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«Denn die Zeit ist nahe»

Eschatologie in Grimmelshausens Simplicianischen Schriften: Zeit und Figuren der Offenbarung

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Jana Maroszova

«Was ist also Zeit? Wenn mich niemand danach fragt, weiß ich es; will ich einem Fragenden es erklären, weiß ich es nicht» Augustinus’ Frage fordert nach wie vor heraus.
Jede Erzählung entfaltet sich in der Zeit und stellt selbst Zeit dar. Obwohl die Zeit gleich im ersten Satz der Simplicianischen Schriften von Johann Jacob Christoffel von Grimmelshausen in den Blick gerät, wurde sie für die Gesamtheit seines Romanzyklus weder explizit thematisiert noch ausführlich systematisch untersucht. Was lässt sich bei Grimmelshausen von dem entdecken, was man in Religion und Geisteswissenschaften von Zeitmessung und Zeitwahrnehmung in der Frühen Neuzeit findet? Was bringt dieses Wissen für die Romaninterpretation? Wie spiegelt sich die im 17. Jahrhundert noch vom heilsgeschichtlichen Konzept geprägte Zeitwahrnehmung in Grimmelshausens Werk wider? Wird sie vom Autor für seine Intentionen funktionalisiert?
Das vorrangige Erkenntnisziel dieser Arbeit orientiert sich an der Frage, wie die ‘Zeit’ in Grimmelshausens Romanzyklus innerhalb der erzählten Geschichten und der verwendeten Bildlichkeit und Motivik dargestellt wird und wie sie sich zum Kontext des zeitgenössischen apokalyptischen und utopischen Schrifttums verhält.

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1 Einleitung 11

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11 1 Einleitung Die Wahrnehmung und Deutung von Zeit variiert nicht nur individuell, sondern hängt von der jeweiligen Kultur ab. Wo das heilsgeschichtliche Schema dominiert, ist es mehr als wahrscheinlich, dass ein solches Ge- schichtsmodell konsequent die Zeiterfahrung bis ins kleinste Detail be- einflussen wird. Da ein fiktionales Werk zur Konstruktion der fiktiven Romanwelt vorhandene Größen aus der Wirklichkeit heranzieht, wird sich die jeweils epochenspezifische Zeit- und Geschichtswahrnehmung in irgendeiner Weise in der literarischen Ausgestaltung der temporalen Verhältnisse niederschlagen. Der ‚Zeit‘ begegnet man in der Literatur des 17. Jahrhunderts in vielerlei Gestalt und auf unterschiedlichen Textebenen: Lässt man Chroniken und andere Geschichtswerke außer Acht, bildet sie das The- ma von Predigten, moraltheologischen1 und verschiedenen millenaristi- schen Schriften.2 Die Zeit wird in der Dichtung entweder direkt ange- sprochen, wie in Paul Flemings Gedicht Gedanken über der Zeit. Oder die einzelnen Tageszeiten bzw. die den Zeitlauf markierenden Him- melskörper werden als Metaphern für religiöse Themen verwendet.3 Eine Anregung für diese Arbeit ging ursprünglich von der Frage aus, was sich bei Grimmelshausen von dem finden lässt, was man in der Religion, den historischen Hilfswissenschaften, in kulturwissenschaftli- chen und anthropologischen Untersuchungen von der Zeitmessung und Zeitwahrnehmung in der Frühen Neuzeit vorfindet. Was bringt es für 1 Z. B. Pierre de Besse: Der Seelen Compaß (1617), oder Giovanni Batista Mannis Traktate, wie der 1665 verdeutschte Denck-Ring der Ewigkeit, oder die berühmte Schrift La prigione eterna dell'inferno (1666). 2 In diesen werden...

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