet wurde. Zack war Sohn einer bürgerlichen Familie aus Leitmeritz. Er studierte in Leipzig und erlangte den Titel Doktor des kanonischen Rechts.192 1483 wurde er Kanoniker des Kollegiatskapitels in seiner Geburtsstadt, sieben Jahre später wurde er Kapiteldechant und 1508 Propst. Schon 1485 erhielt er eine Stelle im Prager Domstift, wo er 1520 zum Domdechanten gewählt wurde. In den Jahren 1510/1511–1525 bekleidete er das Amt des Administrators des Prager Erzbistums und war somit der höchstgestellte Mann in der Erzdiözese. 1525 zog er sich nach Leitmeritz zurück, wo er 1534 verstarb. Es sind zwei Bücherlisten erhalten, die über das Ausmaß seiner Bibliothek Bescheid geben.193 Zack stand im Kontakt mit Hieronymus Emser, welcher an den Administrator im Jahre 1519 einen lateinischen Brief adressierte. Dieses Schreiben wurde zuerst in Leipzig veröffentlicht und dann noch dreimal nachgedruckt. Der Dresdener Hofkaplan und Sekretär wollte in seiner Reaktion auf die Leipziger Disputation den Prager Administrator versichern, dass Luther kein Patron der Böhmen sei und dass die Utraquisten in ihm keinen Beschützer suchen könnten.194

Die Publikationstätigkeit von Hieronymus Emser ist eng mit der Produktion der Offizin verbunden, die als sog. Emserpresse bezeichnet wurde. Diese Offizin war in den Jahren 1524–1526 in Dresden tätig, das meiste typografische Material erwarb sie von Valentin Schumann, einem in Leipzig arbeitenden Drucker, der eben in dieser Zeitspanne seine Tätigkeit beendete. Obwohl heute bezweifelt wird, dass die Werkstatt ihren Sitz direkt im Hause von Emser gehabt hätte, steht ihr Bezug zum Hof von Herzog Georg und zur publizistischen Tätigkeit von Hieronymus Emser außer Frage. Die Offizin verlegte insgesamt ←69 | 70→zwölf Amtsdrucke und Emser selbst ließ hier 13 eigene Schriften, wie auch eine Übersetzung, veröffentlichen.195 Die Offizin spezialisierte sich ausschließlich auf katholische Autoren, neben anderen Texten erschienen hier Schriften vom Abt des Zisterzienserklosters in Altzella, Paul Bachmann, und dem böhmischen Juristen Roderichus Dubravius.196 Die Zusammenlegung der Verfasser wurde wohl durch Emser bestimmt. Zacks „Widerlegung und Antwort auf deren zu Elbogen vermessene Ordnung“ passte sehr gut ins Programm der Offizin, weil es ein volkssprachliches Pendant zu Emsers Schrift „Missae Christianorum contra Lutheranam missandi formulam Assertio“ bildete. Emser wollte nämlich in seiner Druckschrift belegen, dass die katholische Messe ihren Ursprung in der Apostelzeit nahm. Er griff in der Schrift das ihm bekannte Muster auf und stellte Sätzen, die er aus Luthers „Formula Missae et Communionis“ entnahm, seine Widerlegung gegenüber, sodass eine Art Dialog entstand.197 Die Refutation von Zack wurde genauso aufgebaut.

Man weiß nur wenig über den evangelischen Prediger Wolfgang Rappolt, zudem sind die meisten Informationen über sein Leben seinen eigenen, 1525 in Zwickau gedruckten Schriften zu entnehmen. In „Eine erzwungene Antwort“ gibt Rappolt zu, er sei von den Mönchen weggelaufen, er trug also ehemals eine Ordenskutte.198 Weiter führt er aus, dass er drei Jahre lang in Bologna Theologie studiert und weitere vier Jahre das Studium der Schrift in Rom unter der Leitung ←70 | 71→von Thomas Cajetan (Tomasso de Vio) fortgesetzt hatte.199 Als Zeugen seines Studiums in Bologna gibt er ausgerechnet Ernst von Schleinitz, seit 1525 Nachfolger Zacks im Administratorenamt200 und Jotz (Götz, Gottfried) von Wolffersdorff an. Die beiden Männer wurden an der Universität in Bologna im Jahre 1501 immatrikuliert, während Rappolt in den Akten nicht zu finden ist.201 Cajetan wirkte in den Jahren 1501–1507 als Professor für Exegese an der Sapienza in Rom.202 Weil sich Rappolt außerdem noch auf das Fünfte Laterankonzil beruft,203 musste er ferner im Jahre 1512 oder am Anfang des nächsten Jahres in Rom verweilen, jedenfalls noch vor dem Tod von Papst Julius II. am 21. Februar 1513, denn der Text beruft sich auf diesen Papst. Es lässt sich aber nicht sagen, ob Rappolt damals Rom nur besuchte, oder ob seine Kritik am Laterankonzil einen ununterbrochenen Aufenthalt von 1501/1507 bis mindestens 1512/1513 belegt. Rappolt erwarb wohl nie einen Doktortitel, das hätte er in dieser Passage kaum verheimlicht. Für seine Selbstdarstellung war aber von äußerst großem Belang, dass er bei einem der wichtigsten Antagonisten von Luther studiert hatte und sich als jemand präsentierte, der dieselbe Bildung wie sein lokaler Kontrahent Ernst von Schleinitz genossen hatte.

Außerdem gibt Rappolt in der Vorrede zu „Eine erzwungene Antwort“ an, er habe bis yn das vierde iar204 in Elbogen gepredigt. Das würde bedeuten, dass er in der Stadt im Jahre 1521 angekommen sei. Weil er Zack noch als Administrator anspricht, muss er den Text verfasst haben, bevor Zack auf das Amt verzichtete und sich nach Leitmeritz zurückzog. In seiner gedruckten Epistel aus demselben Jahr äußerte er sich wiederum dahin gehend, er sei auf Rat seiner Glaubensgenossen aus der Stadt geflohen und nicht etwa wegen eynes rauschennen bladts.205 Diese Äußerung stellt eine Anspielung auf 3. Mose 26, 36 dar, mit welcher auch ←71 | 72→Martin Luther in seinem Brief die „Positiones“ des Hieronymus Dungersheim von Ochsenfurt gegen Egranus bezeichnete.206 Rappolt kann somit einerseits Bezug auf die Refutation von Johannes Zack genommen haben, anderseits ist nicht auszuschließen, dass er sich auf eine handgeschriebene Urkunde oder einen Beschwerdebrief aus der Feder des oberen Konsistoriums berief. Die Situation in Nordwestböhmen war offensichtlich sehr angespannt und die katholische Partei, geführt von Johannes Zack und Ernst von Schleinitz, scheint in diesem Jahr sehr erfolgreich gewesen zu sein. Denn auch der evangelische Prediger Michael Coelius musste aus seiner Wirkungsstätte Bensen (Benešov nad Polučnicí) Ende Januar 1525 fortgehen und vom evangelischen Prediger aus Tetschen (Děčín), Dominik Beyer, hört man im Jahre 1524 das letzte Mal.207

Es ist ungewiss, wohin sich Rappolt begab, nachdem er Elbogen verlassen hatte. Er bekleidete im Jahre 1527 eine Predigerstelle in der Gemeinde Lauf bei Nürnberg.208 Danach muss er nach Wittenberg übersiedelt sein, denn aus zwei Briefen Martin Luthers vom 19. Juli 1529 geht hervor, dass ein gewisser Wolfgang Rappolt sich entschlossen hatte, seine Wirkungsstätte zu ändern und Wittenberg zu verlassen. Der sächsische Reformator betont, dass der Prädikant arm war, als er in Wittenberg ankam. Zum Zeitpunkt seines Abgangs ging es ihm finanziell nicht besser, denn Luther beglich Rappolts Schulden und schenkte ihm das Reisegeld. Der damals kranke Rappolt zog nach Nürnberg um, wo er Verwandte hatte und wo er einst wohnhaft gewesen war.209

2.5 Die Neuerungen der Kirchenordnung von Elbogen

Der Text der „Kirchenordnung von Elbogen“ verbindet zwei auf den ersten Blick einander widersprechende Tendenzen: Er schränkt die Rechte des Pfarrers ein und grenzt seine Macht gegenüber dem Prediger ab, gleichzeitig lässt er dem Pfarrer, wie auch den Gläubigen, eine bestimmte Freiheit dahin gehend, ob sie beispielsweise nun bei traditionellen Zeremonien bleiben oder sich dem reformierten Strom zuwenden möchten.210←72 | 73→

Dass die Kirchenordnung zwischen dem Pfarrer und dem Prediger unterscheidet, ist aus Artikeln ersichtlich, welche die Finanzen regeln.211 Der achte Artikel besagt, dass die Gemeindemitglieder den Prediger bezahlen. Der Lohn des Pfarrers soll nicht gekürzt werden, gleichzeitig wird aber angeordnet, dass der Prediger in der Pfarre untergebracht werden soll, wie dem schon früher gewesen sei. Hiermit demonstriert die Ordnung, dass die einst aufgestellten Sitten nicht gestört werden sollen. Aus dem Text geht außerdem hervor, dass ein Pfarrer und ein Prediger schon vor dem Jahre 1523 in der Wenzelskirche gemeinsam wirkten.212 Die „Kirchenordnung von Elbogen“ setzt in dieser traditionsbezogenen Redeweise weiter fort, wenn im 18. Artikel dem Pfarrer Löhne zugesprochen werden, die er bis dahin bekommen habe. Dem Geistlichen solle der Zehnt zukommen, wie auch der Pfennig, der ihm viermal jährlich anlässlich großer Feste abzugeben sei (Weihnachten, Ostern, Pfingsten, Mariä Himmelfahrt). Zudem bezieht er weitere Finanzen aus dem Mühlzins.213 Dem Pfarrer zu Elbogen bleibt der Lohn aus der Eheschließung (17. Artikel), wodurch er jedoch wohl der anderen Stollgebühren entledigt wird. Es wird ihm aber in der Vorschrift untersagt, aus der Erde am Friedhof Profit zu ziehen (13. Artikel). Die Kirchenordnung sieht die zugesprochenen Abgaben als hoch genug an, damit der Pfarrer noch einen Kaplan unterhalten kann. Er wird außerdem im 18. Artikel verpflichtet, dem Schulmeister Essen zu verschaffen.214←73 | 74→

Der Pfarrer und der Kaplan sind laut der Kirchenordnung für die Ausführung der Liturgie zuständig. Ihre Aufgabe besteht darin, die Messe zu zelebrieren und den Gläubigen das Sakrament zu reichen. Die Tätigkeit des Predigers wird dagegen ausschließlich mit dem Gotteswort in Verbindung gesetzt. Im ersten Artikel wird ausgeführt, dass jeder Gottesdienst mit der Predigt anfangen soll. Gleichermaßen wird das Abschaffen von Weihwasser und -salz im dritten Artikel in Zusammenhang mit dem Primat des Gotteswortes gestellt. Die Kirchenordnung rechtfertigt deren Verbot dadurch, dass viele Gläubige nur wegen äußerer Werke sonntags in die Kirche gegangen seien und sich kaum für das Gotteswort interessiert hätten. Sie hätten die Kirche verlassen, ohne das Wort Gottes überhaupt gehört zu haben.215

Es war im Mittelalter nicht festgelegt, wann man in der Kirche predigen sollte. Am meisten wurde wohl nach der Bibellesung gepredigt, wodurch der Sermon in den Wortgottesdienst integriert wurde. Es war aber möglich, erst vor oder nach der Messe zu predigen, genauso wurden Sermone ohne Anbindung an die Liturgie vorgetragen, z. B. am Nachmittag.216 Der sonntägliche Gottesdienst wurde mit der sog. Asperges eröffnet. Es handelte sich um ein Ritual, während welchem Wasser geweiht wurde, dem man ein bisschen Salz beimischte. Der Wasserweihe folgte eine feierliche Prozession um die Kirche, wobei das Kirchengebäude, der Kirchhof und die beteiligten Gläubigen besprengt wurden.217 Der dritte Artikel der Kirchenordnung bemüht sich also nicht nur darum, dass die Gläubigen der Predigt zuhören, sondern schafft zugleich Bräuche ab, welche auf die privilegierte Stellung des Pfarrers hinweisen.←74 | 75→

Laut dem vierten Artikel soll der Prediger werktags anstatt der Frühmesse eine Predigt halten. Dem Pfarrer und dem Kaplan wird die Entscheidung überlassen, ob sie direkt nach der Predigt die Messe lesen, die Messe auf eine spätere Zeit verlegen, wann sie an Feiertagen die Hochmesse feiern, oder ob sie gar von der Frühmesse ablassen. Im 16. Artikel wird dem Pfarrer darüber hinaus erlaubt, das Stundengebet zu halten oder ganz auf dieses zu verzichten. Der vierte Artikel wollte also, dass der Prediger zur Gemeinde zur Zeit der Matutin oder Laudes sprach, wogegen dem Pfarrer nur eine wenig geeignete Uhrzeit zur Verfügung gestellt wurde. Wenn er die Messe direkt an die Predigt anschloss, musste er trotzdem mit einem Rückgang des Publikums rechnen. Wenn er die Frühmesse an Werktagen auf die Zeit der Hochmesse verlegte, beschränkte sich die Anzahl der Beiwohnenden auf ein Minimum, weil das meiste Pfarrvolk seinen Pflichten längst nachgegangen war. Diese Variante glich wohl fast der zuletzt vorgeschlagenen Alternative, also die Frühmesse ganz abzuschaffen.

