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Der Krieg der anderen

Die Polen und der Erste Weltkrieg 1914–1918

von Andrzej Chwalba (Autor:in)
Monographie 442 Seiten

Zusammenfassung

Eine große Synthese der Geschichte Polens im Ersten Weltkrieg, die einhundert Jahre historischer Forschung zusammenfasst und neue Forschungswege beschreitet. Eine eingehende Darstellung der russischen, deutschen und österreich-ungarischen Gebiete des geteilten Polen, die in die Wiedergewinnung der Unabhängigkeit und die Neupositionierung des Landes in Europa nach 1918 mündet. Das Buch verwendet Ansätze der Sozial- und Kulturgeschichte, der Anthropologie und Umweltgeschichte, um das Alltagsleben im Krieg ebenso zu zeigen wie die militärische und diplomatische Entwicklung. Es analysiert, wie sich die von den Teilungs- und Besatzungsmächten verfolgte Politik und die Aktivitäten der polnischen Unabhängigkeitsbewegung und der Legionen Piłsudskis überlagerten und wechselseitig beeinflussten.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Vorwort zur deutschen Ausgabe
  • Vorwort
  • Vorbemerkung des Übersetzers
  • Inhaltsverzeichnis
  • Abkürzungsverzeichnis
  • I Vorspiel
  • 1 Krieg in Sicht
  • 2 Mobilmachung
  • 3 An die Front
  • II Der Kriegsverlauf im Osten
  • 1 Tannenberg und die masurischen Seen
  • 2 Kraśnik und Komarów
  • 3 Zweimal Lemberg
  • 4 Warschau-Dęblin und Lodz
  • 5 Krakau und Limanowa
  • 6 „Hölle der Höllen“: Przemyśl
  • 7 Winterkrieg in den Karpaten
  • 8 Gorlice
  • 9 Sochaczew – das Ypern des Ostens
  • 10 Nach Gorlice
  • III Das Militär übernimmt die Macht
  • 1 Letze Friedenstage und erste Kriegswochen
  • 2 Gerüchteküche
  • 3 Spionomanie
  • IV Im preußischen Teilungsgebiet
  • 1 Berlin und die Polen
  • 2 Kriegswirtschaft
  • 3 Die russländische Armee in Ostpreußen
  • V Russisch-Galizien
  • 1 Eroberung
  • 2 Die neue Obrigkeit
  • 3 Rückzug
  • VI Österreichisch-Galizien
  • 1 Verrat
  • 2 Evakuierung
  • 3 Rückeroberung
  • 4 Kaltgestellt
  • 5 Zerstörung und Wiederaufbau
  • 6 Zivilgesellschaft
  • 7 Polnische und ukrainische Politik
  • 8 Krieg um Polen
  • VII Russisch-Kongresspolen
  • 1 Polen und Russen
  • 2 Die Bürgerkomitees
  • 3 Verbrannte Erde
  • 4 Die bieżeńcy
  • VIII Königreich Polen von deutschen und österreichischen Gnaden
  • 1 Okkupation
  • 2 Hilfsorganisationen im In- und Ausland
  • 3 Die katholische Kirche
  • 4 Die Besatzungsverwaltung
  • 5 Symbolpolitische Polonisierung
  • 6 Die Polen und die Okkupation
  • 7 Der Akt des 5. November
  • 8 Provisorischer Staatsrat – Regentschaftsrat – Ministerrat
  • 9 Heimkehr
  • 10 Wirtschaft
  • IX Letzte Entscheidungen
  • 1 Ober Ost
  • 2 Brest-Litovsk
  • 3 Die Grenzlandpogrome
  • 4 Die Polen in Russland und die polnischen Korps im Osten
  • 5 Widerstand
  • 6 Die polnische Frage
  • 7 Die Haller-Armee
  • X Alltag im Krieg
  • 1 Demographische Veränderungen
  • 2 Gesundheit und Hygiene
  • 3 Speiseplan und Versorgung
  • 4 Heizung und Beleuchtung
  • 5 Schwarzmarkt
  • 6 Demoralisierung
  • 7 Kommunikation und Verkehr
  • 8 Mobilisierung der Frauen in Arbeitswelt und Politik
  • XI Polnisches Finale
  • Glossar
  • Literaturverzeichnis
  • Personenverzeichnis
  • Verzeichnis geographischer Namen
  • Reihenübersicht

Abkürzungsverzeichnis

A.d.Ü.

