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Die Revolution 1848/49 in Brandenburg

Eine Quellensammlung

von Brandenburgisches Landeshauptarchiv (Autor:in)
Monographie 260 Seiten
Open Access

Zusammenfassung

Die Quellensammlung zur Revolution 1848/49 in Brandenburg, ausgewählt überwiegend aus Dokumenten des Brandenburgischen Landeshauptarchivs in Potsdam, gibt einen repräsentativen Überblick darüber, wie die revolutionären Ereignisse, von Berlin ausstrahlend, in der Kernprovinz Preußens ihre spezifische Prägung erhielten. In einer knappen Einleitung beschreibt der Bearbeiter die ökonomische, soziale und politische Situation in Brandenburg und den Ablauf der Ereignisse. Anhand der Dokumente kann der Leser verfolgen, wie die politischen Forderungen nach demokratischen Rechten für alle Staatsbürger in einem Verfassungsstaat verschmolzen mit dem Kampf der städtischen und ländlichen Unterschichten um die Sicherung ihrer Existenzbedingungen.

Inhaltsverzeichnis


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Vorwort

Vor 150 Jahren erschütterte die von Paris ausgehende Revolution nahezu den gesamten europäischen Kontinent. In Deutschland ließ die weitverbreitete Unzufriedenheit mit der staatlichen Zersplitterung, die der 1815 geschaffene Deutsche Bund als lose Staatenkonföderation nicht überwunden hatte, und dem vorwaltenden monarchisch-bürokratischen Absolutismus den Ruf nach nationaler Einheit und staatsbürgerlicher Freiheit erschallen. Am Ende langwieriger Debatten stand 1849 der Entwurf einer Reichsverfassung, die für die deutsche Nation die Forderungen von Einheit und Freiheit zu verwirklichen suchte. Zwar ist die Revolution überall gescheitert, aber die nationalen, politischen und sozialen Fragen, die in ihrem Verlaufe mit Macht aufgeworfen worden waren, haben im späteren 19. und im 20. Jahrhundert die Erörterungen aller bedeutsamen politischen Richtungen und Parteien geprägt.

Der Ausgang der Revolution ist in Deutschland durch die Ereignisse an drei Orten bestimmt worden, in Frankfurt am Main, wo die deutsche Nationalversammlung um eine neue liberale und nationale Ordnung rang, in Berlin und in Wien, den Hauptstädten der beiden deutschen Großmächte Preußen und Österreich, wo die revolutionären Erhebungen auf den Widerstand der alten Monarchien stießen. Die Erregung der Revolutionszeit hat allerdings darüber hinaus in größerem und geringerem Maße sämtliche deutsche Landschaften ergriffen, wobei sich im einzelnen ein überaus vielgestaltiges Bild zeigt.

Die hier von Gebhard Falk vorgelegte Quellenedition beabsichtigt, durch eine Auswahl von aussagekräftigen Texten den Ablauf der Revolution in der damaligen preußischen Provinz Brandenburg mitsamt ihrer Vor- und Nachgeschichte darzustellen. Die Ereignisse in Berlin sind im wesentlichen ausgespart worden, weil sie der gesamtstaatlichen Handlungsebene zuzuweisen sind: König Friedrich Wilhelm IV. und die preußische Nationalversammlung kämpften hier um die künftige Gestaltung Preußens und Deutschlands. Die Auseinandersetzungen in der Provinz erhalten von der Hauptstadt ihre maßgeblichen Antriebe, aber sie haben auch ihr eigenes Gesicht, das sich insbesondere durch die vor Ort bestehenden Probleme ergibt. Auf dem Lande treffen Bauern und Guts- bzw. Standesherr- schaften aufeinander, und in den Städten sind die Begleiterscheinungen und Folgen der beginnenden Industrialisierung zu bewältigen. Insgesamt tritt der soziale Charakter der Revolution in der Provinz Brandenburg stärker hervor, als es die politischen Kontroversen in Berlin und in Frankfurt erwarten lassen.

Die abgedruckten Dokumente sind zum größten Teil den Beständen des Branden- burgischen Landeshauptarchivs entnommen. Die darin liegende Beschränkung findet ihre Rechtfertigung darin, daß von vornherein nicht beabsichtigt war, das Revolutionsjahr in Brandenburg im Rahmen einer Quellenedition in annähernder Vollständigkeit zu bearbeiten, sondern es sollten an Hand von repräsentativen Zeugnissen die unterschiedlichen Kräfte, die in revolutionärem oder gegenrevolutionärem ←7 | 8→Sinne auf das Geschehen eingewirkt haben, mit den sie bewegenden Motiven und Zielen herausgestellt werden. Auf beschränktem Raum kommen die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Positionen der Liberalen, Demokraten, Konservativen und des Monarchen, von Adel, Bürgertum, Arbeiter- und Bauernschaft alle zur Sprache, wenn auch vielleicht nicht in annähernder Gleichmäßigkeit, so daß etwa die Demokraten und die Konservativen gegenüber den Liberalen stärker hervortreten. Der Leser ist veranlaßt, die einzelnen Texte, in denen sich die Revolution aus einander diametral entgegengesetzten Perspektiven spiegelt, mit quellenkritischem Blick zu lesen, auf den jeweiligen Verfasser und seinen politischsozialen Standort zu achten und danach den Aussagewert seiner Darstellung einzuschätzen.