Obwohl die „Kirchenordnung von Elbogen“ im ersten Artikel die Reihenfolge der Predigt und der Messe festlegte, äußert sie sich sonst kaum zum Verlauf des Gottesdienstes. Das steht in Kontrast zu anderen evangelischen Kirchenordnungen, die der Elbogener vorangingen oder etwa zu gleicher Zeit entstanden. „Die Ordnung der Stadt Wittenberg vom 24. Januar 1522“ wie auch Luthers Schrift „Von beider Gestalt des Sakraments zu nehmen“ vom März desselben Jahres, beseitigten insbesondere Elemente, die auf den Opfercharakter der Messe hinwiesen.218 Die Schrift „Von Ordnung Gottesdiensts in der Gemeinde“, also Martin Luthers Ordnung für die Gemeinde Leisnig aus der Zeit vor dem 19. März 1523, befasste sich insbesondere mit der Umgestaltung der Stundenliturgie, weshalb sich der Reformator hier zum Auslassen der einzelnen Bestandteile der Messe nicht äußerte. Er rückte aber die Lesung und Auslegung der Schrift in den Mittelpunkt jedes Gottesdienstes, also nicht nur des Sonntagsgottesdienstes. Zugleich wurde der alltägliche Gottesdienst verboten. Die kirchliche Gemeinde sollte nicht zusammentreffen, sofern das Wort Gottes nicht gepredigt wurde und das Gebet fehlte. Die Gläubigen sollten zweimal, gegebenenfalls dreimal, am Tag zu einer etwa halbstündigen Lesung und Predigt zusammenkommen, an diese sollte eine weitere halbe Stunde mit Beten und Singen von Psalmen anknüpfen. Ein solcher täglicher Gottesdienst war für die Priester und Schüler bestimmt, wogegen vor der ganzen Gemeinde am Sonntag zur Zeit der Hochmesse und der Vesper gepredigt werden sollte. Luther empfahl, Lesungen aus Evangelien ←75 | 76→für den Sonntagmorgen auszuwählen, für den Abend sah er die Episteln vor, oder er befürwortete, dass sukzessive die biblischen Bücher durchgegangen würden.219 Luthers „Formula Missae et Communionis“ von Ende November oder Anfang Dezember 1523 strich das Offertorium und den Kanon aus der Messe, die Messe sollte weder ein Opfer noch ein gutes Werk darstellen. Er bevorzugte zwar, dass man zwischen dem Glaubensbekenntnis (welches nach der Lesung kommt) und der Segnung von Brot und Wein predigte, bewilligte aber zugleich, dass der Prediger bereits vor dem Introitus, also am Anfang des Gottesdienstes, zur Gemeinde redet, denn alles bis zum Glaubensbekenntnis sei Menschenwerk und deshalb veränderbar.220

Martin Luther kritisierte zwar das Stundengebet und seine „Tischreden“ zeigen, dass er selbst im Jahre 1520 von der Horenliturgie abließ. Die Schriften und Predigten der frühen 1520er-Jahre lehnten aber das regelmäßige Gebet als solches nicht ab.221 In „Formula Missae et Communionis“ schaffte Luther zwar die Messe an Werktagen ab, hielt aber die Strukturierung des Tages mittels der Horen nicht für schlecht, weil die Texte des Stundengebets, bis auf die Heiligenfeste, die Worte der Bibel darstellten. Er rechnete aber damit, dass Schüler der Liturgie beiwohnen werden, wodurch er ihr einen erzieherischen Charakter zuschrieb.222

Der Prediger soll laut dem neunten Artikel der „Kirchenordnung von Elbogen“ lediglich das Evangelium predigen und auf Jesus Christus als den Weg zum Heil hinweisen. Daneben soll er laut dem siebten Artikel der Gemeinde die Grundlagen des Glaubens einprägen. Insbesondere an Sonntagen möge er seinen Zuhörern Dekalog, Credo, Vaterunser und Ave-Maria rezitieren. Das sind jedoch Gebote, durch welche die Ordnung kaum den Rahmen der mittelalterlichen Praxis überschritt, denn diese Texte waren seit dem 13. Jahrhundert fest an die Predigt gebunden.223 Der Prediger wurde dennoch mittels dieses Artikels zur ←76 | 77→Instanz, welche die Gläubigen erzog. Die Tätigkeit des Pfarrers beschränkte sich dagegen auf die bloße Durchführung seiner liturgischen Aufgaben.

Der vierte Artikel der Elbogener Kirchenordnung verpflichtet den – durch die Prager Kreuzherren installierten – Pfarrer das Altarsakrament jedem zu geben, der darum bittet, egal, ob an diesem Tag Messe gefeiert wird oder nicht. Laut dem nächsten Artikel darf der Gläubige unter einer oder beiderlei Gestalt empfangen. Dem Pfarrer wird darüber hinaus untersagt von diesem zu fordern, dass er vor dem Kommunizieren beichtet. Die „Kirchenordnung von Elbogen“ überließ es dem Gläubigen, ob er nach alten Gewohnheiten handeln will, oder ob er sich der Reformation zuwendet. Wiewohl das Abendmahl sub utraque in den böhmischen Ländern nichts völlig Neues darstellte, sah die Kirchenordnung in diesem Punkt einen Durchbruch und rechtfertigte ihre Forderung dadurch, dass die Kommunion unter beiderlei Gestalt in der Bibel eingesetzt wurde.

Laut Luther habe der Papst kein Recht, dem Gläubigen anzuordnen, dass er vor der Kommunion zur Beichte geht, die Beichtpflicht sei nirgendwo in der Schrift zu finden.224 Dennoch schätzte Luther die Ohrenbeichte hoch und wollte sie nicht abschaffen. Man soll aber zur Beichte freiwillig gehen und sie von Herzen begehren.225 Luther sprach sich für den Empfang des Brotes und des Kelches zuerst in seiner Schrift „Ein Sermon von dem hochwürdigen Sakrament des heiligen wahren Leichnams Christi und von den Brüderschaften“ aus dem Jahr 1519 aus.226 In „An den christlichen Adel deutscher Nation“ bestritt er, dass die Kommunion sub utraque ketzerisch oder unchristlich wäre, und in „De captivitate Babylonica ecclesiae praeludium“ zeigte er, dass diese Art der Kommunion in der Bibel begründet ist und dass das Verweigern des Kelches den Laien gegenüber eine römische Tyrannei darstellt. Der Priester soll dem Gläubigen sowohl das Brot wie auch den Wein darbieten, wenn dieser um sie bittet und wann immer er auch nach ihnen verlangt.227 Laut „Von beider Gestalt des Sakraments ←77 | 78→zu nehmen“ belege der Evangelientext klar, dass Christus die communio sub utraque einsetzte, Luther riet aber von einem machtvollen Durchsetzen der Kommunion unter beiderlei Gestalt ab.228 Er blieb deshalb in dieser Schrift noch beim Empfang des Brotes. Sollte jemand Wein genießen wollen, möge er es außerhalb des öffentlichen Gottesdienstes tun. Laut Luther sollte man zuerst gegen alte Bräuche predigen, sodass auch die Schwachen diese Grundprinzipien verinnerlichen und von sich aus nach dem Sakrament des Brotes und Weines verlangen. Gleichzeitig wird die Pflicht der Eucharistie zu Ostern abgelehnt.229 Ähnlich verfuhr Luther in „Von Ordnung Gottesdiensts in der Gemeinde“, wo erlaubt wurde, jeden Sonntag zu kommunizieren. Wenn der Gläubige an Werktagen das Altarsakrament empfangen will, soll der Priester auf seinen Wunsch eine Messe halten und ihm das Sakrament reichen.230 In „Formula Missae et Communionis“ wurde schon ausschließlich die Kommunion unter beiderlei Gestalt bewilligt, weil in Wittenberg lange genug gepredigt worden sei, sodass sogar die Schwachen die Notwendigkeit dieser Art der Kommunion hätten einsehen müssen.231

Der 14. Artikel der „Kirchenordnung von Elbogen“ nimmt dem Pfarrer jegliche Macht über die Kirche. Er wird als Diener von Jesus Christus und Verwalter der Geheimnisse Gottes bezeichnet. Weil die Gemeinde den Kirchenbau sowie die Kirchenausstattung finanzierte, gehören diese nicht dem Pfarrer, und er soll sich demgemäß im Gotteshaus verhalten. Die Kirche wird ihm de facto zur Messfeier verliehen. Dieser Punkt ist insofern wichtig, weil das Patronatsrecht zur Elbogener Pfarrkirche in den Händen der Kreuzherren lag. Der Bau wurde aber nach dem Brand im Jahre 1473 durch Matthes Schlick erneuert, seitdem diente die Kirche als Familiengrabstätte. Die Herren Schlick und die Stadt versuchten also durch die Kirchenordnung den Einfluss der Kreuzherren in der Stadt und ihre Macht über die Pfarre zu beschränken, sowie die sog. Kirchenfabrik an sich zu reißen. Das sind Bemühungen, welche dem ganzen Spätmittelalter eigen waren und auf verschiedene Art und Weise realisiert wurden.232

Da die Gemeinde die Finanzierung des Predigers übernimmt, will sie Kontrolle über dessen Einsetzung ausüben. Die im achten Artikel deklarierte Übernahme des Unterhalts des Predigers und die Einbeziehung der Gemeinde in die Verabschiedung der Kirchenordnung auf der Titelseite der Schrift reflektieren ←78 | 79→das durch Luther postulierte Prinzip des allgemeinen Priestertums aller Gläubigen. Bereits in „De captivitate Babylonica ecclesiae praeludium“ leitete Luther von 1. Petr 2, 9 ab, dass alle Christen Priester seien.233 In seiner Schrift „An den christlichen Adel deutscher Nation“ riet er dazu, dass jede christliche Gemeinde aus ihrer Mitte einen gelehrten und frommen Mann als Pfarrer aussucht, welchen sie auch ernähren soll. Ihm sollen Priester und Diakone zur Seite stehen, die ihm beim Predigen und Spenden des Sakraments behilflich seien.234 Eine Einleitung, wie eine Gemeinde einen geeigneten Priester gewinnen möge, bot Luther 1523 in den Schriften „Dass eine christliche Versammlung oder Gemeinde Recht und Macht habe, alle Lehre zu urteilen und Lehrer zu berufen, ein und abzusetzen, Grund und Ursache aus der Schrift“ und „De instituendis ministris Ecclesiae“.235 Eine christliche Gemeinde zeichnet sich laut Luther dadurch aus, dass ihr das Evangelium gepredigt wird. Weil die Bischöfe sowie andere Kleriker diese Aufgabe nicht ausüben, soll die Gemeinde nach der Schrift verfahren und unter den Pfarrangehörigen einen Priester-Prediger aussuchen.236 Predigen ist für Luther das höchste Amt in der ganzen Christenheit. Der Prediger darf sich neben seiner Hauptaufgabe auch der Seelsorge widmen, wenn er aber nicht will, soll er sich ausschließlich auf das Predigen konzentrieren und andere unterampt,237 wie z. B. das Taufen, einem anderen überlassen. So hätte es nämlich schon Jesus Christus oder der Apostel Paulus getan. In der Schrift „De instituendis ministris Ecclesiae“ wird die Priorität des Predigtamtes gegenüber anderen Tätigkeiten mehrfach wiederholt. Weil es ein apostolisches Amt darstellt, bildet es eine Grundlage für alle übrigen Aufgaben der Gottesdiener. Diese bauen auf ihm auf und hängen von ihm ab.238 Die Elbogener Kirchenordnung richtet sich nach demselben Prinzip: Für die reformierte Kirche ist lediglich der Prediger ein rechtmäßiger Priester, weil ihm das Amt des Wortes anvertraut wurde. Er wurde durch die Gemeinde finanziell unterstützt und installiert. Er verkündigte genauso wie Christus oder Paulus das Wort Gottes, die zweitrangigen Ämter, ←79 | 80→zu denen die beiden Schriften Luthers aus dem Jahre 1523 die Taufe rechnen,239 wurden dem Pfarrer und seinem Kaplan überlassen.

Die „Kirchenordnung von Elbogen“ beinhaltet neben der Abgrenzung der Wirkungsfelder des Predigers und des Pfarrers eine Reihe von Verboten, die sich gegen die spätmittelalterliche Frömmigkeit richten. Neben der Salz- und Wasserweihe wurden Prozessionen abgeschafft, was mit den Bemühungen Luthers, wie auch der Reformation, übereinstimmt.240 Weitere Verbote betrafen das Totengedenken, d. h. die Feierlichkeiten, die erst nach der Bestattung stattfanden, sowie die Toten- bzw. Seelenmessen (begengknus der todten, gedechtnus der seelen).241 Die Kirchenordnung hält sie für äußere Werke, die kein Fundament in der Bibel haben und zudem soziale Unterschiede hervorheben. Bemerkenswert ist, dass sich der zehnte Artikel direkt gegen die Herren Schlick richtet, denn der Vertrag von 1489 bestimmte eben, wie die alljährlichen Anniversarien in der Pfarrkirche finanziert werden sollten.242 Der zwölfte Artikel lässt demgegenüber einen Trauerzug zu, der aus dem Hause des Verstorbenen in die Kirche führt. Es wird erlaubt, die Glocken läuten zu lassen, womit bekannt gegeben wird, dass jemand verstoben ist.

