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Zwischen Harmonie und Konflikt

Paarbeziehungen im europäischen Theater des 20. und 21. Jahrhunderts

von Agata Mirecka (Band-Herausgeber:in) Natalia Fuhry (Band-Herausgeber:in)
©2020 Sammelband 228 Seiten

Zusammenfassung

Das Theater ist ein wichtiger künstlerischer Ort zur Darstellung von Paarbeziehungen jeglicher Art. Die Bühne bildet einen Schauplatz, auf dem gesellschaftliche und politische Regeln des menschlichen Miteinanders durchgespielt, gebrochen und neu formuliert werden können. Wie in der sozialen Wirklichkeit können die literarisch-theatralen Ausgestaltungen eine große Variationsbreite einnehmen, indem Texte beispielsweise hetero- und homosexuelle Paare, Freundschaften, berufliche Konstellationen, Paare in unterschiedlichen Abhängigkeitsbeziehungen sowie reine Zweckgemeinschaften thematisieren. Der Band umfasst 15 Beiträge deutscher, polnischer und niederländischer WissenschaftlerInnen, die eine neue Perspektive der Themenbetrachtung eröffnen.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Vorwort
  • Zur Bedeutung von Paarbeziehungen
  • Beziehungen als Totentänze!? Strindberg, Beckett, Ionesco, Bernhard, Różewicz, Walser (Karol Sauerland)
  • Paarbeziehungen als Gradmesser für gesellschaftlichen Wertekonsens. Christoph Heins Ritter der Tafelrunde (Paul Martin Langner)
  • Die Inszenierung von Entscheidungskraft: Das Publikum als Dialogpartner in Ferdinand von Schirachs Terror (Brechtje Beuker)
  • Konkrete Manifestierungen
  • Zwischen Tradition und Fortschritt – Das innere Zerwürfnis in Der Gott des Gemetzels (Natalia Fuhry)
  • Paarbeziehung im Kindermusical – „Präsumtive Hörer“ und Wahrnehmungen von Ritter Rost und Burgfräulein Bö zwischen Erzählebene und Rollenbild (Waltraud Mudrich)
  • Die Grenzüberschreitung als Prinzip in der Sprache von Heinrich Bölls Hörspiel Hausfriedensbruch (Clemens Fuhrbach)
  • Zu Heiner Müllers Paaren (Hans-Christian Stillmark)
  • Folgen der Fürsprache. Inge und Heiner Müller als Bühnenfiguren (Hannah Gerlach)
  • Paarbeziehungen im österreichischen Theater
  • Peter Handke und die Vergangenheit (Piotr Majcher)
  • Paarbeziehung als Zaudersystem. Zu Wolfgang Bauers Magic Afternoon (1967) (Jano Sobottka)
  • Ewald Palmetshofer. Titelfigur als Leerstelle (Anastasia Keppler)
  • „Wir sind ungleich, aber ohnegleichen.“ – die Bedeutung der Figurenrede für das Verständnis von Paarbeziehungen in Krankheit oder Moderne Frauen von Elfriede Jelinek (Darius Watolla)
  • Polish theater
  • Interpersonal relationships as a subject of multi-faceted reflection in the spectacle The Prologue of a Comedy (Katarzyna Kułakowska)
  • Relationship of dramatis personæ on the stage of the world. On Piaskownica of Michał Walczak (Magdalena Zaremba)
  • Underground Theatre of Martial Law Poetry. Trauma, truth and history meeting on stage (Michał Łukowicz)
  • Reihenübersicht

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Vorwort

Wie können Paarbeziehungen gelebt werden, damit sie dauerhaft glücklich verlaufen? Welche Bedeutung haben diese zwischenmenschlichen Verbindungen für die Beteiligten? Sind sie durchweg positiv und geben Halt und Orientierung? Oder nehmen sie destruktive Ausmaße an und sind durch Betrug, Verletzungen und Enttäuschungen gekennzeichnet? Paarbeziehungen finden sich zudem nicht nur im privaten Bereich. Der Mensch übernimmt im Leben ganz unterschiedliche Rollen und geht unterschiedliche Beziehungen ein, unter anderem als Mitglied einer Gesellschaft oder einer Glaubensgemeinschaft, als Familienmitglied oder in der Arbeitswelt. In all diesen Lebensbereichen nehmen zwischenmenschliche Beziehungen wichtige Funktionen ein und können von entscheidender Bedeutung sein, sowohl für das Wohlbefinden als auch für das Scheitern eines Individuums. Denn niemand bleibt im Leben isoliert, bewusst oder unbewusst entstehen Verbindungen, Paare, Verhältnisse, Konnexe, Kooperationen.

