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Kommunikation und Medien zwischen Kulturindustrie, Lebenswelt und Politik

von Ricarda Drüeke (Band-Herausgeber:in) Franz Gmainer-Pranzl (Band-Herausgeber:in)
©2022 Sammelband 448 Seiten

Zusammenfassung

Kommunikationstechnologien haben gegenwärtige eine enorme Leistungsfähigkeit erreicht. Die „schöne neue Kommunikationswelt" bietet faszinierende Möglichkeiten, verändert aber auch das Leben der Menschen und ihr kulturelles Selbstverständnis. Zugleich stellen sich Probleme, die grundlegende Fragen für Wissenschaft und Gesellschaft aufwerfen: der Umgang mit (geheimen oder heiklen) Daten, Desinformation und Hass in Internetforen, die Beeinträchtigung wichtiger Kulturtechniken sowie kritisch-differenzierter Reflexionsfähigkeit. Die Beiträge dieses Bandes setzen sich mit dieser Spannung zwischen moderner Technologie und kommunikativer Kompetenz auseinander und reflektieren die Herausforderungen, die sich dadurch für Wissenschaft und Gesellschaft ergeben.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhalt
  • Ricarda Drüeke / Franz Gmainer-PranzlVorwort
  • Tagungsbeiträge
  • Kommunikation und Zivilgesellschaft: Hoffnungen und Realität (Karsten Weber)
  • „Check your privilege“. Intersektionale Perspektiven auf digitalisierte Medienkulturen (Ricarda Drüeke)
  • Rechtliche Herausforderungen der neuen Informations- und Kommunikationstechnologien – gezeigt an der Kommunikation in Social Media (Sonja Janisch)
  • „Hallo, wer spricht?“ Kommunikation in Zeiten der Automaten (Bernhard Collini-Nocker)
  • „500 neue Freunde – keiner da?“ Auf der Suche nach einer Ethik der Freundschaft im Cyberspace (Angelika Walser)
  • Weitere Beiträge
  • Die Gewalt der Verschwörung. Kommunikative Gewalt und (Selbst-)Stigmatisierung im gesellschaftspolitischen Diskurs über „Verschwörungstheorien“ (Alan Schink)
  • Die Materialität der Kommunikation: Woraus Mensch-Maschine-Interaktionen gemacht sind (Verena Fuchsberger)
  • Same same but different … Fandoms und hierarchisierende Fragmentierungsprozesse (Julia Elena Goldmann)
  • Vernetzung der Einsamkeit? Soziale Abgrenzung in einer sozial vernetzten Medienwelt (Jacinta Mwende Maweu)
  • Die Bilder der Migrant*innen: Welche Rolle Smartphones, soziale Netzwerke und persönliche Kontakte auf dem Weg in den Norden spielen (Katrin Gänsler)
  • Schnitt-Flächen. Zur Wunde als Ort und Bedingung von Kommunikation aus künstlerischer Perspektive (Teresa Leonhard)
  • Online-Friedhöfe: eine Illusion der Ewigkeit?! Mediatisierte Trauerkultur als Ausdruck populärer Religion (Sarah Pieslinger)
  • Religion in modernen Medien. Eine (selbst-)kritische theologische Analyse (Franz Gmainer-Pranzl)
  • Kirche online – Darstellung Theologischer Ethik im Internet zu ethischen Konfliktfeldern am Beginn des Lebens (Anna Maria Kienberger)
  • Öffentlichkeiten als menschlicher Ausdruck. Ein Plädoyer gegen den Medienpessimismus (Stephanie Höllinger)
  • Tätiges Schweigen – beredetes Handeln. Religiöse Sprachfähigkeit in der säkularen (Medien-)Öffentlichkeit (Antonia Bräutigam)
  • Gott und Menschen in Kommunikation. Offenbarungsmodelle in Christentum und Islam (Gudrun Becker)
  • Präsentationen von Nachwuchswissenschaftler*innen
  • In Media We Trust? Von den Snowden-Enthüllungen zum Facebook-Datenskandal. Eine kulturkontrastive linguistische Analyse (Melanie Anna Kerschner)
  • Das Medium der Sprache als Mittel politischer Stagnation. Eine Analyse des Sprachbegriffs von Walter Benjamin aus dem Fragment „Über die Sprache des Menschen und über Sprache überhaupt“ (1916) als Kritik an Medialität (Rafael Rehm)
  • Interventionsmöglichkeiten gegen hetzerische Medien durch die Zivilgesellschaft – mit Fokus auf die Inseraten-Politik (Lea Six)
  • Anhang
  • Programm der Tagung
  • Autorinnen und Autoren
  • Übersetzerin
  • Reihenübersicht

