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Studien zum Tierstil skythenzeitlicher Reiternomaden im eurasischen Steppengürtel

Mehrfigurige Kompositionen der älteren Eisenzeit

von Karina Iwe (Autor:in)
©2022 Dissertation 468 Seiten

Zusammenfassung

Tierdarstellungen finden sich auf der Bewaffnung, auf Geräten, auf der Bekleidung, sogar auf dem menschlichen Körper selbst, als Tätowierungen. Sie treten zahlreich auf und dennoch erzählen sie nur von ganz bestimmten Geschichten.
Im 1. Jahrtausend v. Chr. beherrschten die Kulturguppen skythenzeitlicher Reiternomaden den eurasischen Steppengürtel vom Nordschwarzmeergebiet bis zu den westlichen Ausläufern der Mongolei. Die vielfach überlieferten mobilen Objekte sind durch den skythisch-sibirischen Tierstil gekennzeichnet. Er gibt Einblick in die geistig-religiöse Vorstellungswelt jener Menschen der Eisenzeit in diesem spezifischen Raum. Die vorliegende Publikation beantwortet Fragen nach der Bedeutung und den Geschichten, die die Darstellungen kennzeichnen.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • 1. Vorwort
  • 2. Einleitung
  • 3. Fragestellung
  • 4. Exkurs: Über prähistorische Kunst
  • 5. Untersuchungsgebiet
  • 5.1. Naturräumliche Gliederung
  • 5.2. Abgrenzung des chronologischen Rahmens (Ältere Eisenzeit)
  • 5.3. Klimatische Voraussetzungen am Beginn des 1. Jahrtausends v. Chr.
  • 5.3.1 Tuva (Südsibirien)
  • 5.3.2 Minusinsker Becken (Südsibirien)
  • 5.3.3 Weitere Regionen
  • 5.4. Lokale Fauna als Ideengeber für die Bildmotive der Kulturgruppen im eurasischen Steppengürtel
  • 6. Forschungsgeschichte
  • 6.1. Erforschung der materiellen Kultur skythenzeitlicher Reiternomaden
  • 6.2. Forschungsgeschichte zum skythisch-sibirischen Tierstil
  • 7. Terminologie und Bedeutung des skythisch-sibirischen Tierstils
  • 7.1. Definition mehrfiguriger Kompositionen
  • 7.2. Terminologie zum Tierstil-Begriff
  • 7.2.1. Tierstil und Tierstil
  • 7.2.2. Terminologische Begrifflichkeiten
  • 7.3 Entstehung und Entwicklung
  • 7.4 Bedeutung
  • 8. Methodische Überlegungen und Konzepte
  • 8.1. Methoden
  • 8.1.1. Datenbank/Katalog
  • 8.1.2. Kartierung
  • 8.1.3. Stilistische Methode
  • 8.1.4. Ikonographische Klassifikation
  • 8.1.5. Struktur-semiotische Methode
  • 8.1.6. Methode der archäologisch-ethnographischen Parallelen
  • 8.2. Konzepte
  • 8.2.1. Macht der Bilder
