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Topographien der Antike in der literarischen Aufklärung

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Annika Hildebrandt, Charlotte Kurbjuhn and Steffen Martus

«Die Antike» als eine der zentralen Referenzen der deutschen Aufklärung ist keineswegs homogen, sondern zeichnet sich durch ihre Pluralität aus. Namen und eben auch Lokalitäten implizieren auf kompakte Weise ästhetische Konzepte, anthropologische Programme, ethisch-moralische Normen, Gesellschaftsmodelle, politische Orientierungen oder Ideale literarischer Kommunikation. Die antike Tradition verfügt über eine interne Topographie mit verschiedenen anspielungsreichen Orten; und sie wird von bestimmten Orten aus adressiert und vereinnahmt. In Poetiken und Vorreden, in Bildprogrammen von Titelkupfern und Vignetten oder in Entscheidungen für Gattungen, Sujets und Motive trägt der Rekurs auf die Antike dazu bei, wiedererkennbare Profile zu etablieren. Dabei interagieren literarische Projekte mit einer Vielzahl von Faktoren, die sich aus den regionalen Bedingungen herleiten.

Die Beiträge dieses Bandes analysieren die Ordnungen, die dieser Pluralität der Antike im 18. Jahrhundert zugrunde liegen. Sie fragen danach, wie die literarische Aufklärung auf das vielfältige Angebot der Überlieferung zugreift, um Positionen in den Konkurrenzen und Allianzen des literarischen Feldes zu kennzeichnen.

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Topographien der Antike in der literarischen Aufklärung Einleitung (Annika Hildebrandt / Charlotte Kurbjuhn / Steffen Martus)

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ANNIKA HILDEBRANDT, CHARLOTTE KURBJUHN, STEFFEN MARTUS

Topographien der Antike in der literarischen Aufklärung Einleitung*

Drei antikisch gewandete Hirten stehen in einer südlichen Landschaft vor einem steinernen Grabmonument und versuchen, darauf die Inschrift „ET IN ARCADIA EGO“ zu entziffern, während ihnen eine stattliche Frauengestalt, möglicherweise eine Allegorie der Malkunst, über die Schulter sieht: Diese Darstellung des idyllischen Arkadien eines Goldenen Zeitalters, 1639 gemalt von Nicolas Poussin und heute im Louvre zu betrachten, ist jedem bekannt. Je nach Deutung der Ellipse lässt sich die Inschrift entweder als ein Hinweis darauf lesen, dass auch der hier Bestattete einst glücklich lebte, oder, grammatisch wahrscheinlicher, dass auch inmitten des Idylls der Tod weile.1 Neuere, durchaus plausible Deutungen beziehen das EGO jedoch auf die Malerei, die in der Neuzeit kein Handwerk mehr darstellt, sondern eine Kunst, deren neu erfundene ‚zehnte‘ Muse mithin im Bilde zu sehen wäre.2 In ihrer Gegenwart entdeckten dann die Hirten im Schatten, der an der Fingerspitze des tastend Lesenden auf die Inschrift fällt, den Ursprung der Mimesis, der bildenden Kunst – die zugleich über die im Grabmonument drohende Todesverfallenheit hinwegzutrösten vermag, indem sie ideelle Unsterblichkeit sichert. Die Bildaussage lautete demnach: „Auch mich, die Malerei, gibt es in Arkadien“, in der antiken Idealwelt der Künste. ← 9 | 10 →

Deutlich weniger bekannt ist ein Kupferstich, der am sanft abfallenden Ufer einer baumumstandenen Seenlandschaft rechts im Vordergrund eine Frauengestalt zeigt, die auf einen efeuumrankten Obelisken mit der Inschrift „ALUNT CYGNOS ET...

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