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Die Vogtei Salzwedel

Land und Leute vom Landesausbau bis zur Zeit der Wirren

von Joachim Stephan (Autor:in) Brandenburgisches Landeshauptarchiv (Autor:in)
Dissertation XIV, 578 Seiten
Open Access

Zusammenfassung

Diese Arbeit versteht sich als Fallstudie für die Stadt-Land-Beziehungen. Sie zeichnet von der Siedlungsgeschichte ausgehend die Genese der Vogtei Salzwedel in einer deutsch-slawischen Kontaktzone nach und rekonstruiert für das 14. Jahrhundert die Gesellschaft dieses Gebiets in ihrer ständischen Zusammensetzung. Dabei werden erstmals die Informationen des ältesten Stadtbuchs Salzwedels aus dem 14. Jahrhundert ausgewertet, das im Anhang vollständig ediert wird.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Vorwort des Herausgebers
  • Vorwort des Verfassers
  • Einführung
  • Die Quellen
  • Die Schriftquellen
  • Probleme der Urkundeninterpretation
  • Die Sachquellen
  • Maße und Preise
  • Die Vogtei Salzwedel: Land und Leute
  • Land und Stadt
  • Das Land
  • Die Besiedlung des Landes Salzwedel
  • Die Zeit der Wüstungen
  • Die kirchliche Organisation der Vogtei Salzwedel
  • Die Propstei Salzwedel
  • Das Archidiakonat Kuhfelde
  • Die Propstei Dähre
  • Die Stadt
  • Altensalzwedel und Salzwedel
  • Die Topographie Salzwedels im 14. Jahrhundert
  • Die Bebauung der Grundstücke
  • Die Vorstädte Bockhom und Damme
  • Die Neustadt
  • Die Stadtdörfer
  • Der Perwer
  • Die Landwehren
  • Die Landbevölkerung
  • Die Bauern
  • Sachsen, Slawen und Deutsche
  • Die Bauern zu slawischem Recht
  • Die Bauern zu deutschem Recht
  • Die Kossäten
  • Schulzen
  • Der Adel
  • Allgemeine Charakteristik des Adels der Vogtei Salzwedel
  • Adlige Familien mit urkundlich belegten Rechten in der Vogtei Salzwedel
  • Die Geistlichkeit
  • Archidiakone und Pröpste
  • Die Landgeistlichen
  • Das Kloster Arendsee
  • Das Kloster Dambeck
  • Das Augustiner-Chorfrauenstift Diesdorf
  • Das Zisterzienserinnenkloster Isenhagen
  • Das Kloster Hamersleben
  • Das St.-Ludgeri-Kloster in Helmstedt
  • Das Kloster Krevese
  • Das Bendediktinerinnenkloster Ebstorf
  • Die Kirchen im Perwer
  • Das Heilig-Geist-Spital in Salzwedel
  • Der Besitz des Heilig-Geist-Spitals
  • Das Annenkloster
  • Das Leprosenspital St.-Georg
  • Die Stadtbevölkerung
  • Die Geistlichkeit in der Stadt
  • Die Marienkirche
  • Die Nikolaikapelle
  • Die Lorenzkapelle
  • Die Annenkapelle auf der Burg
  • Die Bettelorden
  • Die Beginen
  • Das Gertrudenhospital
  • Die geistlichen Bruderschaften
  • Der große Kaland
  • Der kleine Kaland
  • Die Nikolaigilde
  • Die Elendengilde
  • Die Katharinenkirche der Neustadt
  • Die Bruderschaften der Neustadt
  • Die Ratsleute Salzwedels
  • Die Ratsherren Salzwedels bis 1420
  • Die Ratslisten bis 1420
  • Rechtsprechung und Verwaltung
  • Salzwedel als Handelsstadt
  • Die Gewandschneidergilde
  • Die Gewandschneidergilde als religiöse Bruderschaft
  • Handwerk in Salzwedel
  • Die Handwerker in der Gesamtstadt bis 1322
  • Die Handwerker in der Altstadt
  • Nichtzünftiges Handwerk
  • Die Herkunft der Salzwedler Bevölkerung
  • Juden in Salzwedel
  • Die Stände des Landes Salzwedel und der Altmark
  • Fazit
  • Siglen und Abkürzungen
  • Bibliographie
  • Geographisches Register
  • Anhang I: Das älteste Stadtbuch der Stadt Salzwedel
  • Einleitung
  • Stadtbücher im Archiv der Stadt Salzwedel
  • Das älteste Stadtbuch der Stadt Salzwedel
  • Aufbau und Gestalt des Stadtbuchs
  • Editionsgrundsätze
  • Währungsverhältnisse
  • Register
  • Text
  • Register: Sachindex
  • Index der Berufsbezeichnungen
  • Topographischer Index
  • Personenindex
  • Anhang II: Ungedruckte Urkunden zur Geschichte Salzwedels
  • Reihenübersicht

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Vorwort des Herausgebers

Es mag den einen oder anderen Leser, wenn er einen Blick auf die Titelei des vorliegenden Buches wirft, verwundern, daß eine gelehrte geschichtswissenschaftliche Studie zur Vogtei Salzwedel in der Altmark, also zu einer Stadt und ihrem Umland im heutigen Land Sachsen-Anhalt, in der Schriftenreihe einer wissenschaftlichen Einrichtung des Landes Brandenburg, des Brandenburgischen Landeshauptarchivs, erscheint. Der untergründige Zweifel ist leicht auszuräumen. Das Brandenburgische Landeshauptarchiv verwahrt entsprechend seiner Zuständigkeit, in die nach dem Brandenburgischen Archivgesetz von 1994 alle Rechts- und Funktionsvorgänger des heutigen Landes Brandenburg fallen, die Überlieferung von Institutionen und Behörden der im 12. Jahrhundert entstandenen und 1815 aufgelösten Mark Brandenburg. Zu ihr gehörte von Anfang an die Altmark, ja, richtiger ausgedrückt, die Mark Brandenburg ist von der Altmark aus geschaffen worden, denn von seinen altmärkischen Besitzungen aus stieß der Markgraf der Nordmark Albrecht der Bär seit den 1130er Jahren in die östlich der Elbe gelegenen, damals von heidnischen Slawen besiedelten Landschaften vor, und nach der Inbesitznahme von deren wichtigster Feste Brandenburg an der Havel nannte er sich seit 1157 endgültig Markgraf von Brandenburg. Die Altmark war jahrhundertelang ein unbestrittener Teil der Mark Brandenburg und nahm unter ihren wechselnden Herrscherhäusern, unter den Askaniem, den Wittelsbachem, den Luxemburgern und schließlich (seit 1415) den Hohenzollem, an ihren politischen Geschicken teil. Erst als Preußen nach seiner schweren Niederlage gegen Napoleon im Tilsiter Frieden von 1807 all seine westelbischen Lande verlor, mußte es die Altmark einem von dessen Satellitenstaaten, dem Königreich Westphalen, überlassen. Nach Napoleons Sturz wurden die Staatsgrenzen in Europa auf dem Wiener Kongreß neu zugeschnitten, aus alten und neuen, vom Königreich Sachsen abgetretenen Gebieten errichtete Preußen 1815 die Provinz Sachsen mit der Hauptstadt Magdeburg, der auch die Altmark zugeschlagen wurde. Erst seitdem war und ist sie dem Gefüge der Provinz Sachsen bzw. des daraus 1945 hervorgegangenen und 1990 wiedererstandenen Landes Sachsen-Anhalt eingeordnet.

