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Exil, migration et transferts culturels : Perspectives franco-allemandes Exil, Migration und Kulturtransfer: Deutsch-französische Perspektiven

de Cécile Chamayou-Kuhn (Éditeur de volume) Ingrid Lacheny (Éditeur de volume) Dirk Weissmann (Éditeur de volume) Romana Weiershausen (Éditeur de volume)
©2024 Collections 322 Pages
Série: Convergences, Volume 110

Résumé

À l’heure actuelle, la thématique de l’interculturalité est solidement ancrée dans le paysage de la recherche internationale. Le questionnement sur l’interculturel sous-tend une multitude de champs d’investigation et de réflexion, en étant étroitement lié aux débats contemporains portant sur l’identité nationale, dans un contexte marqué par la mondialisation, les migrations et la diversité. Dans cet ensemble, la perspective franco-allemande occupe depuis longtemps une position centrale. En renouant avec cette tradition, le présent ouvrage se comprend comme une contribution au renouvellement des recherches sur l’interculturel, tout en s’interrogeant sur la validité de ses fondements et de ses analyses. Il rassemble des études de cas issues de l’aire culturelle allemande et française qui apportent un large éventail d’éclairages sur les possibilités qu’offre la recherche franco-allemande dans ce domaine.
Das Thema der Interkulturalität hat heute einen festen Platz in der internationalen Forschungslandschaft. Interkulturelle Fragestellungen betreffen eine Vielzahl von Forschungs- und Reflexionsfeldern und sind eng mit den zeitgenössischen Debatten über nationale Identität in einem von Globalisierung, Migration und Diversität geprägten Kontext verknüpft. Innerhalb dieses Umfelds hat die deutsch-französische Perspektive seit langem eine zentrale Rolle inne. Die vorliegende Publikation baut auf dieser Tradition auf und möchte zur Weiterentwicklung der interkulturellen Forschung beitragen, wobei sie gleichzeitig die Gültigkeit seiner Grundlagen und Analysen einer Prüfung unterzieht. Der Band vereinigt Fallstudien aus dem deutschen und französischen Kulturraum, in denen sich die Produktivität des deutsch-französisch akzentuierten Blicks für das Forschungsgebiet zeigt.

Table des matières

  • Couverture
  • Titre
  • Copyright
  • À propos de l’auteur
  • À propos du livre
  • Pour référencer cet eBook
  • Table des matières
  • Liste des auteurs
  • Durch das Prisma der Interkulturalität Zur Einleitung
  • Au prisme de l’interculturel Introduction
  • Partie 1: Constructions identitaires et altérité
  • «Auch meine Gedanken sind exilirt, exilirt in eine fremde Sprache.»
  • Exils migratoires et médiation interculturelle
  • «Nos différences nous unissent»?
  • Partie 2: Compétences interculturelles et perspectives didactiques
  • La dimension plurilingue et pluriculturelle dans la formation des enseignants
  • Geschichte. Interkulturell.
  • Construction de l’interculturel dans le discours de l’Office franco-allemand pour la Jeunesse
  • Partie 3: Ecritures migrantes et espaces dramatiques
  • Rafik Schami im Gespräch mit seinen deutsch-französischen «Ahnen»
  • Bedeutung und (Aus)Wirkung: Adelbert-von-Chamisso-Preis – Prix littéraire de la Porte Dorée
  • Poetik der Métissage
  • «Liberté égalité sexualité»
  • Siegfried oder die Entdeckung des Ich im Andern
  • Schwebende Ungewissheit: Flüchtige Identitäten in Christian Petzolds Film Transit
  • Partie 4: Phénomènes d’acculturation
  • Ruptures et déplacement des frontières identitaires chez les Lorrains du Banat roumain
  • Le miroir de l’Autre

