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Studien zur Frühgeschichte der Umweltphilosophie in Deutschland und Skandinavien

von Kari Väyrynen (Autor:in)
©2026 Sammelband 350 Seiten

Zusammenfassung

Der klassische deutsche Idealismus und die Romantik haben – trotz ihrer zentralen Stellung in der Philosophiegeschichte – bislang kaum eine Rolle in der Forschung zur Geschichte des Umweltdenkens gespielt; lediglich die marxistische Ökologie ist in dieser Hinsicht gründlicher erforscht worden. Studien über die skandinavische Ökophilosophie haben sich weitgehend auf die norwegische Tradition – v. a. auf Arne Næss – beschränkt. Dieser Band untersucht die weniger bekannte finnische Umweltphilosophie und ermöglicht ein tieferes Verständnis der Bedeutung der deutschen Klassiker der Philosophie für die Geschichte der Umweltphilosophie. Er eröffnet neue Perspektiven u. a. zu Kant und Hegel. Darüber hinaus stellt er – in der Ökophilosophie weniger erforschte – Klassiker wie Herder oder den jungen Engels als bedeutende Umweltdenker vor. Die klassische deutsche Philosophie erweist sich als besonders interessant für die humanistische Umweltforschung. Es wird ein Paradigmenwechsel in der abendländischen Philosophie aufgezeigt, in dem der Wert der Umwelt gegen das vorherrschende anthropozentrische Denken gestellt wird.

