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Die Wahrheit erkennen und Zweifel überwinden

Was wir von den 40 Jahren der Reform- und Öffnungspolitik Chinas lernen können

von Fang Cai (Autor:in)
©2022 Monographie X, 326 Seiten

Zusammenfassung

Dieses Buch erläutert, warum Chinas Reform- und Öffnungspolitik erfolgreich das schnelle Wirtschaftswachstum fördern konnte. Anhand einer sachlichen Darstellung sowie der analytischen wirtschaftswissenschaftlichen Logik wird die erfolgreiche Entwicklung Chinas in den vergangenen vierzig Jahren zusammengefasst, die in dessen Geschichte zu beispiellosen Verbesserungen hinsichtlich des Lebens der Bevölkerung und der grundlegenden öffentlichen Dienstleistungen geführt hat. Die wirtschaftlichen Entwicklungsstadien Chinas werden bewertet und neue Herausforderungen sowie Aufgaben aufgezeigt. Zudem werden Gedanken hervorgebracht, wie eine Abwendung von der Abhängigkeit bezüglich der demografischen Dividende und gleichzeitige Hinwendung zur Reformdividende erzielt werden kann. Es wird nach Wegen gesucht, ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum aufrechtzuerhalten, die mittlere Einkommensphase zu überwinden und den Übergang zur hohen Einkommensphase zu erreichen. Dieses Buch bedient sich der normativen Analysemethoden der Wirtschaftswissenschaften, um anhand der Logik der Reform- und Öffnungspolitik und mithilfe von einem einfachen Sprachstil über das chinesische Wirtschaftswunder zu erzählen. Unter der Hinzunahme von Chinas Erfahrungen, der chinesischen Weisheit sowie dem chinesischen Konzept wird bestrebt die Wirtschaftsentwicklungstheorie zu bereichern.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • 1 Die Wahrheit erkennen und Zweifel überwinden
  • 1.1 Verdoppelung des Pro-Kopf-Einkommens
  • 1.2 Beispiele der weltweiten Armutsbekämpfung
  • 1.3 „Drei ländliche Probleme“ chinesischer Prägung
  • 1.4 Soziale Absicherung beginnt von Neuem
  • 1.5 Ununterbrochene Steigerung der Entwicklung
  • 2 Entwicklung ist das absolute Prinzip
  • 2.1 Die Landschaft ist hier am besten
  • 2.2 Der China-Kollaps
  • 2.3 Die Quelle des schnellen Wachstums
  • 2.4 Orientierung am neuen Entwicklungskonzept
  • 2.5 Transformation der Wirtschaftsentwicklung
  • 3 Reform stellt die grundlegende treibende Kraft dar
  • 3.1 Die Logik der chinesischen Reform
  • 3.2 Anreizmechanismen und Governance-Modell
  • 3.3 Marktwettbewerbsumfeld
  • 3.4 Regierung der Entwicklung
  • 4 Globalisierung und chinesische Faktoren
  • 4.1 Sinn der Globalisierung
  • 4.2 Aufholung und Konvergenz
  • 4.3 Durchbruch des Versorgungsengpasses
  • 4.4 Selbstloser Einsatz für andere?
  • 4.5 Effekte der Landesgröße
  • 4.6 „Schar an Wildgänsen“ oder „Gigantischer Drache“
  • 5 Entwicklungsphasen und Wendepunkte
  • 5.1 Wirtschaftliche Entwicklungsphase
  • 5.2 Wendepunkt der chinesischen Wirtschaft
  • 5.3 Verständnis der makroökonomischen Situation
  • 5.4 Wie kann die Einkommensfalle vermieden werden?
  • 5.5 Wie soll mit Wachstumsverlangsamung umgegangen werden?
  • 6 Motor nachhaltigen Wachstums
  • 6.1 Angebotsfaktoren im Fokus
  • 6.2 Arbeitsproduktivität
  • 6.3 Kapitalvertiefung
  • 6.4 Totale Faktorproduktivität
  • 7 Jenseits der demografischen Dividende
  • 7.1 Künftige beschäftigungspolitische Herausforderungen
  • 7.2 Ist die Bildung übersteigert?
  • 7.3 Antwort auf „Altern, bevor man Reichtum erlangt“
  • 8 Erzielung einer ausgewogenen Entwicklung
  • 8.1 Erhöhung der Erwerbsbeteiligung
  • 8.2 Das Wesen der Urbanisierung
  • 8.3 Eigenständige Landwirtschaft
  • 9 Neudefinition der Regierungsfunktion
  • 9.1 Das Regierungsparadoxon durchbrechen
  • 9.2 Abbau von Konfigurationsbarrieren
  • 9.3 Keine Angst vor Mangel, sondern vor ungleicher Verteilung
  • 9.4 Soziale Sicherung ist kein negativer Anreiz
  • 10 Begrüßung des großen Wiederauflebens
  • 10.1 Das Needham-Rätsel
  • 10.2 Ziele „Zweimal hundert Jahre“
  • 10.3 Ziel des umfassenden bescheidenen Wohlstands
  • 10.4 Die Bedeutung der Modernisierung
  • 10.5 Steigungen erklimmen und wichtige Hürden nehmen
  • Index