Der geschichtliche Rückblick macht verständlich, daß sich ein brandenburgischer Landesarchivar und Landeshistoriker geradezu selbstverständlich um die Altmark kümmert, wenn er die Geschichte der Mark Brandenburg während des Mittelalters und der frühen Neuzeit insgesamt oder in einzelnen Teilen erforscht. Es überrascht daher nicht, daß die als Dissertation entstandene Studie von Joachim Stephan vom ehemaligen Inhaber des Lehrstuhls für brandenburgische Landesgeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin, Prof. Dr. Winfried Schich, angeregt und betreut worden ist. Das Brandenburgische Landeshauptarchiv, in dessen kurmärkischen Behördenüberlieferungen Vorgänge über die Altmark einen umfangreichen Niederschlag gefunden haben, hat sich gern ←IX | X→dazu bereiterklärt, das erarbeitete Manuskript zur Publikation anzunehmen, zumal es zur Vervollständigung des Historischen Ortslexikons für Brandenburg seit längerem darum bemüht ist, ein Historisches Ortslexikon für die Altmark zu erstellen und herauszubringen. Es sollte sich eigentlich von selbst verstehen, daß sich die historische Forschung in der räumlichen und thematischen Eingrenzung ihrer Arbeitsgebiete nicht an gegenwärtige Landes- und Staatsgrenzen orientiert, sondern daß sie von den geschichtlich gewachsenen Einheiten in ihren jeweiligen Grenzen ausgeht, wenn sie nicht falsche Eindrücke von der geschichtlichen Entwicklung erwecken oder gar befördern will. Freilich kann man gelegentlich schon innerhalb der Bundesrepublik Deutschland den Verdacht hegen, daß der Anspruch auf die monopolähnliche Erforschung des „eigenen“ Landes geradezu eifersüchtig gegen die „Eingriffe“ benachbarter Landeshistoriker gewahrt wird. Erst recht rief man noch in der jüngeren und jüngsten Vergangenheit politische Abwehrreaktionen hervor, wenn man von der „alten“ Bundesrepublik aus in seinen landeshistorischen Studien über deren Grenzen hinausgriff und die Geschichte der zur DDR oder zu Polen gehörenden Regionen behandelte, als ob aus derartiger historischer Forschung manchem unliebsame politische Ansprüche abgeleitet werden sollten. Es bleibt zu hoffen, daß solche vordergründigen Urteile künftig den freien wissenschaftlichen Erkenntnisdrang nicht behindern werden.

Daß Stephans Werk in der Schriftenreihe „Quellen, Findbücher und Inventare des Brandenburgischen Landeshauptarchivs“ erscheint, ist darin begründet, daß es in glücklicher Weise Quellenedition und Darstellung miteinander verbindet. Der Verfasser ediert sorgfältig und vollständig das älteste Stadtbuch Salzwedels, das aus der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts stammt. Es wurde wohl um 1305 angelegt, sein erster datierter Eintrag fallt ius Jahr 1309, zwischen 1315 und 1329 sind einige Lücken vorhanden, die wohl eher aus seiner nachlässigen Führung als aus Überlieferungsverlusten zu erklären sind. Im April 1329 wurde, wie einem überschriftartigen Vermerk zu entnehmen ist, ein neuer Anfang gemacht, seitdem wurde das Stadtbuch offensichtlich bis zu seiner Schließung im Frühjahr 1360 kontinuierlich geführt, was man auch an den in dieser Zeit nachweisbaren drei Haupthänden ablesen kann. Inhaltlich betrachtet, stößt man etwa im ersten Jahrzehnt der Buchführung auf Vermerke über Schulden und Renten, später überwiegen eindeutig die über Immobiliengeschäfte und - in geringerem Maße - über Rentengeschäfte. Die Eintragungen sind sehr knapp gehalten und folgen durchgängig demselben Muster. Vertieft man sich in die Lektüre der Quelle, ermüdet man schnell durch die Kargheit und Gleichartigkeit der Notizen, eine Fülle von Namen und Zahlen begegnet einem, immer wieder werden Käufer und Verkäufer genannt, werden die Art des Geschäfts, das davon betroffene Objekt und die Höhe der damit verbundenen Zahlungen stichwortartig festgehalten. Die Quelle ist ausgesprochen spröde und entzieht sich einer raschen eindeutigen Interpretation. Welch weitreichende Aussagekraft ←X | XI→sie besitzt, erschließt sich dem Leser erst, wenn er Stephans Darstellung studiert und dabei auf die Quellennachweise achtet. Neben der urkundlichen Überlieferung, die größtenteils bereits im 19. Jahrhundert durch Riedels monumentalen „Codex diplomaticus Brandenburgensis“, wenn auch nicht immer in verläßlicher Form, der Forschung bekannt gemacht wurde, stützen sich die Untersuchungen vornehmlich auf das Stadtbuch. Insbesondere der personenkundliche Schwerpunkt und die ständegeschichtlichen Überlegungen wären ohne die Auswertung seiner Einträge in ihrem Wert entscheidend gemindert worden. So belegt Stephan eindrucksvoll, wie man einem gleichförmig, geradezu seriell geführten Amtsbuch beachtliche Erkenntnisse zur sozialen Zusammensetzung der Bevölkerung abgewinnen kann, wenn man mit überlegten Fragestellungen den hinter seinen rechtsgeschäftlichen Vermerken stehenden Verhältnisse auf die Spur zu kommen sucht. Seine Arbeit belehrt beispielhaft wieder einmal darüber, daß die geschichtswissenschaftliche Forschung jenseits der rasch wechselnden modischen Trends in erster Linie davon lebt, daß sie in unablässigem Ringen um die Aussagefahigkeit der überlieferten Quellen ihnen neue Einsichten über Ereignisse und Zustände der Vergangenheit abzulauschen sucht.

