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Lachgemeinschaften?

Komik und Behinderung im Schnittpunkt von Ästhetik und Soziologie

von Susanne Hartwig (Band-Herausgeber:in)
©2022 Sammelband 248 Seiten
Open Access

Zusammenfassung

Obwohl Komik und Behinderung gerade in den Künsten immer wieder zusammentreffen, gibt es so gut wie keine theoretisch und methodisch fundierten Auseinandersetzungen mit dieser Thematik in den Literatur-, Kultur- oder Sozialwissenschaften. Gerade im Kontext von Inklusionsdiskussionen jedoch sind Fragen nach dem Potential des Lachens und der Komik, aber auch nach deren Ambivalenz im Zusammenhang mit Behinderung von weitreichender Bedeutung. Der vorliegende Band unternimmt eine Bestandsaufnahme möglicher Theorien und Analysekonzepte anhand konkreter Einzelanalysen. Die Autor:innen vertreten die Sozial-, Erziehungs-, Literatur-, Kultur-, Medien-, Theater- und Filmwissenschaften.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • List of Contributors
  • I. Theorie
  • Einführung: Komik, Lachen und Behinderung (Susanne Hartwig)
  • Lachen aus Gründen der Gerechtigkeit? Zum Verhältnis von Komik, Behinderung und moralischem Sollen (Franziska Felder)
  • II. Fiktion: Schwankliteratur, Theater und Film
  • Un:ethische Blicke - un:ethisches Lachen? Behinderung und Komik in vormodernen deutschen Schwankerzählungen (Sonja Kerth)
  • Komik in der Theaterarbeit mit Menschen mit Behinderung – Erfahrungsschritte (Elisabeth Braun)
  • Die Komik der Leistung: Über Disability Performance und das Lachen des Publikums (Benjamin Wihstutz)
  • Ironie und Erwartung, Humor und Erfahrung: Menschen mit ‚geistiger‘ Behinderung auf der Bühne und im Film (Susanne Hartwig)
  • Komische Irritationen mit Behinderung in Sitcoms von und mit Ricky Gervais (Anette Pankratz)
  • There’s something about disability. Behinderung und Affekt in den Gross-out-Blockbusterkomödien der Farrelly-Brüder (Herbert Schwaab)
  • III. Lebenswelt
  • „Es geht nicht, es rollt.“ – Das ‚Lachen über Behinderung‘ aus der Perspektive körperlich behinderter Menschen (Dieter Kulke)
  • „Das Lachen blieb mir im Halse stecken.“ Zum Transformationspotenzial in Dschingis Khan und der spezifischen Funktion von Komik (Fabian Riemen)
  • Das ,Lächerliche‘ in Familien mit ,geistig‘ behinderten Angehörigen. Einige Reflexionen aus einer interaktionistisch professionstheoretischen Perspektive (Cosimo Mangione)
  • Billy the Kit (Karlheinz Kleinbach)
  • Abbildungsverzeichnis
  • Über die Autor:innen
  • Reihenübersicht

List of Contributors

Elisabeth Braun

Pädagogische Hochschule Ludwigsburg

Franziska Felder

Universität Zürich

Susanne Hartwig

Universität Passau

Sonja Kerth

Universität Bremen

Karlheinz Kleinbach

Pädagogische Hochschule Ludwigsburg

Dieter Kulke

Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt

Cosimo Mangione

Technische Hochschule Nürnberg Georg Simon Ohm

Anette Pankratz

Ruhr-Universität Bochum

Fabian Riemen

Julius-Maximilians-Universität Würzburg

Herbert Schwaab

Universität Regensburg

Benjamin Wihstutz

Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Susanne Hartwig

Einführung: Komik, Lachen und Behinderung

1 Komik, Lachen und Inklusion1

Komik und Behinderung scheinen auf den ersten Blick eher wenig miteinander zu tun zu haben. Behinderung wird in der Regel kulturübergreifend als ernst, gar tragisch empfunden,2 weshalb Komik bei diesem Thema schnell deplatziert und taktlos wirken kann. Und doch – oder vielleicht gerade deshalb? – gibt es eine lange Tradition des bedenkenlosen lebensweltlichen und literarischen Lachens über körperliche und geistige Besonderheiten (die man im 20. Jahrhundert homogenisierend ‚Behinderung‘ nennt), von den homerischen Epen (vgl. Thommen 2020: 138) bis hin zum boomenden Filmgenre „Behindertenkomödie“ im 21. Jahrhundert. Dies ist nicht zuletzt der Tatsache geschuldet, dass Komik und Behinderung beide als Normabweichungen wahrgenommen werden und daher so etwas wie eine grundlegende Ähnlichkeit vorzuliegen scheint. Komisch ist eine Normabweichung allerdings nur, wenn sie letztlich (und sei es auf einer Metaebene) als harmlos wahrgenommen wird,3 was mit den starken negativen Konnotationen, die mit Behinderung verbunden sind, nicht ohne Weiteres zusammenpasst. Wenn sich Behinderung und Lachen deshalb ←11 | 12→ausschließen, weil die naheliegende tragische Konnotation Komik neutralisiert,4 würde dann umgekehrt eine Zunahme positiv konnotierter komischer Darstellungen von Behinderung in der Gegenwart das Verblassen einer dominant negativen Einschätzung von Behinderung anzeigen? Und würde dann in der gleichen Logik das peinliche Bestreben, über (Menschen mit) Behinderung möglichst nicht zu lachen, diese Menschen geradezu diffamieren (und eben nicht vor Diffamierung schützen)?