  • 8.2.2. Bilder als Erinnerungsmedien
  • 8.2.3. Tierstil als (Zeichen-)Sprache und Medium der Kommunikation
  • 8.2.4. Art as action und creator of social relations
  • 9. Datengrundlage
  • 9.1. Begrenzung der Quellen
  • 9.2. Quellengattungen
  • 10. Betrachtung der Regionen
  • 10.1. Westsibirien
  • 10.1.1. Ural-Vorland
  • 10.1.2. Mittleres Irtyš- und Baraba-Tiefland
  • 10.1.3. Mittleres Ob-Gebiet
  • 10.1.4. Oberes Ob-Gebiet
  • 10.2. Mittel- und Ostsibirien
  • 10.2.1. Altaj
  • 10.2.2. Tuva
  • 10.2.3. Mittleres Enisej-Gebiet
  • 10.2.4. Bajkalien
  • 10.3. Südrussland
  • 10.3.1. Zwischen Südural und Unterer Wolga
  • 10.3.2. Kuban
  • 10.4. Nördliches Mittelasien
  • 10.4.1. Zentralkazachstan
  • 10.4.2. Westkazachstan
  • 10.4.3. Ostkazachstan
  • 10.4.4. Semireč’e und Tian-Shan
  • 10.4.5. Fergana
  • 10.4.6. Unteres Syr-Dar’ja-Gebiet
  • 10.4.7. Chorezm
  • 10.5. Mongolei
  • 10.6. Nordchina
  • 10.6.1. Xinjiang
  • 10.6.2. Ordos
  • 10.6.3. Zufallsfunde aus Sammlungen
  • 10.7. Pakistan
  • 10.8. Iran
  • 10.9. Ukraine
  • 10.10. Sibirische Sammlung Peters des Großen
  • 10.11. Zusammenfassung der Ergebnisse
  • 11. Analyse der Tierstile im Forschungsgebiet
  • 11.1. Regionen vergleichende Klassifikation: Themenkreis
  • 11.1.1. Lokale Eigenheiten der Bilderwelt ausgewählter Bestattungsplätze
  • 11.1.2. Die Anpassung adaptierter Elemente an lokale Gegebenheiten
  • 11.2. Bildträger mehrfiguriger Darstellungen
  • 11.3. Materialien und Herstellungsprozess
  • 11.4 Zeichen und Symbole
  • 12. Interpretation der Betrachtungen mehrfiguriger Kompositionen im eurasischen Steppengürtel
  • 12.1. Stilistischer und inhaltlicher Wandel
  • 12.2. Von Tierdarstellungen über die Zeichen zur Bildsprache: eine Sprache der Zeichen?
  • 12.3. Tierbilder aus dem skythisch-sibirischen Kulturkreis als Erinnerungsmedien
  • 12.4. Der skythisch-sibirische Tierstil in der Mitte der Gemeinschaft
  • 13. Das 1. Jahrtausend v. Chr. im eurasischen Steppengürtel und seine mehrfigurigen Bilder
  • 13.1. Merkmale einer Erzählung
  • 13.2. Zur Entstehungsfrage
  • 13.3. Ein flächendeckendes Kommunikationsnetzwerk
  • 14. Zusammenfassung
  • 15. Ausblick
  • 16. Conclusion
  • 17. Заключение
  • Literaturverzeichnis
  • Anhang
  • Abkürzungsverzeichnis
  • Register russischsprachiger Fundorte (mit Transliteration)
  • Koordinaten für die Kartierung

