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Migrationsräume konstruieren

Eine Langzeitstudie zu Migranten aus Wenzhou in Paris

von Chunguang Wang (Autor:in)
Monographie XXVIII, 242 Seiten

Zusammenfassung

Das vorliegende Buch präsentiert die Ergebnisse einer zehnjährigen soziologischen Studie zu Migranten aus der chinesischen Stadt Wenzhou, die sich in Paris niedergelassen haben. Es zeigt den deutlichen Wandel, den die Wenzhouer von Paris innerhalb des Studienzeitraums in den Bereichen Produktionsformen, Wohnorte, Organisationsformen, Kommunikation sowie Beziehungen zwischen den Generationen erfahren haben sowie die deutlichen Unterschiede zwischen dem früheren und dem heutigen Aktionsraum der Wenzhouer. Aus der Perspektive sozialer Räume heraus analysiert die Studie die Raumstruktur gesellschaftlicher Positionen der Wenzhouer von Paris. Sie blickt dabei auf Räume in Frankreich, in China und in der Gemeinschaft sowie auf die Bedeutung und den Wert dieser Strukturen für gesellschaftliche Integrationsprozesse.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhalt
  • Vorwort
  • Kapitel 1: Aspekte der Migration nach Frankreich
  • Migration nach Frankreich
  • Das „Migrationsproblem“
  • Kapitel 2: Die Erschließung und die Weiterentwicklung von Märkten
  • Die Ursprünge der Markterschließung
  • Der Prozess der Markterschließung
  • Die Markterschließung in Geschichten
  • Kapitel 3: Grenzüberschreitende Gruppenzusammengehörigkeit
  • Wechselwirkungen zwischen internationaler Migration und Gruppenzusammengehörigkeit
  • Wettbewerb und Kooperation innerhalb der ethnischen Gruppe
  • Zwischenfazit
  • Kapitel 4: Gesellschaft und soziale Räume
  • Das soziale Umfeld
  • Gesellschaftliche Vereine
  • Aktivitäten
  • Kapitel 5: Der kulturelle Raum: Die Suche nach Wurzeln und Glauben
  • Kultur und Wurzeln
  • Die Familienkultur: Fortführung und Stärkung
  • Die „Landeskultur“: Spannung und Konstruktion
  • Die Glaubenskultur: Tradition und Konstruktion
  • Kulturelle Wurzeln und Verhalten
  • Kapitel 6: Der politische Raum: Die Konstruktion von Grenzen
  • Aus der Illegalität in die Legalität
  • Der „illegale Raum“
  • Die Sozialpolitik
  • Kapitel 7: Die Flexibilität von Räumen und die gesellschaftliche Integration
  • Die Konstruktion von drei Räumen
  • Die Räume der Migranten und der Aufbau einer gesellschaftlichen Stellung
  • Räume, das Leben und die Entwicklung
  • Durchbrüche, Schranken und Herausforderungen von Räumen
  • Mögliche Wege
  • Nachwort
  • Literatur

←vi | vii→

Vorwort

1.

Da ich selbst aus Wenzhou1 stamme, habe ich ein ganz besonderes Interesse am Wandel und der Entwicklung meines Heimatortes. Meine Forschungsprojekte zu Wenzhou wurden stets von der inneren Verbundenheit zu meiner Heimat geleitet. Seit der Reform und Öffnung Chinas beobachtet das ganze Land die Entwicklung Wenzhous und kommentiert diese je nach Fall konstruktiv, verherrlichend oder kritisch. Dies ist ein Ausdruck davon, dass die Fortentwicklung Wenzhous keineswegs reibungslos und linear, sondern vielmehr holprig und gewunden verläuft.

