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Büchner-Rezeptionen – interkulturell und intermedial

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Edited By Marco Castellari and Alessandro Costazza

Angesichts der unterschiedlichen Modalitäten und der verschiedenen Medialitätsgrade und -arten der Rezeption, die das Werk und die Figur Georg Büchners in zwei Jahrhunderten erfahren hat und weiter erfährt, muss heutzutage von Büchner-Rezeptionen in der Pluralform die Rede sein. Immer differenzierter entfaltet sich insbesondere die interkulturelle und intermediale Wirkung des Dichters, Wissenschaftlers und Revolutionärs. Sei es die Persönlichkeit des Dichters selbst, etwa beim Verfassen aufrührerischer Pamphlete, hellsichtiger Dichtungen oder fulminanter Briefe, auf der Flucht aus der Heimat oder am Seziertisch, seien es seine Figuren von Danton bis Lenz, von Leonce bis Woyzeck – das «Kind der neuen Zeit» genießt eine hohe internationale Resonanz in literarischen, theatralischen, filmischen, bildnerischen und performativen Diskursen. Anlässlich der internationalen Tagung zu Büchners 200. Geburtstag in Mailand (September 2013) untersuchen in diesem Band WissenschaftlerInnen aus Deutschland, Österreich, Großbritannien und Italien einige dieser Büchner-Rezeptionen, indem sie bekannte Konstellationen hinterfragen, überfällige Rekonstruktionen vornehmen und sich auf neues Terrain begeben.
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Büchners Dantons Tod im englischen Theater: John Guthrie

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John Guthrie (Cambridge)

Zu den Mechanismen des Kulturtransfers gehört es, dass ein ausländischer Dichter mit Dichtern der rezipierenden Kultur verglichen wird. So wird Büchner in Großbritannien oft mit Shakespeare, der ihn zweifellos beeinflusste, in einem Atemzug genannt, er wird aber auch mit Autoren in Verbindung gebracht, die ihm zeitlich näherstanden, wie dem visionären Dichter William Blake,1 dem revolutionären Dichter Shelley2 oder mit den Romantikern, die „in grellen Farben schrieben“.3 Zum Kulturtransfer gehört ferner die Rezeption des unbekannten ausländischen Dichters als Vorgänger der bekannten Moderne. Büchner wird als Ahne gesehen, der die Schrecken des zwanzigsten Jahrhunderts schilderte, das Theater des Absurden vorbereitete, das Drama der Revolte und die Schilderung der metaphysischen Angst vorwegnahm oder einzelnen Schriftstellern Pate stand: vor allem Arthur Miller, George Orwell, Bertolt Brecht. Komplementär zu dieser Assimilation des Bekannten erfolgt die Aneignung des Unbekannten, Neuen, Anderen. Büchner wird hinsichtlich des Stils und Inhalts seiner Werke als ein durch und durch deutscher Dichter beurteilt4 oder etwas negativer: Ihm wird ein teutonischer Hang zum Pathos bescheinigt5 und sein Drama Dantons Tod erscheint mit obskuren historischen Details überlastet. Was dem einen aber als Hürde erscheint, ist dem Anderen eine Einladung zur Adaption, Umschreibung und Aktualisierung.

War Büchner für deutsche Leser, umso mehr für deutsche Theaterbesucher, eine Spätentdeckung, so trifft das für das englische Lese- und Theaterpublikum in verstärktem Maße zu. Nach der Uraufführung...

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