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Mediale Signaturen von Überwachung und Selbstkontrolle

von Torsten Erdbrügger (Band-Herausgeber:in) Liane Schüller (Band-Herausgeber:in) Werner Jung (Band-Herausgeber:in)
Sammelband 290 Seiten

Zusammenfassung

Überwachung ist smart geworden in Zeiten, in denen Freiheiten und private Daten freiwillig an Überwachungsmaschinerien abgegeben werden. Im Spannungsverhältnis von Kontrolle, Selbstkontrolle und dem Wandel der Kommunikationsmedien wird Unsicherheit zum Motor eines Handelns, das in Praktiken der Selbstversicherung qua Selbstoptimierung mündet. Dabei ist das Subjekt der Gegenwart immer schon ein überwachtes – vom Staat, von privaten Dienstleistern und von sich selbst.
Die medien-, kultur- und literaturwissenschaftlichen Beiträge des Bandes gehen den Ambivalenzen und Paradoxien des Überwachungswandels nach und reflektieren, wie sich Narrative der Überwachung in den Medien und Künsten darstellen.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Vorwort (Torsten Erdbrügger, Liane Schüller, Werner Jung)
  • Mediale Signaturen von Überwachung und (Selbst-)Kontrolle (Torsten Erdbrügger)
  • HOW NOT TO BE SEEN. Zur (künstlerischen) Negation visueller (Selbst-)Kontrolle bei Hito Steyerl (Mira Anneli Naß)
  • Data/Mask – Zur digitalen Totenmaske in den Fotoarbeiten von Adam Broomberg und Oliver Chanarin (Florian Flömer)
  • Panoptismus am Beispiel des Mediums Telefon: Eine diachrone Betrachtung (Simela Delianidou)
  • „Selbst-Fern-Steuerung“: Zur ästhetischen Theorie (mobiler) medialer Artefakte (Oliver Ruf)
  • Sibylle Bergs Roman GRM Brainfuck. Vier Modelle der (Selbst-)Überwachung in informationszivilisatorischen Gesellschaften (Rolf Parr)
  • „Lauter Erwachsene“: Jenseits der (Selbst-)Kontrolle in Theresia Walsers King Kongs Töchter und Morgen in Katar (Joanna Firaza)
  • „Take back your Data and turn it into Art“ – mediale Kunst zwischen Sur- und Sousveillance (Jasmin Kathöfer)
  • Ästhetik der Leere als Kritik der Selbstoptimierung in How to protect your internal ecosystem (2019) von Mimu Merz und Miriam Schmidtke (Cornelius Mitterer)
  • Enable Dictation. Kenneth Goldsmiths Soliloquy zwischen Selbstaufzeichnung und Selbstüberwachung (Karl Wolfgang Flender)
  • Literarische Konstruktionen von Überwachungsmechanismen im gegenwärtigen dystopischen Roman am Beispiel des Textes von Markus Stromiedel Zone 5 (Monika Wolting)
  • Ein überwachender Leviathan: Die kapitalistische Kontrollmaschine in Sibylle Bergs Roman GRM (Lorenzo Licciardi)
  • Räumliche Signaturen der Berechenbarkeit. Anmerkungen zu Tom Hillenbrands Drohnenland (Szilvia Gellai und Dominik Schrey)
  • Das Kamera-Auge über allen. Zum Zusammenhang zwischen Filmkamera und Überwachung im Science-Fiction-Kino (Peter Ellenbruch)
  • Autorinnen und Autoren
  • Reihenübersicht

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Vorwort

Überwachung hat in Zeiten des ‚User generated Capitalism‘, in denen Freiheiten und private Daten – mehr oder weniger – freiwillig an staatliche und private Überwachungsmaschinerien abgegeben werden, eine neue Qualität erreicht. Die Ambivalenzen, die sich den neuen Formen des Panoptismus, des Spannungsverhältnisses von Kontrolle und Selbstkontrolle und des Wandels der Kommunikationsmedien eingeschrieben finden, sind frappierend. So changiert das Phänomen von (Selbst-)Überwachung in ‚sozialen‘ Netzwerken, die ein Selbstpanoptikum provozieren, zwischen einer auf Kommunikation und Kommentar angelegten Zurschaustellung der eigenen Person und wird paradoxerweise von einem gesteigerten individuellen Sicherheitsbedürfnis flankiert. Damit wird nicht selten Unsicherheit zum zentralen Antriebsmotor eines Handelns, das in Praktiken der (Selbst-)Vergewisserung qua (Selbst-)Optimierung und -kontrolle mündet und das Subjekt der Gegenwart von staatlicher und privatwirtschaftlicher Seite und nicht zuletzt von sich selbst ‚panoptisch‘ in die Zange zu nehmen scheint.