Anmerkung des Übersetzers

AOK

Armeeoberkommando

Bund

algemeyner yidisher arbeter-bund in lite, poyln un rusland (Allgemeiner Jüdischer Arbeiterbund in Litauen, Polen und Russland)

CKN

Centralny Komitet Narodowy (Zentrales Nationalkomitee)

CKO

Centralny Komitet Obywatelski (Zentrales Bürgerkomitee)

COG

Centrala Krajowa dla Gospodarczej Odbudowy Galicji (Landeszentrale für den Wirtschaftlichen Wiederaufbau Galiziens)

CTR

Centralne Towarzystwo Rolnicze (Zentrale Landwirtschaftsgesellschaft)

Endecja

Narodowa Demokracja (Nationale Demokratie)

GGL

Generalgouvernement Lublin

GGW

Generalgouvernement Warschau

GKO

Główny Komitet Obywatelski (Hauptbürgerkomitee)

GKR

Główny Komitet Ratowniczy (Hauptfürsorgekomitee)

GUS

Główny Urząd Statystyczny (Hauptamt für Statistik)

HUR

Holovna ukraïns’ka rada (Ukrainische Hauptrada)

KBK

Książęco-Biskupi Komitet (Fürstbischöfliches Komitee)

KNP

Komitet Narodowy Polski (Polnisches Nationalkomitee)

KO

Komitet Obywatelski (Bürgerkomitee)

KON

Komitet Obrony Narodowej (Komitee für Nationale Verteidigung)

KRG

Krajowa Rada Gospodarcza (Landeswirtschaftsrat)

KSSN

Komisja Skonfederowanych Stronnictw Niepodległościowych (Kommission der Konföderierten Unabhängigkeitsparteien)

k.u.k.

kaiserlich und königlich

LPP

Liga Państwowości Polskiej (Liga der Polnischen Staatlichkeit)

MKN

Miejski Komitet Narodowy (Stadtnationalkomitee)

MKP

Międzypartyjny Komitet Polityczny (Überparteiliches Politisches Komitee)

Naczpol

Naczelny Polski Komitet Wojskowy (Oberstes Polnisches Militärkomitee)←18 | 19→

NKN

Naczelny Komitet Narodowy (Oberstes Nationalkomitee)

NKVD

Narodnyj komissariat vnutrennich del (Volkskommissariat für Innere Angelegenheiten)

NZCh

Narodowy Związek Chłopski (Nationaler Bauernverband)

NZR

Narodowy Związek Robotniczy (Nationaler Arbeiterverband)

PB

Pogotowie Bojowe (Kampfbereitschaft)

PCRC

Polish Central Relief Committee

PDS

Polskie Drużyny Strzeleckie (Polnische Schützenstaffeln)

Pepepe

Polska Partia Postępowa (Polnische Fortschrittspartei)

PKKP

Polska Krajowa Kasa Pożyczkowa (Polnische Landeskreditkasse)

PKL

Polska Komisja Likwidacyjna (Polnische Liquidierungskommission)

PKN

Powiatowy Komitet Narodowy (Bezirksnationalkomitee)

PKP

Polski Korpus Posiłkowy (Polnisches Hilfskorps)

PLKR

Polski Lwowski Komitet Ratunkowy (Polnisches Lemberger Rettungskomitee)

PON

Polska Organizacja Narodowa (Polnische Nationalorganisation)

POW

Polska Organizacja Wojskowa (Polnische Militärorganisation)

PPS

Polska Partia Socjalistyczna (Polnische Sozialistische Partei)