Die Darstellung wird davon getragen, daß ihr Verfasser die Flut der in den recht reichhaltigen Quellen enthaltenen Informationen durch gezielte methodische Zugriffe mit leitenden übergeordneten Gesichtspunkten gebändigt hat. Er geht dabei von der Siedlungsgeschichte aus, stellt sich damit in eine große, in den letzten Jahrzehnten allerdings zu Unrecht zurückgetretene Tradition landesgeschichtlicher Forschung, die hier nur mit dem Namen Rudolf Kötzschkes und seiner Leipziger Schule angedeutet sei, und arbeitet vor allem die langfristigen Folgen der Besiedlungsvorgänge heraus. Erst aus ihnen und in ihrem Ergebnis entstand eine Geschichts- und Kulturlandschaft, das „Land (terra) Salzwedel“, das, wie nachdrücklich betont wird, nicht von vornherein durch naturräumliche Verhältnisse vorgegeben war, sondern durch den vom Menschen betriebenen Landesausbau gebildet wurde. Dabei wird auch herausgestrichen, daß die Altmark erst im Laufe der Zeit, insbesondere durch die Vorgänge des 14. Jahrhunderts, aus einzelnen „Ländern“ zu einer größeren politischen Einheit zusammengewachsen ist. Ausgehend von der Besiedlungsgeschichte oder, anders ausgedrückt, ausgehend vom „Land“, von der Vogtei Salzwedel und der darin gelegenen Stadt Salzwedel, wendet sich Stephan anschließend der Sozial- und Verfassungsgeschichte zu, anders ausgedrückt, den „Leuten“, die von ihm in ihrer ständischen Ordnung vorgestellt werden. Geistlichkeit, Adel, Bürger und Bauern werden in ihrer jeweiligen rechtlichen und sozialen Verfaßtheit, in den maßgebenden Lebensverhältnissen und Lebensumständen ihrer verschiedenen Gemeinschaften eingehend beschrieben. Dabei begnügt sich Stephan nicht damit, die einzelnen Gruppen allgemein und abstrakt zu kennzeichnen, sondern er legt großen Wert darauf, ihre Zusammensetzung mit all ihrer Differenziertheit durch detaillierte prosopographische Untersuchungen, wie sie auf Grund der Quellenlage ←XI | XII→vornehmlich für die Adligen bzw. Adelsgeschlechter des Landes und für die Ratsleute der Stadt möglich sind, zu ermitteln. Im Ergebnis seiner Anstrengungen ist eine landesgeschichtliche Studie entstanden, die unter Heranziehung der verfügbaren verschiedenartigsten Quellen und durch deren eindringliche Interpretation eine vergangene menschliche Lebenswelt in einem umgrenzten Raum, eine der kleinen Ordnungen des menschlichen Lebens in einer in ihrer Ausdehnung überschaubaren Region zur Anschauung bringt und damit für ihren ausgewählten Gegenstand ein zentrales Anliegen der deutschen Landesgeschichtsforschung verwirklicht.

Stephans Absichten erschöpfen sich freilich nicht in der Schilderung einer kleinräumigen Geschichtslandschaft. Er will mit seiner wohlfundierten Studie grundsätzliche Fragen der allgemeinen deutschen und europäischen Geschichte des hohen und späten Mittelalters berühren und mit seinen als beispielhaft verstandenen Erkenntnissen zu deren Diskussion einen Beitrag leistet. Denn wesentliche Themen, die er in seiner auf die Vogtei Salzwedel bezogenen Untersuchung in den Mittelpunkt rückt, tauchen überall im Bereich der deutschen mittelalterlichen Ostsiedlung und darüber hinaus auf und werden seit längerem intensiv in der Forschung erörtert. Erwähnt seien hier nur die Herausbildung und Abschließung der einzelnen Stände, das Zusammenleben von Deutschen und Slawen in einem Reliktgebiet slawischer Siedlung oder die sog. Krise des 14. Jahrhunderts. Gerade das letzte, in der Geschichts-wissenschaft sehr kontrovers erörterte Thema bereichert Stephan durch seine Betrachtungen zu den wirtschaftlichen, sozialen und politischen Problemlagen in dem Jahrhundert zwischen dem Aussterben der Askanier und der Ankunft der Hohenzollem in der Mark. Mit all diesen Betrachtungen kommt er in bemerkenswerter Weise dem anderen zentralen Anliegen der deutschen Landesgeschichtsforschung nach, mit gebührender Deutlichkeit herauszustellen, daß sich ohne die Behandlung der landschaftlichen Gegebenheiten in ihrer Gleichartigkeit wie in ihrer Unterschiedlichkeit zusammenfassende Schlußfolgerungen verbieten. Allgemeine deutsche Geschichte ist ohne die Einbeziehung der Landesgeschichte nicht denkbar.

Potsdam, im Oktober 2005

Dr. Klaus Neitmann

Direktor des

Brandenburgischen Landeshauptarchivs

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Vorwort des Verfassers

Die vorliegende Arbeit wurde als Promotionsschrift am Institut für Geschichtswissenschaften der Philosophischen Fakultät I der Humboldt-Universität zu Berlin vorgelegt und am 17.07.2003 verteidigt. Erstgutachter war Prof. Dr. Winfried Schich, Zweitgutachter Prof. Dr. Jerzy Strzelczyk, Dekan war Prof. Dr. Oswald Schwemmer.

Da eine solche Arbeit ohne die Hilfe anderer nicht entstehen kann, möchte ich mich zumindest bei einigen bedanken, die das Zustandekommen der Arbeit gefordert haben. Ganz herzlich möchte ich mich bei meinem Betreuer Prof. Dr. Winfried Schich bedanken, der immer Zeit für meine zahlreichen Fragen fand. Auch Herrn Prof. Dr. Jerzy Strzelczyk, der sich ohne Zögern bereit erklärte ‚ die Arbeit zu begutachten und zur Disputation nach Berlin zu kommen, bin ich zu Dank verpflichtet. Bedanken möchte ich mich auch bei den ehemaligen Mitarbeitern des Instituts für Landesgeschichte der Humboldt-Universität, besonders bei Herrn Dr. Peter Neumeister, der mir wertvolle Tips für die Edition des Stadtbuches gab, bei Ralf Gebühr, dessen Kommentaren ich viel verdanke und bei Kerstin Brudnachowski für ihre praktische Hilfestellung.

Besonderen Dank schulde ich Christian Popp, der sich der Mühe des Korrekturlesens unterzog und Ellen Franke, die viel Zeit für die Erstellung der Karten opferte sowie meinem Bruder Jörg, der mir bei Fragen des Layouts behilflich war. Nicht zuletzt möchte ich meinen Eltern danken, die die Arbeit auf alle erdenkliche Weise gefordert haben. Ohne sie wäre dieses Buch nicht entstanden.

