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Confrontations au national-socialisme en Europe francophone et germanophone. Auseinandersetzungen mit dem National sozialismus im deutschund französischsprachigen Europa 1919-1949

Volume 5.1 / Band 5.1

von Michel Grunewald (Band-Herausgeber:in) Olivier Dard (Band-Herausgeber:in) Uwe Puschner (Band-Herausgeber:in) Michael Hüttenhoff (Band-Herausgeber:in) Lucia Scherzberg (Band-Herausgeber:in)
Sammelband 356 Seiten
Reihe: Convergences, Band 101

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Vorwort
  • Préface
  • I. Die Auseinandersetzung des deutschsprachigen Protestantismus mit dem Nationalsozialismus
  • Einleitung (Michael Hüttenhoff)
  • Das Deutsche Pfarrerblatt und der Nationalsozialismus bis 1933 (Othmar Plöckinger)
  • Wilhelm Stapel und das Deutsche Volkstum (Alf Christophersen)
  • Die Christliche Welt (Michael Hüttenhoff)
  • Die Allgemeine Evangelisch-Lutherische Kirchenzeitung (Thomas Martin Schneider)
  • Friedrich Wieneke, Christentum und Nationalsozialismus (1931) (Peter Noss)
  • «Säkularisierte Kirche». Hermann Sasses Deutung des Nationalsozialismus im Kirchlichen Jahrbuch und in Briefen (1931-1937) (Christian Neddens)
  • Ein hellsichtiger Analytiker. Walther Hunzingers Warnung vor dem Nationalsozialismus 1931 (Rainer Hering)
  • Das Führerprinzip als gottgewollte Ordnung. Der erste Hamburger Landesbischof Simon Schöffel (Rainer Hering)
  • Emanuel Hirsch, Die gegenwärtige geistige Lage im Spiegel philosophischer und theologischer Besinnung (1933/34) (Michael Hüttenhoff)
  • Der Nationalsozialismus als politische Religion und als Dämonie. Der evangelische Theologe Paul Schütz vor und nach 1945 (Rainer Hering)
  • Karl Barth, Die Kirche und die politische Frage von heute (1938) (Marlen Wagner / Michael Hüttenhoff)
  • Walter Künneth, Der große Abfall (1947) (Axel Töllner)
  • II. Die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus im Deutschsprachigen Katholizismus
  • Einleitung (Lucia Scherzberg)
  • Anton Scharnagl, Die nationalsozialistische Weltanschauung. Referat auf der Diözesan-Synode für die Erzdiözese München und Freising am 19. November 1930 (August H. Leugers-Scherzberg)
  • Jakob Nötges, Nationalsozialismus und Katholizismus (1931) (Lucia Scherzberg)
  • «Prophetien wider das Dritte Reich». Fritz Gerlich, Der gerade Weg (1930-33) und Ingbert Naab OFM Cap, Ist Hitler ein Christ? (1931) (Jörg Seiler)
  • Amalie Lauer, Die Frau in der Auffassung des Nationalsozialismus (1932) (Birgit Sack)
  • Richard Kleine, Deutsche Zeitenwende (1936) (Andrea Nguyen)
  • Alois Hudal, Die Grundlagen des Nationalsozialismus (1936) (Timo Bayer)
  • Edgar Alexander, Der Mythus Hitler (Uwe Puschner)
  • Der Kameradschaftliche Gedankenaustausch. Rundbrief eines nationalsozialistischen Priesterkreises (Julia Albert)
  • Max Pribilla, «Das Schweigen des deutschen Volkes»; «Wie war es möglich?» (Lucia Scherzberg)
  • Register

