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Vom neuen, gerechten, freien Menschen

Ein Paradigmawechsel in Andreas Gryphius’ Trauerspielzyklus

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Heinz-Werner Radtke

Gegen Ende des Dreißigjährigen Krieges schrieb Andreas Gryphius fünf Trauerspiele, in denen den Titelhelden Widersacher gegenübergestellt sind, durch die sie qualvoll zu Tode kommen. Deshalb haben sich alle Interpreten bis heute dazu verleiten lassen, in den meisten Protagonisten Märtyrer zu sehen. Bei genauer Textanalyse zeigt sich jedoch, dass Gryphius keine heiligen Märtyrer gezeichnet hat: Alle christlichen Helden haben schweres Unrecht begangen. Sie starben zudem nicht für ihren Glauben, sondern aus anderen, zumeist politischen Gründen.
Stattdessen hat der überzeugte Lutheraner Gryphius ein neues Idealbild gezeichnet, den bekehrten Christen protestantischer Prägung. Im habsburgisch beherrschten Schlesien mussten im Zeitalter der Gegenreformation versteckte Hinweise auf Luthers Theologie genügen, um im Text die protestantische Ausrichtung zu markieren. Die einheitliche lutherische Idealfigur lässt so Gryphius’ Trauerspiele als einen zusammenhängenden Dramenzyklus erscheinen.

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7. Papinian -173

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7. Papinian Selig sind, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen. Mt 5,8 Großmütiger Rechts-Gelehrter / Oder Sterbender Aemilius Paulus Papinianus1 ist Gryphius letztes Trauerspiel. Es entstand zwischen den Jahre 1657 und 1659. Erstmals gedruckt wurde es 1659. Als Quellen benutzte Gryphius unter anderen die Schriften des Dio Cassius, Herodianus und Aelius Spartianus. Wie schon im Leo Armenius, Catharina von Georgien und Carolus Stuar- dus steht auch im Papinian dem Titelhelden ein Widersacher gegenüber. Kaiser Bassian unterscheidet sich von Papinian nicht aufgrund religiöser oder konfessioneller Gegensätze, auch geht es nicht um den Streit der bei- den um Macht oder um Machterhalt, sondern Agonist und Antagonist ha- ben ganz verschiedene ethische Standards und sind ihrem Gewissen in fun- damental unterschiedlicher Weise verpflichtet. Papinian war einer der bedeutendsten römischen Juristen. Er diente unter den Kaisern Severus und Caracalla (Bassian). Als Caracalla ein Jahr nach Herrschaftsantritt seinen Halbbruder und Mitregenten Geta ermor- dete, befand sich auch Papinian unter den Opfern der Anhänger Getas, die Caracalla im Zuge der Ermordung seines Bruders hinrichten ließ. Der Grund hierfür war die angebliche Weigerung Papinians, den Mord zu recht- fertigen. Gryphius setzt die historischen Ereignisse poetisch um und schildert die Welt des kaiserlichen Hofes und die Begebenheiten, die zur Ermor- dung Getas führten. Die von Neid und Missgunst geprägte Atmosphäre am Hof bildet den Kontrast zu Papinians Unbestechlichkeit und Stand- haftigkeit. Er nimmt wie Carolus Stuardus den Tod sehenden Auges in Kauf, ohne...

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