Inhaltsverzeichnis

  • Abdeckung
  • Titelblatt
  • Copyright-Seite
  • Inhaltsverzeichnis
  • Vorwort
  • Literaturverzeichnis
  • KAPITEL 1 Die Grundlegung der Mensch-Natur-Problematik bei Kant
  • Der junge Kant: Kein Recht auf Natur?
  • Literaturverzeichnis
  • Kant und die Umweltwissenschaften
  • Geologie
  • Geographie
  • Biologie
  • Zum Schluss
  • Literaturverzeichnis
  • Philosophie, Geographie, Geschichte: Eine „kosmopolitische“ Vermittlung von Natur und Freiheit bei Kant
  • Der humanistische Kern von Kants Philosophiekonzeption
  • Kants Humangeographie
  • Geographie, Geschichte und die Verbindung von Natur und Freiheit
  • Literaturverzeichnis
  • Die Achtung der Natur bei Kant: Ethische und ästhetische Skizzen zum Frieden mit der Natur
  • „Ökologische Sicherheit“: wie und für wen?
  • Positive Voraussetzungen des Friedens und die Umweltfrage – ist die Fragestellung Kants noch aktuell?
  • Die Kulturautonomie und der Wert der Umwelt
  • Literaturverzeichnis
  • Die frühe Kritik der anthropozentrischen Metaphysik bei Kant und ihr Einfluss auf Herder
  • Einleitung
  • Geschichtlicher Kontext
  • Der junge Kant und die Grenzen des Menschen
  • Die Lehren aus dem großen Erdbeben von Lissabon 1755–1756
  • Der junge Kant und Herder
  • Literaturverzeichnis
  • KAPITEL 2 Die Romantische Naturphilosophie, Zivilisationskritik und die Anfänge des Naturschutzes
  • Rationalistische Hintergründe der Romantik: Spinoza und Leibniz
  • Die Idee des Organischen und die innere Zweckmäßigkeit der Natur: von Kant zu Schelling
  • Die Sprache der Natur verstehen: Novalis
  • Die Grenzen der Naturbeherrschung und die ersten Forderungen nach Naturschutz: Kant, Herder und Hölderlin
  • Der ästhetische Wert der Natur
  • Natur und Gesellschaft in der konservativen Zivilisationskritik der Romantik: Schelling, Novalis, Schlegel
  • Literaturverzeichnis
  • KAPITEL 3 Hegel: Zur Geschichtlichen Dialektik von Natur und Kultur
  • Der junge Hegel und die Alpen: Auf den Spuren der frühen Naturauffassung und Ästhetik
  • Berner Periode
  • Die frühe Ästhetik Hegels und die Despotie des Erhabenen
  • Die Landschaftsästhetik des Reisetagebuchs
  • Mensch und Natur in den Alpen
  • Landschaftsästhetik in der späteren Ästhetik Hegels
  • Die landschaftlich bedeutenden Künste
  • Ein kritisches Schlusswort: Die Schönheit im Dienst des absoluten Geistes
  • Literaturverzeichnis
  • Identität mit der Natur: Kritische Perspektiven in Hegels Vorlesungen über die Philosophie der Religion
  • Einleitung
  • Kritik der unmittelbaren Identität
  • Die Natur als solche
  • Ist eine Versöhnung mit der Natur noch möglich?
  • Literaturverzeichnis
  • Zeitliche Tiefenstrukturen der Geschichte: Zur Vermittlung von Natur, Kultur und Geschichte bei Hegel
  • Naturphilosophische Grundlagen der Kultur und Geschichte: Assimilation und der tierische Organismus
  • Gattungsprozess und die Entstehung des Sozialen
  • Nicht nur Geistesgeschichte?
  • Leidenschaften als Triebkraft der Geschichte
  • Geographische Grundlagen der Geschichte
  • Ein kurzes Schlusswort: die geistige Bedeutung der Natur
  • Literaturverzeichnis
  • KAPITEL 4 Der junge Engels und Marx: Kapitalismus und Umwelt
  • Der junge Engels und die Entstehung der marxistischen Ökologie
  • Der frühe Pantheismus und die Landschaftsästhetik
  • Natur und Ökonomie in Engels’ Skizze „Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie“
  • Die Aufhebung der Populationstheorie von Malthus
  • Fazit: Die Bedeutung der „Umrisse“
  • Literaturverzeichnis
  • Ökologische Wende der Geschichte: Marx, Engels und die naturwissenschaftliche Diskussion über die Bodenfruchtbarkeit
  • Literaturverzeichnis
  • Stadt-Land-Antagonismus als eine Kategorie der marxistischen Ökologie und des historischen Materialismus
  • Einleitung
  • Urbanisierung im politischen Denken: Adam Smith und die Romantiker
  • Urbanisierung, Kapitalismus und Umwelt: der Stadt-Land-Antagonismus in den frühen Skizzen des historischen Materialismus bei Friedrich Engels
  • Die ökologische Problematik des „Stoffwechsels“ in den Städten
  • Literaturverzeichnis
  • KAPITEL 5 Tierethik und Ökophilosophie in Skandinavien
  • Edvard Westermarck und die Tierrechte
  • Einführung
  • Evolutionismus und moralische Emotionen
  • Ansichten über Tiere in der Geschichte des moralischen Denkens
  • Kritik des christlichen Anthropozentrismus
  • Literaturverzeichnis
  • Zur Spinoza-Deutung von Arne Næss
  • Spinoza in der Ökophilosophie
  • Die metaphysische Begründung
  • Mensch, Natur und ökologische Tugenden
  • Kritische Schlusskommentare
  • Dynamik der lebendigen Natur?
  • a) Die Interpretation der Emotionen
  • b) Ethischer Elitismus in der Perfektionsethik? Zur Auslegung des Tugendbegriffs Spinozas
  • Literaturverzeichnis
  • Georg Henrik von Wright und das Umweltproblem: Auf dem Weg zu einem kritischen Gesamtbild
  • Von Wrights philosophische Position und der Weg zur Umweltphilosophie
  • Die integrative Bedeutung der praktischen Philosophie
  • Zur Geschichte des westlichen Umweltdenkens
  • Umweltprobleme und die Möglichkeit einer Umweltpolitik
  • Kritik
  • Geschichtsbegriff
  • Verhältnis zu Umweltwissenschaften und Umweltphilosophie
  • Umweltwerte und Ethik
  • Pessimismus und umweltpolitische Modalitäten
  • Methodische Ansatzpunkte
  • Gesamtbewertung der Bedeutung von Wrights
  • Literaturverzeichnis