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Préface

Le présent volume de la série «Confrontations au national-socialisme dans l’Europe francophone et germanophone» est concentré sur les catholiques et les protestants allemands dont il examine les positions face au national-socialisme dès les débuts de ce mouvement, à l’époque où Hitler fut au pouvoir et après l’effondrement du Troisième Reich. Les contributions proposées ici prennent appui à la fois sur des revues, des publications collectives et des ouvrages monographiques. Les différences entre le milieu catholique et le milieu protestant ainsi qu’entre les traditions théologiques propres aux deux confessions étaient un élément structurel du christianisme en Allemagne. Mais elles n’empêchèrent pas l’existence de grandes ressemblances entre les thèmes abordés, les positions défendues et les arguments développés par les catholiques et les protestants. Les représentants de chaque confession connaissaient les points de vue développés au sein de l’autre, mais les débats au sein du catholicisme et du protestantisme allemand se développèrent de façon autonome. Il ne se forma pas en Allemagne une opposition commune des Eglises; malgré des courants favorables à une expression ecclésiale spécifiquement nationale, on n’assista pas à la naissance d’une alliance des forces qui souhaitaient arriver à une synthèse entre le national-socialisme et les Eglises. Cet état de fait justifie en soi l’organisation du présent volume qui présente sous la forme de deux parties autonomes précédées chacune d’une introduction spécifique les contributions relatives aux catholiques et aux protestants. Afin d’éviter des redites, nous avons renoncé à procéder à une comparaison entre les représentants des deux univers ecclésiaux. Au fil des textes, les lecteurs n’auront aucune difficulté à percevoir les similitudes et les différences repérables dans la façon dont les catholiques et les protestants allemands se sont positionnés face au national-socialisme et au Troisième Reich.

Nous tenons à remercier la Société des amis de l’Université de la Sarre ainsi que le ministère des Finances et des Affaires européennes de la Sarre qui ont soutenu financièrement l’atelier organisé les 19 et 20 février 2016 à Sarrebruck. Dans le cadre de cet atelier, une partie des thèses qui sont au centre des contributions figurant dans le présent volume ont être présentées. Nous tenons à remercier toutes les contributrices et tous les contributeurs ainsi que nos collaboratrices et collaborateurs qui nous ont apporté leur aide précieuse au niveau de la rédaction du présent volume: Ira Dibra, Kathrin Dittgen, Elisabeth Junk, Carsten Kiefer, Kerstin Kirsch, Christian Neddens, Andrea Nguyen, Marlen Wagner, Simon Wenz. Enfin, nous tenons à exprimer notre gratitude à MM. Michel Grunewald, Professeur à l’Université de Lorraine (Metz) et Uwe Puschner, Professeur à la Freie Universität Berlin qui ont eu l’idée du présent volume et en ont accompagné la mise au point

Michael Hüttenhoff
Lucia Scherzberg

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Einleitung

Michael Hüttenhoff*

Eine Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, die auf breiter Basis geführt wurde, gab es im Protestantismus erst nach den Septemberwahlen 1930. Die völkische Theologie, die sich seit dem Ersten Weltkrieg ausbildete und für die Theologen wie Paul Althaus (1888-1966) und Emanuel Hirsch (1888-1972) eintraten, bereitete jedoch eine positive Rezeption des Nationalsozialismus vor. Einen Durchbruch bedeutete für sie der Königsberger Kirchentag von 1927. In seiner Vaterländischen Kundgebung stellte der Kirchentag fest, dass Gott ein «Gott aller Völker» sei und es eine Völkergrenzen und Rassenunterschiede überschreitende «Gemeinschaft des Glaubens und der Liebe» gebe. Weiter hieß es allerdings: « Unser Volkstum ist uns von Gott gegeben. Es hochzuhalten ist Pflicht […] Ein Weltbürgertum, dem das eigene Volk gleichgültig ist, lehnen wir ab.»1

Seit Mitte der 1920er Jahre engagierten sich Siegfried Leffler (1900-1983) und Julius Leutheuser (1900-1942) zunächst in Bayern, dann in Thüringen für den Nationalsozialismus und für eine deutsch-christliche Theologie und Kirche. Dagegen vertrat der liberale Kieler Theologe Otto Baumgarten (1858-1934) 1926 in seiner Schrift Kreuz und Hakenkreuz die These, dass sich Kreuz und Hakenkreuz gegenseitig ausschlössen.2 1928 erteilte der Stuttgarter Pfarrer Eduard Lamparter (1860-1945) mit seiner Studie Evangelische Kirche und Judentum dem Antisemitismus und der mit ihm verbundenen Rassentheorie eine klare Absage.3