1

Die Wahrheit erkennen und Zweifel überwinden

Konfuzius sagt: „Wenn ein König käme, so wäre nach einem Menschenalter die Sittlichkeit erreicht.“ Die maßgebende Interpretation dieses Satzes stammt vom Nachkommen der elften Generation des Konfuzius, Kong Anguo aus der Zeit der Westlichen Han-Dynastie, welche lautet: „Innerhalb einer Ära von 30 Jahren zeigt sich, ob ein Herrscher in der Lage ist, eine wohlwollende Regierung einzurichten.“, entnommen aus dem „Lunyu – Kapitel Zi Lu“. Das heißt, dass 30 Jahre als eine Ära betrachtet werden, ein Land zu regieren oder eine wohlwollende Politik durchzusetzen, sowie die Schwierigkeiten des Volkes zu beseitigen. 30 Jahre sind ein Zeitraum, in dem die Wirkung zum Vorschein kommt. Mit Eröffnung der 3. Plenarsitzung des 11. Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Chinas im Jahr 1978 beginnt die Reform und Öffnung Chinas gegenüber dem Westen. Bis 2008 sind 30 Jahre und bis 2018 sind 40 Jahre vergangen. In dieser Zeit erlebte China enorme Veränderungen, die es in seiner über tausendjährigen Geschichte zuvor noch nicht erlebt hatte, was zudem in der Weltwirtschaftsgeschichte eine Seltenheit war. Zwischen 2008 und 2018, insbesondere seit dem 18. Parteitag, tritt diese Art von Veränderung deutlich hervor. Die herausragendsten Errungenschaften der Reform und Öffnung sind im Allgemeinen die Verbesserung des Lebensstandards des Volkes. Das heißt, im Zuge des schnellen Wirtschaftswachstums und der allgemeinen Steigerung ←1 | 2→des Einkommens der Bevölkerung hat die Regierung auch einen groß angelegten ländlichen Armutsbekämpfungsplan umgesetzt, der auf die Lösung der „Drei ländlichen Probleme“, Landwirtschaft, ländlicher Raum und Bauern, abzielte, und förderte gleichzeitig die Ausweitung der städtischen und ländlichen Beschäftigung, regulierte verstärkt den Arbeitsmarkt, errichtete und verbesserte soziale Absicherungsmechanismen, um den schwachen Gruppen auf dem Arbeitsmarkt ein grundlegendes Sicherheitsnetz zu bieten. Diese unbestreitbaren Fakten verdeutlichen, dass in den 40 Jahren die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung Chinas miteinbezogen wurde. Die Entwicklung des Lebensstandards der städtischen und ländlichen Bevölkerung war hingegen unterschiedlich. Der Grad der Verbesserung der sozialen Absicherung unterschied sich auch. Dies zeigte sich unter anderem in der wachsenden Einkommensschere zwischen den Bewohnern und der Ungleichheit beim Zugang zu grundlegenden öffentlichen Dienstleistungen, was eine unvermeidbare politische Herausforderung darstellte.

