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Die Flugschriften der Frühreformation aus Nord- und Nordwestböhmen

Ihr Wesen und ihr Bezug zu Wittenberg

von Jiří Černý (Autor)
Dissertation 304 Seiten

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Vorwort
  • Inhaltsverzeichnis
  • 1 Einleitung
  • 1.1 Zum Thema
  • 1.2 Zielsetzung
  • 1.3 Die religiösen Verhältnisse im Königreich Böhmen am Vorabend und nach dem Ausbruch der Reformation
  • 1.4 Flugschrift
  • 1.5 Die Welt der reformatorischen Publizistik und der Identitätsbegriff
  • 2 Elbogen
  • 2.1 Elbogen am Anfang des 16. Jahrhunderts
  • 2.2 Die Elbogener Pfandherren und die Reformation
  • 2.3 Die Drucke
  • 2.4 Die Urheber der Texte
  • 2.5 Die Neuerungen der Kirchenordnung von Elbogen
  • 2.6 Die Kirchenordnung von Elbogen und die Ereignisse in Wittenberg von 1522–1523
  • 2.7 Die Gegenschrift des Prager Administrators
  • 2.8 Die Antwort Wolfgang Rappolts
  • 2.9 Dem kleynem hauffen yn Christo Jhesu zun Elpogen
  • 2.10 Die Kontroverse um die Elbogener Kirchenordnung
  • 3 St. Joachimsthal
  • 3.1 Die Stadt St. Joachimsthal in den ersten zwei Jahrzehnten ihrer Existenz
  • 3.2 Die evangelisch gesinnten Geistlichen bis zum zweiten Abschied des Johannes Sylvius Egranus
  • 3.3 Der Kantor Nikolaus Herman und die Rektoren der Lateinschule
  • 3.4 Die Predigten in der Flugschrift „Ein Sermon von der Beicht“
  • 3.5 Der Medienwechsel und die Funktion der Druckschrift „Ein Sermon von der Beicht“
  • 3.6 Geben zu der rechten meynes hymlischen vaters
  • 3.7 Die Bedeutung der Endzeitvorstellungen für die Reformation
  • 3.8 Die Tradition der Himmelsbriefe
  • 3.9 Der Erstdruck und die unmittelbaren Nachdrucke der Flugschrift „Ein Mandat Jesu Christi“
  • 3.10 Der Titel und das Argument
  • 3.11 Nikolaus Herman als Verfasser des Mandats
  • 3.12 Egranus’ Apologie „Ein christlicher Unterricht“
  • 3.13 Die Joachimsthaler Flugschriften
  • 4 Bensen und Tetschen
  • 4.1 Die Herren von Salhausen in Böhmen
  • 4.2 Die Geistlichen der Herren von Salhausen
  • 4.3 Die Flugschrift „Klag an die königliche Majestät von Ungarn und Böhmen“ und ihr Herausgeber
  • 4.4 Eine böhmisch-sächsische Matrjoschka
  • 4.5 Wittenberger Kontexte
  • 4.6 Beyers eigene Flugschrift
  • 4.7 Beyers öffentliche Unterstützer
  • 4.8 Alles wegen Beyer?
  • 5 Zusammenfassung
  • 5.1 Networking an der sächsisch-böhmischen Grenze
  • 5.2 Entstehung der Texte und die Frage der Autorschaft
  • 5.3 Elbogen
  • 5.4 St. Joachimsthal
  • 5.5 Bensen und Tetschen
  • 5.6 Böhmen
  • 5.7 Mündlichkeit versus Schriftlichkeit
  • 5.8 Literarische Formen der Texte
  • Summary
  • Abbildungsverzeichnis
  • Tabellenverzeichnis
  • Literaturverzeichnis

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1 Einleitung

1.1 Zum Thema

Martin Luther bat im Jahre 1532 Hieronymus und Lorenz Schlick, damals die beiden regierenden Herren von St. Joachimsthal (Jáchymov), auf der Hut vor verschiedenen radikalen Elementen zu sein.1 Als Anlass zu dieser Mahnung gab er folgenden Grund an:

Denn ich gern sehen wollt, weil im Tal der Haufe groß ist, und von dannen weit erschallet, was da gelehrt und gehalten wird, daß Gottes Wort rein und gewaltig im Schwange ging, und alle Mißbräuch und Ärgernis, sie seint päpstlich oder rottisch, abgetan würden; wie denn die täglichen Messen und falsche Keuschheit der Priester auch seind.2

Obwohl der Brief eine reine Höflichkeit darstellt und der Wittenberger Reformator zu dessen Abfassen wohl von Christoph Ering, dem ehemaligen Prediger in der Bergstadt, bewogen wurde, veranschaulichen seine Worte, welch großen Einflussbereich die Städte an der böhmisch-sächsischen Grenze, insbesondere die reiche und groß gewordene Bergstadt St. Joachimsthal, besaßen. Solch eine Äußerung wäre nämlich ohne Blick auf die Entwicklung der Zeit zuvor kaum denkbar, denn seit guten zehn Jahren wechselten in diese Ortschaft nicht nur evangelische Prediger und Schulmeister, sondern es wurden hier auch reformatorische Druckschriften verfasst, die eine breite Resonanz fanden.