PPSD

Polska Partia Socjalno-Demokratyczna Galicji i Śląska (Polnische Sozialdemokratische Partei Galiziens und Schlesiens)

PPS-L

Polska Partia Socjalistyczna-Lewica (Polnische Sozialistische Partei-Linke)

PSL

Polskie Stronnictwo Ludowe (Polnische Volkspartei)

PSW

Polski Skarb Wojskowy (Polnischer Militärfonds)

PSZ

Polska Siła Zbrojna (Polnische Wehrmacht)

PTPOW

Polskie Towarzystwo Pomocy Ofiarom Wojny (Polnische Gesellschaft für Kriegsopferhilfe)

RGO

Rada Główna Opiekuńcza (Fürsorgehauptrat)

RN

Rząd Narodowy (Nationale Regierung)

SDKPiL

Socjaldemokracja Królestwa Polskiego i Litwy (Sozialdemokratie des Königreichs Polen und Litauens)

SDN

Stronnictwo Demokratyczno-Narodowe (Demokratisch-Nationale Partei)

Sovnarkom

Sovet Narodnych Komissarov (Rat der Volkskommissare)←19 | 20→

Stavka

Stavka Verchovnogo Glavnokomandueščego (Hauptquartier des Obersten Befehlshabers)

SVU

Sojuz Vyzvolennja Ukraïny (Bund zur Befreiung der Ukraine)

TRS

Tymczasowy Rada Stanu (Provisorischer Staatsrat)

UNR

Ukraïns’ka nacional’na rada (Ukrainischer Nationalrat)

USA

United States of America

USS

Ukraïns’ki sičovi stril’ci (Ukrainische Sičer Schützen)

ZON

Zjednoczone Organizacje Niepodległościowe (Vereinigte Unabhängigkeitsorganisationen)

ZUR

Zahal’na ukraïns’ka rada (Allgemeine Ukrainische Rada)

ZWC

Związek Walki Czynnej (Bund des Aktiven Kampfes)

I Vorspiel

1 Krieg in Sicht

Am 28. Juni 1914 wurden im bosnischen Sarajevo Erzherzog Franz Ferdinand und seine Frau erschossen. Einen Monat darauf erklärte Kaiser Franz Joseph I. dem Königreich Serbien oder vielmehr dem serbischen König den Krieg. „Ich habe alles geprüft und erwogen. Mit ruhigem Gewissen betrete Ich den Weg, den die Pflicht Mir weist. Ich vertraue auf Meine Völker, die sich in allen Stürmen stets in Einigkeit und Treue um Meinen Thron geschart haben und für die Ehre, Größe und Macht des Vaterlandes zu schwersten Opfern immer bereit waren“, so lauteten die zentralen Sätze des kaiserlichen Manifests „An meine Völker!“ vom 28. Juli 1914.

Wie die österreichischen strategischen Planungen vorsahen, sollte der Krieg gegen Serbien nicht mehr als eine kurze Strafexpedition sein. Doch der Krieg griff auf ganz Europa und viele außereuropäische Länder über. Russland meinte, nicht untätig der Vernichtung Serbiens und dem Triumph der verfeindeten Donaumonarchie zusehen zu können. Daher unterzeichnete Kaiser Nikolaus II. am 30. Juli den Ukas zur allgemeinen Mobilmachung. Einen Tag darauf wandte sich der deutsche Kaiser Wilhelm II. an die Berliner Bevölkerung: „Enorme Opfer an Gut und Blut“ werde „ein Krieg vom deutschen Volke erfordern“, den Gegnern aber werde man zeigen, „was es heißt, Deutschland anzugreifen.“ Am 1. August erklärte das Deutsche Reich Russland den Krieg, am 3. August Frankreich. In der Nacht vom 4. auf den 5. August befand sich Großbritannien im Kriegszustand mit Deutschland, am 6. August Österreich-Ungarn mit Russland. Die Bündnissysteme zeigten Wirkung, obwohl Skeptiker gemeint hatten, sie würden sich nicht bewähren. Einzig Italien stand nicht zu seinen Verpflichtungen im Dreibund mit Deutschland und Österreich und erklärte sich neutral. Innerhalb von zehn Tagen befanden sich die fünf europäischen Großmächte sowie Belgien, Luxemburg, Serbien und an dessen Seite Montenegro im Krieg. So begann der Krieg des Zweibundes (des Deutschen Reiches und Österreich-Ungarns) mit der Entente (Russland, Frankreich und Großbritannien). In den nächsten Monaten stießen noch weitere Länder zu den kriegführenden Staaten hinzu. Damit bestätigte sich der Kommentar des Dziennik Poznański (Posener Tageblatt) von Ende Juni 1914, „wenn sich auf dem Balkan der Nebel zuzieht, geht ein Schauder durch Europa“.

