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Paradigmen der Kunstbetrachtung

Aktuelle Positionen der Rezeptionsästhetik und Museumspädagogik

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Edited By Peter J. Schneemann

Die vorliegende Publikation analysiert aktuelle Modelle der Kunstbetrachtung. Welche Vorstellungen einer idealen Beziehung zwischen Werk und Rezipienten haben sich als Leitbilder erwiesen? Erstmalig wird eine Differenzierung der von den jeweiligen Protagonisten verfolgten Interessen geleistet. In welchem Verhältnis stehen künstlerische und institutionelle Zielsetzung der Betrachterführung?
Die Beiträge internationaler Experten verfolgen künstlerische Konzeptionen ebenso wie Projekte der Vermittlung und methodologische Implikationen einer Kunstwissenschaft, die sich auf die Rezeptionsästhetik beruft.
Durch Fallstudien und pointierte Diskussionen wird die Tragweite der Fragestellung deutlich: Welche Freiheit wird der Figur des Betrachters zugebilligt, der doch als konstitutive Instanz für den Kunstbegriff so mächtig zu sein scheint?
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Imaginierter Schmerz. Marina Abramović und die Produktion von Empathie

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MARCEL BLEULER

Die untätige Künstlerin

In ihrer Publikation Ästhetik des Performativen beschreibt die Theaterwissenschaftlerin Erika Fischer-Lichte, dass die Zuschauer von Marina Abramovićs Performance Lips of Thomas (1975), in der die Künstlerin ihren eigenen Körper misshandelte und verletzte, erschauerten, als wären sie vom zugefügten Schmerz selbst betroffen. Fischer-Lichte liefert einen detaillierten Bericht der Aufführung, die darin bestand, dass Abramović mit ausdrucksloser Selbstbeherrschung einen Liter Wein trank, ein Kilo Honig ass, sich mit einer Rasierklinge einen Stern in den Bauch einritzte, sich selbst auspeitschte und sich schliesslich auf einen Eisblock legte, der unter einer Wärmelampe positioniert war, die Abramović von oben aufheizte und dabei ihre Schnittwunde zum Bluten brachte. Im Raum, in dem die Performance aufgeführt wurde, so Fischer-Lichte, sei die Ergriffenheit des Publikums förmlich hör- und spürbar gewesen.1 Das Publikum habe der Tortur, die Abramović ohne Zögern ertrug, einen geradezu körperlichen Ausdruck verliehen und sich gewunden, so als könne es sich der Einfühlung in den Schmerz nicht erwehren.

Empathie stellt einen zentralen Aspekt der Wahrnehmung von Marina Abramovićs Werk dar, der mir in Anbetracht einer Performance wie Lips of Thomas nachvollziehbar erscheint, in der die Künstlerin die Unversehrtheit ihres Körpers schonungslos angreift und damit einen jähen, urtümlichen Schutzinstinkt beim Betrachter erweckt. Im Gegensatz dazu überrascht es mich, dass sich eine vergleichbare Ergriffen ← 157 | 158 → heit auch in Bezug auf Abramovićs...

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