Durch das Prisma der InterkulturalitätZur Einleitung

Cécile Chamayou-Kuhn, Ingrid Lacheny, Romana Weiershausen, Dirk Weissmann*

Angesichts der schier unüberschaubaren Zahl an Veröffentlichungen, die sich weltweit und in einer ganzen Reihe von Sprachen und Domänen mit «Interkulturalität» befassen,1 darf behauptet werden, dass sich das Thema heute fest in der internationalen Forschungslandschaft etabliert hat. Der deutsch-französische Wissenschaftsdialog hat bei dieser Entwicklung eine nicht unerhebliche Rolle gespielt. Die Verlagerung des wissenschaftlichen Augenmerks vom traditionellen nationalstaatlichen Rahmen hin zu dynamischen, transnationalen Prozessen, die politische und kulturelle Grenzen durchkreuzen, sowie die Privilegierung der Vorstellung von einer konstitutiven Hybridität kultureller Formationen haben es ermöglicht, die Betrachtungsweise kultureller Phänomene und Praktiken grundlegend zu erneuern. Das Interkulturalitäts-Paradigma, das nunmehr alle Geistes- und Sozialwissenschaften durchzieht, ist dabei eng mit den aktuellen Debatten um die nationale Identität verbunden, die mit Globalisierung, Migration und pluralistischen Gesellschaften konfrontiert wird, und scheint eine der zentralen Fragen unserer Zeit darzustellen.

Auch wenn der Begriff «Interkulturalität» im Wissenschaftsdiskurs teilweise noch umstritten ist2 – und ein Konsens über seine Definition nach wie vor schwer zu finden scheint – hat die kontinuierliche Zunahme interkultureller Ansätze einen entscheidenden Beitrag zur Erneuerung unserer Wahrnehmung von «Kultur» geleistet. Trotz der bereits erwähnten umfangreichen wissenschaftlichen Produktion sollte sich die aktuelle Forschung keineswegs mit dem Erreichten begnügen. Vielmehr ist es gerade aufgrund seiner offensichtlichen Produktivität geboten, das Feld der Interkulturalität weiterzuentwickeln, wobei die Gültigkeit seiner Analysen und die Geltung seiner Grundlagen immer auch zu hinterfragen sind.

Interkulturalität als Forschungsparadigma ist von verschiedenen Seiten immer wieder kritisch in Frage gestellt worden. Diese Kritik bezieht sich dabei zum einen auf das Konzept selbst, dem vorgeworfen wird, schon begrifflich reproduziere es eine längst überkommene Vorstellung. Zu divers seien im Grunde die heutigen globalisierten Gesellschaften, um noch von einem «inter» als Gegenüber zweier Seiten ausgehen zu können, ja der interkulturelle Ansatz perpetuiere letztlich die Vorstellung einer Trennung zwischen nationalen Kulturen. Inzwischen dürfte dieser Vorwurf auf die aktuelle, differenziert weiterentwickelte Interkulturalitätsforschung nicht mehr recht zutreffen, wo es vielmehr um die Analyse von Interaktionsprozessen geht, in denen kulturspezifische «Andersartigkeit» erst performativ produziert wird.3 Daneben scheinen aber andere, konkurrierende Leitbegriffe der «Interkulturalität» den Rang abgelaufen zu haben, mit variierenden Gewichtungen je nach länderspezifischen Diskursen und Fachdisziplinen – Homi K. Bhabhas «Hybridität», «Transkulturalität» (im deutschen Diskurs von Wolfgang Welsch propagiert), «diversity», «postmigrantisch» (vorwiegend im deutschen Diskurs), «métissage» (im französischen Diskurs) u.v.w. Und doch bleibt Interkulturalität als Forschungsparadigma weiterhin stark präsent, mit einer breiten Basis an bestehenden Forschungsleistungen und aktuellen Fortentwicklungen.

In dieser Hinsicht hat die deutsch-französische Perspektive seit langem eine besonders produktive Position eingenommen. So darf behauptet werden, dass sie in den letzten fünfzig Jahren die Rolle eines veritablen Katalysators für die Entwicklung interkultureller Ansätze gespielt hat. Ein Blick in die einschlägigen Bibliographien zeigt, dass die deutsch-französischen Beziehungen in ihrer besonderen Konstellation der Nachbarschaft (in Nähe wie in Opposition zueinander) der Forschung eigene Impulse gegeben haben, speziell hinsichtlich der theoretischen Ansätze des Kulturtransfers (Espagne, Werner)4 und der Histoire croisée (Werner, Zimmermann)5.