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1. Vorwort

Die vorliegende Dissertation wurde von der Graduiertenschule Human Development in Landscapes der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) materiell wie ideell gefördert, weshalb ich ihr großen Dank für die Aufnahme und darin verwirklichte Möglichkeiten aussprechen möchte. In diesem Zusammenhang möchte ich auch der Deutschen Forschungsgemeinschaft danken, dieses Kieler Doktorandenprogramm unterstützt zu haben. Der aktive Austausch mit den zahlreichen Kollegen im Bereich dieser interdisziplinären Einrichtung war sehr stimulierend für meine Arbeit und von einer sehr angenehmen Atmosphäre geprägt. Unter den vielen Wegbegleitern möchte ich ganz besonders Dr. Jelena Steigerwald, Dr. Merle Zeigerer, Dr. Christine Winter-Schuh, Sara C. Boysen, Dr. Silvia Balatti, Dr. Ralph Großmann und Asli Oflaz hervorheben.

Ich bedanke mich bei Prof. Dr. Johannes Müller und PD Dr. Oliver Nakoinz für die Übernahme der Betreuung und Begutachtung des Themas. Weiterhin danke ich Prof. Dr. Pieter M. Grootes für die Betreuung des Themas.

Ebenso gebührt mein Dank auch dem Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD), der meine mehrmonatige Forschungsreise durch Kazachstan und Russland großzügig förderte. Durch diese Reise habe ich die Möglichkeit erhalten, Objekte meines Forschungsthemas im Gebiet zu sichten und wurde dabei sehr herzlich empfangen. In diesem Zusammenhang spreche ich meinen Dank u.a. Natalya Shishlina, Kirill Firsov und Sergej Viktorovič Demidenko (Staatliches Historisches Museum, Moskau), Elena Alekseevna Berlova (Staatliches Kunstmuseum der Völker des Orients, Moskau), Ljudmila Barkova (†), Svetlana Pankova und Konstantin Čugunov (Staatliche Eremitage, Sankt Petersburg), Vjačeslav I. Molodin, Natal’ja V. Polos’mak und Evgenij S. Bogdanov (Institut für Archäologie und Ethnografie der Sibirischen Abteilung der Russischen Akademie der Wissenschaften, Novosibirsk [= IAET SB RAS]), Nikolaj Leont’ev (Regionalmuseum Minusinsk), Larisa Jur’evna Bobrova (Museum für Archäologie, Ethnographie und Ökologie Sibiriens, Kemerovo) sowie weiteren, nicht namentlich aufgeführten Mitarbeitern dieser Forschungsstätten und Museumseinrichtungen aus. Sie haben mir geholfen, eine unvergessliche Forschungsreise mit vielen nachhaltigen Begegnungen und Erkenntnissen zu verwirklichen.

Weiterhin möchte ich mich bei PD Dr. Mara Weinelt für die Möglichkeiten bedanken, die durch sie als wissenschaftliche Koordinatorin den Doktoranden an der Graduiertenschule geboten wurden. Im Zusammenhang mit der ←13 | 14→Graduiertenschule gehört mein Dank auch meinem Mentor Dr. Hanno Kinkel sowie Dr. Vesa Arponen, die beide stets ein offenes Ohr hatten.

Ich möchte mich auch gerne bei Dr. Jutta Kneisel für die vielen Hinweise aus ihrem Erfahrungsschatz mit verziertem Material prähistorischer Gesellschaften bedanken.

Ich bedanke mich auch bei Prof. Dr. Angelika Messner für die anregenden Gespräche zum Tierstil an der Schnittstelle zum chinesischen Gebiet.

Den Grafikern des Instituts für Ur- und Frühgeschichte der CAU Kiel, vor allem Ines Reese, möchte ich auch für ihre Geduld danken.

Ein herzlicher Dank für die Anfangszeit in Kiel eilt Rhina Colunge nach Hannover nach. Sie war eine wichtige Hilfe und Ansprechperson für die Kieler Graduiertenschule und deren Doktoranden.

Ich möchte meinen Dank auch ganz besonders Herrn Dr. Anatoli Nagler (Eurasien-Abteilung, Deutsches Archäologisches Institut) aussprechen, dem ich einen großen Teil meiner Begeisterung für das Forschungsgebiet sowie die Zeitstellung der untersuchenden Periode zu verdanken habe und dessen Gedanken und Gespräche mit ihm ich sehr schätze. Bedanken möchte ich mich auch bei Herrn Prof. Dr. Hermann Parzinger. Durch ihn bot sich mir die Möglichkeit, mich erstmals wissenschaftlich im Rahmen meiner Magisterarbeit mit dem Material zu beschäftigen.

Ich möchte mich ganz besonders bei meinen Eltern bedanken, die mich stets in meinen Interessen unterstützt haben. Auch gilt der Dank meinem Onkel Altay, der mir die kazachischen Kurgane erstmalig vor Augen führte und erklärte – Rakhmet.

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2. Einleitung

Das Thema dieser Arbeit lautet Studien zum Tierstil skythenzeitlicher Reiternomaden im eurasischen Steppengürtel. Mehrfigurige Kompositionen der älteren Eisenzeit. Der Schwerpunkt liegt auf den visuell auffälligen Darstellungen mehrfiguriger Szenen der älteren Eisenzeit mit Akteuren, die in der Naturlandschaft vorkommen oder aus Zusammensetzungen bestehen, die der Fantasie entspringen. Im Zuge dieser Bearbeitung liegt das Hauptaugenmerk auf den mobilen Objekten, die zu großen Teilen aus dem Bestattungskontext überliefert sind. Deren Ausführung und thematische Übereinstimmung in verschiedenen Regionen des Steppengürtels markiert sie als verbindendes Merkmal im gesamten Verbreitungsraum des Tierstils. Die Zusammensetzungen der Szenen variieren, Unterschiede kleineren und größeren Ausmaßes treten auf und sind beispielsweise durch regionale Schwerpunkte und Beeinflussungen zu erklären. Sie dokumentieren deutlich sichtbar Aspekte der Weltanschauung ihrer einstigen Trägergesellschaften.

