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Literaturen und Kulturen des Vegetabilen. Plant Studies – Kulturwissenschaftliche Pflanzenforschung

von Urte Stobbe (Band-Herausgeber:in) Anke Kramer (Band-Herausgeber:in) Berbeli Wanning (Band-Herausgeber:in)
©2022 Sammelband 414 Seiten

Zusammenfassung

Ohne Pflanzen können Menschen nicht leben. Trotz dieser elementaren Bedeutung der Pflanzen hat die Literatur- und Kulturwissenschaft ihnen bisher nur wenig Aufmerksamkeit gewidmet. Dies ändert sich zurzeit: Seit einigen Jahren formiert sich das neue Forschungsfeld der Plant Studies, d.h. der kulturwissenschaftlichen Pflanzenforschung.
Der vorliegende Band wendet sich an Lehrende und Studierende gleichermaßen. Er erläutert die Grundlagen der Plant Studies im deutschsprachigen Kontext, widmet sich kulturellen Praktiken und Metaphern im Zusammenhang mit Pflanzen und versammelt verschiedene Pflanzenlektüren, die sich der Literatur des 18. bis 21. Jahrhunderts widmen.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Vorwort
  • Inhaltsverzeichnis
  • Einleitung: Plant Studies – Kulturwissenschaftliche Pflanzenforschung (Urte Stobbe, Anke Kramer und Berbeli Wanning)
  • Standortbestimmungen
  • Schreiben, wie ein Baum wächst: Richard Powers’ Die Wurzeln des Lebens als paradigmatischer Roman der Plant Studies (Urte Stobbe)
  • Zur Theorie des Plant Turn (Stefan Haas)
  • Animal Studies und Plant Studies: Eine Verhältnisbestimmung (Frederike Middelhoff)
  • Wenn Bäume sprechen – Pflanzliche Protagonisten in der Kinderliteratur (Berbeli Wanning)
  • Verzweigungen und Belaubungen: Marion Poschmanns Laubwerk. Zur Poetik des Stadtbaums (Barbara Thums)
  • Kulturtechniken und kulturwissenschaftliche Metaphern
  • Pflanzen, Gärten und Bücher (Monika Schmitz-Emans)
  • Blumen lesen. Botanische Medienpoetiken des 19. Jahrhunderts (Andrea Polaschegg)
  • Pflanzliche Sinnbilder. Satirische Kritik am deutschen Wald und der deutschen Eiche als Symbole für nationale Identität und kulturelle Nachhaltigkeit (Evi Zemanek)
  • Baumbesetzungen. Materiale Narrative und politische Praxis (Benjamin Bühler)
  • Flammendes Käthchen an Erde. Zur Genealogie der Arbeitsplatzoptimierung (Stefan Rieger)
  • Aufklärung, Klassik und Romantik: Pflanzen im Zeichen transzendenter Ordnungen
  • „Zuerst war ich ein Kraut“: Botanische Anthropologie bei Haller, Brockes und Linné (Heinrich Detering)
  • Linnés Andromeda und Gessners Wiesen. Anmerkungen zur Rolle von Pflanzen in der Literatur der Aufklärung (Jana Kittelmann)
  • Goethes Pflanzen und das „Dunkle Grün“ (Heather I. Sullivan)
  • Pflanzen im Phantasus: Tiecks Elfen und die ökologische Kränkung des Menschen (Anke Kramer)
  • Mohrrübenerotik. E.T.A. Hoffmanns Die Königsbraut. Ein nach der Natur entworfenes Märchen (Claudia Liebrand)
  • Modernitäten: Pflanzen als Zeichen der Vergänglichkeit und Transformation
  • Keine Blumensprache mehr! Pflanzen in Annette von Droste-Hülshoffs literarischen Texten (Cornelia Blasberg)
  • „Geduldig neue Blätter treib ich“: Hermann Hesses Poet(h)ik des Pflanzlichen (Aurélie Choné)
  • Träume von Fleisch und Wald: Imaginative Metamorphosen und physische Transformationen in Han Kangs Die Vegetarierin (Gabriele Dürbeck und Jonas Nesselhauf)
  • Vom Kampf gegen die „Pflanzenbanden“ zur „Spontanvegetation“: Wladimir Kaminers Mein Leben im Schrebergarten (Sabine Wilke)
  • „Wildwuchs“: Thomas Hettches Gartenkulturroman Pfaueninsel aus Sicht der Plant Studies (Christine Kanz)
  • Beiträgerinnen und Beiträger

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Urte Stobbe, Anke Kramer und Berbeli Wanning*

Einleitung: Plant Studies – Kulturwissenschaftliche Pflanzenforschung

Abstract: Plant studies constitutes a novel field within cultural studies and literary studies. Still in the process of formation, the new subject is shaping itself in theoretical and methodological closeness to animal studies, ecocriticism, multispecies studies, and also the wide range of interrelations between literature and botanical knowledge. This article aims at providing a concise insight into the basic assumptions of plant studies, e.g. by giving an outline of a new understanding of plants, as recently debated in science and culture. The focal point is the development of five principal categories of phyto-centric readings as a main contribution to the ongoing structuring of the research field in Germany. Lastly, the article depicts connections to recent academic discourse regarding plant representations in literary and cultural studies, while proposing strong links for establishing plant studies in close awareness of German research traditions.