Als die NSDAP bei den Reichstagswahlen am 14. September 1930 18,3 % der Stimmen errang und damit als zweitstärkste Partei (nach der SPD) in den Reichstag einzog, wurde

die Frage nach Hitler und der NSDAP […] ein beherrschendes Thema der innerkirchlichen Diskussion. Dabei reagierten beide Kirchen höchst unterschiedlich. Während die katholische Kirche unverzüglich und deutlich die Unvereinbarkeit von kirchlicher Lehre und Nationalsozialismus autoritativ feststellte, begann in der ←15 | 16→evangelischen Kirche eine offene Diskussion, die an Breite und Lebhaftigkeit bald alle anderen Themen in der Kirche überragte.4

Die protestantischen Zeitschriften und die Apologetische Centrale5 griffen das Thema auf. Häufig war das Argument zu hören, die Kirche dürfe dem Nationalsozialismus gegenüber nicht denselben Fehler wie im 19. Jahrhundert gegenüber dem Sozialismus begehen und riskieren, durch Unverständnis und Ablehnung die vom Nationalsozialismus begeisterten Massen zu verlieren. Im Blick auf die preußischen Kirchenwahlen vom 13. November 1932 gründeten evangelische Anhänger des Nationalsozialismus im Februar 1932 die Glaubensbewegung Deutsche Christen, die Anfang Juni erstmals an die Öffentlichkeit trat und ihre Richtlinien vorstellte.

Als Befürworter des Nationalsozialismus traten z.B. Eduard Putz (1907-1990), Friedrich Wieneke (1892-1957), Julius Kuptsch (1882-1862), Wilhelm Stapel (1882-1954) und Hermann Kremers (1860-1934), der Vorsitzende des Evangelischen Bundes im Rheinland, hervor. Die Apologetische Centrale organisierte 1931 einen Kurs «Die Weltanschauung des Nationalsozialismus und das Christentum». Der als Referent eingeladene Stapel präsentierte den Nationalsozialismus als «eine elementare Bewegung»,6 die «aus dem Instinkt» komme und «sich gar nicht auf Diskussionen»7 einlasse. Der Leiter der Apologetischen Centrale, Walter Künneth (1901-1997), bemühte sich um ein differenziertes Urteil. Einerseits antwortete er als evangelischer Christ auf den «Ruf des NS [...] mit einem ‹Ja› », nämlich einem Ja « zu seinem Dienst am Volke», «zu dem Willen zur sozialen Neugestaltung» und zu dem « Willen zum Christentum».8 Andererseits kritisierte er den Rassemythos, die Instrumentalisierung des Christentums sowie den Hass und die Rücksichtslosigkeit, mit der die Bewegung ihre Ziele verfolgte. Ähnlich positionierte sich Helmuth Schreiner (1893-1962). Kritisch äußerten sich z.B. die religiösen Sozialisten Heinz Kappes (1893-1988) und Walther Hunzinger (1905-1972), Hermann Strathmann (1882-1966) als Politiker des christlichsozialen Volksdienstes, aus dem Kreis der dialektischen Theologie Richard Karwehl (1885-1979) und von einer lutherischen Position aus Hermann Sasse (1895-1976). Einen guten Einblick in das damalige Meinungsspektrum geben die ←16 | 17→von Leopold Klotz (1879-1956) herausgegebenen Sammelbände Die Kirche und das dritte Reich (1932).9

Niemals wurde im Protestantismus öffentlich so intensiv über den Nationalsozialismus diskutiert wie vom September 1930 bis Anfang 1933. Nahezu alle Gesichtspunkte der protestantischen Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus finden sich bereits in dieser Zeit:

