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Psychologie der Lebendorganspende

Eine qualitative Studie zu Spendemotivationen, Spendeimperativ und der Relevanz von Geschlecht im Vorfeld einer Lebendorganspende

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Merve Winter

Das vorliegende Buch untersucht die psychische Situation von OrganspenderInnen und -empfängerInnen vor einer Lebendnierentransplantation. Ausgangspunkt für diese empirische Studie war der in den vergangenen Jahren häufig diskutierte Geschlechterunterschied in der Lebendorganspende, wonach Frauen häufiger zum Spenden bereit sind als Männer. Daher wurden Spendemotivationen und Entscheidungsprozesse im Hinblick auf eine Geschlechtsspezifik in den Blick genommen. Zentrales Ergebnis ist die Existenz eines so genannten «Imperativs zur Spende», der zwar für alle Angehörigen gilt, der aber in einer geschlechtsspezifischen Weise wirksam wird. Frauen vernehmen die «Anrufungen zur Spende» in anderer Weise als Männer und kommen diesen Anrufungen an sie häufig zuvor, während Männer vermehrt dann zu spenden scheinen, wenn außer ihnen niemand anderes in Frage kommt. Welche Herausforderung, Zumutung, aber auch Chance diese spezielle Situation im Vorfeld einer Lebendorganspende darstellt und wie sie psychisch verarbeitet wird, davon handelt dieses Buch.
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6. Wunsch- und Angstthemen im Rahmen der Spende und des Empfangs

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6.Wunsch- und Angstthemen im Rahmen der Spende und des Empfangs

In diesem Kapitel werden die wunscherfüllenden Vorstellungen der interviewten SpenderInnen und EmpfängerInnen detaillierter untersucht und fallübergreifend diskutiert. Wunscherfüllende Vorstellungen sind eine mentale Kompetenz, um das eigene Befinden zu regulieren. Mit Hilfe von Wunschvorstellungen können Spannungen abgebaut, Ängste reduziert oder auch Vorfreude genossen werden. Ihr Prinzip ist nach Boothe „die vorübergehende freundliche Überdeckung einer unangenehmen Befindlichkeit“ (Boothe 2010), und sie ermöglichen mit dieser positiven Befindlichkeitsänderung eine Reduzierung kognitiver Dissonanz im Sinne Festingers (1978). Aus ihnen speisen sich teilweise auch die Spendemotivationen sowie Wünsche an die Beziehung zum/zur Spender/in oder zum/zur Empfänger/in. Je nach Beziehungskonstellation und persönlichem Hintergrund können diese sehr unterschiedlich ausfallen.

Anhand der von Boothe (2011) vorgeschlagenen thematischen Unterteilung in narrative Muster werden im Folgenden Beispiele aus meiner Studie herangezogen, um zentrale Wunsch- und Angstvorstellungen im Vorfeld einer Lebendnierenspende näher zu beleuchten und zu veranschaulichen. Boothe unterscheidet bei den wunscherfüllenden Vorstellungen aktive und passive. Und sie stellt den „Erfüllungsfiguren“ sogenannte „Katastrophenimaginationen“ gegenüber (ebd., S. 126), die sie wiederum in passive, aktive und destruktive Modelle (ebd., S. 130) unterteilt. Die zentralen wunscherfüllenden Vorstellungen nach Boothe (2011) sind:

–Verbundenheit und Sicherheit (oder Heimat oder heile Welt);

–ewige Kindheit – ewige Elterlichkeit (auf ewig ein Kind sein, auf ewig ein Kind haben);

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