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Paralleldimensionen des Erinnerns in Lateinamerika

Diktaturerfahrung und literarische Aufarbeitung

von Sarah Burnautzki (Band-Herausgeber:in) Daniela Kuschel (Band-Herausgeber:in)
Sammelband 200 Seiten
Reihe: Hispano-Americana, Band 77

Zusammenfassung

Das schwierige Erbe der Diktaturvergangenheit in Lateinamerika wirft einen langen Schatten bis in die Gegenwart. Mit wachsender historischer Distanz treten die Ähnlichkeiten und Unterschiede des kulturellen Umgangs mit den jeweiligen Ausformungen staatlicher Gewaltherrschaft und Repression in den verschiedenen Ländern deutlicher zum Vorschein. In diesem Sammelband steht die Mehrdimensionalität der Diktaturerfahrungen insbesondere der Folgegenerationen im Zentrum. Durch global-historische Zusammenhänge ist ein gemeinsamer Hintergrund entstanden, vor dem sich die unterschiedlichen nationalen Kontexte abheben, durch welche die kulturellen Aufarbeitungsprozesse und die individuellen und kollektiven Möglichkeiten der sozialen Konstruktionen von Erinnerung bedingt werden. Die verschiedenen Beiträge des Bandes nähern sich dem Thema der multiplen Erinnerungsräume an die Diktaturvergangenheit wie Paralleluniversen an, die sich durch das Einwirken vergleichbarer Ereignisse als untereinander permeabel erweisen und dennoch durch unterschiedliche spezifische Temporalitäten und Räumlichkeiten gekennzeichnet bleiben. In Anbetracht der Pluralität der Erinnerungsräume und der Relativität ihrer jeweiligen Raum- und Zeitbezüge lassen die Beiträge erkennen, wie in postdiktatorialen Zusammenhängen ästhetische Verfahren zwischen den Texten zirkulieren und je nach Kontext mit verschiedenen Funktionen und Bedeutungen aufgeladen werden.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhalt
  • Paralleldimensionen des Erinnerns. Lateinamerikanische Diktaturerfahrung und literarische Aufarbeitung (Sarah Burnautzki & Daniela Kuschel)
  • Die niñxs desaparecidxs in der argentinischen Literatur der Postdiktatur. Von der traumatischen Leerstelle zur Metapher identitärer Brüchigkeit (F. Gesine Brede)
  • Distanzierung und Annäherung in der postdiktatorischen Erinnerung. Cartas visuales von Tiziana Panizza (Bieke Willem)
  • Nebenfiguren im Roman der Eltern. Die Generation der Postdiktatur in Ricardo Larraíns El entusiasmo und Alejandro Zambras Formas de volver a casa (Sascha Seiler)
  • Diasporisches Schreiben und Abwesenheit als Exzess in Sergio Chejfecs Los Planetas (Verónica Abrego)
  • Gedächtnisrhetorik in der Gegenwartsliteratur aus Argentinien und Guatemala. Una muchacha muy bella von Julián López und Mañana nunca lo hablamos von Eduardo Halfon (Lela Weigt)
  • „Yo he comprendido…“ – Erzählen, um zu verstehen. Der Weg zu einer kohärenten Biographie in La casa de los conejos von Laura Alcoba (Daniela Kuschel)
  • Terror und (Kriegs-)Gewalt weiblichen Körpern einschreiben. Claudia Salazar Jiménez’ La sangre de la aurora (Ana Nenadović)
  • ‚Perros muertos‘: Darstellungen von Opfern und Mördern in zwei Erzählungen der Nueva Narrativa Argentina (Javier Ferrer Calle)
  • Verschwundene Eltern und sich zersetzende Kinderkörper bei Félix Bruzzone und Nona Fernández (Sarah Burnautzki)
  • Reihenübersicht

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Sarah Burnautzki & Daniela Kuschel

Paralleldimensionen des Erinnerns.

