Show Less
Restricted access

Paradigmen der Kunstbetrachtung

Aktuelle Positionen der Rezeptionsästhetik und Museumspädagogik

Series:

Edited By Peter J. Schneemann

Die vorliegende Publikation analysiert aktuelle Modelle der Kunstbetrachtung. Welche Vorstellungen einer idealen Beziehung zwischen Werk und Rezipienten haben sich als Leitbilder erwiesen? Erstmalig wird eine Differenzierung der von den jeweiligen Protagonisten verfolgten Interessen geleistet. In welchem Verhältnis stehen künstlerische und institutionelle Zielsetzung der Betrachterführung?
Die Beiträge internationaler Experten verfolgen künstlerische Konzeptionen ebenso wie Projekte der Vermittlung und methodologische Implikationen einer Kunstwissenschaft, die sich auf die Rezeptionsästhetik beruft.
Durch Fallstudien und pointierte Diskussionen wird die Tragweite der Fragestellung deutlich: Welche Freiheit wird der Figur des Betrachters zugebilligt, der doch als konstitutive Instanz für den Kunstbegriff so mächtig zu sein scheint?
Show Summary Details
Restricted access

Normierung des Auges, Freiheit des Blicks? Laokoon und die Blickbewegung in der Kunst

Extract



CHRISTOPH WAGNER

1

Die Geschichte der Etablierung der Ästhetik als philosophische Disziplin beginnt historisch in ihrer Frühphase schon gleich mit einem Sündenfall, einer eigentümlichen Normierung des ästhetischen Blicks, die nicht grundsätzlicher hätte ausfallen können: Im historischen Horizont der epochemachenden Schriften Alexander Gottlieb Baumgartens, der Meditationes 1735 und seiner Aestetica 1750–1758, veröffentlichte Gotthold Ephraim Lessing im Jahre 1766 seine kunsttheoretische Schlüsselschrift Laokoon oder die Grenzen der Malerei und Poesie,1 in der er ein für die Wahrnehmung der Künste einschneidendes ästhetisches Paradigma formulierte: Seine Klassifizierung der verschiedenen Künste nach Raum- und Zeitkünsten wurde umgehend zum ästhetischen Topos, der bis heute als »Laokoon-Paradigma« in ästhetikgeschichtlichen Diskussionen vertreten ist.2 Schon mit der Wiederentdeckung der Plastik im Jahre 1506 erlangten die »gezeichneten, plastischen und graphischen Kopien und die Abgüsse […] der Laokoon-Gruppe eine einzigartige Präsenz in der europäischen Kultur« (Abb. 1).3 Unter den Vorzeichen von Lessings fundamentaler ästhetischer Kodierung wurde die Laokoon-Gruppe sosehr als Paradigma einer kategorialen Analyse der Kunstbetrachtung und Sehkultur schlechthin verankert, ← 103 | 104 → dass Johannes Grave erst jüngst in seinen Überlegungen zum »Akt des Bildbetrachtens«, einleitend davon spricht, dass die »Forschung zur Zeitlichkeit von Bildern […] noch immer auf irritierende Weise im Bann von Gotthold Ephraim Lessings Laokoon«4 stehe. Auch wenn man sich dieser wissenschaftsgeschichtlichen Diagnose nicht in dieser Pointierung anschließen wird, unterstreicht diese Bemerkung doch, mit welcher Virulenz Lessings Deutung des Laokoon nach wie vor in...

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.