Keywords: plant studies, plant turn, animal studies, ecocriticism, multispecies studies, botanical knowledge, plant agency, phyto-centric readings

Heinrich Detering: Atem

es ist die Schweigsamkeit die sie umgibt

das Zyperngras die Araukarie

den Feigenbaum am Wohnzimmerfenster

(niemand hört hin warum sollte man auch)

und es ist ihr Atem auch sie atmen

ein und aus langsam dicht neben diesen

müden Menschenleibern auf dem Sofa

Heinrich Deterings Gedicht Atem (2019)1 spricht im Kern das an, was zahlreiche Beiträgen der letzten Jahre in Bezug auf Pflanzen ändern wollen: „niemand hört hin warum sollte man auch“. Dabei sind es Pflanzen, die dem Menschen überhaupt erlauben, hier auf der Erde leben und atmen zu können. Zugleich verbindet der Atem der Pflanzen uns Menschen mit ihnen. Pflanzen und ←11 | 12→Menschen sind auf der Ebene des Atmens Geber und Empfänger, sie bilden eine Art Netzwerk des Lebendigen. Dieses Atem-Gedicht folgt mithin einer biozentrischen Poetik und damit einer „Poetik, die allem Lebendigen einen Eigenwert zugesteht“.2 Dazu gehört und passt auch, dass es nicht mehr ausschließlich um diejenigen Pflanzen geht, die seit Jahrhunderten Gegenstand des poetischen Interesses sind, sei es als Symbole oder Metaphern, sondern gerade auch um die etwa im Garten und Wohnzimmer verbreiteten, aber kaum beachteten Pflanzen wie Zyperngras und Araukarie. Sie geben keinen Laut von sich, unhörbar für das menschliche Gehör ist selbst ihr Atem.

Das Gedicht ist eines von vielen Beispielen dafür, dass und wie Gegenwartslyrik einen grundlegenden Paradigmenwechsel im Mensch-Natur-Verständnis der letzten Jahre adaptiert und im Gegenzug zu einer Schärfung des theoretischen Gerüsts bei der Analyse und Interpretation von Naturphänomenen aus kulturwissenschaftlicher Perspektive inspiriert. Atem ist mit Gedichten wie giersch von Jan Wagner, Rosa canina von Marion Poschmann oder dem Flora-Zyklus von Silke Scheuermann nicht nur darin geeint, eine biozentrische Poetik zu entwerfen. Sie können auch als Beispiele dafür gelten, wie sehr Pflanzen in den letzten Jahren in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt sind – sowohl im literarischen als auch im wissenschaftlichen Feld. Werke wie Marion Poschmanns Die Kieferninseln (2017), Richard Powersʼ Die Wurzeln des Lebens (2018) und Anna Ospelts Wurzelstudien (2020) sind hier ebenso zu nennen wie eine große Reihe teils publikumswirksamer Veröffentlichungen aus den Bereichen Philosophie und Naturwissenschaften, als deren bekannteste Vertreter Peter Wohlleben, Stefano Mancuso und Emanuele Coccia zu nennen sind.3←12 | 13→

Sie alle, die literarischen wie die nicht-literarischen Veröffentlichungen zur Bedeutung von Pflanzen, konvergieren in einer neuen Sicht auf Pflanzen, die zunehmend auch in der Literatur- und Kulturwissenschaft erforscht wird. So ist eine steigende Zahl von Monografien und Sammelbänden zum Thema zu beobachten,4 wie auch die Literatur- und Kulturwissenschaft zunehmend in einen fruchtbaren Dialog mit der naturwissenschaftlichen Pflanzenforschung tritt.5 Die Ausstellung zum Verhältnis von Pflanzen und Menschen im ←13 | 14→Hygienemuseum Dresden hat diesen Dialog über die Zwei-Kulturen-Grenze (C.P. Snow) hinweg ebenfalls mit ihrem Katalog gefördert.6 Zudem findet der Fokus auf Pflanzen bereits Niederschlag in der Literaturdidaktik.7

1 Kartographierung des Forschungsfelds

Plant Studies stehen als Forschungsansatz im deutschsprachigen Bereich noch relativ am Anfang. Im anglophonen Sprachraum findet sich die allgemeine Definition als „broad framework for re-evaluating plants, their representations, and human-plant interactions“.8 Gleichzeitig hat sich das Forschungsfeld bereits in verschiedene Unterströmungen aufgespalten,9 deren Übergänge sich bei näherer Betrachtung als fließend erweisen, wie auch die genaue Bestimmung des Forschungsfeldes insgesamt noch skizzenhaft ist. In zeitlicher Reihenfolge ist als erstes die Cultural Botany entstanden, die sich von ihrer Konzeption her stark an den theoretischen Grundlagen des Ecocriticism orientiert.10 Kurze Zeit darauf knüpfen die Human-Plant-Studies an die theoretischen Grundannahmen der Animal Studies an.11 Die Critical Plant Studies legen in der gleichnamigen Buchreihe den Schwerpunkt auf ethische Fragen im Umgang mit Pflanzen.12 Unter dem Begriff der Literary and Cultural Plant ←14 | 15→Studies hat sich ein Netzwerk von Kultur- und Sozialwissenschaftler:innen organisiert.13

