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Der Erzählraum als Reflexionsraum

Eine Untersuchung zur "Minnelehre</I> Johanns von Konstanz und weiteren mittelhochdeutschen Minnereden

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Susanne Uhl

Die mittelhochdeutschen Minnereden können als eine Modeerscheinung innerhalb der spätmittelalterlichen Literaturproduktion bezeichnet werden, an der sie vom Ende des 13. bis ins 16. Jahrhundert hinein mit mehr als 500 höchst unterschiedlichen Texten beteiligt sind. Nachdem sie in der Forschung lange als wenig origineller Nachklang der höfischen Epik und Minnelyrik gesehen wurden, versucht die vorliegende Arbeit anhand eines repräsentativen Querschnitts die spezifischen Eigenarten und Erzählstrategien, das Spannungsfeld von Tradition, Innovation und Reflexion und die kulturelle Leistung der Gattung herauszuarbeiten. Die Minnereden werden dabei als Teil des mittelalterlichen Minne-Diskurses begriffen, an dem sie mit einem spezifischen Reden und Reflektieren über Minne und über ein sich exemplarisch ins Zentrum stellendes Ich teilhaben. Dabei werden zum ersten Mal auch Texte berücksichtigt, die nicht aus der Perspektive eines männlichen, sondern eines weiblichen Ich verfasst sind.

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3 Literarhistorische Einbettung 29

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3 Literarhistorische Einbettung Bei der Annäherung an das vielgestaltige Phänomen Minnereden ist neben dem Versuch einer Beschreibung ihrer inneren Merkmale auch die Einbet- tung in den literarhistorischen Kontext wichtig. Ich spreche hier bewusst von ‹Einbettung›, denn als kulturhistorisches Phänomen ist die Gattung Bestandteil eines Diskurses, der bereits einige Jahrzehnte vor ihrem eigent- lichen Erscheinen in der mittelhochdeutschen Literatur fest etabliert und reflektiert ist: Es ist das Reden über Minne, das theoretische Sprechen über ein normatives Modell, nach dem gesellschaftliches und zwischenmensch- liches Leben geregelt werden soll – und das auf ethischer, ästhetischer und rhetorischer Ebene: Tugendhaftigkeit, Ritterlichkeit, allgemeine christliche Tugenden, Kleidung, Gebärden und Kommunikation der Liebenden. Es lassen sich hinsichtlich der in den Minnereden präsentierten Inhalte, den artikulierten Problemstellungen, sprachlichen Wendungen, Bildern und Vergleichen, verwendeten Motiven, Figurenkonstellationen oder auch for- mal gesehen durch die narrative Struktur der Texte vielfache Verbindungs- linien zu anderen Gattungen der Zeit ziehen. Diese Vernetzung, die von Fall zu Fall neu zu untersuchen und zu bestimmen ist, entsteht durch die (vom Autor bewusst oder unbewusst vollzogene) Entnahme eines ‹Versatz- stückes› und sein Einfügen, sein im wörtlichen Sinn (variiertes und vari- ierendes) Einpassen in ein neues Textgebilde. Es entstehen somit über diesen Mechanismus der Dekontextualisierung und Rekontextualisierung über etwa drei Jahrhunderte hinweg immer wieder ähnliche und doch andere literarische (und auch bildliche) Ausgestaltungen des Minnediskur- ses, wobei jede Ausgestaltung wiederum selbst zur Anleitung werden kann, zum Steinbruch, dem Material für ‹neue› Texte und Textsorten entnommen werden kann. Daher sollen...

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