Der evangelische Glaube verbreitete sich Anfang der 1520er-Jahre in den nord- und nordwestböhmischen Herrschaften der Grafen Schlick und Herren von Salhausen. Davon geben insbesondere deutsche Flugschriften Zeugnis ab, welche die Texte der Wortführer der Reformation aus den Ortschaften Bensen (Benešov nad Ploučnicí), Elbogen (Loket), Tetschen (Děčín) und St. Joachimsthal abdrucken. Alle diese Broschüren wurden jenseits der Landesgrenze herausgegeben und manche von ihnen wiederholend nachgedruckt. Die älteste von ihnen enthält die Predigten von Johannes Sylvius Egranus, wie er sie 1522 in St. Joachimsthal hielt. In einer anderen Broschüre gibt der evangelische Prediger Wolfgang Rappolt im ebenfalls Schlick’schen Elbogen an, er sei bereits seit 1521 ←11 | 12→in seinem Amt tätig. Ein weiterer Druck belegt, dass Dominik Beyer spätestens 1522 in Tetschen predigte und die Missgunst des katholischen Pfarrers sowie des Domkapitels zu Prag auf sich zog. Der Vorsteher des Erzbistums Prag beklagte sich überdies in seinem Beschwerdeschreiben, das in der letztgenannten Flugschrift gedruckt erschien, darüber, dass alle drei Brüder Hans, Friedrich und Wolf von Salhausen lutherische Geistliche auf ihren Herrschaften unterstützen würden. Das heißt, dass zu diesem Zeitpunkt nicht nur Tetschen, sondern auch das benachbarte Bensen einen evangelischen Prediger besitzen musste.

Die Produktion in den genannten Städten beschränkte sich nicht nur auf die drei Broschüren. Sondern es lassen sich insgesamt zehn deutschsprachige Flugschriften ausmachen, die in der kurzen Zeit bis 1525 nahe der böhmisch-sächsischen Grenze entstanden. Die wichtigsten Intellektuellen, welche ihre Werke mithilfe der Druckpresse vervielfältigen ließen, waren nämlich Mitte der 1520er-Jahre entweder seit Längerem nicht mehr in Nord- und Nordwestböhmen anwesend oder sie wurden bereits zu diesem Zeitpunkt aus ihren Wirkungsstätten vertrieben. Bleiben durfte lediglich der Joachimsthaler Kantor Nikolaus Herman, welcher aber nach 1524 für keine Flugschrift mehr verantwortlich war. Johannes Sylvius Egranus, der schon einmal aus der Bergstadt ausgewiesen worden war, kehrte 1533–1534 erneut als Prediger nach St. Joachimsthal zurück. Er musste auch diesmal binnen Kurzem sein Amt aufgeben, worauf er in seiner 1534 veröffentlichten Flugschrift reagierte. Als Egranus die Drucklegung seines Textes veranlasste, war der Boom der Flugschriftenproduktion im ganzen Heiligen Römischen Reich deutscher Nation schon vorüber, sodass es nicht verwundert, dass im Erzgebirge und an der Elbe keine Flugschriften mehr entstanden.

Außerhalb der Grenzregion griff 1524 Johannes Zack zur Feder. Der Administrator des Prager Erzbistums wurde vom Domkapitel damit beauftragt, die 1523 veröffentlichte „Kirchenordnung von Elbogen“ zu widerlegen und auf die Irrtümer hinzuweisen, welche sich der Stadtherr Sebastian Schlick von seinen evangelischen Predigern hätte einpflanzen lassen. Wie die Flugschriften der reformatorisch gesinnten Akteure aus Nord- und Nordwestböhmen insgesamt offenbaren, zählte Johannes Zack zusammen mit dem Dompropst Ernst von Schleinitz zu den größten und gefährlichsten Opponenten der dortigen Reformation.

Es lässt sich während der 1520er-Jahre in den Ländern der böhmischen Krone ein quantitativer Aufstieg in der Produktion der Werke in deutscher Sprache beobachten. Die hohe Anzahl der erhaltenen Titel ist dadurch zu erklären, dass es sich um Flugschriften handelte. Die Broschüren aus Böhmen und Mähren stellen nichtsdestotrotz nur einen kleinen Bruchteil der mitteleuropäischen Gesamtproduktion dar, weshalb sich bisher nur wenige Wissenschaftler und ←12 | 13→Wissenschaftlerinnen eingehend mit ihnen auseinandersetzten. Das erhaltene Material lässt sich dabei aufgrund der im Text genannten Ortschaften in wenige übersichtliche Gruppen gliedern, wobei die meisten Schriften der südmährischen Stadt Nikolsburg (Mikulov) zuzuordnen sind. Weil die Reformation des 16. Jahrhunderts in den Ländern der böhmischen Krone nichts ganz Neues darstellte und diesem Raum aufgrund der hussitischen Tradition eine Sonderposition zugesprochen wird, wäre zu untersuchen, unter welchen Bedingungen die Druckschriften entstanden und ob es Unterschiede in der Flugschriftenpublizistik der einzelnen Zentren innerhalb und außerhalb der böhmischen Länder gibt.

Die anfängliche Idee, alle deutschsprachigen Flugschriften der 1520er-Jahre zu bearbeiten, die in Bezug zu Böhmen und Mähren stehen, musste aufgrund der Fülle des disparaten Materials revidiert werden. Denn allein Balthasar Hubmaier, ein in den Jahren 1526–1527 in Nikolsburg tätiger täuferischer Prediger, ließ in dieser Stadt 16 Schriften drucken. Weitere drei stammen von seinen südmährischen Mitarbeitern. Deshalb wurde das Forschungsinteresse auf eine räumlich, zeitlich und religiös kohärente Gruppe von deutschen Flugschriften aus Nord- und Nordwestböhmen beschränkt. Dieser Raum bildete aber innerhalb von Böhmen historisch eine Ausnahme und war mehr als an die Hauptstadt Prag an das benachbarte Sachsen gebunden. Bereits dieser Umstand lässt erahnen, dass nicht nach Unterschieden, sondern vielmehr nach Gemeinsamkeiten in der Flugschriftenproduktion dies- und jenseits der Landesgrenze gesucht werden muss, zumal die Grenzlinie im ersten Viertel des 16. Jahrhunderts keine trennende Funktion besaß.

