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Karl Barths Verständnis der Religion zwischen 1909 und 1938

Eine Untersuchung zur konstruktiven Rolle von ‚Religion‘ von der frühen Religionsphilosophie bis hin zur These ‚Religion als Unglaube‘

von Jialu Zheng (Autor:in)
©2022 Monographie 278 Seiten

Zusammenfassung

Die vorliegende Arbeit möchte zeigen, wie Karl Barth in seiner Auseinandersetzung mit dem Religionsbegriff zu den Thesen ‚Religion als Unglaube‘ und ‚die christliche Religion als die einzig wirkliche und wahre Religion‘ in der Kirchlichen Dogmatik (KD) §17 – Gottes Offenbarung als Aufhebung der Religion –gelangt. Sie beschäftigt sich mit Barths Äußerungen zum Verhältnis von Religion und Wahrheit im Zeitraum von 1909 bis 1938 und richtet sich auf die konstruktive Rolle von ‚Religion‘ und damit auf die Frage, welche argumentative Rolle und Funktion Barth dem Religionsbegriff zuweist. Darüber hinaus könnte die konstruktive Rolle von ‚Religion‘ in Barths Theologie der zeitgenössischen Religionswissenschaft eine neue Perspektive eröffnen.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Geleitwort
  • Vorwort
  • Inhalt
  • Abkürzungen, Siglen und Zeichen
  • Einleitung
  • 0. Exkurs: Barths Beitrag zur chinesischen Religionswissenschaft
  • 1. Forschungsfragen
  • 2. Forschungsstand
  • 3. Zielsetzung und Aufbau der Arbeit
  • 1. Religion als Realitätsbeziehung in Barths Religionsphilosophie
  • 1.1 Das Problem der Religion in der modernen Theologie
  • 1.1.1 Religiöses Individualismus und historisches Relativismus
  • 1.1.2 Barths Verteidigung der Religionsproblematik
  • 1.2 Religion als Realitätsbeziehung
  • 1.2.1 Religionsphilosophie als Glaubenslehre in der Theologie
  • 1.2.2 Religion als Subjekt der Idee im Kulturbewusstsein
  • 1.3 Die praktischen Anwendungen von Barths Religionsphilosophie
  • 1.3.1 Religion und Glaube
  • 1.3.2 Religion und Theologie
  • 1.3.3 Religion und Wissenschaft
  • 1.3.4 Religion und die soziale Bewegung in Gottes Reich
  • 1.4 Fazit: Religion als Realitätsbeziehung in der Kultur und der Theologie
  • 1.4.1 Religion als Aktualisierung der Kultur in der Geschichte
  • 1.4.2 Religion als unerreichbarer Gegenstand der Theologie
  • 2. Religion als Zeichen und negative Wahrheit in Gottes Geschichte
  • 2.1 Barths Religionsverständnis nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs
  • 2.1.1 Religion als zweideutige Erscheinung im Licht von Gottes Reich
  • 2.1.2 Religion als ernsthaftes Problem im Licht des biblischen Lebens
  • 2.1.3 Religion als biblische Frömmigkeit
  • 2.2 Karl Barths Religionsverständnis im Römerbriefkommentar von 1919
  • 2.2.1 Barths theologische Fragestellung im Römerbriefkommentar (1919)
  • 2.2.2 Abrahams Religion und Abrahams Glauben in der Geschichte Gottes
  • 2.2.3 Religion als Zeichen des Glaubens in Gottes Geschichte
  • 2.3 Karl Barths Religionsverständnis im Römerbriefkommentar von 1922
  • 2.3.1 Barths theologische Fragestellung im Römerbriefkommentar von 1922
  • 2.3.2 Religion im Licht von Gesetz und Sünde
  • 2.3.3 Der religiöse Mensch zwischen Adam und Jesus Christus
  • 2.4 Fazit: Religion in Zeit und Ewigkeit
  • 2.4.1 Die Ambivalenz in Barths Religionsverständnis
  • 2.4.2 Der dauerhafte Wahrheitsanspruch der religiösen Frage
  • 3. Karl Barths dogmatische Rekonstruktion von Religion
  • 3.1 Barths Religionsverständnis in seiner Göttinger Dogmatik
  • 3.1.1 Dogmatik als Ablehnung der modernen protestantischen Theologie
  • 3.1.2 Vor Gott stehen ohne Religion
  • 3.1.3 Religionskritik als Kritik an Schleiermachers Theologie
  • 3.2 Religionsrekonstruktion in Die christliche Dogmatik im Entwurf
  • 3.2.1 Dogmatik als Wissenschaft des Dogmas
  • 3.2.2 Vor-Gott-Stehen mit Religion in Gottes Gnade
  • 3.2.3 Religionskritik als Rekonstruktion der Religion in der Theologie
  • 3.3 Religionsrekonstruktion in der Kirchlichen Dogmatik
  • 3.3.1 Dogmatik als Glaubensakt an Jesus Christus
  • 3.3.2 Gottes Offenbarung als Aufhebung der Religion
  • 3.3.2.1 Das Problem der Religion in der Theologie
  • 3.3.2.2 Religion als Unglaube
  • 3.3.2.3 Wahre Religion
  • 3.3.3 Religionskritik als Selbstkritik der christlichen Religion
  • 3.4 Fazit: Das Christentum zwischen Unglaube und wahrer Religion
  • 4. Kritische Würdigung
  • 4.1 Die Auseinandersetzung mit Religion, Glauben und Theologie
  • 4.2 Die konstruktive Ebene in Barths Religionsverständnis
  • 4.3 Grenze und Kraft von Barths theologischer Religionsrekonstruktion
  • Literaturverzeichnis
  • I. Schriften von Karl Barth
  • II. Andere Autoren/Autorinnen
  • III. Literatur zur chinesischen Religionswissenschaft
  • Namenregister
  • Reihenübersicht