Lateinamerikanische Diktaturerfahrung und literarische Aufarbeitung

Die bleierne Zeit in Lateinamerika

Im Schatten des Kalten Kriegs ist Lateinamerika Schauplatz extremer ideologischer Kämpfe und politischer Konflikte. Während angesichts anhaltender Armut, sozialer Ungerechtigkeit und Unterentwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg in vielen Ländern Lateinamerikas marxistische und kommunistische Bewegungen erstarken, die von der Hoffnung auf ein Ende der Ausbeutung durch nationale Eliten und die Konzerne imperialistischer Großmächte getragen werden, kommen unter anderem in Brasilien, Peru, Bolivien, aber auch in Chile, Uruguay und Argentinien (oftmals mit Unterstützung der USA) Militärdiktaturen an die Macht, die sich durch äußerste Formen der Gewaltausübung gegenüber der Bevölkerung (insbesondere gegen oppositionelle, links gerichtete Gruppen) auszeichnen. Unter dem Vorwand der Kontrolle der ‚nationalen Sicherheit‘ vor einem subversiven ‚inneren Feind‘, der zum Zweck der Legitimierung der Gewaltherrschaft erst konstruiert wurde, setzen paramilitärische Gruppierungen wie die argentinische Triple A (Alianza Anticomunista Argentina) oder der chilenische Geheimdienst DINA (Dirección de Inteligencia Nacional) exzessive Repressionsmaßnahmen wie Entführung, Folter und insbesondere die Praxis des gewaltsamen Verschwindenlassens – die sogenannte desaparición forzada1 – gegen Tausende politisch missliebige Personen ein. Gleichzeitig vollziehen die Militärregierungen einen Prozess des tiefgreifenden Umbaus von Wirtschaft und Gesellschaft. Gewaltsam setzt sich ein neoliberales Wirtschaftssystem durch, das die gesellschaftlichen Verhältnisse der ←7 | 8→jeweiligen Länder dauerhaft beherrscht und linke politische Projekte unwiderruflich zu Grabe trägt.2

Seit den 1950er Jahren entwickelt sich beispielsweise in Peru als Antwort auf Entrechtung und Unterdrückung der Landbevölkerung eine religiös-philosophische Analyse der gesellschaftlichen Bedingungen, die im täglichen Kampf der Ärmsten für soziale Gerechtigkeit und politische Reformen mitunter auch mit marxistischen Bewegungen sympathisiert.3 Auch die als Sendero Luminoso bekannte kommunistische Partei Perus zielt zunächst auf radikale ökonomische und politische Umstrukturierung der Gesellschaft zu Gunsten der entrechteten indígenas ab. Infolge der Wirtschaftsrezession und marktliberaler Reformen4 kommt es ab den 1980er Jahren zum ‚bewaffneten Konflikt‘ zwischen der Guerilla und dem Militär, der noch bis zum Ende der Präsidentschaft Alberto Fujimoris im Jahr 2000 blutige Geschichte schreibt.

Auch in Guatemala werden in den 1950er Jahren frühe Versuche durch Reformen eine sozial gerechtere Agrarwirtschaft zu implementieren vereitelt. Der durch den US-amerikanischen Auslandsgeheimdienst herbeigeführte Putsch, der 1954 in Guatemala den Diktator Carlos Castillo einsetzt, darf als weiteres Beispiel einer erfolgreichen politischen Intervention des CIA und der Interessenverteidigung US-amerikanischer Lebensmittelkonzerne gelten.5

In Chile kommt 1970 mit Salvador Allende ein demokratisch gewählter sozialistischer Präsident an die Macht und wird drei Jahre darauf durch einen Militärputsch gestürzt. Es beginnt eine 17-jährige Diktatur, die sich insbesondere in ihrer ersten Phase durch massenhafte Gewaltausübung in Form von politischer Verfolgung, Folter und Ermordung auszeichnet, die darauf abzielt, jegliche Form des Widerstands auszuschalten. Im Zuge der Repression werden Privatisierungs- und Deregulierungsmaßnahmen umgesetzt, die die chilenische Gesellschaft gewaltsam und dauerhaft verändern. Dabei konnte die Militärregierung Pinochets auch auf eine breite Unterstützung von Seiten ←8 | 9→bürgerlich konservativer und rechter Machtgruppen und Personen des zivilen und militärischen Lebens zählen.6 Der „paktierte Übergang“7 zur Demokratie in Chile 1990, deren politisch-legalen Rahmen Pinochet selbst ausgestaltet hatte, legt mit seinem umfassenden Amnestiegesetz Weichen der Straflosigkeit für die während der Militärdiktatur verübten Menschenrechtsverletzungen und macht die historische und kulturelle Aufarbeitung der Diktatur in Chile zwischen staatspolitisch induziertem Schweigen und Vergessen besonders schwierig. Erst 2019 unter dem Druck monatelanger Proteste, die Reformen der ungerechten Bildungs-, Gesundheits- und Rentensysteme fordern, und gewaltsamen Ausschreitungen gegen Demonstranten, gibt der rechtsliberale Präsident Sebastián Piñera einer zentralen Forderung der Bevölkerung nach und stellt eine Volksabstimmung in Aussicht, die am 25. Oktober 2020 der Pinochet-Verfassung ein Ende setze. Mit einer deutlichen Mehrheit von 78% stimmten die Chileninnen und Chilenen für eine neue Verfassung. Der Wahl angeschlossen war eine zweite Abstimmung, in der eine sogenannte „Convención Constitucional“ mit 79% der Stimmen befürwortet wurde. „Esta Convención será necesaria para asegurar la paridad de género en la asignación de escaños, utilizando un mecanismo electoral innovador. Haciendo de Chile el primer país en el mundo con una constitución redactada por un número igual de mujeres y hombres.“8