Während es also Sinn macht, die Refutation von Zack wegen ihres Inhalts als die elfte Flugschrift in das zu untersuchende Textkorpus aufzunehmen, werden vier Gruppen von volkssprachlichen Flugschriften nicht berücksichtigt, die im untersuchten Zeitraum entweder in Böhmen oder in Mähren entstanden sind. Es werden weder die Flugschriften in tschechischer Sprache einschließlich der Übersetzungen der Werke Martin Luthers noch einige deutsche Übersetzungen der Böhmischen Brüder oder die deutschsprachige Variante der „Lichtmess-Artikel“ behandelt. Ausgelassen wird weiterhin die schriftstellerische Tätigkeit der Täufer in Nikolsburg, obwohl diese zahlenmäßig sogar die Flugschriftenproduktion aus Nord- und Nordwestböhmen übersteigt. Schließlich werden die Werke von Paulus Speratus ausgespart, der 1522–1523 in Iglau (Jihlava) wirkte. Nachdem Speratus hatte fliehen müssen, verfasste er während seiner Tätigkeit in Wittenberg und Preußen Druckschriften, die er an die von ihm verlassene Gemeinde adressierte.3 Besonders Iglau und Nikolsburg stellen Stätten dar, die ←13 | 14→im Hinblick auf den Kommunikationsraum Nord- und Nordwestböhmen künftig untersucht werden sollten.

Die topografische Ausrichtung dieser Studie ist einerseits dem Bestreben verpflichtet, einen Teil der deutschsprachigen Produktion auf dem Gebiet des heutigen Tschechiens ins Auge zu fassen. Andererseits ermöglicht der Zugang über die Orte, dass ein lokaler Raum untersucht wird, der zwar von den Brennpunkten der Reformation nicht weit entfernt lag, dennoch zu diesen nicht gehörte und eine Randposition einnahm. Aus diesem Grund ist zu untersuchen, wie und warum es dazu kam, dass man sich in Nord- und Nordwestböhmen mittels gedruckten Agitationsschriften an die Öffentlichkeit wandte. Man muss fragen, wie dieses Bemühen konkret realisiert wurde und welche Akteure dazu beitrugen, dass die Streitfragen, die diese Region betrafen, öffentlich im gesamten Reich ausgehandelt wurden.

Sowohl die zeitliche als auch die räumliche Einschränkung dieser Studie ergeben sich aus dem vorhandenen Material. Diesem ist ebenfalls der Fokus auf das spezifische Medium verpflichtet, denn in Bensen, Elbogen und Tetschen entstanden in der ersten Hälfte der 1520er-Jahre ausschließlich Flugschriften. Die Produktion in St. Joachimsthal war zwar vielfältiger und reichte von handgeschriebenen Predigtaufzeichnungen bis zu volkssprachlichen Übersetzungen namhafter Autoren, dennoch stellen die oben genannte Flugschrift von 1522 und ein fingierter Himmelsbrief aus dem Jahre 1524 die Höhepunkte der schriftstellerischen Tätigkeit der intellektuellen Elite in dieser Bergstadt dar. Vergleicht man sie mit anderen Werken, die ihre Verfasser zur gleichen Zeit schufen, wird einerseits deutlich, wie durchlässig die medialen Schranken waren, andererseits werden die funktionalen Unterschiede sichtbar. Die Texte, welche als Flugschriften veröffentlicht wurden, wurden in der Regel anders aufbereitet als Werke, mit deren Drucklegung und breiter Rezeption man nicht rechnete. Diese Differenzen sind im Falle der Broschüren aus Nord- und Nordwestböhmen oft minimal oder es wurde so getan, als ob es sie nicht gäbe. Trotzdem zeigen diese Werke, dass die Öffentlichkeit, das Veröffentlichen und der Wille, über aktuelle Probleme zu diskutieren, beim Konstituieren der Flugschriften eine zentrale Rolle spielten. Die nord- und nordwestböhmischen Broschüren veranschaulichen weiter, welches Vertrauen die Verfasser den Worten entgegenbrachten, die sie mittels gedruckter Hefte auf weite Ferne erschallen ließen.

Die wichtigsten der behandelten Flugschriften sind in Editionen verschiedenen Alters zugänglich. Obwohl diese modernen Herausgaben oft die genaue Wiedergabe einiger Textbestandteile vernachlässigen oder nach einem der Raubdrucke erstellt sind, wurde auf einen editorischen Anhang verzichtet. Der Grund dafür ist, dass sowohl die Erstausgaben als auch die meisten Raubdrucke ←14 | 15→in digitalen Kopien im Internet zur Verfügung stehen und daher leicht verfügbar sind. Damit die Suche einfacher wird, werden die langen Titel aus dem 16. Jahrhundert in den Fußnoten abgekürzt, es werden aber konsequent die Nummern angegeben, unter welchen die Werke in den Datenbanken VD 16 und VD 17 zu finden sind.4

1.2 Zielsetzung

Die reformatorische Publizistik in deutscher Sprache, deren Autoren während der 1520er-Jahre in Böhmen und Mähren wirkten, ist seit Langem gut bekannt. Was Nord- und Nordwestböhmen anbelangt, haben Rudolf Wolkan, Otto Clemen und Georg Loesche die Vitae der in dieser Region tätigen evangelischen Prädikanten bereits im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert aufgearbeitet; von ihnen stammen ebenfalls die grundlegenden Verzeichnisse der veröffentlichten Druckschriften.5 Die jüngere historische und kirchenhistorische Forschung kennt die Autorennamen und deren Werktitel sehr wohl.6 Die Schriften werden aber meistens als Belege für den Durchbruch der deutschen Reformation in den Ländern der böhmischen Krone herangezogen, ohne dass näher auf deren Inhalt oder Form eingegangen wird.7 Andernfalls werden die medialen Bezüge ←15 | 16→vernachlässigt.8 Dass sich der Zugang zum Teil ändert, beweisen rezente Studien von Martin Arnold und Hartmut Kühne, die sich beide mit der Evangelisierung von Tetschen und Bensen befassten.9