Zunächst entwickelte sich Wenzhou mit einer allgemein bewunderten Geschwindigkeit. Ab dem Jahr 2008 aber veränderte sich die Situation. Das Interesse anderer Gegenden an Wenzhou sowie die Zahl der Besucher, die Wenzhou besichtigen wollten, sanken merklich. Dies ging so weit, dass ein Wirtschaftswissenschaftler ohne besondere wissenschaftliche Reputation, oder ←vii | viii→genauer gesagt ein Wirtschaftswissenschaftler, dessen Popularität allein im Fernsehen beruht, behaupten konnte, dass die Situation Wenzhous ausweglos sei. Diese Aussage sorgte unter den Wissenschaftlern und Beamten Wenzhous für Empörung und Proteste. Wahr ist jedoch, dass Wenzhou und die Wenzhouer in den letzten Jahren unter einigen Schwierigkeiten zu leiden hatten. So verloren die Wenzhouer angeblich bei der erzwungenen Schließung von Kohlebergwerken in Shandong 80 Milliarden Yuan. Durch die Beendigung der Zollbefreiung für chinesische Importeure in Russland (dem sogenannten „Grauen Import“) konnten die Händler aus Wenzhou ihre Waren nicht mehr verkaufen und erlitten heftige Verluste. Die landesweite staatliche Anpassung des Immobilienmarktes beschädigte den Immobilienmarkt in Wenzhou so stark, dass in den Jahren 2013 und 2014 Wenzhou der einzige Ort Chinas mit sinkenden Immobilienpreisen war. Die Immobilien verloren hier innerhalb eines halben Jahres die Hälfte ihres Wertes. Als sich die Wirtschaftskrise immer mehr verstärkte, versuchten manche Geschäftsleute aus Wenzhou den Problemen zu entfliehen, andere begingen Selbstmord (auch an anderen Orten liefen die Menschen vor den Problemen davon oder begingen Selbstmord, aber in Wenzhou war dies besonders ersichtlich). Bald hatte Wenzhou das geringste Wirtschaftswachstum in der Provinz Zhejiang. Man fragte sich weltweit, wie es zu dieser Situation gekommen ist. Die in- und ausländischen Medien berichteten viel darüber. Einige Wissenschaftler und Beamte aus Wenzhou berichteten, dass Wenzhou zwar ein Problem habe, der Stadt aber die Kräfte fehlten, einen Ausweg oder eine politische Antwort zu finden. Plötzlich hatten alle ein Krisengefühl.

In den letzten zwei Jahren allerdings ging es mit Wenzhous Entwicklung wieder bergauf, wenn auch nicht so kraftvoll wie früher. Inzwischen hält die wirtschaftliche Entwicklung Wenzhous mit der derjenigen Chinas und der Welt zumindest Schritt. Wenn Wenzhou früher ein Vorbild war, warum soll es nicht auch wieder ein solcher werden können? Zwar hat sich das Wirtschaftswachstum in ganz China etwas abgekühlt, doch scheint es im Land immer noch Leitfiguren zu geben. Weshalb also ist Wenzhou bis heute nicht erneut Musterschüler geworden, sondern bleibt nur ein Durchschnittsschüler, und zwar ein ziemlich durchschnittlicher Durchschnittsschüler? Vielleicht liegt es daran, dass keine Wirtschaftseinheit, ob klein oder groß, und insbesondere keine so kleine Wirtschaftseinheit wie Wenzhou, auf Dauer eine wirtschaftliche Hauptfigur bleiben kann. Darüber hinaus sind aber auch einige Wirtschaftswissenschaftler der Ansicht, dass das Wirtschaftsmodell Wenzhous grundsätzlich ungeeignet war, eine langfristige Wirtschaftskraft für Wenzhou zu entfalten. Wie sah dieses Modell konkret aus? Grundsätzlich basierte es auf den Netzwerken persönlicher ←viii | ix→Verwandtschafts- und Freundschaftsbeziehungen (Shi 2004). An dieser Stelle müssen wir folgenden Fragen nachgehen: Ist der Niedergang Wenzhous eine direkte Folge des Lebensstils der Menschen in Wenzhou? Falls die Antwort „Ja“ lautet, können Wenzhouer diesen Lebensstil dann ablegen und neue Wege der Entwicklung finden? Falls die Antwort aber „Nein“ lautet, welche anderen Gründe für den Niedergang Wenzhous gibt es dann? Selbstverständlich kann das vorliegende Buch diese Fragen nicht umfassend beantworten und auch den erwähnten Niedergang nicht vollständig erklären. Es kann allerdings zeigen, wie groß die Anpassungs- und Lernfähigkeit der Wenzhouer ist und mit welchen Methoden sie ihre eigenen Schwierigkeiten überwinden.