Die Mittelmächte und die Ententestaaten holten nun ihre detaillierten Kriegspläne aus den Stahlschränken. Nach den deutschen Planungen sollten sich sieben Achtel des Reichsheeres gegen Belgien, Luxemburg und Frankreich wenden, während das verbliebene Achtel in Ostpreußen die russische ←21 | 22→Offensive aufzuhalten hatte. Plangemäß waren binnen vierzig Tagen Frankreich zu schlagen, Paris zu besetzen und dann alle Kräfte nach Osten gegen Russland zu wenden. Die Deutschen waren sicher, Russland werde wegen seiner schwerfälligen Mobilmachung, seiner großen Entfernungen und seines unzulänglichen Eisenbahnnetzes keine wirkliche Gefahr für Deutschland und Österreich-Ungarn darstellen. Für die Strategie der Mittelmächte war der Faktor Zeit essentiell, denn von der Geschwindigkeit der Truppenbewegungen hing der Kriegsausgang an drei Fronten ab, im Westen, im Osten und auf dem Balkan. Die Verbündeten sahen vor, die österreich-ungarischen Armeen die Offensive an Ost- und Balkanfront übernehmen zu lassen; an letzterer sollten die Österreicher die Serben schlagen. An der Nordostfront würden sie die Russen mit deutscher Unterstützung zum Rückzug zwingen. Soweit der Plan.

Der russländische Generalstab beabsichtigte, die Hauptmasse seiner Truppen gegen Österreich-Ungarn zu konzentrieren und in wenigen Monaten bis nach Budapest und Wien vorzustoßen, während zwei weitere russländische Armeen Ostpreußen angreifen und die Ebenen am Unterlauf der Weichsel besetzen würden. Auf Drängen Frankreichs sicherte Russland zu, die Kampfbereitschaft der eigenen Truppen früher herzustellen als von den Mittelmächten erwartet, nämlich innerhalb von vierzehn Tagen.

Alle Planungen gingen von einem Bewegungskrieg aus. Zu diesem Zweck erweiterten Deutschland und Österreich-Ungarn ihre Eisenbahnlinien, um Truppen schneller von einem Frontabschnitt an den anderen verlegen zu können. Sie befestigten die Straßen und richteten Ausweichrouten ein. Die Russen verstärkten ihrerseits in der Erwartung ihre Kavallerie, diese werde im Bewegungskrieg eine zentrale Rolle spielen.