1. Die protestantische Auseinandersetzung griff zwar auch politische Themen wie die Sozialpolitik, die Wirtschaftspolitik und die allgemein geteilte Ablehnung des Versailler Vertrags sowie des Young Plans auf, aber im Mittelpunkt stand die religiöse und weltanschauliche Dimension des Nationalsozialismus. Für einige Kritiker wie Karwehl, Sasse, Friedrich Niebergall (1866-1932), Gertrud Herrmann (1905-1983) und Hermann Mulert (1879-1950) war der Nationalsozialismus eine Religion, eine säkularisierte Kirche, ein Messianismus. Protestantische Sympathisanten des Nationalsozialismus bestritten das, vertraten aber die Auffassung, es sei sowohl für den Nationalsozialismus als auch die deutsche evangelische Kirche lebensnotwendig, sich miteinander zu verbinden. Kuptsch wagte sogar die Behauptung, dass der Nationalsozialismus «christliche Grundsätze»10 berücksichtige. Die nationalsozialistische Weltanschauung gründe sich «auf die Schöpfungsordnung Gottes, auf die Lehre des Christentums und auf die Ergebnisse der neuesten Rassenforschungen»11 und stimme in ihren praktischen Grundsätzen und ihren Taten mit der christlichen Ethik überein.12 Nicht unwichtig für die Beurteilung der religiösen Dimension des Nationalsozialismus war, ob man der Versicherung, Alfred Rosenbergs Mythus des 20. Jahrhunderts sei eine private Arbeit und nicht eine autoritative Darstellung der nationalsozialistischen Weltanschauung, Glauben schenkte oder ob man sie als eine Irreführung bewertete, welche die Christen beruhigen sollte.

2. Ein zentrales Thema der Debatte war das Volkstum, dessen Bedeutung fast alle akzeptierten. Selbst bei Kritikern des Nationalsozialismus wie Karwehl und Strathmann konnte das einschließen, dass sie rassehygienische Maßnahmen für zulässig hielten. Gegner warfen dem Nationalsozialismus allerdings vor, er vergötze Volk und Rasse und missachte damit, dass sie zum Bereich der Schöpfung gehörten. Entschieden lehnten sie eine auf dem Rassegedanken beruhende Religion und Moral ab, weil sie dem Evangelium widerspreche. Doch der Hinweis, das Volkstum gehöre zur Schöpfung, erwies sich gegenüber den Theologen, die mit ←17 | 18→dem Nationalsozialismus sympathisierten, als wirkungslos. Denn auch diese sahen Volkstum und Rasse ‹nur› als Schöpfungsordnungen, aber das genügte, um sie mit einem normativen Anspruch aufzuladen.

Das eigentliche Interesse der nationalsozialistischen Rassenlehre lag in der Legitimierung des Antisemitismus. Zutreffend stellte Stapel fest, dass «in der nationalsozialistischen Bewegung die ganze Rassenfrage auf den Gegensatz zwischen Deutschen und Juden»13 hinauslaufe. Nicht wenige protestantische Kritiker des Nationalsozialismus prangerten dessen Judenfeindschaft an. Sie wandten sich gegen die Parole «Juda verrecke!», die Entrechtung der Juden sowie die Ablehnung des Alten Testaments und des Paulus und widersprachen der Arisierung Jesu. Aber sie machten dem Antisemitismus auch Zugeständnisse. Exemplarisch sei Ernst Bizer (1904-1975) zitiert: «Daß es so etwas wie eine Judenfrage gibt, weiß jeder, der mit der Judenmission nur einigermaßen vertraut ist; die Aufgabe, den Volkskörper von zersetzenden Einflüssen, die gerade von jüdischen Kreisen ausgehen, zu schützen, anerkenne ich durchaus.»14

3. Ein weiteres zentrales Thema war das in Art. 24 des NSDAP-Parteiprogramms erwähnte positive Christentum. Die Unbestimmtheit des Ausdrucks wurde oft bemängelt, und einige Autoren forderten die NSDAP auf, klarzustellen, wie der Begriff zu verstehen sei. Kritiker interpretierten den Ausdruck von dem vorangehenden Satz aus, durch den das Christentum einem fremden Maßstab, nämlich dem «Sittlichkeits- und Moralgefühl der germanischen Rasse», untergeordnet und damit verfälscht werde. Die Überzeugung, dass Christentum und Nationalsozialismus unvereinbar seien, war vor 1933 noch weit verbreitet. Derartigen Bedenken trat nicht ohne Erfolg der bayerische Landtagsabgeordnete Rudolf Buttmann (1885-1947) mit der Versicherung entgegen, das positive Christentum sei «im Sprachsinn selbstverständlich das Christentum, wie es vorhanden ist».15

