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Topographien der Antike in der literarischen Aufklärung

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Annika Hildebrandt, Charlotte Kurbjuhn and Steffen Martus

«Die Antike» als eine der zentralen Referenzen der deutschen Aufklärung ist keineswegs homogen, sondern zeichnet sich durch ihre Pluralität aus. Namen und eben auch Lokalitäten implizieren auf kompakte Weise ästhetische Konzepte, anthropologische Programme, ethisch-moralische Normen, Gesellschaftsmodelle, politische Orientierungen oder Ideale literarischer Kommunikation. Die antike Tradition verfügt über eine interne Topographie mit verschiedenen anspielungsreichen Orten; und sie wird von bestimmten Orten aus adressiert und vereinnahmt. In Poetiken und Vorreden, in Bildprogrammen von Titelkupfern und Vignetten oder in Entscheidungen für Gattungen, Sujets und Motive trägt der Rekurs auf die Antike dazu bei, wiedererkennbare Profile zu etablieren. Dabei interagieren literarische Projekte mit einer Vielzahl von Faktoren, die sich aus den regionalen Bedingungen herleiten.

Die Beiträge dieses Bandes analysieren die Ordnungen, die dieser Pluralität der Antike im 18. Jahrhundert zugrunde liegen. Sie fragen danach, wie die literarische Aufklärung auf das vielfältige Angebot der Überlieferung zugreift, um Positionen in den Konkurrenzen und Allianzen des literarischen Feldes zu kennzeichnen.

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Weimarer Klassik in der Berliner Stadtschule: Karl Friedrich Beckers vergessene Antike-Moderne-Typologie als Sublimierungstheorie der Literatur (Iwan Michelangelo D’Aprile)

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IWAN MICHELANGELO D’APRILE

Weimarer Klassik in der Berliner Stadtschule:

Karl Friedrich Beckers vergessene Antike-Moderne-Typologie als Sublimierungstheorie der Literatur

Karl Friedrich Becker hat wie kaum ein anderer Autor das Antike-Bild ganzer Generationen in Deutschland geprägt: Seine Weltgeschichte für Kinder und Kinderlehrer (9 Bde., Berlin: Frölich 1801–1805) und seine Erzählungen aus der alten Welt für die Jugend (3 Bde., Halle: Buchhandlung des Waisenhauses 1801– 1803) sind im gesamten 19. Jahrhundert mit Überarbeitungen und Erweiterungen in zahllosen Neuauflagen und in hoher Stückzahl erschienen.1 Beckers Weltgeschichte belegte regelmäßig Spitzenplätze in den Katalogen der Leihbibliotheken.2 Lesezeugnisse, die ihre ungeheuer einflussreiche Wirkung dokumentieren, finden sich von Theodor Fontane bis Heinrich Schliemann.3 ← 333 | 334 → Beckers Erzählungen waren wohl die am weitesten verbreiteten populären Darstellungen antiker Mythen des 19. Jahrhunderts im deutschsprachigen Raum überhaupt.4 Von Becker im Anschluss an Friedrich August Wolf ausdrücklich als „Volksmährchen“ konzipiert, würden sie in einer imaginären ‚Nationalbibliothek‘ des 19. Jahrhunderts gleich neben den Grimms stehen.5

Hingegen ist Beckers literaturtheoretische Abhandlung Die Dichtkunst aus dem Gesichtspunkte des Historikers betrachtet (Berlin: Nauck 1803), um die es im Folgenden gehen soll, einer der unbekanntesten Texte der inzwischen in zahlreichen Spezialuntersuchungen bis in die hintersten Ecken ausgeleuchteten Berliner Aufklärung. Tatsächlich existiert meines Wissens überhaupt keine neuere Forschung oder auch nur Kenntnisnahme dieses Werks. Die Diskrepanz zwischen der Popularität von Beckers pädagogischen Geschichtsdarstellungen und dem regelrechten Verschwinden seines literaturtheoretischen Entwurfs, den...

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