Für diesen Themenkomplex ist entscheidend, welche Kräfte der einzelne Mensch und welche Kräfte die gesellschaftlichen Strukturen haben können. In der Soziologie werden dabei zwei unterschiedliche Positionen vertreten. Nach der Position des Nominalismus gibt es keine gesellschaftlichen Einheiten, sondern nur Individuen. Jedes Individuum ist ein eigenständig handelndes Subjekt, welches keinen gesellschaftlichen Schranken unterworfen ist. Nach der Position des Realismus hingegen existieren gesellschaftliche Strukturen durchaus und üben eine soziale Kontrolle über Individuen aus. Aus einer nominalistischen Perspektive ist der Niedergang der Wenzhouer Wirtschaft eine direkte Folge des Handelns der Menschen in Wenzhou. Aus einer realistischen Perspektive hingegen ist der Niedergang nicht durch das Handeln einzelner Menschen, sondern durch gesellschaftliche Strukturen bestimmt. In der Realität ist die Situation jedoch nicht so eindeutig. Man kann die Verlangsamung des wirtschaftlichen Wachstums eines Gebietes nicht ausschließlich auf das Handeln einzelner Individuen oder auf die gesellschaftlichen Strukturen zurückführen. Die Beziehungen zwischen Individuen und der Gesellschaft sind komplex. Es existieren gesellschaftliche Strukturen, denen sich die Menschen nicht entziehen können. Genauso wahr ist jedoch, dass das Handeln des Einzelnen nicht völlig unbedeutend ist und das Individuum durchaus Entscheidungsmöglichkeiten hat. Menschen haben innerhalb von sozialen Strukturen Handlungsoptionen und können die Chancen vielfältig nutzen. Die am häufigsten genutzte Option ist dabei die der Teilnahme an gemeinschaftlichen Aktivitäten. Bei einer Analyse des wirtschaftlichen Niedergangs Wenzhous müssen daher zunächst die Handlungen der Menschen in Wenzhou analysiert werden, dies allerdings vor dem Hintergrund ihrer jeweiligen sozialen Strukturen. Erst auf diese Weise lassen sich die oben aufgeführten Fragen hinreichend beantworten. Dabei sollen hier jedoch nicht das Verhalten und die gesellschaftlichen Strukturen der Menschen in Wenzhou selbst, sondern vielmehr das Verhalten von Menschen aus Wenzhou an anderen Orten und die ←ix | x→Methoden der Wenzhouer zur Problemlösung an jenen Orten analysiert werden. Wir erhoffen durch die Analyse aus dieser Perspektive neue Erkenntnisse zum Niedergang der Wirtschaft Wenzhous, zum Verhalten der Wenzhouer und zum Verhalten von Menschen allgemein zu gewinnen.

Das kürzlich bei Social Science Academic Press China erschienene Buch „Die unsterblichen Chinesen“2 liefert einige neue Einblicke zu dieser Thematik. Es wurde von zwei italienischen Autoren verfasst und basiert auf einer Langzeitstudie zum Leben von Chinesen in Italien. Die Autoren beschreiben zu Beginn ihres Textes, dass sie anfangs große Vorurteile und Abneigungen gegen die Chinesen in Italien gehabt hätten, dann aber während ihrer Studie herausgefunden hätten, dass sich das Verhalten von Chinesen heute von dem der Italiener früher gar nicht so sehr unterscheide: „Wir sehen unser eigenes früheres Spiegelbild, doch heute sind wir erschöpft, faul, dekadent und ängstlich geworden. Die Migranten von heute repräsentieren unser eigenes Spiegelbild aus den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts, als wir wie in einem Schwarz-Weiß-Bild, kraftvoll, mutig, flink und kerngesund waren.“ „Besonders bewegt hat uns, wie optimistisch die Migranten die Welt sehen. In ihren Augen ist alles möglich, wenn man nur fest daran glaubt. Dann ist es möglich, mit nichts als einem Karton aus einem Dorf im fernen Zhejiang aufzubrechen und so reich heimzukehren, dass man sich dort einen Wolkenkratzer bauen kann. Die Migranten sehen alle aktuellen Schwierigkeiten nur als vorübergehend an, als eine auch wieder vorbeigehende Erkältung und nicht als eine langfristige Krankheit. Sie sehen das wie Goethe, der einmal sagte, dass nicht derjenige stark sei, der niemals fällt, sondern derjenige, der nach einem Fall wieder aufsteht“ (Oriani und Staglianò, 2011: 1–3).3 Bei den von den Autoren so beschriebenen Menschen handelt es sich um Wenzhouer in Italien, also um Chinesen, die aus Wenzhou und der Umgebung Wenzhous über unterschiedliche Wege nach Italien gelangt sind. Wenzhouer haben bereits seit Langem den Ruf, hart im Nehmen und sehr fleißig zu sein. Zumindest alle Wenzhouer, die die Autoren getroffen haben, waren grundsätzlich furchtlos und optimistisch bezüglich der eigenen Zukunft. Sie waren der Überzeugung, alle Probleme schon irgendwie lösen zu können. Aus diesem Grund sprechen die Autoren von ihnen als „die unsterblichen Chinesen“. Diese Chinesen haben in Italien nicht nur Geld für sich selbst verdient, sondern haben auch die Landwirtschaft in den ←x | xi→italienischen Reisanbauregionen vor dem Scheitern gerettet sowie einige der bis dahin stetig niedergehenden traditionellen Handwerke dort wiederbelebt. Daran, dass sich die ursprüngliche Abneigung der Autoren gegen Chinesen aus Wenzhou im Laufe der Studie in ein Lob dieser Menschen wandelte, kann man erkennen, dass die Wenzhouer in Italien über ihren Beitrag zu Wirtschaft und Gesellschaft durchaus ihr gesellschaftliches Ansehen verändern können.