Mit der vorgelegten Arbeit werden auf der Grundlage vorhandener Materialien bekannte Aspekte der Steppenarchäologie aufgezeigt, der Versuch einer neuen Klassifikation mehrfiguriger Szenen unternommen, neue Ideen und Konzepte aus der Bildforschung angewendet sowie Methoden mitteleuropäischer und russischer Forschungstradition miteinander verknüpft, um dem Material neue Impulse zu geben. Zukünftige Forschungsarbeiten werden an vielen Stellen dieser Studie Möglichkeiten finden, um an die Ergebnisse anzuknüpfen.

Öffentlichkeitsinteresse

Bereits zu Zeiten Peter des Großen (1672–1725) rückten die mit Tiermotiven verzierten, wertvollen Metallobjekte aus Sibirien in den Fokus der Aufmerksamkeit1. Schon in dieser frühen Zeit erkannte der russische Zar den Wert der Artefakte über den reinen Materialwert hinaus und bewahrte durch den von ihm gegebenen Sammlungsauftrag diese sibirischen Kulturschätze vor dem Schicksal des Einschmelzens – und des endgültigen Verlustes. In den folgenden 200 Jahren berichteten Reisende von den Kulturdenkmälern innerhalb des betrachteten Forschungsgebietes und bald darauf fanden erste Expeditionen statt. Deren Ziel war die Erforschung jener Hinterlassenschaften, die diese ←15 | 16→verzierten Objekte über zwei Jahrtausende verschlossen hielten – die Grabhügel (russ. Kurgane)2. Am Beginn und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts trat viel neues archäologisches Material aus dem Dnepr-, Kuban- und dem nördlichen Schwarzmeergebiet zutage. Aus dieser Frühphase stammen fast alle Ideen und Konzepte über die Entwicklung und Bedeutung der Objekte, denen die nachfolgenden Generationen von Wissenschaftlern entweder zustimmten oder die sie durch die Erkenntnisse neuer Ergebnisse verwarfen.

Bis heute ist das öffentliche wie auch wissenschaftliche Interesse an den archäologischen Hinterlassenschaften ununterbrochen – insbesondere an dem Thema Gold aus der eurasischen Steppe. Regelmäßig werden die Artefakte, und damit auch der geographische Raum, durch größere und kleinere Sonderausstellungen in das öffentliche Bewusstsein der Gesellschaft gerückt3. Darüber hinaus sorgen internationale wissenschaftliche (und interdisziplinäre) Kooperationen für weitere Forschungsarbeiten und Erkenntniszuwachs im Bereich der Steppenarchäologie, so z.B. das Projekt zum Grabhügel von Aržan 2 in Tuva, durchgeführt von einem russisch-deutschen Forscherteam4, oder die Ausgrabungen am Fundplatz von Berel’ im kazachischen Altaj, geleitet von kazachischen und französischen Archäologen5. Das bemerkenswerte archäologische Material aus dem 1. Jahrtausend v. Chr. erfährt in seinen Herkunftsregionen in der heutigen Zeit unterschiedliche Wahrnehmungen. Am deutlichsten ←16 | 17→kommt diese Perzeption zum Vorschein, wenn es zu einem identitätsstiftenden Rückgriff auf das kulturelle archäologische Erbe kommt. Besonders ersichtlich ist dies am Beispiel von Kazachstan. Die Objekte aus dem Kurgan von Issyk in Semireč’e, jenem bekanntesten archäologischen Befund der verhältnismäßig jungen zentralasiatischen Republik, fungieren mittlerweile als nationale Symbole (z.B. geflügelter Schneeleopard)6. Sie werden u.a. als Teile des Unabhängigkeitsdenkmals der Republik Kazachstan am Platz der Republik in der ehemaligen Hauptstadt, Almaty, präsentiert. Weiterhin entdeckt man auch Darstellungen im weithin sichtbaren Bajterek-Turm in Nur-Sultan (ehemals Astana), der hoch oben nicht nur den vergoldeten Handabdruck des Präsidenten (Nursultan Nasarbajew) zeigt, sondern auch Darstellungen des Tierstils aus dem bekanntesten Grab der Eisenzeit (Issyk) des Landes in einem umlaufenden Fries präsentiert7. Weiterhin ist die Greifendarstellung ein zahlreich im Altaj der Pazyryk-Kultur (5.–3. Jahrhundert v. Chr.) auftretendes Symbol. Die Republik Altaj (Südsibirien) hat das Motiv aufgegriffen: Der Greif taucht als Symbol auf den 10-Rubel-Münzen auf. Damit weist auch dieses Motiv identitätsstiftende und für die Region wichtige Züge auf.