1.1 Verdoppelung des Pro-Kopf-Einkommens

Während des Zeitraums von 1978 bis 2011 behielt Chinas Wirtschaftswachstumsrate jedes Jahr ein Wachstum von fast 9,9% bei. Nicht nur das Gesamtwirtschaftsvolumen, sondern auch die Zunahme des Pro-Kopf-Einkommens hat Wunder bewirkt. In diesem Zeitraum betrug die durchschnittliche Wachstumsrate des Bruttoinlandsprodukts (BIP) nach Abzug des Inflationsfaktors 8,8%. Laut einer Faustregel der Statistik kann die durchschnittliche Wachstumsrate von 7% innerhalb von 10 Jahren verdoppelt werden, während die Verdoppelung der durchschnittlichen jährlichen Wachstumsrate von 10% innerhalb von 7 Jahren verwirklicht werden kann. Daraus lässt sich ableiten, dass die oben erwähnte Wachstumsgeschwindigkeit des BIP pro Kopf in 30 oder 40 Jahren weiter anhält und neue Resultate hervorbringen wird.

Im Folgenden wird die Zeit verglichen, die verschiedene Länder benötigt haben, um ihr Pro-Kopf-Einkommen in ähnlichen Entwicklungsphasen zu verdoppeln. England hat zwischen 1780–1838 58 Jahre, Amerika zwischen 1839–1886 47 Jahre, Japan zwischen 1885–1919 34 Jahre und Südkorea zwischen 1966–1977 11 Jahre aufgewendet. China wendete von 1978 bis 1987 nur 9 Jahre und in den Jahren 1987–1995 und 1995–2004 jeweils 8 und 9 Jahre auf, um erneut eine Verdoppelung zu erreichen. Im Jahr 2011 wurde erneut eine Verdoppelung erzielt. Diesmal hingegen wurden nur 7 Jahre aufgewendet. In ←2 | 3→der Zeit von 2011 bis 2016 betrug das tatsächliche Wachstum des BIP pro Kopf 6,9% und eine Verdoppelung war erneut anzutreffen.

Wirtschaftshistoriker haben herausgefunden, dass in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts die Welt im Wesentlichen durch die industrielle Revolution eine „große Divergenz“ des Entwicklungsstandards zwischen den Ländern erfahren hat. Daraufhin hat sich ein Teilungsmuster zwischen den reichen und armen Ländern gebildet, was bis heute unverändert geblieben ist. Aus diesem Grund engagieren sich die Ökonomen in der Forschung mit unermüdlichem Enthusiasmus und anhaltender Motivation, um zu untersuchen, wie rückständige Länder beim Pro-Kopf-Einkommen mit den Industrieländern mithalten können. Der entscheidende Punkt liegt darin, ob die rückständigen Länder ein schnelleres Wirtschaftswachstum erzielen und dieses länger aufrechterhalten können. Wenn ein Land mit niedrigem Einkommen langfristig eine hohe Wirtschaftswachstumsrate aufrechterhalten kann, wird es zweifellos zu einem Aufholwunder führen.