Die Produktion kulturtheoretischer Konzepte im deutsch- französischen Kontext hat Geschichte. Wenn man auf die «longue durée» der deutsch-französischen Geschichte zurückblickt, kann man dort zahlreiche Quellen für die heutigen interkulturellen Fragestellungen ausmachen. Mithin könnte man so weit gehen zu behaupten, dass die deutsch-französischen Beziehungen historisch gesehen die Rolle einer «Wiege» für die heutige Interkulturalitätsproblematik spielten. War es so nicht die Konfrontation zwischen der deutschen und der französischen Kultur, ihr immer stärker werdendes Wetteifern, das im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts die interkulturelle Frage eigentlich erst aufkommen ließ? War es nicht eine gewisse Form des französischen Universalismus, in seinem Anspruch, die gesamte Menschheit zu repräsentieren, die Johann Gottfried Herder in den 1760er Jahren dazu veranlasste, diesem Ansatz seine eigene Auffassung nicht nur vom Eigenwert jeder Kultur, sondern von der grundsätzlichen Pluralität von Kultur(en) entgegenzusetzen6 – eine Auffassung, die heute als Ausgangspunkt für jeden interkulturellen Ansatz erscheint?

Es gibt einige Argumente für die These, dass Herders Schriften, in denen er immer wieder gegen einen sich als universalistisch gebärdenden Partikularismus ins Felde zieht, zu den Gründungstexten der Interkulturalitätsproblematik gehören.7 Denn Interkulturalität als Terminus beruht wesentlich auf einem Bewusstsein pluraler Kulturen, die ihre jeweils eigene Identität herausbilden. Auch wenn Herder oft für seine essentialistische Auffassung von Kulturen kritisiert wurde, so dass er – sicherlich zu Unrecht – als ein Antipode der Interkulturalität aufgefasst wurde,8 bleibt die Spannung zwischen Universalismus und Partikularismus, zwischen «Humanität» und «Volksgeist», die sein gesamtes Werk durchzieht, bis heute der unüberwindbare Horizont jeder Fragestellung zur kulturellen Identität, insbesondere in ihrer Beziehung zum Weltkulturerbe, zum internationalen Austausch oder zur Migration. Ohne den deutsch-französischen Rahmen wäre der neue Denkansatz des deutschen Philosophen wahrscheinlich nicht möglich gewesen.

Der Fall Herder zeigt auch, dass man Kulturdiskurse in ihren jeweiligen historischen Kontexten betrachten muss, dass sie – vielleicht deutlicher noch als in anderen Bereichen – mit zeitbedingten Erfahrungswelten zusammenhängen. Denn Herder argumentierte vor dem Hintergrund nicht nur einer französischen Kulturhegemonie, sondern auch des expandierenden Kolonialismus und Imperialismus seiner Zeit. Das Bild eines «natürlichen» Schwerpunkts oder Zentrums (Kugel-Modell)9 einer jeden Kultur, der nicht gestört werden solle, erklärt sich nämlich nicht zuletzt als leidenschaftliches Plädoyer gegen eine kolonialistische Vereinnahmung fremder Kulturen unter universalistischen Vorzeichen.

Das Stichwort des Kolonialismus ruft eine andere Problematik auf, die sich nun auf den methodischen Zugriff der Interkulturalität in der Wissenschaft richtet: Sie betrifft die Frage danach, wer unter welchen Prämissen kulturvergleichende Untersuchungen verfolgt. Der Kameruner Germanist Norbert Ndong hat mit Recht betont, dass interkulturelle Studien nicht jenseits von Machtverhältnissen und wirtschaftlichen Abhängigkeiten zu denken sind und dass Hierarchien nicht nur bei der Produktion von Literatur wirken, sondern auch den Blicken der Forschenden eingeschrieben sind, was insbesondere bei Vergleichen ins Gewicht fallen kann.10 So stoßen gewisse institutionalisierte Formen der Interkulturalitätsforschung auf Kritik, da sie einem nationalen bzw. eurozentrischen Blick verhaftet zu sein scheinen. An dieser Stelle werden interessante Parallelen zur Fachgeschichte der Komparatistik und zu den Weltliteratur-Diskursen sichtbar. Andererseits liegt hierin auch eine Chance: Wenn man Literatur als Speicher von «Lebenswissen»11 auffasst, durch eine prinzipielle «Dialogfähigkeit» gekennzeichnet, die vom «interkulturell agierenden Literaturwissenschaftler» als «Dolmetscher und/oder Mittler» in wechselseitig Erkenntnis fördernder und kritischer Weise inszeniert werden kann,12 dann können von Literatur produktive Irritationen ausgehen, die die eigenen Selbstverständlichkeiten in Frage stellen, ganz im Sinne von Jürgen Habermas’ Theorie des kommunikativen Handelns als Prozess der «Dezentrierung eines egozentrischen Weltverständnisses»13. Dies gilt umso mehr im interkulturellen Zusammenhang.