Die vorliegende Quellenpublikation verdankt ihre Entstehung der gemeinsamen Initiative des Brandenburgischen Landeshauptarchivs und der Brandenburgischen Landeszentrale für politische Bildung. Beide Institutionen waren sich darin einig, daß die Erinnerung an die deutsche Revolution von 1848 im Jahre 1998 angesichts ihrer langfristigen Wirkungen begründeten Anlaß gibt, mit einer fundierten landesgeschichtlichen Arbeit die Erforschung der Ereignisse von 1848/49 in Brandenburg voranzutreiben. Dafür erschien eine Quellenpublikation, die die Standpunkte und Auseinandersetzungen der Parteiungen in ihrer zeitgenössischen Unmittelbarkeit und Lebendigkeit am besten sichtbar zu machen vermag, besonders geeignet. Die Beschäftigung mit den so unterschiedlichen Quellenäußerungen fordert dabei den Historiker dazu auf, allen beteiligten Zeitgenossen mit den jeweiligen Voraussetzungen ihres Denkens und Handelns gerecht zu werden, und er wird sich bemühen, die verschiedenen Parteien mit ihren Licht- und Schattenseiten angemessen zu beurteilen und sie nicht nach Schwarz-Weiß-Schemata, auch nicht nach denen einer vorgeblich aktuellen Traditionsbildung, einzuschätzen.

Brandenburgisches Landeshauptarchiv und Brandenburgische Landeszentrale für politische Bildung wissen sich glücklich zu schätzen, daß sich mit Gebhard Falk ein Bearbeiter gefunden hat, der auf Grund seiner jahrzehntelangen Tätigkeit im Brandenburgischen Landeshauptarchiv mit der Quellenüberlieferung der Provinz Brandenburg bestens vertraut ist. Gisela Metschies wirkte an der Quellendurchsicht und der Dokumentenauswahl vorbereitend mit. Sabine Faber gestaltete aus den vorliegenden Manuskripten eine druckfertige Vorlage. In der Brandenburgischen Landeszentrale für politische Bildung hat Werner Künzel dafür gesorgt, dieses Gemeinschaftswerk zweier Landeseinrichtungen reibungslos auf den Weg zu bringen.

Dr. Klaus Neitmann

Direktor des Brandenburgischen Landeshauptarchivs

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I. Einleitung

1. Die Revolution von 1848/49 in der Provinz Brandenburg

1.1. Zur ökonomischen, sozialen und politischen Situation

Die Provinz Brandenburg

Die bei der inneren Neugestaltung des Staates 1816 gebildete Provinz Brandenburg lag im Zentrum des von Aachen im Westen bis nach Memel im Osten sich erstreckenden Königreiches Preußen und umschloß die Hauptstadt Berlin. Elbe und Havel von Lenzen über Havelberg bis Brandenburg bildeten die Westgrenze zur Provinz Sachsen. Im Osten jenseits Oder und Neiße markierten Driesen, Landsberg, Zielenzig Städte nahe an den Verwaltungsgrenzen zu den Provinzen Pommern und Posen, Züllichau und Crossen zur Provinz Schlesien. Auch im Süden grenzten die Provinzen Schlesien und Sachsen an. Eine Staatsgrenze, aber seit dem deutschen Zollverein keine Handelsgrenze mehr, gab es nur im Norden zu den beiden mecklenburgischen Großherzogtürnem.

Potsdam war zur Provinzhauptstadt erklärt worden. In Potsdam und Frankfurt wurden regionale Verwaltungsbehörden mit Regierungspräsidenten an der Spitze eingerichtet. Der Potsdamer nahm zugleich in Personalunion die Funktion eines Oberpräsidenten der Provinz wahr. Die Spitzenpositionen der Staatsverwaltung lagen fest in der Hand des Adels. Die Landräte in den Kreisen stammten überwiegend aus den Familien der einheimischen Rittergutsbesitzer.

