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Karneval der Götter

Mythologie, Moderne und Nation in Chinas 20. Jahrhundert

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Andrea Riemenschnitter

Warum interessieren sich chinesische Intellektuelle und Kulturschaffende auch heute noch für den Mythos? Karneval der Götter ergründet diese Frage bezugnehmend auf Theorien zu ästhetischen und diskursiven Konstruktionen (post-)moderner nationaler Identität. Die Autorin veranschaulicht die Bedeutung von Mythen und Mythologien in der Moderne: Was zeichnet ihre narrativen Strukturen aus? Welche Rolle spielen Symbole in der Steuerung kollektiver Identitätsbildungsprozesse? – Dynamiken sozialen Wandels spiegeln sich im beweglichen Einsatz mythologischer Vokabularien und Narrative wieder. Karneval der Götter erörtert auch, wie Aktualisierungen von Mythen die Möglichkeit eröffnen, Werte und Orientierungen zu hinterfragen, ohne die Kontinuität der eigenen Kultur aufkündigen zu müssen.
Die Publikation analysiert schwerpunktmässig neuhistorische Romane erfolgreicher Autoren wie Mo Yan und zeigt deren Strategien der literarischen Remythisierung und Konstruktion eines polymythischen kulturellen Imaginaire auf. Sekundäre Mythen wie diejenigen der revolutionären Yan’an-Gemeinschaft oder einer globalkapitalistischen, harmonischen Konsumentengemeinschaft werden als ideologische Konstrukte entlarvt und primäre Mythen als wichtige Wegmarken des kollektiven Denk- und Vorstellungsraums einer ästhetischen (Gegen-)Moderne neu legitimiert.

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I. Sektion: Kanon

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37 1 Mythos und Moderne: westliche Denkfiguren Il n’y a science que de l’exception, du rare et du miracle. Il n’y a de savoir que des îles, du sporadique, et des ultrastructures. Michel Serres Die Bedeutung mythischer Erzählungen für die Bildung und Erhaltung sozialer Gemeinschaften mag sich im Verlauf jahrtausendelanger kultu- reller Prozesse gewandelt haben. Allen Anstrengungen des wissenschaft- lichen Rationalismus zum Trotz liessen sie sich ihrer Zuständigkeiten aber bis heute nicht vollständig entheben. Selbst zum Gegenstand mehre- rer wissenschaftlicher Disziplinen avanciert, hat sich die Mythologie seit dem 18. Jahrhundert einen festen Platz in den Selbstbeschreibungs- diskursen moderner Nationalstaaten erworben (Link und Wülfing 1991). Der auf Aktualisierungen von Form beziehungsweise Struktur und Inhal- ten rekurrierende Gebrauch von Gründungs- und Heroenmythen scheint diesen, ungeachtet der faschistischen Instrumentalisierungen solcher Mythen (Rosenberg, Sorel) und in Fundamentalismen unterschiedlichster Couleur, auch noch im Zeitalter einer globalen Posthistoire eine Rolle als basale Instanz kollektiver Identitätsstiftung zuzuschreiben (Anderson, Assmann, Barthes, Blumenberg, Derrida, Dumézil, Eliade, Lacan, Lévi- Strauss). Nationale Kollektivsymbole und Mythen im engeren Sinn ermöglichen die Distinktion von Mitgliedern einer Gemeinschaft gegen- über den jeweils anderen, in der Regel also Nationen oder religiöse be- ziehungsweise politische Gruppierungen innerhalb von Staaten (Ass- mann und Friese 1998, Berding 1996, Bhabha 1990, Giesen 1996 und 1999); sie können aber auch Integrationsprozessen über Gemeinschafts- grenzen hinweg Überzeugungskraft verleihen (Agamben 2003 und 2004, Assmann 1999, Barthes 1957, Bernal 1987, Fanon 1981, Ong 1999). Schliesslich organisieren Mythen Erfahrungen durch Setzung apriori-...

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