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Räume der Passion

Raumvisionen, Erinnerungsorte und Topographien des Leidens Christi in Mittelalter und Früher Neuzeit

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Edited By Hans Aurenhammer and Daniela Bohde

Ölberg, Pilatuspalast, Golgatha, Grabesstätte: die Passion Christi fand an konkreten Orten in und vor der Stadt Jerusalem statt. Der fromme Nachvollzug des Leidens des Erlösers in Mittelalter und Früher Neuzeit aktivierte diese räumliche Dimension auf vielfältige Weise. Kreuzwege und Kalvarienberge evozierten die Topographie der Kultstätten des fernen Heiligen Lands. Geistliche Schauspiele, Prozessionen und Hinrichtungsrituale verwandelten spätmittelalterliche Städte in hybride Räume, in denen die Erinnerung der Passion mit der Gegenwart der Gläubigen verschmolz. Tafelbilder, illustrierte Handschriften und Raumdekorationen eröffneten imaginäre Passionsräume, in die sich die Betrachterinnen und Betrachter versetzen konnten. Die Passion Christi wurde so verinnerlicht und erhielt einen Ort im Herzen der Gläubigen. Diese bisher vernachlässigte räumliche Dimension der Passionsfrömmigkeit ist das Thema des kunsthistorische, historische sowie literaturwissenschaftliche Beiträge umfassenden Bandes. Er verfolgt exemplarisch die Geschichte der zur Visualisierung der Passion Christi entwickelten Raumkonzepte und Raumsemantiken von der Spätantike bis zum 16. Jahrhundert.
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Schräge Blicke, innere Landschaften: Räume der Kreuzigung Christi bei Jacopo Bellini, Giovanni Bellini und Antonello da Messina

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Wie man in Italien im 15. Jahrhundert gemeinhin die Kreuzigung Christi visualisierte, können zwei Zeichnungen Jacopo Bellinis aus dem in Paris aufbewahrten Band (foll. 37 und 55; Abb. 1 und 2) zeigen. Entweder dominiert der Gekreuzigte in der Mitte einer detailreich erzählten vielfigurigen Szene (in diesem Fall ohne die seitlichen Kreuze mit den beiden Schächern).1 Oder aber die Darstellung blendet eine solche ausführliche Schilderung des Passionsgeschehens aus und beschränkt sich auf den isolierten Christus am Kreuz mit Maria und Johannes.2 Die gängige Alternative war also, um die zeitgenössischen Bildtitel in dem wahrscheinlich noch aus den 1470er Jahren stammenden Inhaltsverzeichnis des Albums zu zitieren: „una istoria de pasiom [sic] senza ladri“ oder „uno ch[rist]o in croxe con do figure“.3

Von dieser ikonographischen Regel weichen jedoch einige im Zeitraum von ca. 1440–1480 in Venedig entstandene Zeichnungen und Gemälde auf singuläre Weise ab. Sie sind das Thema dieses Beitrags. Ihre Transformationen setzten bei den beiden genannten ‚normalen‘ Modi der Kreuzigung an. Einerseits wurde, vor allem durch Jacopo Bellini selbst, der Raum der Erzählung durch ungewöhnliche Formen der Perspektivierung gedreht, in die Ferne gerückt, verfremdet. Um diese ‚schrägen Blicke‘ auf den ← 335 | 336 → Gekreuzigten wird es im ersten Teil gehen. Im anderen Fall blieb das kontemplative, Christus mit der klagenden Mutter und dem Lieblingsjünger isolierende Formular an sich unangetastet, wurde aber – in produktiver Auseinandersetzung mit einem modernen niederländischen Bildkonzept – in...

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