Ich selbst verfüge über einige Einblicke in die Situation der Wenzhouer in Italien. Als ich meine Studie zu Wenzhouern in Paris durchführte, kam ich mit einigen Wenzhouern in Kontakt, die Freunde und Verwandte in Italien hatten. Durch ihre Vermittlung ging ich dann nach Milan und Venedig, um zusätzlich einige der dortigen Wenzhouer zu interviewen. Im Vergleich zu meinen Kenntnissen zum Leben der Wenzhouer in Paris, weiß ich jedoch weit weniger über das Leben der Wenzhouer in Italien.

Im zweiten Halbjahr des Jahres 1998 hatte ich die Gelegenheit, in Paris eine ausführliche Studie zu meinen Landsleuten aus Wenzhou, die damals in Paris lebten, durchzuführen. Zunächst publizierte ich dazu einige Artikel in den Zeitschriften „Social Sciences in China“ und „Sociological Studies“, dann schrieb ich das Buch „Wenzhou People in Paris“. Damals untersuchte ich Personengruppen mit ganz ähnlichem Hintergrund wie die von den beiden italienischen Autoren untersuchten Gruppen. Zwar konnte ich die These der Autoren nicht bestätigen, dass die Italiener und Franzosen ihren Mut und Esprit verloren hätten, aber zumindest fühlte ich den Stolz, den unternehmerischen Geist und die Emsigkeit der Wenzhouer in der Fremde. Ich erinnere mich sehr deutlich, dass alle Wenzhouer, die ich traf und interviewte, eine außergewöhnlich hohe Beharrlichkeit und Einsatzbereitschaft zeigten. Sie scheuten keine Härte und arbeiteten unermüdlich, um Geld zu verdienen. Inzwischen sind mehr als zehn Jahre seit meiner ersten Studie vergangen. Existiert diese Energie noch immer? Haben die Wenzhouer in Paris inzwischen mit ähnlichen Problemen wie die Menschen in Wenzhou selbst zu kämpfen? Haben sie neue Wege der Existenz und der Entwicklung gefunden? Was hat sich in diesen mehr als zehn Jahren geändert und was nicht? Kann man daraus Rückschlüsse ziehen, wie die Entwicklungsschwierigkeiten in Wenzhou selbst überwunden werden können?

2.