Obwohl die archäologischen Artefakte in diesen Gebieten bereits seit Langem bekannt sind, werfen sie noch immer viele Fragen auf. Die sehr große Datenausgangsbasis ermöglicht einen umfassenden Einblick in den Kulturkreis Steppenraum vor über 2000 Jahren. Die bereits aus vielen wissenschaftlichen Disziplinen international zusammengetragenen Erkenntnisse wie auch vielfältig verwendete Methoden geben den Wissenschaftern die Möglichkeit, verschiedene Aspekte herauszustellen, näher zu untersuchen und den jeweiligen Verständniskontext auszuarbeiten. Auf eben diese Weise trägt diese Dissertation dazu bei, dem eurasischen Steppenraum eine weitere detaillierte Facette hinzuzufügen – die einer mit Bildern arbeitenden Sprache –, die Menschen, Räume und Zeiten nachhaltig verknüpft.

Mobilität im Steppenraum

Skythenzeitliche Kulturgruppen der älteren Eisenzeit vom 9./8. bis zum 3./2. Jahrhundert v. Chr. waren mit ihren spezifischen Lebens- und Wirtschaftsformen sowie einer gemeinsamen Tierstilkunst die Herrscher und Gestalter des ←17 | 18→Steppenraumes8. Sie bildeten am Beginn und in der Mitte des 1. Jahrtausends v. Chr. in den Steppen Osteuropas, in Westsibirien und Zentralasien, gekennzeichnet durch eine Vielzahl an Kulturgruppen, eine einheitliche Wirtschafts- und Alltagskultur. Ähnlichkeiten bei der Bewaffnung, beim Pferdegeschirr sowie bei Verzierungen der Kleidung und Gürtel sowie bei künstlerischen Ausdrucksformen sind sichtbar. In der Forschung sind diese Gemeinsamkeiten im Repertoire der Kultur früher Nomaden unter Skythische Triade9 bzw. – neutraler ausgedrückt – cultural code bekannt. Aber auch Unterschiede kristallisierten sich heraus – im Bereich der Keramik und deren Technologie sowie bei Besonderheiten im Bestattungswesen. Die Mobilität der Kulturgruppen im eurasischen Steppenraum schuf enge Beziehungen und Wechselwirkungen. Sie war auch einer der wirkmächtigen Gründe, weshalb sich der charakteristische (Tier-)Stil mit einheitlichen Grundzügen über dieses weite geografische Territorium ausbreiten konnte – dabei Steppen wie auch Bergregionen (Abb. 2-1), Flüsse und Wüsten überwand.

Abb. 2-1 Semireč’e, Südostkazachstan. Landschaft mit einem Bestattungsplatz mehrerer Kurgane vor dem Hintergrund des Nordfußes des Tian-Shan.10

Dabei waren die Kulturgruppen im Osten des Steppengürtels und in den Nordschwarzmeersteppen weniger ethnisch, dafür umso mehr kulturell miteinander verbunden11.←18 | 19→