Poznań, im Oktober 2005

Joachim Stephan

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Einführung

Die vorliegende Arbeit will nach Land und Leuten in der Vogtei Salzwedel fragen. Die klassische mittelalterliche Paarformel „Land und Leute“, die die Beziehung des Landes sowohl zur Herrschaft als auch zu den in ihm lebenden Menschen ausdrückte, erscheint in Urkunden der Vogtei Salzwedel erstmals 1363, als die Markgrafen Ludwig der Römer und Otto die Ratsherren und Bürger beider Städte Salzwedel anwiesen, Kaiser Karl IV. und seinem Sohn Wenzel Eventualhuldigung zu leisten, wie sie es land und lüde, hem, graven, freyen, ritter, knechte, burger, geburen, edel und unedel befohlen hatten.1 Doch bereits als 1283 die Markgrafen Otto, Albert und Otto der Stadt und dem „Land“ Salzwedel, d. h. den Ministerialien, Rittern, Knappen, Bürgern und Kaufleuten, Bauern und allen Bewohnern des Landes, versprachen, daß sie die Urbede weder veräußern noch verpfänden würden, waren sicherlich ebenfalls Land und Leute gemeint.2 Die schwerfälligere Formulierung des Bedevertrages erschien möglicherweise notwendig, da die Vogtei Salzwedel in sich sehr heterogen war.

Dem wechselseitigen Verhältnis von Land und Leuten im mittelalterlichen Land Salzwedel soll im Folgenden nachgegangen werden: Wie prägten die natürlichen Gegebenheiten das Zusammenleben der Menschen und wie veränderten diese die Landschaft?

Geschichtslandschaften werden durch Menschen konstituiert. Demzufolge soll der zu untersuchende Raum nicht a priori durch den Historiker, sondern anhand spätmittelalterlicher Quellen eingegrenzt werden.3 Dieses Vorgehen bedeutet, daß das Land Salzwedel aus dem Zusammenhang gelöst wird, in dem es in der historischen Forschung traditionell behandelt wird: der Altmark. Zwar kann man in Arbeiten zur Geschichte der Altmark von deren natürlichen Grenzen lesen, doch sind diese Grenzen meist nicht „natürlich“, sondern ex post konstruiert:

Der altmärkische Raum hebt sich auch als Landschaft mit gewissen natürlichen Grenzen deutlich von seinen Nachbargebieten ab. Im Süden bilden die untere Ohre und das ausgedehnte Waldgebiet der Letzlinger Heide die Grenze zum Nordthüringgau, der zum ostsächsischen Raume gehörte. Diese natürliche Grenzzone setzt sich nach Nordwesten hin im Sumpfgebiet des Drömling fort, der im Mittelalter ein kaum zu überwindendes Hindernis gebildet hat. Im Westen ist die Altmark übergangslos mit dem altsächsischen Siedlungsgebiet verbunden; Siedlung und Verfassungsformen lassen enge Beziehungen erkennen. Eine natürliche Grenze ist hier erst die Jeetze. Westlich von Salzwedel deutet der Gauname Osterwalde auf die Existenz eines Grenzwaldes hin, der wahrscheinlich erst durch Rodungstätigkeit dem sächsischen Siedlungsbereich angegliedert worden ist. ←1 | 2→Sumpfige Niederungen und das Waldgebiet um den Arendsee schieden im Norden die Altmark vom hannoverschen Wendland, während die Elbe die Grenze im Osten bildete.4

Zweifellos bildete die versumpfte Niederung des Drömling eine natürliche Grenze, aber dasselbe gilt für die im Mittelalter ebenfalls versumpften Niederungen der Flüsse Aland, Milde und Biese, die mitten durch die Altmark fließen und die die Grenze der Bistümer Verden und Halberstadt bildeten. Und der Landgraben nördlich von Salzwedel, der die Altmark vom Wendland scheidet, kann zwar ebenfalls als „natürliche Grenze“ angesehen werden; unüberwindlich war er allerdings nicht, wie die historischen Quellen, die auf eine anfänglich enge Verbindung der Grafschaft Lüchow mit der Vogtei Salzwedel deuten, zeigen. Auch die Elbe, damals in einem viel weiterem Bett als heute, konnte in heißen Sommern durchwatet werden und war im Winter oft problemlos zu überqueren.5 Festzuhalten ist, daß die „Altmark“ keine naturräumliche Einheit bildet, sondern ein Ergebnis der Geschichte ist.

Obwohl der besondere Charakter der Umgebung von Salzwedel, deren Siedlungsbild sich klar von dem des Stendaler Gebiets unterscheidet, der Forschung seit langem bekannt ist, gibt es kaum wissenschaftliche Arbeiten, die speziell der westlichen Altmark gewidmet sind.6 Meistens wurde dieses Gebiet im Rahmen der gesamten Altmark behandelt, ohne daß der besondere Charakter der einzelnen Landschaften der heutigen Altmark genügend berücksichtigt wurde.7 Noch im Lexikon des Mittelalters kann man lesen, daß die Altmark in verschiedene Vogteien gegliedert sei.8 Aber die Altmark gliedert sich nicht in verschiedene Länder, sondern setzt sich aus ihnen zusammen. Zwar wies Johannes Schultze bereits 1957 auf den heterogenen Charakter der Altmark hin, und 1984 betonte Johannes Schneider die Unterschiede in den archäologischen Kulturen der westlichen und der östlichen Altmark, doch blieben diese Stimmen - obwohl regelmäßig pflichtbewußt zitiert - ohne große inhaltliche Resonanz.9 Faktisch wurde in der Tradition der Geschichtsschreibung des 18. Jh., die die Altmark mit der Nordmark identifiziert hatte, weiterhin die Geschichte der einzelnen Landschaften der Altmark als Einheit betrachtet, obwohl diese erst im 14. Jh. zu einem politischen Gebilde zusammenwuchsen.

←2 | 3→Die Frage nach dem Land Salzwedel wird in dieser Arbeit überwiegend siedlungsgeschichtlich gestellt. Diese Kapitel stehen hauptsächlich in der Tradition der „Germania Slavica“, doch im Unterschied zu dieser Forschungsrichtung soll den Veränderungen der Kulturlandschaft im Spätmittelalter stärkeres Augenmerk gewidmet werden.10 Und, ausgehend von der mittelalterlichen Paarformel „Land und Leute“, möchte ich nach den langfristigen Folgen der Besiedlungsvorgänge für die Sozialgeschichte des Landes fragen und versuchen, Siedlungsgeschichte stärker mit der Verfassungs- und Sozialgeschichte des Spätmittelalters zu verzahnen, als dies gemeinhin üblich ist. Deswegen ist der zeitliche Rahmen von den ersten spärlichen Quellen der Karolingerzeit bis zur Ankunft der Hohenzollem nach der „Zeit der Wirren“ Anfang des 15. Jh. auch recht weit gesteckt. Der Schwerpunkt liegt allerdings eindeutig auf den letzten drei Jahrhunderten, zu dürftig sind die Quellen für die Zeit bis zum 12. Jh.