Die regional orientierte tschechische Germanistik der letzten hundert Jahre scheint wiederum fast ganz übersehen zu haben, dass die deutschsprachige Publizistik in Böhmen und Mähren in der Anfangsphase der Reformation florierte, auch wenn die Anzahl der gedruckten Werke im Vergleich mit den westlichen Nachbarn spärlich ist. Obwohl die meisten regionalen Verfasser freilich nicht die Qualität von Luther erreichten, zeigt sich, dass einige Gemeinden an der sächsischen Grenze doch von äußerst prominenten Persönlichkeiten der Zeit evangelisiert wurden. Nicht nur, dass manche von diesen Flugschriftenautoren später Mitarbeiter Luthers wurden oder er sie für wichtige Stellen empfahl, sondern es konnte auch passieren, dass ein Text eines im Erzgebirge tätigen Autors einer Lutherschrift zum Verwechseln ähnlich war.10

Das Ziel der vorliegenden Arbeit besteht deshalb darin, diese zum großen Teil vergessenen Texte der germanistischen Forschung näher zu bringen. Der Kommunikationsraum, wie er sich auf den adligen Herrschaften der Grafen Schlick und Herren von Salhausen etablierte, soll untersucht und dessen Spezifika ausgearbeitet werden. Um eine solide Basis zu schaffen, wird zuerst die historische Entwicklung des jeweiligen Ortes dargestellt. Die Reformation des 16. Jahrhunderts setzte sich in Böhmen und Mähren insbesondere in deutschsprachigen Gebieten durch, welche sich für die Ideen des Hussitismus nicht begeistert hatten. Die nord- und nordwestböhmische Obrigkeit, seien es die Grafen Schlick oder die Herren von Salhausen, gehörte zudem nicht zu den typischen Vertretern des Landadels, weil sie sich in die böhmische Landesstruktur nicht zu integrieren vermochte. Dabei waren es die adligen Stadtherren, die entweder zum Teil ←16 | 17→oder gänzlich bestimmten, dass evangelische Prediger ins Amt gesetzt wurden und ihre Wirkung entfalten konnten. Auch wenn über die Flugschriftenverfasser und deren Tätigkeit in Böhmen meistens nur wenig bekannt ist, können ihre Lebensgänge zumindest grob rekonstruiert werden. Dabei ist Vorsicht geboten, da man sich in vielen Fällen Aussagen bedient, die die Autoren über sich selbst in ihren Texten machten.

Nicht ganz selbstverständlich ist, dass weiter die Druckgestalt der Texte untersucht wird. Beschäftigt man sich mit der Druckgeschichte und vergleicht man die einzelnen Ausgaben eines Textes untereinander, kommt man zu wichtigen Ergebnissen, die sich auf die Datierung der Flugschrift, deren Autorschaft oder Funktion beziehen. Die Fragen nach der Autorschaft scheinen überhaupt ein interessantes Themenfeld bei den Flugschriften aus Nord- und Nordwestböhmen darzustellen. Sie betreffen nicht nur die Klärung, ob eine von der Forschung eingeforderte Person an der Entstehung des Werkes beteiligt sein konnte, sondern sie umfassen auch die Anteilnahme von verschiedenen Herausgebern an der finalen Gestalt des Textes oder die Veränderungen in der Zuschreibung eines Werkes zu einem bestimmten Autor im Laufe der Zeit.

Dieser Wandel ist meistens an den sich verändernden Peritexten zu beobachten. Der Begriff Peritext stammt von Gérard Genette. Er bezeichnet das Beiwerk eines Textes, das sich innerhalb des Bandes befindet, in dem dieser Text abgedruckt ist. Typische Peritexte stellen Prologe und Epiloge dar.11 Genette dachte bei der Formulierung seiner Begrifflichkeit zwar an das moderne Buch und berücksichtigte kaum die älteren Perioden, dennoch erweist sich seine Herangehensweise auch für die Flugschriften sehr nützlich. Zu Peritexten gehören also neben den Vor- und Nachworten, aus denen man in der Regel das meiste über die Entstehung der Flugschrift und über die Kontakte des jeweiligen Flugschriftenautors mit der Umwelt erfährt, ebenfalls der Titel, die Kapitelüberschriften, der Fußnotenapparat oder das Buchformat. Im Falle von Flugschriften sind genauso die Gestaltung der Titelseite wie die Errata am Textende von hohem Belang. Die Schlüsselrolle spielen jedoch die Marginalien am Seitenrand, die in manchen Fällen bewiesenermaßen erst nachträglich in den Text eingebaut wurden.

Wichtig ist, dass Peritexte in einer Neuauflage Änderungen unterliegen konnten. Ein Vorwort konnte für einen Nachdruck umgeschrieben werden oder ganz wegfallen. Das sind wichtige Eingriffe, die viel über die Intention, warum das Werk neu aufgelegt wurde, und über die Rezeption des Haupttextes verraten ←17 | 18→können. Die Interpretation der Peritexte soll sich nicht auf diesen zeitlichen Aspekt beschränken, sondern man soll überlegen, wie das Beiwerk des Textes dessen Verständnis beeinflusste. Thomas Kaufmann zeigt in seinem Buch „Die Mitte der Reformation“, welchen unterschiedlichen Strategien man sich bei der Aufmachung der Flugschriften bediente. Zu diesen gehörte die Gestaltung des Titelblatts der Bildflugschrift „Passional Christi und Antichristi“. Es wirkte äußerst harmlos, denn die Holzschnittbordüre durfte für jede andere beliebige Druckschrift benutzt werden. Selbst der Titel ließ eher darauf schließen, dass der Käufer eine klassische Erbauungsschrift vor sich hatte. Nichts machte auf den ersten Blick auf das propagandistische Potenzial der Holzschnitte aus der Werkstatt von Lucas Cranach d. Ä. und der begleitenden Texte aufmerksam. Kaufmann versteht dieses Verfahren deshalb als eine beabsichtigte Camouflage, als eine Tarnung des wahren Inhalts der explosiven Druckschrift.12