Wie die Künste auf diese Veränderungen reagieren, haben wir im September 2020 mit Medien-, Literatur- und Kulturwissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern auf unserer internationalen Tagung ‚Mediale Signaturen von Überwachung‘ diskutiert, die eigentlich in Łódź hätte stattfinden sollen, aufgrund der Covid-19-Pandemie jedoch virtuell durchgeführt werden musste.* Das hatte zur Folge, dass wir uns, allein dem genutzten digitalen Format geschuldet, unmittelbar und medias in res in der Diskussion um Überwachungsformen und -formate wiederfanden.

Angeregt durch eine Tagungsdiskussion über die Trias ‚Berechenbarkeit – Zufall – Schicksal‘ – und letztlich auch von einer Form der Spielfreude geleitet –, haben wir uns entschieden, uns bei der Anordnung der Beiträge in diesem Sammelband nicht an einer üblichen, etwa thematisch oder historisch angelegten, Abfolge zu orientieren und damit zu hierarchisieren, sondern diese ←7 | 8→randomisiert, nämlich per Zufallsgenerierung auszuwählen.** Das mag in gewisser Weise dazu führen, dass wir digitale Medien uns, unsere Arbeit und die daraus resultierenden Artefakte ‚überwachen‘ lassen, wodurch möglicherweise Teile ihrer (medialen) Signaturen obsolet werden. Es erscheint uns jedoch als angemessener Reflex auf diese ungewöhnlichen Zeiten, in denen es – gab es das je? – kaum noch Gewissheiten zu geben scheint.

Torsten Erdbrügger, Liane Schüller, Werner Jung


* Die Tagung knüpfte an die Tagung Literatur und Überwachung an, die 2018 unter der Leitung von Werner Jung und Liane Schüller in Kooperation mit der Universität Duisburg-Essen und dem Kulturwissenschaftlichen Institut in Essen stattgefunden hat.

** Den Beiträgerinnen und Beiträgern wurde freigestellt, ob und welche gendergerechten Markierungen sie in ihren Texten nutzen, und es wurde von einer Vereinheitlichung abgesehen.

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Torsten Erdbrügger

Mediale Signaturen von Überwachung und (Selbst-)Kontrolle

Abstract: Überwachung hat in den vergangenen Jahren einen Wandel durchlaufen, der nicht zuletzt ein Medienwandel ist und ein verändertes Regime der Sichtbarkeit mit sich bringt. Überwachung zielt heute weniger als im panoptischen System oder in der Videoüberwachung auf die optische Verfügbarkeit der Überwachten. Gerade algorithmenbasierte Überwachung tendiert selbst zur Unsichtbarkeit, entzieht sich der Aufmerksamkeit und ist smart geworden. Die Kontrolle des Überwachungssubjekts zielt mit dem Verzicht auf Sichtbarkeit der Überwachungsinstanz nun weniger auf Abschreckung als auf (ökonomische) Berechenbarkeit und installiert stattdessen ein Anreizsystem, das einen Gewinn an Freiheit und Selbstermächtigung suggeriert, der von Techniken der Selbstoptimierung flankiert wird. Der Beitrag zeichnet diesen Wandel nach, macht mit dem Arbeitsplatz einen Ort aus, an dem sich neues und altes System der Überwachung überlagern, und fragt, wie literarische Texte solch ambivalenten Überwachungsregimen antworten.

Keywords: Überwachung, Kamera, Datenüberwachung, Sichtbarkeitsregime, Mediennutzung, Kontrolle, Transparenz, Selbstoptimierung

1. Überwachung, Sicherheit, Sichtbarkeit

Die Technik ist unter einer kleinen schwarzen Kuppel
versteckt, alles ist glatt und glänzt. Die Discokugel der
Kontrollgesellschaft.
1

Die Kamera ist eine Ikone der Überwachung, deren emblematischer Status sie zum Eyecatcher fachwissenschaftlicher, populärwissenschaftlicher und literarischer Publikationen prädestiniert.2 Im Gegensatz zu den für die Überwachungsgesellschaft3 inzwischen weitaus wichtigeren Mechanismen ←9 | 10→automatischer Datensammlung zeichnet sich die Kamera durch optische Präsenz im Raum aus, durch eine Sichtbarkeit mithin, die aus kriminologischer Perspektive konstitutiv für Verbrechensprävention ist. Es geht, folgt man dem Medienwissenschaftler Dietmar Kammerer in seiner Argumentation, bei Videoüberwachung heute mehr um Abschreckung als um Aufzeichnung. Wichtiger als die Frage, ob die Kamera eingeschaltet ist, ist das Wissen um ihre Präsenz, denn nur, wenn Videoüberwachung auch wahrgenommen wird, erfüllt sie ihre präventive Funktion, weshalb die „offene Publizität, das Sichtbarmachen der Sehmaschinen ein Anfang [ist], der zu keinem Ende kommen darf“4, damit sich kein Vergessen der eigenen Überwachtheit einstellt.