Im breiten Feld der Interkulturalität fokussieren die Beiträge des vorliegenden Bandes einen Ausschnitt, in dem sich eine Vielzahl von Blicken bündeln lässt: Fallbeispiele aus dem deutschen und dem französischen Raum, die dadurch an Schärfe gewinnen, dass es in den untersuchten literarischen Texten selbst um interkulturelle Grenzüberschreitungen geht, um Migrations- und Exilerfahrungen sowie um Mittlerfiguren zwischen den Kulturen. Wenn hier vom «Prisma» der Interkulturalität gesprochen wird, so soll genau das adressiert werden: die verschiedenen Sichtweisen, die die Untersuchungsgegenstände selbst eröffnen, ebenso wie die mitunter kontroversen Reflexionen auf der Metaebene der Ansätze und Diskurse im deutsch-französischen Spannungsfeld. Die im vorliegenden Band versammelten Beiträge beinhalten vielfältige Perspektiven, die ein jeweils anderes Licht auf die Möglichkeiten interkulturell ausgerichteter Forschung werfen.

Die Erfahrung des «Fremden» kann zum Einen als interkulturelles Erlebnis und als Impuls zur Vermittlung neuer Kulturen und neuer Bezüge fungieren, wie die Beiträge der ersten Sektion («Identitätskonstruktionen und das Andere») zeigen. Hierzu haben die Reportagen und Fernsehsendungen Georg Stefan Trollers wesentlich beigetragen, wie der Beitrag von H. J. Lüsebrink zeigt. Für Troller symbolisiert Frankreich eine Wahlheimat und eine Kulturnation zugleich, wobei der Autor durch das erzwungene Exil ein neues Zugehörigkeitsgefühl entwickelt. Der Beitrag vermittelt Einblicke in die Sensibilität und Ästhetik Trollers, in die Überlegungen zu Migrationsformen und Exilsituationen einfließen, ohne an einen bestimmten Ort fixiert zu bleiben. Diese Flucht macht aus Troller eine Mittlerfigur, die trotz der Verbundenheit mit der Muttersprache ein Bindeglied zwischen Frankreich und Deutschland darstellt. Aus dem erlebten Exil schöpft er Kreativität und Einbildungskraft, was es ihm erlaubt, sich sowohl von seiner Wahlheimat als auch von seiner deutschen Identität abzusetzen. In diesem Sinne verkörpert das Migrationsphänomen eine Distanznahme seinem eigenen Selbst gegenüber sowie eine interkulturelle Begegnung mit dem Fremden, mit dem Anderen als Alteritätsmodell und Inklusionsmöglichkeit.

Ein Interaktionsraum mit besonderen Bedingungen zeigt sich im Bereich des Sports, in dem Alterität, Migration und Inklusion auf verschiedenen Ebenen Bedeutung gewinnen und variiert werden. Im zweiten Beitrag (A. Bernier-Monod) wird analysiert, inwiefern die kulturellen Differenzen Menschen – Spieler und Fußballfans – miteinander verbinden. In dieser Perspektive spielen Nationenbegriff, Nationalgefühl und Gemeinschaftsstolz eine bedeutende Rolle, die in Deutschland auf andere Weise als in Frankreich empfunden, behandelt und wiedergegeben wird. Der Sportler mit Migrationshintergrund rückt dabei in den Hintergrund, um im Teamgeist aufzugehen. Auf journalistischer Seite scheint Vorsicht geboten, um jede Form von Nationalismus und Rassismus zu vermeiden. Das erlebte Fremde soll gerade den Zusammenhalt der Mannschaft verstärken und den Sport als Inklusionsort befördern, ohne dass dabei multikulturelle Aspekte vernachlässigt werden. Anders als Wahlheimat oder als Exilheimat wird das Fremde hier als Doppelheimat empfunden.