4. Die Anhängerschaft des Nationalsozialismus sah in ihm die einzige Rettung vor Marxismus, Bolschewismus, Sozialismus, Kommunismus, Liberalismus, Parlamentarismus, Pazifismus, Internationalismus etc. Als deren Träger sahen sie das Judentum, welches das deutsche Volk zerstören wolle. Dass auch außerhalb dieser Anhängerschaft im Protestantismus die Angst vor dem Bolschewismus und die Ablehnung des Liberalismus weit verbreitet waren, machte anfällig für den Nationalsozialismus. Es war aber auch die Warnung zu hören, die Kirche dürfe sich nicht auf den Nationalsozialismus als «Schutzwall»16 gegen den Bolschewismus verlassen. Der Kritik an Marxismus und Sozialismus widersprachen natürlich die ←18 | 19→religiösen Sozialisten, bis ihre Stimme 1933 zum Schweigen gebracht wurde. Gegen die antiliberale Grundstimmung der Zeit stemmten sich Vertreter des liberalen Protestantismus, indem sie eine differenzierte Beurteilung des Liberalismus forderten.

5. Mit Sorge wurde wahrgenommen, dass der Nationalsozialismus, von Hass getrieben, seine Ziele rücksichtslos verfolgte und mit Gewalt gegen seine Gegner vorging: «Die Bewegung ist ein Ventil für alles, was an starken Instinkten empordrängt und sich sonst nicht betätigen kann: Hass und Idealismus, Rache und Wut, Zorn und Abenteuerlust.»17 Dagegen rechtfertigten Sympathisanten den nationalsozialistischen Terror, z.B. mit dem Argument, er sei nur eine Reaktion auf den sozialistisch-kommunistischen Terror und diene dem «Selbstschutz».18

6. Auch unter den Kritikern des Nationalsozialismus gab es viele, die hinter den Phänomenen, die sie anprangerten, wertvolle Ideale und einen guten Kern entdeckten. Das verleitete zu Zugeständnissen, welche die Durchschlagskraft der Kritik erheblich schwächten und bei einigen 1933 den Weg zum Seitenwechsel ebneten. Diese Zugeständnisse betrafen vor allem die Anerkennung des Volkstums als eine für die Moral, den Staat und die Kirche maßgebliche Größe und den Antisemitismus.

Nach der Machtübergabe am 30. Januar und den Wahlen vom 5. März 1933 setzte sich im deutschen Protestantismus weithin eine Zustimmung zur nationalsozialistischen Politik durch. Die Überzeugung, die ‹nationale Revolution› sei eine Wende gewesen, durch die Gott zum deutschen Volk gesprochen habe, war weit verbreitet. «Die Fürsprecher triumphieren in der Begeisterung über die ‹nationale Wende›, die Kritiker und die Unentschiedenen aber schwiegen angesichts der dramatischen Vorgänge.»19 Gegner wie Paul Tillich (1886-1965), Karl-Ludwig Schmidt (1891-1956), Friedrich Siegmund-Schultze (1885-1969) und Otto Piper (1891-1982) emigrierten bereits 1933 oder schwiegen zur nationalsozialistischen Politik wie Karl Barth (1886-1968). Eine Ausnahme stellte Dietrich Bonhoeffer (1906-1945) dar, der im Februar 1933 den nationalsozialistischen Führergedanken und im Juni die nationalsozialistische Judenpolitik kritisierte. Distanziert verhielten sich einige Vertreter des linksliberalen Protestantismus wie Mulert und Martin Rade (1857-1940), die Zugeständnisse und vorsichtige Kritik kombinierten.