Die Frage nach den Leuten im Land Salzwedel soll mittels der prosopographischen Methode beantwortet werden. Zwar kann mit dieser Methode die Gesellschaft der Vogtei Salzwedel nicht rekonstruiert werden, doch erhellt sie einige spezifische Probleme, die bei oberflächlicher Betrachtung im Dunkel blieben. Der Nachteil dieser Methode ist, daß die Arbeit in einigen Teilen nicht sehr lesefreundlich ist. Zwangsläufig haben Teile der Studie katalogartigen Charakter, und dieselben Informationen wiederholen sich an verschiedenen Orten. Doch scheint mir, daß dieser Preis gezahlt werden muß, wenn man oberflächliche Interpretationen des Materials vermeiden will und zu neuen - auf intensiven Quellenstudien beruhenden - Ergebnissen kommen möchte.

Die vorliegende Arbeit ist eine Detailstudie des Landes Salzwedel, doch versteht sie sich auch als Fallstudie für ausgewählte Probleme. Für diejenigen Leser, die mehr an den Ergebnissen einer Fallstudie als an der Regionalgeschichte des Landes Salzwedel interessiert sind, habe ich die wichtigsten allgemeinen Ergebnisse den prosopographischen Kapiteln vorangestellt.

Themen, die in dieser Arbeit besonders ausführlich behandelt werden, sind die Sozialgeschichte der Bauern, der städtischen Eliten und des Adels, das Verhältnis von Deutschen und Slawen in einem Reliktgebiet slawischer Siedlung sowie die sogenannte Krise des 14. Jh.

1Schubert, Land, S. 18; RA 14, S. 132f., Nr. 186.

2RA 14, S. 27f., Nr. 25.

3Schubert, Geschichte Niedersachsens, S. 4.

4Schulze, Landesherrschaft, S. 1.

5Schubert, Geschichte Niedersachsens, S. 7f.

6Eine Ausnahme stellen die Dissertationen von G. Wentz und K. Gründler aus den 20er Jahren des 20. Jh. dar, die das reiche Archiv des Klosters Diesdorf nutzten.

7Besonders zu nennen sind hier die Arbeiten von H. K. Schulze.

8H. K. Schulze, Altmark, in: LMAI, Sp. 479.

9J. Schultze, Nordmark und Altmark; J. Schneider, Frühmittelalterforschung in der Altmark.

10Zur Germania Slavica: W. Schich, Germania Slavica.

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Die Quellen

Die Schriftquellen

Die Quellensituation für die westliche Altmark ist vergleichsweise günstig, auch wenn bis zum Beginn des 12. Jh. nur wenige Quellen äußerst spärliche Informationen über diesen Raum geben. Dagegen sind die Archive der seit dem 12. Jh. in diesem Raum erscheinenden Grundbesitzer zu großen Teilen erhalten. Das Archiv des Stifts Diesdorf11 dürfte nur geringfügige Verluste erlitten haben, auch der Urkundenbestand des Klosters Arendsee12 ist trotz Verlusten durch ein Kopialbuch aus dem 14. Jh., das einige Nachträge aus dem 15. Jh. enthält, zum größten Teil bekannt.

Verschollen ist dagegen das Archiv des Klosters Dambeck,13 dessen Güterbesitz sich südlich Salzwedels in Nähe der Jeetze konzentrierte. Dieser Verlust ist besonders schmerzlich, da die wenigen erhaltenen Quellen Hinweise auf altertümliche Rechtsverhältnisse geben und in diesem Raum vermutlich Kontinuität sächsischer Siedlung und Kontakt mit slawischen Siedlern bestand.

Die westliche Altmark gehörte zum Bistum Verden, dessen Archiv zu großen Teilen verloren ging. Ein Verzeichnis aus dem 14. Jh., das vermutlich Pfarrkirchen nennt, in denen dem Bischof das cathedraticum zustand, und ein äußerst wertvolles Prokurationsregister der Propstei Salzwedel vom Anfang des 15. Jh. wurden in den Verdener Geschichtsquellen ediert14. Wertvolle Informationen bieten auch die Visitationsrezesse von 1541;15 allerdings kam es bereits vor der Reformation zu grundlegenden Umgestaltungen der kirchlichen Organisation, so daß die Angaben der Rezesse nur mit Vorsicht zur Rekonstruktion älterer Zustände benutzt werden können.

Das Archiv der Stadt Salzwedel verfugt über einen reichen Urkundenbestand, wobei die Bestände der Neustadt offensichtlich starke Einbußen erlitten.16 Ein Stadtbuch aus dem 15. Jh., das auch ältere Ratsverordnungen enthält, liegt seit langem im Druck vor, die Edition eines weiteren Stadtbuches, das vornehmlich ←5 | 6→Grundstücksgeschäfte aus den Jahren 1307 bis 1361 enthält, bildet den zweiten Band dieser Arbeit. Ein Stadtbuchfragment aus den Jahren 1361-64, das sich früher in der Bibliothek der Katharinenkirche befand und heute verschollen ist, wurde 1893 von K. Gädcke veröffentlicht17. Das Mitgliederbuch der Eiendengilde, das ungefähr um 1380 angelegt wurde, ist durch Nachträge und gelegentliches Überschreiben der Einträge nur schwer zu benutzen.18 Einige noch ungedruckte Urkunden überliefern auch die Soltquellensien, eine Urkundensammlung, die im 18. Jh. vom Salzwedler Bürger Elias Hoppe angelegt wurde und heute in der Bibliothek der Katharinenkirche aufbewahrt wird.19

Starke Urkundenverluste erlitt das Archiv des Heilig-Geist-Spitals bei Salzwedel. 1577, als auf kurfürstlichen Befehl die Urkunden des Spitals inventarisiert wurden, befanden sich von 320 Urkunden, die dem Archiv nach dem Provenienzprinzip zugeordnet werden müssen, noch 265 im Besitz des Stiftes, von denen heute wiederum nur noch 82 im Original erhalten sind. 209 Urkunden liegen gedruckt vor, von 108 Urkunden besitzen wir kurze Regesten, die bei der Inventarisierung 1577 angefertigt wurden. Die Urkunden des Spitals wurden, wie so häufig bei Riedel, meist nicht nach den Originalen ediert, sondern nach einem Kopialbuch, das heute anscheinend verschollen ist.20

Mit dem 14. Jh. setzt dann auch die landesherrliche Überlieferung ein. Das Lehnregister der Herzöge von Braunschweig21 von 1318 nennt einige Dörfer im Land Salzwedel, das wenige Jahre später einsetzende Kopialbuch der Vogtei Arneburg22 enthält ebenfalls einige Urkunden, die die Vogtei Salzwedel betreffen. Schwierig ist die Benutzung der beiden Lehnregister der Herzöge von Lüneburg23 aus den Jahren 1330-52 und 1361, da der Herausgeber darauf verzichtete, die genannten Orte zu identifizieren. Einige lagen zweifellos in der Altmark, doch existieren teilweise namensgleiche Orte im Lüneburgischen. Die zweifellos umfangreichste Quelle ist das Landbuch der Mark Brandenburg24 von 1375, das ausführliche Angaben zu vielen Dörfern im ←6 | 7→heutigen Kreis Salzwedel macht. Allerdings sind die Informationen nicht immer vergleichbar, offensichtlich arbeiteten die einzelnen Registratoren - trotz vorgegebenem Fragebogen - sehr unterschiedlich.