Mit der Kamera, genauer: mit der massenhaften Installierung von Kameras im öffentlichen Raum, hat das Thema Überwachung seinen Weg nicht nur ins Bewusstsein einer breiteren Öffentlichkeit gefunden, sondern mit der Etablierung der Surveillance Studies als eigenständiger Disziplin auch eine Verankerung in der Wissenschaftslandschaft erfahren. Braucht es also Sichtbarkeit, um über Überwachung zu sprechen? Zumindest scheint Sichtbarkeit die Bewusstwerdung und damit Thematisierung von Überwachung zu bedingen. Solch Sichtbarkeit entsteht spätestens im Moment des flächendeckenden Einsatzes von CCTV-Technologie. Der Sozialpsychologe Harald Welzer nennt in seinem Essay Die smarte Diktatur 2016 für England, in dem die CCTV-Technik zuerst breitenwirksam zur Anwendung gekommen ist, eine Quote von einer Kamera auf zehn Einwohner – Tendenz steigend und im urbanen Raum ohnedies höher.5 Dabei ist das Thema Überwachung weitaus größer, als es die Ikonographie der CCTV nahelegt, weil Überwachung mitnichten auf die visuelle und visuell wahrnehmbare Beobachtung durch Kamerasysteme ←10 | 11→reduzierbar ist. Sie findet aktuell primär im Unsichtbaren und Unbewussten der in alltägliche (Arbeits-)Prozesse eingewobenen Mediennutzung statt. Die damit einhergehende Permanenz der Datenerhebung über (mobile) Endgeräte, Apps, alltägliche Fortbewegung und Konsum – kurz: über die Teilhabe an der Gesellschaft – ist unhintergehbarer Teil heutiger Lebensführung (im doppelten Wortsinn der Eigen- und Fremd-Führung). Wenn Kammerer für die öffentlich sichtbare Videoüberwachung einen Gewöhnungseffekt diagnostiziert, weil Kameras das Kriminalitätsgeschehen nur so lange eindämmen, bis ihre Allgegenwart normalisiert und unter die Wahrnehmungsschwelle abgesunken ist, so ist eine solche Normalisierung ganz sicher auch für algorithmische Datenerhebung kennzeichnend. Mehr noch: Der wiederholte Hinweis – etwa auf die Datenschutzbestimmungen beim Besuch von Internetseiten – vermag Aufmerksamkeit von Konsument_innen nicht langfristig zu binden, weil Aufmerksamkeit nicht erst in ihrer ökonomischen Indienstnahme6 am Neuen orientiert ist und sich in der Wiederholung abnutzt.

Wenn Michel Foucault darauf insistiert, dass die Disziplinarmaßnahme des Panopticons insofern einem demokratischen Impetus folgt, als die Kontrollmechanismen wiederum öffentlich (sichtbar) und daher potentiell von jedem kontrollierbar sind,7 dann ist die Gegenwart, wie ihre Kritiker_innen nicht müde werden zu unterstreichen, tatsächlich auf dem Weg in ein konsumistisch bemänteltes totalitäres Überwachungsdispositiv, weil zentralistisch organisierte Machtarchitektur in dezentrale Netzwerke diffundiert und sich damit der Kontrolle und Verantwortung entzieht, die nun – neoliberal gewendet – bei jedem Einzelnen liegt. Der Philosoph Byung-Chul Han spricht in diesem Kontext von „digitalen Panoptiken“, die durch Mediennutzung automatisch entstünden und durch die Nutzer_innen freiwillig gestützt würden, ohne dass ihnen die Kosten dieser Freiheit zu Bewusstsein kämen. Für Han ist das digitale Zeitalter im Ganzen eine realisierte Dystopie: „Die grenzenlose Freiheit und Kommunikation schlagen nun in totale Kontrolle und Überwachung um.“8 Hans Auslassung kann freilich nur als überzeichnete Pointe gelesen werden, Kontrolle und Überwachung können realiter nie ‚total‘ sein. Vollständige Sichtbarkeit ist ein Phantasma, weil keine Instanz jemals alles – und alles ←11 | 12→gleichzeitig – sehen kann. Das gilt, wie Kammerer nachzeichnet, bereits für das Bentham’sche Panopticon.9