Chinas BIP erreichte 1990 weltweit nur den 10. Platz. Bis 1995 überholte China Kanada, Spanien und Brasilien und belegte den 7. Platz. Im Jahr 2000 übertraf China Italien und stieg auf Platz 6 auf. Im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts überholte China wiederum Frankreich, England und Deutschland. Bis 2009 übertraf es Japan, um hinter Amerika die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt zu sein. Im Jahr 2011 betrug das Gesamt-BIP 11,2 Billionen US-Dollar, was 60,3% von Amerika und 14,8% der Welt entspricht. In den vergangenen 40 Jahren hat China die Kluft zwischen dem Entwicklungsniveau und der Lebensqualität der Volkswirtschaften deutlich verringert. Diese Erfahrung hat voll und ganz bewiesen, dass vergleichsweise rückständige Länder, solange sie die richtige Richtung der Reform und Öffnung einschlagen, einen umfassenden Aufholprozess erzielen können. Nachdem ein Gesamt-BIP erwirtschaftet wurde, kommt die Frage auf, wie man es zwischen den verschiedenen Produktionsfaktoren oder Wirtschaftsparteien verteilt. Beispielsweise bestimmt die Verteilung zwischen den Kapitaleigentümern und Eigentümern der Arbeitsfaktoren oder die Verteilung unter den Arbeitern, den Betreibern oder Ländern das Ausmaß der Aufteilung des Wirtschaftswachstums. Mit anderen Worten kommt es darauf an, ob ein Wunder des Wirtschaftswachstums der Bevölkerung wirklich zugutekommt. Neben der Wachstumsrate des BIP pro Kopf hängt es von der Wachstumsgeschwindigkeit des Einkommens der Stadt- und Landbewohner ab. Laut den Datenanalysen des Nationalen Statistikamtes für städtische und ländliche Haushalte wird ersichtlich, dass das tatsächliche Einkommen der städtischen und ländlichen Einwohner in den 37 Jahren von 1978 bis 2015 ←3 | 4→mit einer erstaunlichen Geschwindigkeit zugenommen hat. Nach Abzug des Preisfaktors betrug die jährliche Wachstumsrate des Haushaltseinkommens der ländlichen und städtischen Bewohner jeweils 8,2% und 7,3%. Gleichzeitig sank der Anteil der ländlichen Bevölkerung von 82% auf 44%, was eine deutliche Verbesserung des Gesamteinkommens bedeutete. Was die Tendenz anbetrifft, so ist das Pro-Kopf-Einkommen der ländlichen Bevölkerung in den 80er-Jahren des 20. Jahrhunderts schneller gestiegen als das verfügbare Pro-Kopf-Einkommen der städtischen Bevölkerung. Seit den 90er-Jahren ist die Zuwachsrate des Einkommens im Vergleich zu der der Stadtbewohner zurückgegangen. Nach 2004 hat das Einkommen der Landbewohner eine höhere Geschwindigkeit erreicht und zeigt erneut den Trend, dass das Einkommen allmählich schneller wächst als das der Stadtbewohner.

Bei der Analyse der Einkommensdaten der Stadt- und Landbewohner kann eine häufig übersehene Tatsache erkannt werden, nämlich die Einkommensunterschiede zwischen Stadt und Land, wofür die Forscher heftig kritisiert worden sind, welche jedoch nicht so gravierend waren, wie allgemein angenommen. Bei der üblichen Berechnungsmethode wurde das Verhältnis zwischen den beiden in Bezug auf das nominale städtische und ländliche Einkommen pro Jahr mit 1 berechnet. Gemäß dieser Methode betrug das nominale Einkommen der Stadtbewohner 24.565 Yuan im Jahr 2015. Das nominale Einkommen der Landbewohner betrug 7.917 Yuan. Das Verhältnis des Stadt- und Landeinkommens belief sich auf 3,1, was zweifellos höher als die 2,57 im Jahr 1987 war und viel höher als das Kleinste in der Geschichte des städtischen und ländlichen Einkommens mit (1,82) war. Aufgrund der uneinheitlichen Lebenshaltungskosten von ländlichen und städtischen Gebieten waren die Preisänderungen jedoch unterschiedlich, sodass der Preisfaktor unberücksichtigt blieb. Es war daher unwissenschaftlich, die Einkommensquote anhand des nominalen Einkommens der städtischen und ländlichen Gebiete zu berechnen.

Gemäß den Anpassungen des städtischen und ländlichen Verbraucherpreisindexes wurde das vergleichbare Einkommen von Stadt- und Landbewohnern für das Kalenderjahr sowie über die Stadt-Land-Einkommensquote berechnet. Bei der Betrachtung der Gruppe Stadt-Land-Einkommensdaten kann erstens festgestellt werden, dass im Jahr 2012 die Stadt-Land-Einkommensquote 2,18 betrug, was unter dem Niveau von 1978 lag. Zweitens lag der Einkommensunterschied mit 1,52 höher als im Jahr 1988, was darauf hindeutet, dass die Einkommensdifferenzen zwischen Stadt und Land einen U-förmigen Veränderungsprozess durchlaufen haben. Nach der Reform und Öffnung ist der Unterschied deutlich zurückgegangen und hat daraufhin ←4 | 5→erneut zugenommen. Drittens lagen die Einkommensdifferenzen zwischen Stadt und Land im Jahr 2012 unter dem Dreijahresniveau von 2004–2011, was einen Rückgang der Tendenz verdeutlicht. Letztendlich hat das Nationale Statistikamt seit 2012 eine Untersuchung zur städtischen und ländlichen Integration in Auftrag gegeben, die das verfügbare Einkommen der ländlichen Haushalte in das verfügbare Einkommen und das vereinheitlichte verfügbare Einkommen einteilt. Den jüngsten Daten zufolge hat sich die Einkommensdifferenz zwischen Stadt und Land im Jahr 2015 auf 1,91 verringert.