Kastl weist darauf hin, dass man in die Gemeinschaft der Lachenden einbezogen ist, wenn man mitlachen kann; daher sei die Gruppenverbundenheit der Person, über die nie gelacht wird, ebenso fraglich wie die Gruppenverbundenheit desjenigen, über den und auf dessen Kosten immer nur gelacht wird. Körperliche, kognitive und psychische Beeinträchtigungen seien dabei nicht weniger oder auf andere Weise offen für komische Effekte als jedes andere menschliche Merkmal oder Verhalten auch: weder per se komisch noch von vornherein aus der Sphäre des Komischen ausgeschlossen (Kastl 2020: 253). Zeigen also Witze über Menschen mit Behinderung letztendlich deren Inklusion an, da sie, wie jeder andere Mensch auch, zum Objekt des Spotts werden können? Diskriminieren Lachverbote Menschen mit Behinderung, weil sie diesen etwas nicht zugestehen, was für alle anderen Menschen normal ist? „Inklusion ist, wenn man trotzdem lacht“, urteilt Pilz (2014) über „barrierefreie Komödie[n]‌“ – könnte Komik gar zum Gradmesser von Inklusion werden? Aber wie geht man mit der Gefahr der Exklusion durch Verlachen um?5

Die Frage danach, unter welchen Bedingungen komische Darstellungen von Behinderung positive Vorstellungsbilder von Menschen mit Behinderung fördern, ist nicht zuletzt für die Forderungen der UN-Behindertenrechtskonvention nach einem gesellschaftlichen Umdenken in Bezug auf Behinderung wichtig. Im Jahr 2006 verabschiedet und seitdem von fast allen Staaten der Welt unterzeichnet, verfolgt diese Konvention das Ziel, größeres gesellschaftlichen Bewusstsein gegenüber Menschen mit Behinderungen zu fördern und Vorurteile ihnen gegenüber abzubauen. Um dies zu erreichen, müssen soziale Strukturen und Praktiken, aber auch Vorstellungsbilder von Behinderung verändert werden. Dies kann auch über die Bildung von Lachgemeinschaften geschehen, weil ←12 | 13→Lachen eher positiv konnotiert und mit Entspannung verbunden wird.6 Freilich müsste Komik dann Besonderheiten von Behinderung berücksichtigen, etwa dass diese oft die Nichteinhaltung bestimmter gesellschaftlicher Normen impliziert. Die Funktion der sozialen Sanktion, die das Ziel verfolgt, „den Normabweichler zu verlachen und gleichzeitig die Norm zu verteidigen und zu festigen“ (Zipfel 2017: 66),7 müsste Komik in Bezug auf Behinderung dann verlieren und zu einer Kritik an (undifferenzierter) Einforderung von Normen übergehen. Im Zusammenhang mit Behinderung erhielte Komik die Aufgabe, Flexibilität gegenüber Normen zu schaffen. Hier wäre auszunutzen, dass Komik, wie es Robert Gernhardt (2000: 464) treffend formuliert, dem Bedürfnis nach Veränderung, Verunstaltung, Negierung und Aufhebung der Realität entspringt.8 Sie kann die gewohnten sozialen Ordnungsmechanismen fremd erscheinen lassen und dadurch deren Kontingenz aufzeigen. Eine komische Behandlung des Themas ‚Behinderung‘ bringt dann Entlastung von Tabuisierung und peinlicher Berührtheit angesichts von Normendurchbrechung und schafft inklusivere Lachgemeinschaften.

Es verwundert sehr, dass es bislang so gut wie keine theoretisch und methodisch fundierten Auseinandersetzungen mit der Thematik ‚Komik, Lachen und Behinderung‘ in den Kultur- oder Sozialwissenschaften gibt, geschweige denn ein Zusammendenken beider Begriffe unter der Doppelperspektive von Literatur (Film, Theater) als Symbol- und als Sozialsystem. Gottwalds historisch und diskursanalytisch angelegte Studie Lachen über den Anderen (2009), eine Dissertation aus der Fakultät Rehabilitationswissenschaften der TU Dortmund, ist die einzige deutschsprachige Monographie zum Thema. Ansonsten erscheint ‚Komik und Behinderung‘ fast ausschließlich in Einzeltextanalysen oder als Randphänomen in Überblicksdarstellungen.9 Angesichts eines gesellschaftlichen ←13 | 14→Inklusionsauftrags durch die UN-Behindertenrechtskonvention ist eine theorie- und methodengeleitete umfassendere Erforschung des Themas dringend notwendig.