Trotzdem: Visuelle Überwachungssysteme wollen sichtbar machen und sichtbar sein. Mit ihnen werden Sichtbarkeitsregime etabliert, die Leon Hempel, Susanne Krassmann und Ulrich Bröckling als „soziale und technische Arrangements“ definieren, „die Ordnung stiften oder stabilisieren, Gefährdungen abwehren und Abweichungen korrigieren sollen und selbst eine Ordnung des Beobachtens und Beobachtetwerdens, des Zeigens und Verbergens etablieren.“10 Sichtbarkeitsregime sind also von einer doppelten Blickrichtung charakterisiert und provozieren Veränderungen des Sozialverhaltens, denn „[s]‌ie wirken gleichsam auf das Handeln von Beobachtern wie Beobachteten ein, lenken Blicke und dirigieren Aufmerksamkeiten; sie holen Verborgenes ans Licht oder sorgen dafür, dass es den Blicken entzogen bleibt“11. Mit dem Begriff der Sichtbarkeitsregime wird eine am Visuellen ausgerichtete Machtverteilung in den Blick genommen und Macht als Sehmacht re-konfiguriert, die über die reine Aufzeichnung hinausgeht. Sie beeinflusst nicht nur auch den Beobachter habituell, sondern provoziert eine Neuaufteilung des Sozialraums, weil Blickregime, so ergänzen die Autor_innen, „öffentliche und private Sphären voneinander ab[grenzen] und […] auf diese Weise Zonen unterschiedlicher Blickdurchlässigkeit“12 schaffen. Damit findet sich das Bentham’sche Panopticon technisch erweitert und entgrenzt in die Gegenwart katapultiert, wobei die grundlegende Asymmetrie von unsichtbarem Beobachter und potenziell sichtbarem Beobachtetem in der Überwachungssituation prolongiert wird. Hinzu kommt, was für Foucault den Kern des Panopticons darstellt: Gerade die Unsichtbarkeit des potenziellen Beobachters führt zu einem reglementierten Verhalten, das verinnerlicht wird – unabhängig davon, ob die Beobachterposition tatsächlich besetzt ist. Besetzt werden das Denken und das Verhalten der Beobachteten – und der Beobachter. Was aber, so muss nun vor dem Hintergrund von der Aufmerksamkeit sich entziehender automatisierter Datensammlung gefragt werden, passiert, wenn Überwachungstechnik nicht mehr sichtbar ist bzw. die Sehgewohnheiten so sehr dominiert und domestiziert, dass ←12 | 13→sie nicht mehr wahrgenommen wird bzw. werden kann? Und wie wirken sich diese Veränderungen auf die Thematisierung von Überwachung in Kunst, Film oder Literatur aus? Hempel et al. argumentieren im Rückschluss auf Jacques Rancière, Sichtbarkeitsregime würden die Aufteilung des Sinnlichen regeln. Für Rancière ist das Sinnliche aber nicht auf Sichtbarkeit beschränkt, sondern umfasst auch das Sag- und Wahrnehmbare:

Bei Rancière ist die Aufteilung des Sinnlichen also nur der –metaphorisch gesprochen – sichtbare Ausdruck einer Verteilung der Teile der Gesellschaft nach den von Machthierarchien geprägten diskursiven Regeln, die sich die Gesellschaft selbst gibt, die aber niemals endgültig gesetzt sind, sondern jederzeit verändert werden können. Gleichzeitig zeigt Rancières Modell, wie schwer Veränderung ist, weil bestimmte Teile der Gesellschaft nicht wahrgenommen werden. Rancières Sinnliches mit Sichtbarkeitsregimen engzuführen, wie Hempel et al. vorschlagen,14 greift etwas kurz, macht aber deutlich, wie sehr Überwachung das Handeln auch unterhalb der Wahrnehmungsschwelle reguliert – ein Problem, dass sich noch einmal neu stellt, wenn Überwachung nicht mehr visuell operiert und damit der Sichtbarkeit gänzlich entzogen scheint.

