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„Stalinkomplex“!?

Deutsche Kulturkader im Moskauer Exil und in der DDR

von Silke Flegel (Band-Herausgeber:in) Christoph Garstka (Band-Herausgeber:in)
©2021 Konferenzband 328 Seiten

Zusammenfassung

Nicht nur die Bürger der Sowjetunion, sondern auch deutsche Emigranten, die vor Hitler Zuflucht gesucht hatten, darunter viele Künstler, waren dem Stalinismus als Herrschaftssystem und Alltagsphänomen ausgesetzt.
Wie hat diese Erfahrung ihr Handeln und Denken geprägt? Welches »Exilgepäck« brachten diejenigen mit, die 1945 nach Deutschland zurückkehren konnten? Wie stark bestimmten stalinistische Kämpfe und Konfliktmuster den oft positiv beschriebenen kulturellen Neuanfang?
Die Autoren fragen nach Parallelen zwischen dem sowjetischen Hochstalinismus und dem spät- und poststalinistischen Zeitabschnitt im westlichsten Satellitenstaat, zudem nach den Trägern dieser Erfahrungen und ihren je individuellen Verarbeitungen politischer Umbrüche und biografischer Zäsuren.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhalt
  • Vorwort (Silke Flegel / Christoph Garstka)
  • Begrüßung und einführende Überlegungen zum Konferenzthema und zur biographischen Methode (Bernd Faulenbach)
  • Kulturkämpfe des Exils … und ihre Folgen
  • Herwarth Walden. Von der Berliner Bohème ins Moskauer Exil (Reinhard Müller)
  • Chaos statt Kunst. Sowjetische Muster und ihre Reflexe in der deutschen Expressionismusdebatte (Christoph Garstka)
  • Zwischen unterkomplexer Theorie und komplizierter Wirklichkeit: Die ‚Frauenfrage‘ im Werk und Leben von Berta Lask (Carola Tischler)
  • Die Emigranten als „stalinistische Subjekte“?
  • Stalinistische Subjekte als Virtuosen der Disziplin (Klaus-Georg Riegel)
  • Selbsttechniken, Arbeit am Selbst und situierte Praktiken. Eine Diskussion verschiedener Zugänge zum „stalinistischen Subjekt“ (Brigitte Studer)
  • Subjektivität und Ideologie. Wie kann die politische Verführbarkeit von Intellektuellen konzeptualisiert werden? (Ulrich Schmid)
  • Terror und Erinnerung
  • „Ich kam als Gast in euer Land gereist …“. Deutsche Hitlergegner als Opfer des Stalinterrors. Familienschicksale 1933–1956. Vortrag zur Eröffnung der Ausstellung (Bochum, 19. Februar 2020) (Wladislaw Hedeler)
  • Vernichtende Urteile. Die deutschen Schriftsteller im sowjetischen Exil und der „Fall Gles“ (Anne Hartmann)
  • Deutsche Kulturkader an der Wolga. Die Wolgadeutsche Autonomie zwischen Propaganda, Erwartungen und Wirklichkeit (Tatjana Schmalz)
  • Dialog / Konkurrenz der Exile in der DDR
  • „Man bläst nicht in einen Daunenhaufen“. Die kurze Intendanz des Gustav von Wangenheim am Deutschen Theater (Esther Slevogt)
  • Der Arbeiterschriftsteller Adam Scharrer (1889–1948) und seine Entwicklung vom Weimarer Linkskommunisten zum Kulturfunktionär in der SBZ (Rhena Stürmer)
  • „Das unterbrochene Leben wieder zusammenknüpfen …“, oder: Die Loyalitätsfalle. Jüdische Kommunisten in der DDR (Karin Hartewig)
  • Der Seiltänzer. Wolfgang Steinitz: Kommunist – Jude – Wissenschaftler (Annette Leo)
  • DDR-Kultur: Exil – Revolution – Diktatur
  • Parteisoldaten oder Netzwerker? SED-Kulturfunktionäre „nach Moskau“ – Vorüberlegungen zu Anton Ackermann und Hans Rodenberg (Frank Hoffmann)
  • Else Zaisser, die Frau des Ministers für Staatssicherheit (Helmut Müller-Enbergs)
  • Stalinismus als europäische Zeitgeschichte – (k)eine Selbstverständlichkeit (Claudia Weber)
  • Autorinnen und Autoren
  • Reihenübersicht

Silke Flegel / Christoph Garstka

Vorwort

Dem Phänomen des Stalinismus kommt in der Kommunismusgeschichte ein fundamentaler Stellenwert zu – auch im Zusammenhang mit der inzwischen intensiv aufgearbeiteten Geschichte der KPD in der Komintern und ihrer Rolle beim Terror der 1930er-Jahre. Forschungen zum Exil konzentrieren sich bislang auf diesen Zeitraum, vor allem auf die Schicksale derjenigen, die Haft und Ermordung zum Opfer fielen. Forschungen zur DDR wiederum setzen in der Regel erst 1945 oder 1949 ein.