Erst einmal mobilisiert, verfügte das Russländische Reich mit seinem anscheinend unerschöpflichen Menschenreservoir über die zahlenmäßig stärkste Armee. Bereits die Friedensstärke der russländischen Armee betrug 1,4 Millionen Soldaten, doch ließ die Qualität von Bewaffnung und Ausbildung zu wünschen übrig. Analphabetismus, Korruption, Unterschlagung und geringe Kampfmoral beeinträchtigten die Einsatzfähigkeit. Etwa 180.000 Polen dienten in der russländischen Armee, davon 130.000 aus dem Königreich Polen (Kongresspolen). Da der polnische Adel, die szlachta, seit der Zeit der Teilungen gern die militärische Laufbahn eingeschlagen hatte, waren im Offizierskorps der russländischen Armee Polen besonders zahlreich vertreten. Ihre Zahl war bedeutend höher als in der preußischen und der österreich-ungarischen Armee zusammengenommen, doch gab es nur wenige Polen in höheren Dienstgraden, weil Katholiken es schwerer hatten, in der militärischen Hierarchie aufzusteigen. Nach den Dienstlisten von 1893 waren von 1164 Generälen der russländischen Armee 63 Katholiken mit polnischen Namen, daneben einige weitere Polen evangelischer ←22 | 23→Konfession. Diese Zahlenverhältnisse änderten sich in späteren Jahren nur wenig. 1912 gab es 42 katholische Generäle im aktiven Dienst, die sich als Polen verstanden, daneben einige wenige evangelische. Bis 1917 stieg die Zahl polnischer Generäle durch Beförderungen und Armeeerweiterungen auf 119. Vor dem Krieg waren polnische Generäle Chefs von Divisionen und Brigaden, dienten in Armeestäben sowie als Adjutanten des Kaisers, während des Kriegs stellten sie auch einige Korps- und Armeekommandeure.

Für die Rekrutierung im Königreich Polen waren die in 28 Militärkreisen tätigen Aushebungskommissionen zuständig. Die meisten Rekruten wurden in Militärbezirke jenseits der vormaligen Ostgrenzen der alten Rzeczpospolita geschickt, etwa in den Petersburger oder Moskauer Militärbezirk. Nach Kriegsausbruch wurden sie dagegen hauptsächlich in Kongresspolen garnisonierten Regimentern zugeteilt.

Die deutsche Armee hatte eine Friedensstärke von 820.000 Mann. Sie war also deutlich kleiner als die russländische, dafür aber besser ausgebildet, bewaffnet und ausgerüstet. „Die deutschen Truppen sind ausgezeichnet ausgestattet, alles blitzt, ist aus bestem Leder und Metall, solide bis zum kleinsten Detail […]. Alle sind beeindruckt von der hervorragenden Organisation, der Haltung, dem Mut und der Zuversicht der deutschen Armee“, hielt Matylda Sapieha, Schwägerin des Krakauer Bischofs Adam Stefan Sapieha, im Mai 1915 fest. Der litauische Jurist und Verfassungsrechtler Mikolas Römeris (Michał Römer) notierte zum selben Thema: „unvergleichliche Organisation, ausgezeichnete Zielstrebigkeit, Geschlossenheit von Aktion und Führungswillen, Standhaftigkeit im Kampf“. Selbst die Kriegsgegner ließen sich von der perfekten Organisation der deutschen Armee beeindrucken. „Wie durchorganisiert doch diese Deutschen waren. An den Straßenecken wurden in großen Lettern beschriftete Schilder angebracht: Richtung Kozienice, Richtung Warschau, zur Apotheke, zur Kantine, zur Post!“, erinnerte sich ein kongresspolnischer Memoirenschreiber. Auch der Vergleich mit der k.u.k. Armee fiel zugunsten der deutschen Armee aus: „Gegen meinen Willen muss ich die Deutschen bewundern. Was für eine ausgezeichnete Armee!“, schrieb Zofia Kirkor-Kiedroniowa aus dem Teschener Schlesien, Schwester der nationaldemokratischen Politiker Stanisław und Władysław Grabski, der schwerlich eine deutschfreundliche Gesinnung nachgesagt werden kann. Solche Meinungen bezogen sich auf die reguläre Armee, im Vergleich zu der die Reserveeinheiten der Landwehr und – mehr noch – des Landsturms abfielen, deren Aufgabe in der Territorialverteidigung bestand.