Das Theater bildet seit jeher einen wichtigen künstlerischen Ort zur Darstellung von Paarbeziehungen jeglicher Art, die auf der Bühne je nach Epoche, kulturellem Kontext und gesellschaftlich-politischer Situation unterschiedliche Ausführungen erfahren. Denn das Verhandeln von zwischenmenschlichen Beziehungen und von Geschlechterrollen ist seit Jahrhunderten ein wichtiges Sujet im Theater. Die Bühne bildet dabei einen Schauplatz, auf dem gesellschaftliche und politische Regeln des menschlichen Miteinanders durchgespielt, gebrochen und neu formuliert werden können. Wie in der sozialen Wirklichkeit können die literarisch-theatralen Ausgestaltungen dabei eine große Variationsbreite einnehmen, indem Texte beispielsweise hetero- und homosexuelle Paare, Freundschaften, berufliche Konstellationen, Paare in unterschiedlichen Abhängigkeitsbeziehungen sowie reine Zweckgemeinschaften thematisieren. Gleichzeitig sind solche Verbindungen selten statisch, sondern teils drastischen Veränderungen im Verlauf der Texte unterzogen.

Die in diesem Band zusammengestellten Beiträge setzen sich zum Ziel, Paarbeziehungen im gegenwärtigen europäischen Theater aus unterschiedlichen Perspektiven zu behandeln. Die Verfasserinnen und Verfasser zeigen in ihren Beiträgen neue Zugänge zum Verständnis von Paarbeziehungen auf der Bühne und eröffnen damit bei der Untersuchung der Texte und ihrer Bühnenrealisierungen innovative Interpretationsmöglichkeiten. Die in den Texten dargestellten Paare und zwischenmenschlichen Konstellationen beziehen sich nicht nur auf die Figuren, sondern auch auf Verbindungen mit dem Publikum, mit der Gesellschaft oder mit den Autorinnen und Autoren der Texte selbst.

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Im Mittelpunkt dieses Bandes steht das gegenwärtige europäische Theater. Es werden aber auch Texte aus verschiedenen Phasen des 20. Jahrhunderts mit eingeschlossen, in denen Grundlagen für das heutige Theaterschaffen, wie etwa das postdramatische Theater, gelegt wurden. Karol Sauerland aus Warschau fragt sich, seit wann und warum sich Dramatiker für das Phänomen der Paarbeziehungen interessieren, indem er die Texte von August Strindberg, Samuel Beckett, Eugéne Ionesco, Thomas Bernhard und Tadeusz Różewicz behandelt. Paul Martin Langner aus Krakau sucht nach der Verwirklichung sozialer Werte in unterschiedlichen literarischen Handlungsmustern, vor allem in Christoph Heins Ritter der Tafelrunde. Eine andere Perspektive auf zwischenmenschliche Konstellationen eröffnet Brechtje Beuker aus Nijmegen, die die Instanz des Publikums als Dialogpartner wahrnimmt und diese im Zusammenhang mit dem Text Terror von Ferdinand von Schirach zu definieren versucht.

Natalia Fuhry differenziert in ihrem Artikel zwischen Tradition und Fortschritt von Geschlechterrollen, indem sie Yasmina Rezas Der Gott des Gemetzels vor allem im Hinblick auf den Genderdiskurs unter die Lupe nimmt. Musikalische Patchwork-Konstellationen dagegen sind das Hauptthema des Beitrags von Waltraud Mudrich aus Wuppertal. Die 18-bändige Musikbuchreihe für Kinder Ritter Rost von Jörg Hilberts zeigt unterschiedliche Paarbeziehungen vor allem für ein jüngeres Publikum. Clemens Fuhrbach aus Köln konzentriert sich in seinen Erwägungen auf Heinrich Bölls Hörspiel Hausfriedensbruch. Eine wichtige Rolle spielen hier die Struktur der Sprache, die Dialoge zwischen den Figuren sowie vor allem deren Angebundensein an kulturelle Vorschriften und soziale Erwartungen. Die Figur im Spannungsverhältnis zum historischen Zeitgeschehen wird im Werk von Heiner Müller dargestellt. So zeigt Hans-Christian Stillmark aus Potsdam wie Figuren in einer utopischen kommunistischen Zukunft nach einem glücklichen Zusammensein suchen, was sich für sie jedoch letztendlich als zerstörerisch erweist. Mit den Transformationen Inge und Heiner Müllers in dramatischen Werken des 20. Jahrhunderts beschäftigt sich demgegenüber Hannah Gerlach, die in ihrem Beitrag die Beziehung des Autors zu seiner zweiten Ehefrau Inge Müller und dessen Einfluss auf das Schaffen Müllers analysiert.