Die Lehnkopialböcher25 setzen erst nach der in dieser Arbeit behandelten Zeit mit der Herrschaft der Hohenzollem ein.

Vergleichweise gut ist die Überlieferung für die Adelsarchive,26 d. h. für die Archive der schloßgesessenen Familien v. d. Schulenburg, v. Bartensieben, v. Alvensleben und v. d. Knesebeck, deren älteste Urkunden meist aus dem ausgehenden 13. Jh. stammen und seit dem 14. Jh. zumindest teilweise in Kopial-büchem ←7 | 8→erfaßt wurden. Sie sind alle bereits im 19. Jh. veröffentlicht worden. Dagegen dürfte unser Bild vom Niederadel stark verzerrt sein, da wir ihn fast nur aus den Urkunden kennen, in denen er seinen Besitz der Geistlichkeit, dem schloßgesessenen Adel oder der Stadt Salzwedel veräußert.

Seit 1280 wächst die urkundliche Überlieferung deutlich an, was auch damit zusammenhängt, daß nun auch der Adel zu urkunden beginnt. So treten die v. d. Knesebeck 1281 erstmals als Urkundenaussteller aus, die v. d. Schulenburg 1295. Niederdeutsch urkundeten letztere erstmals 1324, die v. d. Knesebeck 1321.

Allerdings nimmt die Zahl der Urkunden auch in den kirchlichen Archiven, die schon lange bestanden, zu. Da für die Klöster Diesdorf und Arendsee die Besitzgeschichte fast vollständig rekonstruierbar ist, reicht es nicht, die wachsende Zahl der Urkunden einfach als natürlichen Fortschritt im Prozeß der Verschriftlichung zu sehen, vielmehr wurden Immobilien vermehrt verkauft bzw. verschenkt, was zunehmende Schriftlichkeit erforderte.

PROBLEME DER URKUNDENINTERPRETATION

Ein erhebliches Problem für die Interpretation der Urkunden stellt die Tatsache dar, daß die Privaturkunden nur teilweise den strengen Formen der Königsurkunden folgen, an denen die Urkundenkritik entwickelt wurde. Es scheint, daß die Beglaubigungsmittel oft recht nachlässig benutzt wurden. So überließen die v. d. Knesebeck am 5. Dezember 1366 dem Stift Diesdorf eine Hebung in Lagendorf, die corroboratio der Urkunde lautet folgendermaßen: Thuge disser dinge sind langhe Paridam und Paridam, Wasmodes Sone, von deme Knesebeke, use vedderen, de dorch user bede willen oppe eyner orkunde disser ding hebben mit usen ere inghesegele witliken ghehengt an dissen bref.27 Im Wiederspruch zu dieser Aussage verpflichteten sich die v. d. Knesebeck einen Monat später, am 8. Januar 1367, bis zum Valentinstag diese Urkunde zu besiegeln.28

Oftmals wurden die Urkunden erst Jahre oder gar Jahrzehnte nach dem eigentlichen Rechtsgeschäft ausgestellt. So gehörte z. B. Börnsen nach Aussage des Landbuchs schon 1375 dem Stift Diesdorf, wogegen die Kaufiirkunde erst 1380 ausgestellt wurde.29 Die proprietatem ville Wendeschen Bodenstede, übereignete Ludwig der Römer dem Stift 1355, die Verkaufsurkunde für dat dorp tho wendeschen Bodenstede stammt aber erst von 1368.30

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Ein grundlegendes Problem der Quellenkritik liegt in der Qualität der Drucke, je nach Bearbeiter sind die einzelnen Bände des Codex diplomaticus Brandenburgensis mit mehr oder weniger Vorsicht zu benutzen. Ein grundsätzliches Manko der Quellenedition ist, daß vornehmlich nach Kopialbüchem und nicht nach den Originalurkunden ediert wurde und die Urkunden nicht nach dem Provenienzprinzip, sondern verstreut gedruckt wurden. So tauchen gelegentlich dieselben Urkunden mehrmals in den Quellensammlungen auf, ohne daß das immer von der Forschung bemerkt worden wäre, da die Urkunde einmal offensichtlich nach dem Original, ein andermal aber nach alten, zumindest in den Datumszeilen fehlerhaften Kopien gedruckt wurde. Hinzu kommt, daß es weitgehend unmöglich ist, Fälschungen oder Verfälschungen kopial überlieferter Urkunden festzustellen.

Die Sachquellen

Die architektonischen Denkmale, fast ausschließlich Kirchen,31 wurden besonders von den Kunsthistorikern untersucht. Die ältesten Dorfkirchen der Westaltmark werden in die zweite Hälfte des 12. Jh datiert. Auch in Salzwedel selbst sind keine älteren Bauwerke bekannt, die ältesten Teile der Marienkirche stammen ebenfalls aus der Mitte des 12. Jh. Hölzerne Vorgängerbauten konnten bislang nicht ermittelt werden; der Nachweis ist allerdings auf den westaltmärkischen Sandböden sehr schwer.

Die noch im Gelände erkennbaren sowie die nur auf alten Karten verzeichneten Burgwälle32 wurden von P. Grimm systematisch erforscht. Allerdings sind die meisten Wälle bis heute nicht einmal annähernd datiert.

Anfang des 20. Jh. wurde durch W. Peßler die Grenze der Hausformen33 zwischen dem sogenannten Sachsenhaus und dem fränkischen Haustyp, die in der modernen Literatur als niederdeutscher Hallenhaus und mitteldeutsches Emhaus bezeichnet werden, kartiert. Diese Scheide lief im 19. Jh. ungefähr westlich des Arendsees über Klötze durch die westliche Altmark. Sicherlich ist sie eine Ausgleichslinie und vorsichtig zu interpretieren, doch verläuft sie parallel zu anderen räumlich begrenzten Phänomenen und dürfte die beiden vorherrschenden Siedlungströme andeuten.

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Die archäologischen Quellen34 zur Geschichte des Mittelalters sind für diesen Raum spärlich. Außer einigen Gräberfeldern und ergrabenen Hausfundamenten bestehen sie oftmals nur aus einer handvoll Scherben, deren genauer Fundort häufig nicht mehr bekannt ist. So kann anhand der Funde nur ungefähr geschlossen werden, welche Gebiete zu welcher Zeit besiedelt waren und vielleicht, sofern archäologische Funde ethnisch überhaupt zuzuordnen sind, wo Sachsen und wo Slawen siedelten.