Die Erforschung des nord- und nordwestböhmischen Kommunikationsraumes stimmt mit den Interessen Kaufmanns insofern überein, da nach Absichten gefragt wird, die zur Veröffentlichung eines Werkes führten. Weil an der Produktion mehrere Buchakteure beteiligt waren, konnte die ursprüngliche Intention während des Entstehungsprozesses geändert und um Anliegen anderer Beteiligter angereichert werden. Um das Wesen der lokalen Flugschriftenpublizistik ins Auge zu fassen, müssen deshalb neben literarischen Strategien und Gattungen auch die Ikonografie und Typografie der Druckwerke berücksichtigt werden.13 Die Flugschriften aus Nord- und Nordwestböhmen bezeugen ebenso wie das „Passional Christi und Antichristi“, dass die Ikonografie und die Gestaltung der Titelseite das Textverständnis markant lenken konnten und dass sie großteils den Interessen der Verleger unterlagen. Die Art und Häufigkeit der Marginalien weist nicht nur auf die intendierten Rezipientenkreise hin, sondern kann auch über das Einbeziehen von verschiedenen Personen in den Entstehungsprozess des Druckwerkes Auskunft geben.

Den Schwerpunkt der Untersuchungen bildet schließlich der Themenkomplex Identität. Die Texte, welche in Form von Flugschriften veröffentlicht wurden, sollen dabei als „Spuren von Verhandlungen über Identität“14 aufgefasst werden. Der Prozess der Identitätsbildung wird dabei als nie abgeschlossen betrachtet und die Identifikationen werden als Resultate der Verständigung über ←18 | 19→Selbstbilder und -beschreibungen verstanden. Mit diesen gehen natürlich die eigenen Selbstdeutungen und -zuschreibungen einher, die wiederum auf Fremdbezeichnungen reagieren. Weil sich das Verhandeln über die Identität einer Gruppe neben anderen auch sprachlichen und literarischen Codes bediente, werden Flugschriften als eine bestimmte Kommunikationsart aufgefasst, durch welche die Identitätsbildung öffentlich ausgetragen wurde. Das Gedruckte war nicht mehr zurückzunehmen, denn es wurde von Hunderten oder Tausenden wahrgenommen, und man rechnete damit, dass ein öffentlicher Widerspruch jederzeit erhoben werden konnte. Demzufolge ist die nie abgeschlossene Wechselbeziehung zwischen Selbstzuschreibungen und Fremdwahrnehmungen für die Flugschriften so prägend.

Die literarischen und medialen Strategien wurden in Nord- und Nordwestböhmen von Wittenberg abgeleitet, das zugleich die zentrale Identifikationsgröße bildete. Die Broschürentexte aus Nord- und Nordwestböhmen stellen genauso wie die meisten Flugschriften Werke der gebildeten Elite dar. Die Intellektuellen wurden von der adeligen Obrigkeit und dem Magistrat installiert und von ihnen in der Ausübung ihres Amtes geschützt. Deshalb müssen die Drucktexte kaum die Wirklichkeit widerspiegeln, sondern halten eher Wunschbilder fest. Weil es sich um Identitätsentwürfe handelt, die an die Öffentlichkeit verteilt wurden, besaßen sie repräsentativen Charakter und unterlagen deshalb Manipulationen seitens der evangelischen Wortführer. Die Publizistik aus dieser Region zeichnet sich ansonsten dadurch aus, dass sie nicht nur Selbstentwürfe konstruiert, sondern dass sie sich auch in hohem Maße Fremdbilder aneignet, mit ihnen spielerisch umgeht und sie ins Positive ummünzt.

Die Flugschriften sind stark biografisch gefärbt. Die in den Druckwerken festgehaltenen Erlebnisse und Erfahrungen erhoben den Anspruch, im Gedächtnis ihres Publikums verankert und weiter tradiert zu werden. Die Verfasser scheinen diesen autobiografischen Angaben dementsprechend ein besonderes identitätsstiftendes Potenzial zugesprochen zu haben. Durch ihre Lebenserfahrungen wurde einerseits eine negative Vergangenheit kommuniziert, die allen gemeinsam war,15 andererseits konnten die Zuwendung zum Evangelium und die Konversion exemplarisch vorgeführt werden. Durch das Schildern ihres eigenen Schicksals und der meistens ungünstigen Lage, in der sich die ihnen anvertrauten Gemeinden befanden, wurde ein Mitgefühl erzeugt, das der Compassio gleichen sollte, die man im Falle des Leidens Christi empfand.←19 | 20→

Für Balthasar Hubmaier, der nach Nikolsburg aus dem vorderösterreichischen Waldshut kam und in Mähren lediglich zwei Jahre schriftstellerisch tätig sein konnte, spielte zwar die als Exil gewählte Ortschaft eine Rolle, die spezifische religiöse und politische Situation in den Ländern der böhmischen Krone fand dagegen keinen Widerhall in seinen Schriften. Er benutzte die an der mährisch-österreichischen Grenze liegende Ortschaft als einen Platzhalter, sodass diese mit jedem beliebigen Ort im Heiligen Römischen Reich austauschbar war.16 Daraus ergibt sich die Frage, ob die Autoren, die am gegenüberliegenden Ende des böhmischen Staates zur selben Zeit wirkten, ähnlich wie dieser Täufer verfuhren oder sich von ihm unterschieden. Sie wirkten einerseits in unmittelbarer Nähe von Städten, die utraquistisch waren, und standen also durchaus in Kontakt mit dieser Konfession. Andererseits mussten sie dem Druck des Prager Administrators Johannes Zack und des Dompropstes Ernst von Schleinitz standhalten und scheuten vor Konfrontationen durch die Flugschriften nicht zurück. Gewinnt also diese Polemik durch die unmittelbare Nachbarschaft zu Sachsen und zu den utraquistischen Regionen eine besondere Qualität?