Im digitalen Kapitalismus scheinen, folgt man den feuilletonistischen wie (populär-)wissenschaftlichen Klagen über die neue (freiwillige) Unmündigkeit der Bürger_innen, Daten und Algorithmen – vorgeblich autonom – unbemerkt das Ruder der Überwachung übernommen zu haben. Eine „bemerkenswerte[ ]‌ Umdeutung des Bentham’schen Prinzips vom Panopticon“15 erkennen Liane ←13 | 14→Schüller und Rainer Schüller-Fengler in dieser Verschiebung einer auf ihre Sichtbarkeit zum Zweck der Einschüchterung angewiesenen zu einer unsichtbaren Überwachungsarchitektur: „Überwacht wird also auch, wer gar nichts von seiner Überwachung weiß“16. Welche Autofahrer_innen fragen sich ernsthaft und wiederholt, was mit den GPS-Daten ihres Navigationsgerätes passiert, ganz zu schweigen von Milliarden Smartphone-Besitzer_innen, die Harald Welzer als ‚zahlende Zombies‘ apostrophiert, die Geld dafür investieren, ihre eigene „Stasi-Leitstelle“ mit sich herumzutragen?17 Die Überwachungssituation ist heute primär daten- und algorithmenbasiert, sie ist dezentral, mobil, unsichtbar, flexibel, fluid (oder: liquid, um mit Zygmunt Bauman zu sprechen) und sie hat die klassischen Einschließungsinstitutionen verlassen. Und mit diesem Auszug aus den Einschließungsmilieus wie Schule, Spital und Arbeitsstätte ist Kontrolle, wie Gilles Deleuze im Postskriptum über die Kontrollgesellschaften18 knapp skizziert hat, nicht nur unsichtbar, sondernd dezentral geworden. Sie basiert nicht länger auf der Identifikation von Individuen, sondern auf der Rasterung von „Dividuen“, ist nicht mehr einem staatlichen Gewaltmonopol unterstellt, sondern privatwirtschaftlich ökonomisiert und nicht zuletzt jedem Einzelnen im Rahmen einer Selbstverdatung zum Zwecke der Selbstkapitalisierung in einer auf Eigeninitiative ausgerichteten Wettbewerbsgesellschaft überantwortet. Überwachung heute basiert damit weniger auf Disziplinierung denn auf (Selbst-)Optimierung, sie ist, so lässt sich knapp formulieren, vom Zwang zum Wunsch gewechselt (hinter dem freilich der Zwang noch immer aufscheint): „In demokratischen Gesellschaften wird (kommerzielle) Überwachung nicht gewaltsam gegen den Widerstand der Bürger durchgesetzt. Sie funktioniert, weil die meisten freiwillig an ihr teilnehmen, oder sich die Vorteile, die sie bietet, nicht entgehen lassen wollen“ – und zwar weil „surveillance und privacy untrennbar miteinander verwoben“ sind, wie Kammerer im Rekurs auf David Lyon pointiert.19

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2. Surveillance Entertainment: Die Freiheit der Kontrolle

Mit diesem Wechsel von disziplinierender zu unterhaltender Überwachung ist nicht nur das etymologische Doppel aus sorgendem und Strafe androhendem Überwachen, aus ‚über jemanden wachen‘ und ‚jemanden überwachen‘ evoziert, das Siri, Alexa und Co. ins heimische Wohnzimmer bringen, indem sie für uns da sind, zugleich aber Verhaltensnormen setzen und Empfehlungen aussprechen.20 Dass sie mit uns sprechen, aber zugleich subjektlos bleiben, Überwachung vom optischen auf das akustische Prinzip verschieben, scheint ursächlich, so folgern Liane Schüller und Rainer Schüller-Fengler, für den offenkundig unsensiblen Umgang mit den über diese Dienste preisgegeben persönlichen Daten zu sein:

Dass die akustische Überwachung dieser ‚Helfer‘ weniger bedrohlich erscheint als die visuelle, lässt im Wortsinn aufhorchen. Wie sonst ließe sich erklären, dass sich Internet-Nutzer der Videoüberwachung durch Webcams zu entziehen suchen, indem sie die Kameras ihrer Arbeitsgeräte zukleben, sich zeitgleich aber die Mikrofone von Datengiganten wie Amazon oder Google in ihre privaten Räume holen, die jegliche Kommunikation aufzeichnen und diese zur Auswertung an Amazons Cloud-Dienst senden?21

So sehr die Erklärung dieser Aporie aus Sensibilität für die eigene Visibilität und Ignoranz gegenüber der – um den in diesem Zusammenhang höchst aufschlussreichen Titel von Heinrich Bölls Terrorismusroman der bundesrepublikanischen 1970er-Jahre zu zitieren – fürsorglichen Belagerung durch Internetkonzerne überzeugt, kann der Wechsel von der Optik zur Akustik allein das Problem nicht vollständig erklären. Dem widerspricht etwa die Dominanz der visuellen Kultur auf dem Aufmerksamkeitsmarkt, der die postmoderne Subjektivität im Modus der Selbstdarstellung zur Sichtbarkeit treibt. Auch wenn Kammerer zu Recht dafür plädiert, zwischen Aufmerksamkeit und Beaufsichtigung zu unterscheiden und diese Unterscheidungskompetenz auch den Subjekten zuzugestehen,22 also zwischen intendierter und nicht intendierter Publizität zu trennen, ist eine gewisse Sorglosigkeit vor allem dort zu sehen, wo Überwachung nicht sichtbar ist, weil sie entweder nicht visuell operiert oder nicht mehr sichtbar ist, weil eine Gewöhnung an die Überwachungsarchitektur längst eingesetzt hat. Letzteres, von Kammerer selbst angewendetes ←15 | 16→Erklärungsmuster, bekommt in der forcierten Aufmerksamkeitsökonomie noch einmal mehr Gewicht, weil Aufmerksamkeitsspannen kürzer werden, je mehr Anbieter um Aufmerksamkeit buhlen. Zur sorgend-überwachenden Aufmerksamkeit gesellt sich aber primär der praktische Nutzen, der immer dann über die datenschutzrechtlichen Bedenken gestellt wird, wenn diese zu viel (unbezahlte) Arbeit machen, denn die Vermeidung von Überwachung ist aufwendig, ihre Akzeptanz ist nicht zuletzt auch immer Zeitersparnis.