Darüber hinaus fehlen bei der Haushaltsuntersuchung im derzeitigen statistischen System die Einkommen von ländlichen Arbeitskräften, die außerhalb des Haushaltes arbeiten. Daher enthält die in der Abbildung 1-1 dargestellte Einkommensdifferenz zwischen Stadt und Land immer noch viele über die Jahre überbewertete Komponenten. Da jede Haushaltsuntersuchung im amtlichen statistischen System vor 2013 unabhängig von städtischen und ländlichen Gebieten durchgeführt wurde, waren die hinzugezogenen ländlichen Familien und ländlichen chinesischen Einwohner, die außerhalb arbeitstätig waren, aufgrund der Schwierigkeit sie in den Stichprobenbereich einzubeziehen, weitgehend aus den städtischen Stichproben ausgeschlossen worden.

Abbildung 1-1Die tatsächlichen Einkommensdifferenzen schwanken zwischen Stadt und Land

Quelle: „China Statistical Yearbook“ des Staatlichen Amtes für Statistik der Volksrepublik China aus dem entsprechenden Jahr.

←5 | 6→Einige Forscher haben diese Unzulänglichkeit der aktuellen Statistiken zu den städtischen und ländlichen Haushaltseinkommen ohne Zweifel bemerkt und versucht, relevante Belege aus dem unvollkommenen statistischen System zu gewinnen, um die Einkommensdifferenz zwischen Stadt und Land genauer zu bestimmen. Sie wählten die entwickelte Provinz Zhejiang sowie die westliche Provinz Shaanxi, um das fehlende Einkommen von Wanderarbeitern in städtischen und ländlichen Gebieten zu ermitteln, indem sie Daten der Untersuchung des Nationalen Statistikamtes von Haushalten und Konten sowie Untersuchungen von anderen Bewohnern extrahierten. Das Fazit lautete, dass der Fehler beim verfügbaren Einkommen von Stadtbewohnern in der Stichprobenauswahl von Bewohnern und deren Definition lag, was dazu führte, dass das durchschnittliche verfügbare Einkommen von Stadtbewohnern um 13,6% zu hoch geschätzt und das Nettoeinkommen der Landbewohner um durchschnittlich 13,3% zu niedrig geschätzt wurde. Die Einkommensdifferenz zwischen Stadt und Land wurde im Durchschnitt um 31,2% zu hoch geschätzt1.

1.2 Beispiele der weltweiten Armutsbekämpfung

Seitdem China die Reform- und Öffnungspolitik umgesetzt hat, hat es nicht nur das weltweit schnellste Wirtschaftswachstum erreicht, sondern auch den Lebensstandard der Bevölkerung am stärksten verbessert, sowie auch das weltweit größte Ausmaß an Armutsbekämpfung und -reduzierung verwirklicht. Im Jahr 1987 betrug das jährliche Pro-Kopf-Einkommen nach dem von der chinesischen Regierung festgelegten Armutsstandard 100 Yuan/Person pro Jahr. Die Armutsbevölkerung, die an unzureichender Nahrung und Kleidung litt, machte 250 Millionen aus, was 30,7% der gesamten ländlichen Bevölkerung entsprach. 1984 wurde der Armutsstandard auf 200 Yuan/Person pro Jahr erhöht und die Anzahl der Armen sank auf 128 Millionen und die Armutsrate wurde auf 15,1% reduziert. Im nächsten Schritt betrug der Armutsstandard 1.274 Yuan im Jahr 2010. Die Zahl der Armen auf dem Land ist von 94,22 Millionen im Jahr ←6 | 7→2000 auf 26,88 Millionen im Jahr 2010 zurückgegangen. Entsprechend ist die Armutsrate von 10,2% auf 2,8% gesunken (Abbildung 1-2).

Abbildung 1-2Die Armutsreduktionsrate stieg, während die Armutsrate abnahm

Quelle: Staatliches Amt für Statistik der Volksrepublik China (Kalenderjahr), „China Statistical Yearbook“, China Statistics Press.