KAPITEL 1 Die Grundlegung der Mensch-Natur-Problematik bei Kant

Der junge Kant: Kein Recht auf Natur?9

Kant bestimmt bekanntlich die rechtsphilosophische Rolle der Natur in seinen ethischen und rechtsphilosophischen Hauptwerken als die Sphäre der „Sachen“. Die „Sachen“ sind, im Gegensatz zu „Personen“, bloße Mittel, keine Zwecke an sich selbst. Der Mensch ist keine Sache, also etwas, das bloß als Mittel gebraucht werden darf. Die Teilhaftigkeit an der Vernunft und der Autonomie heben den Menschen über die Sachen: Er ist ein Teil der „vernünftigen Naturen“ als Zwecke an sich selbst. Diese Zugehörigkeit zur reinen Vernunft – und damit zur Klasse „aller vernünftigen Wesen überhaupt“ – garantiert die Objektivität und Allgemeinheit seiner Zwecke gegenüber den nur „subjektiven“ Zwecken der empirischen Menschheit.10 Die Personen haben auch Würde, die Sachen dagegen nur einen Preis. Die Würde hat kein tauschbares Äquivalent wie der Preis. Nur die Sittlichkeit und die Menschheit haben diese unermessliche innere Würde: „Treue im Versprechen“, „Wohlwollen aus Grundsätzen“ z. B. haben einen inneren Wert. Insbesondere „die Gesetzgebung selbst aber, die allen Werth bestimmt, muß eben darum eine Würde, d. i. unbedingten, unvergleichbaren Werth, haben […]. Autonomie ist also der Grund der Würde der menschlichen und jeder vernünftigen Natur.“ Nur solche Wesen verdienen unsere Achtung.11 Nicht einmal die erhabensten Objekte der Natur, „himmelhohe Berge, die Größe, Menge und Weite der Weltkörper, die Stärke und Geschwindigkeit mancher Thiere u. s. w.“ können Achtung erwecken, diese „Sachen“ können nur verschiedene Neigungen und Affekte, Liebe, Furcht, Bewunderung oder Erstaunen erwecken.12

Durch diese Unterscheidung von Person und Sache wird die Benutzung der Natur legitimiert. Das bedeutet jedoch nicht, dass diese Benutzung keine moralischen Begrenzungen hätte: Die sogenannten indirekten Pflichten gegen uns selbst bestimmen das Wie im Fall der Benutzung der Natur. In der Metaphysik der Sitten werden insbesondere zwei Fälle hervorgehoben: die schönen Objekte der Natur und die Tiere. Wenn man die schönen Objekte der Natur zerstört, schwächt man dadurch „diejenige Stimmung der Sinnlichkeit, welche die Moralität sehr befördert, wenigstens dazu vorbereitet, nämlich etwas auch ohne Absicht auf Nutzen zu lieben (z. B. die schöne Krystallisationen, das unbeschreiblich Schöne des Gewächsreichs)“. Die richtige Behandlung der Tiere ist moralisch noch wichtiger:

In Ansehung des lebenden, obgleich vernunftlosen Theils der Geschöpfe ist die Pflicht der Enthaltung von gewaltsamer und zugleich grausamer Behandlung der Thiere der Pflicht des Menschen gegen sich selbst weit inniglicher entgegengesetzt, weil dadurch das Mitgefühl an ihrem Leiden im Menschen abgestumpft und dadurch eine der Moralität im Verhältnisse zu anderen Menschen sehr diensame natürliche Anlage geschwächt und nach und nach ausgetilgt wird.13

Kant nennt in diesem Zusammenhang Tierversuche als ein Beispiel für die schlechte Behandlung der Tiere.

Diese grundlegenden Distinktionen scheinen einwandfrei zu zeigen, dass Kants Auffassung der Natur anthropozentrisch ist. Dieses Bild über Kant ist in der Philosophie der Umwelt schon paradigmatisch geworden. Diese Auffassung ist besonders hinsichtlich der Kant’schen Ästhetik problematisch: Die schöne und erhabene Natur hat einen ästhetischen Wert, der nicht durch künstliche Kopien ersetzt werden kann. In diesem Sinn hat sie eine Würde, die unsere Achtung verdient. Diese Würde bezieht sich auf die innere Zweckmäßigkeit der Natur, die auch die Moralität des Menschen teleologisch antizipiert. Andererseits verhält die Ästhetik sich propädeutisch zur Moralität, ist also nicht moralisch irrelevant. Auch der unendliche Formenreichtum der Natur ist nach Kant wertvoll und bildet ein Kontinuum mit der Pluralität der menschlichen Kulturen. Die Philosophie der Umwelt hat solche tieferen Probleme in der Naturauffassung von Kant bis heute nicht genügend beachtet.14

