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Interkulturelle Literatur in deutscher Sprache

Das große ABC für interkulturelle Leser

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Carmine Chiellino

Als Leser, Herausgeber und Forscher von interkultureller Literatur hat Carmine Chiellino im Laufe von drei Jahrzehnten eine elementare deutschsprachige Terminologie erarbeitet, um über seine Erfahrungen mit der interkulturellen Literatur in Westeuropa und in Nordamerika anders als in den geläufigen Diskursen zu denken und zu schreiben. Die Terminologie ist aus der schlichten Notwendigkeit hervorgegangen, Schreibmodelle und Strategien, eigene Motivationen und fremde Zwänge beim Sprachwechsel, interkulturelle Lebensläufe und Entstehungskontexte, Projekte und Fragestellungen, die in Werken von interkulturellen Schriftstellern aus unterschiedlichen Sprach- und Kulturräumen vorkommen, stichwortartig zu erfassen. Dieser Band stellt rund 100 Stichwörter vor, die durch Textbeispiele, Werkbeispiele, Autorenbeispiele oder Kontextbeispiele erläutert werden und den Leser unterstützen sollen, die betreffenden Werke interkulturell lesen zu können. Die Textbeispiele sind in der Originalsprache und mit der deutschen Übersetzung wiedergegeben.
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Hautfarbe

Abendländische Betrachter nehmen kaum Anstoß daran, dass in der europäischen Malerei der heiligen Familie ihre mediterrane Hautfarbe weiterhin vorenthalten bleibt. Abgesehen von seltenen Ausnahmen werden Maria, Joseph und das Christuskind hellhäutig und mit blonden Haaren dargestellt. Ebensowenig haben Generationen von christlichen Lesern Anstoß an das adversative Verbindungswort „sed“ in folgender Selbstbeschreibung „nigra sum sed formosa“ („Braun bin ich, doch schön“),91 aus dem Hohen Lied Salomos, genommen. Die Hautfarbe wird in beiden Fällen als sichtbares Merkmal eingesetzt, um, je nach Vorhaben, gewünschte oder nicht erwünschte Zugehörigkeit dem Betrachter bzw. dem Leser zu verdeutlichen. Auf diesem Weg ist die Sicht- oder Lesbarkeit der Hautfarbe zu einem der fragwürdigsten unter den Nachweisen ethnischer, religiöser und kultureller Zugehörigkeit geworden. In den Nationalliteraturen hat die Hautfarbe sich längst als Topos der Nichtzugehörigkeit festgesetzt bis hin zu einer negativen Bewertung des Fremden.92 Aber wie gehen interkulturelle Schriftsteller mit der Hautfarbe ihrer Figuren um? Und wenn der Hautfarbe der Protagonisten Sichtbarkeit verliehen wird, mit welcher Absicht geschieht dies? Wird sie zum Merkmal ihrer Herkunft bzw. ihrer ethnischen Zugehörigkeit / Nichtzugehörigkeit erhoben? Wird eine Wertung unternommen? Bei der Suche nach Antworten auf diese Fragen sollen Standorte bzw. Auslöser der Sichtbarkeit der Hautfarbe mitberücksichtigt werden.

Textbeispiel 1

für den ironischen Umgang mit der Hautfarbe aus dem lyrischen Werk der afro-deutschen Dichterin May Ayim: ← 87 | 88 →

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