Die in Nord- und Nordwestböhmen tätigen Verfasser wuchsen zwar in einer Welt auf, die von gedruckten Büchern geprägt war, sie fassten aber das relativ neue Medium Flugschrift und dessen Möglichkeiten unterschiedlich auf. Das lag darin, dass sie dem Druckwerk eine unterschiedliche Funktion zusprachen und die Macht des gedruckten Wortes anders bewerteten. Inwieweit die Autoren das Potenzial der Flugschrift ausschöpfen konnten, lässt sich unter anderem daran messen, wie sie mit Mündlichkeit und Schriftlichkeit umgehen. Deshalb soll das Cross-over von mündlichen Aussagen, von Hand ausgeführter Niederschrift und dem Drucktext ein Thema darstellen. Es wird sich allerdings bei diesem Punkt herausstellen, welch eine Auswirkung das benachbarte Sachsen auf die Entstehung der einzelnen Flugschriften hatte.

1.3 Die religiösen Verhältnisse im Königreich Böhmen am Vorabend und nach dem Ausbruch der Reformation

Seit der Verabschiedung der Basler Kompaktaten im Jahre 1433 und der Herausgabe des Majestätsbriefs Kaiser Sigismunds drei Jahre später waren in den Ländern der böhmischen Krone zwei Konfessionen offiziell anerkannt, nämlich die katholische und die utraquistische Kirche. Das Konzil zu Basel entschärfte aber die Forderungen der hussitischen Partei, sodass der Laienkelch als einzig ←20 | 21→wichtiges Zugeständnis beibehalten blieb. Auch deshalb gingen die Katholiken in den späteren Verhandlungen im 15. und 16. Jahrhundert immer vom strikten Wortlaut der Kompaktaten aus, während die Utraquisten, d. h. die Nachfolger des früheren Hussitismus, in diesem Dokument vornehmlich die Anerkennung ihres Bekenntnisses sahen und deshalb nicht so ganz genau auf dessen Wortlaut achteten. Diesen Zustand eines religiösen Dualismus kodifizierte schließlich der Kuttenberger Religionsfriede von 1485. Es handelte sich um einen wichtigen und bisher in Europa ungewöhnlichen Vertrag, der nicht nur den Adeligen, sondern auch ihren Untertanen Religionsfreiheit zusprach. Es wurde allen Gläubigen das Recht zuerkannt, diejenige Kirche zu besuchen, in der der Pfarrer ihrer Konfession wirkte. Das beschlossene Dokument unterschied sich maßgeblich dadurch vom Augsburger Religionsfrieden, dass die Obrigkeit ihre Untertanen zu keinem der beiden Bekenntnisse zwingen durfte. Genauso wie schon im Majestätsbrief Kaiser Sigismunds wurde also nicht nach der Grundherrschaft bestimmt, welcher der beiden Konfessionen man zugehörig war, sondern man ging von der Gemeinde aus. Zugleich wurde festgelegt, dass alle Pfarren bei deren bisherigen Konfession blieben, es wurde also ein Status quo kodifiziert. Der Friede wurde zunächst auf die Dauer von 31 Jahren abgeschlossen, auf dem Landtag von 1512 wurde die Gültigkeit auf ewig verlängert.17

Der Kuttenberger Friede sorgte zwar für jahrelange religiöse Stabilität, schuf aber keinesfalls die Fehden zwischen den Vertretern des Katholizismus und Utraquismus ab, deren Leiter in Prag residierten. Die Prager Erzdiözese wurde anstelle eines Erzbischofs, dessen Stuhl seit Mitte der 1420er-Jahre unbesetzt war, von Vorstehern des Metropolitankapitels zu St. Veit verwaltet. Weil sich der Dom im Areal der Prager Burg und daher auf einem Hügel befand, sprach man vom sog. oberen Konsistorium. Diesem stand ein katholischer Administrator vor. In den Jahren 1510/1511–1525 hatte Johannes Zack (Jan Žák) das Amt inne, welcher dann von einem seiner engsten Mitarbeiter Ernst von Schleinitz ersetzt wurde (1525–1542).18 Eine Opposition zu diesem Verwaltungsorgan bildete das im Karlskolleg residierende untere Konsistorium mit seinem utraquistischen ←21 | 22→Administrator. Der Sitz verrät, dass dieses Konsistorium mit der ebenfalls utraquistischen und daher von der Außenwelt größtenteils isolierten Universität aufs Engste verbunden war, der utraquistische Administrator war immer zugleich ein Universitätsmeister. Die Utraquisten waren alles andere als eine kohärente Gruppierung, denn es bildeten sich Flügel mit unterschiedlichen gemäßigten und radikalen Meinungen heraus.