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Abkürzungen, Siglen und Zeichen

I (Kursivdruck)Buchtitel bzw. Paragraphtitel
»«Titel eines Aufsatzes bzw. Vortrags
‚‘Begriff im Sinne von Karl Barths Gebrauch
[]Erklärung in den Vorlagen
Auslassung in den Vorlagen
[…]Auslassung von mir
[…; J. Z.]Ergänzung von mir
B (Fettdruck)Hervorhebung von mir
KDDie Kirchliche Dogmatik (1932ff.)
Röm IDer Römerbrief (Erste Fassung, 1919)
Röm IIDer Römerbrief (Zweite Fassung, 1922)
ZThKZeitschrift für Theologie und Kirche

Die anderen verwendeten Abkürzungen in der vorliegenden Dissertation folgen Abkürzungen Theologie und Religionswissenschaften nach RGG4 (hg. von der Redaktion der RGG4, Tübingen: Mohr Siebeck, 2007). Biblische Abkürzungen werden als bekannt vorausgesetzt.

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Einleitung

Was die Entwicklung seiner Theologie angeht, stellt Karl Barths These ‚Religion als Unglaube‘ in der Kirchlichen Dogmatik (KD) § 17 – Gottes Offenbarung als Aufhebung der Religion – keinen epochalen Wandel seiner Erkenntnis in Bezug auf die Religion dar, da er in seinem theologischen Werk durchgängig Kritik an der Religion übt. Vor diesem Hintergrund ist es erstaunlich, dass Barth im Rahmen der Entwicklung seines Religionsverständnisses schließlich dazu gelangt, die christliche Religion als die einzig wirkliche und wahre Religion zu betrachten, obwohl er Religion zugleich als Unglaube bestimmt. In diesem Sinne bildet das Paradox von Unglauben und wahrer Religion in der christlichen Religion den Schwerpunkt in seinem kirchlich-dogmatischem Religionsverständnis. Während die These ‚Religion sei Unglaube‘ Ausdruck seiner Kritik an der Religion ist, ist die These ‚die christliche Religion sei die wahre Religion‘ Ausdruck seiner theologischen Würdigung der Religion. Die vorliegende Arbeit möchte zeigen, wie Karl Barth in seiner Auseinandersetzung mit dem Religionsbegriff zu diesen Thesen gelangt und in welchem Sinne sie vereinbar sind. Sie beschäftigt sich mit Barths unterschiedlichen Äußerungen zum Thema Religion im Zeitraum von 1909 bis 1938 sowie mit dem Verhältnis von Religion und Wahrheit im Lauf der Entwicklung seiner Theologie, also damit, wie er in verschiedenen Kontexten das Wort Religion in der Theologie neu beleuchtet und verwendet. Die Untersuchung richtet sich auf die konstruktive Rolle von ‚Religion‘ und damit auf die Frage, welche argumentative Rolle und Funktion Barth dem Religionsbegriff im Zuge seiner theologischen Entwicklung zuweist, denn in der Karl-Barth-Forschung wird die konstruktive Rolle von ‚Religion‘ in Barths Theologie üblicherweise vernachlässigt. Darüber hinaus könnte die konstruktive Rolle von ‚Religion‘ in Barths Theologie der zeitgenössischen Religionswissenschaft eine neue Perspektive eröffnen und die möglichen Grenzen einer kulturellen Rekonstruktion von Religion aufzeigen.