Von wenigen Ausnahmen abgesehen beschränkte sich ab 1933 in Deutschland die Auseinandersetzung protestantischer Kreise mit dem Nationalsozialismus auf den Bereich des Glaubens, der Theologie, der Kirchenpolitik und der kirchlichen Praxis. Bis etwa Ende 1934 stand die Auseinandersetzung zwischen den Deutschen Christen und ihren Gegnern, die sich 1934 zur Bekennenden Kirche zusammenfanden, im Vordergrund. Nach der Neuausrichtung der ←19 | 20→nationalsozialistischen Kirchenpolitik Anfang 1935 richtete sich der Kampf der Bekennenden Kirche zunehmend gegen die staatlichen Maßnahmen, die darauf zielten, die Kirche aus der Öffentlichkeit zu verdrängen und die kirchliche Opposition zu zerschlagen. Außerdem verschärfte sich die Auseinandersetzung mit der völkischen Religion, mit Rosenberg und dem ‹Neuheidentum› der deutsch-gläubigen Gruppen, deren Bedeutung in kirchlichen Kreisen überschätzt wurde. Obwohl die Maßnahmen, die sich gegen die Freiheit der kirchlichen Opposition und der Kirchen überhaupt richteten, von staatlichen Organen ausgingen, vermied es die kirchliche Opposition, die Legitimität des nationalsozialistischen Staates in Frage zu stellen. Eine grundsätzliche Ablehnung des Nationalsozialismus und des von ihm getragenen Staates formulierten dagegen in der Schweiz Karl Barth und im nordamerikanischen Exil Paul Tillich.

So wie 1933 mit einem Mal nahezu alle Nationalsozialisten waren, so gab es nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs (fast) niemanden mehr, der sich öffentlich zum Nationalsozialismus bekannte. Im Protestantismus standen sich zwei Deutungen des Nationalsozialismus gegenüber. Ihnen war gemeinsam, dass sie den Nationalsozialismus als Kulminationspunkt einer geschichtlichen Entwicklung interpretierten. Nach der ersten Deutung kulminierte im Nationalsozialismus der preußische Militarismus. Man konstruierte eine Linie Friedrich der Große – Bismarck – Hitler20. Bekanntester Vertreter dieser Auffassung war Karl Barth, der sie bereits kurz nach Kriegsbeginn vortrug und gegen Ende des Krieges und in der Nachkriegszeit wiederholte. Einige Aussagen Barths legten nahe, die Linie nach vorne bis zu Luther auszuziehen. In dieser Konstellation erschien Luther als geistiger Vater des preußischen Militarismus, dessen Tradition von Hitler und dem Nationalsozialismus fortgesetzt wurde.

Die zweite Deutung, die nach Helmut Thielicke (1908-1986) «die gemeinsame Überzeugung aller geistig und geistlich Verantwortlichen der deutschen Kirche»21 war, wurde neben ihm unter anderem von Künneth, Hans Asmussen (1898-1968) und Simon Schöffel (1880-1959) vertreten. Für diese Deutung kulminierte im Nationalsozialismus der Prozess der Säkularisierung, die Geschichte des Abfalls22 von Gott. Mit der säkularisierungstheoretischen Deutung verband sich vielfach eine dämonologische Interpretation, nach welcher der letzte Grund für den Prozess der Säkularisierung und für den Nationalsozialismus in der widergöttlichen Machtsphäre des Dämonischen lag. Die dämonologische Interpretation wurde allerdings nicht erst 1945 entwickelt, sondern die Kategorie des Dämonischen wurde bereits in den 1930er-Jahren von Künneth, Schreiner, Tillich, Sasse, Günter ←20 | 21→Jacob (1906-1993), Paul Schütz (1891-1985) und beiläufig selbst von Barth, der sie nach dem Krieg kritisierte, auf den Nationalsozialismus angewendet.