Martin Luther lehnte sowohl die Totenmessen wie auch die Jahrtage strikt ab.243 Trotzdem entspricht der zwölfte Artikel über die Begräbnisse seinen Intentionen. Als der Kurfürst von Sachsen, Friedrich der Weise, im Jahre 1525 starb, wurden Martin Luther, Philipp Melanchthon und Gabriel Zwilling von Georg Spalatin um Gutachten darüber gebeten, wie die neue Begräbniszeremonie aussehen soll. Die beiden Gelehrten aus Wittenberg beantworteten das Ansuchen in einem gemeinsamen Brief, das zweite Gutachten kam von Zwilling aus Torgau. Es sollte alles abgeschafft werden, was Fürbitten betraf und wodurch die Lebenden den Toten im Jenseits helfen sollten, also Vigilie, Seelenmessen und Totengebete. Die Totenwache wurde bewilligt, wenn sie ohne Gesänge und fürbittende Gebete geschah. Keines der Gutachten sprach sich gegen den Trauerzug sowie ←80 | 81→das Läuten der Glocken, das Ausstellen der Wappen in der Kirche, die Begrüßung des Toten durch die Untertanen oder gegen die Armenspenden aus.244

Der 15. Artikel der „Kirchenordnung von Elbogen“ fordert, dass die Taufe auf Deutsch verläuft. Es wird die Bedeutung dieses Sakraments hervorgehoben und gefordert, dass die Taufpaten, wie auch andere Beiwohnende, die Worte verstehen, mit denen das Kind getauft wird. Das genaue Verständnis sei zugleich dazu nötig, damit die Taufpaten im richtigen Moment anstelle des Kindes versprechen, dem Teufel zu widerstehen. Man will sich durch die Einführung der volkssprachlichen Liturgie von der alten Praxis abgrenzen, weil man früher aufgrund der mangelnden Lateinkenntnisse und der daraus resultierenden Unwissenheit leichtfertig mit dem Sakrament umgegangen sei. Die Messe in der Volkssprache wird dagegen nicht gefordert.

Selbst Luther zögerte mit der Einführung des volkssprachlichen Gottesdienstes. Obwohl man bereits mancherorts im Reich die Messe auf Deutsch feierte, verfasste er 1523 noch ein lateinisches Messformular. Und als er im Jahre 1525 seine „Deutsche Messe und Ordnung Gottesdiensts“ niederschrieb, rechnete er damit, dass die lateinische Messe, wie sie in der „Formula Missae et Communionis“ kodifiziert wurde, weiter bestehen wird.245 Anders dachte er über die Taufliturgie. Am Ostermontag des Jahres 1523 schlug er vor, dass man während der Taufe die deutsche Sprache gebrauchen soll, wollte aber keine weiteren Schritte ohne die Zustimmung von anderen unternehmen. Er wollte, dass sich die Taufpaten am Gebet für den Glauben des Täuflings beteiligen. Kurz darauf gab er das deutsche Formular für die Taufliturgie „Das Taufbüchlein verdeutscht“ heraus.246 Wie Martin Brecht unterstreicht, handelte es sich um eine sehr konservative Übersetzung eines lateinischen Formulars, das wohl in Wittenberg in Gebrauch war.247 Die in der Vorrede angegebene Begründung, was Martin Luther zur Übertragung des Taufritus bewog, stimmt im Großen und Ganzen mit dem entsprechenden Artikel in der Kirchenordnung von Elbogen überein:

WEyl ich teglich sehe und hore, wie gar mit unvleyß vnd wenigem ernst, will nicht sagen, mit leychtfertickeit, man das hohe heylige trostlich sacrament der tauffe handellt uber den kindeln, wilchs ursach ich achte der auch eyne sey, das die, so da bey stehen, nichts davon ←81 | 82→verstehen, was da geredt und gehandellt wirt, dunckt michs nicht alleyne nuͤtz, sondern auch not seyn, das mans ynn deutsche sprache thue.248

Luther habe demnach angefangen, auf Deutsch zu taufen, damit die Eltern mehr zum Glauben bewegt würden und die Priester mehr auf die Taufhandlung aufpassen müssten.

Die obigen Ausführungen bezeugen, dass die Artikel viele Gemeinsamkeiten mit der Lehre von Martin Luther aufweisen. Luthers Grundsätze werden aber aufgrund der Textgattung auf elementare Aussagen reduziert und daher vereinfacht. Deshalb wäre die Forderung, dass man unter beiderlei Gestalt kommunizieren darf, eher auf die in Wittenberg geformten Ansichten zurückzuführen und nicht etwa auf die Praxis der utraquistischen Kirche. Hinsichtlich dieser Behauptung ist nun zu prüfen, inwiefern die Verfasser der Elbogener Kirchenordnung über Begebenheiten in Wittenberg informiert waren und inwiefern ihnen die aktuellen Ansichten von Martin Luther bekannt waren. Man muss außer dem Einfluss von Luther allerdings erwägen, inwieweit Andreas Bodenstein von Karlstadt für die Konstitution der Elbogener Kirchenordnung wichtig sein konnte. Dieser hatte nämlich einerseits dazu maßgeblich beigetragen, dass die Stadt Wittenberg im Januar 1522 eine neue Ordnung erließ, andererseits predigte er 1520 und 1522 im Schlick’schen St. Joachimsthal.249

2.6 Die Kirchenordnung von Elbogen und die Ereignisse in Wittenberg von 1522–1523

Luther vertritt in „Von beider Gestalt des Sakraments zu nehmen“ vom März 1522 eine andere Ansicht darüber, wie man in Wittenberg das Sakrament des Altars empfangen soll, als in seiner „Formula Missae et Communionis“ vom Dezember des nächsten Jahres. Dieser Unterschied ergibt sich aus der Entwicklung, welche die Gemeinde unter der Führung des Reformators in dieser Zeit durchmachte. Die Predigten und weitere Schriften aus dieser Zeit sind durch Luthers Kontroverse mit Andreas Bodenstein von Karlstadt geprägt und betrafen die Art und Weise, wie Reformen einzuführen und durchzusetzen waren.250←82 | 83→

Andres Bodenstein legte am 19. Juni 1521 eine Reihe von Thesen vor, in denen er die Kommunion sub una zu einer Sünde erklärte. Am Weihnachtstag 1521 feierte er in der Wittenberger Schlosskirche die erste evangelische Messe, in der er das Abendmahl in beiderlei Gestalt erteilte. Er trug ein Laiengewand, sprach die Einsetzungsworte auf Deutsch, verzichtete auf die Kreuzeszeichen über der Hostie und auf deren Elevation. Er spendete den Teilnehmern das Sakrament, ohne dass diese beichten oder fasten mussten.251 Seitdem stieg die Zahl der Kommunikanten während Karlstadts Messen enorm.252

Der Stadtrat sah aber in der Uneinigkeit bezüglich der Ausführung des Gottesdienstes durch verschiedene Instanzen in Wittenberg eine Gefahr, darin unterschied er sich kaum vom Kurfürsten oder von der Universität. Es wurde deshalb am 24. Januar 1522 eine Stadtordnung erlassen, an deren Entstehung sich neben Karlstadt vier weitere Gelehrte aus Wittenberg beteiligten. Die liturgischen Angelegenheiten bildeten aber nur einen bescheidenen Teil der Ordnung, wichtig waren die Regelung der Armenversorgung und das Bettelverbot. Die Messe wurde im 14. Artikel behandelt, die Regelungen betrafen ihren Opfercharakter. Es wurde mit Kommunion unter beiderlei Gestalt gerechnet, denn das Abendmahl sollte so gefeiert werden, wie Christus es eingesetzt hatte. Darüber hinaus wurde bewilligt, dass der Kommunikant die Hostien sowie den Kelch selbst in die Hände nimmt. Das Dokument ist in einer handschriftlichen Variante bekannt sowie in vier Drucken, von denen keiner aus Wittenberg stammt.253 Es konnte also kein Problem darstellen, dass man sich in Elbogen ein Druckexemplar dieses Textes besorgte. Die kurfürstliche Regierung griff aber bald nach dem Erlass des Dokuments gegen die Reformen ein und berief die wichtigsten Akteure für den 13. Februar 1522 nach Eilenburg, wo die Neuerungen der Stadtordnung teilweise rückgängig gemacht wurden.254

Obwohl Karlstadt rege Beziehungen zum benachbarten St. Joachimsthal pflegte, beeinflussten die Reformen unter seiner Regie die Kirchenordnung von Elbogen nicht. Das zeigt sich insbesondre am Umgang mit dem Abendmahl oder ←83 | 84→am Nutzen der Volkssprache. Karlstadt vertrat die Anschauung, dass die beiden Sakramentszeichen Verheißungen sind, wobei das Brot für den Sieg über den Tod und der Wein für die Vergebung der Sünden stehen. Deshalb muss man sie beide empfangen, sonst sind sie nicht heilswirksam.255 Zudem sprach er während der Messe zu Weihnachten 1521 die Einsetzungsworte auf Deutsch und laut. Die Elbogener Kirchenordnung erlaubte demgegenüber sowohl die Kommunion sub una als auch sub utraque. In der Kirchenordnung wurde lediglich das Predigen in der Messe geregelt, weder der Opfercharakter der Messe noch die leise und lateinisch gesprochenen Einsetzungsworte wurden als problematisch angesehen. Die Kirchenordnung forderte nur, dass die Taufe in der Volkssprache verlief. Desgleichen konnte die Stadtordnung von Wittenberg der Elbogener Kirchenordnung nicht als Vorbild dienen, weil das Wittenberger Dokument sich mehr auf das Betteln und die Verwaltung des sog. gemeinen Kastens konzentrierte. Die in einem einzigen Artikel gefasste Liturgiereform betraf das Reinigen der Messe und erlaubte die Kommunion unter beiderlei Gestalt.

Es waren dennoch die von Karlstadt angebahnten Reformen, die veranlassten, dass Luther am 6. März 1522 dem Wunsch des Kurfürsten zum Trotz von der Wartburg nach Wittenberg zurückkehrte. Vom 9. März, dem Sonntag Invokavit, bis zum nächsten Sonntag, dem 16. März, sprach Luther täglich von der Kanzel zum Pfarrvolk. Für diese acht Predigten, die mehrfach gedruckt herausgegeben wurden, setzte sich die Bezeichnung „Invokavitpredigten“ durch.256 Ein solches Predigen war für die Fastenzeit nicht außergewöhnlich, wichtig war jedoch, dass sich Luther in seinen Sermonen mit den in der Zeit seiner Abwesenheit aufgestellten Neuerungen auseinandersetzte. Luther unterschied zwischen den Starken und den Schwachen im Glauben, wobei die Schwachen zu schonen waren. Es soll ihnen geholfen werden, ihren Glauben zu stärken. Luther bestritt nicht, dass Reformen des Gottesdienstes notwendig waren, aber die vorgenommenen Veränderungen sowie deren Geschwindigkeit hätten sich nach den Schwachen richten müssen. Es dürfen laut ihm keine Regeln mit Gewalt aufgestellt werden, sondern man soll zuerst das Wort Gottes wirken lassen.257 Bereits in der ersten Predigt plädierte er dafür, man müsse mit den Brüdern und Schwestern Geduld haben und langsam anfangen, wie wenn die Mutter das Kind füttere, denn sie beginne mit Brei und nicht gleich mit harter Speise.258 Erst durch das Predigen ←84 | 85→und Überzeugen kann man die Herzen der Zuhörer gewinnen, was die Bedingung dafür ist, dass mit der alten Ordnung gebrochen wird.259

Große Übereinstimmungen mit den „Invokavitpredigten“, insbesondere mit der fünften Predigt am Donnerstag nach Invokavit, zeigt die Schrift „Von beider Gestalt des Sakraments zu nehmen“, eine vorläufige Handreichung für die Priester, an der Luther bereits am 18. März 1522 arbeitete und die im folgenden Monat erschien.260 Laut Luther sei einzig die communio sub utraque christlich und evangelisch, weil der Wortlaut des Neuen Testaments klar zum Ausdruck bringe, dass Christus beiderlei Gestalt des Sakraments eingesetzt hatte. Den Christen wird von Luther das Recht zugesprochen, sich nach der Einsetzung Jesu zu richten, weshalb jedem die Freiheit gegeben werden soll, zu entscheiden, wie er sich beim Empfang des Altarsakraments verhält.261 Im zweiten Teil der Schrift bespricht er, warum er mit der Einführung der Neuerungen zögert, obwohl die Lage hinsichtlich der Kommunion so klar ist. Der gemeine Mann ist laut Luther durch die Gesetze des Papstes so eingeschränkt, dass er nicht auf einmal zur evangelischen Praxis übergehen kann, ohne dass er seinem Gewissen schadet. Selbst Luther habe drei Jahre gebraucht, bis er sein Gewissen durch evangelische Übungen von den päpstlichen Geboten befreit habe.262 Die Argumentation wird dabei mit einem Beispiel aus dem Alltag Luthers untermauert:

Wo nu solche schwache menschen hyn gehen und beyder gestalt nehmen, ßo beysset sie darnach yhre gewissen und beychten, das sie haben beyder gestalt genossen, als hetten sie ubel dran than, wie denn etlich schon than haben, daz ist denn eyn grewlich ding und ist ubel erger worden, denn mit solcher beycht und gewissen verleucken und verdamnen sie Christum und seyn eynsetzung.263

Laut Luther soll man nicht gebieten, sondern zuerst predigen, bis die Schwachen in ihrem Gewissen gestärkt werden, dann werden sie von selbst nach dem Sakrament unter beiderlei Gestalt verlangen. Deshalb muss man eine gewisse Zeit lang beim alten Missbrauch bleiben, bis das verkündete Evangelium die Zuhörer zum rechten Glauben bringt.264

Um die Schwachen zu schonen, machte Luther die einstigen Reformen wieder rückgängig. Obwohl der Unterschied zu Karlstadts Weihnachtsmesse ins Auge ←85 | 86→sticht, wichen Luthers Forderungen nur gering von der Wittenberger Stadtordnung ab. Die Messe sollte auf Lateinisch gehalten werden, die Priester wieder Ornat tragen, und auch die übrigen gewöhnlichen Zeremonien sollten wieder abgehalten werden. Die Kommunion sollte unter einer Gestalt gereicht werden. Luther sagte, man solle so kommunizieren, wie es der Brauch der Gemeinde ist, wohin man gelange, es komme nämlich nicht auf die Form des Sakraments an, sondern auf die Worte des Sakraments.265 Die communio sub una sei aus Rücksicht auf die Schwachen einzusetzen, weil die Liebe zu ihnen wichtiger sei als die Durchsetzung des Abendmahles unter beiderlei Gestalt: ßo soll die liebe obliegen und die eynsatzung [von beiderlei Gestalt] eyn zeytlang weychen.266 Die Maßnahmen sollten also von begrenzter Dauer sein. Wenn man sowohl Brot als auch Wein empfangen will, möge man es tun, aber nicht im gewöhnlichen Messgottesdienst und am gesonderten Altar.267 Bei der Messe wurde lediglich der Kanon ausgelassen. Die Einsetzungsworte, die offenbar wieder leise zu sprechen waren, sollten in der volkssprachlichen Predigt immer wieder erklingen. Die Beichte wurde jedem freigestellt.268 Luther begehrte, dass in der Zukunft keine Privatmessen ohne Gemeindebeteiligung und ohne Abendmahl stattfänden. Genauso war sein Wunsch, dass man das Sakrament einfach auf Bitte der hungerigen seelen269 austeilen möge und nicht aus Pflicht.