Demgegenüber ging es bei der internationalen Tagung „Stalinkomplex“!? Deutsche Kulturkader im Moskauer Exil und in der DDR, die noch kurz vor dem ersten Corona-Lockdown vom 18. bis zum 20. Februar 2020 an der Ruhr-Universität Bochum stattfinden konnte, um eine doppelte sowjetisch-deutsche Perspektive und die Verbindung zwischen Exil- und DDR-Geschichte, vor allem im Blick auf den „Stalinkomplex“.

Dieser bewusst doppeldeutige Begriff spielt zum einen auf Spezifik und Weiterwirken komplexer Herrschaftsstrukturen und gesellschaftlicher Prägungen an, zum anderen verweist er in den Bereich der Psychologie und damit auf die Kombination aus Traumatisierung und Verdrängung, Erregung und Beschweigen.

Im Mittelpunkt stehen „Kulturkader“ – deutsche Kommunisten aus dem Kulturbereich, die in der Sowjetunion vor Hitler Zuflucht suchten und in der Nachkriegszeit die Kultur(-politik) der SBZ/DDR maßgeblich prägten. Aber wie wirkte sich der Stalinismus auf die „Happy Few“ aus, die äußerlich unbeschadet davonkamen? Welche Erfahrungen brachten die Intellektuellen aus der Sowjetunion mit und in den Kulturbetrieb der DDR ein? Wie äußerte sich dabei die Konkurrenz der Exile?

Von einem ausgewiesenen Kreis von Expert/innen aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Fachdisziplinen wurden diese Fragen während der vom Institut für Deutschlandforschung und dem Seminar für Slavistik / Lotman-Institut für russische Kultur der Ruhr-Universität in Bochum organisierten Veranstaltung diskutiert und in eine breitere Öffentlichkeit gebracht. Für die Erforschung von Exil und DDR, aber auch eine vergleichende ←9 | 10→europäische Kommunismusgeschichte waren auf diese Weise neue Impulse zu erwarten: Gefragt wurde nach Parallelen zwischen dem sowjetischen Hochstalinismus und dem spät- und poststalinistischen Zeitabschnitt im westlichsten Satellitenstaat, zudem nach den Trägern dieser Erfahrungen und ihren je individuellen Verarbeitungen politischer Umbrüche und biografischer Zäsuren.

Die Ergebnisse der internationalen Tagung liegen hier nun vor und die Herausgeber danken sehr herzlich allen Vortragenden, die die Bochumer Konferenz getragen und damit das Projektteam in seinen Forschungen bestärkt und in seinem weiteren Vorhaben unterstützt haben, sowie allen Beiträger/innen, die innerhalb kürzester Zeit ihre Texte für die Veröffentlichung zur Verfügung gestellt haben. Allein der großen Kooperationsbereitschaft und freundschaftlichen Kollegialität aller an diesem Band Beteiligten ist es zu verdanken, dass die Ergebnisse der Konferenz die zukünftigen Forschungen des Bochumer Projektteams schon zu einem so frühen Zeitpunkt stützen und die Überprüfung seiner Thesen sichern helfen. Dafür sprechen die Herausgeber ihren großen Dank aus.

Ein solch breit angelegter wissenschaftlicher Austausch, der auch die international führenden Expert/innen der historischen Exil- und SBZ/DDR-Forschung mit in die Diskussion einbezieht, kann ohne die entsprechende Ausgestaltung eines guten Gesprächsumfelds nicht stattfinden. Dementsprechend sagen wir unseren besonderen Dank der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur (Berlin), die die Tagung maßgeblich gefördert und damit allererst möglich gemacht hat, und bedanken uns ebenso herzlich bei der Fritz Thyssen Stiftung für Wissenschaftsförderung (Köln), die das der Tagung zugrunde liegende Forschungsprojekt nun schon im zweiten Jahr großzügig fördert. Ohne diese Förderung der Projektforschung Nach Moskau. Deutsche Emigranten im sowjetischen Exil und im Kulturbetrieb der DDR wäre die Idee zu einer so großen bedeutenden Konferenz inmitten der Projektlaufzeit niemals entstanden oder ihre Realisierung gar für möglich gehalten worden.