Welchen Wert hat die Beantwortung dieser Fragen für die Wissenschaft? Sind die Themen zu eng gefasst? Keine Forschung kommt ohne die Erläuterung ihrer ←xi | xii→Perspektive aus. Forschung ohne Erläuterung ihrer theoretischen Basis und ohne Erörterung der Grenzen der eigenen Perspektive ist wertlos. Natürlich könnte ich an dieser Stelle mit hochtrabender Terminologie meine eigene Forschung verpacken, doch wäre das dann nur eine übergroße Hülle, die zwar gut aussehen würde, aber keinerlei Verständnisgewinn hätte und im Gegenteil einen Verlust an wissenschaftlicher Genauigkeit und Klarheit bedeutete. Ich lehne ein solches Vorgehen daher ab. Meine Forschung zu den Wenzhouern setzt stattdessen bei den Problemen an, mit denen die Wenzhouer selbst konfrontiert sind. Erst ein genaues Verständnis dieser Probleme kann meiner Studie einen tieferen Sinn geben. Die Perspektive der Soziologie unterscheidet sich von der Perspektive der Wirtschaftswissenschaften. Sie legt besonderen Wert auf die Beobachtung, Analyse und Diskussion von sozialem Verhalten (inklusive wirtschaftlichem Verhalten), von sozialen Beziehungen und von Organisationen, Gruppen und gesellschaftlichen Strukturen. In der oben genannten Studie habe ich den Einfluss von sozialen Strukturen und Sozialkapital auf das Verhalten der Wenzhouer in Paris beobachtet, um so zu verstehen, wie die Wenzhouer in Paris ankommen und dort den Raum für ihre eigene Entwicklung ausbauen. Wie fassen die auf ganz unterschiedlichen Wegen nach Paris gekommenen Wenzhouer Fuß? Wie entwickelt sich ihr Leben in Frankreich? Was sind die Gründe für ihr Verhalten und ihre Entscheidungen? Betrachtet man nur das Humankapital und das Wirtschaftskapital, dürften diejenigen Wenzhouer, die bereits vor Jahren nach Paris kamen, damals keinerlei Perspektiven und keinen Raum für Entwicklungen gehabt haben. Die Wenzhouer verfügten bei ihrer Ankunft weder über französische Bildungsabschlüsse noch über Kenntnisse der französischen Gesellschaft. Sie verschuldeten sich für ihre Reise und arbeiteten in Frankreich angekommen oft unangemeldet. Wie konnten die Wenzhouer ohne Wirtschaftskapital innerhalb von lediglich fünf oder zehn Jahren von Tagelöhnern, die harte körperliche Arbeit verrichteten, zu Firmenchefs aufsteigen? Warum unterscheiden sie sich darin so stark von den Migranten aus dem Nahen Osten und aus Afrika, die nicht nur diesen Aufstieg nicht schaffen, sondern häufig noch nicht einmal überhaupt einen Job finden können und lange arbeitslos bleiben? Während unserer Studie trafen wir nur selten Wenzhouer ohne Arbeitsstelle an. Zwar trafen wir Wenzhouer, die hart arbeiten mussten und deren Lohn niedrig war, doch alle interviewten Wenzhouer waren nichtsdestotrotz äußerst motiviert und hatten die Hoffnung, eines Tages selbst Unternehmen zu gründen. Man kommt somit nicht umhin, die Frage zu stellen, warum die Wenzhouer so viel häufiger Arbeitsplätze finden. Haben die französischen Unternehmen etwa weniger Vorurteile gegenüber Chinesen aus Wenzhou als gegenüber Nordafrikanern und ←xii | xiii→Menschen aus dem Nahen Osten? Tatsache ist, dass die meisten Wenzhouer in Paris in ihren eigenen gesellschaftlichen Kreisen Arbeit finden und dass es dort viele Unternehmer gibt, die selbst früher als Tagelöhner gearbeitet haben. Dies deutet darauf hin, dass die Wenzhouer in Paris bei ihrer Ankunft zwar über kein hohes Humankapital oder Wirtschaftskapital verfügen, sie es aber verstehen, aus ihrem traditionellen Sozialkapital Nutzen zu ziehen. Die Transformation von Sozialkapital in Wirtschaftskapital gibt ihnen mithilfe ihres kämpferischen Durchsetzungswillens den Raum und die Möglichkeit zu eigener Entwicklung.

Details

Seiten
XXVIII, 242
ISBN (PDF)
9781433192456
ISBN (ePUB)
9781433192494
ISBN (MOBI)
9781433193101
ISBN (Hardcover)
9781433174346
DOI
10.3726/b18918
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2022 (Februar)
Erschienen
New York, Bern, Berlin, Bruxelles, Oxford, Wien, 2022. XXVIII, 242 S., 2 s/w Abb., 1 Tab.

Biographische Angaben

Chunguang Wang (Autor:in)

Wang Chunguang ist Vize-Direktor des Instituts für Soziologie und Leiter des Zentrums für sozialpolitische Forschung an der Chinesischen Akademie der Sozialwissenschaften.

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