Diese hinsichtlich des Sakraments durch Zugeständnisse geprägte Haltung änderte sich 1523 und wurde in der „Formula Missae et Communionis“ am Ende desselben Jahres festgehalten. Laut dieser Druckschrift sollte ab diesem Zeitpunkt in Wittenberg weiterhin nur unter beiderlei Gestalt kommuniziert werden. Luther begründete diese Änderung damit, dass man seit zwei Jahren das Evangelium dem Volk verkündigt und auf die Schwachen geachtet habe, sodass man jetzt die communio sub utraque anordnen könne. Denjenigen, welche nicht unter beiderlei Gestalt empfangen wollten, sollte der Zugang zum Sakrament ganz untersagt bleiben.270 Trotz des strengen Tons gegenüber dem eigenen Pfarrvolk stellt die „Formula Missae et Communionis“ aber keine absolute Vorschrift dar. In diesem Dokument zeigt sich, wie sich Luther weigerte, das geistliche Leben zu normieren. Wenn er liturgische Ordnungen niederschrieb, pflegte er sie zu relativieren. Dementsprechend wurden die einzelnen Punkte ←86 | 87→in der „Formula Missae et Communionis“ eher als Vorschläge aufgefasst, wobei die jeweilige Problematik aus der Sicht der Wittenberger erläutert wurde und ausschließlich für diese als verbindlich galt.271 Dem Pfarrer wurde zudem in der Gestaltung der Messe in vielen Einzelheiten die Freiheit zugesprochen, selbst zu entscheiden. Obwohl Luther also den Rahmen schuf, in welchem sich die Reformen abspielen sollten, stellte der Pfarrer die letzte Instanz dar, die das Maß des Kürzens und Reinigens des Gottesdienstes selbst bestimmte. Ebenso waren dem Gläubigen einige Handlungen freigestellt, z. B. ob er sich mit Beichte und Fasten auf die Kommunion vorbereiten wollte.272

Trotz der Vereinfachung, die die Kirchenordnung von Elbogen bietet, scheinen die Verfasser gut über die Abänderungen des Gottesdienstes in Wittenberg im Jahre 1522 informiert gewesen zu sein. Der Vergleich mit den Ansichten Luthers hat erwiesen, dass der Elbogener Text seinen Anschauungen entspricht und sich daher als ein Gegenentwurf zu Karlstadts Messe von Weihnachten 1521 lesen ließe. Grundlegend ist dabei, dass in Elbogen ebenso wie bei Luther mit einer Übergangsphase gerechnet wurde, während der man mehrere Möglichkeiten zuließ. Das Endziel war dennoch eine Säuberung der Riten nach evangelischem Vorbild. Diese Übergangszeit ist am besten im vierten Artikel mit dem dreistufigen Verzicht auf die Werktagmesse greifbar. Die Messe wird nämlich nicht sofort abgeschafft, sondern es wird der Entwicklung Zeit gelassen und damit gerechnet, dass sich die Sache von selbst erledigt. Die Bewilligung beider Arten der Kommunion mit gleichzeitiger Akzentuierung der Predigt würde dafürsprechen, dass man Luthers Formulierungen über beschwerte Gewissen und die Schonung der Schwachen kannte. Die ausdrückliche Befürwortung von beiderlei Gestalt lässt darauf schließen, dass man das Abendmahl nach dem biblischen Vorbild bevorzugte und Schritt für Schritt einführen wollte.

Die möglichen Vorlagen für die einzelnen Artikel der „Kirchenordnung von Elbogen“ wurden oben behandelt. Als Impuls zum Verfassen der Kirchenordnung durften insbesondere folgende drei Schriften dienen: Erstens käme das Werk „Von Ordnung Gottesdiensts in der Gemeinde“ infrage, in dem Luther auf die Umgestaltung des Alltags einging und auf tiefere religiöse Begründung verzichtete; zweitens „Dass eine christliche Versammlung oder Gemeinde Recht und Macht habe, alle Lehre zu urteilen und Lehrer zu berufen, ein und ←87 | 88→abzusetzen, Grund und Ursache aus der Schrift“, welches ebenfalls wie das erstgenannte Werk für Leisnig bestimmt war und in dem Luther das allgemeine Priestertum propagierte; drittens „Ordnung eines gemeinen Kastens“, welches der Stadtrat von Leisnig selbst verfasste und an Martin Luther schickte.273 Als Verfasser der Kastenordnung wird genauso wie in Elbogen die ganze Gemeinde angegeben, von den Erbar manne274 bis zu gemeinen Stadt- und Dorfbewohnern. Luther lobte überdies die neue Ordnung in seiner Vorrede, empfahl ihre Drucklegung und sprach ihr eine Vorbildfunktion zu.275 Die Anliegen der Elbogener Ordnung und der Leisniger Kastenordnung waren allerdings unterschiedlich, sodass es fast keine inhaltlichen Übereinstimmungen gab. Wichtiger war wohl, dass Luther die Entstehung der Leisniger Ordnung guthieß. Durch die Rezeption der Ansichten Luthers könnte sich die Gemeinde von Elbogen in seine Obhut stellen wollen, sie wollte quasi zum zweiten Leisnig werden, gegebenenfalls mit Leisnig zu den Gemeinden gehören, die Luther als geistlicher Vater betreute.

Die Schriften „Von Ordnung Gottesdiensts in der Gemeinde“ und „Dass eine christliche Versammlung oder Gemeinde Recht und Macht habe, alle Lehre zu urteilen und Lehrer zu berufen, ein und abzusetzen, Grund und Ursache aus der Schrift“ wie auch Luthers Taufbüchlein lagen spätestens im Mai 1523 gedruckt vor. Die „Ordnung eines gemeinen Kastens“ wurde vor dem 6. Juli veröffentlicht.276 Obwohl Luther seinen „Invokavitpredigten“ großen Wert beimaß und sich sogar schriftlich auf sie vorbereitete, wurde deren Drucklegung nicht von ihm initiiert. Es sind allein aus dem Jahre 1523 sechs Sammeldrucke von diesen Predigten bekannt, davor wurde nur die Predigt zur Bilder- und Fastenfrage (12. März) separat veröffentlicht. Susanne bei der Wieden bestimmte die Straßburger Ausgabe Wolfgang Köpfels vom Sommer 1523 als den Erstdruck der acht „Invokavitpredigten“. Interessant ist, dass diese Fastenpredigten zusammen mit zwei weiteren Predigten Luthers, mit dessen Schriften „Von Ordnung Gottesdiensts in der Gemeinde“ und „Von zweierlei Menschen, wie sie sich in dem Glauben halten sollen und was der sei“, seinem Sendbrief an Friedrich den Weisen und der „Ordnung eines gemeinen Kastens“ in einem Sammelband erschienen.277 Es scheint also, dass spätestens im Sommer, oder sogar schon im Mai 1523, alle ←88 | 89→Voraussetzungen erfüllt worden waren, damit die „Kirchenordnung von Elbogen“ entstehen konnte.

2.7 Die Gegenschrift des Prager Administrators

Die Refutation des Prager Administrators Johannes Zack wurde 1524, also ein Jahr nach der Drucklegung der „Kirchenordnung von Elbogen“, das erste Mal veröffentlicht. Der Titel der Erstausgabe und die Gestaltung des Haupttextes stehen jedoch im Widerspruch zueinander. Die Titelseite bezeichnet die Schrift von Zack klar als eine Gegenschrift zu den in Elbogen erlassenen Artikeln, sie sei eine verlegung vnnd antwurt auff deren zum Elenbogen vermesszen ordnung.278 Der Haupttext übernahm dagegen die Form eines Briefes, in dem der Administrator auf ein Schreiben des Pfandherrn von Elbogen, Graf Sebastian Schlick, antwortete. Diese Unstimmigkeit muss schon das zeitgenössische Publikum gestört haben, denn der Raubdruck vom Jahre 1525 änderte den Titel und unterstrich die Briefform der Flugschrift.279 Dass Zack nicht direkt auf die „Kirchenordnung von Elbogen“ reagierte, sondern sich mit dem Brief von Sebastian Schlick auseinandersetzte, ermöglichte, dass der Prälat vorrangig einem Adeligen widersprach. Dieser sollte offenbar als Exempel dafür dienen, wie man mit abtrünniger Obrigkeit umgehe. Man kennt den ursprünglichen Klagebrief von Graf Schlick nicht, man erfährt aber, dass er ihn an das Prager Domkapitel geschickt hatte. Sein Anliegen war, die Kirchenordnung zu verteidigen und darzulegen, warum man sich in Elbogen zu deren Verfassen entschieden hatte. Schlick sollte in seiner Beschwerde dem Kapitel vorenthalten haben, dass die Elbogener Kirchenordnung dem König Ludwig Jagiello vorgelegt worden war.280

Das wird kaum bestritten. Das obere Konsistorium hielt nämlich die Veröffentlichung der Kirchenordnung für eine Störung der Hierarchie. Man hätte sich laut Zack vor der Drucklegung des Dokuments an das Domkapitel wenden und die Beurteilung der Artikel beantragen sollen. Weil dies aber nicht der Fall ←89 | 90→war, folgte eine Anzeige am Königshof sowie eine öffentliche Belehrung durch den zuständigen Prälaten. Die Übergabe der Kirchenordnung an König Ludwig wurde somit als eine Tat dargestellt, welche die Drucklegung notgedrungen nach sich zog.281 Zudem wurde sie als der einzige Weg zur Besserung der Elbogener präsentiert.282 Das Benehmen des Administrators entsprach dabei einerseits den offiziellen Vorschriften der katholischen Kirche. Papst Leo X. ordnete in seiner Bulle von 1515 an, dass jede Schrift entweder in Rom oder vom zuständigen Bischof vor ihrer Drucklegung zu prüfen sei.283 Das würde erklären, warum auf der Titelseite sowie in der Salutatio Zack wiederholend als vorweszer des Ertzbistumbs zu Prag284 tituliert wurde. Andererseits empörte sich das Domkapitel darüber, dass man in Elbogen von den zuständigen Pfarrern verlangte, die biblische Grundlage der Kirchenriten vorzuweisen. Eine solche Auslegung gebühre nämlich nicht der örtlichen Geistlichkeit, sondern den Doktoren des Prager Domstiftes.285

Obwohl der Leser das Sendschreiben von Sebastian Schlick nicht kennt, erhält er aus der Vorrede von Zack alle wichtigen Informationen darüber, um die Auseinandersetzung rekonstruieren zu können. Die freilich parteiische Darlegung der Kommunikationssituation wird dazu genutzt, um sowohl die Zusammenstellung und die Drucklegung der Kirchenordnung als auch die nachfolgenden Beschwerden der Obrigkeit für unbegründet zu erklären. Zack konnte zudem durch die Einbettung der eigenen Flugschrift in den kommunikativen Kontext unterstreichen, dass die Herausgabe der Refutation kein Gutdünken von ihm sei, sondern dass er auf eine bedrohliche Situation reagierte. Er betont, er handle nicht in seinem eigenen Namen, sondern ihm sei diese Aufgabe vom Kapitel auferlegt worden.286 Das Verfassen der Antwort wird also nicht nur durch die frevelhafte Tat der Elbogener erzwungen, sondern Zack handelt aufgrund der Befugnis einer Versammlung von den Obersten des Prager Erzbistums. Hiermit wird zum Ausdruck gebracht, dass er im Unterschied zur Gegenpartei die kirchliche Hierarchie anerkennt. Dadurch, dass er schriftlich ausführt, worauf sich eine Versammlung von Vertretern der Kirche geeinigt hat, stilisiert er sich in ←90 | 91→die Rolle des Apostels Paulus.287 Zack wird somit zum Beauftragten, welcher die Gemeinde über die Beschlüsse einer christlichen Versammlung informiert und eine Verbesserung fordert.288

Zack legitimiert zusätzlich sein Vorgehen dadurch, dass er auf die Aufforderung seines Kontrahenten reagiert:

Dieweyl ir aber entlich begert euch durch das Euangelion als das ware wort Gotes tzu vnderrichten/ das gedachte ewer ordnung vnchristlich seyn solt/ mith erbiettunge/ wo das geschehe. Wollet ir vnd die zum Elenbogen/ euch erzeygen als die gehorsamen.289

