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Kommunikation, Text und Sprachwandel im romanischen Mittelalter

Fünf sprachwissenschaftliche Beiträge

von Heiner Böhmer (Band-Herausgeber:in) Roland Schmidt-Riese (Band-Herausgeber:in)
©2022 Sammelband 250 Seiten

Zusammenfassung

Der Band befasst sich mit Aufgabenfeldern der historischen Pragmatik und Varietätenlinguistik. Ein Grundzug der Beiträge besteht in der konsequenten Umsetzung und dem Weiterdenken neuester Tendenzen diachronischer Forschung, etwa der Überwindung nationalphilologischer Mythen oder der Rekonstruktion mittelalterlicher Kommunikationssituationen. Gleichzeitig werden am Französischen und Spanischen Themen der internen Sprachwissenschaft wie Deixis und Verbalperiphrasen verhandelt. Durch die Anwendung von Methoden der pragmatischen Textinterpretation und den interdisziplinären Ausgriff auf geschichtswissenschaftliche Erkenntnisse werden Brücken zwischen dem internen Sprachwandel und den externen Bedingungen mittelalterlicher Kommunikation sichtbar.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Danksagung
  • Inhalt
  • Einleitung
  • Standardisierung aus der Akteursperspektive. Überlegungen zu den Ausbau- und Überdachungsprozessen im mittelalterlichen Französischen (Maria Selig)
  • L’écriture de la deixis au Moyen Âge. L’emploi des déterminants démonstratifs en référence déictique en ancien français (Sarah Bürk)
  • Diskurstraditionen und verbale Gewalt im französischen Mittelalter (Sabine Lehmann)
  • Intention, Imminenz, Imagination.: Situationsentwürfe im Cid mithilfe von querer und pensar (Roland Schmidt-Riese)
  • Zur Vernetzung zwischen Diskurstraditionen im Rechtswesen des französischen Mittelalters (Heiner Böhmer)
  • Reihenübersicht

Einleitung

Sprachwandel besteht in der Änderung verschiedenster Elemente einer langue als Folge eines Geschehens in der parole. An verstreuten Stellen verschieben sich die Verhältnisse im Sprachsystem, sodass es sich anzubieten scheint, die Ursachen in eben diesem System zu suchen. Von jeher lag darum der Schwerpunkt der Erklärung von Sprachwandel in der thematisierten langue selbst, welche der ihr entsprechenden parole jeweilige, epochenspezifische (oder besser zeitsegment-spezifische) Bedingungen auferlegt, auf die die Kommunikanten in der täglichen Praxis des Sprechens bzw. Schreibens reagieren und am Ende bestimmte Regularitäten des Ausdrucks ändern.

Lautgesetze stellen vielleicht den Prototyp dieser Denkweise dar, und Saussures Systembegriff konnte dieses Verbleiben der Erklärung im Umkreis der langue nur stärken. Andererseits ist es gerade Saussure, dem man Anregungen für eine Erweiterung der Perspektive entnehmen kann. Einer dieser Hinweise liegt in der Scheidung zwischen interner und externer Sprachwissenschaft, die im fünften Kapitel der Einleitung des Cours de linguistique générale vollzogen wird (Saussure 1972, 40–43). Den der langue selbst eigenen, internen Strukturen stünden externe Prägungen gegenüber: durch Politik, Sitten und Gebräuche (moeurs) oder Institutionen. Der zweite Hinweis liegt in einer Trias, die in § 2, Kap. II des Ersten Teils des Cours aufgeblendet wird und die die Aufmerksamkeit auf die langue um eine Berücksichtigung der Zeitachse sowie der Einbettung in die Sprecher*innen-Gemeinschaft (masse parlante) ergänzt (1972, 112 f.). Ja, Saussure mahnt sogar, dass eine Linguistik, die versäume, die Zeit und die Gesellschaft – als Trägerin von Sprache – in ihre Überlegungen mit einzubeziehen, den Phänomenen nicht gerecht werde. Dies impliziert geradezu eine dringende Aufforderung, sich den Verbindungen zwischen sprachinternen Fakten einerseits und sprachexternen Faktoren andererseits konkret zuzuwenden.

