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Wenn Saturn seine Kinder frisst

Kinderhexenprozesse und ihre Bedeutung als Krisenindikator

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Nicole Janine Bettlé

Während rund vier Jahrhunderten verfolgten geistliche und weltliche Gerichte angebliche Hexen, unter aktiver Mitwirkung der Bevölkerung. Aber nicht nur Erwachsenen machte man vom 15. bis ins frühe 18. Jahrhundert den Prozess. Auch zahlreiche Kinder, deren genaue Anzahl von der Wissenschaft bisher nicht ermittelt worden ist, wurden wegen Zauberei- und Hexereidelikten angeklagt und hingerichtet. Über vierhundert dieser Fälle werden in dieser Untersuchung erstmals zusammenfassend dargestellt und einer detaillierten Analyse unterzogen. Dabei stehen die Strafverfahren der Schweizer Hexenkinder, die nach langer Tabuisierung auf diese Weise Eingang in die moderne Forschung finden, im Mittelpunkt der Untersuchung. Unter Einbezug von Kultur- und Mentalitätsgeschichte der damaligen Zeit wird am Beispiel der «Hexenkinder» folgenden Fragen nachgegangen: Unter welchen soziokulturellen, demografischen sowie ökonomischen Bedingungen bzw. aufgrund welcher religiösen und rechtspolitischen Vorbilder ist eine Gesellschaft bereit, Angehörige der Nachfolgegeneration zu opfern? Und welche Mechanismen bestimmen ursächlich dieses Verhalten, das epochenübergreifend in Erscheinung tritt, obwohl es doch den Prinzipien der Menschlichkeit widerspricht und zudem die Erhaltung der Art gefährdet?

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III. Kinderhexenprozesse in der Schweiz - 161

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161 III. Kinderhexenprozesse in der Schweiz 3.1 Einführung 3.1.1 Quellenlage In der Schweiz wandten sich seit ungefähr der zweiten Hälfte des 19. und bis zu Beginn des 20. Jhs. einige Volkskundler und Archivare dem He- xenthema zu. Ihre Quellensammlungen zeichnen sich durch eine umfang- reiche und ausserordentlich präzise Archivarbeit aus, doch sind sie vor allem deskriptiver Art. Eine erste und auch letzte Zusammenfassung der schweizerischen Hexenprozesse wurde vor über sechzig Jahren von dem Rechts- und Staatswissenschaftler Guido Bader verfasst (1945). Obwohl die Quellenlage in der Schweiz von der Forschung im Allgemeinen als gut bezeichnet wird, weist die Hexenforschung selbst noch grosse Wis- senslücken auf. Die wenigen, neueren Beiträge über die Hexenverfolgung in der Alten Eidgenossenschaft beziehen sich fast ausschliesslich auf ein- zelne Kantone und/oder legen den Fokus insbesondere auf die frühen Pro- zesse. Andere Landesteile hingegen fanden bisher kaum Beachtung, ob- wohl ein grosser Corpus an Aktenmaterial vorhanden ist. Das Sammeln von Fakten geht der wissenschaftlichen Analyse be- kanntlich voraus. Die internationale Hexenforschung zeigt jedoch erst seit wenigen Jahren Interesse an der Bearbeitung der sogenannten Kinder- hexenprozesse. Die Kinderhexen in der Schweiz waren bisher – von einzel- nen Mitteilungen in Beiträgen unterschiedlichster Fachrichtungen abge- sehen – nicht Gegenstand der Wissenschaft. Erwähnung fanden ihre Fälle vorwiegend in älteren, volkskundlichen, theologischen, juristischen oder medizinischen Abhandlungen, doch sind kurze Erläuterungen im Anmer- kungsapparat und/oder knappe, wenig aussagekräftige Beschreibungen die Regel. Die Historiker selbst haben das Thema bis vor kurzem – abge- sehen von sehr...

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