So bleibt Überwachung nicht nur auf Unternehmensseite ein ökonomisches Argument, sondern auch aufseiten der Konsument_innen: „Daten gegen Konsum“, argumentiert Nils Zurawski, ist die Logik des internetbasierten Konsums.

Die in Konsum eingebettete Überwachung verknüpft Aspekte des Arbeitsalltags mit Freizeitaktivitäten, je nachdem, welche Informationen konsumiert werden. Aufgrund der technisch flankierten raumzeitlichen Entgrenzung von Arbeit, ist kaum mehr dezidiert zu unterscheiden, ob Überwachung als notwendige Begleiterscheinung der Arbeitswelt entspringt oder über das Freizeitverhalten von Konsument_innen eingehandelt wird.

Mithin ist Überwachung auch Gegenstand der Populärkultur, die die Ästhetik und Motivik der Überwachungsbilder nicht nur zitiert,24 sondern ironisiert und in der Werbung einsetzt.25 Das birgt die Gefahr, dass nicht nur die tatsächliche Überwachung verharmlost, sondern auch subversive Strategien der Gegenkultur, die auf Überwachung reagieren, rekuperiert und ökonomisiert werden, sodass zwischen Kritik und Affirmation der Überwachungssituation kaum zu unterscheiden ist, was der Design- und Architekturtheoretiker Friedrich von Borries mit dem Begriff des Surveillance-Entertainments26 theoretisch fasst und in den Romanen 1WTC (2011) und RLF (2013) durch die Protagonist_←16 | 17→innen als kritisches Kunstprogramm ausagieren lässt,27 um das Unbewusste und Unsichtbare der Überwachung zu visualisieren, theoretisch zu reflektieren und in eine Kunst zu verwandeln, die die Verquickung von Ökonomie und Überwachung im Sinne Shoshana Zuboffs Etikett des Überwachungskapitalismus28 dechiffriert.

Borries’ intermedial erweiterte literarische Texte bilden nicht nur den zwischen Zwang und Wunsch aufgespannten Status quo des Überwachungskapitalismus ab, sondern weisen, indem sie mit Überwachung Kunst und mit Kunst (kulturelles) Kapital akkumulieren, zugleich auf den doppelten ökonomischen Boden von Überwachung und künstlerischem Widerstand hin. Sie inszenieren dies allerdings im Bereich visueller (Medien-)Kunst und diskutieren – auch in theoretischen Einschüben – Fragen der widerständigen künstlerischen Praxen als Fragen der Visualisierung von Überwachung und gruppieren dieses Projekt um den ikonischen Status der Überwachungskamera herum, deren halbkugelförmige Dome-Variante Borries’ Protagonist als ‚Diskokugel der Kontrollgesellschaft‘ bezeichnet. Wie die Diskokugel Lichtreflexe multipliziert und Effekte produziert, die von ihr wegweisen, so lässt sich auch Borries Bonmot von der Diskokugel der Kontrollgesellschaft als kritische Bestandsaufnahme des ikonischen, längst populär- und gegenkulturell überformten Status der Überwachungskamera lesen, die durch ihre schillernde Sichtbarkeit vielleicht mehr von sich ablenkt, als es ihren alarmierten Kritiker_innen lieb ist. Und möglicherweise lenkt auch die Konzentration auf das Sichtbare genau davon ab, dass (Daten-)Überwachung im Unsichtbaren immer weiter ausgebaut wird.