Infolge der Neuordnung Europas nach den napoleonischen Kriegen hatte Preußen sächsische Gebiete, darunter die Niederlausitz, Jüterbog, Dahme, Belzig, okkupiert und zugesprochen bekommen. Die Verwaltungsgliederung bis in die Kreise sorgte für eine Vermischung der neuen mit den alten preußischen Untertanen, sollte die Anpassung, aber auch die Kontrolle der Neubürger erleichtern. Freilich wurden ihnen, etwa bei der Städteverfassung, günstigere Rechte aus der Zeit der Stein- Hardenbergschen Reformen vorenthalten. Obwohl die Untertanen seit Jahrhunderten gewohnt waren, mit ihrem Gebiet die Herrschaft zu wechseln, hatte sich ein Teil der niederlausitzischen Bevölkerung auch nach 30 Jahren noch nicht mit den Hohenzollernherrschem abgefunden und hegte offene Sympathie für Sachsen, wie sich beim Dresdener Maiaufstand 1849 besonders zeigen sollte.

Sowohl in dem seit 400 Jahren brandenburgischen Kreis Cottbus wie in den erst seit 30 Jahren zugehörigen Kreisen der Niederlausitz lebten, besonders auf dem Lande, Einwohner sorbischer Nationalität. Ihr politisches und soziales Verhalten unterschied sich aber trotz der sprachbedingten konfessionellen und kulturellen Abgeschlossenheit kaum von dem der deutschen Bevölkerung, sondern wurde eher durch die Zugehörigkeit zu einzelnen sozialen Interessenschichten bestimmt.

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Der ländliche Raum

Brandenburg war auch in der Mitte des 19. Jahrhunderts noch ein überwiegend agrarisch geprägtes Land. Die Einwohnerzahl hatte sich seit 1816 knapp verdoppelt. Im Jahre 1846 betrug sie 2 066 000. Davon lebten etwa je ein Fünftel in Berlin und in den übrigen Städten der Provinz, aber noch drei Fünftel auf dem Lande. Der ländliche Raum war mit einem Netz von Rittergütern überzogen. Von hier aus übte der Adel als Gutsherr durch seine Beamten die Polizeigewalt, in den größeren Standesherrschaften auch die richterliche Gewalt aus. Als Patronatsherr konnte er Pfarrer und Lehrer einstellen und entlassen, damit aber auch indirekt stark auf die Landbevölkerung einwirken. Die adligen Familien standen unter sich durch ständische Einrichtungen wie die Kreis- und Landtage, verwandtschaftliche Beziehungen, gemeinsame Militär- und Studienzeiten, Funktionen in der Staatsverwaltung und gesellschaftliche Ereignisse wie Jagden in engster Verbindung. Andere Gebiete, oft säkularisierter ehemaliger Klosterbesitz wie Lehnin (Dok. 114) oder das erst jüngst 1817 nach dem Anfall an Preußen verstaatlichte Kloster Neuzelle (Dok.45), wurden von Beamten der königlichen Domänen- und Rentämter verwaltet, die ebenfalls Polizeifunktionen ausübten.

Wo es Groß- und Mittelbauern gab, waren sie durch die weitgehend abgeschlossenen Agrarreformen zu juristisch freien Eigentümern geworden. Infolge der für sie günstigen Preisentwicklung der Agrarprodukte und durch Anwendung moderner Produktionsmethoden nach dem Ausscheiden aus der Dreifelderwirtschaft waren sie zu einem gewissen Wohlstand gelangt (Dok.9). Revolutionäre Forderungen gab es nur dort, wo noch Vergleiche aus der Ablösung der Dienste und Abgaben strittig waren oder die selbstbewußter gewordenen Bauern sich betrogen fühlten und die Verträge revidieren wollten.

Die Kleinbauern (Kossäten) und Büdner, die von der Agrarreform bisher ausgeschlossen waren, hofften dagegen, ihre Unabhängigkeit ohne Gegenleistungen an die Gutsbesitzer erringen zu können. Sie stellten sich auf die Seite der landlosen Häusler und Einlieger, deren Existenz durch steigende Getreidepreise und zunehmende Arbeitslosigkeit gefährdet war. Die Situation in den einzelnen Schichten des ländlichen Proletariats gibt der Bericht des Teltower Landrats, selbst Rittergutsbesitzer, anschaulich wieder (Dok. 10). Auf dem Lande zeichnete sich eine Überbevölkerung ab. Rittergüter und Großbauern konnten neben dem ständigen Gesinde die wachsende Zahl der Tagelöhner nicht mehr beschäftigen (Dok.25). Auch Saisonarbeit beim Straßen- und Eisenbahnbau, in Ziegeleien oder als Maurer brachte nur eine Teilentlastung. Forderungen nach Abgabe oder Verpachtung von Kartoffelland (Dok.45) oder Holzdiebstähle und Jagdfrevel im Winter gehörten zur Existenzsicherung.