Der Kuttenberger Religionsfriede von 1485 bezog sich freilich nur auf die beiden anerkannten Bekenntnisse. Die dritte mächtige Konfession im Lande, die Brüderunität, die sich nach der Mitte des 15. Jahrhunderts formierte, wurde weiterhin verfolgt. Genauso erging es anderen kleinen Gruppierungen, die sich meist um charismatische Laienmystiker sammelten. Die Brüderunität gewann aber langsam an Mitgliedern und daher an Bedeutung, um 1500 öffnete sie sich sogar dem Bürgertum und dem Adel. Ihr Wachsen führte zu einer Welle von nicht besonders wirksamen Repressionen, welche im St.-Jakobs-Mandat von 1508 ihren Höhepunkt erreichten. Obwohl das Mandat der Unität ihre Tätigkeit gänzlich untersagte und forderte, dass ihre Mitglieder eins der beiden offiziell anerkannten Bekenntnisse annahmen, zeigte es keine Wirkung. Die Adeligen, welche die Verordnung betraf, respektierten das Mandat einfach nicht, sondern nahmen ihre Untertanen in Schutz. Der wichtigste Denker der Unität im ersten Viertel des 16. Jahrhunderts war Lukas von Prag. Er wurde zu einem der Bischöfe der Brüderunität und ließ sich in Jung Bunzlau (Mladá Boleslav) nieder. Er war literarisch tätig und formulierte die wichtigsten Grundsätze der Brüderunität.19

Als die Lehre Luthers die böhmischen Länder zu durchdringen begann, war man also bereits an Konfrontationen mehrerer Bekenntnisse und deren Abspaltungen gewöhnt. Daher wurde die Formulierung des Standpunkts von Luther nicht als ganz außergewöhnlich wahrgenommen. Das hieß aber nicht, dass man nicht mit Begeisterung und Erwartungen zu ihm aufschaute. Ein Utraquist, bekannt als Organist Jakub, wohnte der Leipziger Disputation von 1519 bei und brachte die Nachrichten über Luthers Äußerungen über Johannes Hus sofort nach Prag. Seine böhmischen Gesprächspartner, der Propst des Karlskollegs Václav Rožďálovský und der Prediger der Teynkirche Václav Poduška, nahmen daraufhin Briefkontakt mit Luther auf und übersandten ihm ein Exemplar von Hussens Schrift „De ecclesia“. Luther schickte im Gegenzug einige seiner Werke nach Prag. So wurde ein Dialog der Böhmen, wie man damals die Utraquisten oder Kalixtiner zu nennen pflegte,20 mit dem ernestinischen Sachsen in Gang ←22 | 23→gesetzt. 1521 kam Thomas Müntzer nach Prag, der dort für einen Gesandten Luthers gehalten wurde. Er wurde dementsprechend willkommen geheißen und im Karlskolleg untergebracht. Darüber hinaus wurde ihm ermöglicht, in der prominenten Betlehemskapelle und der ebenso prominenten Fronleichnamskapelle zu predigen. Den Höhepunkt der Begegnungen mit der sächsischen Reformation stellte der Besuch von Gallus Cahera in Wittenberg dar, einem utraquistischen Priester und einem der vier gewählten Administratoren, welcher schon bald zum alleinigen Administrator ernannt wurde. Er war es angeblich, der Luther im Frühling 1523 zum Verfassen von „De instituendis ministris ecclesiae“ bewegte. Luther erteilte den Böhmen in dieser Schrift Ratschläge, die die Ordination ihrer Geistlichen und die Beziehung zu Rom betrafen.21 Zdeněk V. David interpretiert das rasche Brückenschlagen der utraquistischen Eliten zu Sachsen so, dass die Utraquisten im Auftreten Luthers eine Bestätigung ihrer selbst und ihres eigenen Bekenntnisses gesehen hätten. Die aufgenommenen Kontakte zu Wittenberg seien ein Beweis der Neugierde und der für den Utraquismus selbstverständlichen Bereitschaft, fremden Meinungen zuzuhören, gewesen. Die Begegnung mit Luther habe aber nicht zu einer Übernahme der Lehrsätze der deutschen Reformation geführt, sondern zur Stärkung des seit Langem eingeschlagenen eigenen Weges. Das zeige die Verabschiedung der sog. „Lichtmess-Artikel“ im Januar 1524, welche sonst als Beleg des Luthereinflusses innerhalb des Utraquismus gesehen wurde.22

Die Böhmischen Brüder konnten Luther aufsuchen, nachdem dieser angefangen hatte, seine Meinung über die Pikarden, wie die Vertreter der Brüderunität tituliert wurden,23 mit der Herausgabe von „An den christlichen Adel deutscher Nation“, zu revidieren. Deshalb reisten einige der Brüder nach Wittenberg; diese Kontaktaufnahmen verliefen aber im privaten Rahmen. Das änderte sich, als Lukas von Prag gegen Luther ab 1522 öffentlich polemisierte. Obwohl die Debatte in friedlichem Ton geführt wurde, waren die theologischen ←23 | 24→Unterschiede so schwerwiegend, dass eine Einigung unmöglich war. Obwohl die Brüderunität bereits in der zweiten Hälfte der 1520er-Jahre zur deutschen Sprache griff, erhielten ihre Kontakte mit Wittenberg erst neue Impulse, nachdem Lukas verschied und man in den 1530er-Jahren die Glaubensbekenntnisse der Unität auf Deutsch drucken ließ.24

Die Grundsätze der deutschen Reformation wurden in der Zeit der Regierung von Ludwig II. Jagiello in Böhmen und Mähren vornehmlich in deutschsprachigen Gebieten angenommen, die bis dahin katholisch geblieben waren. Zwar waren nicht alle evangelischen Geistlichen literarisch tätig, doch sind die wichtigsten Zentren, in denen sich die Reformation in Böhmen und Mähren schon in der ersten Hälfte der 1520er-Jahre durchsetzte, mit der publizistischen Tätigkeit ihrer Träger verbunden. Eine Ausnahme stellt die Stadt Kaaden (Kadaň) dar, in der man noch vor dem Eindringen der lutherischen Lehre nach Nordwestböhmen massenhaft zum Utraquismus übertrat.25 Neben Elbogen, St. Joachimsthal, Bensen und Tetschen befanden sich die zwei wichtigsten evangelisierten Städte in Mähren. Es handelte sich um Iglau, das in einer deutschen Sprachinsel an der böhmisch-mährischen Grenze lag, und um Nikolsburg, das den Herren von Liechtenstein gehörte, welche Ländereien sowohl in Südmähren als auch in Niederösterreich besaßen.