Der in diesem Band vertretene Vorschlag lautet, verschiedene Aspekte der in den anglophonen Plant Studies bereits diskutierten Strömungen als literatur- und kulturwissenschaftliche Pflanzenforschung zusammenzuführen, die den Fokus auf fünf Aspekte legt. Erstens (1.) beschäftigt sich die literatur- und kulturwissenschaftliche Pflanzenforschung mit ethischen und philosophischen Fragen über den Status von Pflanzen. Sie widmet sich zweitens (2.) den historischen wie gegenwärtigen Mensch-Pflanze-Verhältnissen bzw. den Praktiken der Interaktion zwischen Menschen und Pflanzen in Literatur, Kunst und Alltagskultur. Sie fragt drittens (3.) danach, wie botanisches und botanikales, d. h. ein nicht wissenschaftlich und institutionell anerkanntes Wissen über Pflanzen,14 in literarischen und nicht literarischen Texten repräsentiert, modifiziert und reflektiert wird. Eine literatur- und kulturwissenschaftliche Pflanzenforschung fragt viertens (4.) nach dem Akteurstatus von Pflanzen. Schließlich geht es fünftens (5.) um die Analyse, auf welche Weise die Schreibweisen mit dem Vegetabilen zu einer Phytopoetik verbunden sind.

Als erkenntnisleitende Fragestellungen für die Textinterpretation schlagen wir die folgenden fünf Themenkomplexe vor, wobei diese nicht gleichermaßen für jeden Text relevant sind, sondern vornehmlich als kategoriales Raster einer pflanzenzentrierten Lektürepraxis zu verstehen sind:←15 | 16→

Themenkomplexe

Erkenntnisleitende Fragestellungen

1

Kulturelle Konzepte von Pflanzen

• Welche Eigenschaften sind mit der Pflanze kulturell (zeichenhaft, symbolisch) verbunden?

• Welche Eigenschaften werden Pflanzen im Text zugeschrieben oder abgesprochen?

2

Mensch-Pflanze-Relationen

• Wie viel Raum gibt der Text Pflanzen hinsichtlich ihrer Redeanteile, als Handlungsort, als handlungsrelevante Entität?

• Pflanzen als Handlungsträger betrachtet: Wie verändern sich die Grenzen zwischen animalischen und vegetabilen, zwischen menschlichen und nichtmenschlichen Wesen?

• Welche Wechselwirkungen gehen Pflanzen mit anderen Wesen ein?

• Welche Verfahren grenzen Pflanzen von anderen Wesen ab?

• Wie stabil bzw. porös sind die Grenzen zwischen den Wesen?

3

Wissen über Pflanzen

• Werden in den literarischen Texten anerkannte botanische Wissensbestände aktualisiert?

• Entwirft der Text dem etablierten Wissen gegenüber ein anderes Verständnis von Pflanzen?

• Welche Wissensfiguren erzeugen Pflanzen in literarischen Texten?

• Wie und auf welche Weise werden Pflanzen in literarischen Kontexten zu Wissensobjekten?

• Welche Rolle spielen Pflanzen bei der Entstehung wissenschaftlicher Tatsachen?←16 | 17→

Details

Seiten
414
Jahr
2022
ISBN (PDF)
9783631869758
ISBN (ePUB)
9783631869765
ISBN (Hardcover)
9783631859384
DOI
10.3726/b19204
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2022 (März)
Erschienen
Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2022. 414 S., 23 farb. Abb., 4 s/w Abb.

Biographische Angaben

Urte Stobbe (Band-Herausgeber:in) Anke Kramer (Band-Herausgeber:in) Berbeli Wanning (Band-Herausgeber:in)

Urte Stobbe ist Vertreterin der Professur für Germanistik – Allgemeine Literaturwissenschaft mit dem Schwerpunkt Medien der Literatur an der Universität Siegen und forscht in den Bereichen Ecocriticism und Plant Studies. Anke Kramer leitet als promovierte Literaturwissenschaftlerin die Annette von Droste-Hülshoff-Forschungsstelle bei der LWL-Literaturkommission für Westfalen und forscht in den Bereichen Environmental Humanities und Poetologien des Wissens. Berbeli Wanning ist Professorin für deutsche Sprache und Literatur und ihre Didaktik an der Universität Siegen und forscht in den Bereichen Kulturökologie und Bildung für nachhaltige Entwicklung.

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Titel: Literaturen und Kulturen des Vegetabilen. Plant Studies – Kulturwissenschaftliche Pflanzenforschung