Der Administrator scheint hier auf eine Demutsformel vom Ende des Klagebriefs reagiert zu haben. Mit den gleichen Worten schließt aber auch die „Kirchenordnung von Elbogen“ ab.290 Dessen war sich Johannes Zack offenbar voll bewusst, denn auf der letzten Druckseite seiner Refutation spricht er davon, man habe sich yn gedachter ewer ordnung vnd schrifft erbotten,291 dort Folge zu leisten, wo man seines Irrtums durch die Bibel überzeugt werde. Zack bezeichnet dabei das Schreiben von Schlick in seiner Flugschrift durchgehend als Brief oder Schrift, die Elbogener Druckschrift dagegen als Ordnung. Dadurch, dass sich Zack auf eine Formulierung beruft, mit der sowohl der handschriftliche Brief von Sebastian Schlick als auch die Elbogener Druckschrift enden, verwischt er die Grenze zwischen beiden Schriftstücken. Das Anliegen, mit dem die Refutation verfasst wurde, scheint deshalb dasjenige zu sein, dass zugleich Sebastians Brief und die Elbogener Kirchenordnung widerlegt werden. Dass nicht immer zwischen den Äußerungen, die sich gegen den Brief oder gegen die Ordnung richten, unterschieden werden kann, bzw. dass sich diese durchdringen, scheint eine Absicht darzustellen.←91 | 92→

Die oben zitierten Stellen veranschaulichen, wie Zack mit Pronomina arbeitete. Der Administrator wendet sich an Sebastian Schlick in der Höflichkeitsform (zweite Person Plural). Obwohl am Anfang seines Schreibens noch zwischen der gräflichen Hoheit und den gemeinen Bewohnern von Elbogen unterschieden wird,292 wird diese Trennung allmählich im weiteren Text aufgegeben. Ab fol. A2v wird das Gegenüber nicht mehr mit dem gräflichen Titel, sondern lediglich durch das Personalpronomen angesprochen. Diesem Verhalten entsprechen allgemeine Formulierungen wie eure Kirchenordnung, zugleich wird von euren Pfarrern und Predigern geredet. Der aufmerksame Leser weiß in diesem Moment zwar noch, dass Zack drei Irrtümer des Grafen Schlick infrage stellt, welche sich der Stadtherr habe einpflanzen lassen.293 Eine klare Trennung zwischen den beiden Subjekten wird aber völlig aufgegeben, sobald Zack zur Widerlegung der „Kirchenordnung von Elbogen“ übergeht und aus dieser zitiert.294 Die Kirchenordnung war ein Gemeinschaftswerk, weshalb sie zum Teil in der ersten Person Plural verfasst wurde.295 Weil Zack in seiner Widerlegung der einzelnen Artikel bei der allgemeinen ihr-Anrede bleibt, ist nicht ganz ersichtlich, ob er sich an Graf Sebastian Schlick oder die ganze Elbogener Gemeinde wendet. Erst bei der Widerlegung des 15. Artikels, der die Taufe betrifft, bezieht sich die ihr-Anrede wieder klar auf Sebastian Schlick, da auf dessen Brief Bezug genommen wird, anstatt sich mit der gedruckten Ordnung auseinanderzusetzen.296 Wenn auf der letzten Druckseite der Wunsch ausgesprochen wird, dass die Elbogener Kirchenordnung außer Kraft gesetzt wird und man sich der allgemeinen Kirche wieder unterordnet, werden wieder Pluralformen benutzt, die suggerieren, dass sich Zack an die ganze Gemeinde wendet.297

Die Einzelperson, an welche das Schreiben des Administrators adressiert ist, verschmilzt dadurch mit der Gruppe der Elbogener.298 Insbesondere, wenn ←92 | 93→Zack seine Gegenpartei der Ketzerei oder mangelnder Urteilbefugnis bezichtigt, scheint er sich an die ganze Gemeinschaft zu wenden. Der nicht ganz eindeutige Umgang mit dem Personalpronomen und dessen allmähliche Benutzung sind jedoch kaum als Fehler zu bewerten, sondern sie stellen vielmehr eine schlaue Taktik dar, mit deren Hilfe der Brief, welchen Zack an den Pfandherrn von Elbogen adressierte, zur Denunzierung der ganzen Gruppe genutzt werden konnte. Dieses Verfahren ermöglichte Zack wohl, einen viel härteren Ton zu wählen, als wenn er nur Sebastian Schlick angeschrieben hätte.

Zack ließ sich auf die Aufforderung der Evangelischen insofern ein, als er in seiner Widerlegung mit vielen Bibelstellen argumentierte. Noch bevor er sich mit der Widerlegung der Kirchenordnung beschäftigte, führte er in seinem Text 14 Belegstellen aus dem Neuen Testament an, während er lediglich zweimal auf alttestamentliche Passagen zurückgriff.299 Außerdem wird der Kirchenvater Eusebius von Cäsarea genannt, weil seine „Historia ecclesiastica“ zeige, dass das Vorziehen des Evangeliums eine alte Ketzerei sei, welche es schon im frühen Christentum gegeben hätte.300 Praktisch genauso verfuhr er bei der Widerlegung der Elbogener Artikel. Die neutestamentlichen Bibelstellen überwiegen, obwohl vermehrt aus den Büchern Mose und aus Psalmen zitiert wurde. Zack bediente sich außerdem des Buches Jesus Sirach. Die Schrift „De ecclesiastica hierarchia“ des Pseudo-Dionysius Areopagita, den Zack noch mit dem heiligen Dionysius gleichsetzte, sollte belegen, dass die Prozessionen ihren Ursprung in der Apostelzeit hatten.301 Dasselbe bezeugt in den Augen Zacks der römische Bischof Alexander I. für die Salz- und Wasserweihe.302 Die Legitimität dieses Ritus wird zudem durch Hieronymus und Augustinus unterstützt sowie durch die Geschichte des Bischofs Marcellus aus Cassiodorus’ „Historia ecclesiastica tripartita“.303 Die Trauerfeierlichkeiten, die erst nach dem Begräbnis einer Person ←93 | 94→stattfinden, werden einerseits dadurch gerechtfertigt, dass es sich aufgrund 4. Mose 20, 29 und 5. Mose 34, 8 um eine jüdische Tradition handele, anderseits sollen sie auf dem römischen Brauchtum beruhen, weshalb der „Codex Iustinianus“ zitiert wird.304 Die Bücher von Johannes Chrysostomos und Augustinus von Hippo werden als Zeugnisse genannt,

das die gedechtnis vnd furbit fur die verstorben mit vigilien vnd seelmessen von den gezeyten der Aposteln bis auff sie herkommen sey/ wie sie dann von den selben zweyen/ ouch bis auff vns/ vnd nu lenger dann tauset iar in der kirchen offentlich gehalten vnd also herkommen.305

Zum Schluss wird noch der Kirchenvater Ambrosius von Mailand herangezogen, weil er berichte, Paulus habe das Beten und Singen in anderen Sprachen als auf Hebräisch verboten und bestraft.306 Außerdem zögert Zack nicht, auf die Philosophen der Antike zurückzugreifen, sodass die „Akusmata“ dazu instrumentalisiert werden, die Altertümlichkeit der regulierten Kanoniker aufzuzeigen.307 Die meisten der Autoritäten, die Zack zur Untermauerung seiner Verteidigung der Zeremonien der alten Kirche heranzieht, überschreiten aber einerseits nicht den Horizont der ersten nachchristlichen Jahrhunderte, andererseits dienen sie dazu, das Leben im Zeitalter der Apostel zu dokumentieren. Darüber hinaus fungieren sie als eine Brücke, welche bis zu den Lebzeiten von Zack und denen von Elbogen reicht.

Wenn spätere Quellen oder sogar Aussagen von Zeitgenossen angegeben werden, werden diese als hervorragende Ausleger der Heiligen Schrift präsentiert. Man bekommt sogar den Eindruck, sie hätten sich lediglich darauf konzentriert, die Grundlagen für bestimmte Riten in der Bibel zu finden. König Heinrich VIII. und der Bischof von Rochester, John Fisher, werden als diejenigen angegeben, die die Notwendigkeit des Empfangs des Sakraments genauso wie die alten christlichen Lehrer belegt hätten. Das Lob beider Autoren ist von außergewöhnlichem Belang, denn sie zählten zu den größten Gegnern der Reformation. Die Nennung Heinrichs VIII. ist in diesem Kontext von einer besonderen Brisanz, weil die Schrift „Contra Henricum regem Angliae“, welche Martin Luther dem Grafen Sebastian Schlick zueignete, eine Entgegnung auf Heinrichs „Assertio septem sacramentorum“ darstellte. Ebenfalls die Konzile von Konstanz und Basel, deren Vorbild in der Zeit der Apostel zu suchen sei, hätten laut Zack durch ←94 | 95→die Schrift die Rechtmäßigkeit der communio sub una belegt.308 Die Werke des kanonischen Rechts fungieren in Zacks Flugschrift demgegenüber eher als Pendants zu den Satzungen aus dem Alten Testament.309

Die Kontroverse zwischen Sebastian Schlick und den Elbogenern auf der einen Seite und Johannes Zack auf der anderen lässt sich als ein Kampf der guten Ordnungen lesen, denn Zack fasste seine Schrift als Rechtfertigung der alten und daher guten Ordnung auf.310 Die gute Ordnung wird bei Zack durch bestehende Traditionen und Riten repräsentiert, weil diese auf der Altertümlichkeit der Kirche beruhen. Das Schlagwort dafür ist das Adjektiv altherkommen. Schon auf der Titelseite wird die Kirchenordnung von Elbogen für eine Zurückweisung der altherkommen Christlichen Ceremonien vnd Gotes dinste311 gehalten, im weiteren Verlauf des Textes wird das Elbogener Dokument zweimal buchstäblich als vnordnung eingestuft, wobei das erste Mal die Unordnung mit der Spaltung und Verachtung der christlichen Kirche sowie irer altherkommen loblichen vbung312 gleichgesetzt wird, das andere Mal kommt erneut der Vorwurf des Frevels sowie der Mutwilligkeit313 vor. Auf der letzten Druckseite werden die Elbogener aufgefordert, sich wieder nach den Bräuchen der allgemeinen Kirche zu richten und von ihrer vngegrundten vermeinten ordnung314 abzulassen. Die Störung der guten Ordnung zeichnet sich also laut Zack durch die eigenwillige Zerstörung der alten Traditionen aus. Indem man die Elbogener Kirchenordnung herausgab, hätte man sich der gegebenen Hierarchie widersetzt und damit die natürliche, von Gott gegebene Ordnung gestört.

Die Geschichte der Zack’schen Kirche verläuft linear und ohne Unterbrechung. So seien z. B. die Prälaten direkte Nachfolger der Apostel und so auch Christi.315 Genauso lässt sich laut Zack für jeden Ritus ein roter Faden rekonstruieren, der über die Autoritäten, meist die Kirchenväter, bis hin zu den Aposteln oder zu den Büchern Mose führt. Hier kommt das genannte Schlagwort in einer Abwandlung erneut zum Ausdruck, denn die meisten Zeremonien seien von der Zeit der Apostel bis auff vns herkommen.316 Dabei hängt es wenig davon ←95 | 96→ab, welche Belege man für den altertümlichen Ursprung der Riten nennt, denn die Kirchenautoritäten hätten seit 1500 Jahren einheitlich und wie aus einem Munde gesprochen. Diese Einheit entstehe aufgrund der Eingebung durch den Heiligen Geist, was zugleich bedeute, dass die Schriften der Kirchenlehrer kein Menschenwerk seien.317

Die Kirche wird als ein Körper dargestellt, dem der Schutz Gottes zugesprochen wird. Diejenigen, die sich abspalten, müssen demgemäß des Beistands Gottes entbehren. Jeder erfüllt in diesem funktionierenden System eine Aufgabe, deshalb sei es vermessen gewesen, dass die Elbogener von ihrer Geistlichkeit verlangten, was ihr nicht zustand, nämlich, dass sie die Bibel auslegte. Auf den Vorwurf aus dem Brief von Sebastian Schlick, die örtlichen Geistlichen hätten die kirchlichen Zeremonien nicht mit der Schrift verteidigen können, beteuert Zack, dass dies nicht in ihre Kompetenz gehört, weil dasselbig den Doctoren vnd Prelaten als den geistlichen vetern vnnd Eldern tzugehoͤrt.318 Nur diese müssten mit der Bibel umgehen und sie auslegen können, die Aufgabe der Pfarrer beschränke sich auf das Spenden des Sakraments.319 Es ist paradox, aber dasselbe intendierte die Elbogener Kirchenordnung. Der Pfarrer sollte sich um die Sakramente kümmern und für liturgische Handlungen zuständig sein, an die Stelle der Prälaten sollte aber der hauseigene Prediger treten und der Gemeinde die Schrift verkünden und auslegen.320 Wie in der Widerlegung des fünften Artikels der Kirchenordnung dargelegt wird, muss nach Zacks Verständnis der Pfarrer ein Bestandteil des ganzen Körpers der Kirche sein, sich nach ihren Bräuchen verhalten und die Hierarchie befolgen. Wahrscheinlich in Reaktion auf die Vorstellungen vom allgemeinen Priestertum unterstreicht Zack zudem mittels Hebr 5, 4 und Röm 10, 15, dass der Pfarrer von seinem Prälaten oder Bischof ins Pfarramt ordiniert werden muss.321

Wohl deshalb richtet sich die härteste Kritik gegen die neuen Prediger. Zack wirft Schlick vor, er habe sich von ewrn falschen Ecclesiasten vnd winckel predigern322 drei Irrtümer ins Herz setzen lassen und berichtigt sie. Laut ihm predigen die Evangelischen kein klares Evangelium, sondern verdunkeln es. Die Konzentration auf das Evangelium ist nicht richtig, sondern stellt eine alte Ketzerei dar. ←96 | 97→Es ist falsch, dass man die Entscheidungen der Prälaten und Konzile als Menschenlehre missachtet, weil man sich dadurch der Gottesordnung widersetzt.323

Wenn Zack anlässlich seiner Ausführungen auf die unmittelbare Vergangenheit zu sprechen kommt, kehrt er die gängigen Narrative der Reformation um. Seit der Geburt Jesu Christi sei das Evangelium nye so finster geschynen/ vnnd mit so vil falschen vnnd ketzerischen glosen vermunckelt vnnd vertunckelt worden324 wie in der letzten Zeit. Es gebe viele, die vom Evangelium reden, es aber kaum im Herzen tragen oder sich nach ihm richten würden.325 Die evangelischen Prediger würden lediglich den gemeinen Mann seit vier oder fünf Jahren verführen,326 also etwa ab dem Jahre der Leipziger Disputation oder dem Jahre 1520, als die zentralen Schriften Martin Luthers erschienen waren. Zudem seien diese neuen Prediger in kurtzen iaren327 in ihren Meinungen so unterschiedlich und unbeständig geworden, dass sie ihre frühere Lehre oft widerrufen und eine neue gepredigt hätten.