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Ricarda Drüeke/Franz Gmainer-Pranzl

Vorwort

Noch nie war Kommunikation so leicht wie heute. Kommunikationstechnologien haben eine Leistungsfähigkeit erreicht, die noch vor Kurzem kaum vorstellbar war, und werden immer noch weiterentwickelt. In Sekundenbruchteilen werden Informationen, Texte und Bilder rund um den Globus verschickt. Neue Formen der Speicherung, Verarbeitung und Vermittlung von (mitunter riesigen) Datenmengen verändern Arbeitsweisen, ökonomische Prozesse und politisches Handeln, aber auch das alltägliche Leben der Menschen und ihr kulturelles bzw. gesellschaftliches Selbstverständnis. Nicht zuletzt die Corona-Pandemie hat seit März 2020 zu einem enormen Digitalisierungsschub geführt, der Forschung und Lehre an den Universitäten erfasst und verändert hat. Studium und akademischer Betrieb werden aufgrund des Einsatzes digitaler Medien und intensiv in Anspruch genommener Online-Kommunikation während und nach der Pandemie wohl nie mehr so sein wie vorher – auch dies eine tiefgreifende Transformation bisheriger kommunikativer Selbstverständlichkeiten, die zum Zeitpunkt unserer interdisziplinären Tagung (November 2018) in dieser Form nicht absehbar war.

Damit sind neben den technischen Chancen und Optimierungsprozessen auch Probleme angesprochen, die im Rahmen dieser „schönen neuen Kommunikationswelt“ grundlegende Fragen für Wissenschaft und Gesellschaft aufwerfen. Kritisch reflektiert werden muss, ob sich dadurch bestehende Ungleichheiten nicht noch verschärfen, denn gerade die Pandemie zeigte auf, dass etwa Homeschooling bestimmte gesellschaftliche Gruppen aus Bildungsprozessen weiter ausgrenzt. Auch stellen sich aus arbeitsmedizinischer Sicht Fragen nach den gesundheitlichen Folgen stundenlangen Arbeitens am PC. Ein weiteres, gesellschaftlich gravierendes Problem: Der Umgang mit (heiklen bzw. geheimen) Daten ist anfällig für Missbrauch und Betrug – mittlerweile eine eigene Herausforderung für die Kriminologie. Und schließlich machen sich in Internetforen seit geraumer Zeit Formen von Verunglimpfung, Aggression und Hass breit, die einzelne Akteur*innen und Gruppen angreifen – in vermeintlicher „Anonymität“ und „Sicherheit“ des World Wide Web. Darüber hinaus fragen Bildungsexpert*innen, ob eine Weise der Kommunikation, die sich voll und ganz der Logik elektronischer Medien anpasst, nicht eine Beeinträchtigung ←9 | 10→traditioneller Kulturtechniken, wie Lesen und Schreiben sowie einen Verlust an kritischer und differenzierter Reflexionsfähigkeit mit sich bringt.

Bewusst ließen wir mit dem Titel unserer Tagung die Kritik des „Kulturbetriebs“ anklingen, die bereits in einem der frühesten Beiträge zur Kritik moderner (Unterhaltungs-)Medien erfolgte: in der Dialektik der Aufklärung von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno. In diesem 1944 veröffentlichten Werk heißt es an einer zentralen Stelle:

Vergnügtsein heißt Einverstandensein. Es ist möglich nur, indem es sich gegenüber dem Ganzen des gesellschaftlichen Prozesses abdichtet, dumm macht und von Anbeginn den unentrinnbaren Anspruch jedes Werks, selbst des nichtigsten, widersinnig preisgibt: in seiner Beschränkung das Ganze zu reflektieren.1

Die Werke der Kritischen Theorie erachten wir nach wir vor als einen der zentralen Bezugspunkte der Geistes- und Sozialwissenschaften. Zudem bedürfen Analysen gegenwärtiger Umbrüche, die mit digitalen Medien und den damit verbundenen Veränderungen in Kommunikationsprozessen einhergehen, aber auch die aktuellen gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen, einer kritischen Perspektive.

Auf dem Hintergrund dieser schwer aufzulösenden Ambivalenz von Kommunikation und Medien im Spannungsfeld zwischen Kulturindustrie, Lebenswelt und Politik sowie im Bewusstsein, dass die Grenze zwischen politisch-emanzipatorischer und kulturpessimistischer Medienkritik nicht immer leicht auszumachen ist, setzen sich die Beiträge dieses Sammelbandes vor allem mit folgenden Fragen auseinander:

1.Was heißt „Kommunikation“ überhaupt für eine bestimmte wissenschaftliche Disziplin, und welche speziellen Herausforderungen ergeben sich daraus?