Im Jahr 2011 erhöhte die Zentralregierung den nationalen Standard zur Armutsbekämpfung auf 2.300 Yuan, ein Anstieg von 92% gegenüber dem Jahr 2009. Die Einführung dieses neuen Standards hat die Zahl und die Abdeckung der armen Bevölkerung des Landes von 26,88 Millionen im Jahr 2010 auf 1,28 Milliarden erhöht. Nach der international vergleichbaren Kaufkraftparität entsprach dieser neue Armutslinderungsstandard 1,8 US-Dollar/Person pro Tag und übertraf damit den internationalen Armutsstandard des Jahres 2008, den die Weltbank mit 1,25 US-Dollar/Person pro Tag festgelegt hat. Wie Abbildung 1-2 zeigt, nimmt die ländliche arme Bevölkerung unter diesem neuen Standard weiter deutlich ab.

Die großen Errungenschaften bei der Armutsbekämpfung und Entwicklung in China und die baldige Erfüllung der Millenniumsentwicklungsziele als Ganzes wurden von der internationalen Gemeinschaft weithin gelobt. Die Weltbank ist der Ansicht, dass die Leistungen der Armutsbekämpfung und Entwicklung Chinas die internationale Gemeinschaft tiefgreifend beeinflusst haben. Das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen ist auch der Meinung, dass die ←7 | 8→Erfolge der Armutsbekämpfung in China ein Modell für die Entwicklungsländer und sogar für die ganze Welt sei. Die Asiatische Entwicklungsbank sagte, dass China viele Erfahrungen in der Armutsbekämpfung und Entwicklung aufweise und andere Länder davon lernen könnten. Die Bereiche der Errungenschaften von Chinas Armutsbekämpfung sind in Asien unübertroffen und die chinesische Regierung könne absolut stolz darauf sein.

Diese internationalen Institutionen erkennen an, dass in den vergangenen 30 Jahren zwei Drittel der Erfolge der Armutsbekämpfung in der gesamten Menschheit China zugeschrieben werden können. In der Tat begrenzt es sich nicht nur darauf. Im Zeitraum 1981–2013 sank die absolute Armutsbevölkerung auf der Welt, das heißt die Bevölkerung mit weniger als 1,90 US-Dollar pro Tag (unveränderter Betrag im Jahr 2011) nach den von der Weltbank definierten Standards, von 1,893 Milliarden auf 766 Millionen. Gleichzeitig sank die Zahl der Personen von 878 Millionen auf 25,17 Millionen, was bedeutete, dass Chinas Beitrag zur weltweiten Armutsbekämpfung 75,5% ausmacht. Dies ist Chinas großer Beitrag zur internationalen Armutsbekämpfung und auch ein großer Beitrag für die menschliche Zivilisation sowie den Fortschritt.

Rückblickend auf den Entwicklungsprozess in den ländlichen Gebieten Chinas kann der Prozess der Armutsbekämpfung in drei Phasen unterteilt werden. Die erste Phase umfasst den Zeitraum von den frühen 1980er-Jahren bis Mitte der 1980er-Jahre. Die umfassende Reform des ländlichen Wirtschaftssystems hat sich in diesem Zeitraum zu einer treibenden Kraft für die rasche Entwicklung der Volkswirtschaft herausgebildet und das allgemeine Einkommenswachstum ist zum wichtigsten Faktor für die Armutsbekämpfung geworden.

Im Jahr 1987 durchlief das System der landwirtschaftlichen Bewirtschaftung einen großen Wandel. Das System der Familienvertragsverantwortlichkeit ersetzte das kollektive Verantwortungssystem der Volkskommunen. Es mobilisierte die Aktivität der Bauern für die Produktion und erhöhte die Agrarproduktpreise, beschleunigte die Umstrukturierung der Landwirtschaft sowie die Industrialisierung des ländlichen Raums. Die ländliche Wirtschaft wurde umfassend vorangetrieben. Die ländliche Industrialisierung, vertreten durch Gemeinde- und Dorfbetriebe, begann sich ebenfalls zu dieser Zeit zu entwickeln, was nicht nur die Vitalität der ländlichen Wirtschaft verbesserte, sondern auch gelernten Landarbeitern neue Möglichkeiten eröffnete, die Beschäftigungskanäle zu erweitern, die Armut abzuschütteln und zu Wohlstand zu gelangen. Da diese Runde des Wirtschaftswachstums hauptsächlich durch institutionelle Innovationen erreicht wurde und das Problem der Anreize für die einfache Bevölkerung löste, wurden durch die Reformen erzielte Vorteile schnell ←8 | 9→an die Armen weitergegeben, wodurch arme Bauern die Armut abschütteln und zu Wohlstand gelangen konnten. Zudem wurde auch das Phänomen der ländlichen Armut wesentlich verringert.

