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Herbart „revisited“: Der bisubjektiv geprägte Artikulationsbegriff bei J. F. Herbart

by Michaela Schmid (Author)
16 Pages
Open Access
Journal: Pädagogische Rundschau Volume 80 Issue 1 Publication Year 2026 pp. 71 - 86

Summary

Wolfgang Sünkel setzt sich in seiner Erziehungstheorie im Anschluss an Aloys Fischers Konzept einer „Deskriptiven Pädagogik“ von 1914 „die logische Deskription des Phänomens Erziehung“1 zum Erkenntnisziel. Die Struktur des Phänomens zu erfassen, bedeutet für ihn, das Wesen des Wortes Erziehung zu beschreiben, das gleichsam für alle Begriffe als ‚Rohling‘ zu fungieren vermag. Normative Ausgestaltungen des Erziehungsbegriffes in der pädagogischen Praxis (Empirische Deskription) sind nicht sein Erkenntnisinteresse, wenngleich in der Praxis nur diese Ausgestaltungen der Struktur des Erziehungsphänomens sichtbar sind. Sünkel leitet die die Erziehung beschreibende Struktur anthropologisch her. Erziehung habe die Aufgabe das grundlegende anthropologische ‚Problem‘ zu lösen: Kultur– und damit auch die Menschheit an sich– würde ohne Erziehung (aus-)sterben, wenn Kultur, d. h. kulturelle Kenntnisse, Fertigkeiten, Motive nicht weitergegeben werden würden. Erziehung versetze in ‚Tätigkeit‘ und dieses In-Tätigkeit-Versetzen führe zum Erwerb der den kulturellen Tätigkeiten zugrunde liegenden kulturellen Dispositionen (Kenntnisse, Motive, Fähigkeiten). Die Tätigkeit des Vermittelns beziehe sich folglich stets auf die (zu erlernende kulturelle) Tätigkeit des Aneigners2, jedoch nie auf die dieser zugrunde liegende kulturelle Disposition– die in der Vermittlung nicht direkt zugänglich ist. Diese kulturellen Dispositionen, die den kulturellen Tätigkeiten (z. B. Rad fahren, Bücher lesen, Geschichten erzählen, kochen, Häuser bauen) zugrunde liegen, treten stets in sich strukturiert auf (Kenntnisse, Fertigkeiten und Motive stehen in einer strukturierten Beziehung zueinander und ergeben so eine strukturierte Disposition). Erziehung ist nun für Sünkel „die vermittelte Aneignung nicht-genetischer Tätigkeitsdispositionen“3, und somit ihrem Wesen nach als bisubjektives Geschehen zu verstehen, welches aus zwei Teiltätigkeiten (Vermittlung und Aneignung) besteht sowie aus Etwas (kulturelles Erbe), das es anzueignen gilt. „Da Vermittlung ohne Aneignung sinnlos ist und deshalb zwischen den beiden Teiltätigkeiten der Erziehung keinerlei ‚Rangunterschied‘ bestehen kann, kommt auch den beiden Subjekten der Teiltätigkeiten die gleiche gesellschaftliche Dignität zu. Diese symmetrische Struktur wird keineswegs dadurch beeinträchtigt, dass das eine Subjekt im Besitz des Erbes ist, während das andere sich das Erbe erst aneignet; solche Asymmetrie ist nichts anderes als das die beiden Subjekte der Teiltätigkeiten unterscheidende Merkmal, welches zudem im Zuge gelingender Aneignung mehr und mehr schwindet.“4 Vermittlung beziehe sich als Tätigkeit insofern auf die Tätigkeit des Aneigners und nicht – wie oft in Schaubildern des didaktischen Dreiecks fälschlich dargestellt – auf das zu Vermittelnde, sonst handle es sich nur um zwei Subjekte, die auf denselben Gegenstand bezogen sind, aber nicht um Erziehung. Erziehung entstehe erst dann, wenn sich die Tätigkeit (des künftig Vermittelnden) primär vom Gegenstand abwendet und auf das Aneignungshandeln richtet– sei es, dass der künftig Vermittelnde seine Tätigkeit (Arbeit) mit dem Gegenstand unterbricht, um die Tätigkeit des auf die Aneignung gerichteten Handelns zu beginnen (hier spricht Sünkel von Unterricht und bezeichnet es als „Pädeutik“5) oder nicht unterbricht, aber der Aneigner die Erziehungssituation quasi durch die Lernmotivation eröffnet und so Vermittlung diskret (bspw. in Sachen inkorporiert oder neben der Haupttätigkeit, z. B. beim Vorbild)auftritt. In letzteren Situationen (Sünkel nennt das „Protopädie“) muss dem Vermittler nicht einmal bewusst sein, dass er vermittelt. Sünkel konstruiert dadurch einen sehr weiten Erziehungsbegriff, wendet sich insgesamt bewusst gegen eine Definition von Erziehung über die Intentionalität des Erziehers – und widerspricht dadurch auch einem Verständnis von Erziehung als linearen, intentional bestimmten und eröffneten Vermittlungsakt. Diesen sehr weiten Begriff von Erziehung schärft er dann wiederum eingrenzend insofern, als nicht alles Lernen ein in Erziehung integriertes Lernen sei:

Details

Pages
16
DOI
10.3726/PR012026.0006
Publication date
2026 (February)
Keywords
herbart artikulationsbegriff
Product Safety
Peter Lang Group AG

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