2.Lässt sich eine „anthropologische Grundfähigkeit“ zur Kommunikation ausmachen? Wenn ja: Wodurch wäre eine solche „basale kommunikative Kompetenz“ gekennzeichnet?

3.In welchem Verhältnis stehen Kommunikationstechnologien und kommunikative Kompetenzen zueinander, und wie beurteilen unterschiedliche Wissenschaften die Spannung zwischen „kommunikativer“ und „strategischer“ Vernunft sowie den Bezug zu affektiven Formen der Kommunikation?

←10 | 11→4.Inwieweit ist im Zuge der weiteren Verbreitung digitaler Medien eine Veränderung in Kommunikationsprozessen zu beobachten, und wie lässt sich diese kritisch reflektieren?

5.Welche wechselseitigen Einflüsse bestehen zwischen Kommunikation und Wissenschaft?

Die Durchführung dieser interdisziplinären Tagung sowie die Publikation dieses Sammelbandes erfolgte in Kooperation zwischen zwei Organisationseinheiten bzw. wissenschaftlichen Disziplinen der Universität Salzburg, die eine je eigene Perspektive auf das Forschungs- und Arbeitsfeld „Kommunikation und Medien“ vertreten.

Die Kommunikationswissenschaft versteht sich als kritische Sozialwissenschaft, die die Kritische Theorie im Sinne von Adorno und Horkheimer aufgegriffen hat, aber auch neuere Ansätze kritischer Theorien, wie Jürgen Habermas, Pierre Bourdieu, Michel Foucault und die Gender Studies einbezieht. Unter Berücksichtigung einer Vielzahl kritischer Ansätze lässt sich der Stellenwert der Kritischen Theorie in der Kommunikationswissenschaft als theoretisches Projekt, aber auch als interventionistisches Wissenschaftsverständnis charakterisieren. Denn diesem Verständnis nach ist Wissenschaft untrennbar mit gesellschaftlicher Verantwortung verbunden, wie dies auch bei der Analyse von Medien- und Kommunikationsprozessen zentral ist.

Das Zentrum Theologie Interkulturell und Studium der Religionen hat im Rahmen seiner grundsätzlichen Aufgabe, Wechselwirkungen zwischen Religion(en) und Gesellschaft(en) zu erforschen, unweigerlich mit modernen Medien zu tun, in denen Religion – in welcher Gestalt auch immer – eine gesellschaftlich relevante Rolle spielen kann. Aktuell stellen die neopentekostalen Bewegungen (die sogenannten „Neupfingstkirchen“ vor allem in Lateinamerika und Westafrika) mit ihrer massiven Präsenz in modernen Medien (bis hin zum Betreiben von Fernsehkanälen) ein wichtiges Thema interkulturell-theologischer Forschung dar. Zugleich nehmen wir durch Kooperationen mit Kolleginnen und Kollegen in den Ländern des globalen Südens wahr, dass zum einen nach wie vor viele Menschen keine Möglichkeit haben, moderne Kommunikationstechnologien zu nutzen, sich zum anderen aber manche Probleme genauso stellen wie etwa in Europa.2 Darüber hinaus setzt sich die ←11 | 12→Professur Religious Studies (angesiedelt im Zentrum Theologie Interkulturell und Studium der Religionen) im Rahmen religionsästhetischer Forschung mit der Relevanz moderner Medien für Religion(en) sowie mit religiösen Einflüssen auf Medien und Kommunikation auseinander.3

Wir freuen uns, wenn die Beiträge dieses Bandes die Auseinandersetzung mit der wissenschaftlichen und politischen Herausforderung „Kommunikation und Medien“ fördern und dadurch auch einen Beitrag zum interdisziplinären Diskurs an der Universität Salzburg leisten können.

Allen, die die Durchführung der Tagung sowie die Publikation dieses Sammelbandes ermöglicht haben, danken wir sehr herzlich, ganz besonders auch Frau Mirjam Erdinc für die sorgfältige Korrektur und Frau Elisabeth Höftberger für die Bearbeitung des Manuskripts für die Drucklegung.