Die sorgfältig ausgeführten Artefakte des skythisch-sibirischen Tierstils12 sind unter Berücksichtigung bestehender Glaubensvorstellungen, weniger auf Grundlage künstlerisch-ästhetischer Werte, geschaffen worden und erlauben dem Betrachter, Grundzüge des komplexen Geflechts der Weltanschauungssysteme im 1. Jahrtausend v. Chr. zu erkennen. Die Darstellungen sind durch die zahlreichen Bildmotive auf verschiedenen Objekten (Bildträger) bekannt geworden. Die Gegenstände mit dem charakteristischen Tierstil treten in variationsreichen und doch auch wiederholend ausgeführten Ansichten und Motiven innerhalb jener Kulturgruppen auf, die im 1. Jahrtausend v. Chr. zwischen dem Dnestr im Westen, den südlichen Steppen der heutigen Ukraine (nördliches Schwarzmeergebiet)13 und dem sich bis weit in den Osten zum Ordos-Plateau (China) erstreckenden Steppengürtel lebten.

Veränderungen im Landschaftsraum mit weitreichenden Folgen

Im 1. Jahrtausend v. Chr. brachen im Forschungsgebiet neue Zeiten an. Archäologische Funde veranschaulichen, dass sich z.B. ein neuer Werkstoff (Eisen) u.a. für die Bewaffnung durchsetzte und es scheint, dass mobile Verbände von nun an die Gebiete entlang des Steppengürtels dominierten. Vor ca. 2800 Jahren setzte eine durch vielfältige Faktoren (vor allem klimatische Veränderungen)14 geprägte Entwicklung ein, in deren Folge mehrere Kulturgruppen in der eurasischen Steppe auftraten, die in unterschiedlichem Ausmaß nomadisch geprägte Lebens- und Wirtschaftsweisen als Merkmal besaßen. Steppengebiete bildeten ihren Lebensraum und Viehherden ihre wirtschaftliche Lebensgrundlage (und Wohlstand)15. Das Leben dieser Gruppen war von Mobilität geprägt, vor allem, da sie Weidegründe für die Tiere aufsuchen mussten. Eine kriegerisch geprägte und berittene Führungselite mit einer charakteristischen Kampfesweise (Reiternomaden) entstand innerhalb einzelner Gruppen (z.B. Südsibirien). Ebenso ←19 | 20→sind für diese Zeit erstmals monumentale Anlagen von Grabhügeln nachweisbar. Hier wird ein tiefgreifender, kultureller Wandel sichtbar.

Das 1. Jahrtausend v. Chr. ist auch ein Jahrtausend der Bilder. Innerhalb dieses zeitlichen Rahmens ist das erstmalige Auftreten der charakteristisch ausgeführten, verzierten Objekte aus der Steppe zu verzeichnen. Von besonderer Bedeutung für die betrachtete Zeit ist eines der ältesten skythenzeitlichen Denkmäler, das uns gegenwärtig bekannt ist – der Kurgan 1 von Aržan im südsibirischen Tuva, der an die Schwelle vom 9. zum 8. Jahrhundert v. Chr. datiert wird.

Das Ende des Betrachtungszeitraumes ergibt sich aus dem Aufgehen skythenzeitlicher Kulturgruppen in neue Kulturgruppen um ca. 200 v. Chr. In dieser Zeit verschwinden die skythenzeitlichen Verbände und es treten mit ihnen verwandte Reiternomaden (u.a. Sauromaten) sowie neue Verbände (Hsiung-nu16, Wusun17, Sarmaten) in Erscheinung18. Ein Fortleben künstlerischer Traditionen kann für die Folgezeit beobachtet werden. Die visuelle Kunst der frühen Reiternomaden entwickelte Prototypen, die in verschiedenen Formen Widerhall in der dekorativen Kunst späterer Turkvölker Zentral- und Mittelasiens fanden, wozu beispielsweise die Kazachen gehören19. Darüber hinaus ist die nomadische Lebensweise von Ethnien wie etwa den Kazachen, Kirgisen oder Tuvinern in Zentralasien und Südsibirien in späterer Zeit ebenso ein kennzeichnendes Erbe.

Als Erster verweist der sibirische Tierstil auf neue künstlerische Ausdrucksformen am Beginn des 1. Jahrtausends v. Chr., die die Bilderwelt für die ←20 | 21→nächsten Jahrhunderte stark prägen sollten und deren Grundlage die einheimische Tierwelt darstellte. Diese Tatsache verwundert kaum, wenn man bedenkt, dass die heimische Fauna das Überleben sicherte. Deren spezifische Eigenschaften wurden bei der bildhaften Darstellung auf Bildträgern gezielt betont.