Aus Furcht vor den unruhigen ländlichen Unterschichten ließen sich die Bauern bald in das konservative Lager ziehen. In einigen Kreisen, berüchtigt der Teltow (Dok.30), kam es sogar zu einer Interessenannäherung an die Gutsbesitzer. Um Konfliktstoffe zu beseitigen, hob der König das adlige Jagdrecht auf fremdem ←10 | 11→Eigentum, das heißt auf den bäuerlichen Fluren entschädigungslos auf. Während die Bauern nach unten selbst scharfe Standesschranken errichteten, gab es von ihrer Seite nur gelegentlich Angriffe gegen adlige Privilegien, wie die Freiheit von der Grundsteuer, und die Forderung der Gleichstellung aller Staatsbürger (Dok.42).

Die Städte

Im Jahre 1846 war nur Berlin mit 408 000 Einwohnern eine wirkliche Großstadt. Die übrige Provinz hatte 1 658 000 Einwohner, aber alle Städte im Lande zusammen erreichten nicht einmal ganz die Bewohnerzahl von Berlin.

Die beiden Verwaltungszentren Potsdam und Frankfurt waren mit je etwa 30 000 Einwohnern die größten Städte. Brandenburg an der Havel hatte die Hälfte. Danach folgten mit 10-12 000 Landsberg an der Warthe, Prenzlau und Guben, mit über 8 000 Cottbus und Neuruppin, mit über 5 000 Charlottenburg, Cüstrin, Crossen, Sorau, Wittstock, Luckenwalde, Schwedt, Perleberg, Wriezen und Rathenow. Alle übrigen Orte waren kleiner.

Neben Berlin existierte nur Frankfurt als größeres Handelszentrum, vor allem nach dem Osten.

Fast alle großen und mittleren Städte waren traditionell vom Textilgewerbe geprägt, wobei überwiegend Wolle verarbeitet wurde. Sorau war auf Leinen, Bernau auf Seide und das Potsdam benachbarte ländliche Nowawes (Babelsberg) auf Baumwolle spezialisiert.

In den zwanziger Jahren hatten zuerst in der Niederlausitz (Cottbus, Guben) Spinnmaschinen ihren Einzug gehalten. Im Gegensatz zum benachbarten Sachsen fanden mechanische Webstühle erst zögernd Eingang (noch 1852 erst 5% aller Webstühle im Regierungsbezirk Potsdam). Das Tempo der Industriellen Revolution nahm jedoch am Ende der vierziger Jahre des vorigen Jahrhunderts erheblich zu, und in der von Verlegern beherrschten Hausindustrie und bei den noch selbständigen Einzelmeistern begann sich die beginnende Krise gegenüber der Fabrikproduktion abzuzeichnen (Dok.8).

Spinnereien und Tuchfabriken deckten ihren Energiebedarf zunächst mit Wasserkraft, erst später mit Dampf. So waren im Regierungsbezirk Potsdam 1846 erst 53 Dampfmaschinen mit zusammen nur 605 PS in Betrieb, 1852 waren es schon 131 mit 1721 PS. Davon waren erst 16 (27) in Spinnereien, 3 (6) in Walkereien, 5 (17) in Metallfabrikation und Maschinenbau eingesetzt. Weitere 12 (36) arbeiteten in verschiedenen Mühlen, 16 (44) meist auf dem Lande in Gutsbrennereien und zur Wasserhaltung in Ziegeleien, Torfstichen und bei der Melioration.1 Entsprechend steigerte sich der in den vierziger Jahren in Gang gekommene Braunkohlenabbau von 324 000 Tonnen in 12 Gruben mit 283 Arbeitern in der ganzen Provinz im ←11 | 12→Jahre 1846 auf 863 000 Tonnen in 41 Werken mit 706 Arbeitern 1850.2 Davon ging jedoch das meiste nach Berlin, ein großer Teil in die Branntweinbrennereien. Im übrigen wurde schlesische Steinkohle auf dem Wasserwege herangebracht. Besonders zu erwähnen sind die Anfänge der chemischen Produktion in Oranienburg (Dok.l), wo Farben auf Anilinbasis und Appreturmittel für das Textilgewerbe hergestellt wurden.

In den meisten Städten dominierten jedoch Kleingewerbe, Handwerk und Handel für einen begrenzten regionalen oder lokalen Markt. Nur optische Gläser aus Rathenow, Neuruppiner Bilderbogen, von Kindern handkoloriert, Kirchhainer Lederwaren hatten landesweiten Absatz. Vor allem in den mittleren und kleineren Städten waren die größten Grundbesitzer die Ackerbürger und Gastwirte. Auch wenn Scheunen aus dem Stadtbild innerhalb der Mauern meist verbannt waren, konnten Mittel- und Kleinstädte gerade im Zentrum eine agrarische Teilprägung nicht verbergen. Manche Standes- oder gutsherrlichen Mediatstädte von unter 1000 bis 1500 Einwohnern unterschieden sich höchstens durch die Ortsgestaltung, nicht aber durch die Produktion von Dörfern.