Ein anderes Konzept von Paarbeziehungen zeigt Piotr Majcher aus Krakau, der sich mit einem biografischen Ansatz auf die Beziehung des Autors Peter Handke zu seiner Mutter konzentriert. Im Fokus steht dabei die Analyse des Dramas Immer noch Sturm aus dem Jahre 2010, in dem sich der Icherzähler mit seiner Vergangenheit und seinen Wurzeln auseinandersetzt. Jano Sobottka aus Dortmund setzt sich anhand des Theatertextes des anderen österreichischen Schriftstellers Wolfgang Bauer Magic Afternoon mit der Bedeutung des Zauderns für ←8 | 9→eine Paarbeziehung auseinander. Ein anderes, unerwartetes Phänomen entfaltet Anastasia Keppler aus Konstanz, die sich mit dem Verschwinden der Titelfiguren in Ewald Palmetshofers Stücken hamlet ist tot. keine schwerkraft und faust hat hunger und verschluckt sich an einer grete auseinandersetzt und aufzeigt, wie das Fehlen der Titelfigur grundlegend die Paarbeziehungen und Figurenkonstellationen in den untersuchten Werken prägt. In Darius Watollas Beitrag über Elfriede Jelineks Krankheit oder moderne Frauen wird der analytische Fokus auf das Thema der Geschlechterrollen gelegt, mit dem er eine genaue Differenzierung von Paarbeziehungen erreicht.

Dem polnischen Theater widmet sich das letzte Kapitel mit Beiträgen von Katarzyna Kułakowska, Magdalena Zaremba und Michał Łukowicz. Theatrale Paarbeziehungen zeitgenössischer polnischer Autorinnen und Autoren, aber auch subversive Theatergruppen aus der Zeit des Kriegsrechtes Anfang der 1980er Jahre werden hier im Hinblick auf zwischenmenschliche Konstellationen unterschiedlichster Art behandelt.

Agata Mirecka
Natalia Fuhry

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Karol Sauerland
(Warschau)

Beziehungen als Totentänze!?
Strindberg, Beckett, Ionesco,
Bernhard, Różewicz, Walser

Abstract: Der Autor interpretiert Stücke, die Paarbeziehungen problematisieren. Er fragt, seit wann und warum sich Dramatiker für dieses Phänomen zu interessieren beginnen. Es setzt mit Strindberg ein. Gleichzeitig versucht der Verfasser darauf hinzuweisen, dass die Rede vom absurden Theater in Verbindung mit den Dramen von Beckett oder Ionesco etwas Falsches suggeriert. Sie wollten keineswegs ein pessimistisches Weltbild entwerfen, sondern nur zeigen, wie absurd der Alltag von Paaren, die Jahre miteinander verkehren und aufeinander angewiesen sind, auf den Beobachtenden wirkt.

Schlüsselwörter: Strindberg, Beckett, Ionesco, marriage, daily routine, theatre of the absurd.

Die erste Frage, die sich mir stellt, ist: seit wann können wir eigentlich von Paarbeziehungen im Drama sprechen? Im antiken Drama begegnen wir ihnen nicht, zumal dort auch die Götter mitwirken, wenngleich sie auf der Bühne nicht erscheinen, obwohl sie letztendlich über das Schicksal eines Jeden entscheiden. In modernen Inszenierungen bleibt dieses Moment im Allgemeinen unberücksichtigt, aber das mag uns hier nicht interessieren. Von einer Darstellung zwischenmenschlicher Beziehungen unabhängig von außerirdischen bzw. fast unabhängig davon (denn immerhin gibt es den Geist im Hamlet und die Hexen im Macbeth) kann man erst im 17. Jahrhundert, im elisabethanischen Theater sprechen. Die neue Weltsicht nach der kopernikanischen Wende zog auch eine neue Sicht des menschlichen Schicksals nach sich. Der Mensch weiß mehr denn je, dass sein Los einerseits von ihm selber, seiner Persönlichkeit, und andererseits von seinen Beziehungen zu anderen abhängt. Paare im modernen Wortverständnis treffen wir auf der Bühne jedoch noch nicht an, höchstens wird ihr Schicksal infolge von Intrigen wie im Falle von Othello und Desdemona bestimmt. Romeo und Julia entfallen hier, denn sie sind noch kein Paar.