Die sogenannte ‚ultima dictadura‘ (1976–1983) in Argentinien – die letzte in einem fortwährenden Wechselspiel zwischen Diktatur und Demokratie und zugleich die blutigste – beginnt mit dem Putsch einer Militärjunta, die unter Anwendung von massivem Staatsterror einen euphemistisch sogenannten ‚proceso de reorganización nacional‘ einleitet. Rund 30 000 Menschen, ←9 | 10→detenidxs-desaparecidxs9, darunter vor allem politische Gegnerinnen und Gegner, Journalistinnen und Journalisten, Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter, Studentinnen und Studenten, Intellektuelle oder bloße Verdächtigte, fallen der Jagd nach ‚subversiven‘ Elementen zum Opfer, werden zu Tode gefoltert und verscharrt oder aus Flugzeugen lebendig ins offene Meer geworfen und somit endgültig zum Verschwinden gebracht. Selbst noch die Kinder getöteter Oppositioneller werden regimetreuen Adoptiveltern übergeben. Diesen als niñxs desaparecidxs bezeichneten Kindern, die im Sinne einer Genealogie der Verbrechen eine wichtige Rolle in der Erinnerungskultur spielen, widmet sich der Beitrag von Gesine Brede in diesem Band („Die niñxs desaparecidxs in der argentinischen Literatur der Postdiktatur. Von der traumatischen Leerstelle zur Metapher identitärer Brüchigkeit“). Die versiegende narrative Resemiotisierung der Figur scheint die Zirkulation und Zerrissenheit von Diskursen zwischen Privatem und Öffentlichem, Individuellem und Kollektivem sowie zwischen den Erinnerungsräumen und -regionen zum Ausdruck zu bringen.

Der Zusammenbruch der Militärregierung in Argentinien erfolgt 1983 im Anschluss an eine militärische Niederlage und so vollzieht sich die Rückkehr zur Demokratie unter anderen Vorzeichen. Bereits während der Diktatur hatten Menschenrechtsorganisationen und Aktivistengruppen wie die Abuelas de Plaza de Mayo oder die Organisation H.I.J.O.S10 die Aufklärung der Verbrechen der Militärdiktatur gefordert. Die emblematischen Ermittlungen der Wahrheitskommission Comisión Nacional sobre la Desaparición de Personas (CONADEP), die in dem Bericht Nunca más veröffentlicht werden, führen zu vielbeachteten Prozessen gegen die obersten militärischen Funktionäre und Hauptverantwortlichen der Diktatur, die zu lebenslanger Haft verurteilt werden. Dieses Vorgehen erlangt im internationalen Vergleich zwischen ←10 | 11→lateinamerikanischen Diktaturen und der Aufarbeitung der Vergangenheit exemplarische Funktion und die uruguayischen und brasilianischen Berichte über während der Diktatur verübte Menschenrechtsverbrechen sowie der guatemaltekische Wahrheitsbericht Comisión para el Esclarecimiento Histórico (CEH) stehen in der Tradition Argentiniens. Diesbezüglich zeigt Elisabeth Jelin Aspekte auf, die für die Frage nach der möglichen Herausbildung eines lateinamerikanischen Erinnerungsraums im Hinblick auf die jüngsten Diktaturen in Brasilien, Paraguay, Chile, Uruguay und Argentinien, Relevanz haben und den nationenübergreifenden Charakter der politischen und gesellschaftlichen Prozesse – sowohl der Etablierung der Regime und der Gewaltexzesse als auch der Transitionsprozesse – zu erklären vermögen. Sie nennt hier auf der einen Seite grenzüberschreitende Repressionsmaßnahmen und internationalen Terror (z. B. durch die in der Operación Cóndor vereinten Aktionen mehrerer lateinamerikanischer Geheimdienste); auf der anderen Seite die Entstehung länderübergreifender solidarischer Netzwerke, die Menschenrechtsverletzungen anprangern und die die Demokratisierungsprozesse in den 80ern und 90ern transnational miteinander verflochten haben.11 „The processes were not autonomous; the different countries followed a shared and interdependent path, but each process was marked by unique features.“12

Details

Seiten
200
ISBN (PDF)
9783631859582
ISBN (ePUB)
9783631859599
ISBN (MOBI)
9783631859605
ISBN (Hardcover)
9783631841945
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (September)
Schlagworte
Diktaturerfahrung Ästhetische Innovation playful memory Lateinamerika Verfremdungsverfahren Vergangenheitsbewältigung Trauma Literarische Annäherung
Erschienen
Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2021. 200 S., 3 farb. Abb., 3 s/w Abb.

Biographische Angaben

Sarah Burnautzki (Band-Herausgeber:in) Daniela Kuschel (Band-Herausgeber:in)

Sarah Burnautzki ist Juniorprofessorin am Romanischen Seminar der Universität Heidelberg. Daniela Kuschel ist akademische Mitarbeiterin am Romanischen Seminar der Universität Mannheim.

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Titel: Paralleldimensionen des Erinnerns in Lateinamerika