Man könnte demnach jedoch sagen, dass Kant im Kontext der Rechtsphilosophie klar ein Anthropozentriker ist und bleibt. Die Natur hat rechtsphilosophisch gesehen keine Rechte und wir haben keine direkten Pflichten ihr gegenüber. Wertphilosophisch betrachtet muss man aber klar den Kontext der rechtsphilosophischen Diskussion im Verhältnis zu den ästhetischen Werten und der Moralität überhaupt genau bestimmen. Wie wir sahen, versucht Kant durch die indirekten Pflichten die Autonomie anderer Wertsphären zu garantieren und wenigstens die provisorischen Rechte der Natur anzuerkennen. Ein provisorisches Recht ist ein moralisches Recht, das noch nicht durch den Staatsvertrag legitimiert ist. In diesem Sinne könnte man bei Kant meiner Meinung nach auch über die Rechte der Natur sprechen. Ich will diese gewagte These in diesem Zusammenhang nicht genauer begründen aber ich will betonen, dass die Rechte und Pflichten materiell fließende, konventionelle und geschichtliche Kategorien sind. Kant ist sich dessen gut bewusst, wie man z. B. im Fall der Eigentumsrechte zeigen kann.15

Hinsichtlich der Natur als Ganzes sind aber die Auffassungen des jungen Kant in diesem Kontext besonders interessant. Ich glaube, dass diese Auffassungen auch nach der kritischen Wende für Kant von Bedeutung sind. Der junge Kant scheint in der Frage über die Rechte der Natur gerade im Widerspruch mit dem älteren zu stehen.

Er vertrat damals klar eine naturo- oder biozentrische Position, die sogar mit den Auffassungen von Spinoza vergleichbar ist. Es bleibt die Aufgabe der weiteren Forschung, die mögliche Kontinuität des Kant’schen Denkens in dieser Hinsicht zu untersuchen. Ich konzentriere mich hier nur auf die frühen Auffassungen von Kant.

Kant war in seinen ersten Schriften naturwissenschaftlich orientiert. Er war besonders interessiert an Geologie und Kosmologie. Er verstand beide Disziplinen als naturgeschichtliche: Neben seiner bekannten kosmologischen Nebularhypothese16 nahm er u. a. auch an der damals breiten Diskussion über die Geschichte der Erde teil. Schon seine Schrift Die Frage, ob die Erde veralte, physikalisch erwogen (1754) behandelte kurz auch die Stellung des Menschen im Prozess der alternden oder sogar der sterbenden Erde. Kant war überzeugt, dass der Mensch keine Sonderstellung vor anderen Tieren oder Pflanzen hat, sondern auf gleiche Weise dem Naturgesetz – dass alles altern und sterben muss – unterworfen ist.17 Er teilte also von Anfang an nicht die damals allgemein gängige physikotheologische Auffassung über die von Gott errichtete Sonderstellung des Menschen, die sein permanentes Wohl auf Erden garantiert.

Die Frage über die Stellung des Menschen im Kosmos wird bald ein immer wichtigerer Teil von Kants frühen Spekulationen. Dadurch kommen allmählich auch rechtsphilosophische und ethische Betrachtungen mit ins Spiel. Kant stellt schon in den Jahren 1755/56 klar die Frage, ob der Mensch ein Eigentumsrecht auf die Erde als Ganzes hat, was in der physikotheologischen Tradition stillschweigend vorausgesetzt war. Kant akzeptiert ein solches Recht nicht. Eine solche Auffassung ist seiner Meinung nach ein Beispiel für den grenzenlosen Egoismus des Menschen und daher moralisch nicht haltbar.

Das zentrale kosmologische Werk von Kant, Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels, erschien im März 1755. In ihm wird die kosmologische Stellung des Menschen klar bestimmt, und auch ihre rechtlichen Konsequenzen werden kurz skizziert. In diesem Kontext ebenso wichtig sind drei kleinere Schriften vom Jahre 1756 über das Erdbeben von Lissabon. Das Erdbeben war offenbar für Kant eine sehr wichtige Erscheinung: nicht nur naturwissenschaftlich, sondern weil es klar seine in der Allgemeinen Naturgeschichte und Theorie des Himmels entwickelte Auffassung über die kosmische Stellung des Menschen bestätigte. Nach Kant wurde die Kritik an der physikotheologischen Auffassung in Europa durch Voltaire (Candide ou l’optimisme 1759) und andere weiterverbreitet.