Salzburg, im Oktober 2021

Ricarda Drüeke/Franz Gmainer-Pranzl

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Karsten Weber

Kommunikation und Zivilgesellschaft: Hoffnungen und Realität1

Abstract: When the term ‘civil society’ is used in the public sphere and politics, and to some extent also in academic debates, it is generally assumed that a good, tolerant, open-minded, plural society is meant, in which case the term is normatively loaded. If, on the other hand, a relevant definition of the term is sought, then the focus is on organising principles; any such definitions will remain neutral as regards the opinions and convictions represented within a civil society. When we consider these in detail, the result is unambiguous: either civil society is an empty set, since no one fulfils the criteria for belonging, or all members of society belong to civil society as well. In either case the term is quite simply redundant as a scientific analytical tool.

Keywords: civil society, media ethics, democracy, liberty, tolerance

1 Einleitung: Die gute Zivilgesellschaft

Ob man in Massenmedien, wissenschaftliche Publikationen oder Verlautbarungen von Parteien und Regierungen schaut: Fast ohne Ausnahme2 scheint es für alle sich dort Äußernden ausgemacht zu sein, dass eine Zivilgesellschaft eine gute, tolerante, weltoffene, plurale Gesellschaft ist. Selbst wenn man der Enzyklopädie Wikipedia3 und den darin enthaltenden Angaben skeptisch gegenübersteht (und in vielen Fällen wäre diese Haltung mehr als gerechtfertigt) und die darin zu findenden Informationen nicht als letztes Wort zum jeweiligen Thema verstanden ←15 | 16→werden sollten, gibt der dort aufgeführte Eintrag über die Zivilgesellschaft4 den weitverbreiteten Tenor, der sich in vielen traditionellen Massenmedien, in politischen Kommentaren ebenso wie im Internet finden lässt, gut wieder. Mit dem Ausdruck ‚Zivilgesellschaft‘ werden in aller Regel und ausdrücklich Demokratie, Kooperation, Gutwilligkeit und Fortschrittlichkeit verbunden – mit einem Wort: Aufklärung im durchaus kantischen Sinne. Auch wenn es natürlich willkürlich ist, einen einzelnen Beitrag herauszupicken und daraus zu zitieren, würde eine wissenschaftliche Recherche in den meisten Fällen Texte liefern, die ähnliche Zitate wie dieses enthalten:

There is growing recognition of the role of civil society as both a normative ideal and also a site of democratic and broadly political engagement for social justice. Across the world, civil society organizations play an important role in raising awareness of issues and in campaigning for equity and greater democratic participation.5

Die Bundeszentrale für politische Bildung wiederum schreibt (in etwas ungewohnter Diktion), dass „[…] Zivilgesellschaft […] in einer engen Verbindung zwischen der Fähigkeit einer Gesellschaft zur Selbstorganisation und der Robustheit ihrer demokratischen Verfasstheit gesehen [wird]“6. Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit führt aus, dass „[v]‌erschiedene Politikwissenschaftler […] die Zivilgesellschaft als Komponente [beschreiben], die neben dem Staat und den Kräften des Marktes notwendig ist, um eine ideale pluralistische Gesellschaft von engagierten Bürgern zu schaffen“7. Für das Netzwerk Stiftungen und Bildung ist „[z]ivilgesellschaftliches Engagement […] somit mit der Erwartung verbunden, ein Mehr an Demokratie und sozialer Gerechtigkeit wie auch an gesellschaftlicher Rückkoppelung politischer Entscheidungsfindungsprozesse zu garantieren“8. Die Liste ähnlicher Äußerungen ließe sich beinahe beliebig fortsetzen. Wenn von Zivilgesellschaft gesprochen wird, so wird dies oft in Zusammenhang mit multikulturellen Stadtteilfesten, Bunt-statt-Braun-Protestmärschen, Lesben-und-Schwulen-Paraden wie dem Christopher Street Day oder den in vielen Ländern stattfindenden Fridays-for-Future-Schülerprotesten getan. In wissenschaftlichen ←16 | 17→Fachartikeln taucht die Zivilgesellschaft beispielsweise im Zusammenhang mit Korruptionsbekämpfung,9 guter Regierung bzw. Verwaltung (im Englischen als ‚good governance‘ bezeichnet)10 oder Regierungskritik11 auf. Das ist Zivilgesellschaft, wie sie sein sollte – um einen Werbeslogan eines global tätigen Brausewasser-Herstellers abzuwandeln. Zivilgesellschaft ist fast ohne Ausnahme divers, progressiv, lebendig, cool, umweltbewegt.