Quellen

Sichtbare Spuren der vielfältigen Kulturgruppen des Forschungsgebietes im 1. Jahrtausend v. Chr. sind die zahlreich noch im Landschaftsraum erhalten gebliebenen monumentalen Grabanlagen und die darin nachgewiesenen, zum Teil prunkvollen Ausstattungen20. Schriftliche Quellen kommen für diese Zeit hinzu, die das Bild erweitern21 und neben den archäologischen Funden ausschnitthafte Einblicke in die Mythen, Bräuche und Riten von Teilen der damaligen Kulturgruppen ermöglichen, die das weitläufige Gebiet besiedelten. Herodots Beschreibung der Skythen in der heutigen ukrainischen Steppenzone einschließlich angrenzender südrussischer Gebiete22 gilt als wichtigste schriftliche Überlieferung. Für die zu untersuchende Objektgruppe von mehrfigurigen Kompositionen sind wir im Forschungsgebiet hauptsächlich auf archäologische Quellen angewiesen23.

Das aufgenommene archäologische Material kam in erster Linie durch Forschungs- und Rettungsgrabungen zutage. Neben den Objekten aus einem sicheren Fundkontext treten auch zahlreiche Zufallsfunde auf, die Teile von Sammlungen bilden (z.B. Objekte der Sibirischen Sammlung, Arthur M. Sackler Collections)24. Sie bilden einen zweiten großen Komplex innerhalb der in dieser Arbeit behandelten mehrfigurig verzierten Bildträger. Kontextinformationen liegen in diesen Fällen nicht vor. Die Herkunftsregionen sind häufig nur ungenau angegeben. Nicht berücksichtigt werden die zahlreich vorkommenden ←21 | 22→Petroglyphen25 im Verbreitungsgebiet, die mit ihrer Fixierung an einem festen Standort eine weitere Kategorie zum Thema der geistig-religiösen Vorstellungswelt der Steppenbewohner bilden. Deren Hinzunahme hätte den Rahmen einer Dissertation gesprengt, zudem ist ihre Datierung bisweilen mit Schwierigkeiten verbunden.

Der Verbreitungsraum der betrachteten nomadisch geprägten Kulturgruppen entspricht den Fundplätzen der Artefakte und wird heute verschiedenen Ländern bzw. Grenzgebieten zugeordnet – hauptsächlich im Bereich der ehemaligen Sowjetunion. Folgende Länder weisen deutliche Spuren bzw. Hinweise skythenzeitlicher Reiternomaden auf: Russland, Kazachstan, Mongolei, China, Kirgisien, Uzbekistan sowie Ukraine. Als regionaler Schwerpunkt tritt Südsibirien maßgeblich in den Vordergrund. Die naturräumlichen Gegebenheiten konservierten in diesem Gebiet eine umfangreiche Materialvielfalt (u.a. Holz, Leder, Textilien, Horn) und damit sind auch zahlreiche mehrfigurige Motive überliefert, die andernorts nicht nachgewiesen werden können, weil sie sich dort aufgrund vorherrschender klimatischer Bedingungen schlichtweg nicht erhalten haben. Damit ist für Südsibirien die Auswertung einer noch größeren Ausgangsbasis von archäologischem Material, und damit auch von Motiven, im Untersuchungsgebiet möglich.

Details

Seiten
468
Jahr
2022
ISBN (PDF)
9783631858752
ISBN (ePUB)
9783631858769
ISBN (Paperback)
9783631776452
DOI
10.3726/b18793
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2022 (Mai)
Schlagworte
Archäologie Eurasien
Erschienen
Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2022. 468 S., 44 farb. Abb., 277 s/w Abb., 76 Tab.

Biographische Angaben

Karina Iwe (Autor:in)

Karina Iwe studierte Ur- und Frühgeschichte, Klassische Archäologie und Alte Geschichte an den Universitäten in Leipzig, Berlin und Dublin. Sie arbeitet im nationalen und internationalen Museumsbereich.

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