Den hier nun vorliegenden Sammelband verstehen die Herausgeber auch als ein Versprechen für die Zukunft des Forschungsprojekts und seiner Ergebnisse.

Bernd Faulenbach

Begrüßung und einführende Überlegungen zum Konferenzthema und zur biographischen Methode

Abstract: The protagonists at the centre of the scientific conference documented here are communist cultural cadres who fled Nazi Germany after 1933 to the Soviet Union and thus to the next dictatorship. After the Second World War, they returned to a Germany in whose eastern part a new dictatorship was established, whose system structure they had learned from the Soviet Union. The conditions for the work of cultural workers were special in the Soviet Union, in the Soviet Occupied Zone and in the GDR; “Stalin” was, as it were, the cipher for these conditions. To take a closer look at these communist cultural functionaries, cultural cadres and cultural workers, biographical research is an option that has prevailed over structural-functionalist approaches in recent years insofar as it has been recognised that objective structures and processes do not make the analysis of subjects, of individual and collective subjectivity dispensable. On the contrary: without them, events and processes cannot be explained. Biographical research approaches allow the observation of unclear political-social-cultural relations, biographies can have an explorative character for complex interrelations. Personal continuity enables individuals to deal with and process upheavals and caesurae and therefore requires differentiated reconstruction. The contributors to the conference each attempted to shed light on the perception of reality and its interpretation through art, literature and science, including the behaviour of the party towards them.

Keywords: Communist cultural cadres (USSR and GDR), Communist intellectuals in the time of Stalinism, Biographical research, Return from exile to Germany after World War II, Collective biographical research

Liebe Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Konferenz, für die beiden Veranstalter, das Institut für Deutschlandforschung und das Seminar für Slavistik / Lotman-Institut für russische Literatur, möchte ich Sie an der Ruhr-Universität Bochum (RUB) herzlich willkommen heißen. Hier, „tief im Westen“ – wie Herbert Grönemeyer einst sang – beschäftigt man sich nicht nur mit dem Westen, sondern mit ganz Europa, d. h. auch mit ←11 | 12→Mittel- und Osteuropa, was auch die Geschichte des Kommunismus und der DDR einschließt. In diesen Kontext gehören unser Projekt Nach Moskau und die Konferenz über den „Stalinkomplex“.

Wir sind sehr froh, dass wir für diese Konferenz Fachleute haben gewinnen können, die sich mit Themen, Fragen und Methoden beschäftigt haben, die im Rahmen unseres Projektes interessant sind. Einige haben zu diesem Themenfeld auch familiäre Bezüge, andere betrachten es ausschließlich aus wissenschaftlicher Distanz; die Mischung von Distanz und Nähe ist bei diesem Themenfeld, bei dem Empathie ebenso nötig ist wie genaue Analyse und differenzierte Auswertung, vermutlich von Vorteil.

Ich freue mich, eine Reihe von Kolleginnen und Kollegen, denen ich seit den 1990er-Jahren begegnet bin, wiederzusehen. Ich danke allen Referentinnen und Referenten, dass sie nach Bochum an die Ruhr-Universität gekommen sind.

Lassen Sie mich einige Bemerkungen zum Gesamtthema sowie zur biographischen Methode in der Zeitgeschichte machen.

I.

Die kommunistischen „Kulturkader“, um die es hier geht, flohen nach 1933 angesichts der Gefährdungen durch eine totalitäre Diktatur in eine andere, deren Prämissen und Ziele sie zwar teilten, die für sie jedoch in besonderer Weise zum Schicksal wurde, die ihre weitere Lebensgeschichte prägte. Diese Leute kehrten nach dem Zweiten Weltkrieg in ein Land zurück, in dem eine neue Diktatur errichtet wurde unter wesentlicher Beteiligung des Regimes, das sie während ihrer Exilzeit erlebt und erlitten hatten und dessen Ordnung nun in Ostdeutschland als Modell galt und von dem der neue Staat, die DDR, dauerhaft abhängig blieb.1 In der wissenschaftlichen Diskussion wird von einem von außen gestützten oder auch von einem „penetrierten“ System gesprochen. Dieses neue System definierte sich nicht zuletzt durch sein besonderes Verhältnis zur Sowjetunion, das die ←12 | 13→politischen Ziele wie die Herrschaftspraxis der DDR zunächst weitgehend und dann in erheblichem Maße bestimmte. Die Rahmenbedingungen der Arbeit der Kulturschaffenden waren in der SU, in der SBZ und in der DDR besondere; „Stalin“ war gleichsam die Chiffre für diese Verhältnisse, die sich erst nach 1956 auflockerten.