Wie ist die Stellung des Menschen in der Schrift Allgemeine Naturgeschichte? Es ist zunächst wichtig zu sehen, dass Kant schon zu Anfang des Werkes klar die physikotheologische Auffassung von der Natur verneint. Es ist überhaupt problematisch, in der Natur vorrangig Schönheit und Ziele zu sehen. Insbesondere ist aber die anthropozentrische Auffassung über den Menschen als höchstes Ziel der Schöpfung nicht haltbar: Z. B. entsteht der kühle Meereswind in den Tropen bloß mechanisch und ist nicht eine gute Tat Gottes für den Menschen.18 Die Rolle Gottes wird aber nicht total ausgeschlossen: Gott bleibt doch der Erschaffer der Naturgesetze, obwohl jene nicht das Wohl des Menschen beabsichtigen. Kant will doch auf keinen Fall Atheist oder Epikureer sein.19

Die Kritik Kants erreicht ihren Höhepunkt im Anhang des Werkes, der der spekulativen Frage über die „Bewohner der Gestirne“ gewidmet ist. Dort wird die Stellung des Menschen sowohl in der Natur als auch in der Gruppe der „Vernunftwesen“ bestimmt. Der Mensch ist nach Kant nicht das einzige Vernunftwesen im Kosmos und eindeutig nicht das höchstentwickelte. Es ist wichtig zu bemerken, dass Kant auch später diese Auffassung vertritt, weil er immer über den Menschen als „das einzige Vernunftwesen auf der Erde“ spricht – also nicht als das einzige im Universum überhaupt!

In diesem Kontext gesehen, ist die selbstsichere Auffassung des Menschen über sich selbst als die Krone der Schöpfung nicht haltbar. Kant billigt „die satirische Vorstellung jenes witzigen Kopfes aus dem Haag“20, die den Menschen mit Läusen vergleicht, die „die Wälder auf dem Kopfe eines Bettlers bewohnen“ und sich „als das Meisterstück der Schöpfung“ ansehen.21 Der Mensch denkt auf gleiche Weise:

Der Mensch, welcher gleich unendlich weit [wie die Läuse – K. V.] von der obersten Stufe der Wesen absteht, ist so verwegen, von der Nothwendigkeit seines Daseins sich mit gleicher Einbildung zu schmeicheln. Die Unendlichkeit der Schöpfung faßt alle Naturen, die ihr überschwenglicher Reichthum hervorbringt, mit gleicher Nothwendigkeit in sich. Von der erhabensten Classe unter den denkenden Wesen bis zu dem verachtetesten Insect ist ihr kein Glied gleichgültig; und es kann keins fehlen, ohne daß die Schönheit des Ganzen, welche in dem Zusammenhange besteht, dadurch unterbrochen würde.22

Der Mensch ist also nicht der Gipfel der „großen Kette der Schöpfung“.23 Es gibt auf den anderen Planeten viel vernünftigere Wesen als ihn24 und sowohl die Insekten als auch andere lebendige Wesen sind gleich wichtig für die schöne Totalität der Natur.

Die Auffassung von Kant ist daher überraschend nahe an Spinoza, wenn er auf folgende Weise zusammenfasst:

So hängt denn alles in dem ganzen Umfange der Natur in einer ununterbrochenen Gradfolge zusammen durch die ewige Harmonie, die alle Glieder auf einander beziehend macht. Die Vollkommenheiten Gottes haben sich in unsern Stufen deutlich offenbart und sind nicht weniger herrlich in den niedrigsten Classen, als in den erhabnern.25

Auch die geistigen Wesen haben „eine nothwendige Abhängigkeit von der Materie“26 und sind daher nur ein Teil der Natur. Kant überlegt sogar, was eigentlich unsere Vernünftigkeit leistet, und schreibt ziemlich pessimistisch über unsere Gattung:

Wenn man das Leben der meisten Menschen ansieht: so scheint diese Creatur geschaffen zu sein, um wie eine Pflanze Saft in sich zu ziehen und zu wachsen, sein Geschlecht fortzusetzen, endlich alt zu werden und zu sterben. Er erreicht unter allen Geschöpfen am wenigsten den Zweck seines Daseins, weil er seine vorzügliche Fähigkeiten zu solchen Absichten verbraucht, die die übrigen Creaturen mit weit minderen und doch weit sicherer und anständiger erreichen.27

Die traditionelle anthropozentrische Auffassung über die Stellung des Menschen im Kosmos ist daher nicht begründbar. Der Mensch ist nach Kant an die Notwendigkeiten der Natur genauso wie alle anderen Geschöpfe gebunden. Seine höheren Eigenschaften, Vernunft und Moralität, sind bei den meisten Menschen marginal und schwach. Sie verleiten oft sogar zu Korruption (Kriege u. a.) und daher kann Kant sogar behaupten, dass das instinktive Handeln der Tiere oft „sicherer und anständiger“ (vgl. oben) ist.