So nimmt es nicht Wunder, daß selbst in den größeren Städten das durch lokale Interessen bestimmte Mittel- und Kleinbürgertum vorherrschte, während eine großbürgerliche Schicht mit einem weiteren Horizont und dem Willen zur gesellschaftlichen Modernisierung außerhalb Berlins nur schwach entwickelt war. Gegen die von den Liberalen geförderte Gewerbefreiheit und die Unterstützung neuer Techniken hielten die Handwerker an der monopolartigen Geschlossenheit ihrer Zünfte und Innungen fest. Die kommunalpolitische Mitbestimmung in den Stadtverordnetenversammlungen war an den Grundbesitz und ein bestimmtes Einkommen gebunden. Schutz des Privateigentums und Besitzsicherung waren oberstes Ziel des Mittelstandes.

Der Mittelstand war sogar bereit, seinen Besitz durch die Bildung bewaffneter Sicherheitsvereine zu verteidigen (Dok.20,32). Freilich waren diese staatlicherseits geförderten Bürgerwehren oft nur mit Piken bewaffnet, schlecht ausgebildet und daher kaum in der Lage, die gewünschte Ordnung zu erhalten (Dok.30).

Die Besitzbürger fühlten sich bedroht durch die stark angewachsenen, zahlenmäßig überlegenen städtischen Unterschichten. Angesichts wachsender Preise, knapper Lebensmittel und steigender Arbeitslosigkeit hatten sie schon im April 1847 nicht nur in Berlin, sondern auch in mehreren Provinzstädten, vor allem im Osten Brandenburgs wie in Landsberg, durch “Hungertumulte” mit Plünderungen auf sich aufmerksam gemacht. Da der Handel mit Agrarprodukten vielfach in jüdischen Händen lag, fehlte es dabei auch nicht an antisemitischen Akzenten (Dok.7). Nun waren diese Schichten gewillt, ihre sozialen Existenzbedingungen auch mit politischen Mitteln aufzubessern.

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Die Unterschichten waren in sich keineswegs homogen. Zu ihnen gehörten Handwerksgesellen, oft weitgereist und politischer Bildung aufgeschlossen. Sie waren in Handwerkervereinen organisiert und bereit, mit ihresgleichen an anderen Orten Verbindungen aufzunehmen. Sie diskutierten soziale und demokratische Vorstellungen und trugen dieses Gedankengut auch von Berlin in die Provinz weiter. Konservative Politiker machten sich dagegen Hoffnung, daß königstreue Lehrer in der Handwerkerbildung einen besänftigenden Einfluß ausüben könnten, meist vergeblich (Dok. 12). Agitatoren des Bundes der Kommunisten wirkten in Berlin. Ein persönliches Auftreten außerhalb der Hauptstadt ist bisher nicht nachweisbar, doch Zeitungen und Flugschriften des Bundes gelangten in die demokratischen Klubs im Lande und wurden dort vorgelesen und besprochen (Dok.59). Andererseits wurde von der Reaktion vieles als kommunistisch denunziert, was bürgerlichdemokratisch, aber eben nicht im Sinn der Konservativen war (Dok. 109). Tagelöhner, Maurer und Fabrikarbeiter meldeten sich überwiegend mit sozialpolitischen Forderungen zu Wort und wußten sich mit mächtigen Streiks Gehör zu verschaffen (Dok.20, 30, 35, 49, 53, 71), aber sie standen auch hinter politischen Zielen (Dok.70). Die isoliert in ihren Wohnungen tätigen, unter dem Existenzminimum lebenden und resignierenden, für Verleger tätigen Textilarbeiter wurden von den politischen Forderungen der Zeit in geringerem Maße erreicht.