In dem letzten Beitrag der ersten Sektion (D. Weissmann) wird untersucht, wie das Exil den Schriftsteller Heinrich Heine dazu angeregte, sich als zweisprachiger Autor zu positionieren. Ist der Akt des Übersetzens als Erfahrung oder als Überwindung des Fremden zu begreifen? Heines französischen Übersetzungen zeichnen sich dadurch aus, dass ihnen nicht nur Auktorialität, sondern zum Teil auch der Status von Originalwerken zukommt. Als emblematische deutsch-französische Mittler- und Selbstübersetzerfigur stellt Heinrich Heine von grundsätzlich die Frage nach den interkulturellen Möglichkeiten und Grenzen in der und durch die Sprache. Heine, dessen Zweisprachigkeit seine kulturelle Identität und Originalität ausmacht, bleibt somit ein Symbol und Modell jedes deutsch-französischen Kulturaustauschs.

Das Übersetzen – abgesehen vielleicht vom Fall der Fachübersetzung – ist zugleich kreativ und ästhetisch, es ist in Theorie und Praxis auch eine akademische Aufgabe in den sprachlichen Studiengängen. Mehrsprachigkeit und (damit verbunden) interkulturelle Kompetenzen bewegen sich also auf der didaktischen und pädagogischen Ebene. So behandeln die anschließenden drei Beiträge («Interkulturelle Kompetenzen und didaktische Perspektiven») Fragen des Unterrichts (A. Craïs), der Lehre (P. Farges und C. Marion) sowie der Vermittlung (U. Casabianca) von Sprachen in schulischen, akademischen und institutionellen Kontexten. Alexa Craïs analysiert, wie die Lehrkräfte mittels Kinderbüchern die Mehrsprachigkeit und die Migrationsprobleme – wie die sogenannte «Flüchtlingskrise» des Jahres 2015 – im Unterricht behandeln. Über didaktische Fragen hinaus betonen P. Farges und C. Marion, dass der Kern der integrierten deutsch-französischen Studiengänge in den interkulturellen Dimensionen und Kompetenzen besteht. Die Studierenden erwerben eine eigene Geschichtspraxis und sind dadurch besser im Stande, Fremdes zu erfassen und sich kulturelle Bezüge zu erschließen. Dadurch werden sprachliche Kommunikation und menschliche Interaktion erleichtert. Eine aktive Rolle spielen auch Institutionen wie das Deutsch-Französische Jugendwerk DFJW (U. Casabianca), das 2005 neue Richtlinien definiert hat, um die Interkulturalitätspraxis zu verstärken und zu erweitern.

Die dritte Sektion des Bandes («Interkulturelle Theaterräume») widmet sich der Interkulturalität in Hinblick auf Theater- und Filmproduktionen. In diesem Zusammenhang wird die Frage der Wirkungsästhetik in deutsch-französischen Kontexten aufgeworfen. S. Arlaud und N. Colin liefern dabei jeweils eine Fallstudie, in der gattungsspezifische Narrative der Migration untersucht werden. Colin befasst sich mit Christian Petzolds Film Transit (2018) nach dem gleichnamigen Roman von Anna Seghers. Den thematischen Kern von Buch und Film bildet die Identitätsproblematik eines deutschen Geflüchteten 1940, der sich in Frankreich, einem Transitraum, aufhält. In diesem Werk rüttelt der Regisseur dadurch an den traditionellen Wahrnehmungskategorien, dass er historische Ereignisse mittels zeitgenössischer Szenographie darstellt. Colin bemüht existentialphilosophische Ansätze sowie das Prinzip «Ähnlichkeit» als kulturtheoretisches Paradigma und hebt die daraus resultierende «epische Abstraktion» hervor, welche Unsicherheit, Irritation und Komplexität auch auf ästhetischer Ebene erzeuge. Dadurch gelinge es Petzold, die Figur des Migranten in die eigene Geschichte zu integrieren.