 

Die Beiträge in diesem Band können nur einen Bruchteil der Veröffentlichungen, in denen sich protestantisch geprägte Autoren mit dem Nationalsozialismus auseinandersetzten, berücksichtigen. Dennoch decken sie ein breites Spektrum ab: Die ausgewählten Zeitschriften repräsentieren unterschiedliche Strömungen: die Allgemeine Evangelisch-Lutherische Kirchenzeitung (Thomas Martin Schneider) den lutherischen Konfessionalismus, die Christliche Welt (Michael Hüttenhoff) den liberalen Protestantismus, das Deutsche Pfarrerblatt (Othmar Plöckinger) spiegelte die in der Pfarrerschaft vorherrschende nationalkonservative Haltung wider. Die Zeitschrift Deutsches Volkstum war kein kirchliches oder theologisches Organ, sondern eine thematisch breit ausgerichtete Monatsschrift für das deutsche Geistesleben. Aber der promovierte Kunsthistoriker und Mitherausgeber Wilhelm Stapel (Alf Christophersen) äußerte sich aus völkischer Perspektive auch zu kirchlichen und theologischen Fragen und ließ ähnlich gesinnte Autoren in der Zeitschrift zu Wort kommen. Von den deutsch-christlich denkenden Theologen werden Friedrich Wieneke (Peter Noss), Simon Schöffel (Rainer Hering) und Emanuel Hirsch (Michael Hüttenhoff) berücksichtigt. Ein Kritiker des Nationalsozialismus mit konfessionell lutherischem Hintergrund war Hermann Sasse (Christian Neddens), ein Vertreter des religiösen Sozialismus Walther Hunzinger (Rainer Hering). Nicht fehlen durfte ein Artikel zu dem Schweizer Theologen Karl Barth (Marlen Wagner/Michael Hüttenhoff), der bis zu seiner Ausweisung der wichtigste Vertreter der kirchlichen Opposition war und auch nach der Rückkehr in die Schweiz die Ereignisse in Deutschland aufmerksam verfolgte und kommentierte. Ein Theologe, der dem Nationalsozialismus kritisch gegenüberstand, aber sich weder den Deutschen Christen noch der Bekennenden Kirche anschloss, war Paul Schütz (Rainer Hering). Die Aufsätze von Hering über Schöffel und Schütz thematisieren auch, wie diese den Nationalsozialismus nach dem Zweiten Weltkrieg interpretierten. Ein Repräsentant der damals in der protestantischen Theologie und Kirche vorherrschenden säkularisationstheoretischen Interpretation war Walter Künneth (Axel Töllner).

Im Einzelfall kann selbstverständlich über die Auswahl diskutiert werden. Bei den Zeitschriften wäre z.B. eine Berücksichtigung der Reformierten Kirchenzeitung sinnvoll gewesen. Bedauern kann man außerdem, dass sich nicht mehr Beiträge mit Vertretern des religiösen Sozialismus und der kirchlichen Opposition befassen. Dennoch geben die Aufsätze einen breiten Einblick. In der Debatte über den Nationalsozialismus von 1919 bis 1949 ist eine gewisse Redundanz zu beobachten, und es gibt in ihr nur wenige Argumente, die in diesem Band gar nicht angesprochen werden.

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* Universität des Saarlandes

1 «Vaterländische Kundgebung des Königsberger Kirchentages», in: Vaterländische Kundgebung der evangelischen Kirche. Eröffnungspredigt, Hauptvorträge und Kundgebungen des Zweiten Deutschen Evangelischen Kirchentages in Königsberg (Ostpr.) im Juni 1927, Berlin-Steglitz 1927, S. 5-7, hier: S. 5.

2 Vgl. Otto Baumgarten, Kreuz und Hakenkreuz, Gotha 1926, S. 36.

3 Eduard Lamparter, «Evangelische Kirche und Judentum» (1928), in: Robert Raphael Geis/Hans-Joachim Kraus (Hrsg.), Versuche des Verstehens. Dokumente jüdisch-christlicher Begegnung aus den Jahren 1918-1933 (Theologische Bücherei 33), München 1966, S. 256-302.

4 Klaus Scholder, Die Kirchen und das Dritte Reich, Bd. 1: Vorgeschichte und Zeit der Illusionen 1918-1934, geringfügig erg. Aufl. 1986, S. 166.

5 Die Apologetische Zentrale war eine Einrichtung des Centralausschusses für die Innere Mission, die religiöse und weltanschaulichen Bewegungen beobachtete, über sie informierte und sich mit ihnen auseinandersetzte.