Erst im 18. Jahrhundert findet der Alltag auf der Bühne seinen Platz, insbesondere im sogenannten bürgerlichen Drama; aber von Paaren kann noch nicht die Rede sein. Es geht stets um Beziehungen zwischen mehreren ←13 | 14→Personen, wobei das „gefallene Mädchen“, die sich „naiverweise“ mit einem Adligen einließ, ein besonders beliebtes Thema war. Er ließ sie entweder sitzen oder kam zu spät zu Hilfe wie in der Kindermörderin (1776) von Heinrich Leopold Wagner.

Das Paar begann erst in dem Moment ein interessanter Bühnenstoff zu werden, als sich die Überzeugung durchsetzte, dass die Ehe aus einer Liebesbeziehung erwachsen müsse. Zugleich wusste man nur zu gut, dass eine Liebe erlöschen kann oder es sich nur um eine einseitige Zuneigung gehandelt hatte. Die andere Seite war die Bindung entweder aus materiellen Gründen eingegangen oder um in höhere Gesellschaftssphären zu gelangen. Anfänglich waren es vorwiegend Romanschriftsteller und Publizisten, die sich dieses Themas annahmen.

Das erste viel beachtete Drama, in dem Paarbeziehung als Unglück dargestellt wurde, ist Strindbergs Totentanz. Wir beobachten, wie der Kapitän und seine Frau, die seit fast 25 Jahren verheiratet sind, sich miteinander langweilen:

Sowohl er als auch sie neigen immer wieder zu übertriebenen Verallgemeinerungen. So erklärt der Kapitän, dass ihn niemand auf der Insel, über die er die Befehlsgewalt ausübt, verstehe; auf ihr lebe eine Gesellschaft voller Idioten. Als man auf einen gewissen Doktor zu sprechen kommt, nennt ihn der Kapitän einen „unintelligenten Schurken“ und setzt seine Rede in gleicher Weise fort:

Und das sind die anderen auch … der Zollverwalter, der Postmeister, das Telefonfräulein, der Apotheker, der Lotse … und wie sie alle heißen … Schurken allesamt und darum verkehre ich nicht mit ihnen.2

Man hat den Eindruck, dass nicht Strindberg Verfasser dieser Tiraden ist, sondern Thomas Bernhard, obwohl es in dessen Stücken unvorstellbar wäre, dass sich die Ehepartner am Ende zu versöhnen gedenken und doch die silberne Hochzeit demnächst begehen werden, wie im Totentanz.

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Bei der Frage, wie man sich so viel gegenseitigen Hass voller Emotionalität auf Seiten von Alice und des Kapitäns erklären könne, wird im Allgemeinen auf Strindbergs Obsessionen verwiesen. Bekanntlich endeten alle Ehen Strindbergs mit einem Fiasko. Er war dreimal verheiratet. Kaum jemand stellt sich jedoch die über das Biografische hinausgehende Frage, welchen Stellenwert die Ehe damals im Gesellschaftsleben einnahm. Liebesehen waren in jener Zeit etwas überaus Neues und höchst Seltenes. Sie existierten zumeist nur als Wunschgebilde. In Wirklichkeit waren sie kaum realisierbar, denn die sich Liebenden konnten nur selten auf das Einverständnis beider Elternteile rechnen, und eine Trennung vom Elternhaus bedeutete materielle Einbuße. Das Paar hätte eine eigene Wohnstätte finden, ein eigenes Haus gründen müssen.

Biographische Angaben

Agata Mirecka (Band-Herausgeber:in) Natalia Fuhry (Band-Herausgeber:in)

Agata Mirecka ist Literaturwissenschaftlerin an der Pädagogischen Universität Krakau und vereidigte Dolmetscherin. Sie studierte Germanistik in Krakau, Wien und Brünn. Ihre Dissertation betraf die Prager Literatur. Im Zentrum ihrer jetzigen Forschungen stehen das Gegenwartsdrama, neueste Lyrik und Literaturtheorie. Sie war und ist an mehreren Projekten zur heutigen Theatersituation und des modernen Dramas leitend beteiligt. Natalia Fuhry ist akademische Rätin und lehrt Literaturwissenschaft, Theaterwissenschaft sowie Theaterpädagogik an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg. Zuvor war sie als Dramaturgin an den Theatern in Dortmund und Augsburg als auch bei den Opernfestspielen Heidenheim tätig. Sie absolvierte Literatur- und Kulturwissenschaften an der Technischen Universität Dortmund und der Universität Warschau und unterrichtete danach an den Universitäten Dortmund, Wuppertal und Augsburg.

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Titel: Zwischen Harmonie und Konflikt