S. Arlaud geht in ihrem anschließenden Beitrag davon aus, dass der deutsche Dramatiker Frank Castorf die Gegenüberstellung französischer und deutscher Kulturfelder zu einem Dispositiv kritischer Hinterfragung der Migrationsthematik macht. Castorfs Theater bezeichnet sich seit 2017 als Wanderbühne, was mittels des «Räuberrads» der Volksbühne deutlich symbolisiert wird. Arlaud fokussiert in Castorfs Theaterästhetik die den verschiedenen Produktionen eingeschriebenen deutsch-französischen Erinnerungsorten: Mit seiner eigenen Version von La Dame aux Camélias konfrontiere Castorf das französische Publikum mit der französischen Revolution, wobei er sich der Wirkungsmechanismen des von Elfriede Jelinek geprägten «Sekundärdramas» bediene, allerdings unter geschichts- und ideologiekritischer Perspektive. In Frage gestellt werden dabei die Bühne als Institution sowie die Prozesse der nationalen Kanonbildung und Kolonialismus. Durch seine Theaterpraxis eröffnet Castorf so einen deutsch-französischen und zugleich subversiven Raum.

In ihrem die vierte Sektion («Migrantisches Schreiben») eröffnenden Beitrag lenkt Ch. Meyer das Augenmerk auf die Prozesse, durch die der Schriftsteller syrischer Herkunft Rafik Schami einheimische Referenzen für sich in Anspruch nimmt bzw. mit Vorbildern aus dem europäischen Literaturkanon in einen intertextuellen Dialog tritt. Interessant ist dieser Dialog unter anderem deshalb, weil er eine Form der Dezentrierung und Entnationalisierung des Kanons zur Folge hat. Vor diesem Hintergrund nimmt Meyer Texte Schamis in den Blick, in denen er sich mit zwei Schriftstellern, die als historische Symbolfiguren deutsch-französischen Kulturtransfers fungieren, auseinandersetzt: Durch den Bezug auf Chamisso und Heine hinterfragt der Schriftsteller ethnozentrische Kulturbegriffe. Indem er transnationale Austauschvorgänge inszeniert, verhandelt er nicht nur seine eigene Position im literarischen Feld, sondern auch seine eigene Identität im Sinne von kultureller Hybridität.

Der deutsch-französische (Literatur-)Raum steht auch im Mittelpunkt von B. Jirkus Aufsatz, in dem sie sich mit dem Adelbert-von-Chamisso-Preis sowie dem Prix littéraire de la Porte Dorée befasst. Beide Auszeichnungen wurden bzw. werden an Schriftsteller und Schriftstellerinnen mit Exil- und Migrationshintergrund bzw. an Autoren und Autor*innen vergeben, die über Exil, Flucht und Migration schreiben. Jirku kommt auf die institutionellen Aspekte zurück, ohne die literarischen und gesellschaftlichen Debatten zu vernachlässigen, welche die Preise ausgelöst haben. Darüber hinaus lenkt sie den Fokus auf zwei Autoren, Abbas Khider und Mohamed Mbougar Sarr, die mit den Preisen ausgezeichnet wurden und das Schicksal von Geflüchteten thematisieren. Dabei wird diskutiert, inwiefern beide Autoren in den zur Analyse herangezogenen Romanen einen interkulturellen Raum eröffnen, welcher die Grenzen bestehender Europadiskurse kritisch verschiebt.

Ein solcher Raum tritt auch in M. Geisers Untersuchung transkultureller Schreibweisen in Erscheinung. Ihr Beitrag weist auf literarische Phänomene hin, die das Kriterium der «Herkunft» als fragwürdig erscheinen lassen und mit der Multiplizität von Zugehörigkeiten im Hinblick auf Postmigration in globalisierten Gesellschaften spielen. Geiser untersucht in diesem Zusammenhang den Komplex um Sprache, Herkunft und Identität vor dem kritischen Hintergrund des «Transkulturellen», wobei auch theoretische Konzepte diskutiert werden. Die diesem Komplex zugrundeliegende Dynamik subsumiert sie unter dem Paradigma einer «Poetik der Métissage». Diese sei in einem produktionsästhetischen Sinne als spezifischer künstlerischer Ansatz aufzufassen, der sich auf das Verhältnis von Literatur und Engagement, auf das Prinzip des Übersetzens und als literarisches Verfahren sowie auf den Zusammenhang von Mehrsprachigkeit und Metaphorik bezieht. Geiser führt in diesem Zusammenhang Beispiele aus der sogenannten «Beur»-Literatur in Frankreich sowie u.a. deutsch-türkischer Autoren und Autor*innen in Deutschland an.