Zwar teilte die Gruppe das Schicksal der Tausenden, die vor der Verfolgung durch den Nationalsozialismus flohen, zugleich gehörte sie jedoch auch zur kommunistischen Weltbewegung, zur Komintern. Dies bedeutet, dass sie forschungspraktisch in verschiedene Kontexte gehören, in die Geschichte des Exils wie in die Geschichte des Kommunismus und des Stalinismus, in die deutsche, russische und internationale Geschichte. Insbesondere gehört das besondere deutsch-russische Verhältnis – in politischer und kultureller Hinsicht – zu den unmittelbaren Bedingungen ihres politischen und kulturellen Wollens. Sie erlebten in der SU nicht nur die Säuberungen und den Großen Terror, sondern auch die Stalin’sche Nationalitätenpolitik, den Hitler-Stalin-Pakt und den Krieg NS-Deutschlands gegenüber der SU, doch auch die Eroberung Europas bis zur Elbe durch die Sowjetunion, jeweils nicht abstrakt, sondern als Bedingungsrahmen eigener Existenz. Am Ende hatten sie den Krieg als Antifaschisten – zusammen mit der Sowjetunion – scheinbar mitgewonnen.

Wichtig ist für uns, wie die Gruppe diese Geschichte erlebt, wie sie diese wahrgenommen hat und wie sie mit ihr umgegangen ist, d. h. mit welchem ‚Gepäck‘ sie nach Deutschland zurückkam und inwieweit die Rückkehr für diese Menschen eine wirkliche Zäsur war. So ist gerade die subjektive Dimension dieser Menschen – trotz ihrer mehr oder weniger parteiischen kollektivistischen Sicht – von herausragender Bedeutung. Sie waren Kulturfunktionäre, Kulturkader, Kulturschaffende in verschiedenen Feldern. Es gab also – ungeachtet der kulturpolitischen Determinationen – Möglichkeiten für Subjektivität, die politisch relevant werden und fatale Folgen haben konnten und die es deshalb zu erfassen und einzuordnen gilt.

Offen ist auch die Antwort auf die Frage, ob diese Kulturkader, die in der Stalin-Ära in der SU und in der SBZ/DDR lebten, sich als Gruppe empfanden und inwieweit es Teilgruppen gab und wodurch diese gegebenenfalls konstituiert waren. Wer waren ihre Gegner in Partei und Staat? Anzunehmen ist, dass trotz der Gruppenzugehörigkeit und mancher gemeinsamer Erfahrung und Überzeugung eben doch bei diesen Kulturfunktionären und ←13 | 14→Kulturschaffenden sich Individualitäten und individuellen Lebensgeschichten herausgebildet haben, die biographische Forschungen nötig machen, die freilich methodologischer Reflexivität bedürfen. Auf der Basis dieser Forschungen ist dann wieder eine Typenbildung denkbar.

II.

Angesichts der Mehrdimensionalität der Gruppe und der verschiedenen politisch-gesellschaftlichen Umfelder erscheint es sinnvoll, Biographien zu rekonstruieren. Die Zeit ist schon lange vorbei, dass in der Geschichtswissenschaft in Deutschland biographische Ansätze als nicht mehr zeitgemäß und deshalb obsolet betrachtet wurden. Gegen strukturfunktionalistische Ansätze setzte sich die Einsicht durch, dass objektive Strukturen und Prozesse die Analyse von Subjekten, von individueller und kollektiver Subjektivität nicht entbehrlich machen, im Gegenteil: Ohne sie sind Ereignisse und Prozesse nicht erklärbar.

Biographische Forschungsansätze erlauben die Betrachtung recht unklarer politisch-gesellschaftlich-kultureller Verhältnisse; Biographien können für komplexe Wechselbeziehungen geradezu einen explorativen Charakter haben. Personelle Kontinuität ermöglicht die Bearbeitung und Verarbeitung von Umbrüchen und Zäsuren durch Individuen und bedarf deshalb differenzierter Rekonstruktion. Zu beleuchten ist die Wahrnehmung von Realität und ihre Deutung durch Kunst, Literatur und Wissenschaft, auch des Verhaltens der Partei(en) ihnen gegenüber.