0. Exkurs: Barths Beitrag zur chinesischen Religionswissenschaft

Die Voraussetzung der Untersuchung zu Karl Barths Religionsverständnis besteht darin, dass Barths theologische Religionskritik eine konstruktive Religionskritik ist, weil er sich darum bemüht, das Wort Religion in seiner Kirchlichen Dogmatik neu zu verorten, anstatt den Religionsbegriff zu eliminieren. ←15 | 16→In der Tat geht es der zeitgenössischen chinesischen Religionswissenschaft ebenfalls um eine Rekonstruktion der Religion.1 Anders als Karl Barth in seiner dogmatischen Rekonstruktion der Religion bemühen sich die chinesischen Religionswissenschaftler/innen darum, die innere Verbindung zwischen Religion und Kultur wissenschaftlich zu beleuchten. Diese kulturelle Rekonstruktion der Religion in der chinesischen Religionswissenschaft wurzelt in einem besonderen geschichtlichen Zusammenhang, in dem die kulturellen Werte der Religion kaum in den Blick genommen wurden. So wurde Religion in China während der Kulturrevolution von 1966 bis 1976 völlig dämonisiert. Es gab sogar eine nationale politische Kampagne zur Schaffung einer nichtreligiösen Stadt, was die negative Haltung gegenüber der Religion unterstrich und zum Niedergang der christlich-theologischen Ausbildungsstätten führte.2 In dem damaligen politischen Kontext wurde Religion nur als Ideologie und Überbau der herrschenden Klasse betrachtet. Nach der Reform und Öffnung von 1979 verpflichteten sich die chinesischen Religionswissenschaftler/innen als Pioniere einer neu entstehenden Religionswissenschaft zu fungieren, mit dem Ziel, Religion im Rahmen des modernen Wissenschaftssystems im Kontext der chinesischen Politik und Kultur zu erforschen. Um dieses Ziel zu erreichen, versuchten sie, die gesellschaftlichen Dimensionen von Religion und die Beziehungen zwischen Religion und Kultur aus philosophischer, historischer und soziologischer Sicht zu untersuchen. Vor diesem Hintergrund sieht die chinesische Religionswissenschaft heute ihre Aufgabe darin, darauf aufmerksam zu machen, dass Religion ein normales kulturelles Phänomen ist; Religionsfreiheit ist heute ein Grundrecht, das die chinesische Verfassung den Bürgerinnen und Bürgern garantiert. Darüber hinaus versuchen die chinesischen Religionswissenschaftler/innen zu erklären, welche positiven Auswirkungen Religion auf die heutige Gesellschaft haben könnte, anstatt lediglich das Ziel von Kritik und Angriffen in emotionalen politischen Debatten abzugeben.