6 Wilhelm Stapel, Sechs Kapitel über Christentum und Nationalsozialismus, Hamburg/Berlin 41931, S. 6.

7 Stapel (wie Anm. 6), S. 7.

8 Walter Künneth, in: ders./Walter Wilm/Hans Schemm, Was haben wir als evangelische Christen zum Rufe des Nationalsozialismus zu sagen? , Dresden 1931, S. 5-9, hier: S. 7.

9 Leopold Klotz (Hrsg.), Die Kirchen und das Dritte Reich. Fragen und Forderungen Deutscher Theologen, 2. Bde., Gotha 1932. Zur Analyse der Sammlung vgl. Leonore Siegele-Wenschkewitz, Nationalsozialismus und Kirche. Religionspolitik von Partei und Staat bis 1935 (Tübinger Schriften zur Sozial- und Zeitgeschichte 5), Düsseldorf 1974, S. 27-35; Stephen J. Plant, «How Theologians Decide: German Theologians on the Eve of Nazi Rule», in: ders., Taking Stock of Bonhoeffer. Studies in Biblical Interpretation and Ethics, Fanham, Engl./Burlington, VT, USA 2014, S. 27-43.

10 Julius Kuptsch, Christentum im Nationalsozialismus, München 1932, S. 5.

11 Kuptsch (wie Anm. 10), S. 19.

12 Vgl. Kuptsch (wie Anm. 10), S. 19-35.

Zusammenfassung

Wie werden Ideologie, Etablierung und Herrschaft des Nationalsozialismus in den deutsch- und französischsprachigen Räumen Europas vom Beginn der 1920er bis zum Ende der 1940er Jahre wahrgenommen, bewertet und erklärt? In sechs systematisch angelegten Bänden, der erste erschien 2017, werden diese Fragen anhand einer exemplarischen Auswahl von Büchern, Zeitungen und Zeitschriften ebenso untersucht wie die unterschiedlichen Deutungen des Nationalsozialismus in seiner Epoche und den unmittelbaren Jahren nach seinem Ende. Im Zentrum von Band 5.1. stehen Protestanten und Katholiken aus dem deutschsprachigen Europa. Die Beiträge sind den verschiedenen Interpretationen des Nationalsozialismus in diesem weiten konfessionellen und politischen Spektrum gewidmet, insbesondere auch aus der Perspektive repräsentativer Zeitschriften dieser weltanschaulichen Segmente.
Quelle fut la perception et l’interprétation du national-socialisme comme idéologie et comme pratique du pouvoir dans l’Europe francophone et germanophone entre le début des années 1920 et la fin des années 1940? Telle est la question au centre de la série de six volumes inaugurée en 2017 et qui propose une typologie des regards et des savoirs relatifs au national-socialisme et des interprétations suscitées par celui-ci à travers l’analyse systématique de monographies, de journaux et de revues représentatifs de l’opinion et des milieux intellectuels des pays intéressés. Le présent volume, quatrième de la série, s’intéresse aux positions adoptées par les protestants et les catholiques de l’espace germanophone face au national-socialisme. Il propose des études relatives à des interprétations du national-socialisme ainsi que d’autres centrées sur la vision de ce mouvement politique diffusée par une série de périodiques représentatifs.

Details

Seiten
356
ISBN (PDF)
9782807617209
ISBN (ePUB)
9782807617216
ISBN (MOBI)
9782807617223
ISBN (Buch)
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (Juli)
Erschienen
Bruxelles, Berlin, Bern, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2021. 356 S.

Biographische Angaben

Michel Grunewald (Band-Herausgeber:in) Olivier Dard (Band-Herausgeber:in) Uwe Puschner (Band-Herausgeber:in) Michael Hüttenhoff (Band-Herausgeber:in) Lucia Scherzberg (Band-Herausgeber:in)

Michael Hüttenhoff, Professor für Historische und Systematische Theologie an der Universität des Saarlandes. Lucia Scherzberg, Professorin für Systematische Theologie an der Universität des Saarlandes und Herausgeberin der Open Access Zeitschrift theologie.geschichte.

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Titel: Confrontations au national-socialisme en Europe francophone et germanophone. Auseinandersetzungen mit dem National sozialismus im deutschund französischsprachigen Europa 1919-1949