Zack stellt auf diese Weise der einheitlichen Kirche, die seit anderthalb tausend Jahren konstant geblieben wäre, eine vor Kurzem entstandene, sektenhafte, sich immer weiter verändernde und das Volk irreführende Bewegung gegenüber. Die Bemühungen der Evangelischen stellen laut ihm nur eine der Ketzereien dar, die sich in der Geschichte zyklisch wiederholen. Dementsprechend ist die Lehre, welche die evangelischen Prediger verbreiten, nicht wirklich neu, in ihr kehren nur alte Irrtümer erneut zurück.328 Der Linearität in der Geschichte der einheitlichen Kirche stellt Zack also diese zyklisch wiederkehrenden und vorübergehenden Ketzereien gegenüber. Das Attribut neu wird als eines der schlimmsten Schimpfworte verstanden, weil es die Zeremonien mit langer Tradition zerstört.

Desgleichen werden in der Widerlegung der einzelnen Artikel die Altertümlichkeit und die biblische Grundlage der traditionellen Zeremonien vor Augen geführt. Zugleich wird behauptet, die Elbogener Satzung stelle diese alten, teilweise von Aposteln und teilweise von Konzilen aufgestellten Zeremonien auf den Kopf oder wolle sie abschaffen. In der Widerlegung des fünften Artikels wird den Schöpfern der Ordnung vorgeworfen, dass sie als pur leyhen329 keine Befugnis dazu gehabt hätten, über das Spenden der Sakramente zu gebieten. Und zum ←97 | 98→Schluss dieses Abschnittes wird beteuert, dass sich die Elbogener sicher nicht so gut in der Schrift auskennen würden, wie die auf Konzilen zu Konstanz und Basel versammelten Theologen.330 Gleicher Tadel richtet sich gegen die Prediger, welchen in der Kirchenordnung angeordnet wurde, ausschließlich das Evangelium zu predigen. Zack fragt, wie die evangelischen Geistlichen solcher Vorschrift gerecht werden sollen, wenn sie die schrifft vorhin nit gelernet/ vnd nichtzit dann der ketzer buͤcher gelesen haben.331 Dass man nur nawe vnd iunge prediger oder auszgelouffen monch332 vor den alten Geistlichen bevorzugt, interpretiert Zack gemäß 1. Tim 1, 1–3 als ein apokalyptisches Zeichen.

Der nächste Vorwurf besteht darin, dass die Kirchenordnung nur den Faulen dient. Anlässlich seiner Ausführungen zum ersten Artikel beteuert Zack, die Kirchenordnung sei für diejenigen gut, die anstatt der Frühmesse lieber ausschlafen oder vor der Messe Zeit gewinnen möchten, um Branntwein zu trinken.333 Gegen den vierten Artikel wird ausgesagt, das Dokument diene nur den faulen Geistlichen, weil es einfacher sei, das Evangelium vorzulesen, als sich mit allen geistlichen Übungen auf eine Messe vorzubereiten.334 Zugleich werden der Gottesdienst und die Erteilung der Sakramente als entsakralisiert dargestellt, weil man dorthin wie ein saw zum trog335 eile. Den neuen Predigern wird schließlich unterstellt, sie würden nichts anderes können, als die römischen Kleriker beschimpfen und nur daraus ihren Gewinn ziehen.336

Zack hebt in seiner Widerlegung die Messe gegenüber der Predigt hervor. Er belegt die Altertümlichkeit von Prozessionen, Salz- und Wasserweihe und Totengedenken, diskutiert das Altarsakrament sowie die dazu nötige Beichte. Über den Rahmen der „Kirchenordnung von Elbogen“ hinaus verteidigt er die lateinische Messliturgie. Dazu führte ihn, dass Sebastian Schlick in seinem Brief gefordert habe, dass nicht nur die Taufe, sondern auch die Messe auf Deutsch verläuft, was der Graf mit 1. Kor 14 begründet haben sollte.337 Das würde eine Weiterentwicklung der Forderungen der Elbogener Kirchenordnung darstellen, welche durch die vermehrten Einführungen der deutschsprachigen Messe ←98 | 99→an verschiedenen Orten im Reich (Nördlingen, Worms, Straßburg, Nürnberg) oder durch Thomas Müntzers „Deutsche evangelische Messe“ inspiriert werden konnte. Jedenfalls entsprach dieser Anspruch nicht den aktuellen Anschauungen Luthers.338 Zack beteuert in seiner Flugschrift, dass die angegebene Bibelstelle eben das Gegenteil dessen anzeige, was Schlick beweisen wollte, und führt mithilfe von Ambrosius von Mailand aus, dass Paulus ausschließlich für den Gebrauch der hebräischen Sprache in der Liturgie plädiert habe. Die römische Kirche entspreche dieser Forderung, weil sie bei der Messe die allerälteste Sprache in der ganzen Christenheit gebrauche, nämlich das Lateinische.339 In der Predigt soll man sich aber der Volkssprache bedienen. Zack rechnet sich in seinen Ausführungen zur deutschen Sprachgemeinschaft, indem er sagt: Darumb so predigen vnsere Prediger das wort Gots nit Lateynisch/ sonder teutsch/ Die wallen welsch/ Die Frantzosen Frantzosisch et cetera.340 Zugleich leugnet er die Situation in seiner Erzdiözese, denn das Tschechische wird nicht erwähnt. Das geschah wahrscheinlich deshalb, weil man mit der slawischen Landessprache zu stark die böhmische Ketzerei assoziierte und weil Zack nicht zugeben wollte, dass in der Erzdiözese, welcher er vorstand, zwei Religionen offiziell anerkannt wurden.

Der Administrator lässt die Artikel Nummer 7, 8, 12, 13, 14, 16, 17, 18 aus. Der siebte Punkt der Elbogener Kirchenordnung betrifft das Einprägen des Dekalogs und der Grundgebete während der Predigt und stellte daher keinen Bruch mit der bisherigen Kirchenpraxis dar. Genauso konnte man an den das Begräbnis betreffenden Regelungen im zwölften Artikel kaum Anstoß finden, vielmehr verwundert es, dass sich Zack in seiner Widerlegung nicht zum Bezahlen der Erde für ein Grab am Friedhof sowie zur Loslösung des Kirchenbaus aus der Macht des Pfarrers äußert. Der 16. Artikel betrifft das Stundengebet, der 17. Artikel die Belohnung des Pfarrers für die Trauung. Der 8. und 18. Abschnitt behandeln finanzielle Angelegenheiten. Das Auslassen des 12. bis 14. sowie 16. bis 18. Artikels wird in der Schrift von Zack damit begründet, dass die Vorschriften nur die Pfarrei Elbogens betreffen, es wird aber betont, dass in Sachen des Seelenheils der Pfarrer entscheidet.341

Aus diesen Auslassungen kann man schlussfolgern, dass es Zack beim Verfassen seiner Widerlegung nicht darum ging, allein das religiöse Verhalten im ←99 | 100→Kirchspiel von Elbogen zu regeln, sondern er wollte die theologische Grundlage der Ordnung infrage stellen. Nur deshalb konnte ausgelassen werden, wie das Leben in der Pfarrei zu Elbogen zu organisieren sei. Es ging offenbar darum, die Rechtmäßigkeit der alten Zeremonien aufzuzeigen,342 wodurch wohl ein volkssprachliches Gegenstück zu Emsers „Missae Christianorum contra Lutheranam missandi formula Assertio“ geschaffen werden sollte. Das Regionale spielt insofern eine Rolle, als dass hier die kirchliche Hierarchie zum Ausdruck kommt, denn der zuständige Prälat tadelt einen Adeligen und die Pfarre auf seinem Pfandbesitz. Es wurde also vorgeführt, dass die Bulle Leos X. von 1515 und die bestehende Kirchenhierarchie zu respektieren seien. Außerdem konnte von Belang sein, dass Graf Sebastian Schlick die Gunst Martin Luthers genoss. Denn Zack beruft sich ausgerechnet auf Heinrich VIII. von England und Bischof John Fisher, gegen welche Luther in „Contra Henricum regem Angliae“, also einer dem Grafen Sebastian Schlick gewidmeten Schrift, polemisierte.

2.8 Die Antwort Wolfgang Rappolts

Die Refutation des katholischen Administrators Johannes Zack mit dem Titel „Widerlegung und Antwort auf deren zu Elbogen vermessene Ordnung“ veranlasste den evangelischen Prediger aus dieser Stadt, Wolfgang Rappolt, dazu, seine Schrift „Eine erzwungene Antwort“ zu verfassen. Während sich aber die „Kirchenordnung von Elbogen“ als ein Gemeinschaftswerk präsentierte, an dessen Abfassung der Pfandherr und die beiden wichtigsten Instanzen der Stadtverwaltung Anteil nahmen, verkörperte das um zwei Jahre jüngere Antwortschreiben klar das Werk eines Intellektuellen. Dass Rappolt zur Feder griff, legitimierte er durch sein Amt, welches er laut eigenen Ausführungen seit vier Jahren ausgeübt hatte. Darüber hinaus habe er sich der göttlichen Wahrheit nicht erwehren können, und habe die Antwort aus Nächstenliebe verfasst. Außerdem sei es Gottes Wille, sodass er nicht mehr untätig sein könne.343 Solche Äußerungen lassen sich häufig als Topoi in den reformatorischen Schriften finden, und man kann ihnen sowohl in den Werken der Nikolsburger Täufer begegnen als auch in den Flugschriften der evangelischen Geistlichen aus Bensen und Tetschen.344 Darüber hinaus war für Rappolt wichtig, dass durch die Drucklegung die Ansichten von ←100 | 101→Zack in der gantzen welt345 publik gemacht wurden, was als eine Entgegnung auf Zacks Vorwurf zu lesen ist, man habe die Elbogener Kirchenordnung drucken lassen und ander lewt ouch damit vergifft vnd geergert.346 Der Prediger von Elbogen will genauso wie der Administrator schriftlich antworten und misst somit dem Druck die Fähigkeit zu, den Gegner zu erlegen.347

Obgleich Wolfgang Rappolt eine Gegenschrift verfasste, die die Refutation von Johannes Zack bekämpfen sollte, ahmt er diese in vielen Aspekten nach. Diese Ähnlichkeiten, wenngleich sie als Gegensätze dargelegt werden, betreffen insbesondere die Stellung der Verfasser innerhalb einer Gemeinschaft, den Gebrauch der gängigen Narrative der Reformation sowie den Aufbau der Druckschrift. Obwohl die Flugschrift „Eine erzwungene Antwort“ im Titel als Werk eines Einzelnen dargestellt wird, geht aus dem Text klar hervor, dass Rappolt Sprecher einer Gruppe ist. Während aber Zack in seiner Refutation klar erörterte, er schreibe an den Grafen Sebastian Schlick mit der Ermächtigung des ganzen Domkapitels,348 wird die Wir-Gruppe, die Rappolt vertritt, nirgendwo explizit charakterisiert. Dennoch machen insbesondere drei Stellen im Text anschaulich, dass Rappolt Wortführer der evangelischen Geistlichkeit von Elbogen ist und nicht etwa der ganzen Gemeinde, auch wenn er deren Kirchenordnung in Schutz nimmt. Dadurch unterscheidet sich Rappolts Flugschrift von der „Kirchenordnung von Elbogen“, die ausschließlich durch weltliche Instanzen verabschiedet wurde.