Eine Studie über die altmärkischen Ortsnamen35 von A. Schmitz ist angekündigt. Für die vorliegende Arbeit wurde auf Studien Trautmanns über die slawischen Ortsnamen zurückgegriffen, die - soweit möglich - anhand neuerer Namenbücher korrigiert wurden. Methodisch grundlegend ist die Unterscheidung zwischen primären und sekundären slawischen Ortsnamen36. Erstere, die von Personennamen gebildet wurden, deuten mit ziemlicher Sicherheit auf slawische Besiedlung eines Dorfes, wogen die letzteren nur bezeugen, daß die Gegend der slawischen Bevölkerung bekannt war und von ihr benannt wurde.

Eine analoge Unterscheidung scheint mir für die Flurnamen37 sinnvoll. Als primäre Flurnamen möchte ich funktionale Namen wie Plast ‚Hufe‘ und Solahfken < *zaglavy ‚Endstücke‘ bezeichnen, die eindeutig belegen, daß das Land von slawischsprachiger Bevölkerung landwirtschaftlich genutzt wurde38 Als sekundäre Flurnamen möchte ich Flurnamen bezeichnen, die als Örtlichkeitsbezeichnungen zu verstehen sind, wie Briest ‚Ort, wo Birken wachsen‘ und Klatz ‚Knüppelholzung‘, die nur aussagen, daß diese Gegend von Slawen benannt wurde. Der Lautstand der slawischen Flurnamen bietet einen wichtigen Hinweis auf die Frage, wie schnell die Bevölkerung germanisiert wurde. Denn im Dravänopolabischen kam es vermutlich seit dem ausgehenden 14. Jh. zur Diphtongierung einiger Vokale, so daß z. B. die Suffixe -ici-, -ica, -ec-, -ce zu - eitz und das Suffix -in zu -ainl-ein wurden. Wo diese Flurnamen diphtongiert ←10 | 11→überliefert wurden, muß wohl noch bis ius 15. Jh. das Dravänopolabische gesprochen worden sein, wogegen die monophtongischen Formen dieser Suffixe darauf hindeuten, daß in diesen Dörfern zu dieser Zeit bereits Deutsch gesprochen wurde.39 Nicht ganz auszuschließen ist allerdings, daß es infolge des Wüstungsprozesses des 14. Jh. zur Slawisierung ehemals von deutschprachiger Bevölkerung bewohnter Dörfer kam, doch gibt es anders als in der Lausitz im Land Salzwedel keine Hinweise darauf, daß der Wüstungsprozeß des 14. Jh. zu einer größeren Neuverteilung der beiden Sprachgruppen geführt hat.

Eine genaue Analyse der Orts- und Flurformen der altmärkischen Dörfer steht aus, obwohl in der Westaltmark der Rundling in großer Zahl auftrat und reichhaltiges kartographisches Material sich zumindest vor dem zweiten Weltkrieg in den Archiven befand. Der Lokalhistoriker R. v. Kalben, der immerhin 23 Flurkarten des 18. und 19. Jh. von Dörfern der Vogtei Salzwedel untersuchte, charakterisierte deren Flurformen folgendermaßen:

…nur das letztere Dorf [Zierau zeigt] eine durchweg regelmäßig deutsche Gewannordnung in großen rechteckigen Blocks, alle anderen Komplexe unregelmäßiger kleiner Gewanne wendischen Ursprungs mit Anschluß deutscher regelmäßiger Gewanne in Komplexen, die meist geringere Ausdehnung haben als im Burgwardgebiet [das Land Stendal und der Kalbesche Werder].40

Einige Hinweise über die Dorfformen bietet die ältere heimatkundliche Literatur.41 Allerdings scheint der Schluß von neuzeitlichen Karten auf hochmittelalterliche Verhältnisse nur für die seit dem Ende des 12. Jh. angelegten Straßendörfer ohne größere Risiken möglich zu sein. Die Nennung von zwei Dörfern Bergmoor in der Diesdorfer Stiftungsurkunde von 1160, ohne daß diese unterschieden würden - dies geschah erst 1254 - , sollte skeptisch machen. Viele Dörfer, die das Stift Diesdorf 1160 geschenkt bekam, kaufte es nachweislich im 13. und 14. Jh. So gehörten u. a. ein Dorf Pychennsen, ein Dorf Varenthorp und zwei Dörfer Berchmere zu den Dörfern, die dem Stift bei seiner Gründung geschenkt wurden.42 1378 erwarb das Stift dat dorp tho Pekensenf43 1254 verkaufte Kloster Hamersleben die Hälfte der ville Varendorp den Diesdorfer Konventualinnen,44 und 1369 entsagten die v. d. Knesebeck ihrer Anprüche auf das ←11 | 12→halbe Dorf Fahrendorf.45 Noch verwirrender ist die Urkundenüberlieferung für die dem Stift bei der Stiftung geschenkten Dörfer Bergmoor: 1254 verkaufte Kloster Hamersleben das Dorf minus Berckmere dem Stift und um 1350 schenkten die v. d. Knesebeck dem Stift ebenfalls ein Dorf Bergmoor.46

Da die Stiftungsurkunde des Augustiner-Chorffauenstifts im Orginal überliefert ist und keine Zweifel an ihrer Echtheit bestehen, könnte man eventuell vermuten, daß dem Stift damals Besitz zugewandt wurde, an dem die Rechte des Schenkers zumindest zweifelhaft waren.47 Da aber keinerlei Nachrichten über Rechtsstreitigkeiten erhalten sind, scheint die einfachere Erklärung, daß oftmals mehrere Dörfer denselben Namen trugen, ohne durch unterscheidende Zusätze benannt zu werden. Gleiches gilt für das Dorf oder die Dörfer Noiden, das die Besitzbestätigung der Margrafen von 1208 bereits als Eigentum des Klosters Arendsee nennt, wogegen die Nonnen 1232 den Verkauf von Hebungen in Stendal damit rechtfertigen, daß sie das ihnen benachbarte Dorf Noiden kaufen wollen.48

Folglich ist es oftmals zweifelhaft, ob ein urkundlich im 12. Jh. erwähnter Ort mit dem auf neuzeitlichen Karten eingezeichneten Dorf außer dem Namen irgend etwas gemein hat. So möchte ich zustimmend folgende Einschätzung Pranges zitieren:

Aus der Form eines Dorfes können auf die Frage nach der Zeit seiner Anlage nur die beiden Antworten ‚sicher deutsch’ (Anger- und Straßendorf) und vielleicht schon slavisch’ (Sack-, Gassen-, Zeilendorf) abgeleitet werden; weitergehende Aussagen sind nicht möglich.49

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Maße und Preise

Salzwedel übernahm schon frühzeitig den Lübecker Münzfuß. Lange Zeit galt das Salzwedler Geld dem Lübecker Geld als gleichwertig, so wurde es 1376 in Schonen zugelassen. Der Verfall der Salzwedler Münze begann erst nach 1434.50 Zum in der übrigen Mark üblichen denarius gravis stand der Salzwedler Pfennig, der denarius levis, im Verhältnis 1:1 V2. In Salzwedel wurde nach dem System der lübischen Mark gerechnet: 12 Pfennige kamen auf den Schilling, 16 Schillinge auf die Mark, so daß eine Zählmark 192 Pfennige enthielt. Daneben wurde auch in Pfund gerechnet, das zu 20 Schillingen gerechnet wurde, so daß 240 Pfennige einem Pfund entsprachen.51