Lässt man sich jedoch nicht von solchen Eindrücken überwältigen und versucht, einen etwas distanzierteren und vielleicht auch kritischen Blick auf das Konzept der Zivilgesellschaft zu werfen, so wird man sich des Eindrucks kaum erwehren können, dass Zivilgesellschaft idealisiert wird. Dabei wäre ein kritischer Blick dringend vonnöten, wenn man aktuelle Entwicklungen beispielsweise in Europa, in den USA und in anderen Teilen der Welt in Rechnung stellt: In vielen Ländern werden demokratische Strukturen infrage gestellt (um es vorsichtig auszudrücken), nationalistische Haltungen werden mehrheitsfähig, Intoleranz beispielsweise gegenüber ethnischen und/oder religiösen Gruppierungen verbreitet sich. Dabei werden diese Entwicklungen zuweilen staatlicherseits vorangetrieben, finden aber nicht selten, wenn nicht sogar sehr oft durchaus Anklang in erheblichen Teilen der Bevölkerung entsprechender Länder. Gesellschaftliche Kommunikation wird zunehmend extremer, polarisierter und unversöhnlicher; Gruppierungen, die man durchaus als zivilgesellschaftliche Akteure bezeichnen kann, sind daran beteiligt. Daher stellt sich die Frage, warum eine solche Diskrepanz zwischen einer häufig idealisierten Vorstellung von Zivilgesellschaft auf der einen Seite und der Realität auf der anderen Seite existiert.12

2 Zivilgesellschaft im Theorie- und Realitätscheck

Zunächst lässt sich feststellen, dass die Theoriebildung im Zusammenhang mit dem Konzept der Zivilgesellschaft keinen Anlass dazu gibt, einen einseitig positiv besetzten Begriff zu nutzen. Um dies feststellen zu können, reicht ein Blick ←17 | 18→in ein Einführungsbuch zum Thema, um nachzulesen, wie dort der Ausdruck ‚Zivilgesellschaft‘ definiert wird:

Unter civil society, also Zivil- oder Bürgergesellschaft, wird in der Regel ein gesellschaftlicher Raum, nämlich die plurale Gesamtheit der öffentlichen Assoziationen, Vereinigungen und Zusammenkünfte verstanden, die auf dem freiwilligen Zusammenhandeln der Bürgerinnen und Bürger beruhen. Vereine, Verbände und soziale Bewegungen sind dabei typische Organisationsformen.13

Diese Bestimmung ist inhaltlich völlig neutral. Zur Zivilgesellschaft können Bürgerinitiativen gegen Rassismus oder Homophobie gehören, ebenso wie Organisationen wie K21 oder WikiLeaks Bestandteile der Zivilgesellschaft sein können. Nun ist aber klar, dass diese Auswahl von Organisationen nur für einen Teil einer Gesellschaft (moralisch) positiv besetzt ist, weil sie sich gegen die Ausgrenzung von Menschen richten, gegen die Zerstörung eines lieb gewonnenen Kopfbahnhofs protestieren oder dazu beitragen, die Handlungen von Militärs und Geheimdiensten offenzulegen. Vielleicht entsprechen diese Aktivitäten sogar der Sichtweise der Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger einer gegebenen Gesellschaft. Aber wenn man von Teilen spricht, impliziert dies bereits, dass es andere Teile geben könnte, die andere Einschätzungen solcher zivilgesellschaftlichen Gruppen vorbringen würden. Oder anders formuliert: Es ist durchaus möglich, dass die Zivilgesellschaft auch religiös-fundamentalistische, rassistische, faschistische, homophobe und/oder antisemitische Gruppierungen und all die anderen numerisch meist randständigen und politisch extremen Verbünde mit (hoffentlich) vergleichsweise geringer gesamtgesellschaftlicher Akzeptanz umfasst. So schreiben Simone Chambers und Jeffrey Kopstein aus einer historischen Perspektive:

Details

Seiten
448
Jahr
2022
ISBN (PDF)
9783631883082
ISBN (ePUB)
9783631883099
ISBN (Hardcover)
9783631883051
DOI
10.3726/b19895
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2022 (September)
Erschienen
Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2022. 448 S., 14 farb. Abb., 3 Tab.

Biographische Angaben

Ricarda Drüeke (Band-Herausgeber:in) Franz Gmainer-Pranzl (Band-Herausgeber:in)

Ricarda Drüeke studierte Politikwissenschaft, Soziologie und Kunstgeschichte an den Universitäten Marburg und Hamburg. Sie ist Assoziierte Professorin am Fachbereich Kommunikationswissenschaft der Universität Salzburg. Franz Gmainer-Pranzl studierte Katholische Theologie und Philosophie in Linz, Innsbruck und Wien. Er ist Professor an der Theologischen Fakultät der Universität Salzburg und Leiter des Zentrums Theologie Interkulturell und Studium der Religionen.

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Titel: Kommunikation und Medien zwischen Kulturindustrie, Lebenswelt und Politik