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Die Poesie der Zeichensetzung

Studien zur Stilistik der Interpunktion

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Alexander Nebrig and Carlos Spoerhase

Satzzeichen sind für Literatur konstitutiv, moderne Schriftlichkeit ohne sie undenkbar. Dennoch spielen die Zeichen, die zwischen den Wörtern stehen, in der literaturwissenschaftlichen Praxis nahezu keine Rolle. Von berühmten Beispielen wie Heinrich von Kleists Gedankenstrich in der «Marquise von O...» abgesehen, hat der virtuose Gebrauch von Satzzeichen, der sich bei großen Autoren der deutschen Literatur beobachten lässt, bisher keine angemessene stilistische Aufmerksamkeit gefunden.
Dem vorliegenden Band geht es um eine literatur- und kulturhistorische, aber auch stilistische Rekonstruktion der vielfältigen Formen und Funktionen der Satzzeichenverwendung und -wahrnehmung. Die Beiträge entwerfen eine differentielle Beschreibung der Verwendung von Satzzeichen in Bezugstexten unterschiedlicher literarischer Epochen, Strömungen und Autoren. Ergänzt werden die 16 Originalbeiträge durch drei klassische Studien der Interpunktionsstilistik von Theodor W. Adorno, Hans-Georg Gadamer und Jürgen Stenzel.

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ALEXANDER NEBRIG, CARLOS SPOERHASE Für eine Stilistik der Interpunktion 11

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ALEXANDER NEBRIG, CARLOS SPOERHASE Für eine Stilistik der Interpunktion I. Satzzeichenvergessenheit Die Frage nach der Bedeutung der Interpunktion für die Literatur, zumal der neueren deutschen, erscheint als eine vollkommen überflüssige Frage. Immerhin gibt es den Duden, könnte man einwenden; seit langem sind wir bestens vertraut mit ihm und anderen (hin und wieder modifi- zierten und reformierten) Regelwerken, die uns letztlich vorschreiben, wie wir die Satzzeichen setzen müssen. Überflüssig zu fragen, wie ein einzelner Autor mit ihnen umgeht: Entweder ein Autor verwendet die Satzzeichen regelkonform, dann können wir uns getrost den anderen, wichtigeren Elementen eines literarischen Werkes widmen; oder der Autor beherrscht nicht einmal die korrekte Zeichensetzung, was uns dann möglicherweise ungehalten sein Buch beiseitelegen lässt.1 Diese Vorstellung ist ein Irrtum. Selbst wenn sich alle Autoren mit ihrer poetischen Zeichensetzung strikt an die Duden-Regeln halten würden, ließe dieses Regelwerk noch einen erheblichen stilistischen Frei- raum. Noch die vergleichsweise engmaschigen Normen der deutschen Zeichensetzung bergen, wie ein Vergleich unterschiedlicher Gegenwarts- autoren belegen würde, beachtliche künstlerische Freiheitsgrade: Auch in Zeiten, in denen die Interpunktion standardisiert ist, bleibt sie Ausdruck einer bestimmten stilistischen Disposition. Man kann sie regelkonform verwenden, ohne deshalb nur ein grammatisches Muster zu erfüllen.2 – In gewisser Weise werden aber selbst mit dem Hinweis, innerhalb der 1 Vgl. die jüngere Debatte über normabweichende Interpunktion bei Helmut Böttiger: Seine Majestät, das Lesepublikum. Herr und Hund: Wie in der Literaturkritik ästheti- sche Urteile immer mehr unter Konformit...

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