Die politischen “Elitender Demokratie in der Provinz

Die entscheidenden Diskussionen um die Modernisierung der Gesellschaft und des Staates fanden in Berlin, der Hauptstadt Preußens, und in Frankfurt am Main, dem Sitz des Deutschen Bundes, statt, andere Ausgangspunkte waren Königsberg in Preußen und Breslau oder Köln, wo Marx die “Neue Rheinische Zeitung” herausgab. Wer aber verbreitete das demokratische Gedankengut fernab von den Zentren, übernahm die Leitung der sich in den Märztagen rasch bildenden Demokratischen Klubs und Volksvereine? Während die Namen der parlamentarischen Vertreter aller politischen Richtungen zu einem großen Teil erfaßt, ihr Leben und Wirken in biographischen Skizzen und Lexika beschrieben worden ist, sind die Biographien der örtlichen Führer bis auf wenige Ausnahmen (die Lehrer Boltze in Cottbus und Kühling in Neuruppin)3 bisher unerforscht. Ihrem Ansehen in der Bevölkerung, ihrer Überzeugungsarbeit in Vereinsabenden und bei Volksversammlungen, der Wirksamkeit der von ihnen verfaßten Presseartikel und als Flugblätter verbreiteten Aufrufe und Adressen verdankt die Revolution einen geschichtlich wirksamen und über bloße Tumulte hinausgehenden Verlauf.

Ihr Spektrum reichte von eindeutigen Republikanern bis zu linken und rechten Demokraten, die aus taktischen Gründen oder Überzeugung eine konstitutionelle Monarchie erstrebten, sich in der Haltung zur sozialen Revolution aber unter ←13 | 14→schieden. Wir treffen auf Handwerker wie den äußerst aktiven Färbermeister Gaebeler an der Spitze der Gubener Tucharbeiter (Dok.62, 105) oder auf den Hutmacher Fiedler in Fürstenwalde als praktischen Organisator (Dok.83). Die meisten aber waren bürgerliche Akademiker, darunter Ärzte wie Dr. Berg, Gusow (Dok.81), Kreisarzt Dr. Breitzmann, Templin (Dok.79), Dr. Gallus, Altdöbern (Dok.91), und Dr. Klopsch, Straupitz, dann Vetschau, der Präsident des demokratischen Zentralvereins der Niederlausitz (Dok.91, 100), Dr. Lehmann, Potsdam (Dok.48), oder Dr. Samelson, Zehdenick (Dok.79,108). Unerwartet begegnen uns aktive Richter wie Landgerichtsrat Ritter, Cottbus (Dok.72), Stadtgerichtsrat Heyder, Zehdenick (Dok.79), ja eine ganze Gruppe allerdings gemäßigter Juristen in Calau (Dok.91) und natürlich Rechtsanwälte wie der Luckauer Corty (Dok. 113); dazu zählten weiter die Gymnasiallehrer Boltze, Cottbus (Dok.72), und Niemann, Guben (Dok. 105).

Eine wichtige Rolle besonders auf dem Lande spielten die Volksschullehrer als Vertrauenspersonen ihrer ehemaligen Schüler (Dok.82, 108, 109) und die Landmesser, die infolge der Separationsarbeiten Kontakte zu den Bauern besaßen (Dok.34, 79,113). Zu den Technikern mit einem weiten amtlichen Wirkungskreis in den neu entstehenden Kohlengruben gehörte der Berggeschworene Kirchner (Dok.41, 67, 84, 90). Sein besonderes Anliegen war, Arbeiter für eine demokratische Politik zu gewinnen. Er scheint trotz seines Beamtenstatus einer der einflußreichsten und geschicktesten Organisatoren der Revolution in der Stadt und im Regierungsbezirk Frankfurt gewesen zu sein und hätte längst eine wissenschaftliche und öffentliche Würdigung verdient.

Zwei Männer sollen noch erwähnt werden, die nach Vorstellung vergangener Klassentheoretiker auf der anderen Seite der Barrikaden hätten stehen müssen. Das waren der nicht aus Brandenburg stammende junge Adlige Graf von Görtz, der in Frankfurt und Umland wirkte und nach Kirchners Maßregelung den Vorsitz im dortigen Demokratischen Verein übernahm und später in Baden für die Revolution kämpfte (Dok. 107), und der aus uraltem uckermärkischen Adel stammende Rittergutsbesitzer v. Holtzendorff in Vietmannsdorf, der die Volksbewegung im Kreis Templin in geschickter Ausnutzung seiner gutsherrlichen Befugnisse und gegen seine Standesgenossen unterstützte (Dok.79, 108).

Die “Märzforderungen”

Die Hoffnung auf eine Modernisierung der Gesellschaft in Preußen durch die Stein- Hardenbergschen Reformen hatten sich nur in Ansätzen erfüllt. Die Adelsprivilegien waren unangetastet gebheben. Der König regierte, nur von Ständen “beraten”, fast absolutistisch. Die Schranken zwischen den Klassen und Schichten waren stark und schienen unüberwindbar. Nach dem Vorbild westeuropäischer Staaten forderte das Bürgertum die Mitbeteiligung an der politischen Macht, die Wahl eines Parlamentes und die Verabschiedung einer Verfassung. Auf die Nachricht von der Februarrevolution in Frankreich meldeten sich vor allem die städtischen Unterschichten ←14 | 15→mit der Forderung nach einer staatsbürgerlichen, politisch-gesellschaftlichen Gleichberechtigung unüberhörbar zu Wort. Zu den “Märzforderungen” gehörten u.a., wie es die aus Landsberg überlieferte Adresse an den König (Dok. 14) als eine unter vielen ausweist:

1. eine “Volksvertretung mit entscheidendem Stimmrecht und verantwortlichen Ministem”. Diese Vorstellung eines mitbestimmenden Parlamentes oder gar einer Volkssouveränität war für den aus tiefster Überzeugung als “König von Gottes Gnaden” lebenden König Friedrich Wilhelm IV. undenkbar, wie sein aufschlußreiches Bekenntnis aus dem Jahre 1844 zeigt (Dok. 5).

2. “unbeschränktes Wahlrecht und unbeschränkte Wählbarkeit”. Dabei ging es weniger um die geheime, als um eine direkte, vor allem aber vom Vermögenszensus befreite gleiche Wahl. Diese wurde auch tatsächlich bei der Wahl einer verfassungsgebenden preußischen Nationalversammlung im Mai 1848 errungen, wenn auch durch das zweistufige System der Wahlmänner gedämpft. Damit hatten die Demokraten einen entscheidenden politischen Vorteil zur Mitsprache erzielt. Das Volljährigkeitsdatum von 24 Jahren, das frühe Familiengründungen und damit das explosionsartige Wachstum der Unterschichten einschränken sollte (Dok. 11), und die Einbeziehung der Frauen in die Politik waren damals in der männlichen Gesellschaft noch kein Thema.

3. “unbedingte Freigebung der Presse und freies Assoziationsrecht der Bürger”. Presse- und Versammlungsfreiheit waren Voraussetzung für jede gesellschaftliche Mitwirkung der Staatsbürger überhaupt. Beides wurde vom König noch am Tag vor dem entscheidenden 18. März zur Beruhigung gewährt. Jede Beeinträchtigung wie das Abreißen revolutionärer Plakate durch die Polizei (Dok.85) wurde danach als grundsätzlicher Affront gegen die Bürgerfreiheit empfunden.

4. “Volksvertretung beim deutschen Bunde” - dieser sollte mehr sein als eine Versammlung staatlicher Gesandter aller deutscher Bundesstaaten einschließlich Österreichs. Schließlich sorgten auch die im Mai in das deutsche Parlament in der Frankfurter Paulskirche gewählten Volksvertreter durch Berichte und Besuche dafür, daß ihre Debatten in den Heimatwahlkreisen diskutiert wurden. Aber diese Abgeordneten waren überwiegend Vertreter einer bürgerlichen Intelligenz, die sich schwer taten mit den unteren Volksschichten. So standen die schwarz-rot-goldenen Flaggen und Kokarden der Revolution mehr für die staatsbürgerliche Freiheit als für die deutsche Einheit, weil sich die Mehrheit der Bevölkerung nichts anderes als ein “starkes Preußen” vorstellen konnte. Dabei glaubte man auch auf einen König, wenn er sich nur an die in einer Verfassung zu vereinbarenden Regeln hielt, nicht verzichten zu brauchen. Für eine deutsche Republik war die Zeit auch in Brandenburg noch nicht reif.

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1.2. Der Verlauf der Revolution in Brandenburg

Der unvollendete Sieg der demokratischen Volksbewegung

Wie in Berlin waren auch in der Provinz4 seit den ersten Märztagen des Jahres 1848 soziale Unruhen und politische Forderungen eng verquickt. Arbeitslose Maurer und Bauhandwerker drohten den städtischen Behörden in Fürstenwalde (Dok. 18), Potsdam, Frankfurt und anderen Städten, die in und von den Tuchfabriken beschäftigten Arbeiter verlangten Arbeit und höhere Löhne, so daß Brandenburgs Oberbürgermeister Franz Ziegler zur Beruhigung die Regierung am 14. März dringend um Heeresaufträge für Uniformen bat (Dok. 17) und in Cottbus schon vor dem 20. März insgeheim eine bewaffnete Sicherheitstruppe aus Bürgern gebildet wurde (Dok.20). Gleichzeitig wurden in Flugblättern und Adressen die Abschaffung des Adels, die Beseitigung seines Einflusses auf die staatliche Verwaltung und gleiche Bürgerrechte für alle verlangt (Dok. 14, 16).