Dass Rappolt eine kleine Gruppe von Intellektuellen vertritt, die sich durch die Anschuldigungen von Zack persönlich gekränkt fühlen, geht erstens aus den Ausführungen hervor, in denen sich Rappolt gegen den ersten der drei Irrtümer wehrt, welche die illegitimen Prediger dem Grafen Sebastian Schlick eingeprägt hätten. Als sich der Administrator in seiner Flugschrift über diesen Irrtum äußerte, kehrte er die Rhetorik der evangelischen Seite um und leugnete, dass das Evangelium erst in der letzten Zeit klar und hell verkündet worden wäre. Stattdessen sprach er von dessen Verfinsterung in der jüngsten Zeit.349 Rappolt ←101 | 102→stört nicht nur diese Pervertierung des gängigen evangelischen Narrativs, sondern er wehrt sich auch dagegen, dass die Gruppe, der er angehörte, denunziert wurde: Das Johan Zack […] vns falsch Ecclesiasten/ vnd winckel prediger nennet/ das stellen wir vnuerantwort zu dem gericht Gottis.350 Das zweite Mal wird die Wir-Gruppe von Rappolt anlässlich des Streites um den fünften Artikel greifbar. Zack empörte sich in seinen Ausführungen zu diesem Artikel darüber, dass die Laien nicht entscheiden dürfen, wie die Kommunion auszusehen habe.351 Wenn Rappolt sich mit diesen Worten auseinandersetzt, unterscheidet er zwischen seiner Wir-Gruppe und denjenigen aus Elbogen:

Mer zeygt Zack an/ das die von Elpogen/ nicht macht sollen haben/ mit den Sacramenten/ eynicherley zu schaffen noch zu bieten/ auch das sie das/ aus dem Euangelion nirgent konnen beweysen. Wir antworten also/ Beweys Zwack zuuor/ mit heyliger schrifft/ das er macht hab/ vber die Elepogesch gemein/ es sey ym weltlichen oder geystlichen gewalt Ja/ er kan/ auch das nit mit eynem buchstaben beweysen.352

Rappolts Reaktion belegt einerseits, dass die Vorwürfe von Zack zumindest partiell so verstanden wurden, dass sie sich auf die ganze Elbogener Gemeinde bezogen und nicht nur gegen Sebastian Schlick gerichtet wurden. Andererseits lässt sich eine gewisse Distanz zwischen den allgemeinen Bewohnern von Elbogen und Rappolts Wir-Gruppe feststellen. Der letztgenannten Gruppierung kommt die Aufgabe zu, Zack mit der Schrift zu widersprechen und somit die Elbogener und deren Ordnung zu beschützen. Das dritte Mal ist die Wir-Gruppe während der Besprechung des neunten Artikels der Kirchenordnung präsent. Rappolt reagiert in seiner Antwort auf den Vorwurf von Zack, die evangelischen Prediger möchten zwar das reine Evangelium verkünden, würden aber jegliche Ausbildung in der Bibelauslegung vermissen, wie folgt: Jn der verlegung dises Artickels/ weys Zwack nichtes/ den vns zuuerachten/ als hetten wir nichts gelernet/ vnd gelesen/ denn nur ketzer buchleyn.353 Die Intention, warum die Flugschrift von Rappolt herausgegeben wurde, besteht also nicht nur in der Verteidigung ←102 | 103→der Kirchenordnung, sondern auch in der Legitimierung der Rolle der evangelischen Prediger von Elbogen.

Das möchte Rappolt besonders durch seine biografischen Ausführungen belegen, die der bereits zitierten Stelle folgen. Der Prediger betont, er habe zusammen mit dem damaligen Dompropst Ernst von Schleinitz sein Studium in Bologna absolviert.354 Damit wird einer der wichtigsten lokalen Gegner der Reformation in Nord- und Nordwestböhmen genannt, gegen den sich die Flugschriften von Dominik Beyer aus Tetschen und Michael Coelius aus Bensen richteten.355 Rappolt gibt weiter an, er habe darüber hinaus ausgerechnet bei einem der größten Gegner der Reformation, Kardinal Cajetan, in Rom die Bibelexegese studiert.356 Dadurch gibt sich Rappolt als ein Gelehrter aus, welcher dank seiner Ausbildung der Aufgabe gewachsen ist, sich mit dem Administrator anzulegen. Er demonstriert, dass er weder ein Laie sei noch die Schrift nie gelernt hätte. Sein Bekenntnis zu dieser negativen Vergangenheit bekräftigt gleichzeitig seinen Bruch mit Rom, denn er weiß selbst am besten, wovon er redet.

Wie bereits das Zitat 2. Tim 3, 8–9 auf der Titelseite zeigt, ist Rappolts Schrift durchdrungen von Vorstellungen der Jetztzeit als Endzeit. Am Anfang der Vorrede wird sogar die für die Reformation gängige Lichtmetaphorik aufgegriffen:

was solle ich sagen/ die weyl ich weys/ vnd gewis byn/ das Gott/ das geschlecht/ mit der greyfflichen Egyptischen/ finsterniss gestrafft hat/ Es ist mehr zu erbarmen denn zu schelden/ Derhalben vnser ampt ist (so wir ym liecht/ welchs Christus ist wandeln) sie nicht von vns stossen/ sunder/ aus der finsternis/ durchs gebett zu Gott vnd bruderliche vormanung/ zu vns/ yns liecht reyssen.357

Das gängige Narrativ der Reformation wurde gleich am Anfang der Schrift nicht nur deshalb aufgegriffen, weil es Johannes Zack in seiner Refutation konterkarierte,358 sondern weil das Amt des evangelischen Predigers demjenigen des katholischen Prälaten gegenübergestellt wurde. Obwohl die Flugschrift von Zack als eine Belehrung der Abtrünnigen durch den zuständigen geistlichen Vater konzipiert wurde und der Administrator trotz des harten Tons auf deren Besserung hoffte, hebt Rappolt im obigen Zitat lediglich die Passagen hervor, in ←103 | 104→denen Zack den Elbogenern droht, man würde sie aus dem geistlichen Körper der ganzen christlichen Kirche ausstoßen, falls sie nicht wieder die alten Riten aufnehmen würden.359 Die Aufgabe der evangelischen Geistlichen bestehe dagegen in Übereinstimmung mit dem Verhalten der universalistischen Gesellschaften darin, dass man den Irrigen brüderlich hilft und sie in die eigene Gruppe integriert.

Obwohl die Kirchenordnung klar evangelisch war, bekannte sie sich nicht zum Luthertum. Das änderte sich in der Flugschrift von 1525. Denn das wichtigste Zeichen der Gruppe, in deren Namen Rappolt spricht, ist, dass deren Mitglieder erkannt hätten, sie müssen sich nach Martin Luther richten:

So wir nun erkennen vnnd wissen (als wir den gewiss) das Gott den Luther (vnnd doch eyn vnangesehene person) zur Lucern des Euangelischen liechtes/ Nemlich/ der erkentnis vnsers herrn Jhesu Christi zu disen vnsern getzeyten erwelet hat/ konnen wir woll ermessen/ das alle andere/ wo sie yhm ynn yhrem predigen vnd schreyben/ nicht gemess seyn/ nicht von Gott erwelet vnd gesandt sind/ sondern sie selbst eyndringen/ denn Gott/ ist keyn Gott des zwitracht/ sonder des frides.360

Luther wird als derjenige dargestellt, der in der gefährlichen Zeit, in der man lebe, das unverfälschte Evangelium offenbart habe und unter all den Predigern der Jetztzeit der einzig richtige Maßstab der Bibelexegese sei.361 Weil die Elbogener Priester Luther folgen, verkörpern sie ebenfalls wie dieser die von Gott Auserwählten, welche durch ihr Predigen neue Christen schaffen.362 Sie stellen eine dem oberen Konsistorium gegensätzliche Gruppe dar, welche sich durch die Anlehnung an Luther einen institutionellen Rückhalt schafft.

Es war aber wahrscheinlich nicht nur die hohe Position des Kontrahenten in der kirchlichen Hierarchie, welche Rappolt zu so klarer Parteinahme bewog, sondern insbesondere dessen hohe Bildung und der Umstand, dass sich Zack scheinbar auf die Argumentationsweise der Evangelischen einließ. Damit Rappolt besser veranschaulichen kann, wie falsch Zack mit der Bibel umgeht, unterteilt er zuerst die einleitende Passage des Briefes von Zack in 14 Artikel, welche den Absätzen in der ursprünglichen Druckschrift entsprechen. Er reißt zunächst den Inhalt des jeweiligen Absatzes auf, woraufhin er sich in der anschließenden Antwort mit der Argumentation Zacks und dessen Umgang mit Bibelzitaten ←104 | 105→auseinandersetzt. Diese Struktur kommt dank der Überschriften klar zum Ausdruck, welche jeweils mit dem entsprechenden Schlüsselwort anfangen.363 In einem weiteren Schritt wendet sich Rappolt den Entgegnungen Zacks auf die „Kirchenordnung von Elbogen“ zu. Während aber der Prager Administrator die Ordnung meistens in voller Länge zitiert, werden bei Rappolt die einzelnen Punkte der Ordnung nur in einem Nebensatz zusammengefasst, welcher an die Überschrift angehängt wird. Auch hier kommen Inhalt- und Antwort-Passagen abwechselnd vor.364 Auf diese Art und Weise erhält die ganze Schrift eine einheitliche und klar nummerierte, dialogische Struktur. Sie knüpft dadurch einerseits daran an, wie schon Zack seine Gegenschrift gestaltete, andererseits wird hier ein Verfahren benutzt, welches in den reformatorischen Flugschriften häufig vorkommt.365

Der evangelische Prediger verleiht der Kirchenordnung im Nachhinein eine theologische Grundlage, argumentiert mit Bibelsprüchen und spricht sich gegen das Brauchtum der katholischen Kirche aus. Das Evangelium sei laut seiner Definition die Verheißung Gottes, die es seit den Zeiten Adams gebe.366 Die in der Kirchenordnung abgeschafften Riten werden als Werke Satans und als menschliche Erfindung abgelehnt. Anstatt des Weihwassers und -salzes soll man sich mit geistlichen Waffen gegen den Teufel ausrüsten, die Paulus in seinem Epheserbrief anführt. Essen kann von jedermann mit Gotteswort und Gebet gesegnet werden. Weiter verteidigt Rappolt die Grundsätze sola fide und solus Christus und hebt den Primat des Wortes hervor. Die Macht Zacks über die Gemeinde von Elbogen ist ihm zufolge nicht auf der Bibel gegründet. Es sind die Prediger und Lehrer der römischen Kirche, welche die verführerischen Geister am Ende der Zeiten darstellen. Zacks Erläuterungen zum Gebrauch der Volkssprache werden dadurch abgelehnt, dass Paulus befohlen habe, man solle in der Volkssprache predigen, beten und singen.

Da die Flugschrift von Rappolt aus einer Kontroverse hervorgegangen ist, überwiegt hier das Prinzip der Negation, welche darauf abzielt, in der ←105 | 106→katholischen Kirche den Antichrist aufzuzeigen. Dementsprechend endet die Erwiderung von Rappolt auf die Äußerung Zacks, die „Kirchenordnung von Elbogen“ sei eine Unordnung, wie folgt:

Jch bitte dich nun/ meyn fruntlicher Doctor zack vnd Administrator/ du wollest die Elpogenisch Ordenung/ vnd die Romisch/ gegeneynander halten/ so wirst du yn Gottis warheyt befinden/ Das die Elpogenisch Ordenung/ mit nichte/ aber die Romisch/ fast mit allem/ wider den rechten Christlichen glawben/ vnd widder die lieb ist/ So du das nun befindest (als du befinden wirdest) so wirst du sehen das du mit der schmach/ der Romischen Ordenung/ die Elepognisch vnbillich/ geschmehet hast.367

Überdies will Rappolt zeigen, dass die von Zack ausgesuchten Bibelzitate die Missstände in der katholischen Kirche eher verdeutlichen, als dass sie seine Meinungen unterstützen würden. Während er aber in der Verteidigung der Kirchenordnung mehr auf die jeweiligen Bibelstellen eingeht und diese in Auseinandersetzung mit Zack umdeutet, nutzt er die Zitate aus der sog. Vorrede überwiegend zur Denunzierung des Gegners. Zack sei nämlich laut dem evangelischen Prediger so ungeschickt gewesen, dass er in der Absicht, durch Bibelsprüche das Übel der römischen Kirche zu verbergen, auf ihr eigenes Missverhalten hingewiesen habe: Wunderlich ding/ mit der schrifft/ da mit sie die Romischen wollen schutzen/ decken sie yhr eygenen stand auff.368 Die Argumentation von Zack wird in der Antwort von Rappolt also oft nicht wirklich widerlegt, sondern seine Worte, sowie die von ihm gebrauchten Bibelsprüche, wurden dazu instrumentalisiert, um in seinen Ausführungen das Verhalten des Antichrist zu offenbaren.

Ein Beispiel dafür wären Rappolts Ausführungen zum zweiten und dritten Artikel der sog. Vorrede aus der Widerlegung von Zack, welche mit dem bereits zitierten Aufruf über das Ver- und Aufdecken der römischen Missstände schließen. Der Administrator unterscheidet in seiner Schrift zwischen den Aufgaben der Pfarrer und denjenigen der Prälaten, wobei laut ihm nur die Letztgenannten mit der Schrift umgehen können müssten und deshalb dazu berufen seien, in strittigen Fragen zu urteilen. Er unterstützt seine Meinung mit 5. Mose 32, 7, Tit 1, 5–9 und Eph 4, 11–13.369 Rappolt sieht in Zacks Interpretation des Spruches aus dem Deuteronomium zum einen den Grund dafür,

←106 | 107→aus was vrsache die Pfarren/ gemeyniglich mit so elenden vnd vngelarten hirtten besetzt werden/ denn/ wenn alle Pfarrer gelart weren/ vnd der Gotlichen schrifft wol verstendig/ so wurde der Prelaten Jurisdiction nichtes seyn.370

Daraufhin spricht er sich für das allgemeine Priestertum aus und bestreitet die Gewalt der katholischen Vorgesetzten über die einzelnen Prediger. Weiter wirft er den katholischen Würdenträgern vor, sie würden das Wort Gottes an sich binden und den gemeinen Mann hungern lassen, sodass der apokalyptisch gefärbte Spruch Klgl 4, 4 in Erfüllung ginge.371 Zum anderen wird wieder einmal der Spieß umgedreht, wenn Rappolt dem Administrator Zack vorwirft, er stelle eine neue Ordnung auf, denn seine Absicht sei, die Prelaten vnd Doctores/ sollen viel wissen/ vnd niemant nichtes lernen/ Die Pfarrer/ sollen nichtes wissen/ vnd sollen yderman lernen.372 Daraufhin zitiert Rappolt die entsprechende Bibelstelle aus dem Brief des Paulus an Titus und beteuert einfach:

Lieber her Doctor vnd Administrator/ wen yhr dise wort Pauli/ mit Christlichem hertzen/ werd betrachten/ so werd yhr mit auffrichtigen henden/ gen hymel ruffen vnd schreyhen/ O neyn neyn/ wir seyns leyder nicht/ von den Paulus sagt/ den wir furen das widerspiel/ Wir halten viel von vns selbst/ Wir seyn zornig/ weynsuchtig/ beyssig/ schendliches gewins gyrig/ Wir helffen den armen nicht/ wir seyn vngutig/ vnzuchtig/ vngerecht/ sundig/ vnkeusch/ vnd halten nicht/ ob dem gewissen wort/ der lere/ vnd seyn ablessig zur manen/ durch die heylsame lare/ Ja wir vorfolgen die heylsame lere/ vnd straffen nicht die widdersprecher/ sonder wir selbst/ widdersprechen der Gotlichen warheyt.373

Genauso zeige das vierte Kapitel aus dem Epheserbrief, dass es nicht die katholischen Prälaten seien, die von Christus als Hirten eingesetzt worden seien, denn sie würden nur den Eigennutz suchen und Gehorsam verlangen.374

Die Zitate oben veranschaulichen außerdem, wie Rappolt den Vorsatz einer brüderlichen Ermahnung zur Diskreditierung des Administrators nutzt. War die Gegenschrift von Zack, welche allerdings laut Rappolt ein Erzeugnis des Antichrist oder des Teufels darstellen sollte,375 als eine Ermahnung des obersten Prälaten an den Grafen Sebastian Schlick, bzw. an das dem katholischen Administrator untergeordnete Kirchspiel von Elbogen, konzipiert, wurde Rappolts Schrift spiegelbildlich als eine Ermahnung eines christlichen Bruders durch ←107 | 108→einen anderen gleichrangigen Gläubigen gestaltet. Rappolt münzt diese Situation aber ins Komische um, indem er den Prälaten mit Nachnamen, Doktortitel oder seinem Amt anredet, zugleich ihn aber mit familiären Attributen (lieb, freundlich) versieht. Die Komik entsteht ansonsten dadurch, dass Rappolt den Administrator Zack abwechselnd siezt und duzt. In der Verteidigung der Elbogener Artikel, also im zweiten Teil seiner Schrift, bleibt er allerdings lediglich beim Duzen. Zack wird auf diese Art und Weise in Rappolts Schrift in die Rolle eines irrenden Zuhörers versetzt und wie ein Schüler ermahnt.376

Es wird deutlich gemacht, dass Zack viele Bibelzitate falsch auslegt. Ferner wird er der absichtlichen Verfälschung der Schrift bezichtigt.377 Er sei also nicht nur ungelehrt, sondern auch hinterlistig. Zudem spreche Machtgier aus seiner Schrift, denn er wolle das ganze Königreich Böhmen regieren. Als sein Komplize beim Verfassen der Gegenschrift wird der Dompropst Ernst von Schleinitz vermutet.378 Ein solches Einbeziehen des Dompropstes in die Verfasserschaft der Refutation könnte darauf hinweisen, dass dieser Prälat neben den Pfarren aus Bensen und Tetschen ebenfalls das Kirchspiel Elbogen visitierte oder sich mindestens bei weltlichen Würdenträgern über das Verhalten der Elbogener beschwerte.379

2.9 Dem kleynem hauffen yn Christo Jhesu zun Elpogen

Als sich Wolfgang Rappolt nicht mehr in Elbogen befand, verfasste er einen Trostbrief, den er unter dem Titel „Eine kurze Epistel“ drucken ließ. Trostbriefe, die sich an eine von ihrem Prädikanten verlassene Gemeinde wandten, um diese im Glauben zu stärken, wurden allerdings von vielen Anhängern der Reformation geschrieben. Luther adressierte einen solchen handgeschriebenen Brief an die Gemeinde von Bensen in Nordböhmen.380 Nachdem der evangelische Prediger Paulus Speratus die mährische Stadt Iglau verlassen musste, wandte er sich wiederholend an deren Bürger und hoffte, wieder dorthin berufen zu werden. ←108 | 109→Die wichtigste seiner Schriften, welche den Iglauern gewidmet wurde, ist der in Wittenberg erschienene Trostbrief „Wie man trotzen soll“.381

Der Text von Wolfgang Rappolt wurde ähnlich wie die Flugschrift von Speratus in Anlehnung an die paulinischen Briefe verfasst, was ein Schema darstellte, das unter anderen Martin Luther zwischen 1523 und 1525 gern benutze.382 Es ist vor allem die kommunikative Situation, die ihre Entsprechung im ersten Brief an Timotheus vorfand. Rappolt wendet sich an Zurückgelassene und ihm Treugebliebene in einer Stadt, in der er vorher gewirkt hatte. Er schreibt an sie, weil die katholische, dem Administrator Johannes Zack unterordnete Seite in der Stadt gesiegt habe und seitdem ihr Teufelswerk treibe.383 Sowohl Timotheus als auch die Evangelischen in Elbogen werden aufgefordert, in richtiger Lehre zu verharren und nicht aufzugeben. Aus diesem Brief des Apostels Paulus wurde ansonsten Rappolts einleitender Segenswunsch übernommen,384 gleichfalls wurde das wiederholende Ermahnen der Adressaten wohl aus dieser Vorlage abgeleitet.

Rappolt wendet sich nicht an alle Stadtbewohner, sondern ausschließlich an eine exklusive Kleingruppierung. Das bringen bereits sowohl der Bibelspruch Lk 12, 32 auf der Titelseite als auch die Ansprache der Adressaten im Segenswunsch zum Ausdruck: dem kleynem hauffen yn Christo Jhesu zun Elpogen.385 Diese Gruppe zeichnet sich dadurch aus, dass Rappolt sie noch während seiner Anwesenheit in der Ortschaft durch mündliche Rede zum Glauben an das Evangelium brachte.386 Die gemeinsame Vergangenheit ist Rappolt besonders wichtig, denn er hebt schon auf der ersten Druckseite zweimal hervor, er habe in Elbogen das Gotteswort gepredigt.387 Außer denjenigen, die Rappolt während seiner Tätigkeit in Nordwestböhmen überzeugen konnte, lebten aber in der Stadt noch Menschen, auf die das Predigen des Gotteswortes ohne Auswirkungen ←109 | 110→blieb. Weil Rappolt sie bereits durch seinen mündlichen Vortrag nicht bekehren konnte, ist er sich gewiss, dass die Druckschrift bei ihnen nichts erreicht.388 Daher wurden sie aus dem Adressatenkreis ausgeschlossen. Das Anliegen der Schrift besteht deshalb darin, die Kleingruppe, deren Vorsteher Rappolt ehemals war, zu stärken und sie auf den Endkampf am Ende aller Zeiten vorzubereiten.

Rappolt ermahnt sein ehemaliges und dem Evangelium treu gebliebenes Pfarrvolk, dass es die Grundsätze einhält, welche er ihm noch während seiner Tätigkeit in der Stadt eingeprägt hatte. Die einst mündlich geäußerte Lehre wird dadurch schriftlich fixiert. Das heißt aber, dass sie für die eigentlichen, im Text bestimmten Adressaten nichts Neues darstellt. Die gemeinsam erlebte Vergangenheit, sei es die Verbreitung des Evangeliums durch Rappolt, die Machtergreifung durch die Katholischen oder die Vertreibung des Predigers aus der Stadt, fungiert zugleich als das wichtigste Identifikationsmerkmal dieser Gruppe. Die positiv beladene Zeit stellt einen heilen Zustand dar, welcher in Opposition zur aktuellen Situation steht und welcher wieder herzustellen ist. Das benutzte Schema des paulinischen Briefes ermöglicht, dass die Verfolgungsgeschichte aus der Apostelzeit mit einer Begebenheit aus der damaligen Gegenwart gleichgesetzt wurde, es wird also der Modus der realisierten Geschichte ausgenutzt.389 Die Gruppe wird zudem zu einer von Gott auserwählten Herde390 erklärt, die – gestärkt durch den Glauben – bis zum Jüngsten Tag in der Gefangenschaft ausharren muss. Dadurch fand die Änderung der kirchlichen Verhältnisse zugunsten der Altgläubigen eine heilsgeschichtliche Verortung, denn auch Martin Luther oder Nikolaus Herman glaubten, dass damals das Jüngste Gericht direkt bevorstand.391

Rappolt richtet drei Mahnungen an seine Adressaten. Zuerst fordert er zum Glauben an Jesus Christus und zur Gottes- sowie Nächstenliebe auf. Dann spricht er sich dafür aus, man möge bei Gottes Wort bleiben. Nicht nur auf der ersten Druckseite, sondern auch bei der ersten und der zweiten Mahnung wird unterstrichen, Rappolt wiederhole lediglich das, was er schon in Elbogen gepredigt habe.392 Die letzte Ermahnung betrifft den direkten Endkampf mit dem Antichrist vor der zweiten Ankunft Jesu Christi. Rappolt fordert aber zu keinem Aufstand auf, sondern zum Widerstand mittels des Glaubens an Gotteswort, ←110 | 111→welches man als die wirksamste Waffe gebrauchen möge.393 Keine der Mahnungen stellt allerdings eine tief greifende Weisheit dar. Vielmehr geht es darum, einfache Lehrsätze zu formulieren, nach denen sich die Leserschaft, die sich in einer ähnlichen Lage befinden würde, richten sollte.

Dass die Vertreter der römischen Kirche die Oberhand in der Stadt gewonnen hatten, interpretiert Rappolt als Verhängnis Gottes und misst diesem Ereignis einen eschatologischen Wert bei. Deshalb fordert er seine Getreuen auf, mit ihrem Gewissen bei Gott zu bleiben und sich nicht durch die menschlichen Gebote und Lehren verblenden zu lassen, wie es dem jüdischen Volk passiert sei.394 Den Grund dafür, dass anstatt seiner395 die blinte blinten leyter396 in die Stadt zurückkamen, sieht er darin, dass man mehr die Gebote der Menschen gefürchtet hätte als Gott selbst. Er ermahnt deshalb seine Adressaten: darumb steht euch zu disen letzten zeyten zu/ das yhr Got hertzlich bittet/ das er euch rechtschaffen prediger zu schick/ ia/ das er euch das hertze gebe/ das yhr sie moͤget annehmen.397 Diejenigen Prediger, welche ihnen das Heil bringen können, befinden sich in der Anhängerschaft Luthers, den Rappolt mit dem Propheten Elia gleichsetzt: Summa/ das Jungst gericht wird das betze[u]‌gen/ das der Bapst der Antechrist/ vnd Martinus Luther Helias ist/ vnd wen gleych/ die gantze welt itzund neyn dar zu spreche.398 Die Feinde würden sich wie die Schriftgelehrten verhalten, weil diese auch nicht einsahen, dass Jesus der versprochene Prophet war.399

Das Sendschreiben blieb nicht ohne Anspielungen auf die Kirchenordnung aus. Die erste Mahnung schließt mit einem Appell, welcher den Gottesdienst betrifft:

Darumb yhr geliebten yn Christo/ habt acht auf den Teuffel vnd seyn haussgesind (ich meyn den beschornen hauffen) das sie euch ewern glawben nicht verwerren mit dem glantz yhres Gottis dienst/ yn der kirchen/ der doch billich des Teuffels dienst mocht geheyssen werden.400

←111 | 112→

Die Gruppe, gegenüber welcher sich Rappolt im Zitat abgrenzt, trägt eine Tonsur, ist also mit denjenigen gleichzusetzen, welche er etwa später als Romanisten401 bezeichnet. Der katholische Gottesdienst verdunkle nach dem Briefaussteller nämlich den Glauben, also den von Rappolt aufgestellten Glauben, und die Liebe. Er sei Gott ein Gräuel, genauso wie die Opfer der Juden. Er sei ein Gottesdienst, welcher ohne den Befehl Gottes und gegen seinen Willen gehalten würde.402 Anlässlich der zweiten Mahnung führt Rappolt aus, die katholischen Prälaten hätten keine Macht, über die auswärtigen Gemeinden zu gebieten und Gesetze aufzustellen. Dass sie diesen Anspruch falsch auf Lk 10,16 aufbauen, habe Rappolt in seiner Antwort auf den Brief von Zack belegt.403

Diese zwei Hinweise deuten darauf hin, dass die „Kirchenordnung von Elbogen“ weiterhin bei Rappolt eine wichtige Rolle spielte. Trotzdem ist es aber nicht sie, welcher die Autorität zugesprochen wird, den evangelischen Glauben in der Gemeinde gefestigt zu haben. Es ist vielmehr die Tätigkeit des Predigers, welche für die Evangelisierung der Stadt verantwortlich ist. Obwohl Rappolt durch Freunde zur Flucht bewogen worden sei,404 wendet er sich von einem fremden Ort aus an seine Schafe und leitet sie an, wie sie ohne ihn Heil erlangen können. Es wird aber nicht etwa wie bei Paulus Speratus gehofft, der Verfasser werde zurückkehren, sondern Rappolt wünscht, neue evangelische Prediger würden in die Stadt kommen.

Details

Seiten
304
ISBN (PDF)
9783631850077
ISBN (ePUB)
9783631850084
ISBN (MOBI)
9783631850091
ISBN (Buch)
9783631845554
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (Juni)
Schlagworte
Reformation deutsche Literatur reformatorische Öffentlichkeit Druckwerke Identität Kommunikation Materialität Medialität Predigten Martin Luther
Erschienen
Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2021. 304 S., 8 s/w Abb., 1 Tab.

Biographische Angaben

Jiří Černý (Autor)

Jiří Černý studierte Germanistik und Kunstgeschichte an der Palacký-Universität Olomouc. Er betreut die Sammlung der Handschriften und alten Drucke im Heimatkundlichen Museum in Olomouc und ist an der Universität Pardubice angestellt.

Zurück

Titel: Die Flugschriften der Frühreformation aus Nord- und Nordwestböhmen