Seit mehreren Jahrzehnten geraten die Zusammenhänge zwischen der externen und der internen Geschichte des Sprachsystems zunehmend in den Blick. Diese Thematisierungen haben noch nicht den Stand einer ←9 | 10→umfassenden Theorie erreicht. Doch es zeichnet sich ein Geflecht aus verschiedenen Forschungslinien ab, auf denen je spezifische Verbindungen des Einflusses verfolgt werden. In der Realität der Kommunikation erscheinen sprachliche Zeichen in Texte und Gespräche eingebettet, Äußerungsganze, die wiederum mit interaktional-kommunikativen Praktiken und institutionellen Strukturen der Gesellschaften zusammenhängen. Auf einer noch allgemeineren Ebene geht es um Koexistenz und Konkurrenz von Sprachen und Varietäten. Sie stehen im Wettbewerb um die Rolle als Ausdrucksform größerer Bereiche von Diskurstraditionen, wobei die Entscheidungen für die eine oder die andere dieser Sprachen oder Varietäten von den Machtproportionen der sie tragenden Gruppen abhängen.

Die Forschungslinien, entlang derer die Untersuchung dieser verschiedenartigen Abhängigkeiten unternommen wird, stehen in komplizierten Verhältnissen zueinander. Teilweise überkreuzen sie sich, teilweise mischen sie sich und teilweise verlaufen sie auch getrennt. Unterschiedliche Wege der Beeinflussung und Prägung von Sprache durch äußere Bedingungen müssen in unterschiedlichen Sektoren der gesellschaftlich-sprachlichen Realität je für sich untersucht werden, mit geeigneten Theorien, die der Besonderheit der jeweils betrachteten Erscheinungen gerecht werden. Gleichzeitig werden verschiedentlich Brücken sichtbar, die zwischen Sektoren, Fragestellungen und Phänomenen Verbindungen schaffen, ohne dass wir aber eine Übersicht über die Zusammenhänge insgesamt gewinnen könnten. Es ist offen, ob und wann aus diesem komplexen Nebeneinander und Ineinander ein strukturiertes Ganzes wird, doch schon als dieses Geflecht ist das Bündel an Initiativen in vielerlei Hinsicht aufschlussreich und anregend.

Der hier vorgelegte Band, der einer Reihe disparater Themen aus dem traditionellen Feld der Erforschung mittelalterlicher Sprachstufen gewidmet ist, ist ein Widerschein dieser Situation. Gerade die Heterogenität seiner Beiträge demonstriert die Möglichkeiten und Grenzen extern-diachroner Forschung und ihres Fortdenkens bis in Fragestellungen des internen Sprachwandels hinein. Um die gegenseitigen Verbindungen zwischen den einzelnen Aufsätzen zur Geltung zu bringen, soll zunächst deutlich gemacht werden, wie die erwähnten Forschungslinien im Einzelnen methodisch und thematisch angelegt scheinen, bevor wir die verschiedenen Beiträge des Bandes selber vorstellen.

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Es sind vor allem zwei Denk- und Analyserichtungen gewesen, die in den letzten Jahrzehnten den Rahmen für extern-diachrone Untersuchungen und ihre Verschränkung mit der Beschreibung und Erklärung interner Vorgänge gebildet haben: die historische Pragmatik und die historische Varietätenlinguistik (s. Schrott/Völker 2005a; Ernst/Glessgen/Schmitt/Schweickard 2003/2006/2008, hier insbesondere die Bände 2 und 3). Daneben sind stärker spezifizierte Schwerpunktsetzungen zu berücksichtigen, die den weiten Rahmen der genannten Richtungen ergänzen und konkretisieren helfen. Einerseits ist hier an die historische Dialogforschung (Unzeitig/Schrott/Miedema 2017) zu denken, andererseits an die Stadtsprachenforschung (Selig 2010).

Diese Forschungslinien sind vielleicht nicht vollkommen gleichwertig. Da die Faktoren, die dem Feld der externen Linguistik angehören, unmittelbar die Kommunikation in der parole und nur mittelbar das Sprachsystem betreffen, sollte die historische Pragmatik, die ja eine diachrone linguistique de la parole ist, im Mittelpunkt des Geflechts stehen. Die anderen Linien sind im Verhältnis zu dieser zentralen Achse einzuordnen. Deswegen sollen hier an erster Stelle die Grundzüge der historischen Pragmatik beleuchtet werden.

Pragmatik hat ganz allgemein mit dem Hinausgehen über den Rahmen des gegebenen, materialisierten Satzes zu tun. Entweder sie wendet sich dem Mitgedachten, Mitschwingenden zu oder, auf einer anderen Seite, der Vermehrung eines Satzes um weitere, auf ihn folgende oder ihm vorhergehende, ausgedrückte und an der Oberfläche greifbare Sätze, also den Satzsequenzen oder aber, noch umfassender, dem Textganzen bzw. Gesprächsganzen innerhalb seiner jeweiligen semiotischen Außengrenzen.