Am 18. März war eine friedliche Bürgerdemonstration in Berlin durch die provokante Haltung des Militärs, an der der Thronfolger Prinz Wilhelm nicht unbeteiligt war (Dok. 15), in einen offenen und auf beiden Seiten opferreichen Bürgerkrieg mit Barrikadenkämpfen umgeschlagen. Der König sah sich zum Nachgeben gezwungen, ließ die in Berlin stationierten Garderegimenter nach Potsdam (Dok.22) und in das Umland (Dok.9, 13) verlegen, machte politische Zugeständnisse und begab sich bald darauf in den Schutz seiner Truppen nach Potsdam. Die Nachricht von den Berliner Ereignissen erreichte die an den Eisenbahnen und Hauptpoststraßen gelegenen Orte am Nachmittag und Abend des 19. (Dok.21, 28). Sie löste beim konservativen Adel einen Schock aus. Als Friedrich Wilhelm gar am 29. März erstmals ein von Bürgerlichen geführtes liberales Kabinett berufen und diesem empfohlen hatte, Konflikten in Berlin aus dem Wege zugehen (Dok.26), wurde er in Kreisen des Landadels als “deutscher” König, als Verräter an Preußen und seinen “treuen Freunden” gesehen, ja man meinte unter sich, “es wäre das beste, man hätte ihn gehangen”(Dok.27). Prinz Wilhelm, auf den die Konservativen ihre Hoffnung setzten, befand sich zu dieser Zeit schon auf der Flucht in London. Gegen die Gutsbesitzer richteten sich an vielen Orten noch im März Petitionen und Drohungen der Landarbeiter (Dok.23-25), die durch Hinhaltung und Besänftigung, obrigkeitliche Vermahnungen seitens der Bezirksregierung Frankfurt (Dok.31), vor allem aber mittels militärischer Einquartierung gewaltsam ruhiggestellt wurden. Eine Politisierung der Gesellschaft erfolgte in Vorbereitung der Wahlen zu den verfassungsgebenden Versammlungen in Berlin und in Frankfurt, die in zwei Stufen als Urwählerwahl am 1. Mai und als Deputiertenwahl am 8. Mai ausgeschrieben ←16 | 17→waren (Dok.34, 37). Die gemäßigt liberalen “Konstitutionellen Klubs” des Bürgertums und die “Demokratischen Klubs” des linken revolutionären Flügels nutzten dazu die in der Märzrevolution gewonnene Rede-, Presse- und Versammlungsfreiheit. Nachdem aber die Abgeordneten ihre Arbeit aufgenommen hatten (Dok.38) und die Hoffnung auf das Zustandekommen einer Verfassung bestand, ließ das Interesse liberaler und rechtsdemokratischer Kreise an der Fortführung der Revolution nach. Dagegen appellierte der Demokratische Verein in Frankfurt mit einer Adresse vom 9. Juni an die Linken in der Berliner Nationalversammlung, “die Freiheit zu vollenden” (Dok.39), nachdem dort der Berliner Abgeordnete Berends das Parlament aufgefordert hatte, sich zur Revolution vom 18. März zu bekennen. Danach bemühten sich die Demokraten in Frankfurt unter Kirchner um die Gewinnung von Arbeitern als Bundesgenossen (Dok.41).

Kräftesammeln in beiden Lagern

Inzwischen hatten die Kräfte der Gegenrevolution Zeit gefunden, sich zu sammeln und zu organisieren. Sie schöpften Hoffnung auf die Wiedergewinnung der alten Zustände, gefördert durch die Niederschlagung der Revolution in Paris am 26. Juni. Der König hielt sich im Schutz seiner Garderegimenter in Sanssouci auf, beraten von der hochkonservativen “Kamarilla”, die die Maßnahmen der bürgerlichen Reformministerien überwachte. In der Provinz waren etwa 30 konservative “Patriotische Vereine” und “Vereine für König und Vaterland” entstanden,5 die in der am 1. Juli gegründeten “Neuen Preußischen Zeitung”, auch Kreuzzeitung genannt, ihr Sprachrohr fanden. Bereits am 7. Juni hatten sie dem Prinzen Wilhelm nach seiner Rückkehr aus London vor dem Schloß Babelsberg einen festlichen Empfang bereitet.

Details

Seiten
260
ISBN (PDF)
9783631872727
ISBN (ePUB)
9783631872734
ISBN (MOBI)
9783631872741
ISBN (Paperback)
9783631318720
Open Access
CC-BY-NC-ND
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (November)
Erschienen
Frankfurt/M., Berlin, Bern, New York, Paris, Wien, 1998. 260 S., 8 Abb.

Biographische Angaben

Brandenburgisches Landeshauptarchiv (Autor:in)

Der Autor: Gebhard Falk wurde 1928 geboren. Studium der Geschichte und Germanistik in Halle und Jena sowie der Archivwissenschaft in Potsdam, Dr. phil. Von 1958 bis 1993 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Brandenburgischen Landeshauptarchiv in Potsdam.

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Titel: Die Revolution 1848/49 in Brandenburg