Transkulturalität spielt beim Untersuchungsgegenstand von P. Oster eine vergleichbar große Rolle: Jean Giraudoux’ Theaterstück Siegfried wird in ihrem Beitrag als experimentelle Auseinandersetzung mit einer Transkulturalität avant la lettre gedeutet, da darin binäre Kategorien – das Eigene und das Fremde, das Französische und das Deutsche – dekonstruiert werden. Auf der Mikroebene bildet das Individuum in diesem Werk das Experimentierfeld für einen dynamischen Austauschprozess der Kulturen. Giraudoux arbeite dabei bewusst mit deutsch-französischen Stereotypen, um diese zu unterlaufen. Der Autor zeige einerseits, wie der Einzelne vom kollektiven Gedächtnis geprägt wird, und andererseits, wie jegliches Zugehörigkeitsgefühl rasch zu zerbröckeln droht.

Résumé des informations

Pages
322
Année
2024
ISBN (PDF)
9782875748768
ISBN (ePUB)
9782875748775
ISBN (Broché)
9782875748751
DOI
10.3726/b21435
Langue
français
Date de parution
2024 (Mai)
Mots clés
Etudes franco-allemandes Interculturalité Migration
Published
Bruxelles, Berlin, Chennai, Lausanne, New York, Oxford, 2024. 322 p., 4 tabl.

Notes biographiques

Cécile Chamayou-Kuhn (Éditeur de volume) Ingrid Lacheny (Éditeur de volume) Dirk Weissmann (Éditeur de volume) Romana Weiershausen (Éditeur de volume)

Cécile Chamayou-Kuhn, Agrégée d’allemand, Maîtresse de Conférences en études germaniques, Université de Lorraine (Metz), Département d’allemand. Centres de recherches : CEGIL et CBS-Center for Border Studies. Principaux domaines et axes de recherches : littérature et théâtre contemporains des pays de langue allemande, études de genre, corporalité, migrations, transferts culturels. Dernière publication en date : avec Olivier Hanse : Mutation des pratiques corporelles dans les pays germanophones au XXIe siècle, Allemagne d’aujourd’hui, n°245/2023. Ingrid Lacheny, MCF-HDR en Études germaniques à l’Université de Lorraine (Metz). Equipe de recherche : CEGIL. Ses publications portent sur le romantisme allemand, les théories de la narration et les questions inter- et transmédiales. Dernier ouvrage publié en co-direction avec Patricia Viallet (2023): E.T.A. Hoffmann (1822-2022): Inter- und transmediale Aktualität eines Universalkünstlers/ Actualité inter- et transmédiale d’un artiste universel. Romana Weiershausen (venia legendi en littérature d’expression allemande du XVIIe au XXIe siècle et en littérature comparée) est Professeure des universités à l’Université de la Sarre. Ses recherches actuelles portent sur la littérature interculturelle ainsi que sur le drame et le théâtre du XVIIIe siècle et de l'époque contemporaine (réflexion sur les genres et les médias). Dirk Weissmann est Professeur des universités à l’Université Toulouse – Jean Jaurès. Il est membre du Centre de Recherches et d’Études Germaniques (CREG, EA 4151) et chercheur associé à l’ITEM/CNRS (équipe « Multilinguisme, traduction, création »). Ses travaux portent sur la littérature d’expression allemande, en particulier sur sa dimension multilingue et interculturelle, ainsi que sur la théorie et la pratique de la traduction littéraire. Veuillez indiquer votre affiliation, votre institution et les détails de votre carrière universitaire. Si vous mentionnez des ouvrages que vous avez publiés, veuillez indiquer uniquement l'année de publication et non l'éditeur.

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