Im Zeitraum 1978 bis 1985 stieg die nationale landwirtschaftliche Wertschöpfung um 55,4%, die landwirtschaftliche Arbeitsproduktivität um 40,3% und der umfassende Verkaufspreisindex für landwirtschaftliche Erzeugnisse um 66,8%, wobei sich das Einkommen der Bauern aufgrund des Preisanstiegs erhöhte. Während dieses Zeitraums nahm das Einkommen der Bauern um 15,5% zu. Im selben Zeitraum stieg das Pro-Kopf-Nettoeinkommen der Bauern mit dem schnellen Wachstum verschiedener landwirtschaftlicher Produkte um das 2,6-Fache, die Pro-Kopf-Kalorienaufnahme der Bauern stieg von 2300 kcal/Person pro Tag im Jahr 1978 auf 2454 kcal im Jahr 1985. In dieser Zeit fiel die unter der absoluten Armutsgrenze lebende Landbevölkerung von 250 Millionen zu Beginn der Reform und Öffnung auf 125 Millionen im Jahr 1985, was vom Verhältnis her 14,8% des Rückgangs bei der ländlichen Bevölkerung ausmachte. Die arme Bevölkerung wurde jährlich um durchschnittlich 17,86 Millionen Personen reduziert. Dies ist zweifellos der größte und schnellste Prozess der Armutsbekämpfung in der heutigen Welt.

Details

Seiten
X, 326
Jahr
2022
ISBN (PDF)
9781433191251
ISBN (ePUB)
9781433191268
ISBN (MOBI)
9781433191275
ISBN (Hardcover)
9781433168918
DOI
10.3726/b18756
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2022 (Mai)
Erschienen
New York, Bern, Berlin, Bruxelles, Oxford, Wien, 2022. X, 326 pp., 30 b/w ill.

Biographische Angaben

Fang Cai (Autor:in)

Cai Fang ist leitender Experte des China Top Think Tanks der Chinesischen Akademie der Sozialwissenschaften, Mitglied des Ständigen Ausschusses des 13. Nationalen Volkskongresses, stellvertretender Vorsitzender des Ausschusses für Landwirtschaft und landwirtschaftliche Angelegenheiten des 13. Nationalen Volkskongresses, Mitglied des Komitees für Geldpolitik der People‘s Bank of China, Mitglied des Expertenausschusses des 14. Fünfjahresplans für die nationale wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung der Volksrepublik China sowie ein Experte des Projektes „Four A Batch" zur Talentförderung in den Bereichen der Öffentlichkeitsarbeit und des Kulturwesens. Zudem war er ehemaliger Vize-Präsident der Chinesischen Akademie der Sozialwissenschaften, Institutsmitglied und Generalsekretär des Institutspräsidiums. Seine Hauptforschungsbereiche umfassen die Arbeitsökonomie, Bevölkerungsökonomie, Chinas Reform- und Öffnungspolitik, Einkommensverteilung und Armut, sowie die Theorien und politischen Richtlinien zu den drei ländlichen Problemfeldern „Sannong". Zu seinen Hauptwerken gehören unter anderem „Understanding China‘s Economy", „From Demographic Dividend to Reform Dividend" und „Die Wahrheit erkennen und Zweifel überwinden: Was wir von den 40 Jahren der Reform- und Öffnungspolitik Chinas lernen können" und „China‘s Economic Development and its Implication to the World". Des Weiteren ist er Chefredakteur der Werke „Chronicling China‘s Reform and Opening-up" und „Chinese Wisdom". Er veröffentlichte hunderte von wissenschaftlichen Arbeiten und Artikeln. Abschließend ist zu erwähnen, dass er Preisträger des China Publishing Government Awards, Sun Yefang Economic Science Awards sowie Chinese Population Awards ist.

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