Diese doppelte Zuwendung kennzeichnet auch die Breite historischer Pragmatik. Hier interessiert man sich für die Rekonstruktion der Illokution und Gelingensbedingungen von Einzelsatz-Sprechakten in historischen Dialogen (Jucker/Taavitsainen 2000, 67–68), für den Einfluss von Grice’schen Maximen und den bei ihrer Übertretung ausgelösten Implikaturen (Lebsanft 2005, 34) oder für Systemänderungen, die mit den Umständen des komplizierten Wechsels der durch Deixis angesteuerten Referenten zu tun haben. Andererseits aber auch für die historische Realisierung von Adjazenzpaaren explizit materialisierter Aussagen wie Gruß und Gegengruß (Lebsanft 1988), Frage und Antwort, Frage und Echofrage ←11 | 12→(Schrott 2017) oder für die großen Einheiten des historischen Dialogs (Fritz 1994) und historischen Textes (Oesterreicher 2001).

Beide Seiten bedingen sich. In vielfacher Hinsicht ist der Kotext, also der sprachliche Kontext, an der Konstitution der unausgedrückten Zusatzaussagen oder Zusatzgedanken, die mit einer als Satz materialisierten Aussage mitschwingen, ja beteiligt. Das auf Implizites Lenkende – Sätze, Konstituenten, einzelne Lexeme und Formen – steht seinerseits in dem Rahmen eines sich entfaltenden Textganzen. Doch auch dieses Textganze bildet sich nicht frei. In der Regel genügt der Text bestimmten Diskursregeln, die den Typ ausmachen, dem er sich zurechnet.

Natürlich hat nun der Texttyp, historisch gewendet die textuelle Diskurstradition, die im Einzelfall aufgerufen wird und zur Anwendung kommt, ebenfalls nicht den Charakter frei verlaufender Kommunikation. Denn ohne einen Anlass für den Gebrauch wird es nicht zur Formulierung eines Textes kommen, es sei denn, es handelt sich um freie Dichtungen. Anlässe bieten die kommunikativen Praktiken der Gesellschaft, die, was (schriftliche) Texte betrifft, häufig institutionell in die Arbeit sozialer Organisationen eingebunden sind. Im Mittelalter sind es kirchliche Organe, juristische Instanzen oder Auftraggeber aus dem Kontext der höfischen Gesellschaft, die die Produktion von Schriftkommunikaten veranlassen. Deren routinierte Ausfüllung zeitigt Satzsequenzen, die wiederum implizite Gehalte mittransportieren, durch die sich ihre eigene Anlage von einer anderen Seite aus mit erklärt. Doch nicht nur die Anlage der Satzsequenzen! Die von der Pragmalinguistik aufgestellten Sprechakttypen wurden von den Initiator*innen historischer Pragmatik innerhalb der Romanistik, allen voran Brigitte Schlieben-Lange, mit den Diskurstraditionen in Verbindung gebracht (Schrott/Völker 2005b, 2–3). Diskurstraditionen wurden als Regelkomplexe zur Ausführung von textdeterminierenden Sprechakten verstanden, Texte dann als Sprechakte im Großen aufgefasst. In dieser Deutung bestimmt also das Implizite nicht nur die Sätze, sondern sogar Einheiten von der Größe von Textganzen. Damit schließt sich der Kreis der historischen Pragmatik.

Details

Seiten
250
Jahr
2022
ISBN (PDF)
9783631866306
ISBN (ePUB)
9783631866313
ISBN (MOBI)
9783631866320
ISBN (Hardcover)
9783631866290
DOI
10.3726/b18985
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2022 (März)
Erschienen
Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2022. 250 S., 2 s/w Abb., 9 Tab.

Biographische Angaben

Heiner Böhmer (Band-Herausgeber:in) Roland Schmidt-Riese (Band-Herausgeber:in)

Heiner Böhmer ist Professor für Romanistische Sprachwissenschaft an der Fakultät Sprach-, Literatur- und Kulturwissenschaft der Technischen Universität Dresden.Roland Schmidt-Riese ist Professor für Romanische Sprachwissenschaft an der Sprach- und Literaturwissenschaftlichen Fakultät der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt.

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Titel: Kommunikation, Text und Sprachwandel im romanischen Mittelalter