Im Januar 1522 reiste Paulus Speratus, der bis dahin das Amt des Dompredigers in Würzburg bekleidet hatte, jedoch Sympathien mit der Lehre Luthers aufwies und sogar in einer Beziehung mit einer Frau lebte, nach Ungarn. Auf dem Weg machte er Halt in Wien, wo er am 12. Januar eine Predigt im Stephansdom hielt. Insbesondere weil er in seiner Rede das Zölibat in Zweifel zog, wurde er der Ketzerei bezichtigt. Mit der Anstellung in Ofen, wohin er vom königlichen Hof berufen worden war, war daraufhin nicht mehr zu rechnen. Wahrscheinlich mit der Absicht, sich nach Wittenberg zu begeben, kam Speratus nach Iglau, wo er eine Predigerstelle in der Pfarrkirche erhielt. Speratus geriet rasch in einen Zwist mit König Ludwig II. Jagiello und dem Bischof von Olmütz. Ludwig erließ schon am 25. Juli 1522 ein Mandat gegen ihn, in dem dem Iglauer Rat geboten wurde, den Einwanderer der Stadt zu verweisen. Gleichzeitig befahl der König Bischof Stanislaus Thurzo, Speratus nach Olmütz zitieren zu lassen. Die Iglauer ←24 | 25→bemühten sich mit dem Einsatz einflussreicher Adeliger darum, dass Speratus das Predigen in der Stadt erlaubt blieb. Ein weiteres Mandat des Königs verhängte ein endgültiges Predigtverbot über ihn. Daraufhin wurde Speratus in Olmütz in Haft genommen und schließlich im April 1523 von Ludwig zum Feuertod verurteilt. Das Verdikt wurde durch die Fürsprache wichtiger Adeliger auf eine Inhaftierung von zwölf Wochen gemildert. Speratus wurde befohlen, nach der Entlassung das Land zu verlassen. Er kehrte trotzdem nach Iglau zurück, fand hier aber nicht die erhoffte Unterstützung, woraufhin er im September 1523 nach Wittenberg aufbrach. Wie seine dort verfassten Schriften und Übersetzungen belegen, hielt Speratus seine Trennung von der Iglauer Gemeinde jedoch für vorläufig und erhoffte sich von ihr seine erneuerte Berufung dorthin. Er verließ Wittenberg nach einem halben Jahr wieder, da ihm Martin Luther das Amt des Hofpredigers in Königsberg vermittelte.26

Die Herrschaftsgebiete der Herren von Liechtenstein erlitten noch während des 15. Jahrhunderts beträchtliche Schäden, die bis zum Anfang des 16. Jahrhunderts kaum beseitigt werden konnten. Um die Populationsverluste auszugleichen, nahm die südmährische Obrigkeit gern die Täufer auf, die dorthin zuzogen. So wuchs die Täufergemeinde in Nikolsburg, der Residenzstadt einer der Linien der Liechtensteiner. Einen Beitrag zu diesem Anwachsen leistete wohl auch der bereits erwähnte Balthasar Hubmaier. Er war einer der wichtigsten Vertreter der radikalen Reformation, der Ende des Jahres 1525 aus seiner bisherigen Wirkungsstätte im süddeutschen Waldshut vertrieben worden war und im nächsten Jahr dann nach Nikolsburg kam. Mit ihm ließ sich der bis dahin in Zürich tätige Buchdrucker Simprecht Sorg-Froschauer in der Stadt nieder, der dort 16 Schriften Hubmaiers veröffentlichte. Als Hubmaier in Südmähren eintraf, fand er in den beiden evangelischen Geistlichen Johannes Spittelmaier und Oswald Glaidt gute Unterstützer. Aus der Vorrede zur „Entschuldigung“ von Johannes Spittelmaier, dem ersten bekannten evangelischen Prediger in Nikolsburg, geht allerdings hervor, dass sich die Herren von Liechtenstein bereits vor März 1524 dem evangelischen Glauben zugewandt hatten, also zwei Jahre vor der Ankunft Hubmaiers. Während man aber in dieser Anfangsphase Spittelmaier zu den Anhängern Martin Luthers zählen kann, waren die Ansichten von ←25 | 26→Oswald Glaidt durch Huldrych Zwingli beeinflusst. Unterstützt wurde die Evangelisierung der Stadt durch Martin Göschl, einen ehemals hohen Geistlichen aus Olmütz.27

Details

Seiten
304
ISBN (PDF)
9783631850077
ISBN (ePUB)
9783631850084
ISBN (MOBI)
9783631850091
ISBN (Buch)
9783631845554
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (Juni)
Schlagworte
Reformation deutsche Literatur reformatorische Öffentlichkeit Druckwerke Identität Kommunikation Materialität Medialität Predigten Martin Luther
Erschienen
Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2021. 304 S., 8 s/w Abb., 1 Tab.

Biographische Angaben

Jiří Černý (Autor)

Jiří Černý studierte Germanistik und Kunstgeschichte an der Palacký-Universität Olomouc. Er betreut die Sammlung der Handschriften und alten Drucke im Heimatkundlichen Museum in Olomouc und ist an der Universität Pardubice angestellt.

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Titel: Die Flugschriften der Frühreformation aus Nord- und Nordwestböhmen