2 Komik und Lachen

Wer sich aus literaturwissenschaftlicher Perspektive mit Komik beschäftigt, betritt ein nahezu unüberschaubares Terrain. Denn Komik ist ein „umbrella term“;10 ihre konkreten Ausprägungen sind so vielfältig wie ihre Wirkungen, die z.B. in Entlastung, Lustgewinn, Aufwertung des Selbstwertgefühls oder Verstörung, gar Zerstörung von Ordnungsstrukturen liegen können: „Im Lachen wird den Normen, Prinzipien, Ordnungen selbst mitgespielt, deren Herrschaft das Nichtige erst zum Nichtigen, das Entgegenstehende zum Entgegenstehenden macht“ (Preisendanz 1976: 411).11 Wie Komik systematisiert werden kann, wie sie entsteht und was sie ausmacht, ist entsprechend die Kernfrage zahlreicher Theorien und Modelle unterschiedlicher Disziplinen seit der Antike, der sich Denker wie Aristoteles, Immanuel Kant, Henri Bergson, Sigmund Freud oder Michail Bachtin gewidmet haben (vgl. den Überblick in Gottwald 2009).

Die drei dominanten Paradigmen der Komiktheorie, die in „philosophischen, psychologischen, soziologischen, anthropologischen, kognitiven sowie literatur- und kommunikationswissenschaftlichen Ästhetiken des Komischen immer wieder aufgegriffen und variiert wurden“ (Wagner 2017: 27),12 sind: die auf Thomas Hobbes zurückgehende Überlegenheitstheorie, nach der der Lachende sich in eine Position der Superiorität bringt (vgl. dazu Zipfel 2017: 66); die prominent von Sigmund Freud vertretene Entlastungstheorie, in der der Lachende sich entspannt und von einer (psychischen) Last befreit wird; sowie die Kontrast- oder Inkongruenztheorie,13 wonach Komik durch das Aufeinanderprallen von ←14 | 15→Gegensätzen entsteht. Darüber hinaus können verschiedene Zielscheiben des Lachens unterschieden werden: Man kann über einen Menschen oder eine Menschengruppe lachen (z.B. ‚die Mehrheitsgesellschaft‘ oder ‚die Behinderten‘; das ist Figurenkomik) bzw. ein Objekt (z.B. eine Behinderung; das ist Sachkomik), über einen sozialen Prozess (z.B. kodifiziertes Verhalten in einem bestimmten Kontext; das ist Situationskomik) oder aber über den Beobachter (d.h. der Lachende über sich selbst; das ist reflexive Komik). Die Komik kann auch in der Darstellungsweise (und eben nicht im Dargestellten) liegen (vgl. Zipfel 2017: 64). Schließlich ist eine „Komik induzierende Inkongruenz“ auch auf der Ebene der Sprache möglich, als Sprachkomik, wie man anschaulich in den ‚behinderten Cartoons‘ von Phil Hubbe sehen kann.14

Eine grundlegende Ambivalenz von Komik ergibt sich daraus, dass die Wahrnehmung des Komischen von einer beobachtenden Person abhängig ist, die jeweils individuelle Kriterien für das anlegen kann, was sie für harmlos hält und was nicht. So erläutert Zipfel:

Details

Seiten
248
Jahr
2022
ISBN (PDF)
9783631882986
ISBN (ePUB)
9783631882993
ISBN (MOBI)
9783631883006
ISBN (Hardcover)
9783631882948
DOI
10.3726/b19904
Open Access
CC-BY
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2022 (Juli)
Schlagworte
Menschen mit Behinderung Komik und Behinderung Potential des Lachens und der Komik Inklusion Inklusionsdiskussion
Erschienen
Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2022. 248 pp., 20 fig. b/w.

Biographische Angaben

Susanne Hartwig (Band-Herausgeber:in)

Susanne Hartwig ist Inhaberin des Lehrstuhls für Romanische Literaturen und Kulturen an der Universität Passau. Sie lehrt und forscht im Bereich Theater und Film, Ethik und Literatur sowie Disability Studies mit literatur-, theater- und filmwissenschaftlichen Ansätzen. Sie ist Herausgeberin des ersten deutschsprachigen Handbuchs zum Thema „Behinderung“ mit kulturwissenschaftlicher Schwerpunktsetzung.

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Titel: Lachgemeinschaften?
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