Können wir danach noch sagen, dass die Erde als Ganzes unser Eigentum ist? Diese Frage wird nicht direkt in dem Werk Allgemeine Naturgeschichte gestellt. Sie wird aber bald von Kant in den drei Artikeln von 1756 über das Erdbeben von Lissabon aufgeworfen. Seine Artikel beschränken sich nicht auf die naturwissenschaftliche Erklärung der Ursachen des Erdbebens, sondern betrachten auch die moralische Lehre des Erdbebens für die Menschheit. In diesem Kontext wird auch das Eigentumsrecht auf die Natur infrage gestellt.

Kant wiederholt zuerst seine Kritik der physikotheologischen Naturauffassung. Das Erdbeben schien seine frühere Auffassung endgültig zu bestätigen. Er schreibt:

Die Natur hat nicht vergeblich einen Schatz von Seltenheiten überall zur Betrachtung und Bewunderung ausgebreitet […] Selbst die fürchterliche Werkzeuge der Heimsuchung des menschlichen Geschlechts, die Erschütterungen der Länder, die Wuth des in seinem Grunde bewegten Meers, die feuerspeienden Berge, fordern den Menschen zur Betrachtung auf und sind […] von Gott als eine richtige Folge aus beständigen Gesetzen in die Natur gepflanzt.28

Der Mensch hat daher „kein Recht […] von den Naturgesetzen, die Gott angeordnet hat, lauter beqümliche Folgen zu erwarten“.29 Wir haben also kein durch den Plan Gottes garantiertes Recht, die Natur als ein für uns zum Nutzen geschaffenes Mittel zu betrachten.

Kant fasst den moralischen Wert des Erdbebens im zweiten Artikel (Kapitel „Von dem Nutzen der Erdbeben“) zusammen. Das Erdbeben ist sowohl im intellektuellen als auch im moralischen Sinn nützlich: Wir können dadurch lernen, unsere Stellung in der Natur realistischer als früher zu beurteilen und unseren Egoismus zu bekämpfen. Der Mensch neigt egoistisch dazu, in der Natur nur Nutzwerte zu sehen:

Nachdem wir einen widerrechtlichen Anspruch auf alle Annehmlichkeit des Lebens gemacht haben, so wollen wir keine Vortheile mit Unkosten erkaufen. Wir verlangen, der Erdboden soll so beschaffen sein: daß man wünschen könnte darauf ewig zu wohnen.30

Diese Hoffnung ist aber ohne Grund, wie die vielen Opfer von Lissabon bestätigen:

Als Menschen, die geboren waren, um zu sterben, können wir es nicht vertragen, daß einige im Erdbeben gestorben sind, und als die hier Fremdlinge sind und kein Eigentum besitzen, sind wir untröstlich, daß Güter verloren worden, die in kurzem durch den allgemeinen Weg der Natur von selbst wären verlassen worden.31

Unser Eigentum, selbst unser Leben, ist nur ein Teil der materiellen Prozesse in der Natur, und daher haben wir kein ursprüngliches Eigentumsrecht an der Natur als Ganzes, wie viele Denker postuliert hatten. Kant akzeptiert also nicht die These von einem ursprünglich kollektiven Eigentumsrecht an der Natur, wie dies z. B. von Locke und Rousseau vertreten wurde. Auch später, in dem streng rechtsphilosophischen Kontext der Metaphysik der Sitten, akzeptiert er dieses Postulat nicht, sondern sieht alles Eigentum als privat.