Die Polen waren über die Regimenter des Reichsheeres verstreut, weil die Wehrersatzbehörden dafür sorgten, dass polnische Soldaten in der Regel weit von ihren Heimatorten garnisoniert wurden. Erst nach der Mobilmachung setzten sich einige großpolnische, schlesische und pommersche Regimenter mehrheitlich aus Polen zusammen, weil dazu ortsnahe Reservisten ←23 | 24→verwendet wurden. Vor dem Krieg dienten in der deutschen Armee etwa 40.000 Polen und gut zehntausend Masuren, Ermländer und Schlesier, die kein entwickeltes Nationalbewusstsein besaßen. Im Offizierskorps hatten die Polen einen verschwindend geringen Anteil, weil die militärische Laufbahn nicht populär war. In der deutschen Armee gab es auch keinen einzigen aktiven polnischen General.

Die Friedensstärke der österreich-ungarischen Armee betrug 436.000 Mann. Über die größte Einsatzbereitschaft verfügten die regulären Truppen, die der gesamten Donaumonarchie gemeinsam waren, die sogenannte Gemeinsame Armee, eine geringere die landeseigenen Truppen, die Honvéd („Vaterlandsverteidiger“) in Ungarn und die Landwehr in Cisleithanien, die geringste der Landsturm. Das Königreich Ungarn trug weniger zur Gemeinsamen Armee bei, dafür umso mehr zu den Honvéd, die dort als eigene Nationalarmee galten. Die k.u.k. Armee war schlechter ausgebildet und bewaffnet als die deutsche, doch ihre Infanterie bewährte sich im Einsatz besser als die russländische. In der Infanterie dienten Soldaten aus zehn verschiedenen Nationen. Deutschsprachige stellten in Staat und Armee etwa 26 Prozent, dagegen im Offizierskorps beim Heer 76 Prozent, bei der Kriegsmarine 51,2 Prozent. 1907 wurde der Anteil der Polen im Offizierskorps auf nur 2,3 Prozent geschätzt, nach den neusten Untersuchungen von Michał Baczkowski lag er bei 2,9 Prozent. Unter den polnischen Offizieren befanden sich zwar Generäle, jedoch kein einziger Korpskommandeur. Die deutschsprachigen Offiziere galten als Garanten für Zusammenhalt und Funktionsfähigkeit der Armee. Deutsch war Kommandosprache. Die Honvéd bedienten sich des Ungarischen, die kroatische Heimwehr (Hrvatsko domobranstvo) des Kroatischen. Nicht jeder Soldat war mit dem Deutschen vertraut, was die Truppenführung erschwerte. Jedem Infanterieregiment war ein permanenter Aushebungsbezirk zugewiesen. Wenn ein Regiment Krakau als Garnisonsort hatte, wurden seine Mannschaften in der Stadt und ihrer Umgebung rekrutiert, gleiches galt für Lemberg. Die Soldaten durften die sogenannte Regimentssprache gebrauchen, wenn die jeweilige Nationalität im Regiment mindestens zwanzig Prozent ausmachte. Die in den böhmischen Ländern rekrutierten Regimenter hatten, abgesehen von den westlichen Landesteilen, meist eine tschechische Mehrheit, die in Westgalizien (Kleinpolen) eine polnische. So konnte in der Einheit eher ein Gefühl der Zusammengehörigkeit aufkommen.

Heutige historische Enthusiasten, die Weltkrieg-Reenactment betreiben, stellen sich in die Tradition der österreichischen Regimenter, die einst in ihrer Heimat rekrutiert wurden. So gibt es Reenactment-Gruppen für die Regimenter von Nowy Sącz, Tarnów, Jarosław, Krakau, Lemberg, die diese Einheiten als polnische Regimenter betrachten, obwohl sie dies gar nicht waren. Vor Kriegsausbruch dienten in der Gemeinsamen Armee etwa ←24 | 25→51–52.000 Polen, mit der Reserve zusammengenommen etwa 118.000. In elf Infanterie-, fünf Landwehr- und zwei Kavallerieregimentern bildeten polnische Soldaten die Mehrheit. Bei den technischen Truppen und der Artillerie galt das Prinzip der Territorialzugehörigkeit nicht.