Im Stadtbuch wird von 1307-1362 durchgängig die Silbermark zu zwei Pfund Pfennigen gerechnet, eine Relation, die auch noch den Berechnungen des Landbuches von 1375 zugrunde liegt. Später verschlechterte sich der Silbergehalt des Salzwedler Geldes, so daß Ende des 14. Jh. die Silbermark 2,4 Pfund Pfennigen entsprach.52

Mit den Luxemburgern kam auch der Groschen in die Mark, der allerdings im Land Salzwedel nur sehr selten vorkam.53 Dank den ältesten Rechnungsbüchem des Stifts Diesdorf sind wir über die Preise um 1380 unterrichtet. Damals kostete in Salzwedel in örtlicher Währung:54

1 Tonne Butter 68 s
1 Tonne Heringe 56 s
1 Scheffel Erbsen 36 d
1 Schaf 4 s
1 Pfund Pfefferkümmel 12 s
1 Scheffel Hafergrütze 60 s
1 Tonne Essig 12 s
1 Tonne salzwd. Bier 12 s
1 Stück Käse 4s
1 Stübchen lüneb. Wein 40 d
1 Pfund Mandeln 12 d
1 Elbquappe 18 d
1 Bint Spirlinge55 36 d
1 Ochse 38 s
1 Huhn 2 d
1 Scheffel Weizen 40 d
1 Scheffel Roggen 30 d
1 Scheffel Bohnen 36 d
1 Scheffel Hafer 18 d
1 Scheffel Salz 12 d
1 Scheffel Rüben 9 d
1 Stübchen salzwdl. Met 8 d
1 Pfund Talg 6 d
1 Pfund Mohnöl 8 d

Aus den Verkaufsurkunden über Getreiderenten können ebenfalls Aussagen über die Entwicklung der Getreidepreise gemacht werden. Die Preise der ←13 | 14→Getreiderenten schwanken offensichtlich um den bereits 1281 in den Bedeverträgen festgesetzten Preis von einer Silbermark pro Wispel, teilweise allerdings mit bedeutenden Abweichungen; anscheinend eine Kombination sowohl von gerechtem Preis als auch von Angebot und Nachfrage. Auch wenn damit zu rechnen ist, das einige Urkunden mehrere Jahre nach dem Rechtsgeschäft ausgestellt wurden, bieten die Rentenpreise vermutlich ein objektiveres Bild, als die Nachrichten über einzelne Verkäufe, bei denen oftmals der Preis je nach Jahreszeit und Qualität des angebotenen Getreides stark schwankte.

Seit den Bedeverträgen wurde in der Mark die Frustalrechnung angewandt, die verschiedene Geld und Sachwerte einander gleichsetzte. So entsprach im Land Salzwedel ein frustum bzw. ein Stück einem Wispel Roggen oder Gerste bzw. zwei Wispeln Hafer bzw. 16 Scheffeln Weizen bzw. 12 Scheffeln Erbsen bzw. 2 Schock (120 Stück) Hühnern.56 Im Salzwedler Land entsprach ein ←14 | 15→frustum einer Silbermark. Folglich wurde eine Salzwedler Mark zu 0,4 frusta und ein Salzwedler Pfund zu 0,5 frusta gerechnet.57

Das Maß des Salzwedler Wispels, der zu 24 Scheffeln gerechnet wurde, ist unbekannt, allerdings unterscheidet eine Urkunde nicht zwischen dem Salzwedler und dem Braunschweiger Wispel, der im 19. Jh. 12,4579 hl entsprach, in dem ebenfalls in der Wüstung Kränge bei Salzwedel die Abgaben erhoben wurden.58

Als sich 1364 der Rat der Altstadt und das Heilig-Geist-Stift wegen der Jeetze verglichen, wurde als Maßeinheit bestimmt, dat en islich roude sy sesteyn vote lang.59 Die Bestimmung zeigt, daß verschiedene Maße in Salzwedel üblich waren, vorherrschend war anscheindend die Rute zu 16 Fuß.

Unbekannt sind ebenfalls die Hufenmaße im Land Salzwedel. Besonders in den slawisch besiedelten Gegenden des Landes Salzwedel leisteten Hufen oft nur Geldabgaben, was darauf hindeutet, daß hier die Hufe nur Verwaltungseinheit und kein Flächenmaß war. Häufig sind Hufenabgaben von einem Wispel oder 18 Scheffeln bzw. die Hälfte dieser Werte, die möglicherweise verschiedenen Hufenmaßen entsprechen. Das Phänomen der sogenannten slawischen Hufen, d. h., daß Hufen einmal als ganze und ein andermal als halbe Hufen gezählt werden, gehört vermutlich in die frühe Zeit der Siedlung, als sich die koloniale Verdoppelung der Hufenmaße noch nicht durchgesetzt hatte. Diese „Slawenhufen“ sind sonst noch in Mecklenburg und Pommern bekannt, aber nicht in den askanischen Ländern östlich der Elbe.60 Gründliche Untersuchungen an Flurkarten könnten evtl, genauere Aufschlüsse geben, zu vermuten ist die Existenz der niedersächsischen Hufen von ca. 7,8 ha und der flämischen Hufe von ca. 16,8 ha sowie der verdoppelten Hufenmaße.61

11Die Urkunden des Klosters sind in den Bänden 16 und 22 von Riedels Codex diplomaticus Brandenburgensis abgedruckt.

Details

Seiten
XIV, 578
ISBN (PDF)
9783631872536
ISBN (ePUB)
9783631872543
ISBN (MOBI)
9783631872550
ISBN (Paperback)
9783631548080
Open Access
CC-BY-NC-ND
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (November)
Schlagworte
Salzwedel (Vogtei) Geschichte 1100-1400 Deutsch-slawische Beziehung Stadtgeschichte Ständewesen Krise /14. Jahrhundert
Erschienen
Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien, 2006. XIV, 578 S., 2 Abb., 4 Tab., 3 Graf., 18 Karten

Biographische Angaben

Joachim Stephan (Autor:in) Brandenburgisches Landeshauptarchiv (Autor:in)

Der Autor: Joachim Stephan, geboren 1969 in Bensheim an der Bergstraße; Studium der Geschichte, Politik und Slawistik in Heidelberg, Aix-en-Provence und in Berlin; 2003 Promotion an der Humboldt-Universität zu Berlin; seit 1999 Lehrkraft an der Adam-Mickiewicz-Universität in Poznań.

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Titel: Die Vogtei Salzwedel