Neben den kommunikativen politischen Verhältnissen, die alles andere als herrschaftsfrei waren und sicherlich vielfältige Asymmetrien aufwiesen, sind die biographischen Entwicklungen von Interesse. Sicherlich ist jeweils nach bestimmten Stationen zu fragen, die bei dieser Gruppe bunter sein dürften als bei vielen einförmig wirkenden kommunistischen Biographien. Zu untersuchen sind die Herkunftsmilieus, der Eintritt in die kommunistische Bewegung, die politische und die auf den Kulturbereich bezogene Karriere, der Weg ins Exil, Leben und Erfahrungen in der Sowjetunion, die Remigration nach Deutschland, die Tätigkeiten in der SBZ und in der DDR. Sicherlich geht es bei den Kulturkadern in besonderer Weise um ihre Rolle in Politik, Kultur und Kulturpolitik, um Partizipation und Reglementierung von oben u. a. Welche Rolle spielten für sie ←14 | 15→die Normierungsansprüche der Parteileitungen und von ihr ausgehende Disziplinierungsmaßnahmen auf der einen Seite und eigene Gestaltungsabsichten auf der anderen Seite? Zu fragen ist deshalb auch nach dem Individuellen, nach der besonderen Lebensgeschichte, gewiss nicht im Sinne des klassischen Entwicklungsromans, doch als individuelle Zusammenhänge, als Lernprozesse mit Anpassungsleitungen und Gestaltungsansprüchen. Wichtig sind dabei die Fremdzuschreibung der Aufgaben und das eigene Selbstverständnis. Ein besonderes Augenmerk wird der Historiker gleichermaßen auf Brüche und auf Kontinuitäten im Selbstverständnis legen.

Kollektivbiographische Ansätze sind angesichts der Heterogenität der Gruppe nur bedingt anwendbar. Dennoch wird man bestimmte Merkmale besonders beachten und vergleichend betrachten, auch das Verhältnis zur Gesamtgruppe des Exils in der Sowjetunion und später die Rolle in der SED und für die SED zu betrachten haben. Es stellt sich die Frage, inwieweit die Gruppe ein verbindendes Bewusstsein hatte und von außen in der DDR als Gruppe wahrgenommen wurde, ein spezifisches Image besaß oder gar zeitweilig von einer gewissen Aura umgeben war. Doch was wusste man wirklich von ihr?

Jedenfalls geht es um den Typus des ‚kommunistischen Intellektuellen‘ in der Zeit des Stalinismus, in der Sowjetunion wie in der DDR. Man wird nicht sagen können, dass diese Intellektuellen im politischen System unwichtig waren. Die Dichter waren in der Sowjetunion zeitweilig als „Ingenieure der Seele“ bezeichnet worden und manche von ihnen hatten es zu hohem Ansehen gebracht.2 Inwieweit färbten bestimmte sowjetische Muster auf die deutsche Gruppe und die Gesellschaft der DDR ab?

‚Intellektuelle‘ hatten im Westen gewiss eine andere Rolle.3 Doch kam es sicherlich im Kalten Krieg zu Konfrontationen zwischen einem Teil der westlichen Intellektuellen und den kommunistischen Intellektuellen. Erwähnt sei nur der „Kongress für kulturelle Freiheit“, in dem sich ←15 | 16→westliche Intellektuelle gegen den Sowjetkommunismus engagierten, unter ihnen waren auch frühere Emigranten aus Deutschland.4 Eine vergleichende Betrachtung ist möglich.

Details

Seiten
328
Jahr
2021
ISBN (PDF)
9783631858486
ISBN (ePUB)
9783631858493
ISBN (Hardcover)
9783631849972
DOI
10.3726/b19018
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (September)
Schlagworte
Ideologie Biografieforschung Kulturkämpfe Emigration Terror Erinnerung DDR-Kultur Exilforschung Stalinismus
Erschienen
Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2021. 328 S.

Biographische Angaben

Silke Flegel (Band-Herausgeber:in) Christoph Garstka (Band-Herausgeber:in)

Silke Flegel ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt »Nach Moskau. Deutsche Emigranten im sowjetischen Exil und im Kulturbetrieb der DDR« und weiteren Drittmittelprojekten des Instituts für Deutschlandforschung der Ruhr-Universität Bochum. Christoph Garstka ist Professor am Seminar für Slavistik / Lotman-Institut für russische Kultur, zurzeit dort Geschäftsführender Direktor und Leiter des Projekts »Nach Moskau. Deutsche Emigranten im sowjetischen Exil und im Kulturbetrieb der DDR«.

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