Die Infanterie der Armeen der drei Teilungsmächte trug bei Kriegsausbruch Uniformen in gedeckten Farben, mit einer Mütze als Kopfbedeckung. Der deutsche Helm war aus Leder und hatte eine metallene Spitze, weshalb er „Pickelhaube“ genannt wurde. Erst im weiteren Verlauf des Kriegs begannen zunächst Deutschland, dann Österreich und schließlich auch Russland, ihre Soldaten mit Stahlhelmen zu versehen. Zumindest in der k.u.k. Armee trug die Kavallerie bei Kriegsausbruch noch farbige Uniformen.

Ein Rittmeister der k.u.k. Armee erhielt in Friedenszeiten einen Sold von 140 Kronen monatlich, im Krieg zusätzlich 150. Ein Feldwebel bekam nur 70 Kronen plus zwanzig im Krieg. Die Offiziere der russländischen Armee hatten keinen Grund zur Beschwerde, denn ihr Sold war relativ stattlich. Gemessen am russländischen Lebensstandard war selbst der Sold der Mannschaften nicht schlecht. Die Offiziere der Reichsarmee erhielten einen hohen Sold, ein Leutnant 300 Mark im Monat, ein einfacher Soldat dagegen nur fünfzehn Mark. Alle Armeen zahlten Renten an Kriegerwitwen und -waisen, ebenso gab es Kriegsinvalidenrenten und Unterstützungsleistungen für Familien von Rekruten. Im Deutschen Reich waren diese finanziellen Leistungen im Verhältnis zum allgemeinen Lebensstandard sehr bescheiden, in Russland vergleichsweise höher.

2 Mobilmachung

„Wir waren alle von der Mobilmachungsmeldung zutiefst betroffen“, notierte der k.u.k. Offizier August Krasicki in seinem Tagebuch. Eine nachvollziehbare Gemütsregung, war doch die Mobilmachung gleichbedeutend mit Krieg. Im Deutschen Reich, Österreich-Ungarn und Russland erschienen überall Plakate mit der Bekanntgabe der Mobilmachung. „Die Leute schauen sich das rote Plakat ganz genau an und lesen die Aufschrift ganz langsam, die nur in der Staatssprache [d.h. Russisch; A.d.Ü.] abgedruckt ist, und sie gehen ihres Wegs wie vom Donner gerührt, ohne sich ganz im klaren darüber zu sein, was vor sich geht“, notierte ein Warschauer Zeitzeuge. „Endlich […] Mobilmachung! Marktschreierische Plakate verkünden es in allen Landen: Mobilmachung! Die jüngsten Reservistenjahrgänge augenblicklich zu den Regimentern, die Landwehr zur Bewachung von Brücken, Gebäuden usw. […] Eine wahre Völkerwanderung“, notierte ein Zeitzeuge in Großpolen. Auf Anordnung der Militärkommandanturen wurden die Kirchenglocken geläutet, um zu verkünden, dass etwas ganz Außergewöhnliches in der Luft lag. Zäune und öffentliche Gebäude wurden mit ←25 | 26→Aufrufen beklebt, Widerstand gegen den Eindringling zu leisten. Auch die Zeitungen brachten dergleichen Verlautbarungen. Die Bürger müssten zur Verteidigung von Kaiser und Vaterland schreiten, denn man sei von einem heimtückischen Gegner überfallen worden. Jede beteiligte Macht behauptete, einen Verteidigungskrieg zu führen; keiner wollte der Aggressor sein.

Offiziere erhielten ihre Einberufungen telegrafisch, Reservisten und beurlaubte Soldaten auf dem Postweg. Briefträger oder Ortsvorsteher übergaben den Einberufungsbescheid und belehrten bei der Gelegenheit den Reservisten oder Rekruten über seine nächsten Pflichten. Um dem Vorgang mehr Gewicht zu verleihen, ließ sich mancher Ortsvorsteher von einem Gendarmen begleiten. Der Gestellungsbefehl nannte die Adresse, an der der Reservist sich einzufinden hatte. Weil im österreichischen und mehr noch im russländischen Teilungsgebiet der Reservist oft gar nicht lesen konnte, bekam er vom Überbringer den Inhalt des Einberufungsbescheids mitgeteilt und erklärt, wo sich die Kaserne befand und wie er dorthin gelangte.