3. Unsichtbarkeits- und Unsicherheitseffekte in der Kontrollgesellschaft

Mit dem veränderten Sichtbarkeitsregime der Überwachung müssen sich auch die medialen Signaturen, mithin die Mittel der Darstellung von Überwachung ←17 | 18→in bewegten oder statischen Bildern und Texten wandeln. Medien haben dabei eine spezifische ‚Signatur‘, die sie dem vermittelten Inhalt einschreiben, sie hinterlassen gleichsam ihren individuellen Abdruck. Das heißt, dass Medien – zum Beispiel visuelle Überwachungsapparaturen – niemals neutrale Bilder liefern, sondern ihre spezifische Medialität den Inhalt und erst recht dessen Rezeption immer auch formatiert und formiert und damit Seh-Gewohnheiten bahnt. In diesem Sinne lässt sich, wie Christina Bartz und andere in der Einleitung des Handbuchs der Mediologie argumentieren, eine „mediale ‚Unterzeichnung‘ der Hervorbringungen kultureller Semantik“29 attestieren. Zu fragen ist dann nicht nur, wie die Medien der Überwachung die Bilder, die sich Kunst und Literatur von Überwachung machen mitzeichnen und welchen Einschreibungen umgekehrt die mediale Auseinandersetzung mit immer schon medial vermittelter Überwachung unterworfen ist, sondern auch wie sich der Wandel von Überwachung als Wandel ihrer Darstellung manifestiert. Wie ändern sich Signaturen der Überwachung, wenn sich deren Medien ändern? Wie erzählt man einen Algorithmus? Wie inszeniert man einen Datensatz? Welchen ästhetischen Stellenwert hat ein Code?

Dabei ist Überwachung auch jenseits ihrer Sichtbarkeit und ihrer medialen Verfasstheit ein für literatur-, kultur- und medienwissenschaftliche wie auch für soziologische Fragestellungen prädestiniertes Thema, weil sie dort ansetzt, wo Gesellschaft entsteht: bei der Kommunikation. Ohne Kommunikation gibt es keine Gesellschaft,

[o]‌hne einen Austausch von Informationen zwischen den Mitgliedern einer Gruppe oder Gesellschaft ist kein soziales Leben denkbar. Über das Sammeln, Austauschen und Bewerten von Informationen versuchen Menschen sich innerhalb ihrer Umwelt zurechtzufinden beziehungsweise die sie umgebende Welt zu begreifen.30

In dem Sinne, dass Menschen nicht nicht kommunizieren können, findet Überwachung an einem Knotenpunkt sozialer Interaktion statt und geht damit weit über das Visuelle der Videoüberwachung hinaus. Das passt zu Gilles Deleuzes Beobachtung, der im Postskriptum feststellt, dass Überwachung rhizomatisch wächst und nicht mehr, wie im Panopticum, vertikal und geordnet figuriert wird. Damit gerät eine auffällige Parallele zwischen der Zunahme an Kommunikation angesichts sozialer Medien und wachsender Überwachung auf Grundlage algorithmenbasierter Automatisierung in den Blick. Gerade in der ←18 | 19→Nutzung sozialer Medien wird die Komplizenschaft von Aufmerksamkeit und Überwachtheit deutlich, die Byung-Chul Han als Kern neoliberaler Psychopolitik identifiziert, die zu Mitteilung, Statusmeldung, Kommentar und Feedback animiert. Die smarte Macht der Konzerne setze auf Kommunikation, sie fordere „uns permanent dazu auf, mitzuteilen, zu teilen, teilzunehmen, unsere Meinungen, Bedürfnisse, Wünsche und Vorlieben zu kommunizieren und unser Leben zu erzählen.“31 Dass Überwachung dabei auf Grundlage von Datensätzen im Hintergrund elektronischer Kommunikation abläuft und keinen Beobachter32 mehr braucht, lässt Zygmunt Bauman von „post-panoptischen“ Machtverhältnissen sprechen,33 in denen die Aufgaben der Aufseher von Algorithmen übernommen werden, die gouvernemental mittels statistischer Erhebung „Wissen über den Bevölkerungskörper sammelt und regulierend auf ihn einwirkt.“34 Der Unterschied zu Michel Foucaults Verständnis der Gouvernementalität, in der statistisches Wissen ein „Wissen des Staates über den Staat“ darstellt, „verstanden als Selbstwissen des Staates aber auch als Wissen über die anderen Staaten“35, besteht darin, dass die Akkumulation von solch statistischem Wissen, das heute zu einem regelrechten „Quantifizierungskult“36 gepusht wird, exterritorialisiert und kommerzialisiert ist, weniger in der Hand des Staates als in der von Großkonzernen, wie den notorischen GAFA (Google, Amazon, Facebook und Apple) liegt, die, wie der Politikwissenschaftler Adrian Lobe nachgezeichnet hat, als paranationale Unternehmen Herrschaftswissen ←19 | 20→sammeln und dem Staat auf Anfrage zur Verfügung stellen, wenn begründete Verdachtsmomente gegen einzelne Personen auftreten. Wobei ‚einzeln‘ wiederum eine statistische Größe ist. Lobe nennt allein für das erste Halbjahr 2018 135.000 Auskunftsersuche von Strafverfolgungsbehörden an Google, denen in zwei Dritteln der Fälle nachgekommen wurde.37