Haben aber diese kosmologischen Theorien Kants eigentlich nichts mit der Frage des Eigentums zu tun? Man kann wohl postulieren, dass die in den Frühschriften formulierte allgemeine Stellung zur Frage Natur/Mensch auch später Tragfähigkeit hat. Das Eigentum ist für Kant ein durch den Vertrag bestimmter Wert, es ist also eine Konvention. Man kann aber nicht mit der Physikotheologie behaupten, dass die Natur als Ganzes für die Nutzung des Menschen geschaffen sei. Kant ist diametral gegensätzlicher Meinung: Zum Beispiel zeigt sich durch das Erdbeben die richtige Ordnung der Dinge, die Natur fordert ihren Anteil zurück. Sie zeigt, dass unser Eigentum (unsere Existenz mit inbegriffen) immer nur geliehen ist.

Literaturverzeichnis

  • Fenves, Peter: Late Kant. Towards Another Law of the Earth. Routledge: New York & London 2003.
  • Irrlitz, Gerd: Kant Handbuch. Leben und Werk. J. B. Metzler: Stuttgart 2002.
  • Kant, Immanuel: Gesammelte Schriften. Akademie-Ausgabe (AA). Hrsg.: Preußische Akademie der Wissenschaften et al., Berlin 1900– .
  • Recki, Birgit: „Achtung vor der zweckmäßigen Natur – Die Erweiterung der kantischen Ethik durch die dritte Kritik“. In: Gerhardt, Volker et al. (Hrsg.): Kant und die Berliner Aufklärung. Akten des IX. Internationalen Kant-Kongresses, Bd. III. De Gruyter: Berlin 2001, S. 296–304.
  • Väyrynen, Kari: „Weltbürgerrecht und Kolonialismuskritik bei Kant“. In: Gerhardt, Volker et al. (Hrsg.): Kant und die Berliner Aufklärung. Akten des IX. Internationalen Kant-Kongresses, Bd. IV. De Gruyter: Berlin 2001, S. 302–309.

Kant und die Umweltwissenschaften32

Die Forschung zur Naturauffassung Kants ist durch eine generelle Tendenz der Wissenschaftsgeschichte bestimmt, Wissenschaften in positivistischer Tradition hierarchisch zu ordnen. Als am weitesten entwickelte Wissenschaft betrachtete der Positivismus die Physik; andere Naturwissenschaften wie Biologie und Geologie galten dagegen als theoretisch weniger ausgereift, und die Humanwissenschaften wurden auf dem untersten Niveau platziert. Diese hierarchische Sicht auf die Wissenschaften wirkte sich auch auf gängige Kant-Interpretationen aus33 und ist ein Grund, weshalb die große Bedeutung Newtons für Kant betont wurde. Kant war allerdings weit vielseitiger und interessierte sich für ganz unterschiedliche Wissenschaften: Während seiner gesamten akademischen Laufbahn waren ihm zum Beispiel Geologie und Geographie wichtig. Diese Wissenschaften über die Erde (Earth sciences), zu denen auch Biologie und Ökologie zählen, sind heute ins Zentrum der wissenschaftlichen Diskussion gerückt, weil Umweltprobleme inzwischen zu Existenzfragen der Menschheit geworden sind; sie werden auch als „Umweltwissenschaften“ bezeichnet.34 Kant bezog sich auch mit dem Begriff „Naturgeschichte“ auf diese Wissenschaften. Er betrachtete sie als außerordentlich wichtig und theoretisch interessant, gerade weil sie eine geschichtliche Perspektive auf die Entstehung der Dinge einnehmen.

Es ist daher dringend an der Zeit, ihnen im Denken Kants den gebührenden Stellenwert zurückzugeben. Bedauerlicherweise ist dies bisher noch nicht geschehen. So findet man etwa in den fast 700 veröffentlichten Vorträgen der internationalen Kant-Kongresse von Berlin (2000) und São Paulo (2005) weniger als zehn Vorträge zu Biologie und Umweltwissenschaften.35 Bisher ist auch keine umfassende Monographie über diese Wissenschaften im Denken Kants erschienen, es existieren lediglich Spezialstudien zu einigen zentralen Themen, z. B. zur Geographie, weil Kant einer der anerkannten Klassiker dieser Wissenschaft ist.36 Die gründlichste Darstellung der Rolle der Umweltwissenschaften bei Kant bleibt bis heute das umfangreiche Werk Kant als Naturforscher (1924/1925) von Erich Adickes, dessen zweiter Band das umweltwissenschaftlich zentrale Thema „Naturgeschichte der Erde und physische Geographie“ behandelt.37