Die Familien der Einberufenen waren in heller Aufregung. „Im Dorf war überall Schluchzen zu hören, selbst die Hunde heulten, als ob es nächtens brannte. Es herrschte solch eine Niedergeschlagenheit“, erinnerte sich Stanisław Sikoń, ein Bauer aus Galizien. „Am 31. Juli kam der Briefträger auf dem Fahrrad mit lautem Rufen ins Dorf: Mobilisation! Mobilisation! [dt. im Original] Das Frauensvolk kam auf die unheilvollen Rufe des Briefträgers hin auf die Straße gestürzt, […] alle waren tränenüberströmt. Die Kinder liefen, um ihre Väter und Brüder von der Ernte nach Hause zu holen“, erinnerte sich Karol Małłek aus Masuren. „Weinen, Jammergeschrei […]. Frauen fielen ihren Männern um den Hals, Kinder hängten sich an ihre Väter, Mütter wollten die Söhne nicht loslassen. Trauer und Verzweiflung waren so groß, als hätte allen das letzte Stündlein geschlagen, als stünde der Weltuntergang bevor“, erinnerte sich Sebastian Flizak aus Nowy Sącz. Einige Eltern versuchten, den Amtmann zu bereden, der Sohn sei von schwacher Gesundheit, sei bei der Arbeit unabkömmlich oder der einzige Ernährer der Familie. Der Ortsvorsteher konnte natürlich niemanden vor der Einberufung bewahren und höchstens mitteilen, ein einziger Ernährer könne seine Freistellung vom Militärdienst beantragen. Dazu sei ein Widerspruch oder „Rekurs“ bei der Militärkommission einzureichen, um die Rechtmäßigkeit der Einziehung von Sohn oder Ehemann anzuzweifeln.

Den Vorschriften nach mussten sich die Reservisten binnen ein bis zwei Tagen beim Wehrersatzkommando einfinden. Das erwies sich jedoch als ziemlich unrealistisch. Einige hatten es nicht besonders eilig, obwohl die Einberufungsbescheide ausdrücklich Geldstrafen und mehrtägigen Arrest für Verspätung androhten. Doch wer trödelte, konnte Glück haben, denn sobald ein Bataillon Kriegsstärke erreicht hatte, schickte es die Überzähligen nach Hause.

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Wie immer in Zeiten der Not, entdeckten die Menschen die Religion für sich oder fanden Gott aufs Neue. Sie strömten in die Kirchen, um „Bewahre uns vor Sturm, Feuer und Krieg, o Herr“ zu singen. Da der Krieg aber schon einmal ausgebrochen war, hegten die Soldatenfamilien zumindest noch die Hoffnung, ihre Angehörigen würden dank göttlicher Hilfe unversehrt heimkehren. Um die Vorsehung günstig zu stimmen, stellten sie brennende Kerzen ins Fenster und errichteten an den Weggabeln im Namen der Einberufenen Kreuze; in Polen sind bis heute viele solche Kreuze zu besichtigen. Die Familien gaben den Einberufenen Heiligenbilder mit auf den Weg, wobei solche der Jungfrau Maria am beliebtesten waren, oder auch kleine Kruzifixe, die gleichsam magischen Amuletten vor Versehrung und Tod bewahren sollten.

Biographische Angaben

Andrzej Chwalba (Autor:in)

Andrzej Chwalba ist Professor am Historischen Institut der Jagiellonen-Universität Krakau mit Schwerpunkten in der polnischen und europäischen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Er hat zahlreiche Bücher in Polen, den USA, Deutschland, Tschechien, Bulgarien und Kroatien veröffentlicht und istfür seine akademischen Leistungen vielfach ausgezeichnet worden.

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Titel: Der Krieg der anderen