Je mehr Daten ein Individuum produziert, desto mehr entwickelt es ein digitales Zweitleben. David Lyon spricht in Everyday Surveillance von „Datensubjekten“38, also vermessbaren Identitäten, deren Wert oder Gefahr quantifizierbar erscheint, Adrian Lobe identifiziert analog einen Datenkörper und schlägt mit martialischer Metaphorik den Bogen zurück zur Disziplinargesellschaft:

Das Internet ist womöglich der größte historische Triumph des Gefängnisses, weil das Kerkerprinzip in jeder Funkzelle implementiert ist. […] Der [ ]‌Nutzer wird kaserniert – er befindet sich in einem abgeschlossenen Ökosystem, das er nicht mehr verlassen soll. An- und Abwesenheit werden wie in einer Kaserne oder Schule kontrolliert […]. Der Smartphone-Nutzer oder Träger eines Fitnessarmbands wird nicht interniert, sondern externiert. Interniert wird der Datenkörper, der in hochgesicherten Serverfarmen sein Dasein fristet. Dort werden die Daten „gesichert“ – sie sollen nicht „ausbrechen“.39

Der grundlegende Unterschied zur Disziplinargesellschaft besteht zum einen darin, dass Überwachung Teil der Alltagskommunikation und der Unterhaltungsindustrie40 geworden ist und ein Entzug der Aufkündigung sozialer Teilhabe gleichkommt. Zum anderen unterscheidet sich der gegenwärtige Status quo von der Disziplinargesellschaft durch einen Anschein von Freiheit, einer Freiheit, die z.B. in unumschränkter Mobilität besteht, die selbst wiederum Unmengen an Daten produziert und Teil der Überwachung der Datensubjekte ist. Insofern wirkt das Grundprinzip des Panoptismus weiter, nämlich „die Aufgaben des Herrschers von den Beherrschten erledigen zu lassen“, so Zygmunt Bauman, sie also dazu zu verleiten, Daten freiwillig preiszugeben. Bauman pointiert: „Wer heute eine Aufgabe erledigt haben will, setzt nicht mehr ←20 | 21→auf Disziplin, Folgsamkeit, Anpassung, Befehl und Gehorsam, Routine, Uniformität und Einschränkung“, sondern schließt

Was sich in dieser Bemerkung des britischen Soziologen zeigt, ist, dass Überwachung, Disziplin und Kontrolle smart geworden sind. Sie haben als Disziplinierungsmoment ihre Sichtbarkeit verloren und sind internalisiert, sodass vor alle Termini ein ‚Selbst-‘ gesetzt werden kann: Techniken der Selbstüberwachung, Selbstdisziplin und Selbstkontrolle finden immer stärkere Verbreitung und Akzeptanz und gipfeln im Imperativ der Selbstoptimierung. Durch die Verlagerung der Überwachung von außen nach innen, vom Zwang zum Wunsch von der Herrschaftstechnik zur Selbstsorge, gewinnt das überwachte Subjekt vordergründig eine Handlungsmacht, die die Eingespanntheit in die dahinterliegenden Zwänge überspielt.

Mediale Signaturen von Überwachung zielen auf das dialektische Doppel aus Freiheit und Kontrolle, dem Markus Metz und Georg Seeßlen einen Essay gewidmet haben. Kontrolle werde

Details

Seiten
290
ISBN (PDF)
9783631860670
ISBN (ePUB)
9783631860687
ISBN (MOBI)
9783631860694
ISBN (Hardcover)
9783631850213
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2022 (Januar)
Schlagworte
Überwachung Literatur Film Medien Kunst Selbstkontrolle
Erschienen
Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2022. 290 S., 20 s/w Abb.

Biographische Angaben

Torsten Erdbrügger (Band-Herausgeber:in) Liane Schüller (Band-Herausgeber:in) Werner Jung (Band-Herausgeber:in)

Torsten Erdbrügger, MA, ist Literaturwissenschaftler und DAAD-Lektor an der Universität Łódź, Polen. Liane Schüller, Dr. phil., lehrt als Oberstudienrätin im Hochschuldienst an der Universität Duisburg-Essen in der Literaturwissenschaft und -didaktik. Werner Jung, Prof. i. R. Dr., lehrte an der Universität Duisburg-Essen und forscht zur Neueren deutschen Literatur.

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Titel: Mediale Signaturen von Überwachung und Selbstkontrolle