Die Newton’sche Physik hatte zweifellos sehr große Bedeutung für die physikalischen Untersuchungen Kants und seine „kritische Wende“.38 In der Kritik der reinen Vernunft basieren die Anschauungsformen von Raum und Zeit und die Kategorien des Verstandes auf der Physik. Daher ist es verständlich, dass Fragen der Physik und Mathematik wichtig für Kants theoretische Philosophie sind. Diese erkenntnistheoretisch wichtige Rolle der Physik erklärt andererseits die systematisch geringe Rolle der Umweltwissenschaften in der Kant-Forschung. Allerdings wurden die Ästhetik, Geschichtsphilosophie und Anthropologie bei Kant auch stärker untersucht als die Umweltwissenschaften. Wie wir sehen werden, gibt es Verbindungen zwischen der Geographie und diesen Wissensgebieten. Andere Umweltwissenschaften wie die Geologie spielen in Kants Klassifizierung der Wissenschaften eine geringere Rolle.

Dabei erzielte Kant in zahlreichen Umweltwissenschaften bedeutende wissenschaftliche Ergebnisse. Von Bedeutung waren zum Beispiel seine Untersuchungen in der Meteorologie: Kant erklärte als Erster korrekt die Entstehung der Passat- und Monsunwinde.39 Noch größere Bedeutung hatte er für die Geographie, und er wird allgemein als Klassiker dieses Fachs anerkannt.40 Viele Biologen schätzen Kant ebenfalls hoch ein.41 Das Problem der Teleologie, das Kant in der Kritik der Urteilskraft behandelte, bleibt in der Philosophie der Biologie bis heute eine wichtige Frage. Weshalb also werden die Umweltwissenschaften in der heutigen Kantforschung unterbewertet? Sachliche Gründe gibt es hierfür nicht; offenbar handelt es sich immer noch um eine Folge der schwachen Stellung der Umweltwissenschaften in der klassischen positivistischen Klassifizierung der Wissenschaften. In Zukunft wird sich dies jedoch ändern, denn die Umweltwissenschaften werden das allgemeine Bild der Wissenschaften immer stärker bestimmen.

Die populäre Wissenschaftsgeschichte betont die Bedeutung bahnbrechender Erfindungen. Kant spielt darin ebenfalls eine Rolle: Häufig genannt wird zum Beispiel seine berühmte Nebularhypothese zur Entstehung der Planeten. Erwähnt wird diese Hypothese, ebenso wie Kants Spekulationen über Galaxien außerhalb der Milchstraße, zum Beispiel in der umweltgeschichtlich interessanten „Großen Geschichte“ (big history), die mit der Entstehung des Kosmos beginnt und sich mit der Entstehung der Planeten, des Lebens sowie der Evolution und Geschichte des Menschen beschäftigt.42 Dank der genannten Hypothesen und Theorien besitzt Kant tatsächlich eine etablierte Stellung in der traditionellen Wissenschaftsgeschichte.

Details

Seiten
350
Erscheinungsjahr
2026
ISBN (PDF)
9783631937754
ISBN (ePUB)
9783631937761
ISBN (Hardcover)
9783631937747
DOI
10.3726/b23354
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2026 (Mai)
Schlagworte
Philosophie der Umwelt Ökophilosophie Geschichte der Philosophie Tierethik Umweltästhetik Zivilisationskritik Deutscher Idealismus Marxismus Immanuel Kant Johann Gottfried Herder Friedrich Wilhelm Joseph Schelling Novalis Georg Wilhelm Friedrich Hegel Friedrich Engels Edvard Westermarck Arne Næss Georg Henrik von Wright
Erschienen
Berlin, Bruxelles, Chennai, Lausanne, New York, Oxford, 2026. 350 S.
Produktsicherheit
Peter Lang Group AG

Biographische Angaben

Kari Väyrynen (Autor:in)

Kari Väyrynen studierte Philosophie und Ideengeschichte an der Universität Jyväskylä. Von 1980 bis 1995 lehrte er Philosophie an der Universität Oulu (Finnland), und von 1995 bis 2020 war er dort als Senior Lecturer sowie als Dozent der Philosophie tätig. Zwischen 1993 und 2001 leitete er zudem Projekte an der Finnischen Akademie. Seit 2020 ist er emeritiert, forscht aber weiterhin an der Universität Oulu.

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