Allerdings fehlt in der chinesischen Rekonstruktion der Religion die innerkirchliche bzw. innerchristliche Betrachtungsweise. In Bezug auf die Anwendung einer agnostischen Methode betrachten chinesische Religionswissenschaftler/innen den Gegenstand Religion aus einer deskriptiven ←16 | 17→Perspektive. Somit geht es in ihren Forschungen wesentlich um die Beobachtung der Religion von außen. Den Symbolsystemen innerhalb bestimmter Religionen, wie z. B. den Ritualen oder Liturgien in der christlichen Religion, wird weniger Aufmerksamkeit geschenkt. Dementsprechend könnte Barths dogmatische Rekonstruktion der Religion eine neue Perspektive für die chinesische Rekonstruktion der Religion bieten. Sowohl Barths frühe Religionsphilosophie wie seine späte theologische Religionskritik stellen Selbstlegitimierungen der christlichen Religion dar.

Obwohl die christliche Religion eine der fünf in China gesetzlich anerkannten, institutionalisierten Religionen (Buddhismus, Taoismus, Katholizismus, Protestantismus und Islam) ist, befindet sie sich in einer gewissen Verlegenheit, weil sie seit Ende des 19. Jahrhunderts eine entscheidende Rolle bei der Globalisierung und Modernisierung spielte.3 In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war im Zuge der Kolonialisierung die westliche Kultur nach China gelangt. Der Historiker Joseph R. Levenson hat in seinem Werk Confucian China and Its Modern Fate die Begegnung der Chinesen/innen mit dem Westen folgendermaßen umschrieben:

„…the metaphor of language is suggested irresistibly: what the West has probably done to China is to change the latter’s language – what China has done to the West is to enlarge the latter’s vocabulary.“ (Levenson 1968, S. 157).4

In dieser Begegnung kommt das ungleiche Verhältnis zwischen westlicher Kultur und chinesischer Kultur zum Ausdruck: Aufgrund der Unterdrückung und Bedrohung durch die westliche Kultur war die chinesische Kultur in der Zeit der Kolonialisierung gezwungen, sich zu verändern.

Typische Beispiele dafür sind neue Sichtweisen auf das Religionsverständnis oder die Etablierung des Begriffs „Zongjiao (宗教)“ für Religion. Der chinesische Ausdruck „Zongjiao (宗教)“ tauchte zum ersten Mal in buddhistischen Texten des 6. Jahrhunderts auf. Dort stand er für die Lehre einer jeweiligen ←17 | 18→Schule innerhalb des Buddhismus.5 In der chinesischen Sprache galt er jedoch nicht als Äquivalent für den westlichen Ausdruck „Religion“. So gesehen ist der moderne Gebrauch des Ausdrucks „Zongjiao (宗教)“ nicht bloß ein Äquivalent für den westlichen Ausdruck „Religion“, sondern Ausdruck eines Verständniswandels unter dem Eindruck einer asymmetrischen, interkulturellen Begegnung. Zum einen ging es dabei um die Interpretation der chinesischen Tradition und zum anderen um die Frage, wie man auf die westliche Kultur reagieren sollte.

Details

Seiten
278
Jahr
2022
ISBN (PDF)
9783631865699
ISBN (ePUB)
9783631865705
ISBN (MOBI)
9783631865712
ISBN (Hardcover)
9783631861011
DOI
10.3726/b18936
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2022 (Februar)
Erschienen
Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2022. 278 S., 2 s/w Abb.

Biographische Angaben

Jialu Zheng (Autor:in)

Jialu Zheng, 2009–2016 Studium der Philosophie und Religionswissenschaft an der Renmin Universität China; 2016 Promotion an der Theologischen Fakultät der Universität Heidelberg; seit 2021 Assistenz-Professorin an der marxistischen Fakultät der Hunan Universität, China.

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